"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
Ernst Busch als sozialistische Ikone

Ernst Busch gehört zu den legendären Figuren der deutschen Linken im 20. Jahrhundert: Bereits in den 1930er Jahren rühmten Literaten seinen Gesang und sein Schauspiel, Fans und Kritiker dachten sich Ehrentitel für ihn aus: „Barrikaden-Tauber“ etwa oder „Roter Orpheus“. Maler und Bildhauer in der DDR verewigten Busch als proletarische Ikone auf Ölgemälden, in Bronze und in Gips. Schüler aus der Sowjetunion überhäuften ihn mit Briefen und verfassten Gedichte auf den "weltberühmten Sänger und heldenhaften Spanienkämpfer" (s.u.). In der Bundesrepublik der 1970er Jahre würdigten Studenten den Künstler als Ahnherr des politischen Songs und berauschten sich an der „Stimme aus Metall“. In beiden Teilen Deutschlands erschienen Bücher und Filme über das Leben des Künstlers, der Hanns Eisler und zahlreichen anderen Linken als „das singende Herz der Arbeiterklasse“ galt.
Ernst Busch war ein bedeutender, weil in verschiedenen politischen Systemen wirksamer Produzent linker Wir-Gefühle in Deutschland. Das wird deutlich, wenn man einerseits Leben und Werk des kommunistischen Künstlers betrachtet, andrerseits die sich verändernden Auditorien des Sängers und Schauspielers, die in Deutschland drei Generationen der politischen Linken im 20. Jahrhundert repräsentieren, in den Blick nimmt. Erst diese Kombination aus biografischer und kollektivbiografischer Perspektive ermöglicht es, ein facettenreiches Bild der linken Kultfigur Ernst Busch zu zeichnen, die staatstragendes Symbol und Projektionsfläche für rebellische Hoffnungen und politische Utopien zugleich war. Folgende fünf Thesen stehen dabei im Mittelpunkt:

1) Busch machte Ideologie sinnlich erfahrbar. Im Zusammenspiel mit linken Autoren verbreitete er Lieder und Texte, die wie bei kaum einem anderen Bühnenkünstler zwischen Kunst und Propaganda oszillierten.
2) Durch seine Interpretation fanden Propaganda-Slogans Eingang ins kollektive Gedächtnis: „Vorwärts und nicht vergessen“, „Den Faschisten werden wir nicht weichen“, „Die Partei hat immer Recht“, „Ami go home!“.
3) Linke Identitätsstiftung betrieb er nicht nur als Interpret, sondern auch als Sammler politischer Songs und ab 1946 als Herausgeber linker Literatur sowie als Begründer der DDR-Schallplattenproduktion.

4) Die Generationen übergreifende Faszination, die von seiner Kunst ausging, lässt sich als Pop-ähnliches Phänomen beschreiben. Für viele Menschen war er Vorbild und Idol.
5) Lebensgeschichte, Erscheinungsbild und Stimme prädestinierten Busch zur linken Kultfigur. In der DDR galt er als Held des antifaschistischen Widerstands, als Personifizierung des Spanienkämpfer-Mythos und der deutsch-sowjetischen Freundschaft. In der SU lernten Schüler mit Hilfe seiner Lieder die deutsche Sprache. Dass er Schulstoff war, als Staatskünstler und heldische Gestalt instrumentalisiert und musealisiert wurde und gleichzeitig seinen Fans als höchst glaubwürdiger und vitaler Ansporn in allen möglichen Lebenslagen diente, macht die Ambivalenz der Busch-Legende aus.
Das Interesse an Ernst Busch und seiner Kunst, ebenso die Heroisierung seines Lebens und Schaffens, sind in vielerlei Dokumenten nachzuweisen. Einige davon sind auf erinnerungsort.de einzusehen. Sie ergänzen nebenbei das Busch-Buch, das im März 2010 im Aufbau-Verlag erscheint.
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Liebesgrüße aus Russland
Fanpost an "Das singende Herz der Arbeiterklasse"
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Als alter Mann wurde Ernst Busch (Foto unten aus dem Jahr 1978 von Heide Breitel) in der DDR zur musealen Figur. Seine Lieder wurden Schulstoff im Musikunterricht, sein Name stand für gelebten Antifaschismus, mitunter für die Kultur der Arbeiterklasse schlechthin. Auch im sozialistischen Ausland - darüber hinaus in Dänemark, Belgien, den Niederlanden und der Bundesrepublik - gab es Interesse an der sozialistischen Ikone Busch. Vor allem aber aus der Sowjetunion erhielt Busch zahlreiche Briefe von Verehrern und Verehrerinnen, von Schulklassen und Jugendorganisationen. Eine merkwürdige Mischung aus pflichtschuldigem Respekt und echter Verehrung lässt sich aus dieser zum Teil institutionell gesteuerten Fanpost heraus lesen. Auf den Umschlägen wurde statt einer genauen Adresse oftmals nur "Sänger der Arbeiterklasse - DDR" angegeben. Die Post wurde anstandslos zugestellt. Zeitweise erhielt Busch ca. 50 solcher Briefe und Karten pro Woche. Neben Autogramm-, Buch- und Schallplattenwünschen gingen auch alle möglichen anderen Sachen per Post ein: Zeichnungen, Gedichte, Matrjoschkas, Liederbücher, Pinienkerne, Zeitungsartikel, Tannenzapfen, Einladungen zu Singeveranstaltungen oder Fotos von Ernst Busch-Wandzeitungen (vgl. weitere Belege für das Interesse an Busch in der Sowjetunion bei den Fotos).
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Ernst Busch - "Freund der Sowjetunion"

In den Briefen aus der SU an Ernst Busch geht es fast ausschließlich um Busch als sozialistische Symbolfigur und geliebter Liedersänger; der Schauspieler Busch interessiert nur am Rande. Die Synonyme und Ehrentitel, die in dieser Korrespondenz für den "Barrikaden-Tauber" benutzt werden, sind von großem Pathos geprägt. Immer wieder findet sich die Formulierung vom „singenden Herz der Arbeiterklasse“. Die Absender sind oft Schüler, zumeist Mitglieder von Klubs der Internationalen Freundschaft: „In der nächsten Sitzung werden wir (...) über Sie, das singende Herz der Arbeiterklasse der DDR sprechen.“ In einem anderen Brief heißt es: „Wir Pioniere der 7. Klasse B der Schule 96 hörten im Radio und von unseren Lehrern viel von Ihnen; deshalb beschlossen wir, einen Pioniernachmittag in deutscher Sprache zum Thema „Ernst Busch, das singende Herz der Arbeiterklasse“ durchzuführen. Der Pioniernachmittag fand statt: wir sahen uns einen Diafilm an, in dem Ihr Schaffen gezeigt wird, sangen das Einheitsfrontlied, sagten Gedichte auf. (...) Alle blieben zufrieden.“
Weiterhin wird Busch als „Symbol des Sieges des Friedens und der Völkerfreundschaft“ bezeichnet, in seinen Liedern höre man den Pulsschlag unseres Planeten, seine Stimme sei der Inbegriff des Kampfes für eine Zukunft ohne Krieg und Völkermord. Die Briefeschreiber sehen in Busch einen strahlenden Helden, eine kulturelle, politische und moralische Instanz: Busch wird als Spanienkämpfer, als weltberühmter Sänger und als unbeugsamer Kämpfer für Gerechtigkeit gepriesen. Und er wird in eine Reihe mit bereits gestorbenen Deutschen wie Goethe, Heine, Marx, und Wagner gestellt.
Die Fanpost nimmt seit den 50er Jahren langsam zu und erreicht ihren Höhepunkt in den 70er Jahren, nachdem Busch 1972 den Internationalen Leninpreis erhalten hat. Neben allgemeiner Bewunderung („Sie sind für uns ein leuchtendes Vorbild“) werden in den Briefen auch konkrete musikalische Vorlieben deutlich: So schreiben bereits im Jahr 1958 zwei Schülerinnen aus dem Donezbecken an Busch, wie glücklich sie sind, wenn er im Radio gespielt wird: „Unter anderem hörten wir auch unser geliebtes ’Lied von der Einheitsfront’." Auch in den späteren Briefen steht viel über die Popularität der Busch-Lieder in der Sowjetunion. An Platz eins steht unangefochten das „
Einheitsfrontlied“ gefolgt von den „
Moorsoldaten“ und der „
Thälmann-Kolonne“. Die Lieder werden im Deutschunterricht als Lehrmaterial eingesetzt.
Bemerkenswert ist, dass manche der Schüler, die an Busch schreiben, dessen Musik offenbar überhaupt nicht kennen, dafür aber gute Vorsätze haben: „Wir kennen noch wenig über Sie, aber wollen mehr kennen. Leisten Sie uns Hilfe bitte, schicken Sie uns Ihre Biographie, Ihr Porträt und eine oder zwei Platten mit den Liedern, die Sie singen. Wir möchten Ihre Stimme hören. Ihr Porträt hängen wir an die Wand und schmücken mit Blumen. Wir schlafen und träumen von solchem Geschenk.“
Der Adressat kann die Flut der Briefe nur mit Hilfe halbstandardisierter Antwortschreiben bewältigen. Ernst Busch, das heißt eigentlich: seine Frau Irene, bemüht sich, allen Anfragen und Bitten so gut es geht gerecht zu werden. Anfangs, in den 60er Jahren, nennt sie Schülern sogar noch Namen von Pionieren in der DDR, mit denen die Schreiber aus der SU eventuell eine Brieffreundschaft eingehen könnten. Auf biografische Anfragen hin nennt sie die Moskauer Adresse des Freundes Grigori Schneerson oder verweist auf dessen Buch "Ernst Busch und seine Zeit". Gelegentlich legt sie den Antwortschreiben auch eine Broschüre über Ernst Busch bei (verfasst von Charlotte Wasser). Schallplatten werden selten verschickt, meist verweisen die Buschs auf die sowjetische Plattenfirma
Melodia in Moskau.
Was für ein Ereignis solch ein Antwortschreiben des Sängers ist, wird im Brief eines sowjetischen Lehrers angedeutet, der schreibt, dass Buschs Brief in der Schulversammlung verlesen worden sei: „Der Schulversammlung wohnten alle unseren Lehrer, Schüler und unser Schuldirektor bei. Ihr Brief befindet sich jetzt in unserem Schulmuseum, im Museum der Freundschaft. Wir brauchen Ihre Photographien sehr. Schicken Sie, bitte, uns Ihre Photographien, seien Sie so lieb! Unser teurer, ferner, aber unserem Herzen so naher Freund!“
(Fanpost aus der SU liegt sowohl auf Deutsch als auch auf Russisch vor; das Verhältnis beträgt etwa 5:1)
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1. Mai 1919
Roter Platz
Rund um W. I. Lenin
M. I. Garjutin
T. F. Ljudwinskaja
A. D. Brjanski
I. S. Aschkenasi
O. A. Warentsowa
An Ernst Busch mit herzlichen Glückwünschen zum 80. Geburtstag. Noch recht viele Lebensjahre!
Mit Liebe und Achtung Dichter Sascha Krasny (A. D. Brjanski), Moskau, 19.I.80. |
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(Briefe und Karten entstammen dem Archiv der Akademie der Künste in Berlin)
Ernst Busch bekam von Schülern auch Alben geschenkt, die im Unterricht speziell für ihn angefertigt worden waren:
Schüler-Alben.
Weiteres Bildmaterial findet sich unter der Rubrik
Fotos.
Weitere Fanbriefe (aus dem Russischen übersetzt):
Post aus der SU.
Letztes Update 28.01.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 |

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