Christian Bleyhoeffer
über seine Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Berlin in den 50er Jahren und drei für ihn prägende Begegnungen mit Ernst Busch
„Er wollte immer populär sein, das heißt: immer verständlich sein!"
(Gespräch am 28. Juni 2004 in Berlin)
Christian Bleyhoeffer ist Jahrgang 1933. Bei Hannover geboren wächst er
ab seinem dritten Lebensjahr in Berlin auf. Da seine Mutter Lieselotte
Bleyhoeffer Schauspielerin
ist, kommt er früh in Kontakt mit dem Theater. Er steht bereits als
Kind auf der Bühne, ist ab 1945 Sprecher für Film und Rundfunk. Von
1952 bis 1955 ist er Student an der Staatlichen Schauspielschule in
Berlin (die später nach Ernst Busch benannt werden wird), „um das
Handwerk zu lernen“, wie er heute sagt. Danach arbeitet er als
Schauspieler und Regisseur an verschiedenen Theatern der DDR,
assistiert am Berliner Ensemble bei Manfred Wekwerth und Dario Fo und
lehrt an der Dépendance der Berliner Schauspielschule
in Rostock. Seit 1964 ist er Mitglied der SED, tritt allerdings 1987
wieder aus. Seine Theaterinszenierungen werden in der DDR zum Teil
verboten und man gestattet ihm nicht, in der Bundesrepublik zu
inszenieren. Seit der Wiedervereinigung arbeitet Christian Bleyhoeffer
vor allem als Regisseur und Dozent.
Jochen Voit: Wie kam es, dass Sie in den 50er Jahren von West- nach Ost-Berlin gegangen sind?
Christian Bleyhoeffer: Meine Mutter arbeitete im Osten am Theater. Und
für West-Berliner, die im Osten arbeiteten, gab 's damals einen
Umtausch: Im Osten bekam man ja Ost-Geld, was dann vom Senat eins zu
eins, 60 %, in West-Geld umgetauscht wurde. Denn man musste ja zum
Beispiel seine Miete bezahlen. (...) Meine Mutter hatte 'nen festen
Vertrag mit dem Theater und bekam monatliche Gage. Und auf einmal wurde
die nicht mehr umgetauscht – das betraf mal dieses Theater, mal jenes.
(...) Ich weiß nicht im Einzelnen, welche politischen Umstände da im
Spiel waren, wenn die Gelder gesperrt wurden. Aber es konnte passieren,
dass man drei oder vier Monate kein West-Geld bekam. Und damals waren
die Umtauschquoten zwischen eins zu sechs und eins zu zehn, also für
zehn Ost-Mark bekam man eine West-Mark. Irgendwann konnte meine Mutter
dann die Miete nicht mehr bezahlen. Und als sie eine Wohnung in
Ost-Berlin angeboten bekam, sind wir rübergezogen. Das war alles kein
Problem, weil man ja hin und her konnte. Ich hatte ja meine ganzen
Freunde, Bekannten und Verwandten in West-Berlin. Aber es war 'ne
schöne Wohnung und die war bezahlbar.
War Ihnen die politische Tragweite dieser Entscheidung bewusst?
Nein. Es änderte sich ja nicht viel. Ich arbeitete weiter im RIAS,
machte weiter mein Synchron auch im Westen. Bis ich dann auf die
Busch-Schule ging ...- also die hieß damals noch nicht Buschschule,
sondern Staatliche Schauspielschule Berlin.
Was haben Sie beim RIAS gemacht? Sprecher?
Ja, Kindersprecher und jugendlicher Sprecher im Hörspielbereich. Ich
war einer der ersten Sprecher als „RIAS-Kind“ bei „Onkel Tobias“. Aber
die Arbeit war sehr vielfältig. (...)
Ab wann gingen Sie auf die Schauspielschule?
Ab 1952.
„Sie war schon eine sehr begehrenswerte Schule!“
Hatte die Schule damals auch schon diesen guten Ruf?
Sie hatte noch nicht diesen sehr guten Ruf, den sie später hatte und
den sie jetzt noch hat. Aber sie war schon eine sehr begehrenswerte
Schule. Heute gibt es natürlich andere Schauspiel-Erkenntnisse, andere
Lehrmethoden – das ist sicherlich besser als damals. Aber wir hatten
schon auch sehr gute Dozenten.
Gab es Schauspieler, an denen man sich im Unterricht orientiert hat? Vorbilder sozusagen?
Ja. Es war gang und gäbe, dass man sich alte Filmaufnahmen ansah. Es
gab Schauspieler, an denen man sich orientiert hat. Das war zum
Beispiel Willy A. Kleinau, das war auch Ernst Busch.
Wurden auch Theaterbesuche von der Schule organisiert?
Nein, das brauchte man nicht. Man ging ins Theater. Das kostete für
Studenten 50 Pfennig. Und ich war sehr sehr viel im Theater. Es gab
dann allerdings eine Zeit, da wurde es nicht gern gesehen, wenn man ins
Brecht-Ensemble ging; '52, '53 war das, '54 wurde es schon anders. Das
hatte auch mit Stanislawskij zu tun. '53 war ja die große
Stanislawskij-Konferenz, und die einen waren für ihn, die anderen gegen
ihn. Stanislawskij war eben russisch, und dieses Durchdrücken eines
russischen Geschmackes, was immer das auch sein sollte, dieser
stalinistische Naturalismus, der auch gelehrt wurde, das war schon ganz
schön schlimm.
Wofür stand Stanislawskij?
Er war einer der ersten Regisseure des 19. Jahrhunderts, der eine
durchdachte wissenschaftliche Arbeit für den Schauspieler geleistet
hat. Seine große Zeit war die Zeit von Tschechow, von Ibsen. Also der
beginnende Realismus beziehungsweise Naturalismus. Und die Genauigkeit
ist was Wunderbares: zu fragen, warum einer so dasitzt und warum einer
so spricht. Hier wurde sowohl geschichtlich eingeordnet, als auch
biografisch und charakterologisch; das Schauspiel wurde
interpretierfähig. Das war gegenüber den alten Barden, die wussten,
dass eine Königin so und nicht anders dazusitzen hat, ein großer
Fortschritt. (...) Das Übertriebene, das Opernsängerhafte sollte
verschwinden. (...) Und damit war Stanislawskij ein sehr angefeindeter
und gleichzeitig sehr begeistert aufgenommener Mann. Dann hat man einen
großen Fehler gemacht ...Ich habe schon sehr früh von Stanislawskij
gehört, da war ich sieben Jahre alt. Meine Mutter hatte das Buch „Die
Arbeit des Schauspielers an sich selbst“. Naja, da hab ich, dann öfter
drin rumgeblättert. Es ist wirklich gut – aber was wurde gemacht? In
der DDR wurde es zum Standardwerk erhoben. Und was macht man, wenn man
in der Schule gezwungen wird, etwas zu lesen? Man liest es nicht.
Da kommt dieser natürliche Trotz. (...) Und das Brecht-Theater war für
uns etwas sehr Neues, nicht immer Begeisterndes, weil es auch sehr
ernüchternd sein konnte. Es schien etwas zu fehlen, also
Klassikeraufführungen am Deutschen Theater waren schon etwas anderes,
aber Brecht war für uns prägend.
Wie verhält sich Stanislawskij zu Brecht?
Das waren Gegensätze. Stanislawskij ist zwar bereits 1938 gestorben,
aber die Auswirkungen seiner Lehre waren noch deutlich zu spüren. (...)
Er hatte viele Jünger, die das zum Teil sehr streng ausgelegt haben,
hinzu kamen schlechte Übersetzungen. (...) In meiner Ausbildung gab es
aber mitunter beides: Es kamen auch Lehrer zu uns, Schauspieler und
Regisseure, die klar zu Brecht tendierten. Die haben uns auch
dementsprechend unterrichtet. Und wir gingen, privat jedenfalls, ins
BE. Wir hatten Wissenschaftsdozenten wie Heinar Kipphardt, Götz
Friedrich und Wolfgang Langhoff, die diese Linie vertraten und auch
liebten. Wobei Langhoffs Ansatz fast so ein Zwischending zwischen
Brechts und Stanislawskijs Lehre war.
Wo lag denn der größte Gegensatz zwischen Brecht und Stanislawskij?
Sie waren sich nicht einig in den Grundanschauungen. Für Stanislawskij
spielte der Begriff des Charakters eine große Rolle, der für Brecht
keine Rolle spielte. Für den kam es auf die Frage der Haltung an und
auf die Verhaltensweise eines Menschen in bestimmten Umständen. Also:
Die Figur war immer eingeordnet in das Ensemble gesellschaftlicher
Kräfte. Bei Stanislawskij war es, sagen wir mal, Gefühltheater, starkes
echtes Gefühl. Was wichtig zu seiner Zeit war, also um 1890, weil da
eben ein, aus heutiger Sicht, schlimmes Theater gespielt wurde. (...)
Bei Brecht ging es immer auch um die Zeit. Typisch für ihn ist, was
auch bei „Mutter Courage“ am Anfang steht: Wann es spielt, wo es
spielt, wie die Umstände sind.
Gehört das auch zum Lehrhaften bei Brecht?
Ja. Aber bei allem Didaktischen war Brecht, glaube ich, ein großer
Spieler. Das gilt übrigens auch für Manfred Wekwerth, dem man auch
zuschrieb, dass er didaktisch sei. Ich habe ihn bei der Arbeit anders
kennengelernt; der war manchmal nicht zu halten, weil er selbst auf die
Bühne gehen und vorspielen wollte. Das ist interpretatorisch oft
subjektiv. Aber das ist der grundlegende Unterschied. Leider wurde das
in der DDR hochstilisiert, da gab es die Stanislawskij-Dogmatiker, und
das kam ja auch aus dem großen Russenland ... Und Brecht war ja nun
auch in den USA gewesen - war der überhaupt Kommunist? Es war
kompliziert mit ihm. Sein größter Trick ist ja gewesen, dass eben die
Helene Weigel als eingetragene Intendantin das Berliner Ensemble geführt
hat und nicht er. Das war ein geschickter Schachzug. Aber wenn man das
Ganze mal zurückverfolgt: Natürlich kannte Brecht in den 20er Jahren
seinen Stanislawskij – ich weiß nicht, ob sie sich persönlich kannten.
Die Gastspiele des Moskauer Künstlertheaters mit den
Stanislawskij-Inszenierungen haben ja in Deutschland
Riesenbeifallsstürme ausgelöst, wenn man den Kritiken glauben darf. Das
war damals noch was Neues. (...) Die Weiterentwicklung fand dann in den
USA statt bei Strasberg. (...)
„Ich hatte drei für mich wesentliche Begegnungen mit Busch.“
Welche Rolle hat nun Ernst Busch für Sie gespielt? Haben Sie ihn erst an der Schauspielschule wahrgenommen oder schon früher?
Schon früher. Ich hatte, wenn ich 's mal kategorisiere, drei für mich
wesentliche Begegnungen mit Busch. Bei der ersten war ich 12 Jahre alt,
das war kurz nach dem Kriege im Künstlerklub Die Möwe. Ich erinnere
mich noch, dass ich mit meiner Mutter dorthin ging. Die Möwe war in der
Luisenstraße, die Russen hatten diese Einrichtung gegründet und nach
Tschechows Stück benannt. In der Anfangszeit war das auch ein Hort für
hungernde Künstler. (...) Da sah ich einen Mann, der mit 'nem
merkwürdigen, heute würde man vielleicht sagen: Trenchcoat rumlief und
'ner Baskenmütze auf, und ich weiß noch, dass ich dachte: Was will denn
der hier in einem Künstlerklub? Der sieht ja aus wie 'n Kumpel aus 'm
Werk. Und dann hörte ich und sah ich, dass der sehr allgemein geachtet
schien und dann wurde mir gesagt, wer das ist. (...) Dann bemerkte ich
auf einmal die Stimme, dieses Metall in der Stimme. Dieses
Durchdringende hatte seine Stimme nicht nur, wenn er sang. Das war
nicht nur angreiferisch, er konnte auch ganz zart dabei sein. Und die
Begegnung war jetzt, dass er zu uns kam und mit meiner Mutter sprach,
die ihn schon kannte, weil sie in einem Stück mitarbeitete, wo er
spielte. Das war im jetzigen Gorki-Theater, das war damals das Theater
im Haus der Kultur der Sowjetunion.
Busch sagte: „Ich bin nichts Besonderes – warum soll ich was Besonderes zu fressen kriegen?“
Wissen Sie noch, welches Stück das war?
Das weiß ich nicht mehr ... „Nachtasyl“ war es nicht, das war ja im
Prater, weil die Volksbühne noch sehr kaputt war. Jedenfalls bekam
Busch damals Pajok, das sind Fresspakete gewesen von den Russen für
ausgesuchte Leute. In den Westzonen waren 's die Care-Pakete, hier hieß
es
Pajok. Und Busch, und das habe ich später noch mal erlebt auf einer
Probe, verteilte seine Pakete an andere Leute. Er wollte nichts haben
und sagte: „Ich habe was zu essen, ich brauch das nicht.“ Und er hat
mir und meiner Mutter was gegeben und hat auch dazugesagt warum, ganz
simpel: „Ich bin nichts Besonderes – warum soll ich was Besonderes zu
fressen kriegen? Während die anderen nichts zu fressen haben und
hungern müssen.“ So hat er denen, die er kannte und die bedürftig
waren, was gegeben. Und das geschah öfter. Und das war ein Grundzug
seines Charakters, den ich immer bei ihm, auch später, wieder
entdeckte: offene Augen für andere Leute haben und auf sie zugehen ...
„Sein Reden hatte immer etwas Behauptendes und zugleich etwas Überzeugendes.“
Bekam Ihre Mutter kein Pajok?
Nein, das bekamen nur die ersten Leute sozusagen. Ich bin mir nicht
sicher, es kann sogar sein, dass es damals in der Möwe ausgegeben
wurde. (...) Meine Mutter kannte Busch vom Theater, sie war
Schauspielerin und Souffleuse. (...) Das war ganz merkwürdig, da haben
sich anscheinend zwei getroffen ... Meine Mutter wollte als Kind immer,
durfte aber nicht, zu Albert Schweitzer und Missionarin werden. Und
das, was Busch machte, fand sie groß und gleichzeitig
selbstverständlich, weil sie es auch gemacht hätte, wenn sie gekonnt
hätte. Also, da traf sich etwas, ein solidarisches Verhalten. Nennt man
es Urchristentum? Oder Urkommunismus, was ja ähnlich ist? Dieses
scheinbar Keinen-Unterschied-Machen, also nicht: „Ich bin großer
Künstler, du bist kleiner Künstler!“, sondern dieses selbstverständlich
Kollegiale, weniger Kumpelhafte, ich würde eher sagen: dieses
solidarische Verhalten. Er konnte also ausgesucht höflich sein im
Umgang. Er war kein Rülps. Aber er konnte auch sehr deftig sein. (...)
Sein Reden hatte immer etwas Behauptendes und zugleich etwas
Überzeugendes. (...)
Das fiel Ihnen aber nicht alles bei Ihrer ersten Begegnung auf ...
Nein, aber es gab kurz darauf ein Wiedersehen, gewissermaßen ein
Nachklang dieser ersten Begegnung. Da festigte sich mein Eindruck, den
ich als Kind von ihm gewann und den man als Bewunderung bezeichnen
kann. Es war so, dass ich mit 14 Jahren in einem Stück mitspielte und
Busch im selben Haus zu tun hatte. Er spielte in der „Optimistischen
Tragödie“, und ich ging immer, wenn ich nichts zu tun hatte, hinüber zu
dieser Produktion und schaute zu. Dabei bemerkte ich etwas: Er stand
immer auf der Bühne, wenn er zu spielen hatte, und er saß immer im
Zuschauerraum, wenn er nicht dran war, und zwar hinter der Reihe des
Regisseurs. Das heißt, dass er auch als Schauspieler immer genau
beobachtete und sich in die Regie-Perspektive hinein versetzte. (...)
Auch sein Umgang mit dem Regisseur gefiel mir, das war Wolfgang
Langhoff. Die beiden kannten sich von früher und sprachen auch öfter
miteinander – dabei hat sich Busch, so weit ich sehen konnte, nie in
den Vordergrund gespielt, sondern er hat Beobachtungen mitgeteilt. Das
war für ihn wahrscheinlich eine Selbstverständlichkeit.
Wie fanden Sie Busch als Schauspieler?
Ich hab ihn schon sehr früh gesehen in „Nachtasyl“ im Prater. Ich hab
ihn im Deutschen Theater als Julius Fucik gesehen, und das war für mich
ein ganz merkwürdiges Erlebnis: Es hatte den Anschein einer
Lebenswahrheit und trotzdem war 's Kunst. Hätte ich damals schon
geschrieben, hätte ich den Versuch gemacht, diesen Eindruck so mal
aufzuschreiben. Es hatte teilweise auch mal was Langweiliges, wie es
auch das Leben hat, und dann packte es einen wieder ... Durch Busch ist
mir eine politische Haltung in einer Rolle klar geworden ... nein,
stimmt gar nicht, nicht klar geworden, ich habe sie bemerkt – klar
geworden hieße ja, dass man drüber nachdenkt. Obwohl ich ihn kurz zuvor
noch ganz anders gesehen habe, etwa in „Nachtasyl“ in einer lustigen
Rolle als Baron. (...)
Diese Bewunderung für Busch wurde bei Ihnen also mit der Zeit immer größer ...
Ja. Er wurde als Vorbild ja auch an der Schule genannt. Aber da wurde vor allen Dingen das politische Verhalten betont.
Das hat Sie aber doch eher genervt. Vorhin haben Sie gesagt, dass einen gerade der Schulstoff nicht sonderlich interessiert ...
Genau, aber ich hab 's ja selbst gesehen.
„Dessau hat schon mal angeboten, einem den Flügel in die Schnauze zu schieben.“
Die Schule konnte Ihnen den Spaß an Busch nicht verderben?
Nee. Aber nun hatte ich auch drei Jahre lang Unterricht bei Paul
Dessau. (...) Und Dessau hat auch über Busch gesprochen, sehr positiv
und sehr kämpferisch. Kann mir vorstellen, dass die beiden sich oft
angeschrien haben, so wie ich Dessau kennengelernt hab, wie der getobt
hat. Dessau war Choleriker. Wenn man nur ganz leise zu 'nem
Mitstudenten 'ne Bemerkung machte, dann donnerte er los und hat spontan
angeboten, dass er einem den Flügel in die Schnauze schiebt. Oder einem
was abreißt, fing sich dann wieder und fügte hinzu: „aber nicht das,
was Sie denken“ und so. Er hatte schon auch Humor. Er kannte auch die
unterschiedlichen Theaterströmungen vor '33 und natürlich auch Busch.
(...)
Busch hingegen war auf Dessau nicht gut zu sprechen nach der Affäre um
Brechts „Herrnburger Bericht“, zu dem Dessau die Musik geschrieben
hatte ...
Das stimmt. Busch war eben ein Gerechtigkeitsfanatiker und er war
gleichzeitig auch selbstgerecht. Wenn er etwas meinte, hat er es gesagt
und behauptet und nicht groß abgewogen: vielleicht oder vielleicht
nicht - so etwas gab 's nicht. Er hat alles nur in einer Richtung
dargestellt, und dann musste man ihm das Gegenteil beweisen, aber
richtig. (...) Ob Dessau tatsächlich feige war, wie Busch geglaubt hat?
Ich weiß es nicht. Dann war Eisler auch feige. Wo fängt das an? Die
Oper „Das Verhör des Lukullus“ ist verboten worden, und sie waren
deswegen bei Wilhelm Pieck. Und Dessau hat uns gesagt, er bittet uns,
ihn nicht danach zu fragen. Er sei Bürger dieses Staates und erkenne
das an, was der Präsident gesagt hat.
„Eisler wurde durch den Schmutz gezerrt.“
Er war loyal?
Ja, vielleicht auch berechnend. Dessau ist nicht durch den
McCarthy-Ausschuss gegangen, aber Brecht und Eisler. Bei Eisler hat
sich gezeigt, dass er sich nicht verteidigen konnte, man konnte Eisler
sehr angreifen, das hat sich hier in der DDR ein zweites Mal gezeigt.
Durch das BE, durch Wekwerth kenne ich die ganzen Akten um den
Eisler-Prozess, der ja praktisch hier 1953 stattgefunden hat, da gab 's
bis zum 17. Juni die sogenannten Mittwochsgespräche in der Akademie, wo
auserlesenes Publikum kam. Und da hat Ernst Fischer, der Philosoph aus
Österreich, über einen Text von Eisler gesprochen, und zwar über
„Faustus“, aus dem Eisler 'ne Oper machen wollte und sollte. Und es war
ein ganz anderer Faus als der Goethe’sche Faust, Eisler befragt den
deutschen Wissenschaftler. Damit war eine Diskussion ausgelöst, die
sehr gut gemeint war, die aber das Gegenteil bewirkte: Jetzt wurde sich
mit dem „Faustus“ beschäftigt. Und da traten Leute auf ... das war, ich
hab die ganzen Dokumente gelesen, teilweise entsetzlich, wie die Eisler
angegriffen haben. Das landete dann in der Zeitung. Eisler, der
immerhin die Nationalhymne der DDR komponiert hatte, wurde in einem
Leitartikel im Neuen Deutschland aufgefordert: „Go home, Ami!“ – Er
wurde durch den Schmutz gezerrt wegen seinem „Faustus“. Er wäre ein
Verräter und so weiter. Es wurden in so einem Fall dann immer Arbeiter
vorgeschickt, die das behaupteten.
Die Vorwürfe lauteten: Formalismus ...
... natürlich Formalismus, und es ging konkret auch um das Antlitz der
Klassik: Der deutsche Faust ja, „wer immer strebend sich bemüht, den
werden wir erlösen“! Und hier ging es eben um das Versagen des Faust,
um die dunkle Seite des Faust. Diese Auseinandersetzung war schlimm
damals. Ich weiß nicht, wie Busch sich da verhalten hat. Das lässt sich
aber vielleicht im Akademie-Archiv nachschauen. Es müsste dort stehen,
wer alles gesprochen hat bei diesen Mittwochsgesprächen. Felsenstein
war auch dabei, der Intendant der Komischen Oper. Felsenstein ist
aufgestanden und hat sinngemäß gesagt: „Ich dachte, unter Genossen
arbeitet man produktiv, aber hier wird ja nur gehetzt!“ – Er hat
angeboten, Eislers Stück sofort zu bringen, wenn 's fertig ist. Das
Stück war aber dann sehr lange verboten. Aufgeführt wurde es
schließlich in der Bundesrepublik und dann am Berliner Ensemble, und da
war ich bei der ganzen Erarbeitung mit dabei.
Das Stück ist aber Fragment geblieben ...
Ja. Es war keine Oper, Eisler hatte nicht mehr weiter komponiert, er
hatte ja noch nicht viel zusammen. Ich fand 's sehr interessant, weil
alles zur Oper drängt: Die ganzen Texte sind, wenn sie vom Schauspieler
nur gespielt werden, zu opernhaft. Sie haben Metaphern, die man in der
Oper verwenden kann, auch Erkenntnisprozesse, wie das auch in der Oper
„Einstein“ ist von Paul Dessau – so auch hier. (...) Eislers Text
orientierte sich an der historischen Faustfigur und am Puppenspiel vom
Doktor Faust. Und es ging um das Versagen der deutschen Wissenschaft,
das wurde ihm angekreidet. Und Eisler ist ja dann frustriert abgehauen
nach Österreich, hat dann sogar einen Bettelbrief geschrieben an die
Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, dass man ihm erlauben
möge, wieder hier zu leben.
Die zweite Begegnung mit Busch
Aber man hatte ihn ja nicht direkt rausgeschmissen ...
Aber man war, glaub ich, ganz froh, dass er weg war.
Weil er auch ein Unruhestifter war – ähnlich wie Busch. Busch war immer
aufräumend, aufgeräumt, Unruhe stiftend. Das konnte durchaus sachlich
sein, aber es gab immer Dinge, auf die er aufmerksam machen wollte.
Damit komme ich zu meinem zweiten Eindruck von Busch, eine eigentlich
indirekte Begegnung, das ging über andere Studenten an der
Schauspielschule. Diese Studenten sangen 1952 bei seinen
Plattenaufnahmen mit. Ich glaube, es war in den Weihnachtsferien. Busch
mochte Studenten und wollte die auch da drin haben. Ich nehme an, dass
er bewusst Schauspielschüler genommen hat. Er wollte immer populär
sein, das heißt: Er wollte immer verständlich sein. Und das ist bei
Sängern nicht immer gegeben, da ist es halt ein schöner Gesang. Ich
meine, er konnte singen und er konnte schön singen, aber es war auch
immer hart und schneidend, was er sang. Und er wollte die Brecht’sche
Haltung dazu haben, und da hat er Schauspielstudenten genommen. Und
dafür wurden einige Studenten von der Leitung bestraft.
Warum?
Weil sie mit Herrn Busch, der im Brecht-Ensemble war, nachts (!)
Aufnahmen gemacht haben. Heute wäre das halt irgendein Job. Damals aber
gab es Strafen, für einige sogar Verweise von der Schule. Es traf die
Abgänger, die zwei Klassen über mir waren. Ich war damals gerade 'n
Vierteljahr in der Schule. Ich glaube, Lizzy Tempelhof, hat es
getroffen, sie war später Schauspielerin am Deutschen Theater. Anne
Dessau wurde auch deswegen suspendiert, sie ist später Journalistin und
Theaterkritikerin geworden.*
War das ein richtiger Skandal?
Ja, natürlich, aber wir hatten öfter Skandal. Ruhig war es da nie. Und
Paul Dessau trug einiges dazu bei. Busch hat man dagegen nie gesehen in
der Schule zu der Zeit. (...)
War das der Grund für die Bestrafung, dass es um Busch ging?
Man durfte einfach nicht nebenbei arbeiten, es herrschten strenge
Regeln wie auch heute am Reinhardt-Seminar. Aber es ging auch um Busch
und die Arbeiterlieder. Und hinzu kam noch, was ich damals nicht
wusste, der Vorbehalt gegenüber Busch als Kapitalist, weil er ja eine
eigene Firma hatte und Geld bezahlte für solche Dienste. (...) Die
Schüler wollten gerne mit Busch singen und als Chor mit ihm auf der
Bühne stehen. Aus Sicht der Schule sollten die Schüler aber erst fertig
sein mit der Ausbildung und dann auf der Bühne stehen. (...)
(Ende der ersten Kassettenseite)
Erinnern Sie sich noch, ob Busch beliebt war bei Ihren Mitstudenten?
Ja. Er war beliebt, er war bewundert.
Wurde er nicht auch kontrovers diskutiert?
Nicht von uns.
Das heißt, Sie waren alle Fans?
(Pause) Ja, das hatte auch was mit Brecht zu tun. Wir waren für Brecht,
obwohl wir ihn vielleicht damals gar nicht so richtig verstanden haben,
weil wir nicht unbedingt für Stanislawskij sein wollten und das, was
die Schule so bestimmte. Aber wir haben ja Busch nun gesehen und haben
die enorme Vitalität, die enorme Künstlervielfalt gesehen. Ihn zu sehen
als Jago, am nächsten Abend als Julius Fucik, dann als Galileo Galilei
oder in der „Mutter“ als den Arbeiter Lapkin – das war schon immer wie
ein Wunder. Einmal haben wir ihn erlebt in einer Vorstellung von
„Othello“, Willy A. Kleinau spielte den Othello, Busch den Jago. Und da
gibt es ein Bild, wo einer von der Seite kommt und einer von der
anderen Seite kommt. Und ich saß bei einer Vorstellung drin, da kommen
die aufeinander zu, gucken sich an, fangen an zu lachen und gehen
wieder ab. Der Vorhang fiel. Der Vorhang ging wieder auf. Die kamen,
sind nicht mal bis zur Mitte gekommen, prusteten und gingen ab. Das ist
das dritte Mal versucht worden, da kamense kaum mehr raus vor lauter
Lachen. Das Bild wurde an dem Abend nicht mehr gespielt. (...) So etwas
macht auch sehr menschlich.
Die dritte Begegnung mit Busch
Haben sich die Leute im Publikum auch amüsiert?
Naja (lacht), erst war die Reaktion „Was is'n da los?“, manche fanden
's empörend, wir fanden 's natürlich sehr sympathisch. (...) So, und
dann haben wir Studenten unser Praktikum im „Faust“ gemacht. Und da hab
ich Busch als Mephisto in unterschiedlicher Art proben sehen. Ich habe
gesehen, wie er probiert hat. Erstes hervorstechendstes Merkmal: immer
da, ob das morgens um zehn war oder bei der Abendprobe, er war immer
da. „Nee, ich hab heut keine Lust“ – so was gab s nicht. Nein, volle
Energie! Dann auf den Proben: sehr kritisch, wie eine Kamera
beobachtend, nie aussteigend dabei; hinterher darüber sprechend, sich
mitbeteiligend am Fertigungsprozess. Dann hat er auch uns Ratschläge
gegeben. (...) Wir hatten mit manchen Sachen Schwierigkeiten. Wir
glaubten, wir wären sehr gut ausgebildet, aber Wolfgang Langhoff bewies
uns, dass das noch längst nicht ausreichte, was wir konnten. Und Busch
hatte vollstes Verständnis für die Entwicklung von jungen Leuten, hatte
ich den Eindruck. (...) Wir waren beim Osterspaziergang drin, wir waren in der Walpurgisnacht
drin und bei den Geistersachen dabei. Es war spannend, die Proben waren
immer spannend. Busch hatte einen Partner als Faust, der leider nicht
so gut war; aber auch wie er mit dem sich kurzerhand abgesprochen hat,
das haben wir alles beobachtet; wie solche Stars, würde man heute
sagen, miteinander umgehen – das war schön zu sehen. Auch weil Busch
sich selbst nie geschont hat, immer Hinweise gab und nie beleidigend
wurde. Wenn irgendjemandem was passierte - eine Studentin ist
umgeknickt – half er sofort, erkundigte sich nach dem Arzt. Also, er
war einfach da und hatte eine solidarische Haltung auch uns gegenüber.
Das war für uns auf einmal auch ein politisches Verhalten, diese sehr
menschliche Haltung.
Sie sagen, sein Partner sei nicht so stark gewesen. Hat er die Neigung gehabt, Kollegen auch an die Wand zu spielen?
Das kann ich nicht beurteilen. Vielleicht eher sich gegenseitig
hochzuspielen – das kam vor. Ich glaube, er hatte mal was mit Hans
Albers am Hebbel-Theater zu spielen ... Ob er andere an die Wand
gespielt hat ... sicherlich, wenn sie nicht stark genug waren. Aber ich
habe ihn so nicht erlebt. Ich habe erlebt, dass er teilweise unter
wahnsinnigen Schmerzen litt, dass er eigentlich nicht richtig sprechen
konnte. In einer Vorstellung ging er mit einem Mal ab von der Bühne, wo
wir wussten, er musste noch nicht abgehen. Er stand dann an der Seite
mit einer Bürste und hat seine Backe gebürstet und ist dann wieder
rausgegangen und hat weitergespielt. Also, diese Lähmungserscheinungen
oder Taubheitserscheinungen waren offenbar ständig da. Trotzdem
kümmerte er sich um andere, das fiel mir auch in der Kantine auf. Ich
fand, er war Star, aber immer sehr kameradschaftlich und kollegial.
„Busch hasste Schluderei.“
Ausfallend wurde er nie?
Ich hab ihn laut erlebt. Ich glaube, er konnte ausfallend werden, wenn
etwas nicht klappte, wenn er meinte, dass etwas verschludert worden
war. Er hasste Schluderei. Da konnte er, das weiß ich auch von meiner
Mutter, sehr bedingungslos werden. Da sagte er einem die Meinung, da
wurde auch nichts entschuldigt. Ob mit Recht, oder ob der Ton dann
immer recht war, ist sicher zu hinterfragen. Aber vom Prinzip her hatte
er Recht: Wenn etwas Schlamperei ist, dann ist es Schlamperei. Ich weiß
von mir selber, dass ich als Schauspieler in einer Hauptprobe einem
Techniker 'nen Eimer an den Kopf geworfen hab. Ich hatte 'nen Monolog
und die quatschten! Die quatschten laut! Die störten mich, ich konnte
mich selber nicht mehr hören. Ich verlangte einfach, das man weiß, dass
das kein Musiktheater ist, wo das Orchester auch mal was zudeckt und wo
es laut sein kann ... Dadurch könnte ich verstehen, dass er in gewisser
Weise unduldsam war.
Haben Sie aber nie erlebt?
Fordernd habe ich ihn erlebt. Sehr fordernd. (...) Ich hab ihn auch nie
besoffen gesehen. Er war auch immer pünktlich. Für uns war er ein
Vorbild. Für mich speziell waren es diese drei Begegnungen, die mein
Bild von Busch ausmachten. Durch ihn erfuhr ich, zunächst unbewusst,
dass eine politische Haltung und Erfahrung mit in eine Rolle hinein
wirken können. Warum? Auf Grund von Nachdenken, von Erlebtem, von
Erkenntnissen. Erst später, erst als ich auf der Schule war, habe ich
gehört, dass er im KZ war und habe den Film „Kuhle Wampe“ gesehen. Ich
wusste vorher nichts davon. Ob meine Mutter das wusste, weiß ich gar
nicht. Busch hat übrigens auch zu Weihnachten, der „Faust“ hatte erst
am Feiertag Premiere, uns allen etwas in die Hand gedrückt – völlig
unaufwändig, sehr selbstverständlich. Also nicht so: „Kommt Kinder, ich
geb euch mal einen aus!“
Diese „Faust“-Proben und Auftritte haben Sie in sehr guter Erinnerung ...
Ja, in einer blendenden Erinnerung. Auch weil er als Mephisto nicht der
Böse war, sondern der Verführer. Das war damals für mich eine neue
Sicht.
Hat Gründgens den Mephisto nicht auch als Verführer dargestellt?
Ja, aber ganz anders. (...)
Wenn ich mir Gründgens anhöre, wie er singt „Die Nacht ist nicht allein
zum Schlafen da“, dann hat das für mich was sehr Diabolisches.
Und ich habe das Gefühl, dass da ein begnadeter Schauspieler singt, der
extrem wandlungsfähig war, der ganz ganz viel spielen konnte. Bei Busch
habe ich das Gefühl, dass er vielleicht nicht so viele Register ziehen
konnte ... oder ist das ein falscher Eindruck?
(Pause) Na, es ist erst mal ein Eindruck. Ob der richtig oder falsch
ist – wer will das beurteilen? (...) Gerade weil Sie das Lied aus dem
Film „Tanz auf dem Vulkan“ erwähnen: Hat der Gründgens da nicht auch
etwas Metallisches in der Stimme ähnlich wie ein Busch?
Ja.
Aber es sind Grund legende Unterschiede. Ich weiß nicht, ob man es das
Proletarische nennen kann bei Busch. Bei Gründgens ist es dann das
Hyperintellektuelle. (Exkurs zu Gründgens und seinen Hilfeleistungen für
jüdische Künstler im Nationalsozialismus)
Halten Sie es für diffamierend, was Klaus Mann über Gründgens geschrieben hat?
Ich glaube, da war viel Eifersucht dabei. Ich meine, dieses Metallische bei Gründgens hat ja auch was Schwules.
Er war nun mal schwul.
Ja, natürlich. Es gab ja damals den Spruch: „Hoppe, hoppe Gründgens /
Kriegen keine Kindgens / Kriegen se doch mal Kindgens / Sind se nich
von Gründgens.“ Das hat sich ja bewahrheitet. Naja, das kam natürlich
auch in seiner Stimme raus. Seine Stimme war intellektueller, ja Oscar
Wilde’scher Natur. (...) Seine Rollen sind schon, wenn man sich seine
Diktion anhört und dann mit dem Text vergleicht, intellektuell
herausgearbeitet. Und bei Busch ist eben das Wesentliche der politische
Gehalt.
Würden Sie Parallelen sehen zwischen den beiden, was politische Verführbarkeit angeht?
(Pause) Weiß ich nicht. Ich glaube, dass Busch kompromissloser war.
Dass er gegen etwas angeht oder sich eben zurückzieht. So wie er später
in der DDR gelebt hat ... man hörte ja 'ne Weile nichts von Busch. Was
war da? Er hat sich ja selber teilweise zurückgezogen von bestimmten
Anlässen und wollte nicht immer als Kultfigur vorgezeigt werden. Bis
man ihn dann irgendwann wieder ausgekramt hat. Dann wollte man, dass er
wieder auftritt. Vorher wollte man nicht, dass er stört. Er störte
wirklich. Aber 'ne Störung muss man ja nicht immer als was Negatives
und Schädigendes sehen. Wenn ich 'nen Gleichlauf durch 'ne Frage oder
durch eine andere Erkenntnis störe, muss ich doch nicht schädigen
wollen. Ich glaube schon, dass der Busch ein, würde ich heute sagen,
beweglicher Kommunist war.
Inwiefern? Hat er sich denn bewegt als Kommunist?
In den Verläufen der Zeit. Wenn sich Dinge verändern – im Gegensatz zur
politischen Seite, wo man es zum Teil mit Betonköpfen zu tun hatte. Ich
glaube, er war für viele ein Unruhestifter. Wie Brecht auch. Wobei der
auch zwei Gesichter hatte, wie seine Haltung zum 17. Juni zeigt. Aber
Busch hätte sich ja kaufen lassen können. Das hätte er können. (...)
„Man kam an ihm nicht vorbei: Wenn man ein Lied von Tucholsky sang, spukte einem Busch im Kopf rum.“
Wie haben Sie Busch als Sänger wahrgenommen? Haben Sie sich seine Platten gekauft?
Ja, ich habe ihn auch als Sänger geschätzt. Und ich habe mir natürlich
die Platten gekauft – wenn sie erhältlich waren. Ich mochte die Ironie,
die in vielen seiner Lieder war, vor allem, wenn er Tucholsky sang. Ich
fragte mich: Wie macht man das? Singen und dabei ironisch sein. Es war
schon etwas zum Studieren. Gleichzeitig war er aber auch störend. Man
kam an ihm nämlich nicht vorbei: Wenn man ein Lied von Tucholsky
machte, spukte einem Busch im Kopf rum. Er war für eine Zeit lang so
prägend gewesen, so wie für viele Gisela May prägend war, dass man sich
als Interpret schwer davon lösen und selbst eine Haltung zu dem Lied
entwickeln konnte. Man musste sich richtig lösen, und das war nicht
einfach. (...) Es färbte zwangsläufig ab.
Haben Sie selbst auch diese Lieder gesungen?
Ja, zum Teil. Lieder aus der „Mutter“ habe ich gesungen, auch einige
Tucholsky- und Spanienlieder zu Programmen und Gedenkveranstaltungen.
Das waren Programme, die sich mit der Zeit vor '45 beschäftigten. Ich
habe auch mitgewirkt an politischen Revuen in den 60er Jahren, Paul
Dessau hat mit uns solche Dinge einstudiert. Das hat mich auch
musikalisch sehr interessiert. Ähnlich wie mich später die „West-Side
Story“ interessiert hat. Diese Kombination aus Spielen und Singen, das
fand ich reizvoll. (...)
(Exkurs zum Galilei)
Hatten oder haben Sie ein Lieblingslied von Busch?
Ja, das heißt eigentlich sind es drei: „An den deutschen Mond“, „Linker Marsch“ und „Freiheit und Democracy“.
Welche Musik mochten Sie am liebsten, als Sie 18, 20 Jahre alt waren? Außer Busch, meine ich ...
Das waren sehr unterschiedliche Sachen: die Wassermusik von Georg
Friedrich Händel und den Bolero von Maurice Ravel. Ich hörte auch gerne
Jazz, das Eje Thelin Quintett aus Dänemark und Benny Goodman, aber auch
Schlager von und mit Rita Paul. (...)
Gingen Kunst und Propaganda zusammen bei Busch und seinen Liedern?
Ja, klar. Ich glaube, da hätte man sogar sein großes Einverständnis,
dass er Propagandist für den Kommunismus war. Das hatte auch zur Folge,
dass er mit bestimmten real existierenden Umständen nicht einverstanden
war. Aber er hat natürlich auch gesungen für den Genossen Stalin und
von Johannes R. Becher „Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten“. Das mag ja ganz
hübsch sein, aber man kann die nicht mehr hören, diese Hymnen. (...)
Wenn ich jetzt versuchen sollte, all das einzuordnen und erklären
sollte, warum er so war, wie er war ...Bei allem, was er machte, merkte
man, dass er das, was er für Unrecht hielt, nicht leiden konnte. Und
diese Haltung kam, glaube ich, aus seiner Zeit der 30er Jahre, als es
auf die Unterscheidung Freund – Feind extrem ankam. Es gab damals nur
schwarz – weiß. Vielleicht ist Busch davon doch nie ganz weggekommen.
Interview: Jochen Voit
Foto: Barbara Braun
(Textfassung autorisiert von Christian Bleyhoeffer am 12. Februar 2006)
* Eine telefonische Nachfrage bei Anne Dessau am 16. Januar 2006 ergab
ein etwas anderes Bild von den Hintergründen der Suspendierung: Anne
Dessau (Jahrgang 1934) berichtet, dass Busch im Sommer 1952 Mitwirkende
für
Platten- bzw. Probeaufnahmen gesucht habe. „Muh-Gruppe“ habe man das
genannt, sagt
Anne Dessau, „das waren die Stimmen, die im Hintergrund zu hören
waren“. Die Gruppe, die sich dann während der Schulferien in den Räumen
der LIED DER ZEIT-GmbH einfand, um verschiedene Busch-Titel zu
singen und aufzunehmen, habe aus sechs bis acht Personen
bestanden; es seien allerdings keine Schauspielschüler
gewesen - sie habe lediglich Lizzy Tempelhof von der Schauspielschule
zu den Terminen mitgenommen. Anne Dessau erzählt, dass ihr Kontakt zu
Busch bis dahin rein
privat gewesen und dass dies letztlich auch der Grund für die
Suspendierung gewesen sei. Buschs Lebensgefährtin Tete habe
wahrscheinlich an höherer Stelle dafür gesorgt, dass die Schulleitung
von der Nebenbeschäftigung der Schülerinnen erfuhr. Der von der
damaligen Schuldirektion (Otto Dierichs war der Leiter) genannte
Grund für die Disziplinarmaßnahme sei dann auch die Tatsache gewesen,
dass man Geld für die Aufnahmen angenommen habe.
Anne Dessau musste zur Strafe für ein halbes Jahr „in die Produktion“,
wie es hieß. Sie konnte ihren Arbeitsplatz selbst wählen und arbeitete
in Dessau als Punktschweißerin in einer Fabrik für Heizgeräte. Anschließend ging sie
zurück auf die Schauspielschule, wo man ihr ein halbes Jahr
Ausbildungszeit erließ. Ein Diplom erhielt sie am Ende ihrer Studienzeit nicht. (Vgl. das Interview mit Anne Dessau)
Letztes Update 31.01.2008 | Copyright© Jochen Voit 2005 |

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