Anne Dessau
über Unabhängigkeit und über Ernst Busch und die Liebe eines Sommers
„Er war mein Idol.“
(Gespräch am 24. Januar 2006 in Berlin)
Anne Dessau ist Jahrgang 1934. Sie wächst in ihrer Geburtsstadt Dessau
auf, wo sie nach achtjähriger Volksschule eine Buchhändlerlehre macht.
Erst danach darf sie sich ihren eigentlichen Berufswunsch erfüllen und
Schauspielerin werden. Mit 17 beginnt sie ihre Ausbildung – zunächst in
Erfurt und dann an der neu gegründeten Staatlichen Schauspielschule
Berlin. Die Einrichtung (die spätere Hochschule für Schauspielkunst
„Ernst Busch“) geht zurück auf die 1905 von Max Reinhardt gegründete
Schauspielschule des Deutschen Theaters. Anne Dessau beendet ihre
Ausbildung 1954, erhält aber kein Diplom, weil es
während ihrer Studienzeit zu Querelen mit der Schulleitung gekommen
ist. Stein des Anstoßes sind honorierte Aufnahmen in Ernst Buschs
Plattenfirma Lied der Zeit und ihre persönliche Bekanntschaft mit Busch gewesen.
Als Schauspielerin arbeitet sie später an verschiedenen Häusern,
zuletzt am Deutschen Theater bei Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz und
Benno Besson. Mitte der 60er Jahre entschließt sie sich, ihren Beruf
aufzugeben und sich dem Schreiben zu widmen. Sie arbeitet als
Journalistin unter anderem für die Weltbühne und als freie Autorin fürs
DDR-Fernsehen. Einige von ihr geschriebene Filme werden mit Preisen im
In- und Ausland ausgezeichnet. Von 1980 bis zur Wiedervereinigung
werden ihre Vorlagen allerdings aus politischen Gründen nicht mehr
realisiert, nach 1990 reüssiert Anne Dessau als Buchautorin und
schreibt wieder erfolgreich für Kino und Fernsehen. Seit 1960 ist sie
mit dem Schauspieler Helmut Müller-Lankow verheiratet.
Unser Gespräch findet bei Anne Dessau im Wohnzimmer statt. Blick in den
verschneiten Garten. Dämmerlicht und Kerzen. Es gibt Gebäck und grünen
Tee.
Jochen Voit: Frau Dessau, wie kommt es, dass Sie wie eine Stadt heißen?
Anne Dessau: Ich hab ursprünglich einen polnischen Mädchennamen gehabt:
Anneliese Chmielecki, aber der wurde stets falsch ausgesprochen.
„Schmierlekki“ wurde gesagt, was ich ziemlich barbarisch gefunden
habe. Mit 23 spielte ich meine erste große Filmrolle, der
Regisseur sagte: „Wie heißt du? Anneliese Chm... - das geht nicht!“ Er
fragte mich, wo ich herkomme, und ich habe gesagt: „Aus Dessau.“ Darauf
er: „Anne Dessau.“ Peng, mein Name war geboren. Mir hat das insofern
gefallen, weil unsere einstige Landesmutter eine Bürgerliche war, eine
Apothekerstochter mit dem Vornamen Anneliese. Sie hatte den Fürsten
von Sachsen-Anhalt geheiratet und hieß danach Anneliese von Dessau,
darüber gibt es übrigens auch eine Operette. (lacht) Von dieser Frau
hatte ich ja schon den Vornamen und nun hieß ich auch noch Dessau. So
wurde es im Personalausweis eingetragen, das ist jetzt seit fast 50
Jahren mein Name.
Der Film, den Sie damals drehten, war „Millionen der Yvette“ ...
Ja, danach habe ich allerdings keine Spielfilme mehr gemacht, sondern
Theater gespielt. Erst in Quedlinburg, dann in Potsdam und meine dritte
und letzte Station war das Deutsche Theater hier in Berlin. Ich war
dort eine unter vielen: Am Deutschen Theater gab es mindestens fünfzehn
wunderbare Schauspielerinnen im Alter zwischen 30 und 45, von denen
jede all das spielen konnte, was ich gern gespielt hätte. Sie hatten
bereits gezeigt, was sie konnten ... Ich hatte mich
allerdings schon immer gemopst auf Proben ...
Was meinen Sie mit „gemopst“?
Gelangweilt. Das, was Schauspieler eigentlich genießen, sich eine
Sache erarbeiten und sie dann abends auf der Bühne zeigen, hat mich
nicht so wahnsinnig begeistert. Ich fand den eigentlichen Arbeitsprozeß
nicht so prickelnd, ich wollte immer nur abends raus auf die
Bühne. Also, ich war nicht ausgefüllt. Theaterspielen heißt, das zu
machen, was andere sagen: Erst sagt 's der Dichter, dann
sagt 's der Regisseur, und dem Ensemblespiel ist man ja auch
verpflichtet - das war nicht mein Ding. Ich wollte unabhängig
sein, hatte Lust zu schreiben. 1966 hab ich dann ein Fernstudium in Journalistik angefangen.
„Völlig daneben!“ - Von der Buchhändlerin zur Schauspielerin
Kommen wir noch mal zurück zur Schauspielerei. Als Sie aus Dessau weg gegangen sind, ......
bin ich auf die Schauspielschule nach Erfurt gegangen, da war ich
17. Und kaum war ich ein halbes Jahr dort, wurden alle
Schauspielschulen zusammengelegt. Es gab ja Schulen in Dresden, in
Weimar, in Erfurt, in Potsdam ... Nun wurde die Ausbildung
zentralisiert, und zwar in Leipzig und Berlin. Das heißt, wir wurden
noch mal gesiebt und mussten noch mal vorsprechen. Man konnte
wünschen, wohin man wollte, aber ob sich das für jeden erfüllt hat,
weiß ich nicht. Für mich hat es sich erfüllt: Ich wollte nach Berlin
und habe mich dort für die neue Fachschule für Schauspielkunst
beworben. Die Weigel war Vorsitzende in der Kommission, der ich
vorsprechen mußte, sie hat auch das Gespräch mit mir geführt. Auf ihre
Frage, warum ich denn
nach Berlin wollte, hab ich dann, gar nicht aus Raffinesse, sondern
weil ich wirklich der Meinung war, gesagt: „Weil Sie in Berlin sind und
weil Ihr Ensemble in Berlin ist! Und weil ich diese Art zu arbeiten so
bewundere!“ Ja, und dann kam ich nach Berlin.
Glauben Sie, dass Helene Weigel beeindruckt war von dieser Antwort?
Das weiß ich nicht. Sie war eine sehr freundliche Frau,
jedenfalls zu Außenstehenden immer von außerordentlicher
Herzlichkeit.
Wie fanden das Ihre Eltern, dass Sie Schauspielerin werden wollten?
Völlig daneben. Ich habe erst einen Beruf lernen müssen, vorher durfte
ich mich gar nicht bewerben. Und da ich nur acht Volksschuljahre habe,
konnte ich schon mit 14, schwupps, in die Lehre gehen. Ich hab
Buchhändlerin gelernt. Die Lehre dauerte eigentlich drei Jahre, aber
man hat mir 'n bisschen was erlassen. Und als
ich dann in Halle meine Gesellenprüfung machte, sagten die würdigen
Herren mir, dass sie mich sofort nehmen würden. Als Bibliothekarin. Als
ich antwortete, dass ich eigentlich Schauspielerin werden will, fanden sie das furchtbar, die alten Herren.
Das ist ein großer Sprung: von der Bibliothekarin zur Schauspielerin ...
Ja, und zwar ein Sprung in den Abgrund für die Herren Bibliothekare.!
(lacht) (...) Dabei hatte mir diese Prüfung Riesenspaß gemacht: Man
kriegte ein Thema, hatte dann zwei Stunden Zeit, alle Titel zu
diesem Thema aus dieser wahnwitzig großen Landesbibliothek raus zu
suchen. Wer viele Quellen fand und das Material gut
kommentierte, bekam die entsprechenden Punkte. Recherchieren hat mir
schon immer großen Spaß gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich
bereits die Zusage für die Schauspielschule in Erfurt. Meine Mutter
ließ mich erst los, nachdem ich meine Gesellenprüfung abgeschlossen
hatte.
Sie haben also nie in Ihrem ersten Beruf gearbeitet?
Nie. Wobei ich das Gefühl habe, dass ich immer irgendwie in diesem
Beruf gearbeitet habe. Denn für jede Arbeit, jeden Text, jedes
Buch, für alles, was ich später geschrieben habe, musste ich ja
unentwegt in Archive und in Bibliotheken gehen und dort kramen.
„Tabakwaren und Spirituosen“ - Kleinbürgerliches Elternhaus
Waren Ihre Eltern künstlerisch interessiert?
Meine Mutter hatte ein Opern-Abonnement. (lacht) Und uns gegenüber
wohnte der Tenor vom Landestheater. Da war sie immer ganz aufgeregt,
wenn er zum Einkaufen kam. Meine Mutter hatte so 'n kleinen Laden,
also meine Familie war richtig kleinbürgerlich. Künstlerisches Talent
schlummerte ein wenig in der Familie meines Vaters: Da ging man gerne
mal bei Feiern im Betrieb mit Versen von Otto Reutter auf die Bühne, so
in die Richtung ging das. Mein Vater hat überhaupt gerne die Leute
unterhalten.
Was hat Ihr Vater beruflich gemacht?
Gelernt hat er Klempner. In den Junckers-Werken in Dessau war er dann
Werkstoffprüfer. Da wurden ja Flugzeuge gebaut, und jedes Stück Metall,
was verarbeitet wurde, musste geprüft werden. Das hat er gemacht,
nachdem Hitler an die Macht gekommen war, davor war er etliche Jahre
arbeitslos – also die klassische Geschichte, die man so kennt aus
der Zeit ...
Hat er sich mit den Nationalsozialisten identifiziert?
Überhaupt nicht, nein. Aber es gab ein schlimmes Erlebnis, als die
Russen einmarschierten: Er hatte so 'n Gewerkschaftsabzeichen, und in dem Abzeichen war ein kleines
Hakenkreuz. Die Russen zogen ihn über 'n Ladentisch, das war eine brenzlige Situation.
War er in der NSDAP?
Nein. Meine Eltern haben heimlich über diesen Hitler geschimpft und
hörten heimlich Londoner Rundfunk. Das weiß ich noch, dieses
Ba-ba-ba-bamm (klopft den Takt der Senderkennung auf den Tisch), da
wurde dann 'ne Decke über den Apparat gehängt, und man saß lauschend
darunter ...
Also, politisch waren Ihre Eltern ...
... nicht sehr aktiv. Es ging vor allem darum, dass man sein
Auskommen hatte. Farbe bekannte mein Vater insofern, als er vor '33 in
der SPD war und nach dem Krieg dann sozusagen übernommen wurde in die
SED.
Und Ihre Mutter?
Meine Mutter war nie in irgendeiner Partei. Sie hat Tabakwaren und
Spirituosen verkauft, ist früh um fünf aufgestanden, um für drei
Pfennig zwei Zigaretten an die Arbeiter, die zur Schicht gingen, zu
verkaufen. Sie war diese typische Frau, die sich kaputt geschuftet hat,
um ihre Familie ein wenig in der Rangordnung der Gesellschaft höher
zu hieven. Deswegen war sie sehr enttäuscht: weil ich, die ja als ganz
gescheites Mädchen galt, nun ausgerechnet Schauspielerin werden wollte.
Ich sollte studieren. Was Ordentliches.
Ruhten die Hoffnungen der Familie allein auf Ihnen?
Nein, ich habe einen 13 Jahre älteren Bruder. Der war zu
diesem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft. Er hatte Zeitungskaufmann
gelernt, war also für Annoncen zuständig, heute würde man vielleicht
sagen: Er arbeitet im Mediengeschäft. Lange Zeit hatte er die Idee,
Spanisch zu lernen und als Korrespondent mit mir zusammen ins
Ausland zu gehen. Daraus wurde nichts. Ich ging auf die
Schauspielschule, er heiratete, hat ... dann einen ganz anderen Job
gemacht, Planungsleiter in der Chemie.
„Kunst als Waffe“ - Politische Erziehung an der Schauspielschule
Gab es eine Zeit, in der Sie angefangen haben, sich politisch zu interessieren?
Wir wurden ja zum politischen Denken erzogen auf der
Schauspielschule. Wir hatten Gesellschaftsunterricht,
Marxismus-Leninismus .... Das war die vorherrschende Ideologie,
die Philosophie, Basis jeden künstlerischen Schaffens: „Kunst als
Waffe“. Auch ein Motto von Ernst Busch, aber er hat es
gelebt, es war seine persönliche Erfahrung und die hat er mit seinen
Liedern und in seinen Rollen mitreißend an sein Publikum weitergegeben.
Die uns aufgedrückten Diskussionen um Inhalt und Form, in denen
ging es darum, dass man den Menschen in einer künstlerischen Form
didaktisch belehrt, der Inhalt also die Form bestimmt.
Wogegen sollte Kunst Waffe sein?
Gute Frage. Gegen die Kapitalisten, gegen den „Klassenfeind“, wie
das hieß. Dieses Kämpfen mit künstlerischen Mitteln, das gehörte zu all
diesen hehren und drögen Geschichten, die uns erzählt wurden.
„Hehre und dröge Geschichten“, eine merkwürdige Mischung ...
Das ist sicher stark verkürzt, aber darauf lief es hinaus. Das
erste Mal, dass ich richtig empört war, das weiß ich noch, war bei
Stalins Tod '53: Da sollten plötzlich alle Menschen so was von wild
gebeutelt und erschüttert sein, weil dieser Mann nun tot war. Ich war
vielleicht 18 Jahre alt und mir hat er nicht viel bedeutet. Damals war
ich für ein halbes Jahr in einer Fabrik beschäftigt, und als die
Nachricht von Stalins Tod kam, mussten wir alle antreten zum Appell,
fünf Minuten schweigen und an „die Sonne der Sowjetunion“ denken. Die
„Sonne“ war Stalin. Und das war in vielen Betrieben so, in der ganzen
DDR. Nun war ich aber ein junger Mensch, der
Druck und Unterordnung nicht leiden konnte. Ich war gegen alles, was
Druck auf mich ausübte, das konnte sehr verschiedener Natur sein, das
hatte nicht unbedingt was mit Politik zu tun. Zuordnen: ja. Aber
unterordnen: nein.
Wie haben Sie diese Zeremonie empfunden?
Als ganz schrecklich. Ich fand, das sollte man nicht machen mit all den
Menschen, die wahrscheinlich gar keine Beziehung zu diesem Mann hatten.
Dann gab es kurz darauf noch ein bestürzendes Ereignis, als die Leute
'53 auf der Stalinallee demonstrierten, als dieser Aufstand war, der
dann niedergeschlagen wurde.
„Erst später helle dafür geworden“ - Der 17. Juni 1953
Was verbinden Sie mit diesem Ereignis, dem 17. Juni?
Mein Bruder kam damals von einer Dienstreise aus Berlin zurück. Er war
Planungsleiter einer Chemiefabrik, war in der Partei und trug auch
dieses Abzeichen. Jedenfalls haben sie ihn an der Stadtgrenze von
Dessau aus dem PKW gezogen und wollten ihm ans Leben. Sie haben
das Auto umgeworfen und sind richtig gewalttätig gewesen. Die Leute
waren aufgebracht, weil mein Bruder dieses Abzeichen trug. Und sie
waren der Meinung, dass diese Idee vom Arbeiter- und Bauernstaat
'ne Lüge ist. Das war mir bis dahin gar nicht so als Problem erschienen
und ich bin erst später helle dafür geworden. Ich muss überhaupt sagen,
dass ich das erst im Nachhinein für mich ein bisschen aufgearbeitet
hab. Denn für mich waren die Verhältnisse in der DDR zunächst eine
Befreiung gewesen: als Mädchen aus einfachen Verhältnissen in einem
Land aufzuwachsen, also sagen zu können: „Ich will das
werden“, oder „Ich will das werden“ - und wenn ich die Fähigkeit oder
die Begabung dafür nachwies, dann konnte ich das. Das fand ich einfach
aufregend! Wir Studenten waren, so erinnere ich mich, intensiv
damit beschäftigt, das voranzutreiben, was wir eigentlich machen
wollten. Theaterspielen! Das ist übrigens auch heute in der
Buschschule noch so, das ist eine richtige Enklave. Ich hab
Interviews für die Zeitschrift
Ossietzky mit Schauspielstudenten
gemacht und ihnen auch Fragen zu politischen Themen gestellt – da
gucken die ganz verdutzt und fühlen sich außerordentlich
gestört. Oder sind sofort misstrauisch und denken: „Was will denn die
von mir? Worauf will die jetzt hinaus? Was will die von mir
hören?“ Sie sind auch nicht streiken gegangen gegen
Studiengebühren ...
Wer Schauspiel studiert, hat wahrscheinlich einen stark individualistischen Zug ...
Absolut. Das ist es ja, was dich treibt beim Schauspiel, dieses
Ich-Sagen. Eigentlich ist das überhaupt gar nichts, was „Wir“ sagt. Und
ich denke mal, dass es nicht unbedingt ehrlich ist, wenn man als
Schauspieler sagt: „Ich möchte den Leuten dieses oder jenes sagen,
indem ich den Dichter oder Autor so und so interpretiere.“
Wie muss man sich das vorstellen, als Sie 1951 nach Berlin gegangen
sind? Offenbar hatten Sie ja Ihre Eltern inzwischen einigermaßen
überzeugt, dass das jetzt die richtige Entscheidung ist ...
Ja. Ich hab mir dann in Berlin-Adlershof 'n möbliertes Zimmer genommen.
Die Schauspielschule war damals in einem alten Bootshaus in Schöneweide
untergebracht. Anfangs haben wir sogar in der Schule geschlafen, ich
glaube, in diesen Räumen ist heute die Direktion untergebracht. Wir
haben auf Jutesäcken und Feldbetten gepennt, die noch aus der Zeit
der Bombenangriffe im Keller gestanden hatten, aufgereiht wie die
Sardinen. Es dauerte eine Weile, bis wir alle 'ne Bleibe gefunden
hatten. Ich bin dann in Adlershof in die Wassermannstraße gekommen mit
'nem Plumpsklo im Keller (lacht) und 'nem großen gestickten Jesus überm
Bett, und an dieser Idylle durfte man auch nichts verändern. (...)
Meine Mutter hat das finanziert bis ich ein Stipendium bekam, sie hatte
ein Töpfchen, wo sie das Geld aufbewahrte, das sie verdient hatte durch
Gartenarbeit. Davon kriegte ich was, das Petersiliengeld war zum
Beispiel für die Miete, aus einem anderen Töpfchen bekam ich was für
Kohlen oder Holz. Später bekam ich auch ein Stipendium, was nicht ganz
einfach war, weil ich nicht wirklich zur Arbeiterklasse gehörte.
Vor allem meine Mutter mit ihrem Kleinkramladen wirkte sich nicht so
günstig aus. Jedenfalls ging dann das Studium '51/52 los, in diesem
Jahr wurde auch die Schule eröffnet. Ich gehörte zum ersten Jahrgang,
fing aber gleich im zweiten Studienjahr an, weil mir die Zeit in Erfurt
angerechnet wurde. Und Ende '52 flog ich dann raus ... (...)
Bühne und Schallplatte – Erste Begegnungen mit Busch und Weigel
Dass es 1952 zu dieser Suspendierung kam, hing ja unmittelbar mit Ernst
Busch zusammen. Bevor wir darüber sprechen, würde ich gerne wissen,
wann und wie Sie ihn als Künstler erstmals wahrgenommen haben ...
Das war noch in Dessau. Das BE gastierte mit der „Courage“ im
Landestheater, das muss etwa '50 gewesen sein. Ich hab diese
Aufführung als revolutionierend für das Theater empfunden, so eine Form
von Theater hatte ich noch nie gesehen bis dahin.
Sind Sie mit Ihren Eltern da hin gegangen?
Nein! Meine Eltern fanden das schrecklich, wenn ich diese Platten
aufgelegt hab. Dieses (singt heiser und wienerisch) „Von Ulm nach Metz“
hat die Weigel immer bei uns im Wohnzimmer gesungen und Busch das Lied
vom Pfeifenpieter. Und meine Eltern waren sauer.
Warum mochten Ihre Eltern diese Musik nicht?
Das war ihnen absolut fremd. Meine Mutter liebte Opern, und mein Vater
liebte Fußball. Also, das passte nicht. Das hat man als Kind auch
nicht hinterfragt. Damals fand Jugend doch noch anders statt als heute.
Wenn Eltern gesagt haben, dass sie das nicht mögen, dann hinterfragte
man das nicht. Man hatte das zu akzeptieren. Und es gab genügend
Gelegenheiten, wo keiner da war und ich die Musik in voller Lautstärke
genießen konnte. Das Grammophon mit der Nadel, das
bei uns im Wohnzimmer stand, gab was her.
Hatten Sie noch andere Platten zu der Zeit?
Ja, „Weil ich Wasserträger bin“ von Dunajevskij (lacht) und den
„Donauwellen-Walzer“. Das waren aber nicht meine Platten. Das war das,
was da war. Die von Weigel und Busch gesungenen Brecht-Lieder hab ich
mir selber gekauft. Wann und wo, weiß ich nicht mehr. Ich
erinnere mich auch und es hat mich sehr beeindruckt, dass die Weigel
mindestens einmal im Jahr in Dessau neben der Buchhandlung, in der ich
lernte, vorfuhr und den Antiquitätenladen leer kaufte. Sie kam
im PKW, hatte aber einen LKW dabei und ließ den voll laden mit Möbeln
und Meißner Porzellan. Wahrscheinlich waren das nicht nur Sachen,
die sie für sich kaufte, sondern auch als Requisiten für ihr Theater.
Das vermischt sich in meiner Erinnerung, weil das alles ungefähr zur
selben Zeit stattfand: dieses Plattenhören, das Gastspiel des BE und
die Weigel, die im Laden nebenan einkaufte ...
Ist in dieser Zeit bei Ihnen auch der Wunsch entstanden, Schauspielerin zu werden?
Das wollte ich schon immer. Ich habe ja auch Laientheater gespielt.
Das fand unter der Schirmherrschaft des Landestheaters statt, wurde
also von Fachleuten angeleitet. Organisiert hatte es die FDJ, ich
war ein, zwei Jahre dabei. Die Buchhändlerlehre machte ich ja nur,
weil meine Mutter verlangt hatte, dass ich einen Beruf lernen sollte,
bevor ich mich an der Schauspielschule bewerbe.
Gab es Sänger oder Schauspieler, für die Sie damals geschwärmt haben?
Für Hans Albers als Filmstar hab ich zum Beispiel geschwärmt. Und von
der Stimme her mochte ich Richard Tauber! Wenn ich jetzt so drüber
nachdenke, waren es oft markante Stimmen, die mich bei Männern
faszinierten. Auch mein Mann hatte eine traumhafte
Gesangs- und Sprechstimme. Also, Stimmen scheinen bei mir eine
große Schwingung auszulösen. So erging es mir auch mit Ernst Busch,
den ich ja zunächst nur durch die Platte und die Bühne kennen gelernt
habe.
„Unheimliche Ausstrahlung als Mann“ – Ernst Busch auf der Bühne
Was für einen Eindruck hat Ernst Busch auf Sie gemacht, als Sie ihn zum ersten Mal auf der Bühne gesehen haben?
Zuerst war da diese Fanfarenstimme. Dann hatte er so eine Frechheit,
die unheimlich charmant war, und eine Listigkeit. Ich fand schon
damals: Er hatte eine unheimliche Ausstrahlung als Mann. Obwohl,
wenn man ihn so anguckt auf 'nem Bild, das nicht unbedingt
ersichtlich ist. Für mich verströmte er aus allen Poren: dass da ein
richtiger Kerl oben auf der Bühne steht. Das weiß ich noch sehr
genau. Ich erinnere mich aber ebenso gut an Regine Lutz als stumme
Kattrin oder an Wolf Kaiser, Gerhard Bienert, an Ernst Kahler
als Eilif – wunderbare Leute. Das war sensationell! Sie müssen sich
vorstellen, dass man an traditionelles Theater gewöhnt
war und dass es im Krieg lange Zeit überhaupt kein Theater zu sehen
gab. Also, das Theater des BE war für mich und auch
für viele andere wie Donnerhall. (...) Ich bin dann in Berlin bestimmt
in jedem Stück vom BE zehn, zwölf mal gewesen. Ich habe alles
gesehen, was zu sehen war. Immer wieder.
Galt das Brecht-Theater als vorbildlich im Unterricht an der Schauspielschule?
Lehrer vom BE hatten wir nicht. Aber das Theater war hochgeschätzt,
natürlich. Wir sind da nicht klassenweise rein gegangen, aber wir
wurden angehalten, ins Theater zu gehen. Und wir kriegten auf
unseren Studentenausweis für 50 Pfennig Stehplätze. Also, wenn es voll
war, konnte man auf die oberen Ränge und dort stehen oder sich auf die
Treppen setzen und gucken. Auch in West-Berlin kam man übrigens
für 50 Pfennig ins Kino, was wir anfangs, als es die Mauer noch nicht
gab, auch gemacht haben, obwohl uns das streng verboten war.
Wurde Busch als Schauspieler im Unterricht als vorbildlich erwähnt?
Da kann ich mich nicht entsinnen. Nee, glaub ich eigentlich nicht. Das
kam aber auch auf die jeweiligen Dozenten an, mit denen man
zu tun hatte. Und es kam darauf an, aus welchem Land die Emigranten,
die ja das Kulturleben maßgeblich bestimmten, zurück kamen. Die in
Russland gewesen waren, vertraten ganz andere Ansichten als
diejenigen, die sozusagen beim Klassenfeind untergeschlüpft waren, also
in den USA, in England, Mexiko, der Schweiz ...
Die Faszination, die Busch auf Sie ausübte, hat sich also abseits der
Schauspielschule entwickelt. Sie haben für ihn geschwärmt ...
Ja, aber Sie dürfen sich das jetzt nicht so vorstellen, dass ich nun
unentwegt vor mich hin für Busch geschwärmt hätte. So war das überhaupt
nicht. Ich fand ihn zunächst einen tollen Schauspieler mit einer
ungeheuren Ausstrahlung. Wenn er „Glockenspiel des Kreml“ spielte, dann
glaubte man ihm, wenn er den Kommunismus pries. Weil er ein gelebtes
Verständnis dafür hatte, das hat er einfach ausgestrahlt. Er war
authentisch.
„Es war wie Hypnose!“ – Die Ausstrahlung des Künstlers
Hat Sie das Politische beeindruckt?
Nicht bewusst. Das war für mich einfach ein glaubwürdiger Mann. Ich
hatte mit Politik überhaupt nichts am Hut. Also, Partei ergreifen
wollte ich immer, aber in 'ner Partei sein wollte ich nie. Weil das ja
genau das bedeutet hätte, was ich so verabscheue: den Zwang, „Ja“ zu
sagen. Und zwar, nicht wenn ich es einsehe, sondern wenn die Ideologie
es verlangt. Nach dem Motto: Jetzt muss „Ja“ gesagt werden, weil das
offiziell wichtig ist, damit die Leute nicht alle nach dem Westen
abhauen oder so. Und ich wollte gerne selber die Dinge einsehen, bevor
ich ihnen zustimmte. An Busch hat mich deswegen auch weniger das
Agitatorische interessiert, sondern ich fand ihn als Sänger, als
Schauspieler und als Mann beeindruckend. Er war nicht nur vom Können
her absolut ungewöhnlich, er war eine außerordentliche Person in seiner
Arbeit.
Teilten Ihre Freundinnen oder Klassenkameradinnen diese Begeisterung?
Nicht auf diese Art. Bei mir war das ..., das war wie Hypnose!
Sie haben Ernst Busch im Sommer 1952 persönlich kennen gelernt. Am Telefon haben Sie mir erzählt, dass es im Kino war ...
Das war bei der Premiere von „Monsieur Verdoux“, dem Chaplin-Film, der
damals im Marmorpalast gezeigt wurde. Vielleicht hatten die Leute vom
Theater Vorzugskarten bekommen, jedenfalls waren sie nummeriert und ich
weiß noch, dass links von mir Heinrich Kilger saß, der Bühnenbildner
vom Deutschen Theater, und rechts von mir saß Ernst Busch. Und neben ihm
saß, glaub ich, Fritz Erpenbeck, der Chefdramaturg war am Deutschen
Theater. Ja, so saßen wir plötzlich nebeneinander. Der Kilger begrüßte
die Kollegen und stellte mich vor, das war für mich alles ganz
unwirklich ...
Hat es da gleich gefunkt zwischen Ihnen und Busch?
Ja, das war ganz deutlich zu bemerken. Er hat die ganze Zeit immer
wieder zu mir geguckt. Jahre später hab ich mal ein Foto gesehen von
seiner ersten Frau, Eva Busch, und mir gedacht, dass er vielleicht
irgendwas in mir gesehen hat, was ihn an die Eva erinnert hat. Ich meine, mich zu
erinnern, dass ich ihm dann ein paar Tage nach dem Kinoabend
geschrieben habe, dass ich im Theater bin. Und dann war er auch sofort nach
der Vorstellung unten in der Kantine des Deutschen Theaters und hat mir
seine Blumen, die er an dem Abend gekriegt hatte, in den Schoß gelegt.
Wir haben uns dann öfter dort getroffen, manchmal auch schon vor der
Vorstellung ...
Musste das alles heimlich geschehen, oder sind Sie beide relativ offen damit umgegangen?
Naja, das war natürlich alles nicht ganz einfach und offen schon
gar nicht. Es war wirklich sehr improvisiert. Eigentlich war es wie in
einem schlechten Film ... Andrerseits sind wir bei einer
Riesendemonstration - ich meine, es war der Erste Mai, aber das kann ja
vom Datum her kaum stimmen, doch, so muß es gewesen sein - Hand in Hand
durchs Brandenburger Tor gelaufen. Zwischen Hunderten und Tausenden von
Menschen. Das hat mich damals frappiert, weil ich dachte: „Er muss doch
ganz behutsam und vorsichtig sein!“ Denn sonst hat er das mit uns sehr
verdeckt behandelt; und plötzlich hatte das so was ganz Freies und
Unbekümmertes. Die Sonne hat geschienen, und er war heiter und
gelöst an diesem Tag. (...) Ich weiß nicht mehr, wann und wo und wie
wir uns getroffen haben. Ich erinnere mich nur noch an diesen so
unglaublichen Moment, als wir gemeinsam durchs Brandenburger Tor
schritten. Das war noch vor den Theaterferien, denn danach fuhr
er an die Ostsee.
Waren Sie verliebt in ihn?
Ich weiß nicht, ob man das so nennen kann. Ich hab 's natürlich
gedacht, weil ich so was noch nie erlebt hatte. Es war etwas Magisches
... und auch so unvorstellbar für mich, die ich da gerade aus der
Provinz gekommen war ... Plötzlich war ich dem Manne so nahe, den ich
ein paar Wochen vorher noch aus dem Zuschauerraum angebetet hatte. Es
war eine unwirkliche und auch eine ..., ja, eine gefährliche Situation,
in die ich da plötzlich gekommen war. All diese Leute, die ich aus der
Ferne, also schon von Dessau aus, mit dem Guckrohr beobachtet hatte,
waren auf einmal im wahrsten Sinn zum Anfassen nah. Ich hab dann
bald gemerkt, dass meine Faszination vom künstlerischen
Wirken dieser Persönlichkeiten nicht unbedingt identisch sein
musste damit, wie sie sich im Leben zeigten. Durch Busch begegnete ich
ja auch anderen Künstlern.
Haben Sie sich damals eher für reifere Männer interessiert, weil die schon was darstellten, was erlebt hatten?
Ja. Gleichaltrige waren meistens, wie das in dem Alter oft
zwischen Jungs und Mädchen ist, nicht so spannend. Aber hier kam gelebtes Leben, gelebte Geschichte auf mich zu ...
Worüber hat Busch mit Ihnen gesprochen?
Ich muss sagen: Es ist erstaunlich, wie wenig ich noch davon weiß. Ich
stand offenbar die meiste Zeit neben mir und war unglaublich verspannt.
Ich weiß aber noch, dass er sich damals um Erich Weinert gekümmert hat,
der schwer krank war. (...) Was mir auch noch in Erinnerung ist: Er
hatte schmerzhafte Komplexe wegen seiner Gesichtslähmung. Diese
Verletzung, oder eher: Behinderung, war zwar dabei, sich langsam zu
regenerieren, aber ihm war klar, dass seine Gesichtsmuskulatur
nicht in dem Maß mitarbeiten konnte, wie er das gewohnt war. Er sprach
sehr prononciert und man hat das eigentlich gar nicht gemerkt, dass
sein Mund ein wenig schief war. Aber für ihn war das ein ganz großes
Problem. Er sollte ja auch wieder filmen, was er lange ablehnte,
bis Konrad Wolf es schließlich geschafft hat, ihn für „Goya“ zu
gewinnen. Ich muss gestehen, dass mir diese Gesichtslähmung
wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre, wenn er nicht davon
gesprochen hätte. Das war etwas, was sich in ihm festgesetzt hatte:
dieses Gefühl, dadurch behindert zu sein.
Haben Sie versucht, ihm das auszureden oder ihm diesen Komplex zu nehmen?
Ich weiß es nicht mehr. Auf eine bestimmte Art hab ich das sicher probiert.
„Als Muhgruppe im Studio“ – Ferienjob bei Lied der Zeit
Wie lange ging diese Sommerliebe?
Das müssen etwa zwei Monate gewesen sein. Er fragte mich dann bald, ob
ich bei musikalischen Proben in seiner Firma
Lied der Zeit mitmachen
wollte. Die war damals in einer Seitenstraße der Friedrichstraße. Da
bin ich dann mit Lissy Tempelhof hingegangen. Das war während unserer
Ferien und verteilte sich vielleicht über vier Wochen. Wir gingen zweimal die Woche zum Singen und bekamen 'n bisschen
Geld dafür, was letztendlich als Grund für die Bestrafung durch die
Schule herhalten musste. Wir waren Teil der sogenannten Muh-Gruppe, das
waren die Stimmen, die im Hintergrund zu hören waren. Ich konnte nicht gut singen. Darum hab ich Lissy Tempelhof gefragt, ob sie
mitkommen will. Lissy singt wunderbar. Und sie wollte genau wie ich
Geld verdienen, weil sie auch wenig Mittel zur Verfügung hatte.
Jedenfalls habe ich sie mitgenommen zu Lied der Zeit, damit wenigstens
einer einen guten Eindruck macht. Ich kriegte stets Rippentriller von
ihr, wenn ich anfing zu singen. Ich hab dann nur noch die Lippen
bewegt, und sie hat geschmettert. Es waren noch andere in dieser Gruppe, aber die kannte ich nicht, sie waren nicht von der
Schauspielschule. Busch hat Probenmitschnitte anfertigen lassen. (...)
Dass ich überhaupt dabei war, war eigentlich nur ein Vorwand, damit
Busch und ich uns sehen konnten.
Es ging eigentlich nicht ums Singen, sondern ...
... um .... Nähe und .... dies und das ...
Welche Lieder haben Sie gesungen?
Das waren eine ganze Reihe Lieder. Ich erinnere mich noch an „Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders“.
Hat Lissy Tempelhof auch für Busch geschwärmt?
Jedenfalls hat sie 's mir nicht gesagt.
Haben Sie Ihr damals gesteckt, dass da mehr bei Ihnen war als nur Bewunderung?
Sie wusste das. Aber ich müsste sie fragen, ob ich ihr das erzählt
habe, oder ob sie 's selber gemerkt hat. Komisch, ich hab das alles so
tief verbuddelt in mir ... (...) Ich bekam dann sogar Einzelunterricht
und probte gemeinsam mit seinem Pianisten, den ich als alten Herrn
in Erinnerung habe, wahrscheinlich war er gar nicht so alt ..., kann
sein, dass es Walter Goehr war. Ich stand dann am Flügel, sang
irgendwas, und Busch kam dazu. Er nahm mich bei der Hand und ist mit
mir durch dieses große Gebäude gewandert ...
(lacht) Es war ein unwahrscheinliches Erlebnis und zugleich eine
schäbige Situation. Das war mein Problem mit der Geschichte. Deswegen
war ich so stumm, was Busch sehr irritiert hat – dass ich so wenig
sprach, ich fand absolut unwürdig, was da passierte. Und
gleichzeitig wollte ich es nicht beenden, weil es eben so ....
unwahrscheinlich war.
Sie sagen, es war unwürdig ... Waren Sie zu dieser Zeit liiert und haben jemanden hintergangen?
Nein. Das meine ich nicht. Ich meine die Situationen, in denen wir
zusammen waren. Wie wir diese Begegnungen gelebt haben. Das war nicht
die Art Liebe, von der man träumt als junges Mädchen. Vielleicht hatte
das auch mit meiner Erziehung zu tun, dass mir das unwürdig vorkam, ich
weiß es nicht ... Er war mein Idol. Das paßte nicht zusammen. Es
war ....
War er Ihre erste große Liebe?
Das würde ich heute so sagen. Aber ich weiß nicht, wie weit da
Rückschau und Verklärung 'ne Rolle spielen ... Jedenfalls gab es davor
keine Begegnung von Bedeutung.
Eva Busch schreibt in ihren Memoiren, dass Buschs Art, Liebe und
Zärtlichkeit zu zeigen, darin bestand, dass er ihr die elektrischen
Leitungen reparierte ...
(lacht) Das war sicher eher als witzige Anmerkung gemeint. Ich glaube,
es gab 'ne große sexuelle Anziehungskraft zwischen den beiden. Was sie
meint, ist sicher, dass er nicht lange bei einem sitzen geblieben ist
und zärtlich war, sich um einen gekümmert hat, einen bediente. In
der Art. Das vermutlich eher nicht. (...) Dass er mir
Schallplatten von sich und Blumen geschenkt hat, gefiel mir natürlich.
Aber als schönstes Geschenk empfand ich, dass er mit mir zusammen
durch die Straßen gezogen ist. Ich weiß noch, dass er dabei ziemlich
unanständige, witzige Sachen gesagt hat. Es machte Vergnügen, sich
auf seine Fantasien einzulassen, Und das, während wir aus einem
politischen Anlaß marschierten! Das hatte schon was sehr
Pikantes! Und war auch ein wenig surreal für das junge Mädchen, das
ich damals war ... Ich habe ihn herzlich und humorvoll erlebt. Ja...
Sie haben ihn in sehr liebevoller Erinnerung ...
Ja, durchaus.
Bringen Sie das zusammen mit diesem kämpferischen, agitatorischen Ton, den er in seinen Liedern anschlagen konnte?
Ja, weil er glaubwürdig war.. Ich hab ihn bei der Arbeit erlebt,
wo er um seine Texte, um seine Lieder kämpfte, um jede Nuance.
Auch politisch war er absolut glaubwürdig für mich.
„Ein Erdbeben“ - Die Suspendierung von der Schauspielschule
Wie kam es nun zu Ihrer Suspendierung von der Schauspielschule?
Christian Bleyhoeffer sagt, dass das ein großer Skandal gewesen sei ...
Ich habe ihn neulich zufällig getroffen, da hat er mir gesagt, das sei
wie ein Erdbeben in der Schule gewesen. Ich hab das damals gar nicht so
empfunden. Vielleicht war ich noch zu sehr mit mir und dieser
schwierigen Beziehung beschäftigt, die gerade zu Ende gegangen war. Ich
sprach kürzlich mit Lissy Tempelhof über unseren Rausschmiss.
Wir waren uns einig, dass hinter dieser Bestrafung Tete (Ernst Buschs
Lebensgefährtin; JV) steckte. Es soll einen Beschwerdebrief von ihr ans
Ministerium gegeben haben. Lissy Tempelhof hat mir sogar von einem
Forum erzählt, das es gegeben hat, wo sie vor einer Gruppe von
leitenden Mitarbeitern der Schule und von FDJ-Leuten niedergemacht
wurde. Ich kann mich daran überhaupt nicht erinnern. Entweder war ich
nicht dabei oder ich war in der Situation komplett introvertiert
und hab das kaum wahrgenommen. Ich glaube, der offizielle Grund für die
Disziplinarmaßnahme der Schulleitung war, dass wir Geld für die Proben
mit Busch genommen hatten. Solche Nebenjobs waren absolut untersagt.
Ich musste dann Ende '52 für ein Jahr „in die Produktion“, wie das
hieß, und habe in Dessau als Punktschweißerin in einer Fabrik für
Heizgasgeräte gearbeitet. Danach durfte ich zurück auf die Schule, mir
wurde ein halbes Jahr erlassen, bekam allerdings '54, als ich meinen
Abschluss machte, kein Diplom, sondern nur einen Zettel, auf dem
stand, dass ich die Schule von dann bis dann besucht habe. (...) Diese
ganze Geschichte wurde offenbar von den Mitschülern als Skandal erlebt.
Genau wie andere Geschichten, die in dieser Zeit Aufruhr verursacht
haben an der Schule. Da gab es zum Beispiel den Studenten Hartmut Reck.
Er war West-Berliner, man konnte damals ja noch hin und her, und
er kam eines Tages mit kahlgeschorenem Kopf in die Schule. Ein Zeichen
seiner Reue für irgendeine Unbotmäßigkeit, die man ihm vorgeworfen
hatte. So was hatte es nie zuvor gegeben, dass jemand, wie das
heute ja durchaus üblich ist, aus Protest mit 'ner Murmel ankam. Das
war ein Riesenskandal, Reck wurde suspendiert und durfte 'n
halbes Jahr nicht kommen.
Hätte der nicht 'ne Mütze aufsetzen können?
Genau das wollte er nicht. Er wollte quasi mit dem Kopf durch die Wand.
Ich meine zu erinnern, dass er im Deutschen Theater eine kleine Rolle
spielte. Was „naturgemäß“ verboten war. (...) Oder 1954: wir wurden zur gleichen Zeit schwanger, drei der
attraktivsten Mädchen von der Schule. Da gab 's einen Aufschrei, wir
waren im letzten Studienjahr und nun schwer vermittelbar. Es
wurde eine Riesenkonferenz einberufen mit dem Ergebnis, dass ein
Experte für Sexualverhalten geholt wurde, der uns einen Vortrag über
die Vorzüge des Verhüterlis hielt. Die Pille gab 's ja noch nicht. Wir
saßen da und haben gekräht: „Zu spät! Zu spät!“ (lacht) Ja,
daran ist dann auch mein direkter Einstieg in den Beruf
gescheitert. Ich hatte sehr schöne Angebote. Aber als ich dann sagen
mußte, dass ich schwanger bin und erst 'n paar Monate später anfangen
könnte, haben alle Interessenten sofort 'nen Rückzieher gemacht.
Herr Ruschin und Herr Wisten von der Volksbühne sagten: „Sie müssen das
verstehen, wir sind hier Vollmänner!“
Vollmänner? Was sollte das heißen?
Naja, dass sie potente Kerle sind und eine schwangere Blondine nicht
recht in ihr Konzept passte. Das ist die einzige Erklärung, die mir dazu
eingefallen ist in den letzten 50 Jahren. Die führenden Kader
suchten sich gern die attraktiven Blondinen aus. Damals wie heute.
Aber Sie waren doch eine attraktive Blondine.
Ja, aber schwanger. Ich bin erst mal drei Jahre
ausgestiegen, um meine Tochter bis zu ihrem dritten Lebensjahr zu
begleiten, und dann erst zurück ans Theater.
Entschuldigen Sie, wenn ich noch mal indiskret frage: War Verhütung ein Thema zwischen Ihnen und Busch?
Nein, merkwürdigerweise überhaupt nicht. Das hätte dumm laufen können,
wie man heute sagt. Ich war so naiv, dass ich fest der Meinung war,
wenn ich nicht will, werde ich auch nicht schwanger. Diese Idee hat
sich ja dann später als wenig tragfähig erwiesen (lacht) ...
„An die Ostsee gekarrt“ – Der Domprediger Karl Kleinschmidt
Haben Sie im Sommer '52 eigentlich auch Bekannte oder Freunde von Busch kennen gelernt?
Ich erinnere mich noch an Karl Kleinschmidt, er war Domprediger in
Schwerin. Busch hat in diesem Dom, so weit ich weiß, die
Weihnachtsgeschichte gelesen, es muss einen Mitschnitt davon geben. Ich
bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob ich dabei war oder ob ich das so
gespeichert habe. Ich weiß es wirklich nicht mehr. Es gibt doch Projektionen, die sind so intensiv, dass man nicht mehr
hundertprozentig unterscheiden kann zwischen Erzähltem und Erlebtem ...
Jedenfalls wollten Lissy und ich zu diesem Zeitpunkt an die Ostsee,
wir hatten wenig Geld, Busch hatte das gestöpselt und zu Kleinschmidt gesagt: „Du wohnst doch da oben, kannst Du den Mädchen
nicht helfen?“ Kleinschmidt sagte: „Ja, klar, wenn sie 's bis
Schwerin schaffen ...“ Wir sind dann da irgendwie hingefahren,
und von Schwerin aus hat uns der Kleinschmidt mit seinem Auto an die
Ostsee gekarrt. Mir war gar nicht bewußt, wie außerordentlich das war.
Sind Sie mit Lissy Tempelhof heute noch befreundet?
Ja, wir haben sozusagen lebenslänglich miteinander. Das Verhältnis hat
sich über die Jahrzehnte immer wieder verändert, aber stets gehalten.
Wie ist die Geschichte mit Busch ausgegangen? Hat er irgendwann Schluss gemacht?
Ich denke, die Kräfte, die bei ihm zu Hause wirkten, haben sich durchgesetzt.
Haben Sie Tete mal kennengelernt?
Nein. Ich habe nur später die Todesanzeige gelesen. „Margarete Körting“ stand da, und in Klammern dahinter: Tete.
Haben Sie so etwas wie Eifersucht empfunden ihr gegenüber?
Das konnte ich nicht ... Es stand mir nicht zu, so empfand
ich. Sehen Sie, daran erinnere ich mich jetzt doch: Er hat mir mal
erzählt, dass er so krank war, als er aus dem Zuchthaus Brandenburg kam,
und dass Tete ihn unter unglaublichen Mühen und Opfern, wie er sagte,
aufgepäppelt und wieder gesund gepflegt hat. Und dass er sie deswegen
unmöglich verlassen könnte ...
... und dass er vor allem auch aus Dankbarkeit noch mit ihr zusammen war?
Ja. Deswegen war ich auch nicht eifersüchtig. Ich hatte den
allergrößten Respekt vor dieser Frau. Die Gelegenheit zu dieser
Leistung, die habe ich ihr vielleicht geneidet, ja ... Ich
weiß nicht, wie sich die Zwei kennen und lieben gelernt haben ... Wie
alles zusammenhing, weiß ich nicht.
„Mit Telegrammen attackiert“ – Das Ende der Beziehung mit Busch
Hat Busch sich von heute auf morgen nicht mehr bei Ihnen gemeldet?
Er hat sich nicht mehr gemeldet. Ich hab ihn noch attackiert mit
Telegrammen, die ich ihm in seine Wohnung geschickt habe und sogar in
seinen Ferienort an der Ostsee. Ich wusste damals, wo er Urlaub
machte. Ich dachte, wenn ich als Adresse „Ernst Busch“ schreibe und
den Ort, dann würde das genügen. (...) Ich stand in dieser Zeit
absolut unter Strom, das war 'ne Horrorsituation für mich: so ganz
ohnmächtig zurück zu bleiben ohne zu wissen, was sein wird.
Waren Sie sauer auf ihn?
Ich weiß nicht, ob ich sauer war. Verzweifelt und ohnmächtig war ich.
Sie waren damals 18 Jahre alt. Haben Sie überlegt, sich etwas anzutun?
Nein.
Haben Sie nach den Ferien noch mal versucht, ihn im Theater zu treffen oder ihm Nachrichten zukommen zu lassen?
Nein, nie mehr.
Das heißt, nach den Theaterferien war das Ganze für Sie beendet ...
Ja, absolut.
Haben Sie sich seine Platten später noch anhören können?
Nein. Ich wusste bis vor kurzem nicht mal mehr, dass ich die noch habe. Aber als sie kürzlich anriefen, habe ich in
eine meiner Kisten geschaut und entdeckte sie. Ich muss das alles
sehr in mir vergraben haben ...
Welche Musik haben Sie ansonsten gerne gehört, als Sie auf der Schauspielschule waren?
Ich hörte die Musik, die aus dem Radio kam. Aber meine Liebe
galt schon damals den alten Meistern. Ich hab die Carmina Burana
gehört, als Scherchen zurückkam aus Amerika und die erste Aufführung
machte. Ich ging zum Neujahrskonzert, wenn Beethovens Neunte von
Abendroth dirigiert wurde. Das war, wohin es mich zog. Ich mochte
auch große Aufführungen von Kirchenmusiken, Oratorien ... Ich
tanzte nicht. Ich war kein Mensch, der diesen Brauch
schätzte. Ich bin einmal, da war ich sehr jung, zum Tanzen gegangen,
und nachdem mir klar wurde, dass man aufgefordert wird als Mädchen und
nicht selber die Wahl hat, bin ich nicht mehr hingegangen. Jedes Mal
die Kraft aufzubringen und Nein zu sagen – das war nicht mein Ding. Auf
der Schule, na gut, da haben wir schon manchmal getanzt bei Festen ...
Haben Sie Busch eigentlich noch mal wieder gesehen?
Ja, einmal. Ich war zu seinem 75. Geburtstag in seinem Haus in der
Leonard-Frank-Straße in Pankow. Da war ein Kommen und Gehen, das war
wie Jahrmarkt. Er war dann sehr streng mit seinen Gästen: Mittags
war Schluss, weil er sich dann ausruhen musste. Er war gesundheitlich
schon angegriffen, hatte sich den Vormittag verausgabt, unentwegt
Platten und Bänder abgespielt und Hände geschüttelt.
„Naaaa, was wollt Ihr alle hier?!“ Ich weiß bis heute nicht, ob er mich
erkannt hat. Er hat ab und zu so merkwürdig zu mir rübergelächelt,
aber ich hatte keine Ahnung, was da in ihm vorging. (...) Auf der Bühne
habe ich ihn noch ein paar Mal gesehen. Unvergessen ist mir der
Galilei. Diese Aufführung hatte für mich eine große
Strahlkraft. Mit dem Stück und der Besetzung Busch – da entstand sicher
sehr bewusst eine Deckungsgleichheit der Biographien. Diese
wunderbare Sturheit und Gelassenheit, aus der heraus er mit und als
Galilei sagt: „Und sie bewegt sich doch!“ Das war erschütternd. Die
Weisheit eines verletzten Menschen, der Zweifel an dessen Wissen und
Erkenntnissen – das war Busch, das war auch sein Leben, sein Konflikt
mit der Partei!. Der würdevolle verletzte Mensch, der da
oben auf der Bühne stand ... wenn der schweigt, also
am Schluss schweigend isst, dann ist das Ausdruck von Widerstand. Ein
stiller, starker Widerstand. (...) Etliche Theater-Fachleute hatten
nicht
erwartet, dass er das darstellen kann: diesen großen wissenschaftlichen
Geist gepaart mit Güte und Weisheit, aber auch unbeugsamer
Zähigkeit, der da sagt: „Und sie bewegt sich doch!“ – Phänomenal! Das
waren Sternstunden des Theaters ... (...)
Hat Busch Sie zum Lachen gebracht?
Zum Schmunzeln, würde ich eher sagen. Zum Lachen war ich, jedenfalls
bei unseren privaten Begegnungen, zu angespannt. Das war ja auch, was
mich sehr unglücklich gemacht hat, dass ich mich nicht präsentieren
konnte als die, die ich damals meinte zu sein. Deswegen konnte ich das
Zusammensein nur halb genießen. Ich musste das nach unseren –
wenigen – Begegnungen erst für mich bearbeiten. Das ist
wahrscheinlich auch der Grund, warum ich das Erlebte so heftig
verdrängt habe ... Weil ich es gerne anders gelebt hätte.
Haben Sie der Beziehung jemals 'ne Chance gegeben?
Nein. Nie. (...)
War Busch impulsiv und aufbrausend?
Das sagen viele. Ich hab das nicht erlebt. Ungeduldig: ja, um Qualität
und um einen spezifischen Ausdruck bemüht: sicher. Das hab ich auf
diesen musikalischen Proben mitbekommen, aber er war da ungeduldig mit
sich selber oder auch mit den anderen Beteiligten. Aber
Aufbrausend-Sein im negativen Sinn war das nicht. Schöpferische
Ungeduld könnte man das nennen. (...)
„Heute ist man stolz auf mich!“ – Verhältnis zur Schauspielschule
Lassen Sie uns noch mal kurz über Ihre Schauspielschule sprechen. Sie
haben vorhin erzählt, dass Sie, als Sie '54 fertig mit der Schule
waren, zur Strafe kein Diplom bekommen haben. Hat man Sie eigentlich
zum 100jährigen Jubiläum der Schauspielschule eingeladen?
Ja, natürlich.
Da saßen Sie dann in der ersten Reihe?
Ja, ja. (lacht) Heute ist man stolz auf mich. Lachen muss ich
auch über die Geschichte der Angelika Waller, eine sehr
namhafte Schauspielerin zu DDR-Zeiten im Film und am BE. Heute lehrt
sie an der Ernst-Busch-Schule und ist eine der herausragenden
Fachfrauen dort. Professorin für Schauspielkunst. Ausgerechnet sie hat
damals die Aufnahmeprüfung an der Schule nicht bestanden ...
Sie haben sich auch vor einigen Jahren als Journalistin erneut mit
Ihrer alten Schule beschäftigt. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie
nach dem Buchhandel und der Schauspielerei diesen dritten Berufsweg
eingeschlagen und angefangen zu schreiben haben?
Was an der Schule in all den Jahren los war, wusste ich eigentlich
immer, weil ich auch zu DDR-Zeiten Kontakt zu den Dozenten hatte und
über manche auch Porträts für die
Weltbühne geschrieben habe. Ja, wie
kam ich zum Schreiben? Das war '61, '62, '63 – ich war gerade als
Schauspielerin am Deutschen Theater engagiert worden, es gab durch den
Bau der Mauer Vakanzen, denn etliche Schauspieler, die
West-Berliner waren, durften nun nicht mehr im Osten arbeiten.
Damals war Benno Besson am Deutschen Theater, er machte diese
berühmte-berüchtigte Inszenierung „Die Sorgen und die Macht“ von
Peter Hacks. Das war auch so 'n politischer Eklat in der DDR, weil
da sehr kritisch mit dem Verhältnis Staat-Regierung- Arbeiterklasse
umgegangen wurde. Ich war mit einer kleinen Rolle besetzt und Benno
Besson hatte mitgekriegt, dass ich mich nebenbei bei Jean
Villain, dem Schweizer Publizisten, der für die
Weltbühne schrieb, mit
literarischer Reportage beschäftigte. Besson sagte damals zu mir:
„Tanze nicht auf zwei Hochzeiten!“ - „Sonst geht es dir
am Ende wie dem Esel zwischen zwei Heuhaufen, am Ende verhungerst du,
weil du dich nicht entscheiden kannst!“ Und da meine Position am
Deutschen Theater ohnehin noch wenig profiliert war und ich Lust hatte
„Ich“ zu sagen, habe ich mich fürs Schreiben entschieden.
„Nu' is' aber genug!“ – Karriere als Journalistin und Fernseh-Autorin
Hatten Sie nicht das Gefühl, eine Karriere weg zu werfen?
Nein, nie. Das hatte ich in meinem ganzen Leben nicht. Es ist überhaupt
phantastisch, wie die Teile meiner Ausbildungen später zusammen
paßten ... Es war nicht einfach, aber mir ist viel von dem
zugeflogen, worum andere ein Leben lang streben, um an diese Stelle
oder jenen Platz zu kommen. Es kam immer das rechte Ding zur rechten
Zeit. Ich hatte damals gleich einen aufregenden
Einstieg, hatte mein erstes Fernsehspiel geschrieben, was sehr
erfolgreich war. Und da meinte die Leitung des Deutschen Theaters:
„Nu' is' aber genug!“ Mein Mann fand mich völlig
übergeschnappt, er hat gedacht, er hat 'ne Hochstaplerin geheiratet
und sagte damals: „Wie kommst du denn dazu? Du kannst das doch
überhaupt nicht!“ Ich dachte, das stimmt eigentlich. ich
hatte ja wirklich keine fundierte Basis. Also habe ich dieses
Fernstudium an der Leipziger Hochschule für Journalistik angefangen, da
hat mir aber ein Jahr vollkommen gereicht: Wir haben dort Stilistik
anhand der Texte von Clara Zetkin gelernt! Ich meine, sie war eine
wunderbare Frau, 'ne tolle Politikerin, aber Schreiben ... Man hätte
Stilistik anhand der Texte von Rosa Luxemburg lernen können, aber
sie war ja ..., ihre Arbeiten gehörten auch zu den Reizthemen, die in der
DDR zu vermeiden waren.
Und die Reportagen und Feuilletons von Kisch und Tucholsky?
Die haben wir uns dann bei Jean Villain vorgenommen. Er wurde von
der
Neuen Berliner Illustrierten angeheuert, das war die einzige
Illustrierte in der DDR, und Villain sollte Nachwuchs ausbilden für
die Literarische Reportage im Sinne von Kisch. Diese Form sollte wieder
belebt werden, um gesellschaftliche Prozesse in der DDR aufzudecken,
kritisch zu begleiten. Das geschah in der sogenannten Tauwetter-Periode. Alle Reportagen, die wir in diesem Kurs entwickelt
haben, sind gleich in der NBI publiziert worden. Wir waren sehr erfolgreich. Wir, das waren: Landolf Scherzer, Klaus
Schlesinger und ich. Der Erfolg war bemerkenswert, aber kurz. Ende des
„Tauwetters“, Ende der Literarischen Reportage. Ich arbeitete danach
mehr als ein Jahrzehnt für
Die Weltbühne. Dort konnte man noch bis
circa 1980 „Ich“ sagen in der Berichterstattung.
Waren Sie in der SED?
Nee, nie. Nicht mal in der Gewerkschaft. Das war möglich, weil mein
Status „Freischaffende“ mir erlaubte, mich jedem ideologischen Druck
entziehen zu können. Ich hatte durch meine Themenwahl auch das Glück,
reisen zu können. Ich war als Reporterin in Mittelasien, in
Indien und überall in Europa... Ein Wunder. So dachte ich.
Gerade dieser Status des Freischaffenden muss doch in der DDR suspekt gewesen sein ...
Ja, sicher. Aber diese Möglichkeit entsprang purer Taktik der leitenden
Gremien der Printmedien und des Fernsehens. Ich habe das später in
meiner Akte nachgelesen. Damit wurde sozusagen ausgestellt:
„Guckt mal, wie goßzügig und weltoffen wir sind! Wir lassen eine
Parteilose durch die Welt reisen!“ Nur ich hab das damals nicht
durchschaut, dieses Prinzip. Ich hab auch erst viel später erfahren,
dass die Fernsehfilme, die ich geschrieben hatte, in 80 Länder verkauft
wurden. Ich wurde daran nicht finanziell beteiligt! Wir wurden zum
Beispiel in Schweden und in der Schweiz mit Preisen ausgezeichnet. Das
hat man
uns, der Regisseurin und mir, nicht mitgeteilt. Wir wurden zu einer
Diskussion über unsere Arbeit „Die Gesetzesfalle“ vom ZDF eingeladen.
Die Produktion hatte dort die Auszeichnung „Fernsehspiel des Monats“
erhalten. Wir erfuhren das nicht offiziell, durften nicht reisen,
wurden verleugnet, „Nein, Frau Dessau ist gerade im Ausland, die
Regisseurin ist auch nicht da, die ist unabkömmlich.“
„Nitroglyzerin, das auf den Boden tropft“ – Problematische Texte
Fürs Fernsehen zu schreiben, war zu dieser Zeit längst Ihre Hauptbeschäftigung ...
Ja, seit Ende der 60er Jahre habe ich das hauptsächlich gemacht, 90
Prozent meiner Arbeit würde ich sagen. Ich schrieb für die
Weltbühne, habe zwischendurch
Features für den Rundfunk gemacht, mal ein Hörspiel geschrieben. Es ist
nicht alles realisiert
worden. Beim Fernsehen hat man zum Beispiel von 1980 bis 1990
kein Drehbuch von mir verfilmt. Damals durchschaute ich nicht, was da
gegen mich lief, weil ich permanent - stets freischaffend! -
beschäftigt
war. Wenn ich gesagt habe „Ich will jetzt an dem und dem Stoff
arbeiten“, hieß es: „Ja, wunderbar, mach das!“. Ich hab 'nen Vertrag
gekriegt und angefangen zu arbeiten. Und alles, was ich schrieb -(über
Mühsam, die Luxemburg, eine erfolgreiche Physikerin, das Schicksal der
Kinder vom Bullenhuser Damm), fanden sie dann irgendwie suspekt.
(lacht) Meine Sachen seien „wie Nitroglyzerin, das auf den Boden
tropft“. Aber ich war nicht bereit, meine Texte substantiell zu
verändern. Ja, und dann wurde mir gesagt: „Hm, das machen wir später,
jetzt hat der Thälmann-Film Vorrang ... – Das war auch eine makabre,
aber zeichenhafte Situation: Irgendwann in den 80ern hat ein
Leitungsteam Fernsehen bei mir in der Küche gesessen und mich bekniet,
diesen Thälmann-Film zu schreiben, der Nationalpreis wäre mir sicher.
Da gab 's noch gar nichts außer der Idee. (...)
Wie haben Sie sich verhalten?
Ich wollte das nicht. Ich hatte gerade meinen Rosa Luxemburg-Film
geschrieben. Und nach dem, was ich mit diesem Stoff erlebt hatte, hab
ich ganz klipp und klar gesagt: Ich bringe Thälmann nicht ein zweites
Mal um!
Was hatten Sie mit dem Rosa Luxemburg-Stoff erlebt?
Na, dass sie gesagt haben: „Das ist nicht unsere Rosa!“ Und wenn es
hieß „Das ist nicht unsere ...“, dann war eine Sache gestorben. Es
durfte nicht sein, dass man einen eigenen Blick auf eine Geschichte
oder eine historische Figur hatte. Dass ich so viele
historische Figuren genutzt habe, hatte ja den Grund, dass sie nicht so
leicht durchschauten, was ich mit dieser Geschichte aus der
Vergangenheit über die Gegenwart erzählen wollte. Da waren sie manchmal nicht clever genug.
Bei Thälmann hätten sie dann gesagt: „Das ist nicht unser Teddy!“
Ja. „Das ist nicht unser Teddy!“ – Auch die Umstände seines Todes, dass
die Russen sich geweigert haben, ihm zu helfen, das wäre alles
verschwiegen worden und wurde auch alles verschwiegen.
Obwohl das längst Stand der Forschung war ...
Ja, sicher wusste man das. Aber das machte man nicht öffentlich, und schon gar nicht in einem Film.
Eigentlich albern.
Nein, Geschichtsfälschung! Albern – das trifft´s nicht. Wenn ich mich
an meine ersten Lesungen in Westberlin und Westdeutschland mit
Prosa-Arbeiten von vor zehn Jahren erinnere, da hab ich den Leuten
erzählt, dass dieses und jenes in der DDR nicht erscheinen durfte aus
diesen und jenen Gründen. Das hat im Publikum kaum jemand verstanden.
Ein Zuhörer fragte mich: „Was ist denn daran brisant?“ Das ist nicht
nachvollziehbar, das ist eigentlich zum Lachen heute – damals war 's
zum Totlachen. Und ich konnte mir diese Haltung „Nein“ zu einem
Angebot zu sagen, locker leisten, weil mein Mann gut
verdienender Schauspieler am Maxim Gorki Theater war und es bei uns
keine Brotnot gab. Er hat immer gesagt: „Einer in der Familie soll
wenigstens machen, was er will.“
Hat er nicht gemacht, was er wollte?
Naja, als fest Angestellter am Theater musste er schon manchmal in
Gegenwarts-Stücken 'nen Parteisekretär oder Gewerkschaftsfunktionär mit
irgend 'nem tönernen Text spielen. (...) Ich habe 1980 auch aufgehört,
für die
Weltbühne zu schreiben. Hermann
Budzislawski, der Chefredakteur, den ich noch von meinem Leipziger
Studium kannte, er war damals Dekan, wurde abgelöst durch
Peter Theek. Und plötzlich lag das Blatt, das bis dahin das freieste
war in diesem Land, in dem man wirklich „Ich“ sagen und seine Meinung
schreiben konnte, absolut auf Parteilinie. Auf einmal wurden Texte
ohne Rückfragen umgeschrieben: Ich las dann einen Beitrag von mir, bei
dem die Aussage komplett auf den Kopf gestellt worden war. Da hab ich
gesagt: „Gut, dann eben nicht mehr.“ (...)
Waren Sie enttäuscht, dass Ihr Radius eingeschränkt wurde?
Sicher gab es Enttäuschungen. Gerade beim Fernsehen: Ich hab zum
Beispiel die Biografie einer Frau verarbeitet, die Widerstandskämpferin
in der „Roten Kapelle“ und verfolgt war während des Faschismus. Ich
habe also ihre Biografie nutzend und verschiedene Ereignisse
verbindend eine fiktive Geschichte fürs Fernsehen geschrieben. Diese Frau war dann empört, weil ich ihre Figur anders weiter
führte, als ihr Lebensweg verlief. Der Film war aber – wie
gesagt - als Fiktion gekennzeichnet, es hieß: „Nach der
Lebensgeschichte von Frau Sowieso.“ Sie ist dann zur
Parteileitung gegangen und hat sich dort beklagt, daß mir politisch
nicht zu trauen sei und ich bei Diskussionen mit Jugendlichen in
unserem Wohngebiet ...
Was für Diskussionen hatten Sie denn mit Jugendlichen geführt?
Man hat mir sozusagen unterstellt, dass ich die jungen Menschen gegen
den Staat aufhetzen wüde, weil ich sie ermunterte, in der Schule sich
nicht als Schafe im Lernprozeß zu verhalten, sondern offen ihre Meinung
zu sagen. Dass viel Ungemach daher rührt, dass wir keine Zivilcourage
zeigen. Es waren Schüler, vielleicht zehnte Klasse, also etwa 16 Jahre
alt, die zu mir kamen, und mich fragten, wie sie sich verhalten sollten:
Sie seien in der Schule dazu verurteilt zu lügen, dann sei ihnen eine
gute Zensur sicher. Die hatten Fernseharbeiten von mir gesehen und offenbar den Eindruck von Integrität gewonnen ...
Nach der Wende haben Sie eine weitere Karriere gestartet, und zwar als Buchautorin ...
Ja. Im Rückblick auf mein Arbeitsleben war ich versöhnt, dass
ich so viele Arbeiten öffentlich hatte machen können. Ich konnte mir
nicht vorstellen, weiterhin Gelegenheit zur Publikation zu haben. Jetzt
bist du Ende 50, dachte ich, auch gut, das war´s dann eben und schrieb
trotzdem weiter. Es lief ganz anders, plötzlich und überraschend. Eine
Abteilung beim Fischer-Verlag, zu welcher ich ein Manuskript
geschickt hatte, weil ihr Leitmotiv „Frau in der Gesellschaft“ hieß,
hatte meinen Text zur Veröffentlichung vorgeschlagen. Die zuständige
Redakteurin hatte jeden Monat 400 Manuskripte auf 'm Schreibtisch
liegen. Sie konnte im Jahr lediglich zwölf Bücher machen, also quasi
jeden Monat eins auswählen. Und ich kannte niemanden beim Verlag. Ich
dachte wegen dieses Frauen-Labels passen meine Geschichten über
historische Frauen gut rein. Die Redakteurin, Frau Ingeborg Mues, hat
das tatsächlich rausgefischt. Das erste Buch hieß „Spurensuche“,
und dann ging das so weiter: Immer wenn ich ein Manuskript
abgeschlossen hatte, hat sie 's herausgegeben. Einfach so: „Abschied
von Buddenhagen" und „Anna tanzt“, “Spurensuche“, drei oder vier
Bücher
waren es. Ich hab damit kein Geld verdient, aber das war
nicht entscheidend, ich hatte ja meine klitzekleine Rente. Wir
Freischaffende aus DDR-Zeiten erhalten nur die Hälfte unseres
erarbeiteten Geldes. So ist es „im Vereinigungsvertrag
festgeschrieben“,
lautet die Begründung. Ich hab dann angefangen, eine Fernsehserie im
Auftrag eines namhaften West-Berliner Produzenten zu schreiben, damals.
Das war das einzige Mal in meinem Leben, wo ich richtig dicke
Kohle verdient habe, als ich für diese Firma Serie geschrieben habe
...
Was denn für 'ne Serie?
„Frauenarzt Dr. Markus Merthin“ (lacht) – die stammt von mir. Da lebe ich heute noch von!
Wer hat den gespielt, den Frauenarzt?
Ach, dieser schöne Softie, der in der Schwarzwaldklinik den Sohn gespielt hat ...
Nein! Sascha Hehn?
Genau, Sascha Hehn.
Das ist ja grauenhaft.
Furchtbar! Aber das weiß man ja nicht beim Schreiben. Ich schrieb den
Pilotfilm und vier weitere Teile, dann wurde ich schmerzhaft
ausgebootet. Es fing damit an, dass der Produzent dauernd
reinredete, so ähnlich wie beim DDR-Fernsehen, da hat stets die
Parteileitung reingeredet. Ich sagte einmal kühnerweise zu dem
Produzenten: „Also, das kenn ich nun zur Genüge. Damals hat mich die
politische Macht zu manipulieren versucht, heute ist es die Geldmacht.
Das will ich nun nicht mehr!“ Da haben sie mich nicht mehr beschäftigt.
Ich fand das dann auch gut, weil ich merkte: Das wär mir nicht
bekommen auf Dauer - hat man erst mal so richtig Geld im Beutel,
möchte man das nicht mehr missen. (lacht) (...) Das versaut einen ...
Ich hab für meine Verhältnisse gut verdient, für jeden Teil hab ich
20.000 D-Mark gekriegt, und so ein Teil musste ich innerhalb von 14
Tagen liefern. Das ging alles unglaublich schnell, schrummmm, immer
raus, immer raus – alles, was ich an Geschichten gehortet hatte in mir.
Wie ein Ausverkauf. (lacht) Wie Sie nun wissen, habe ich mich
davon wieder erholt.
Interview: Jochen Voit
Foto: Marie Alice Bahra
(Textfassung autorisiert von Anne Dessau am 4. März 2006)
Letztes Update 29.05.2008 | Copyright© Jochen Voit 2005 |

|
