Ingo Boxhammer
über den Pläne-Verlag in Dortmund, die Ostermarschbewegung im Ruhrgebiet und die Pflege des sozialistischen Erbes in der Bundesrepublik
„Bei uns hat mal Udo Jürgens angefragt, ob es nicht Zeit wäre,
dass er Arbeiterlieder singt. Da haben wir gesagt: Tu das lieber nicht!“
(Gespräch am 14. Februar 2004 in Castrop)
Ingo Boxhammer ist Jahrgang 1943. Er wächst in Dortmund auf, absolviert
eine Lehre als Großhandelskaufmann und studiert anschließend
Sozialpädagogik. Als junger Mann tritt er in die Deutsche Friedensunion
(DFU) ein und engagiert sich in der Ostermarschbewegung. 1970 gibt
er seinen Beruf als Sozialarbeiter auf, um als Geschäftsführer beim bis dahin erfolglosen
Pläne-Verlag in Dortmund einzusteigen. Boxhammer ist mittlerweile aus
der DFU ausgetreten und Mitglied der DKP geworden. Bis 1976
leitet er den seit 1957 bestehenden Pläne-Betrieb, professionalisiert die
Arbeitsabläufe, stellt auf EDV um und kümmert sich um Künstler wie Hans
Dieter Hüsch, Dieter Süverkrüp und Ernst Busch. In dieser Zeit wird
Pläne zu einem der bekanntesten linken Plattenlabels in der
Bundesrepublik. Als Boxhammer aufhört, hat der ehemalige
Ein-Mann-Betrieb 25 Angestellte und gute Geschäftszahlen. Ins
Verlagsgeschäft ist Ingo Boxhammer seitdem nicht mehr zurückgekehrt.
Bis heute arbeitet er als Sozialarbeiter, Supervisor und
Familientherapeut. Politisch engagiert er sich in der Linkspartei.
Unser Gespräch findet im lichtdurchfluteten Wohnzimmer Ingo Boxhammers
statt. Viel Weiß, schöner Blick ins Grüne. Es gibt Wasser und Kaffee. Im
Hintergrund läuft Klassik-Radio.
Jochen Voit: Als Chef des Pläne-Verlags hatten Sie mit ganz
verschiedenen Künstlern aus dem linken Spektrum zu tun. Unter anderem
auch mit Ernst Busch ...
Ingo Boxhammer: Ja, wir hatten Kontakt zu sehr vielen namhaften
Sängern, Kabarettisten und Gruppen. Das ging von Joan Baez bis Ernst
Busch. Das waren zum Teil ganz schwierige Leute. Und einer der
schwierigsten war der Busch. Das hatte mit seinem Gesundheitszustand zu
tun. Er ließ ja die eine Seite so 'n bisschen runterziehen, da war so
'ne Restlähmung im Gesicht. Und er hatte so 'ne Tendenz, zu so 'm bösen
alten Mann zu werden.
Wann haben Sie Busch persönlich getroffen?
Das muss 1973 gewesen sein. Damals waren die Weltjugendfestspiele in
Ost-Berlin, und Ulbricht starb genau mittendrin. Da hieß es dann,
Ulbricht hätte sich gewünscht, erst nach den Spielen beigesetzt zu
werden, und die Spiele sollten nicht gestört werden. Irgend so 'n Zauber
wurde erzählt. Und ich bin damals nach Ost-Berlin gefahren als Leiter
der sogenannten Transportkommission, ich hatte alle Busse und alle
Autos unter mir. Dann kamen die ganzen Vögel und machten Bitte-Bitte,
ob sie 'n Auto haben könnten: Gerhard Schröder, Carsten Voigt und wie
sie alle hießen. (...) Die konnten gar nicht nah genug rankommen an
Erich Honecker und Willi Stoph, um da so 'n bisschen an der Jacke zu
ziehen. Schröder vorneweg. (...)
Also, die West-Linken haben versucht ...
... die waren nie links! Die waren nie links! Nie! (...) Es ging um
Nähe, um Reputation, um Bedeutung. Die gingen ja ganz vorsichtig mit
diesen hohen Funktionären um – also, links waren die nie. So wie der
Schröder heute nicht links ist, so war der das damals auch nicht.
Sind Sie heute noch links?
Ja, ich denke schon. Das bin ich immer noch.
Was ist denn „links“ für Sie?
Also jedenfalls links von der SPD.
Kann man Links-Sein immer nur definieren, wenn man sagt ...
Den Begriff „links“ können Sie immer nur unsauber verwenden. Und links
ist immer nur jemand, der sagt: „Was ist mein Interesse? Mein Interesse
ist, dass es den tragenden Kräften der Gesellschaft besser geht.“ - Ich
sag mal: mindestens so gut wie mir, denn mir geht 's nicht schlecht.
Heißt das, wenn Sie die "tragenden Kräfte" ansprechen, dass Links-Sein für Sie untrennbar mit der Arbeiterschaft verbunden ist?
Unbedingt, unbedingt! Das hat sich nie geändert unabhängig von den
realpolitischen Entwicklungen. Die waren übrigens schon damals nicht
ideal. Zum Teil lief man ja so (hält sich die Hände vor die Augen)
durch die DDR.
Waren Sie öfter in der DDR?
Was ist oft? Ich bin drei-, viermal da gewesen zu Verhandlungen mit dem VEB Deutsche Schallplatten. (...)
Die agitierende Putzfrau: Elternhaus und Politisierung
Herr Boxhammer, lassen Sie uns über Ihre Herkunft reden. Können Sie
zunächst ein wenig über Ihren beruflichen Werdegang erzählen?
Nach der Schule stand für mich relativ früh fest, dass ich in
irgendeiner Weise mit der Jugendarbeit zu tun haben will. Das war aber
undifferenziert und unklar, weil ich keine Ahnung hatte, was das wohl
für Berufe sein könnten. Irgendwann bin ich dann an Sozialarbeit
geraten und bin ans Sozialpädagogische Seminar in Dortmund gegangen.
Haben Sie einen proletarischen Hintergrund?
Nee. Das ist ja oft so bei Linken. Ich komme aus dem Dortmunder Süden,
mein Vater war im mittleren Management bei der Dortmund-Hörder
Hüttenunion. Er war Chef der Hammerwerke 1 und 2 in Dortmund-Hörde.
Gibt 's heute alles nicht mehr ...
War Ihr Vater links?
Nein. Gut, er war später einer der Bezirksvorsitzenden der DFU
(Deutsche Friedensunion, JV), aber er kommt ursprünglich aus der
rechten Ecke. Mütterlicherseits waren meine Verwandten meist Bauern,
sind es zum Teil noch heute: früher arme Leute und heute steinreich,
weil sie alle ihr Ackerland zu Bauland gemacht haben. Und da wurde
immer deutschnational gewählt bis hin zu dieser Hugenberg-Clique. Nach
'33 waren das ja die Nazi-Wähler. (...) Mein Vater ist '35 auch in die
NSDAP gegangen und war dann auch Waffenträger. Grund waren die vielen
Zwangsarbeiter – daher wurde das mittlere Management mit Waffen
ausgestattet. Das war auch ein Vertrauensbeweis der Nazis, verstehen
Sie? Da kriegte der 'ne 08 und russische Kriegsgefangene. Mein Vater
war entsetzt, als er sah, was da passierte: Die waren 14 Tage da, dann
waren die tot. Die kriegten ja nichts zu essen, nur Wassersuppe. Aber
das war ein Nichtsehenwollen, wobei man das natürlich damals
beobachtete und sich fragte: „Was geschieht da mit den Juden? Da werden
Geschäfte gestürmt und angesteckt! Und wo sind denn die Barks aus
Dortmund-Hörde geblieben?“ Das war ein jüdisches Bekleidungskaufhaus
gewesen. Ja, hieß es, die sind weg, die sind in ein Lager gekommen. Man
wusste also durchaus, dass es Lager gab. Und dann kam '45. Der
Russlandfeldzug, wie man damals sagte, also der Überfall auf die
Sowjetunion, war längst gescheitert. Und plötzlich wurde die Angst
groß. Und mein Onkel sagte immer auf Platt: „Wie fett noch Hälse atte
Krückstöcke kriegen!“ Also: Wir werden noch Hälse wie Spazierstöcke
kriegen.
Was sollte das heißen?
Wir werden hungern und kaputt gehen, sodass unsere Hälse so dünn werden wie ...
Haben Sie als Jugendlicher kritische Fragen nach dieser Zeit gestellt?
Das ergab sich nachher ganz von alleine. Ich muss dazu sagen: Wir
hatten immer Personal, wir hatten 'n Kindermädchen und 'ne Putzfrau.
Und nach '45 hatten wir 'ne Putzfrau, das war 'ne Kommunistin. Die hat
immer agitiert, immer agitiert! Als sie uns von den KZs erzählte, haben
wir ihr zuerst nicht geglaubt. Dann kam aber jemand zu uns, den sie
wohl kannte, der selbst in Buchenwald und in Dachau gewesen war. Und
der erzählte grauselige Geschichten. Meine Mutter, ich seh sie noch vor
mir, die hielt sich den Kopf und konnte es nicht fassen. Das war
plötzlich real, das war kein Kino-Bericht über die Nürnberger Prozesse,
Fernsehen gab 's damals ja noch nicht, das berichtete jemand, der es
erlebt hatte. Das war zu Beginn der 50er Jahre.
Wie hat sich Ihr Vater nach '45 verhalten?
Es ging ja nach der alten Strategie weiter. Die alten Nazis waren in
Amt und Würden. Mein Vater auch, wobei das relativ harmlos war: Der hat
Lebensmittelkarten verkauft. Die anderen waren in der Verwaltung, in
der Justiz, überall. Und das kriegte mein Vater mit. Dass zum Beispiel
der frühere Propagandaredner, Opa Baumann genannt, auf einmal Leiter
des Sozialamtes der Stadt Dortmund und eifriges SPD-Mitglied war.
War Ihr Vater dann auch in der SPD?
Nee, aber das hatten sie ihm angeboten. Dann hätte er noch heftigst
Karriere gemacht, das hat er aber abgelehnt. Er ist also auf seiner
Position geblieben. Und als dann das KPD-Verbot kam, sagte mein Vater:
„Geht das jetzt schon wieder los?“ Es hat ja dann politische
Sondergerichte gegeben, eigene Strafsenate, wo nur Kommunisten und
alles, was links und linksradikal war, und was es da an Titulierungen
gab, verurteilt wurden. Eigene Senate am Landgericht in Dortmund und in
allen möglichen anderen Städten! Das ging ungefähr bis 1960. Und dann
gab 's die sogenannten unabhängigen Kandidaten, das waren natürlich
auch alles ehemalige Kommunisten – die KPD war verboten. Es war also
gefährlich, auf diese Weise zu kandidieren. Da konntense wegen
Förderung einer verbotenen Organisation in den Knast gehen. Aber nicht
auf Bewährung!
Waren Sie in dieser Zeit schon politisiert?
Ja, da war ich eindeutig schon politisiert. Ich war in der DFU, das war
eine Abspaltung der SPD, die war acht Wochen vor dem Mauerbau gegründet
worden. Wir waren kaum auf 'm Markt, da waren wir schon fertig. (lacht)
Herbert Wehner wusste, wie man das macht. Er nannte die DFU „Die
Freunde Ulbrichts.“ Da hätten wir den Laden eigentlich zumachen können.
(...) Ich war da Mitglied bis Ende '60. Nach der Gründung der DKP war
da nicht mehr viel los, da liefen alle wieder weg.“
Sie haben also nicht '68 gebraucht, um ein Linker zu werden?
Nein! '68 hab ich mit Schlips und Kragen auf 'n Schienen gesessen!
(...) Ich musste ja für das Sozialpädagogische Seminar, das war so
vorgeschrieben in der Ausbildungsordnung, einen abgeschlossenen Beruf
haben und drei Jahre berufsmäßig geleistete Arbeit vorweisen können.
Die Idee war: Wir wollten in die Sozialarbeit nur Leute bringen, die
auch Ahnung haben von dem, was im Arbeitsprozess vorgeht. Deshalb
musste ich 'ne Lehre beginnen. Die hab ich bei einem Elektrogroßhandel
gemacht, wo es vom Kabel bis zum Tiefkühlschrank alles gab. Das dauerte
zweieinhalb Jahre, denn man durfte bei entsprechender Schulbildung die
Prüfung etwas früher machen. Da hab ich übrigens meine Frau kennen
gelernt, die war da auch Lehrling. (...) Dann hab ich noch 'n halbes
Jahr im Innendienst bei der Volksfürsorge gejobbt; ich musste ja diese
drei Jahre voll kriegen. Als ich die zusammen hatte, bin ich zum
Sozialpädagogischen Seminar gegangen. Und dann war '68, und dann ging
die Post ab! Plötzlich wurden all die Fragen gestellt, die ich schon
längst gestellt hatte.
Schneeverwehungen im Thüringer Wald: Pläne und die DDR
Wie und wann wurden Sie Geschäftsführer beim Pläne-Verlag?
Warten Sie mal, das war entweder '70 oder '69. Ich könnte das höchstens
in dem Zeugnis nachsehen, ich hab ja ein Zeugnis (lacht, steht auf und
geht das Zeugnis suchen) ...
Ich habe hier einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau aus dem Jahr
'73, darin heißt es: „Der Dortmunder Pläne-Verlag besteht bereits seit
zehn Jahren.“ Gab es den Verlag nicht schon vor '63?
Das kann gut hinkommen. Ist das der Artikel, wo drinsteht: „Box wie
Be, O, Ix und Hammer wie Sichel“? (...) Mich rief in den 70ern mal ein
Redakteur der Frankfurter Rundschau an. Und die Rundschau hatte ja den
Anspruch, ein bisschen links zu sein. Dieser Redakteur jedenfalls
befragte mich per Telefon zur Geschichte des Pläne-Verlags. Dann hab
ich dem bissl was erzählt. Und dann sagt er: „Hörn se mal, wie is das
denn mit den Geldern aus der DDR?“ Diese Frage fand ich so was von
lächerlich! Die war ja nicht neu, und ich konnte sie nicht mehr hören.
Da hab ich gesagt: "Ach, wissen Sie, der Scheck vom Erich Honecker, der
is wegen Schneeverwehungen im Thüringer Wald stecken geblieben!" –
Pause. Also, man konnte dem nur noch begegnen mit Häme und Ironie, das
war einfach dämlich. Als wenn die einem 'nen Scheck schickten und
sagten: „Hier, für Eure gute Arbeit!“ – solche Vorstellungen gab es
damals. Der Redakteur fragte dann: „Darf ich mir noch mal Ihren Namen
notieren?“ – „Ja!“, sag ich, „Boxhammer. Be, O, Ix und Hammer wie
Sichel!“ – „Darf ich das wörtlich zitieren?“ – „Wenn Sie 's wörtlich
zitieren, ja.“ Und das schrieb er genau so rein. (...) Damit war für
mich ausreichend dagegen gehalten.
Was war denn der Tenor des Artikels? Wurde der Pläne Verlag als fünfte Kolonne Moskaus dargestellt?
Ja, natürlich. Aber mit Sympathie, war ja 'ne linke Zeitung. Und wir feierten Jubiläum ...
Gegen atomare Bewaffnung: Die Ostermarschbewegung
Zurück ins Jahr '63. In diesem Jahr war der Pläne-Verlag noch klein und wenig bekannt,
und Sie waren noch in der Ausbildung. Wie kommt nun der Sozialarbeiter
zum Schallplatten-Label?
Das will ich Ihnen sagen. Irgendwann sind die auf mich zugekommen. Ich
bin ja einer der Gründer des Ostermarsches Ruhrgebiet–West, das ist ein
Riesengebiet.
Wann ging das los?
Beim ersten Ostermarsch '59 in Lünen war ich noch nicht dabei. Es ging
damals gegen die Atomraketen. Das war ja das Thema, Strauß war ein
Befürworter der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr. Die
Ostermarsch-Tradition allerdings kam aus England. (...)
Gab 's nicht auch in der Bundesrepublik, gerade hier in dieser Region,
bereits Vorläufer, etwa die Proteste gegen die Wiederbewaffnung zu
Beginn der 50er Jahre?
An diese Veranstaltungen kann ich mich sogar noch erinnern. Aber das war was anderes. Das war eher die Ohne mich-Bewegung.
Es waren zum Teil sehr große Demonstrationen mit großem Polizeieinsatz.
In Essen ist 1952 bei einer Kundgebung auch ein Demonstrant zu Tode
gekommen.
Ja, der Müller.
Genau, Philipp Müller. Im Osten wurde er zum Märtyrer, und Ernst Busch hat auch ein Lied auf ihn gesungen.
Ja. Das war ein FDJ-Mann, ein ganz junger Mann. Wurde von der Polizei erschossen. Wie Ohnesorg ist der umgekommen.
Hat aber im Westen nicht diese breite Öffentlichkeit bekommen ...
Er war doch Kommunist!
Ja, aber er war ein Unschuldiger, der umgebracht wurde ...
Aber er war doch Kommunist! Verstehen Sie? Benno Ohnesorg kam im
Gegensatz zu Philipp Müller aus der Mitte der Gesellschaft. Außerdem
war das 15 Jahre später unter anderen politischen Vorzeichen. Den
Müller kannten nur die Leute aus der FDJ. Und die FDJ war '51 im Westen
verboten worden, das geschah nach dem Sturm auf den Petersberg bei
Bonn, wo der Sitz der Alliierten Hohen Kommission war. So was ging
natürlich nicht, das war ja Revolution, also hat man die FDJ verboten.
Ein paar Jahre später, 1956, dann auch die KPD.
Die Ostermarschbewegung war also Ihrer Ansicht nach keine Neubelebung dieser linken Bewegung?
Nein, nicht direkt. Die Ostermarschbewegung war keine linke Bewegung.
Sie stand wohl in Opposition zur Adenauer-Politik, aber sie links zu
nennen, greift zu kurz. Das war 'ne sehr breit angelegte Bewegung. Wir
hatten zum Beispiel unendlich viele Pfarrer – wenn Sie die alle als
links bezeichnen wollen, mein Gott, dann haben wir nur noch Linke hier
rumlaufen. Das gilt auch für diese Brüder-Bewegung aus der Bekennenden
Kirche ... „Kampf dem Atomtod!“ hieß übrigens die alte Bewegung, die
noch von der SPD gesteuert wurde. Die war '57, '58 zu Ende mit einer
letzten großen Demonstration auf dem Alten Markt in Dortmund. Und dann
kam '59, so weit ich weiß, der erste kleine Ostermarsch.
Wissen Sie, auf wessen Initiative der Ostermarsch entstand?
Wenn ich das richtig erinnere, kam nicht einmal die Idee aus der
kommunistischen Ecke. Dass die sich nachher mit drauf gesetzt haben,
ist klar. Aber ich glaube, dass das viel breiter angelegt war. Und da
wurde auch immer für gesorgt, dass das breit blieb. Es war 'ne
linksliberale Bürgerbewegung. Es waren ja auch FDP-Leute dabei, die
kann man ja nun nicht als links bezeichnen. (...)
War diese Region hier, das Ruhrgebiet, prädestiniert für eine solche Bewegung?
Na gut, es war immer eine sozialdemokratisch geprägte und in den 20er
Jahren auch stark kommunistisch geprägte Region. In Dortmund hatten die
Kommunisten sogar mehr Stimmen als die Sozialdemokraten. Aber das war
nach '45 ja nicht mehr so. Da wurde der Anti-Kommunismus, den die Nazis
zur Begründung ihres ganzen Verbrechertums benutzt hatten, ohne
Unterbrechung fortgesetzt. Dann kam diese Berlin-Blockade, und dann war
der Kalte Krieg im Gange. Die Kommunisten waren noch einmal kurz im
Bundestag, und dann waren sie weg. Die Hetze hörte deswegen nicht auf!
Das war unglaublich! Sie können sich die Atmosphäre nicht vorstellen!
Ich sehe das noch genau vor mir. Das war eine Atmosphäre von Hass, von
Intoleranz.
Intoleranz gegenüber Kommunisten?
Gegenüber allem, was „Anti-“ war. Sie brauchten nur zu sagen: „Das ist
doch nicht in Ordnung!“ Schon kam: „Sie sind wohl Kommunist? Dann gehen
Sie doch in die Zone!“ (...)
Haben Sie, als Sie 1960 mit den Ostermärschen anfingen, dann bewusst vermieden, Parteizugehörigkeiten zu formulieren?
Offiziell gab 's diese Zugehörigkeiten ja nicht mehr. Klar hieß es dann: „Ja, der Sowieso is doch 'n alter Kommunist!“
Wer waren denn die tragenden Organisationen?
Zunächst gar keine, das waren Einzelpersonen. Wir waren der
Ostermarsch-Regionalausschuss West oder so. Aber das war kein Verein,
das wäre schon problematisch gewesen. Das war 'ne Bewegung, da trafen
sich Leute, und da wurde gesagt: „Du machst das und du machst das“ Und
so ging das los. Ich bin einer der Gründer mit Frank Werkmeister
zusammen. Das war einer der Gesellschafter beim Pläne-Verlag.
Frei sein und nackend: Die Bündische Bewegung
Sie sagten mir am Telefon, dass der Pläne-Verlag nicht so sehr aus
einem linken Spektrum gekommen sei, sondern aus dem Bündischen.
Erklären Sie doch mal, wie Sie zum Pläne-Verlag gekommen sind.
Wie das im Einzelnen gewesen ist, kann ich nicht mehr sagen. Ich
glaube, Frank Werkmeister hat mich Mitte der 60er Jahre angesprochen
und zu mir gesagt, man müsste mal was mit dem Verlag machen. Neben
Frank Werkmeister war noch Arno Klönne einer der Gesellschafter, in
späteren Jahren auch noch Dieter Süverkrüp. Jedenfalls ging es darum,
dass der Verlag nur im eigenen Saft kochte, so kleine Heftchen
rausbrachte und sein Spektrum erweitern wollte. Der Verlag war
hauptsächlich mit diesen bündischen Stämmen befasst. Die Stämme hatten
alle Namen, also zum Beispiel dj1.11. Das war der Stamm, aus dem auch
der Berliner Harro Schulze-Boysen kam, der Widerstandskämpfer, der '42
in Plötzensee gehängt worden ist – angeblich zur „Roten Kapelle“
gehörig, was ja ein Begriff war, den die Nazis erfunden hatten.
Wie muss man sich diese bündischen Stämme vorstellen? So etwa wie Pfadfinder?
Ja, so was ähnliches. Das kam aus dem Bürgerlichen und war ursprünglich
eine Reichsbewegung, also eine Bewegung des Deutschen Reiches. Und die
brachte Leute zusammen, die diesen Mief nicht mehr ertrugen. Dieser
Mief war immer Thema! Das war auch nach dem Kaiserreich so, als man das
Bedürfnis hatte, sich nicht mehr in allem konform zu verhalten. Die
wollten frei sein und nackend, und die lasen sich Gedichte vor und
machten Gedichte. In dieser Tradition stand Pläne. Die druckten
Gedichte, machten Blättchen – alles in diesem Beritt. Und dann Mitte,
Ende der 60er Jahre ging das los mit Schallplatten.
Kästner, Tucholsky, Süverkrüp: Die ersten drei Schallplatten
Wie sah das Programm aus?
Kästner war im Programm; Tucholsky war im Programm, immer interpretiert
von Hanns Ernst Jäger. Und Dieter Süverkrüp mit „Ça ira – Lieder der
Französischen Revolution“. Das waren die drei Platten, die sie damals
rausgebracht haben. Die befanden sich nach ihrem Selbstverständnis
irgendwie noch in der Tradition der Bündischen Bewegung.
Waren Frank Werkmeister und Arno Klönne in einer Partei?
Nein. Ob Frank Werkmeister später in einer Partei war, kann ich Ihnen
nicht sagen. Das waren junge Leute in meinem Alter, ganz bürgerliche
Herkunft. (...) Klönne ist bald nach '68 weg gewesen und ist ja dann
einer unserer bedeutendsten Soziologen geworden.
Wie kamen diese jungen Männer drauf, ausgerechnet diese Musik, diese Texte rauszubringen?
So wie zu allen Zeiten Leute drauf kamen, sich im Mief nicht mehr wohl
zu fühlen. Dieses Bedürfnis: Wir wollen frei sein, eins mit der Natur,
kurze Hosen tragen und nackend baden. Das waren ja zum Teil abstruse
Geschichten, wie sich das äußerte. Man lehnte sich auf gegen Mief,
gegen Verengung und gegen Hartherzigkeit. Und man lebte kulturvoll,
also druckte man Gedichte und las Gedichte. So ..., das hatte auch ein
bisschen was Abgedrehtes ...
Schön, aber man hätte ja auch Hermann Hesse verlegen können ...
Nee, nee, nee.
... oder Thomas Mann ...
Nein, nein, nein! Was glauben Sie, wie das Verlagsgeschäft geht! Das
ist vorbei, da gehen Sie am Stock! Sie können nicht mit Lizenz
arbeiten, das kann 'n kleiner Verlag nicht bezahlen! Die hatten doch
alle bei Suhrkamp, oder weiß der Teufel wo, ihre Rechte.
Kästner und Tucholsky nicht?
Doch, die auch. Aber Tucholsky, Kästner, Brecht und Busch hatten alle
Sonderstatus. Die hatten zwar einige Rechte abgegeben, sich abkaufen
lassen, aber für einen Teil hatten sie und ihre Erben die Rechte
behalten. Das war freie Masse.
War das dann kostenlos oder billig?
Nix kostenlos! Aaah, was meinen Sie, was das für Geschäftsleute sind!
Also nicht von wegen: Wir kommen doch alle aus einer Ecke oder was ...
Sondern: Geld auf 'n Tisch, oder es passiert gar nichts! So war das.
Aber es war günstiger für den Verlag, als wenn man sich zum Beispiel um Hesse bemüht hätte ...
Da gab 's keine Erben, so weit ich weiß. Da waren die Rechte bei
Suhrkamp, und da brauchten Sie gar nicht erst hinzuschreiben. Verstehen
Sie, die wollen so viel Lizenzgebühren haben, das lohnt nicht. Sie
müssen das immer ins Verhältnis setzen zu dem, was Sie verkaufen
können. Und ich kann das ja nur verkaufen in meinem Beritt, wo ich
sozusagen bekannt bin. Und wer kannte denn damals den Pläne-Verlag?
Diese drei Platten, von denen Sie jetzt sprechen, waren also der Beginn ...
Genau, das war der Aufbruch. Da ging man schon zaghaft über diese alte
Geschichte hinaus, da wurde man breiter. Und als die draußen waren,
hieß es: „Hörma, wir müssen da jetzt was tun - die Platten laufen zwar,
aber wir wollen das ausbauen und brauchen jetzt 'n guten Mann.“ Die
kannten mich ja, Frank Werkmeister war einer meiner Kollegen im
Ruhrgebiet-West in der Ostermarschbewegung. Ich hab mir das dann
überlegt, ob ich da einsteige. War ja nicht gerade mein Beruf. Ich war
zwar Kaufmann, hatte aber ein Diplom als Sozialarbeiter und auch bei
der Berufsberatung und bei der Arbeiterwohlfahrt gearbeitet. Als die
mich ansprachen, war ich gerade bei der Berufsberatung tätig. (...) Die
wollten mich als Geschäftsführer. Ich hab mir überlegt, was ich da
verdienen kann; ich hatte 'n kleines Kind, und meine Frau war nicht
berufstätig. Die fragten: „Was verdienste denn jetzt?“ – Ich sag: „Ich
verdiene jetzt BAT 4b, und das möchte ich auch mindestens haben.“ Und
das hab ich auch bekommen.
Baggerführer Willibald: Progressive Kinderlieder bei Pläne
Was hat Sie abgesehen vom Geld gereizt?
Die Arbeit. Das war schon interessant. Und auf einmal ging die Post ab.
Ich sagte: „Wat hab ich für Geld? Ich brauch Geld, weil ohne Geld läuft
hier nix!“ Ich hatte gleich 'ne Menge Ideen, um den Laden in Schwung zu
kriegen. (...) Den Job hab ich dann bis '76 gemacht. Dann war ich weg.
(Ende der ersten Seite der ersten Kassette)
Wie ist die Idee entstanden, den Ernst Busch einzukaufen?
Erst mal haben wir uns gefragt: Wie kriegt man Breite? Wie kommt man
auch an Kinder ran? Das war ja mein Gebiet, da komm ich ja her. Das
heißt, wir wollten progressive Kinderlieder unter die Leute bringen.
Sachen, die auch vermitteln, wie es in der Welt zugeht - also nicht
diese grauseligen und brutalen Geschichten, die ja durch Märchen und
sonst wie abgedeckt sind. Und wer könnte so was machen? Da kam Dieter
Süverkrüp mit dem „Baggerführer Willibald“. (...) Achja, vorher gab 's
noch den Hüsch mit der „Carmina Burana“, auch 'ne kleine Platte.
Süverkrüp und Hüsch kamen auch aus der Ostermarschbewegung, da traf
sich alles.
Wie wurden die Entscheidungen getroffen, diese oder jene Platte zu machen?
Wir haben gefragt: „Wie kommen wir an Kinderlieder?“ – Da sagt
Süverkrüp: „Dat find ich interessant!“ Das war ein Ergebnis von
Diskussionen, es gab einen sogenannten Produktionsrat, da wurde das
besprochen. Ich hab gefragt und angeregt und versucht, was auf den Weg
zu bringen.
Sie waren ja durchaus ein Geschäftsführer im herkömmlichen Sinn. Gab es auch eine klare Hierarchie bei den Entscheidungen?
Oh ja! Im Produktionsbereich wurde demokratisch entschieden - was dann
gemacht wurde und in welcher Reihenfolge, habe ich entschieden. Denn es
ging um Geld, und da wurden keine Experimente gemacht.
Wieviele Platten haben Sie in den sechs Jahren gemacht?
Puh ..., ich red jetzt mal über Langspielplatten, nicht über Singles:
vielleicht 20 Langspielplatten. Aber wir hatten ja auch Singles, zum
Beispiel den „Baggerführer Willibald“.
War der „Baggerführer Willibald“ ein Renner?
Einer der größten Hits, den Pläne je gemacht hat. Wir haben die Single, ich schätz mal, 100.000 mal verkauft.
Aus meiner Generation kennen das Lied sehr viele. Wer in den
70ern in linken oder linksliberalen Elternhäusern aufgewachsen ist, der
hat das mitgekriegt ...
Ja. Das konnten die Kinder schon im Kinderwagen vor sich her lallen.
Das konnten die schon, bevor sie laufen konnten (mit Kleinkind-Stimme):
„Is am Morgen kalt / Kommt der Willibald“ – Damit hat sich später der
Pläne-Verlag saniert. Die haben das Lied nachher verkauft, um ihre
Schulden abzudecken, und das hat die gerettet. (...)
Haben Sie das damals als eine Fortsetzung Ihrer Sozialarbeit empfunden - nur mit anderen Mitteln?
Ja, unbedingt. Und gleichzeitig entwickelte sich die
Ostermarschbewegung immer weiter. Dann kam die Friedensbewegung mit
dieser Riesenveranstaltung '83 in Bonn. Und Pläne hat diese Bewegung
sehr begleitet. (...) Wir hatten dann auch diese Weihnachtsliederplatte
von Süverkrüp, auch 'ne Single: „Leise schnieselt der Re-aktionär
seinen Tee“ – Wunderbare Platte, aber war nicht ganz so erfolgreich,
weil es da auch gegen christliche Werte ging. Da wurde schon mal
gezuckt, wenn dann so was kam. (...) Aus diesem
Kinderlieder-Schwerpunkt ergab sich auch das Projekt einer Kinderoper,
die wir mit Hans Werner Henze machen wollten. Wir hatten schon mit dem
gesprochen, ist aber leider nie realisiert worden. (...)
Erziehung zu Klassenbewusstsein: Ziele der Verlagsarbeit
Ihnen lagen also besonders die Kinderlieder am Herzen. Wie kommt man nun auf Ernst Busch, der ja nicht gerade ...
Mich interessierte alles, was Erziehung war. Sozialarbeiter sind nun
mal Erzieher. Ich wollte nicht mehr und nicht weniger als erziehen.
Gut, aber zu was? Ich wollte die Leute erziehen zu Selbstbewusstsein,
zu Klassenbewusstsein, zu Sozialbewusstsein, zu Menschlichkeit, zu
Humanismus. Gerade bei dieser Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, wo einem systematisch alles Kritische ausgetrieben wurde,
wo zwar ständig auf VW geguckt wurde, aber nicht auf das, worum es
wirklich ging. Und nach hinten sah man schon gar nicht, also Hitler und
die ganze faschistische Barbarei interessierten nicht. Damit wollte man
nichts zu tun haben, davon wollte man nichts gewusst haben. Nein! Es
geht ums Vergegenwärtigen! Bertolt Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar
noch, aus dem das kroch.“ Und er ist heute noch fruchtbar, dat sehen se
doch an der braunen Brühe, die gerade in Dresden aufmarschiert ist. So,
das war 'n Erziehungsauftrag: diesen Schoß unfruchtbar machen, dass da
nichts mehr rauskommt. Das war mein ganz bewusstes Anliegen.
Wie passt jetzt der Busch da rein?
Ganz einfach: Wenn man politisches Bewusstsein schaffen will, dann muss
man auch Traditionen auffrischen, die verschüttet sind oder mit
Verboten und ideologischen Vorbehalten zugekleistert sind. Alles was
links war, vom Kommunismus ganz zu schweigen, war ja schlecht. (...)
Was wir machten, war ein bewusstes Angehen gegen das politische Denken
der damaligen Zeit.
Kannten Sie Busch?
Ja, ich hab Ihnen ja erzählt ...
Ich meine: Kannten Sie die Musik?
Ja, natürlich.
Woher? Im Westen gab es doch kaum Platten.
Ja, aber man kannte doch die Lieder des Spanischen Bürgerkrieges. Die
wurden sogar auf der Klampfe gespielt. In der Ostermarschbewegung
setzte man sich hin und sang diese Lieder. Da wurde das
„Einheitsfrontlied“ gespielt und das „Solidaritätslied“. Verstehen Sie,
das konnten Sie hier nirgendwo kaufen, und trotzdem war es bekannt.
Denn irgendeiner kannte das immer und spielte das. So lernte man das
kennen, bisschen komische Musik, diese Eislerschen Melodien, aber das
prägte sich ein: „Und links, zwei, drei.“ Auf einmal hatte diese Lieder
auch Süverkrüp auf der Gitarre drauf. Der hatte die irgendwo gehört
oder was weiß ich ...
War Süverkrüp damals schon parteipolitisch engagiert?
Nein, das war später. In den 60er Jahren nicht.
In die Ostermarschbewegung hinein kamen Busch-Lieder vielleicht auch durch ehemalige Spanienkämpfer, durch VVN-Leute ...
Ja, das ist gut möglich. Die VVN waren einer der Mitträger der
Ostermarschbewegung, nicht die Initiatoren wohlgemerkt. Ich hab das ja
vorhin gesagt, dass die Kommunisten später da miteingestiegen sind –
die hatten ja den Anspruch, die Vorreiter der Arbeiterklasse zu sein.
Die ham dann gesagt: „Klar, gegen Atomtod sind wir auch!“ Die
Initiatoren waren bürgerliche Leute, und hier spielte das Bündische
eine große Rolle. Denn die oppositionelle Haltung ist eine bündische
Haltung. Die ist sehr diffus in vielen Dingen, aber sie ist eine
oppositionelle. Ich sach mal: gegen Mief. Und jetzt sagen se mir, wat
Mief is! (lacht)
Waren Sie damals auch in der Bündischen Bewegung engagiert?
Nein, nie.
Vertrag unter Sozialisten: Der Busch-Deal
Wie ist nun der Kontakt zu Busch 1970 zu Stande gekommen?
Das muss Anfang des Jahres gewesen sein. Das war eine der schnellsten
Platten, die wir gemacht haben. Ich muss dazu sagen: Die haben wir
nicht selber produziert. Wir sind zum VEB Deutsche Schallplatten hin
und haben das Mutterband von denen bekommen. Deshalb konnte man die
Platte relativ schnell pressen. Das Mutterband müsste heute noch bei
Pläne liegen. Jetzt muss ich Ihnen sagen, das geht jetzt zeitlich immer
ein bisschen vor und zurück, eine Langspielplatte herzustellen kostete
damals normalerweise grob zwischen 10.000 und 20.000 Mark. Da ist die
Vervielfältigung nicht mit drin, ich spreche von den reinen
Produktionskosten: also vom Etikett übers Cover, über die Studiokosten
bis hin zu den Berufsmusikern, die ja eigentlich Musikbeamten sind. Die
können Sie einkaufen und dann legen Sie denen 'n Blatt Papier hin, und
dann spielen die das fehlerfrei runter. Das war wichtig für uns, denn
je kürzer die Zeit im Studio war, je weniger kostete das.
Das fiel ja in diesem Fall alles weg, weil alles schon eingespielt war.
Genau. Es ging also nur darum, was die für das Mutterband wollten. Und
was haben wir bezahlt? Zweieinhalbtausend Mark pro Band, vielleicht
waren 's auch drei. Für uns war das günstig, für die DDR waren das
Devisen.
Wie sind Sie an das Mutterband gekommen?
Ich glaube, wir haben damals überlegt: Busch ist in der DDR. So, wo
produziert der? Beim VEB Deutsche Schallplatten. Da gab 's ja diese
kleinen Platten bei Aurora. Also, es war ganz einfach. Hinschreiben
oder Hinfahren. Das Band zu kaufen, war unkompliziert. Dann hieß es
aber: „Honorare müssen Sie mit Busch ausmachen.“ – Und dann ging die
Post ab. Der Busch hatte natürlich ein Konto im Westen für Devisen. Das
war der Trick. So machte der Brecht das doch auch. Der ließ sich 50
Prozent von Suhrkamp hier auszahlen ...
In der Abrechnung von damals, die im Busch-Archiv liegt, steht, der
Betrag würde an Busch gehen, allerdings „anteilig an die Akademie der
Künste“ ... War das eine ähnliche Regelung?
Das weiß ich nicht. Da müsste ich in 'n Vertrag gucken, den hab ich
nicht mehr im Kopf. Normalerweise gab 's pro verkaufte LP ungefähr 'ne
Mark für den Künstler, pro Single 50 Pfennig. Und von den Busch-Platten
haben wir schätzungsweise 10.000 Stück allein im ersten Jahr verkauft.
Jedenfalls war der Busch an jeder einzelnen Platte beteiligt, und das
Geld ließ er sich nicht in DDR-Mark bezahlen. Wobei es sein kann, dass
der Akademie-Anteil auch an ihn ging. Nur zur Erinnerung: Damals
verdiente ein Arbeiter 800 Mark netto im Monat.
Das war doch ein kleiner Coup auch für Sie, oder?
Das war 'n Vertrag unter Sozialisten. Ich fand das in Ordnung. (lacht)
Haben Sie den Vertrag noch?
Verstehen Sie, da ist kein Archiv geführt worden. Man ist immer froh,
wenn man 'ne GmbH gründet, wo das gar nicht mehr geprüft wird vom
Finanzamt. Nach zehn Jahren Aufbewahrungsfrist kommt das Zeug wacker in
'n Schredder. Ich glaub nicht, dass da noch was vorhanden ist.
Hatten Sie damals Mitsprache bei der Auswahl der Busch-Lieder?
Nein, wir haben genommen, was wir gekriegt haben. Das war fertig
produziert. Klar wollten wir Spanienlieder dabei haben, wir wollten
Lieder, die Widerstand gegen den Faschismus drin hatten. Das passte
auch zu unserer Geschichte, Sie erinnern sich: dj1.11, und das konnten
wir auch verkaufen. Dass da 'n Bürgerkrieg stattgefunden hatte, das
wussten sogar die politisch dümmsten Menschen. Außerdem klapperten wir
damit all diejenigen ab, die sozusagen aus dieser Ecke kamen, die
beispielsweise Teilnehmer des Spanienkriegs waren, beziehungsweise
deren Kinder, und diejenigen, die diese Lieder aus der
Ostermarschbewegung kannten und sie vielleicht beim Wandern summten.
(...)
Im Jahr 1968 besprach die Süddeutsche Zeitung eine Busch-Platte der
Deutschen Grammophon, auf der Brecht-Sachen aus dem Theater drauf
waren. Da ging es vor allem um die Lieder, weniger um den Interpreten.
Nun kommen Sie zwei Jahre später mit den Kampfliedern. Ging es Ihnen
dabei auch um den Busch selbst?
Das können Sie nicht trennen. Ernst Busch ist der Barrikaden-Tauber. Wo
hat er denn auf den Barrikaden gestanden? Doch nicht in Berlin. (...)
Die Barrikaden, mit denen er Massenwirksamkeit erreichte, waren die im
Spanischen Bürgerkrieg. Und die Lieder, die Busch in diesem Krieg
schuf, waren in einer bestimmten Klientel verbreitet. Die wollten wir
bedienen.
Linke Lagerfeuerromantik: Werbemaßnahmen und Pressearbeit
War es eine Marktlücke?
Ja, sicher. Gab 's ja nicht bei uns. Wir haben geschätzt: Wenn wir da
2000 Stück von verkaufen, haben wir nicht nur unsere Produktionskosten
drin, die ohnehin recht gering waren, sondern sind bereits in den
schwarzen Zahlen. Und schwarze Zahlen bedeutete Geld für neue Platten.
Heute macht man ja so Zielgruppenanalysen ...
Aaach, um Gottes Willen! Wir haben das so gemacht (hält den Daumen
schief vors Gesicht), also das war nix Professionelles. Aber natürlich
haben wir uns gefragt: „Hat das 'ne Chance? Was können wir einnehmen?“
Und dann haben wir gesagt: Das funktioniert. Wir bedienen die Klientel,
die den Spanischen Bürgerkrieg noch erlebt hat, deren Familien und die
Leute, die diese Lieder in der Aktion, also in der Ostermarschbewegung,
auch singen, auf der Klampfe spielen.
Haben Sie so eine Art Nostalgie-Faktor einkalkuliert?
Absolut. Denn die 68er Bewegung war gelaufen. Und da war ja ganz viel
hochgekommen, da war ganz viel Revolutionäres da. Aber auch viel
Chaotisches. (...)
In einem Zeitungsartikel ist die Rede von „linker Lagerfeuerromantik“
und „südländischer Folklore“. War Ihnen dieser Aspekt der Spanienlieder
auch bewusst?
Ja, ja, absolut. Das war eindeutig so.
Fanden Sie das nicht despektierlich?
Doch. (lacht) Das fanden wir zur damaligen Zeit sehr despektierlich.
Haben Sie sich geärgert über solche Presse-Kritiken?
Wir haben uns geärgert. Aber ich hab immer gesagt: „Freunde, is doch
egal, wat die schreiben! Hauptsache, die schreiben – die schweigen uns
nicht mehr tot, wie se das 20 Jahre gemacht haben!“ Jede Provokation,
die rein kam, war wichtig. Deshalb hab ich dem Redakteur doch auch
diesen Spruch um die Ohren gehauen: „Be, O, Ix und Hammer wie Sichel.“
(...) Übrigens ist auch der Slogan von mir, den Pläne Jahre lang hatte:
„Rot sehen kann jeder, hören Sie mal rot!“
Der ist von Ihnen?
Ja, ich hab den angeregt. Also, wir hatten 'nen Grafiker, der den in Reinform gebracht hat. Aber die Provokation stammt von mir.
Guter Spruch, erinnert mich ein bisschen an „Dreh nicht durch, dreh Dragon!“ ...
Das war klasse. Auf der Buchmesse liefen sie alle mit unseren
Einkaufstüten rum. Da war ein großer roter Punkt drauf, daneben stand
„Pläne“ und der Spruch: Rot sehen kann jeder, hören Sie mal rot! - Es
war der Knüller! Ich will Ihnen noch was erzählen: Als Werbegag machten
wir eine Schallplatte nach der Kiesinger-Ohrfeige von der Beate
Klarsfeld, übrigens ein ganz schwieriges Frauenzimmerchen ...
Jedenfalls stand auf dem Cover, das aussah wie eine Einkaufstüte aus
Packpapier, in brauner Frakturschrift: „Kurt Georg Kiesinger:
Rechtfertigungen eines Schöngeistes der Barbarei“ – So, und wissen Sie,
was drauf war? (Pause) Das war eine Leerpressung. Eine Single, auf der
nichts drauf war. (Lachen)
Haben Sie die verkauft?
Verschenkt. (...) Das dauerte bei manchen eine Weile, bis sich das
gesetzt hatte. Wir haben die Platte auf der Buchmesse verschenkt, und
da kamen Leute zurück zum Stand und sagten (mit schüchterner Stimme):
„Da muss 'n Fehler passiert sein, da is gar nix drauf.“ (Lachen) Und
da hab ich gesagt: „Könnte das auch Sinn machen?“ Und dann fing das an
zu rattern, das konnten sie sehen, wie das ratterte. Ich sach: „Gucken
Sie sich doch noch mal den Umschlag an!“ – Es gab keine Rechtfertigung
bei Kiesinger, das war doch klar. Das war ein ganz übler brauner Vogel.
Das klingt alles so, als hätten Sie mit dem Verlag auch viel Spaß gehabt ...
Ja, haben wir auch gehabt. 'Ne Menge Spaß und 'ne Menge Reaktionen.
Das wollte ich auch fragen: Gab 's Post?
Ich hab den Umsatz vertausendfacht ...
... in diesen sechs Jahren ...
... vertausendfacht!
Das ist 'ne Menge, aber es war wahrscheinlich auch nicht viel da gewesen an Umsatz, als Sie einstiegen ...
Das ist wahr. Es ging aber am Schluss, als ich ging, in die Millionenumsätze.
Warum sind Sie dann gegangen?
Sag ich Ihnen gleich.
Busch und Baggerführer: Die Explosion der Verkaufszahlen
Gut. Noch mal zurück zu Busch: Im November 1970 schrieben Sie an Busch,
seine Platte sei ein „Knüller“, und fügten hinzu: „Mit dem Verkauf sind
wir sehr zufrieden.“ Das ging ja sehr schnell, wenn Sie im Frühjahr
erst die Bänder bekommen hatten, wie Sie sagen ...
Ja, der ging ja ab wie Wim (?). Wir konnten ja gar nicht so schnell
liefern, wie die Leute gekauft haben. Wir hatten bestimmt schon die
dritte Auflage im November. Die ersten Auflagen betrugen 1000 Stück,
dann ging das hoch auf 2000 Stück. Bis Ende '72 hatten wir acht
Auflagen und 10.000 Stück verkauft. Sie müssen bedenken, dass das totes
Kapital war, wenn sich eine Platte nicht schnell verkaufte. Eine Platte
in der Nachauflage kostete uns etwa 5 Mark, davon waren 2,50 Mark
Rohpreis und 2,50 Mark Gema. Verkauft haben wir sie für 20 oder 22
Mark. Kosten für Werbung und so kamen natürlich noch dazu. Aber
immerhin: Wenn wir 2000 Stück pressen ließen, waren, bei 5 Mark Kosten
pro Platte, gleich 10.000 Mark weg. Wenn sie die schnell umschlugen,
war das okay. (...) Und bei Busch ging das sehr schnell. Wir hatten
vorher vier Jahre lang an einer 1000er Auflage verkauft, also
vielleicht 250 Stück pro Jahr von einer Langspielplatte verkauft. Und
auf einmal verkaufen wir 10.000 Stück von einer LP in einem Jahr! Da
ist der Pläne-Verlag geschossen wie 'ne Rakete! Und parallel kommt der
„Baggerführer Willibald“ raus.
Busch war ein Verkaufsschlager?
Busch war der Verkaufsschlager! Da hat sich Pläne dran saniert. Und das
zweite Standbein war Süverkrüp mit dem „Baggerführer Willibald“.
Waren Sie überrascht damals über den Erfolg?
Über beide. Und dann hörte es nicht mehr auf. Dann kam die
Singebewegung in der DDR. Da haben wir 'ne Platte drüber gemacht. Und
zwar mit 'ner DDR-Fahne drauf, das war eine Provokation sondergleichen
(lacht). Hammer und Zirkel im Ährenkranz! Das war das Schlimmste, was
Sie machen konnten. Und dann kamen diese Arbeiterlieder, die wir im
Essener Saalbau aufgenommen haben. Von da an lief es. (...)
Brauner Wedding: Die persönliche Begegnung mit Busch
Was ist Ihnen von Ihrem persönlichen Zusammentreffen mit Busch in Erinnerung?
Ich kann mich nur noch an Ausschnitte erinnern, das liegt zu weit
zurück. Ich merkte jedenfalls damals: Der hatte ein sehr gediegenes
Verhältnis zur Regierung der DDR, ein sehr gediegenes Verhältnis. Der
hasste den Ulbricht, wie man nur einen Menschen hassen kann. Der
verachtete den! (...) Irgendwie kam Busch dann im Gespräch auf das Lied
„Roter Wedding“. Und was hat der über dieses Lied geschimpft
(polternd): „Alles Quatsch! Von wegen roter Wedding, das war brauner
Wedding! Suchen sie sich doch mal die alten Wahlergebnisse vom Wedding
raus!“ – Also, es war eindeutig, was er meinte, nach dem Motto: „Hab
ich zwar immer gesungen, aber dass das von den historischen
Mehrheitsverhältnissen her nicht so ganz stimmt, ist mir schon klar.“
(...) Er hat den Liedtext wohl irgendwie wörtlich interpretiert und hat
den als Synonym für Überhöhungen gewertet, für Mythen schaffen und so
etwas. (...) Er wusste, dass es viele Dinge gab, wo man zweimal
hingucken musste, bevor man sie annahm. (...) Und er war mit vielen
Dingen in der DDR nicht einverstanden.
Wissen Sie noch, in welchem Zusammenhang Sie ihn damals getroffen haben? War das am Rande der Festspiele?
Ja, ich vermute mal. Aber ich weiß das nicht mehr genau. Das war in einem Kreis von vielleicht zehn Leuten (...)
Busch kam ja im Gegensatz zu den Künstlern, mit denen Sie sonst zu tun
hatten, nicht aus der westlichen Protestbewegung. Und er war mit dem
Staat, in dem er lebte, auf sehr besondere Weise verbunden, er war eine
Ikone. War das spürbar bei dieser Begegnung?
Dieses Besondere ist mir nicht in Erinnerung. Der hatte genau die
gleichen bürgerlichen Macken drauf wie Therese Giese, wie Hüsch, wie
Degenhardt ... So 'n bisschen: „Was gibt's heut zu essen? Was ham sie
für 'n Wein?“ – Heute bin ich schon eher auf diesem Trip, aber das kann
auch was mit dem Alter zu tun haben (lacht). Nein, aber auffällig war
auch dieses Überhaupt-nicht-bedingungslos-eingehen-auf-irgendetwas,
sondern sich immer was vorzubehalten: „Ja – aber ...“, zum Beispiel:
„Ja, Sie machen tolle Platten, aber meine sind die besten.“
Was bei Ihnen hängen geblieben ist, ist offenbar diese Geschichte mit dem „Roten Wedding" ...
Ja. Ich habe damals gedacht: „Warum sagst du so was? Wieso musst du so
was sagen?“ Es ging in die Richtung: Hörma, ich bin doch gar nicht aus
der DDR! Warum muss das jetzt sein? Oder: Erkennst du nicht: Wenn du
das dem Falschen sagst, dass man das auch ausschlachten kann? Wir waren
doch in einer besonderen Situation in Westdeutschland. Uns ging 's doch
darum, einen Gegenpol aufzubauen. Und dann kommt so einer und sagt
(polternd): „Roter Wedding...“ - Es mag ja gestimmt haben, was er
sagte. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht, ich hatte nicht
nachgeguckt, es interessierte mich auch nicht. Ich wollte das nicht
hören, für mich war klar: Wenn der das jetzt einem bürgerlichen
Journalisten erzählt, schreibt die Frankfurter Rundschau oder die FAZ
oder der Spiegel oder der Stern oder wer auch immer: „Busch bezweifelt
seine eigenen Ideale“ oder so. Und dass der sich instrumentalisieren
lässt. Er hat die Äußerung ja nicht öffentlich gemacht. Aber ich fand
sie damals unangemessen.
Haben Sie Busch auch privat gehört?
Wir haben den damals auch privat gehört.
Haben Sie 'n Lieblingslied?
Was hat mir von ihm gefallen? Das „Beimler-Lied“ hat mich schon sehr
beeindruckt. Überhaupt die Lieder des Spanischen Bürgerkrieges, ich
muss sagen, da gab 's größere Anteile ... Und sonst? Da fragen Sie mich
was ...Verstehen Sie, ich hab nicht mal mehr 'n Schallplattenapparat,
wo ich die Dinger abspielen kann. Ich hab sie aber unten noch liegen,
die Platten. Achso, das „Seifenlied“ fand ich natürlich wunderbar, weil
da der rechten Sozialdemokratie ordentlich eingeschenkt wurde. Das Lied
hat übrigens kaum an Aktualität eingebüßt! (...)
Schnürschuhsozialisten und Chaoten: Die Vertriebswege
Was glauben Sie, welche Leute haben diese Busch-Platten gekauft?
Das ist schwer zu sagen. Wir haben ja nicht in erster Linie an
Einzelpersonen verkauft. Verstehen Sie, wenn ich daran interessiert
bin, einen ordentlich geführten Verlag zu haben, dann kann ich nicht
Killefitt über Einzelversand machen. Wir haben 90 Prozent unseres
Umsatzes über Wiederverkäufer gemacht und 10 Prozent über
Direktbestellungen. Wir haben an Schallplattengeschäfte verkauft, an
große Versandhäuser, an Buchketten wie Montanus, die vor allem an den
Bahnhöfen stark waren. Bei uns bestellten auch die Gewerkschaften, die
Büchergilde Gutenberg, die DKP und alle möglichen Buchhandlungen. Wir
hatten auch sehr gute Kontakte zu den Naturfreunden und so weiter. Gut,
wir haben auch Einzelversand per Nachnahme gemacht. Platte rausgesucht,
Rechnung geschrieben, Packpapier drum, per Nachnahme, zack. Das führte
übrigens zu bösen Briefen - weil Sie vorhin nach dem Echo der Kunden
gefragt haben. Das ist interessant: Wenn es um die Versandart ging,
meldeten sich die Leute und zwar sehr lautstark (keift): „Frechheit! So
'n linker Verlach erlaubt sich so kapitalistische Methoden!“ – Da hab
ich immer gesagt: „Die können sagen, wasse wollen. Deren Verständnis
heißt: Ihr könnt auch acht Wochen aufs Geld warten - in der Zeit sind
wir pleite!“ Ich sach: „So nicht! Entweder Sie schlucken die
Bedingungen, die wir diktieren, oder Sie hören sich die Schallplatten
von Ernst Busch bei ihrem Nachbarn an, aber nicht direkt die eigenen!“
Also, da war ich knallhart! Und es gab damals ja die Chaotenbewegung,
die Vereinigung des linken Buchhandels. Das waren die
Chaoten-Buchhandlungen, also die Brüder Wolf in Frankfurt, Verlag Roter
Stern und so weiter – die brachten ein Zeug raus! Die kauften natürlich
bei uns und machten dann so Stände mit so Apfelsinenkisten auf der
Straße. Und es gab die Asten, die vor den Unis Bücher und Schallplatten
verkauften. Die haben natürlich auch immer Busch verkauft.
Hat Pläne auch auf Veranstaltungen direkt verkauft?
Ja, wir selber machten auch Stände auf den Gewerkschaftstagen, bei
Konzerten, auf Ostermarsch-Abschlusskundgebungen und auf
DKP-Veranstaltungen wie den Parteitagen. Bei der SPD kam man nicht so
rein, die fassten uns mit spitzen Fingern an. Wir haben natürlich jede
Chance genutzt, Umsatz zu machen. (...) Wir belieferten übrigens nicht
nur Deutschland, sondern auch die bürgerliche Schweiz und die
Schnürschuhsozialisten in Österreich. Das war ja noch 'ne Nummer
schärfer. Das Tollste, was man sich in der Schweiz anhörte, war Hüsch.
Hüsch war ja ein großer Star dort. Auch mit „Chant du Monde“ in
Frankreich haben wir kooperiert. Mit denen haben wir die Chile-Platten
rausgebracht.
Gingen die Verkaufszahlen der Busch-Platten in den sechs Jahren, in denen Sie Geschäftsführer waren, zurück?
Nein, das war gleich bleibend. Also ungefähr 10.000 pro Jahr würde ich
sagen. Und das ist eine ungeheure Zahl. Ich weiß nicht, wie viel die
heute davon verkaufen. Aber ich bin überzeugt, dass der auch heute noch
einigermaßen geht. Das ist jetzt Erbepflege, das hat sich gewandelt.
(...)
Wie erklären Sie sich den Erfolg des Pläne-Verlags in den 70er Jahren?
Eins muss klar sein: Es war nicht nur reinstes Klassenbewusstsein, was
zum Umsatz der Platten beitrug. Links zu sein war ja auch eine Mode, es
war schick. Und es war auch unser Begehr, das abzudecken, das
mitzunehmen. Trotzdem haben wir versucht, eine klare Sprache gegen all
diese sich links nennenden Fraktionen zu setzen. Was heißt das? Das
fußte auf einer Tradition, die wir pflegen und weiter geben wollten.
Und das war keine sozialdemokratische, das war eindeutig die
antifaschistische und auch die kommunistische Tradition. (...)
Wie haben Sie diese anderen Fraktionen und Mitbewerber beurteilt?
Das waren Chaoten.
Warum Chaoten? Was hat die unterschieden von Ihrer Art des Linksseins?
Vom Weltbild her reichte das von Maoisten über Trotzkisten bis hin zu
allen Fraktionen, die Sie sich denken können. Aber natürlich haben
diese K-Gruppen-Leute auch Platten bestellt.
Hatten Sie Verbindungen nach Berlin, zum Beispiel zur SEW?
Nein, aber die haben auch Platten bei uns bestellt. Berlin war, das
muss ich sagen, relativ weit weg von uns. Die Szene in West-Berlin
haben wir uns immer beguckt wie 'n Zoo. Aber von da kam auch einer
unserer besten Verkäufer: Peter Piffer. Der machte Touren für uns von
Passau bis Ostfriesland und nahm sich die Plattenläden in der ganzen
Republik vor. Der brachte jede Menge Aufträge mit. Der verkaufte Busch
und alles Mögliche. Was hatten wir damals für Platten im Programm?
„Kämpfendes Afrika“ mit ganz bestimmten Dialekten aus Südafrika, Nelson
Mandela saß ja. Dann hatten wir Platten zur Chile-Bewegung, als '73
Salvador Allende weggeputscht wurde und zu Tode kam: Quilapayun war
eine große Gruppe im Wahlkampf von Allende, das Gleiche gilt für Inti
Illimani. Nach dem Putsch schnellten die Verkaufszahlen dieser Gruppen
stark in die Höhe. (...)
Antiapartheidbewegung, Lateinamerika-Solidarität, progressive
Kindererziehung und mittendrin Ernst Busch. Es scheint so, als sollten
seine Lieder in diesem Kontext wieder ihre ursprüngliche Funktion
erhalten. Ging es darum, sie wieder zu Waffen im Klassenkampf zu machen?
Ganz richtig.
War das nicht total illusorisch und unmöglich?
Unsere Verkaufszahlen sagten was anderes. (...) Dass es unmöglich sei –
auf so 'ne Antwort wären wir nie gekommen. Wir hatten den Eindruck,
dass wir etwas wieder aufgegriffen hatten, verbreitert und an den Mann
gebracht hatten. Verstehen Sie, es ging darum, die Wurzeln zu erhalten
und auch daraus zu lernen. Und wenn Sie das Lernen als Kampfauftrag
oder als Anleitung zum Kampf sehen – meinetwegen. (...)
Ehrlichkeit und Heroismus: Die Wirkung der Lieder
Wieso konnte der „Rote Wedding“ in Dortmund funktionieren?
Der „Rote Wedding“ ist ein Synonym für eine ganz bestimmte Geschichte,
für eine Kampfsituation. So ähnlich wie „Die Arbeiter von Wien“, was
Kittler gesungen hat beim Arbeiterliederfestival. Oder die „Schlacht um
das Zeitungsviertel in Berlin“, das ist auch so ein Lied. Es geht also
nicht primär um den Wedding. Das war eben ein in der Arbeiterklasse
bekanntes Lied. Darum ging 's. Und es war eben nur noch bei
Eingeweihten da. Wenn Sie das Lied hören, also wenn Sie 'n bisschen
Gefühl dafür haben, dann merken Sie, wie Ihnen was übern Rücken läuft.
Das Lied hat was.
Was ist das? Können Sie das beschreiben?
Was ist das? Es spricht Emotionen an. Es überhöht Mut, es überhöht
Treue, Ehrlichkeit, Einstehen für etwas bis zum Tod. Uns war ja schon
bekannt: Die sind in den KZs erschlagen worden für ihre Meinung, ohne
jemanden zu verraten oder zu gefährden. (...)
Hat das was Heroisches?
Das hat auch was Heroisches. Also nicht was Heroisches im Sinne von:
Ich flieg zum Mond – halte ich für weniger heroisch, obwohl ich da auch
das Leben gefährde. Sondern dieses Einstehen für Werte – völlig
unabhängig, ob diese Werte jetzt von jedermann getragen werden. Aber
dieses Einstehen: Der hat dafür gekämpft, ist auf die Straße gegangen,
hat Arbeitslosigkeit in Kauf genommen, hat im KZ dafür gesessen für 'ne
Meinung zu haben, für gewählt zu haben, für auf die Straße gegangen zu
sein, für Funktionen gehabt zu haben – das hat schon was. (...) Das
Problem ist, dass man ein bestimmtes Wissen braucht, um diese Lieder zu
verstehen. Haben die uns heute noch was zu sagen? Ja, wenn erklärt
wird, wo das alles herkommt. (...) Es gibt zwischen der Pflege des
Erbes und dem, was ich aktuell damit erreichen kann, schon noch 'n paar
Schritte. Nehmen Sie die Lieder des Spanischen Bürgerkriegs: Für uns
damals äußerte sich darin internationale Solidarität und darin steckte
viel Kraft. (...) Es ging auch darum, das war unsere feste Überzeugung,
Kraft draus zu saugen aus diesen Geschichten.
Weil Sie die bewundert haben, die Kämpfer der Internationalen Brigaden?
Ganz genau.
Waren das Vorbilder?
Das waren auch Vorbilder. Ich bin übrigens heute noch der Meinung:
Demokratie ist die Freiheit des Andersdenkenden – aber nicht der
Faschisten. Das ist für mich 'n Straftatbestand, aber keine freie
Meinung. (...)
(Exkurs zur Covergestaltung der Busch-Platten bei Pläne)
(Ende der ersten Seite der zweiten Kassette)
Schlagerfuzzies und Liedermacher: Die Musikszene der 70er
Was waren die am besten verkauften Platten bis zu Ihrem Weggang 1976?
Bei den Langspielplatten war Busch der Spitzenreiter. Wobei ich die
Verkaufszahlen der chilenischen Gruppen jetzt nicht im Kopf habe. Der
Mikis Theodorakis, den wir ja im Programm hatten, als der im Knast saß
beim Putsch der Offiziere in Griechenland, der hat sich auch gut
verkauft. Der Verkauf lag nur unwesentlich unter Busch. (...)
Und Degenhardt?
Der war bei uns ja nur im Rahmen des Arbeiterliederfestivals, sonst war
der bei Polydor. Franz Josef Degenhardt war auch Geschäftsmann, der hat
gesagt: „Was garantiert ihr mir? 20.000 LPs im Jahr?“ – Die hat der bei
Polydor verkauft, der war zeitweise der Spitzenreiter vor Heino. Wir
konnten ihm solche Garantien nicht geben.
Wer war denn die größte Konkurrenz für Sie?
Niemand. Polydor machte ja außer Degenhardt nichts, was uns betraf.
Nein, es gab keine Konkurrenz, wir waren konkurrenzlos. (...) Und
selbst Degenhardt hat ja nicht durchgängig ein rein linkes Spektrum
bedient.
Was denn sonst? Das war doch Ihre Zielgruppe ...Nee!
Haben Sie sich mal die „Wallfahrt zum Big Zeppelin“ angehört? Da
hat er allenfalls die Kiffer-Zielgruppe im Auge. Der hat den Hohen
Meißner (Anhöhe bei Kassel, hier fand 1913 das erste organisierte Treffen der
Jugendbewegung statt; JV) oder weiß der Teufel wen, also eher die
Bündische Jugend
bedient. Das ging in Richtung Burg Waldeck-Publikum, das wir zwar auch
bedient haben, das aber nicht direkt unsere Leute waren. Da ging 's um
die Blaue Blume und so 'n Kram. Verstehen Sie, der karrieregeile
Reinhard May und die karrieregeile Katja Epstein kommen aus dieser
Ecke. Und die haben nachher den Abflug gemacht, um richtig Geld zu
verdienen. Es gab eben eine Zeit, da hat man mit so was kokettiert. Bei
uns hat zum Beispiel mal der Udo Jürgens angefragt, ob es nicht mal
Zeit wäre, dass er Arbeiterlieder singt. Da haben wir gesagt: „Tu das
lieber nicht!“ Ich weiß nicht mehr, wie der Kontakt damals war, ob wir
telefoniert haben oder ob wir den getroffen haben. Jedenfalls: Er
kriegte das mit, dass das boomt. Dieser Teil der Gesellschaft wurde
nicht bedient. Und das Seichte nahm ja ab, wenngleich die
Verkaufszahlen noch einigermaßen hoch waren. Aber es war schon
absehbar, dass diese ganzen Schlagerfuzzis, die in Wellen hochkamen,
sich nicht mehr lange halten würden. Jürgens machte dann zum Beispiel
„Griechischer Wein“ zur Zeit der Putschisten. Das war Kalkül, und das
war ein Riesenerfolg.
Warum haben Sie die Anfrage von Jürgens abgelehnt?
Wir waren alle dagegen. Udo Jürgens und Arbeiterlieder – das konnten
wir uns nicht vorstellen! (...) Der hatte damals ja schon den Grand
Prix gewonnen. Ich glaube, selbst wenn wir 'ne Garantie gehabt hätten,
dass wir auf einen Schlag 100.000 Platten von dem loswerden – wir
hätten das nicht gemacht. Das war uns eine zu seichte Verwandtschaft.
(...)
Der Piscator-Schauspieler Albert Venohr hat mal in einem Interview in
den 70ern auf die Frage, wie man sich Buschs Popularität vor '33
vorstellen müsse, gesagt, das sei so ähnlich gewesen wie bei Jürgens ...
Für die damalige Zeit mag das zutreffen. Busch hieß ja
„Barrikaden-Tauber“. Und das macht auch Sinn. Richard Tauber, der große
Tenor, war der große bürgerliche und auch kleinbürgerliche Bediener.
Der hatte ja auch Stimme, wobei er sich auch Stimmlagen umschreiben
ließ, weil er bestimmte Lagen nicht packte. Bei Busch gab es auch ganz
klare Grenzen ... Eigentlich kann der ja nicht singen, wir wollen den
ja jetzt nicht nachträglich zum Heldentenor machen ... (...) Eines muss
ich aber auch sagen: Wir haben bei Pläne nie das kommerzielle Niveau
von Popmusik erreicht. Diese Produkte waren kein Massenphänomen. Das
anzunehmen hieße auch die linke Bewegung selbst in den 70er Jahren zu
überschätzen. (...) (Exkurs über die zahlenmäßige Größenordnung linker
Protestbewegungen)
Wie würden Sie die Bedeutung des Pläne-Verlags in den 70ern nachträglich einordnen?
Das, was gelungen ist, war die Erbepflege. Das nehme ich für Pläne in
Anspruch. Das ist ein wesentliches Verdienst. Aber daraus lässt sich
keine Massenbasis ableiten. Das ginge zu weit, wir waren nicht der
große Mufti! Wir waren auch was ganz Skuriles! Wir haben erfolgreich
ein Segment besetzt oder eine Nische wenn Sie so wollen.
Was war das für eine Nische? Sie benutzen ja Begriffe wie Erbepflege,
die in der Kulturpolitik der DDR eine große Rolle spielten ...
Ja, das haben wir auch bewusst gemacht. Die DDR war ja kein Feindbild
für uns. Das wurde uns ja auch vorgeworfen, als wir zum Beispiel die
Singebewegung rausbrachten mit einem Lied über den Guillaume. (...) Ich
fand diese Lieder zum Teil übrigens ganz erfrischend, weil die nicht so
konzertant und perfekt produziert waren wie die Busch-Lieder mit diesen
Chören und dem ganzen Drumherum. (...)
Würden Sie sagen, dass der Pläne-Verlag in Opposition zum gesellschaftlichen System der Bundesrepublik stand?
Absolut.
Klassik gegen Kampflieder: Die Gründe für den Ausstieg
Warum sind Sie '76 bei Pläne ausgestiegen?
Es ging wieder um Erbepflege. Ich hatte ja auch Bildungsanspruch und
hab irgendwann gefragt: „Was is denn mit dem klassischen Erbe?“
Abgesehen von einer Beethovenplatte für die DKP hatten wir so was nie
gemacht. Da war die DDR uns weit voraus: Oper, Konzert, Theater – das
ist eben auch Erziehungssache. Ich hab also gekämpft für gute
klassische Schallplatten. Ich wollte auch das bürgerliche Erbe an die
Arbeiterklasse heranbringen - nicht nur kämpferisches Liedgut. Das war
nicht durchsetzbar. Die Kollegen wollten nicht. Dabei hätten wir
Aufnahmen aus der DDR billig haben können.
Gab es Streit?
Nein. Ich hab einfach gesagt: „Wisst Ihr, Jungs, wenn ich mir nicht
irgendwann mein Sozialarbeiterdiplom in die Toilette hängen will, das
ist ja irgendwann nix mehr wert, dann ist das jetzt der Zeitpunkt, um
wieder in den Beruf zurück zu gehen.“ Ich hab einen hochsolventen
Verlag verlassen, der Not leidenden anderen linken Verlagen Darlehen
geben konnte. Die sind ja alle kaputt gegangen: Pahl-Rugenstein, dann
der Weltkreisverlag, wo die FDAJ-Zeitschrift erschien, dann der
Röderberg-Verlag in Frankfurt. Wir haben bei diesen Verlagen schon mal
'ne Anzeige für 1000 Mark geschaltet, um die zu unterstützen, was ja
eigentlich Quatsch war, weil wir damals gesagt haben: „Da werben wir
wieder in der eigenen Suppe.“ Aber denen ging 's halt schlecht. Der
einzige, der überlebt hat, ist der Pläne-Verlag. (...) Uns ging es so
gut, dass wir sogar im Spiegel inseriert haben. Das war eine der
teuersten Anzeigen, die wir je gemacht haben. 50.000 Mark hat die
gekostet, das war, glaub ich, 'ne fünftel Seite, so 'n Streifen am
Rand. (...) Ich wollte das nur als Beispiel sagen: Ich hatte den Verlag
wirklich nach oben gebracht, wir sind mit 'nem Ein-Mann-Verlag
angefangen und hatten nachher, was weiß ich, 25 Leute beschäftigt. Los
ging es in einer Dreieinhalb-Zimmer Wohnung in der Humboldtstraße,
im Schlafzimmer war das Lager. Später hab ich ein Haus angemietet in
der Rohrallee. Nach meinem Ausstieg haben die, so weit ich weiß, das
Niveau gehalten. Es kam aber nicht mehr viel Neues dazu. (...)
Hans Dieter Hüsch, Franz Josef Degenhardt, Wolf Biermann
War das eine musikalische Geschmacksfrage, Ihre Auseinandersetzung im Verlag: Klassik gegen kämpferisches Liedgut?
Nein, das war eine politische Entscheidung, durch die wir übrigens auch
Hans Dieter Hüsch verloren haben. Der Hüsch wollte wieder eine seiner
literarischen Platten machen, und ich hab gesagt: „Lasst uns die doch
machen!“ – Aber nein, das Geld sollte für was anderes eingesetzt
werden. Das Denken wurde immer enger. Das hatte auch mit der
politischen Entwicklung zu tun, Honecker wurde als Hoffnungsträger
gesehen, und da war so was nicht mehr möglich. Ich hab das Telefonat
mit Hüsch damals selbst geführt und musste sagen: „Tut mir leid, Hans
Dieter, wir haben da kein Geld für – und das stimmte gar nicht!“ (...)
Hüsch war ja ein sehr schwieriger Mensch, den sie sehr verletzt hatten
in der 68er Bewegung. Hüsch war ein bürgerlicher Humanist, der nicht
ganz in diese Zeit zu passen schien. Das war ein sprachbegabter guter
..., ja, ein guter Mensch einfach. Und er ist dann so wüst beschimpft
worden von diesen Linksradikalen - da trägt der heut noch dran, das hat
der nie vergessen.
Was war da vorgefallen?
Es gibt ja kaum einen, der so mit der deutschen Sprache spielen kann,
wie Hans Dietrich Hüsch. Und man muss sich nun vorstellen: Der tritt
auf mit - was weiß ich, „Der Küster tritt die Treppe krumm“ – beim
Waldeck-Festival, und dann kommen natürlich jede Menge Chaoten aus
Berlin und von woanders und schreien (gröhlt): „Ey, Hüsch! Wo ist das
Politische! Hör mit deinem Scheiß auf!“ – Und das ist ihm bei jedem
Auftritt passiert. Er hat sich nachher mit so Floskeln gerettet, hat
dann verschüchtert und verletzt ins Mikrofon gesagt: „Herr, schenk mir
meinen täglichen Zwischenruf!“ Franz Josef Degenhardt war da ganz
anders. Ich erinnere mich an eine große Veranstaltung, die wir in
Bochum machten. Fünf Mark Eintritt, das war viel Geld damals, die
Ruhrlandhalle war rappelvoll, siebeneinhalb Tausend passen da rein.
Degenhardt fängt an zu spielen, da schreit einer (wieder gegröhlt):
„Ey, was machst Du eigentlich mit deinem vielen Geld?“ – Das ging
weiter, die nächsten riefen: „Genau, wat is mit dem Geld?“ – Die
konnten ja alle rechnen, was da rauskam bei fünf Mark Eintritt ...
Franz Josef grinst und sagt (flötet): „Da geh ich gleich mit in Bochum
in 'n Pu-huff! Haste was dagegen?“ – Gegröhle ... Die merkten schon,
wenn sie sich mit dem anlegten, kriegten sie Saures. Aber Hans Dietrich
Hüsch war anders, der konnte sich nicht wehren. Wenn da einer aus dem
Publikum hochging, schrak der zusammen, da hörte der auf.
Waren diese Zwischenrufe typisch für die Zeit, für die linke Bewegung?
Allerdings. Und je linksradikaler und maoistischer die Leute waren, je
unflätiger waren diese Zwischenrufe und auch die Aktionen. Denken Sie
an Langhans! Da hat der Degenhardt in einem Lied drauf angespielt:
„Aber in die Akten scheißen mögen wir hier nicht.“ Das hatten die doch
gemacht während der Verhandlung, stand doch in jeder Zeitung ...
Verstehen Sie, was das mit Kleinbürgern macht? Da hieß es (angeekelt):
„Wat sind das für Tiere?“ – Die hatten für sich in Anspruch genommen,
links und revolutionär zu sein ... Also, ich hab immer gesagt: Wenn es
diese Bande nicht gäbe, dann müsste sie der Strauß erfinden. (...) Für
mich waren das die Büttel der Reaktion. (...) Entsprechendes, nur viel
extremer, gilt für die RAF, die machten alles kaputt und betrieben
damit das Geschäft des Klassenfeindes.
Wenn Busch sang „Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre“, hatten Sie bei Pläne keine Probleme damit?
Gegen Gewalt hatten wir nix, wir hatten was gegen individuellen Terror!
Wir hatten ja den Anspruch, uns im Marxismus auszukennen. Und da gibt
es den schönen Satz: Die Form der Auseinandersetzung bestimmt immer der
Gegner. Das heißt, der Kampf um die Macht vollzieht sich so lange ohne
Gewalt, bis das Regime zur Gewalt, und zwar zur militärischen Gewalt,
greift. Und dann schlägt es um. (...) Der Einsatz von Knüppeln und
Wasserwerfern und zwei, drei tragische Todesfälle sind damit nicht
gemeint. Also nicht nach dem Motto der RAF: Wenn die Polizei kommt ham
wir alle verdeckt 'ne 08 in der Tasche und schießen die nieder. Das war
nicht unser Standpunkt. (...) Ein revolutionärer Akt muss außerdem
immer auch von der Stimmung der Bevölkerung getragen werden. (...) Die
Gewaltfrage würde entschieden werden, das war für uns ganz klar, wenn
'ne revolutionäre Situation da sein würde. (...)
(Exkurs zu Andreas Baader und Ulrike Meinhof)
Welche Haltung hatte der Pläne-Verlag gegenüber Biermann. Hätte der Sie interessiert?
Nee, das Arschloch hätten wir ums Verrecken nicht genommen. Für uns war
das ein klarer Verräter. Der machte dann Platten bei Wagenbach, seinem
Leib- und Magenverleger, diese selbst aufgenommenen Lieder aus dem
Wohnzimmer. Da haben wir drüber gelacht. Das war keine Konkurrenz für
uns.
Haben Sie vorhin nicht gesagt, dass Sie gerade weniger perfekte Produktionen mochten?
Ja, aber es war Biermann. Den mochte ich weder sprachlich noch
musikalisch. Den hätten wir nie produziert. Da waren wir uns alle
einig. (...) Ich fand den auch größenwahnsinnig. Das war ja kein
zweiter Busch, das war nicht mal ein Krug! Der hatte noch nix auf die
Beine gestellt und tauchte plötzlich als der große DDR-Kritiker auf.
Eine DDR-kritische Haltung war bei Pläne tabu?
Unsere Haltung war: Das macht man nicht. Das macht ja der Klassenfeind
schon. Anti-Kommunisten gab 's schon genug! Da reihten wir uns nicht
ein, das müssen Sie aus der Zeit heraus verstehen! (...) Natürlich
hatten wir auch Bedenken, die hatte jeder. Aber wir haben keine Platte
darüber gemacht. Das machte der Springer schon, das war
antikommunistisches Tagesgeschäft damals. (...)
Das Degenhardt-Konzert, das Sie erwähnt haben, war von Pläne
veranstaltet worden. Haben Sie noch andere Veranstaltungen organisiert?
Ja. Wir hatten dann auch eine Konzertagentur, haben das
„Arbeiterlieder-Festival“ veranstaltet und vieles andere. Das war
sozusagen das Abdecken, von mir aus können Sie auch Absahnen schreiben,
also: das Abschöpfen der Konzertseite. Auch das Live-Geschäft wollten
wir mitnehmen. Wir haben da gewissermaßen das ganze linke Spektrum
bedient. Aber wir haben ausgesucht, wir haben nicht jeden genommen! So
ist es nicht!
Sie hatten schon damals so was wie eine, heute würde man sagen: Corporate Identity ...
Ja, ja, ja. Das war auch mein hohes Anliegen. Wobei ich überhaupt nicht
wusste, was das war zum damaligen Zeitpunkt. Also, dieser
Wiedererkennungseffekt auch durch den Grammophonapparat in diesem roten
Kreis war natürlich ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Über den
Slogan haben wir ja schon gesprochen.
Ist das eine Qualität der Linken? Slogans und Parolen zu kreieren?
„Vorwärts und nicht vergessen“, „Ami go home!“ und so weiter ...
Das konnte nicht anders sein. Das waren ja Lieder der Arbeiterklasse
(...). Das muss hämmern, das muss sitzen, das muss wiederholbar sein!
Und zwar nach drei, vier mal hören muss man das mitsingen können! Das
wurden dann geflügelte Worte. Oder denken Sie an Kittner: „Vom Denken
kriegt man Beulen.“ Das ging so: „Wer denkt, ist links / Wer links ist,
demonstriert / Wer demonstriert, kriegt Beulen / Also: Vom Denken
kriegt man Beulen!“ – Den Spruch hat der sein Leben lang verkauft.
Haben Ihnen eigentlich Ihre Kollegen den Ausstieg bei Pläne übel genommen?
Unter Linken geht das ja immer fast bis zum Beziehungsverlust, wenn Sie
so 'ne Arbeit beenden. Ich glaub schon, dass mir das übel genommen
wurde. (...)
Letzte Frage: Was war das Besondere an Busch? Wofür steht er?
Er war die singende Stimme der deutschen Arbeiterklasse.
Auch wenn es nicht unbedingt mehrheitlich die Arbeiterklasse war, die die Pläne-Platten kaufte?
Jetzt müssten wir natürlich soziologisch aufschlüsseln, wie sich die
linke Bewegung in den 70er Jahren in der Bundesrepublik zusammensetzte.
Dass die Mehrheit der Arbeiterklasse nicht da zu finden war, wurde ja
schon an den Wahlen deutlich. Aber es ist unbestritten, dass viele aus
der SPD - jetzt können Sie auch fragen, ob das die Arbeiterklasse ist –
unsere Platten gekauft haben. Ich kann aber den Arbeiteranteil unserer
Käufer nicht beziffern. Ich mein schon, die Mehrheit der Plattenkäufer
kam aus dem sozialistischen Beritt. Aber natürlich waren da auch
Studenten dabei und alle möglichen Leute aus dem bürgerlichen Lager.
Interview: Jochen Voit
Foto: privat
(Textfassung autorisiert von Ingo Boxhammer am 20. Januar 2006)
Letztes Update 17.03.2008 | Copyright© Jochen Voit 2005 |

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