Lothar Brümmer
über Ernst Busch-Auftritte bei FDJ- und SED-Veranstaltungen und den besonderen Stellenwert der Spanienlieder in der DDR
„Wenn es bei Parteiversammlungen hieß ’Wat singwa jetz?’, dann kam
meist ’Spaniens Himmel’, weil manche andere Lieder gar nicht
kannten!“
(Gespräch am 6. September 2004 in Berlin)

Lothar Brümmer ist Jahrgang 1943. Er ist Halbwaise und wächst zunächst
in einem Berliner Kinderheim, dann, ab dem sechsten Lebensjahr, bei
Pflegeeltern auf. Nach der Schule macht er eine Lehre als Konditor, die
er 1961 abschließt. Seit 1958 ist er in der FDJ, 1961 tritt er in die
SED ein. Da er in dem von ihm erlernten Beruf keine Anstellung findet,
schlägt er die Funktionärslaufbahn bei der FDJ ein. Hier hat er bei
verschiedenen Kulturveranstaltungen Gelegenheit, bedeutende Künstler,
darunter auch Ernst Busch, live auf der Bühne zu erleben. Bis 1971
arbeitet er als hauptamtlicher FDJler und leistet in dieser Zeit auch
drei Jahre Dienst bei der NVA. Nachträglich absolviert er an der
Volkshochschule die 10. Klasse, um sich für ein Studium bewerben zu
können. Er geht ans Industrie-Institut der TU Dresden und erwirbt den
akademischen Grad eines Diplom-Ingenieur-Ökonomen. Anschließend wir er
in den Apparat der SED in Berlin übernommen, wo er bis 1989 unter
anderem in den Bereichen Jugend und Sport, Industrie, Organisation,
Personal- und Wohnungswesen arbeitet. Seit 1990 ist er in wechselnden
Arbeitsverhältnissen tätig. Heute ist er Rentner und nebenbei als
Vermögensberater aktiv.
Jochen Voit: Woher und seit wann ist Ihnen Ernst Busch ein Begriff?
Lothar Brümmer: Ich kenne ja Ernst Busch sozusagen aus zwei
Dimensionen: einmal aus dem Theater - wobei er ziemlich genau zu der
Zeit, als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, seinen Abschied von
der Bühne nahm; und zweitens und hauptsächlich als Sänger – da lernte
ich ihn vor allem aus der Konserve kennen, sprich: über Radio. Und weil
ich eben dem linken Spektrum verbunden war und immer noch bin, war und
ist Busch für mich ein Beleg für diese These, oder Hypothese besser
gesagt, die heißt: „Kunst ist eine Waffe!“ Oder wenn man das 'n bissl
relativiert oder einen anderen Terminus benutzt: „Liedgut eignet sich
zur Agitation!“ Bei ihm waren ja Text und Interpretationsart absolut im
Gleichlauf. Wenn ich da denke an „Reih dich ein in die
Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist!“, das war ja ein
Aufruf, und das sang er auch so, als konkrete Aufforderung.
Ist das der Text, den Sie in Ihrer Erinnerung als erstes mit Busch verbinden?
Nein. Wenn Sie so konkret fragen, muss ich sagen: Busch ist und bleibt
für mich zuallererst Spanienkämpfer. Eigentlich ist „Spanienkämpfer“ ja
übertrieben, denn er hat ja nicht mit der Waffe gekämpft, sondern hat
eben auch dort Agitation und Kultur gemacht und natürlich „Spaniens
Himmel breitet seine Sterne“.
War dies das erste Lied, das Sie von ihm wahrgenommen haben?
Denke ich. Das ist zumindest von der Emotion her als eines der ersten gespeichert.
Wann war das, als sie ihn zum ersten Mal gehört haben?
Mit Sicherheit Ende der 50er Jahre, hauptsächlich aber in den 60er
Jahren. Da habe ich ihn im Radio gehört und auch live bei großen
Veranstaltungen hier in Berlin. Die Teilnahme an solchen
Veranstaltungen war für mich zum Teil berufsbedingt. Ich war ja
FDJ-Funktionär und später hauptamtlicher Parteiarbeiter,
Berufsrevolutionär, wenn man so will. (lacht) Und bei niveauvollen und
wichtigen Großveranstaltungen der FDJ war Busch eben oft, wie man heute
sagen würde, Stargast.
„Ernst Busch war in der DDR 'ne lebende Legende!“
Waren das für Sie mehr als nur Pflichttermine?
Unbedingt, unbedingt! Für mich waren er und sein Auftritt ein Symbol
und ein Aufruf für die Einheit von Sprechen und Tun. (...) Bei ihm
hatte man das Gefühl, dass er – auch bedingt durch den Spanienkrieg –
wusste, wovon er sprach oder sang. Dass er mit seinem Liedgut auch,
jedenfalls in den 30er Jahren, bestimmt nicht mehr in den 70er und 80er
Jahren, dazu beigetragen hatte, die Menschen ein bissl wacher zu machen.
Hatten Sie bei FDJ-Veranstaltungen in den 60er Jahren den Eindruck,
dass Busch bei den jungen Leuten ankam? Haben Sie da in den Gesichtern
der Zuhörer so etwas wie Interesse oder gar Faszination gesehen?
Ich denke, ja. Ich will jetzt nicht so kühn sein und das mit absoluter
Sicherheit behaupten, aber ich denke, ja. (...) Er hat eben durch die
Art seines Vortrags die Emotionen rübergebracht, da wurde auch
mitgesungen, und es gab immer viel Applaus. Er war ja 'ne lebende
Legende.
Für Sie und Ihre Generation bestimmt. Aber konnten die jungen Leute mit
seinem Namen auch alle etwas anfangen, wenn es hieß: Heute Abend tritt
Ernst Busch auf?
Die aktiven bestimmt. Ich muss natürlich einschränken: Das gilt jetzt
nicht für jemanden, der mehr oder weniger versehentlich in so eine
FDJ-Veranstaltung geraten ist. (lacht) Aber eins ist klar: Ein mehr
oder weniger bewusster DDR-Bürger wusste und weiß, wer Ernst Busch war
und ist.
Haben Sie sich auch Platten von Busch gekauft?
Nein. Ich war und bin zwar links, aber ich bin kein Fetischist, der
sich das vor Begeisterung jeden Abend auflegt. Das ist ja keine Musik,
die man zur Unterhaltung hört. Das würde ich nicht mal heute machen.
Heute würde ich 's höchstens machen, wenn ich in so 'ner lethargischen
Stimmungslage wäre oder zur Erinnerung eben. Aber es ist ja keine
Unterhaltungsmusik!
Was ist es denn für eine Art von Musik?
Es ist schon eher Agitation, wobei man es nicht darauf reduzieren kann,
weil die Interpretation auf so hohem künstlerischen Niveau stattfand,
dass man es nicht ausschließlich oder zuerst als Agitation wahrnahm.
Die brauchte man ja eigentlich auch nicht mehr zu der Zeit, als ich ihn
gehört habe. Da war ja das, was er wollte oder was man meinte haben zu
wollen, das war ja da, sprich: die DDR.
Deswegen würde mich interessieren, was für eine Funktion er hatte bei diesen Veranstaltungen.
Er war eben, und das ist ja nichts Unanständiges, in gewissem Sinne ein Repräsentant der sozialistischen Ideen. (...)
„Niveauvolles Kulturprogramm“: FDJ- und SED-Veranstaltungen
Hatte das auch was Nostalgisches?
Das will ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Das könnte für sehr
alte Menschen so gewesen sein, also für Spanienkämpfer zum Beispiel.
(...) Das war ja ein Zeitraum von 15 Jahren, in dem ich Busch hin und
wieder erlebt habe, das ging bis Mitte der 70er Jahre. Einmal hat er,
das muss einer seiner letzten Auftritte gewesen sein, im Palast der
Republik gesungen. Meine Erinnerung daran ist vage, aber ich weiß noch,
dass das eine sehr hohe Protokollveranstaltung war, wie das damals
hieß. So eine Protokollveranstaltung hatte im Wesentlichen zwei
Bestandteile: nämlich a) es wurden zwei bis drei Reden gehalten und b)
es gab ein niveauvolles Kulturprogramm – und auch nicht ausschließlich
proletarisches Liedgut, sondern auch mal Peter Schreyer zum Beispiel.
An diesem Abend war Ernst Busch für den zweiten Teil eingeladen.
Vielleicht war 's ein offizieller Staatsbesuch aus dem sozialistischen
Ausland. Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls ist da Busch nach
längerer Zeit wieder aufgetreten. Im Gegensatz zu früheren
Gelegenheiten war er nach meiner Erinnerung da von seiner ganzen Gestik
her nicht mehr der Typ, der die Menschen von den Stühlen reißen konnte.
Er war nicht mehr so kraftvoll, was ja auch verständlich ist, weil er
echt alt war. (...)
Hat er zwischen den Liedern etwas gesagt, irgendwelche Bemerkungen gemacht?
Nein. Aber selbst vom Liedvortrag her merkt man ja ... Es ist natürlich
schon ein Unterschied, ob ich so auftrete und singe, als wenn ich
gleich selber Morgen in den Kampf ziehen wollte oder ob ich, weil ich
's eben schon lange tue, mich immer noch berufen fühle, diese Lieder zu
singen. (...) Sonst habe ich Busch ja mehr auf Singeveranstaltungen als
auf Protokollveranstaltungen erlebt. Und seine Lieder erklärten sich
auf Veranstaltungen eigentlich von selbst. (...)
Sind Busch und Schreyer auch mal zusammen aufgetreten?
Würde ich jetzt nicht wissen. Ist vom Prinzip her aber nicht unmöglich.
Waren die FDJ-Veranstaltungen, bei denen Sie waren, offen für jedes Publikum? Und waren das Pflichtveranstaltungen für die FDJ?
Diese eine im Palast der Republik war sicherlich eine de facto
geschlossene Veranstaltung, da kam man nur mit Karten rein. Ansonsten
würde ich mich dem Begriff „Pflichtveranstaltung“ überhaupt nicht
anschließen. Das ist eigentlich Nonsens! Es gab natürlich durchaus
Abende, wo man gesagt hat: „Es wär schon schön, wenn du da hingehst
...“ oder „Geh mal unbedingt hin ...“ oder „Wir möchten, dass du da
hingehst ...“. Aber Pflicht war es nicht - wer wegblieb, wurde ja nicht
bestraft.
Wie lief so ein Abend ab?
Man muss eben unterscheiden zwischen Singeveranstaltungen und
Protokollveranstaltungen. Ich habe ihn mehr auf Singeveranstaltungen
erlebt. Da traten eben sehr viele unterschiedliche Solisten und Gruppen
auf. Und da wurde eben auch zum Mitsingen aufgefordert.
War Busch bei diesen Abenden der herausragende Name?
Unbedingt, unbedingt. (...) Ich weiß es zwar nicht, aber er wird
bestimmt auch mal im Rahmen der Singebewegung aufgetreten sein. Das
müssten Sie mal recherchieren.
Haben Sie ein Lieblingslied von Busch?
Wissen Sie, gegen den Begriff „Lieblingslied“ wehre ich mich bei seinem
Liedgut. Was am tiefsten im Gedächtnis ist, ist eben „Spaniens Himmel“
– da würde ich aber nicht von Lieblingslied sprechen.
Warum nicht?
Weil das eine zu ernste Thematik ist. Da kann ich nicht von
Lieblingslied oder Hitliste sprechen. Für mich schließt sich das aus.
Aber von der Rangfolge her wäre „Spaniens Himmel“ für mich das erste
und dann das „Einheitsfrontlied“. Mich beeindruckten die Zeilen „es
macht dich ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her“. Das
war für mich übrigens auch der wesentliche Unterschied zu Paul Robeson.
Den hab ich mal im Friedrichstadtpalast live erlebt, und der hat ja
mehr klassisch gesungen. Aber wenn er mal ins Proletarische gegangen
ist, dann war 's eher Zustandsbeschreibung oder Klagelied. Bei Busch
war wichtig: erstens die Analyse und zweitens der Aufruf. Also, Busch
hat gewissermaßen immer gesagt: „Ändert selbst was!“ – Und in dem Sinne
(...) ist für mich Busch derjenige, der am deutlichsten und am
energischsten von der Art und Weise seines Vortrags her und eben von
den Texten her, die ja sicherlich nicht seine waren, zur Veränderung
aufgerufen hat.
Hat Sie das angesprochen?
Unbedingt. Ich glaube aber, dass man für eine solche Art der Kunst und
des Gesangs wahrscheinlich schon ein Stück weit intellektuell oder
sachlich und emotional geöffnet sein muss. Ich kann mir schlecht
vorstellen, dass jemand, der überhaupt nichts vom Linkssein weiß und
hält, dass den das spontan anspricht, wenn er den Busch jetzt zum
ersten Mal hören würde.
„Du bist doch dialektisch vorjeschult!“ Werdegang und Politisierung
Kommen Sie aus einem linken Elternhaus?
Nein. Das ist eine eigene Geschichte (lacht), die wird Ihnen auch nicht
groß weiter helfen. Ich erzähle Ihnen die Kurzform, weil Sie ja so
konkret fragen. Es ist fast so etwas wie eine Anekdote ... Ich hab vor
der Wende immer aus Spaß gesagt: Ich bin eigentlich ein Opfer des 13.
August.
Inwiefern?
Ich hab ja als ersten Beruf Konditor gelernt, hier in Berlin, und hab
'61 ausgelernt. Und es gab ja diese berühmten Grenzgänger: Das waren
Ost-Berliner, die in West-Berlin zur Arbeit gingen, auch in meiner
Berufsgruppe gab 's da viele. Und wenn ich vier Wochen vorher
ausgelernt hätte, hätten mich alle möglichen Konditoreien noch mit 1000
Mark begrüßt und gesagt: „Komm doch zu uns in die Backstube!“ – Aber da
der Staat, was ich nachträglich auch richtig finde, drauf achtete, dass
zuerst die Arbeit bekamen, die nun durch die Mauer keine mehr hatten,
hab ich keine Arbeit gekriegt. Die Grenzgänger waren ja über Nacht alle
arbeitslos geworden, die mussten eine neue Beschäftigung im Osten
kriegen. Ich hab dann, weil ich vorher schon als Lehrling fürs
Taschengeld gekellnert hatte, am Buffet so 'n Job gemacht in 'nem
Restaurant. Und dann kam zufälligerweise mein ehemaliger FDJ-Sekretär
und fragte mich: „Willst Du nicht FDJ-Sekretär werden?“ – Das war eine
Tradition, die ich auch gut fand und für mich selbst auch nachvollzogen
habe: Wer aussteigen wollte, der musste immer 'nen Nachfolger
anbringen. (...) Wenn der 13. August nicht gewesen wäre, wäre ich
wahrscheinlich zunächst wirklich Konditor geworden.
So sind Sie FDJ-Funktionär geworden. Aber links waren Sie offenbar ja schon vorher ...
Ja. Das ist nur der eine Teil der Geschichte. Es gibt aber noch einen
zweiten inhaltlichen, fast philosophischen Anlass: Da war ich so um die
12, 13 Jahre und war zu Besuch bei Verwandten oder Bekannten in
West-Berlin. Und ich hatte immer irgendwie schon, auch als Kind, das
Bedürfnis nach Ehrlichkeit und nach Gerechtigkeit und mischte mich auch
gerne in Gespräche ein, was ja jedes Kind eigentlich macht. Und da
sagte irgend so 'n Onkel zu mir: „Sei doch ruhig! Du bist doch
dialektisch vorjeschult!“ (lacht) – Ich hatte noch nie was von
Dialektik gehört. Also gehe ich drei Tage später in die Bibliothek und
sag zu der Frau da: „Gebense mir wat über Dialektik!“ – Da hat die
natürlich ooch jekiekt! Und da hat sie mir, ich verkürze das jetzt,
zuerst das „Kommunistische Manifest“ in die Hand gedrückt und dann noch
weitere ähnliche Bücher. Und das hat mich angesprochen. Und so fing das
an, eigentlich mit 13 Jahren.
Von Ihrem Elternhaus her kamen da keine Anregungen?
Überhaupt nicht. Ich bin bei fremden Menschen als Pflegekind groß
geworden. Das waren bürgerliche Menschen, konservative Leute. Also ganz
das Gegenteil! Als ich Mitglied der SED geworden bin, sagten die zu
mir, weil sie an die Zeit in den 30er Jahren dachten: „Das muss ja
schön sein, wenn dann die Leute auf dich mit 'm Finger zeigen und
sagen: Da kommt der Kommunisten-Brümmer!“ – Ich hab dann auch mit
diesen Damen, es waren zwei Frauen, gestritten und gesagt: „Ihr habt 's
zwar erlebt, aber nicht erfahren!“ (...)
„Emotionale Aufrüstung“ - Das Spanienlied
Wenn Sie heute an Ernst Busch denken, was bedeutet er für Sie? Sehen Sie ihn als eine Figur der DDR?
Für mich steht er zuerst für Spaniens Freiheit. Das heißt, die
Vor-DDR-Zeit ist für mich zunächst die entscheidende. Und zweitens
hatte er in der DDR natürlich seinen Hort, meine ich. In der DDR war er
ein wichtiger künstlerischer Repräsentant des neuen Deutschland, wie
wir damals sagten. (lacht)
Hat er dazu beigetragen, dass die Erinnerung an den Spanienkrieg wach gehalten wurde in der DDR?
Unbedingt. Durch ihn wurde ja das Spanienlied berühmt. Als Beispiel:
Auf vielen ganz normalen auch kleineren Veranstaltungen, sei es von der
FDJ oder der SED, da wurde eben zu Beginn oder zum Ende 'n Lied
gesungen. Und wenn es bei diesen Versammlungen hieß ’Wat singwa
jetz?’, dann kam eben meist ’Spaniens Himmel’, weil,
unanständigerweise gesagt, manche auch andere Liedtexte gar nicht
kannten. Das wurde dann gesungen als emotionale ... Aufrüstung
sozusagen. (lacht)
War das ein Hit?
In Anführungsstrichen unbedingt!
Was Busch in Spanien geschaffen hat, entfaltete ja überhaupt erst in
der DDR eine größere Wirkung. Diese Lieder schufen ja offenbar eine
ganz eigene Art der Erinnerung und ein Gemeinschaftsgefühl, das weit
über die Interbrigadisten hinaus ging ...
Völlig richtig. Und in dem Sinne denke ich, dass man sagen kann,
übrigens unabhängig von den Kategorien Ost und West, dass Busch ein
Synonym für deutsche Spanienkämpfer ist. Busch hat sozusagen damit auch
so 'n bissl nationale Ehre wiederhergestellt, er hat sozusagen gezeigt:
Es gab nicht nur den Faschismus, sondern aus unserm Land kommen auch
Menschen, die was dagegen unternommen haben. (...)
Ich fand die Vorstellung immer merkwürdig, dass junge Leute „Spaniens
Himmel“ singen, Leute, die teilweise 30, 40 Jahre weg sind von dem
historischen Ereignis, zu dem das Lied geschaffen wurde, aber sich
trotzdem darin irgendwie wieder finden sollen. Ich meine, im Text
kommen Worte vor wie „Schützengraben“ ... War das nicht manchmal
seltsam, dieses Lied etwa in den 70er Jahren in einer FDJ-Versammlung
oder auch in einer großen Halle mit vielen Menschen zusammen, die den
Krieg nicht erlebt haben, zu singen? Kam Ihnen das nicht
anachronistisch vor?
Nein. Einfach deshalb nicht, weil man eben - und da bin ich wieder bei
dem, was ich vorhin sagte – ein bestimmtes Maß an emotionaler Bindung
an diese Historie braucht, um das zu verstehen und zu fühlen. Dann ist
man oder meint sich in einer Dimension, die relativ zeitlos ist. Den
Ruf der Freiheit in dem Sinne gab 's ja seit Jahrhunderten, sag ich
jetzt mal. So muss das Lied ja gesehen werde. Und deswegen wirkte das
Lied, weil es auch über die Emotionen geht, nicht anachronistisch.
Zumindest hatte ich überhaupt nicht diese Empfindung, und, ich
unterstelle mal, weil es eben so sehr häufig gesungen wurde, andere
wahrscheinlich auch nicht. Natürlich muss man auch da wieder
unterscheiden: Nicht jeder, der 's gesungen hat, musste sich nun
unbedingt en detail mit dem verbunden fühlen, was er da sang. (...) Es
ging ganz grob um Linkssein, um das Gefühl der Freiheit. So wie man
sich auch bei anderen Liedern nicht bis auf die Kommastelle genau den
Text anguckt. Aber wenn einem das Ganze von der Emotion und vom Vortrag
her gefällt, dann reicht das ja manchmal schon.
Hat sich „Spaniens Himmel“ sozusagen irgendwann verselbstständigt und wurde, von Busch losgelöst, ein Lied für alle Anlässe?
Ja, unbedingt. Das Lied war ein fester Bestandteil des sogenannten
sozialistischen Liedguts, ohne Frage! Aber, da kann ich nur für mich
sprechen, es ist für mich auch immer Busch! Trotzdem gab es viele
Menschen, die gar nichts von Busch wussten, und munter dieses Lied
gesungen haben. Mit Sicherheit war das so, das Lied wurde ja auch in
der Schule gesungen. Und wer in der sechsten Klasse war, der musste
nicht unbedingt was von Busch gehört haben. (...) Außer die
Musiklehrerin war zufällig ein Fan von Busch.
Würden Sie sagen, dass es irgendwann den Charakter eines Volksliedes hatte?
Da wehre ich mich gegen den Begriff. So wie ich ihn interpretiere,
würde ich sagen: nein. Aber im Sinne von Massencharakter: ja. (...) Es
gehörte unbedingt zum Massengut, hässliches Wort. Oder sagen wir: Es
gehörte zum festen Bestandteil des Liedguts in der DDR und war unter
diesen Agitationsliedern, in Anführungsstrichen, mit Abstand das erste.
Das haben Leute auch beim Abspülen vor sich hin gepfiffen, das war
schon sehr populär. (...) Ich glaube übrigens auch, dass das nicht
verschwinden wird – dazu war es eine Zeit lang zu präsent. Es ist
sozusagen schon in die Geschichte eingegangen. (...). Und ich muss
Ihnen sagen: Wenn man das Lied in großen Gruppen gemeinsam sang, dann
war das ein erhebendes Gefühl - jedenfalls am Anfang, als es noch nicht
so abgenutzt war.
Diskutieren und Singen: Parteilehrjahr und FDJ-Studienjahr
Singen Sie selbst auch?
Sagen wir mal: Ich singe nicht gut, aber gerne. Ich bedaure auch, dass
ich kein Instrument spielen kann. Aber mit anderen zusammen habe ich
schon immer gerne gesungen, gerade „Spaniens Himmel“. (...) Ich habe ja
schon gesagt, dass an den Anfang und ans Ende von Versammlungen, wenn
sich die Parteigruppe traf, ein Lied gehörte. Und zwar waren das eben
sogenannte Arbeiter- und Kampflieder. Da sang man auch nie, das wissen
Sie wahrscheinlich gar nicht, die „Internationale“. Die sang man nicht
in Gruppen von 30 Mann, die sang man höchstens in großen
Menschenansammlungen, aber nicht in kleinerem Kreis bei der
Zeitungsschau oder beim Parteilehrjahr.
Parteilehrjahr?
Das war so was wie 'ne Weiterbildung. Da saß die Parteigruppe alle vier
Wochen zusammen und hat sich mit einem Problem, mit einer Fragestellung
entweder des Sozialismus oder des Kapitalismus beschäftigt. Bei der
Partei hieß das Lehrjahr, bei der FDJ Studienjahr. Und für diejenigen,
die vom Alter oder ihrer ideologischen Haltung her weder in der FDJ,
noch in der Partei waren, hieß das Schulen der sozialistischen Arbeit.
Das ging immer über ein Jahr, da gab 's dann Broschüren zur
methodischen und inhaltlichen Aufbereitung mit Angaben, was man also
praktisch in jedem Monat sich vornimmt zu behandeln. Und das gab 's eben
speziell fürs Parteilehrjahr und fürs FDJ-Studienjahr. Und für die
Schulen der sozialistischen Arbeit gab 's das zwar auch, aber da war 's
notwendiger- und richtigerweise natürlich noch viel lockerer.
Und wer traf sich zum Parteilehrjahr?
In einem Betrieb, BVG von mir aus, gab 's eben zum Beispiel die Gruppe
Planung. Und da gehörten vielleicht 50 Leute dazu. Und von diesen 50
Leuten waren acht in der SED. Und diese acht haben dieses
Parteilehrjahr gemacht. Die Differenz zu 50 teilte sich in
FDJ-Studienjahr und Schulen der sozialistischen Arbeit.
Damit alle mal geschult wurden und ...
Naja, geschult ist fast zu viel gesagt. Ich hab 's ja selber auch als
Durchführender gemacht. Das war immer sehr unterschiedlich. Es war
eigentlich zu 50 Prozent oder mehr ein Diskutieren. Und ein geringer
Teil waren noch so 'n bissl theoretische Grundlagen oder was wir dafür
hielten ...
... des Marxismus-Leninismus?
Ja, ja.
Und das wurde also jedes Mal mit einem Lied eingeleitet und mit einem Lied beendet?
Nein, diese Schulungen nicht, sondern die Parteiversammlungen. Die
fanden jeden Monat für die Mitglieder der SED statt, zusätzlich zu den
Schulungen. Und zwar überall, wo Menschen arbeits- oder bildungsmäßig
organisiert waren. In großen Betrieben waren die Parteimitglieder eben
eingeteilt in Parteigruppen als strukturmäßig kleinste Einheiten. Und
bei dieser Parteiversammlung, da wurde eben zu Beginn oder am Ende oder
im besten Fall zu Beginn und am Ende ein, ich sag mal, linkes Lied
gesungen.
Was waren da in Ihrer Erinnerung die meistgesungenen Lieder?
Kann man schwer sagen, weil die Gruppen sehr unterschiedlich zusammengesetzt waren.
Je nach Lieblingslied des jeweiligen Leiters?
Ja, aber auch je nach Können und auch Mentalität der Leute. „Spaniens
Himmel“ wurde dann zum Beispiel in den 80er Jahren etwas weniger
gesungen, weil es eben, das muss man ehrlicherweise sagen, zum
Dauerbrenner geworden war. Das war schon unanständig bei manchen: Weil
sie nicht mehr Texte kannten, haben manche fast ausschließlich
„Spaniens Himmel“ gesungen. (lacht) (...)
Interview: Jochen Voit
Foto: privat
(Textfassung autorisiert von Lothar Brümmer am 7. Februar 2006)
Letztes Update 29.05.2008 | Copyright© Jochen Voit 2005 |

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