Reinhold Andert
über die DDR-Singebewegung, die Weltfestspiele 1973 und die sozialistische Ikone Ernst Busch
„Honecker war Busch-Fan“
(Gespräch am 27. Februar
2006 in Berlin)
Reinhold Andert ist Jahrgang 1944. Er stammt aus Sömmerda in Thüringen.
Nach der Grundschule besucht er das bischöfliche Vorseminar in
Schöneiche bei Berlin, das er vorzeitig verlässt. Er beginnt eine Lehre
als Orgelbauer in Gotha und holt in der Abendschule das Abitur nach.
Von 1964 bis 1969 studiert er Philosophie und Geschichte an der
Humboldt-Universität in Berlin und wird anschließend Dozent für
Philosophie an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Nebenbei ist er
in der Singebewegung aktiv und Mitbegründer des Oktoberklubs, der 1966
als Hootenanyklub gegründet worden ist. In dieser Zeit nimmt er auch
erstmals bewusst Ernst Busch und seine Lieder wahr. Als ihm die FDJ
1971 anbietet, Leiter der Liedgruppe im Organisationskomitee der 10.
Weltfestspiele zu werden, sagt er zu und wird für anderthalb Jahre zum
„Lieder-Papst“ der DDR (O-Ton Andert). Nach den Weltfestspielen, die
1973 als eine Art „rotes Woodstock“ in Ost-Berlin über die Bühne gehen,
arbeitet er als freischaffender Liedermacher und Schriftsteller,
veröffentlicht Platten und Bücher. Im Jahr 1979 wird Andert, der 16
Jahre lang Mitglied der SED gewesen ist, aus der Partei ausgeschlossen
und erhält Publikationsverbot. Seinen Beruf kann er bis zu seiner
Rehabilitierung 1989 nur noch stark eingeschränkt ausüben. Einen seiner
bemerkenswertesten Auftritte in dieser Zeit hat er bei der Trauerfeier
für Ernst Busch im Jahr 1980 in der Akademie der Künste, an der auch
die Politprominenz inklusive Erich Honecker teilnimmt. Nach der
Wiedervereinigung reüssiert er als Autor dokumentarischer Texte,
Aufsehen erregt das Buch „Der Sturz: Honecker im Kreuzverhör“, das sich
mehr als 250.000 mal verkauft. Zusätzlich macht er Lesungen und gibt
gelegentlich Konzerte.
Die Anerkennung für sein Mammut-Interview mit dem ehemaligen
Staatsratsvorsitzenden der DDR habe sich eigentlich in Grenzen
gehalten, erzählt Reinhold Andert vor Beginn unseres Gesprächs. Es habe
Reaktionen gegeben von „Sie haben unsern Generalsekretär vorgeführt!“
über den Vorwurf „Geldmacherei!“ bis hin zu der Einschätzung, es handle
sich hierbei immerhin um ein „notwendiges historisches Dokument“. Wir
sitzen in Anderts Wohnung hoch über den Dächern von Berlin. Große
Fenster, viele Bücher. Während er Kaffee macht, reden wir kurz über die
technischen Probleme beim Transkribieren von Interviews. Andert
berichtet, wie er mit seinen 40 Kassetten
Honecker-Interviews verfahren ist. Er habe ein Computerprogramm zur
Spracherkennung benutzt, das prima sei - nur leider habe das Programm
das Genuschel des großen Vorsitzenden nicht verstehen können. Deswegen
habe er alles, was Honecker gesagt hat, noch mal selber eingesprochen
und es dann von dem Programm aufschreiben lassen. „Wenn man nicht
perfekt Schreibmaschine schreibt, ist das ideal; das geht mindestens
doppelt so schnell, wenn man sich das selber drauf quatscht.“ Ich
darauf: „Bei 40 Kassetten dauert das wahrscheinlich immer noch lange
genug.“ Andert: „Das ging ganz fix. Naja, ganz fix ist vielleicht etwas
übertrieben ...“
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Bücher meines Gesprächspartners (Auswahl):
REINHOLD ANDERT: Lieder aus dem fahrenden Zug. Ost-Berlin (Henschel) 1978.
REINHOLD ANDERT / WOLFGANG HERZBERG: Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör. Berlin und Weimar (Aufbau) 1990.
REINHOLD ANDERT: Nach dem Sturz. Gespräche mit Erich Honecker. Leipzig (Faber & Faber) 2001.
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Jochen Voit: In Ihrem Buch „Nach dem Sturz“ erwähnen Sie, dass Sie
frühzeitig religiös und musikalisch geprägt worden sind. Ihr
Elternhaus war katholisch, Ihr Vater hat Gitarre und Geige gespielt ...
Reinhold Andert: ... und Klarinette, Saxofon und alles Mögliche. Er
hatte eine abgeschlossene Halbbildung auf allen Instrumenten. Er war
pfiffig, aber das waren diese Dorfmusikanten früher immer. Mit Noten
hatten sie nicht viel im Sinn, aber sie konnten improvisieren.
Von Beruf war er Schneider, und politisch hat er sich für die CDU engagiert.
Ja. Er war sogar Anfang der 60er Jahre Kreistagsabgeordneter. Wir waren
in Bezirke und Kreise eingeteilt, vergleichbar mit den Landkreisen
heute. Zunächst war er Vorsitzender der örtlichen CDU in Sömmerda, das
war damals ein Ort mit 17.000 Einwohnern. Und die Heimatvertriebenen
sind damals eben alle, weil es bei uns in der DDR keine
Vertriebenenverbände gab, in die CDU gegangen. Die einheimischen
Christen wären nie in so 'ne Partei gegangen - wozu auch? Aber für die
Heimatvertriebenen war das genau richtig, die konnten dann ihre Feste
als CDU-Ortsversammlungen tarnen. Mein Vater hatte ja im Grunde mit
Politik nichts am Hut. Weder bei den Nazis noch später, er war völlig
unpolitisch.
Trifft das auf Ihre Mutter auch zu?
Ja. Und zwar nach dem Motto: Gib dem Kaiser, was des Kaisers und gib
Gott, was Gottes ist. Und sie hat im Grunde alles Gott gegeben. Der
Kaiser interessierte sie nicht. Ich bin streng katholisch erzogen
worden. Ich wollte ja Theologie studieren und Priester werden und bin
mit fünfzehn Jahren nach Schöneiche bei Berlin aufs bischöfliche
Vorseminar.
„Viel Frischobst und Fahrradfahren“ – Erziehung in der Klosterschule
Haben Ihre Eltern das unterstützt?
Aber klar, das ist doch für eine katholische Familie ein Glanzpunkt,
wenn einer der Söhne Pfarrer wird ... Ich musste sie leider enttäuschen
...
Warum?
Das hatte viele Gründe. Das Ausschlag gebende war wahrscheinlich die
Art des Umgangs dort mit uns. Und der Kirchenapparat, den wir durch
unseren Rektor, das war der Bruder vom Erzbischof Bengsch, kennen
lernten. Die ganze Atmosphäre war dermaßen spartanisch, und der Umgang
mit uns war ..., menschenfeindlich wäre vielleicht zu viel gesagt, aber
so unchristlich im Grunde. Sodass ich mir gesagt hab: „Dieses
Klerikale, diese Amtskirche, hat doch eigentlich mit dem Evangelium,
mit dem Neuen Testament, nichts zu tun!“ Ich hab das dann ein Jahr vor
dem Abitur und dem bevorstehenden Übergang ins Priesterseminar nach
Erfurt abgebrochen.
Die Vorstellung, keusch leben zu müssen, hat Sie nicht geschreckt?
Das Zölibat hätte mir, glaube ich, weniger ausgemacht. Wahrscheinlich
wären die großen Schwierigkeiten damit auch erst später gekommen. Aber
ich hatte mit dem Thema Sexualität nicht allzu viel Schwierigkeiten. Es
gibt ja auch Mittel und Methoden, darüber wegzukommen. Das haben die
auch ziemlich geschickt gemacht: viel Frischobst und Fahrradfahren.
(Lachen) Wir haben viel Sport getrieben und waren eigentlich immer
beschäftigt. Da konnte vor lauter Betrieb keine Muße oder Melancholie
aufkommen. Das war eine knochenharte Ausbildung! Erst später hab ich
den Sinn verstanden, der natürlich in einer Doppelfunktion bestand:
einerseits uns mit Wissen zuzuschütten und zweitens diese
Zölibat-Problematik, die bei heranwachsenden Leuten ja anfängt, eine
Rolle zu spielen, zu kaschieren.
„Ich wär auch Apotheker geworden“ – Berufsausbildung und Abitur
Dann haben Sie Orgelbauer in Gotha gelernt. War die Orgel für Sie noch eine Art Verbindung zur Kirche?
Nee, das war Zufall. Ich hatte ja nur neun Jahre staatliche
Schulbildung, und eigentlich waren bei uns zehn Jahre Schulpflicht.
Jetzt zählte ich mit meinen neun Jahren zu den ganz Doofen und kriegte
keinen ordentlichen Beruf. Überall, wo ich mich bewarb, war die zehnte
Klasse Voraussetzung. Dass ich von der kirchlichen Ausbildung her alle
in die Tasche stecken konnte, nützte mir nichts. Und das einzige, was
die bei der Berufsvermittlung vom Rat des Kreises für mich hatten, war
diese Stelle in Gotha. Die Lehre dauerte zwei Jahre und war eine
handwerkliche Ausbildung, die hatte mit Kirche oder Musik nichts zu
tun. Ich wär auch Apotheker oder Drogist geworden, wenn die mich
genommen hätten. Aber niemand nahm mich.
Welche Rolle spielte die Musik damals für Sie?
Wir haben zu Hause viel gesungen, vor allem Volkslieder. Meine Mutter
war im Kirchenchor, mein Vater war Leiter des Kirchenchors und hatte 'n
paar Kapellen, mit denen er zu irgendwelchen Volksfesten spielte.
Und in diesem Klosterseminar wurde auch viel gesungen und mit der
Klampfe gearbeitet – die Jugendpfarrer legten Wert drauf, dass in den
Jugendgruppen viel gesungen wurde beim Wandern und am Lagerfeuer. Das
haben wir auch gerne gemacht. Die Singerei gehört einfach zur
katholischen Kirche. Ich war ja auch Ministrant und Oberministrant und
in der Kirche wurde ja ständig gesungen. Musikalische Vorlieben hatte
ich eigentlich in meiner Jugend keine speziellen ... Beeindruckt haben
mich diese Gregorianischen Gesänge, die uns unser Musiklehrer in
Schöneiche beibrachte und die wir auch im Chor sangen. Für Schlager und
Popmusik hab ich mich weniger interessiert. Ich hatte ja auch die
Tanzschule verpasst, weil ich zu dieser Zeit im Kloster war. Da haben
wir keine Mädels angefasst. Ich kann heut noch nicht tanzen. (...)
Wie begegnete man Ihnen bei staatlichen Stellen angesichts Ihrer kirchlichen Erziehung und Bildung?
Zunächst hatte ich ja das staatliche Abitur nachmachen wollen. Aber
meine Bewerbung bei der Bildungsabteilung vom Rat des Bezirkes in
Erfurt wurde schriftlich abgelehnt. Einigen anderen war es gelungen, in
eine staatliche zwölfte Klasse zu kommen. Mir nicht ...
Weil Sie kein Arbeiterkind waren?
Nein, das hatte '62 schon nichts mehr damit zu tun. Ich war 'n bissl stur.
Ich hatte da immer so ein Kreuz am Rockaufschlag, und dieses
Demonstrative gefiel wahrscheinlich den Leuten nicht, als ich mich dort
mal vorstellen musste. Und so hat man mich abgelehnt. Naja, das war
auch gar nicht schlimm, denn es gab ja in der DDR diesen sogenannten
zweiten Bildungsweg über die Volkshochschule. Davon hörte ich, als ich
in Gotha war, und besuchte dann parallel zur Lehre die Abendoberschule
und machte das Abitur. Und bei der Aufnahme an dieser Volkshochschule
wurde überhaupt nicht gefragt, wer man politisch war. Die wollten nur
wissen, welche Klasse man zuletzt besucht hatte. Das war eine
wunderbare Situation, weil dort auch sehr gute Leute waren. Und wenn
man dieses Abitur hatte, dann hatte man bessere Chancen, an der Uni
aufgenommen zu werden, als mit dem normalen Abitur. Weil die Leute an
der Uni sagten: „Dem isses wirklich ernst mit dem Studium; der hat
sich nach der Arbeit, während andere zum Tanzen gegangen sind, noch
hinter seine Bücher gesetzt und dieses Abi geschafft.“ Du hattest also
doppelt so gute Chancen. Das heißt: Wenn mir heute jemand erzählt, er
sei in der DDR benachteiligt gewesen und aufgrund seiner Weltanschauung
nicht zum Studium zugelassen worden, dann lügt der frech. Das stimmt
gar nicht. Das muss man wissen, wenn man über die DDR redet: Leute, die
so was behaupten, sind Scharlatane, die sich im Nachhinein eine
Widerstandsrente herbeireden wollen. (lacht) Und Ihr fallt darauf rein,
weil Ihr oft keine Ahnung habt – das kann man ja auch nicht erwarten,
aber es ist nun mal so.
„Ins Grübeln gekommen“ – Abkehr von der Kirche und Politisierung
Haben Sie die Orgelbauer-Ausbildung trotzdem fertig gemacht?
Nee. Als ich im Frühjahr '64 das Abitur in der Tasche hatte, hab ich
mir gesagt: „Wozu brauch ich jetzt noch den Orgelbauer-Abschluss, wenn
ich sowieso nach Berlin zum Studieren gehe?“ Ich habe mich dann aber
erst bei so einem Großbetrieb in Gotha als Hilfsarbeiter beworben, um
mal in der Produktion rum zu schnuppern und um etwas Geld zu verdienen.
Waren Sie als Abiturient bereits an Politik interessiert? Kannten Sie zum Beispiel schon politische Lieder?
Das muss in dieser Zeit angefangen haben. Eigentlich war ich ja ein
Feind der DDR und des Sozialismus, weil das eine atheistische
Weltanschauung war, dieser Marxismus. Und ich hab mich für politische
Dinge bis 1964 nicht interessiert. Das änderte sich dann durch Freunde
und Bekannte, kurz bevor ich nach Berlin ging. Geistig interessiert war
ich ja immer, und als ich mich dann öfter mit Leuten in Gotha getroffen
hab, die ziemlich gebildete Marxisten waren, bin ich schon ins Grübeln
gekommen. Ich habe überhaupt damals Menschen kennen gelernt,
SED-Genossen, die sich unheimlich menschlich und ganz normal mir
gegenüber verhalten haben. Leute wie zum Beispiel der Direktor der
Volkshochschule, die meinem Antikommunismus die Spitze abbrachen, indem
sie mich ins Leere laufen ließen und ganz freundlich mit mir umgingen.
Ich bin ja in den ersten Jahren öfter an Idioten geraten und hab gesagt
gekriegt: „Bekennende Christen haben bei uns nichts zu suchen!“
Hatten Sie Auseinandersetzungen zu Hause, als Sie anfingen, sich von der Kirche abzuwenden?
Ich bin '64 sogar aus der Kirche ausgetreten. Das hat meiner Mutter
sehr wehgetan. Im Nachhinein hab ich diesen Schritt ungeheuer bedauert.
Denn man muss nicht unnötig jemandem wehtun.
Ihre antikommunistische Haltung hatten Sie also bereits vor Antritt Ihres Studiums der Geschichte und Philosophie abgelegt ...
Ja. Ich bin noch in der Zeit, als ich in diesem Großbetrieb in Gotha
arbeitete, dort in die SED eingetreten, ich wurde Kandidat. Meine
Meinung war: Wenn man was verändern will, und ich hatte ein großes
Veränderungsbedürfnis was die DDR anlangte, kann man das
eigentlich nur innerhalb dieser Gruppe machen, die überall das Sagen
hat. Das funktionierte leider nur bis zu einem gewissen Grad ...
Die Partei Ihres Vaters hat Sie nicht interessiert?
Überhaupt nicht, das war ein Idioten-Verein, wie gesagt eine
Tarnorganisation für die Heimatvertriebenen. Die waren weder christlich
noch sozialistisch. Diese Blockparteien waren im Grunde eine Ausrede
für Leute, die ein staatliches Amt haben wollten oder ihre Ruhe, weil
sie ein staatliches Amt hatten, und aber nicht in die SED wollten. Mit
Politik hatte das wenig zu tun.
„Mein Nachbar war Thierse“ - Student in den 60ern in Ost-Berlin
Als Sie dann nach Berlin gingen, war gerade die Singebewegung im
Entstehen. Wie muss man sich das vorstellen, als es losging mit den
Hootenanny-Klubs?
Das begann ungefähr '64, und ich war so ziemlich von Anfang an dabei.
Das ging von Leuten aus, die mit mir studierten, also entweder
Philosophie oder Kulturwissenschaft. Die Kulturwissenschaftler hatten
ja die ersten beiden Jahre gemeinsam mit uns Grundlagen der
marxistisch-leninistischen Philosophie. Mein Nachbar damals war
übrigens Wolfgang Thierse, der immer kam und mich überreden wollte,
dass ich in die katholische Studentengemeinde mitkomme. Ich habe das
abgelehnt, weil mich kurz vorher ein paar andere Leute ebenfalls
gebeten hatten, dorthin zu gehen und die Ohren auszufahren und ihnen zu
berichten, was dort geredet wird ...
Die Stasi hatte Sie angesprochen ...
Genau. Und denen hatte ich gesagt: „So was mach ich nicht; erstens sind
die Katholiken keine Staatsfeinde, (...) und zweitens ist mir diese Art
der Mitarbeit suspekt. Ich arbeite gern mit euch zusammen und kann euch
informieren und berichten, wie das so läuft in der katholischen Kirche,
das mach ich gerne. Aber da hingehen, horchen und petzen – das ist
nicht mein Bier.“
An allgemeinen Erklärungen über die katholische Kirche waren die Leute
von der Staatssicherheit wahrscheinlich weniger interessiert ...
... ,weil sie selber ihre Meinung schon hatten. Also kam es zu
keinerlei Zusammenarbeit. Das habe ich dem Thierse dann andeutungsweise
gesagt, und das verstand er auch und ließ mich dann in Ruhe. (lacht)
Kommen wir noch mal zurück zur Singebewegung. Wie ging das los?
Initiatoren waren vor allem diese Kuwi-Leute um Lutz Kirchenwitz. Zum
Teil waren das seine Schulkameraden aus der Oberschule, mit denen er
gemeinsam so ein Programm mit Lyrik und Songs in der Volksbühne im
dritten Stock gemacht hatte. Daraus entstand dann der Gedanke, so was
regelmäßig zu machen ... Dann kamen der Kanadier Perry Friedman mit
seinem Hootenanny dazu und die Holländerin Lin Jaldati mit ihren
jiddischen Liedern, die von ihrem Mann Eberhard Rebling auf dem Klavier
begleitet wurde. Wir anderen waren ja alle blutige Laien ... Aber das
waren so die ersten Leuchttürme dieser beginnenden Bewegung. Lin
Jaldati war mit Anne Frank in Bergen-Belsen und Auschwitz gewesen und hatte
überlebt. Lin war eine Institution, wenn die auf die Bühne kam und
anfing zu singen, dann spürtest du, wie es dir den Rücken runter lief,
das war unglaublich. (...) Sie und ihr Mann waren übrigens auch mit
Ernst Busch befreundet.
Hatten Sie damals schon Kenntnis von Busch und seinen Liedern?
Nur aus der Ferne hatte ich davon gehört. Richtig bewusst wahrgenommen
habe ich ihn, glaube ich, erst später. Den Namen kannte ich natürlich
und auch einige Lieder, aber ich wusste wohl noch nicht, dass es Lieder
waren, die er gesungen hatte ...
„Mit Klampfen, Waschbrettern und Banjos“ - Der Erste Mai 1965
Wie sind Sie nun zur Singebewegung gekommen?
Für mich war eigentlich der Erste Mai '65 entscheidend. Da sind wir
durch die Straßen marschiert und hatten statt Blasmusik alle
irgendwelche Klampfen, Banjos und Waschbretter dabei und haben
Ostermarschlieder gesungen. Das war eine bunte Mischung von Liedern, da
waren auch amerikanische Protestsongs von Pete Seeger dabei und
anderes. Wo wir die Lieder herhatten, weiß ich gar nicht. Wir hatten
uns jedenfalls vorher zusammengesetzt und 'n bissl geprobt.
Wissen Sie noch, welche Songs Sie damals gesungen haben?
„Unser Marsch ist eine gute Sache, weil er für eine gute Sache ist“,
(fängt an zu singen) ba-da-damm-bamm-bamm-bada-ba-damm-bamm ...
„Marschieren wir gegen den Osten? Nein! Marschieren wir gegen den
Westen? Nein! Wir marschieren für die Welt, die von Waffen nichts mehr
hält ...“ – so hieß der Refrain. Und sind dann gleich kritisiert worden
von unserem Parteisekretär: (polternd) „Was heißt hier ’Marschieren
gegen den Osten’? Selbstverständlich auf keinen Fall! Wo wollt ihr denn
hinmarschieren? Ihr seid wohl verrückt!“ (lacht) Der hatte den Text
wörtlich genommen und nichts kapiert. Da dachte ich mir: „Guck mal an,
man muss sich also gut überlegen, was man singt.“ Das war ich ja von
der Kirche her nicht gewöhnt. Einigen wenigen, die da mitmarschiert
sind, stieß das auf, was wir sangen. Aber den meisten hat 's gefallen,
das war ein frischer Ton und eine frische Musik. Wir sind da Unter den
Linden lang marschiert und zum Schluss an diesem Marx-Engels-Platz an
der Tribüne vorbei. Und die ganze Zeit haben wir diese Lieder gesungen.
Konnte man sich in diesem Riesenumzug mit Gitarren überhaupt Gehör verschaffen?
Das haben natürlich in erster Linie die Umstehenden mitgekriegt, also
die da unmittelbar mitmarschierten. Du konntest ja machen, was du
wolltest, bei diesem Ersten Mai. Das BE ist zum Beispiel immer mit dem
Auto gefahren, da hat die Weigel drin gesessen und hat gewunken. Jeder
hat sich irgendwas einfallen lassen, das war wie ein Faschingsumzug –
na ja, nicht ganz so bunt ... Danach, als sich alles anfing zu
verflüchtigen und die ersten nach Hause gegangen waren, haben wir noch
irgendwo gesessen und gesungen, und da kamen ein Haufen Leute und haben
zugehört. Da entstand dann diese Idee, was Größeres draus zu machen.
Und den Namen „Hootenanny“ hatten wir von Perry Friedman. Der
Hootenanny-Klub wurde aber '67 in Oktoberklub umbenannt, weil sich der
Paul Verner (Stadtverordneter in Berlin und Mitglied des Politbüros;
JV) beschwert hatte. Da gab es wieder mal so 'ne Kampagne gegen
Anglizismen. Außerdem war gerade der 50. Jahrestag der
Oktoberrevolution, da hieß auf einmal alles Oktober ... Eigentlich war
es ja auch egal, wie es hieß, man hätte es auch Spiegelei nennen können.
Gehörten damals auch Busch-Lieder zum Hootenanny-Repertoire?
Ich glaube, ein paar Spanienlieder wurden gesungen. „Die Herren Generale“ war wohl von Anfang an dabei.
„Propagandist der Weltanschauung“ – Andert und der Oktoberklub
Waren Sie auf der ersten Schallplatte vom Oktoberklub schon mit dabei?
Nee, da war ich nur auf dem Foto, das vorne drauf ist. Da gibt es
übrigens einen schönen Dokumentarfilm von holländischen Filmemachern,
die sich nach der Wende vier Leute, darunter auch mich, von diesem
Coverfoto rausgepickt haben und ein Porträt über die gemacht haben.
(„Sag mir wo du stehst“) Jedenfalls bin ich erst später auf Platten zu
hören gewesen. Ich glaube, ich bin erstmals aufgetreten mit
Wanderliedern aus den 20er Jahren. Da wurde bei den
Hootenanny-Veranstaltungen gefragt: „Wer is' 'n jetzt dran?“ Und als
sich keiner meldete, hab ich mir die Klampfe geschnappt, um kein Loch
entstehen zu lassen, und hab losgelegt. Ich hab nie eine gute Stimme
gehabt, und meine Klampfenkünste waren auch nicht so besonders. Aber
mir war die Sache wichtig. Ich hab diese ganze Singerei aus einem ganz
andern Aspekt gesehen. Erstens hat es Spaß gemacht und zweitens hab ich
das auch als Philosoph gesehen, das heißt: als Propagandist der
Weltanschauung. Ich hab mich zumindest so verstanden. Es sollte nicht
nur darum gehen, irgendwelche Ideen zu verkaufen, sondern Leute zu
ändern. Leute, die in der Lage sind, Ideen aufzunehmen. Und diese
Singerei schien mir da eine gute Möglichkeit zu sein. Die Hootenanny-
oder später die Singebewegung war eine sehr demokratische
Angelegenheit, weil jeder ohne viel Vorbereitung aktiv teilnehmen
konnte. Drei Griffe lernt man schnell, dafür muss man nicht Musik
studieren, und singen kann im Grunde auch jeder. Also kann sich jeder
da vorne hinstellen und den Leuten was erzählen beziehungsweise
vorsingen. Und das formt unheimlich die Persönlichkeit. Man verliert
Hemmnisse und Scheu und lernt, die Aufregung in den Griff zu kriegen.
Das hätte vielen Leuten sehr gut getan, da mal aufzutreten.
Geschah das ganz ohne Wettbewerbsgedanken?
Völlig ohne. Das spielte überhaupt keine Rolle. Ich hab mich der Sache
sowieso eher von der soziologisch-philosophischen Ecke genähert. Ich
dachte mir: „Da machste mit und gibst Obacht, dass das alles gut
läuft!“ Und dass wirklich dieser Zweck erfüllt wird, den ich mir da
vorgestellt hatte.
Wenn man den Film „Lieder machen Leute“ von Karl Gass aus dem Jahr 1968
sieht, in dem der Oktoberklub porträtiert wird, hat man den Eindruck,
dass sich frühzeitig bestimmte Leitfiguren herausbildeten. Hartmut
König steht da zum Beispiel sehr stark im Zentrum. Hatte er eine
besondere Rolle?
Er war der erste, der anfing, eigene Lieder zu schreiben, die uns
gefielen. Damit war er natürlich der Star. Wir sangen ja am Anfang
immer nur Lieder von anderen oder alte Lieder. Und er kam da frisch,
frank, fröhlich mit eigenen Sachen, hatte auch seine eigene Truppe,
Team 4; die wurde dann im Zuge dieser Anglizismus-Phobie umbenannt in
Thomas Natschinski und seine Gruppe. Ich fand diese Lieder prima, die
damals entstanden. Eines von Hartmuts ersten Liedern war „Sag mir, wo
du stehst“, den Titel hatte er geklaut von „Which Side Are You On“. Das
war ein absoluter DDR-Hit, den haben dann alle Gruppen nachgesungen.
Sogar in der Kirche wurde er gesungen, und da fiel einem dann auf, dass
der Text dermaßen allgemein war, dass er eigentlich immer passt. Das
ist natürlich auch ein Problem, weil dieses Lied schlimmstenfalls auch
die Nazis singen können. (lacht)
Welche Rolle spielte die FDJ in der frühen Singebewegung?
Zunächst war das ziemlich FDJ-fern. Wobei von Anfang an einer aktiv
dabei war, der hieß Siegfried Wein, und der war zuständig für Kultur in
der FDJ-Bezirksleitung. Aber der war mittendrin, der kam nicht von
außen. Und dann gab es eine Fernsehsendung in der Volksbühne, als wir
uns in Oktoberklub umbenannten, inzwischen gab es schon
Hootenanny-Klubs in der ganzen Republik, und nun wurde die ganze Sache
DDR-weit bei allen möglichen Leuten bekannt. Die Folge war, dass sich
der Zentralrat der FDJ einschaltete und uns erzählte, wir sollten mehr
Arbeiterlieder singen und nicht nur immer Volkslieder und so 'n
Quatsch. Das ging so bis zum Schluss, und das wurde immer perverser:
diese Einmischung der FDJ und diese Versuche der Instrumentalisierung,
sodass ich mich schließlich nach '73 von der ganzen Angelegenheit
verabschiedete. (...)
(Ende der ersten Kassettenseite)
(Exkurs über die Frage nach dem Gefühl einer
Generationenzugehörigkeit sowie über Reinhold Anderts Dozententätigkeit
an der Musikhochschule)
„DDR-konkret“ – Neue politische Lieder für die Singebewegung
Was hat Sie bewogen, dann selber Lieder zu schreiben?
Das war ein ganz konkreter Anlass. Es gab damals eine DDR-weite
Studentenzeitung von der FDJ, die hieß
Forum. Und der Chefredakteur
Hilbig, den ich gut kannte, sagte zu mir: „Schreib mal 'nen Artikel
über diese neu entstandene Singerei.“ Das hab ich dann gemacht, das
muss '67 gewesen sein, und habe geschrieben, dass eigentlich die
meisten Lieder, die wir singen, uns gar nicht gemäß seien. Mich störte
vor allem die veraltete Symbolik in den traditionellen politischen
Liedern. Da ist immer die Rede vom Klassenkampf, der auf der Straße
stattfindet mit einer Fahne in der Hand und der Sonne, die gerade im
Osten aufgeht. Ich hab gesagt: Für uns junge Leute sind andere Dinge
wichtig. Die Kämpfe meiner Generation, wenn man so will, vollziehen
sich doch anders. Also beim Aufbau einer neuen Gesellschaft kann man
nicht immer mit diesen antiquierten Symbolen ankommen. Das hatte mit
unserem Leben in der Gegenwart nichts mehr zu tun, das war Geschichte.
Darum hab ich gesagt: „Wir müssen neue Lieder schaffen, die unseren
konkreten Bedingungen gemäß sind.“ Und so entstand der Begriff
„DDR-konkret“, den ich da prägte, in diesem Artikel. Das hieß: konkrete
Wirklichkeit einfangen in Verse, um Lieder draus zu machen. Der
Chefredakteur hat mir das Ding zurückgegeben und gesagt: „Sehr schön,
aber das ist ja nur die eine Seite. Jetzt hätte ich gerne noch ein
Beispiel, damit man sieht, wie du das meinst.“ Ich sag: „Ich kann doch
nicht reimen.“ Darauf er: „Mach mal, sonst nehme ich dir den Artikel
nicht ab.“ (lacht) Naja, und weil ich natürlich eitel war und den
Artikel veröffentlicht sehen wollte, hab ich mich hingesetzt und nach
dem Motto „Reim dich, oder ich zerhack dir die Kommode!“ einen Text
geschrieben: „Das Lied vom Klassenkampf“, mein erstes Lied überhaupt.
Das wurde dann abgedruckt, ich hatte auch eine Melodie drunter
gefummelt, und der Oktoberklub war dermaßen begeistert, dass sie es
gleich in ihr Repertoire aufnahmen. Ich wollte das erst selber singen,
aber dann haben die gesagt: „Nee, nee, mit deiner Stimme kannste
Briketts zählen, aber nicht auf die Bühne.“ Na gut, hab ich mir gesagt,
is ja auch nicht so wichtig. Ich wollte mich auch nicht vordrängeln.
Und dann fiel Jörn Fechner mal aus, der Schönling mit der schönen
Stimme, das war während einer Tournee auf Rügen ... Das Lied war aber
im Programm und mittlerweile auch ziemlich bekannt. Und weil ich der
einzige war, der es konnte, bin ich dann auf die Bühne und hab da
rumgeschrieen, weil ich dachte: Je intensiver, desto besser. Aber das
ist natürlich ein Lernprozess, so 'n Lied zu interpretieren.
Wie oft fanden solche Oktoberklub-Tourneen statt?
Jedes Jahr. Immer in den Semesterferien, wir waren ja Studenten. Und
die Veranstaltungen fanden in irgendwelchen Theater- und
Kulturhaussälen statt und waren immer proppenvoll. Weil wir auch immer
viele deutsche Volkslieder gesungen haben und internationale Folklore,
gefiel das den Leuten. Das waren schöne Abende, es gab immer viel zum
Mitsingen, da war eine unheimliche Stimmung. Und zwischenhinein wurden
immer ein paar politische Lieder gestreut. Der „Oktobersong“ und solche
Sachen ... (...)
Was kam denn am besten beim Publikum an?
So Scherzlieder wie „Jedermann liebt den Samstagabend“. Oder ungarische
und finnische Lieder, da konnte man zwar keinen Text verstehen, aber
die waren recht flott. Und es war ja für die Leute auch ein neuer
frischer Ton und ein ungewohntes Bild: zehn Leute auf der Bühne mit
drei bis fünf Instrumenten; eine sparsame Gitarre, ein Banjo dazu und
ein Bass höchstens noch 'ne Rassel. Und es war kein steifer Chorgesang,
es war auch nicht die große Kunst, manchmal gab es eine zweite Stimme
dazu, aber das war 's. Ich meine, musikalisch war das in Ordnung. Unser
Gitarrist Fred Krüger studierte Gitarre an der Musikhochschule, der
Bassist studierte auch Bass. Also, das war keine ganz plumpe
Laiengeschichte, sondern das war zum Teil schon halbprofessionell.
Hatten Sie Vorbilder?
Nein, eigentlich nicht. Wir haben uns natürlich schon die Originaltitel
angehört. Wir haben ja auch englische und amerikanische Lieder
gesungen, Lieder von Bob Dylan und Pete Seeger, „We Shall Overcome“,
Antikriegslieder wie „Sag mir, wo die Blumen sind“ und was weiß ich
alles. Einmal hat uns sogar Pete Seeger besucht, da hießen wir noch
Hootenanny-Klub. Der fand das prima, was wir machten. Da hab ich noch
eine Fernsehaufzeichnung hier, der kriegte hier irgend so einen Preis
vom Friedensrat. Jedenfalls hat Pete Seeger dann mit uns einen
Singeabend in dem Kulturpalast in der Stalinallee gemacht, und
anschließend haben wir gezeigt, dass wir auch ein paar Lieder können.
Das Fernsehen hat das aufgenommen. (...) Einmal sind wir auch mit Ernst
Busch zusammen aufgetreten, das war in der Kongresshalle, glaube ich.
Da war der Busch schon recht alt, er hat vor dem Auftritt, als sich ihm
jemand in der Garderobe vorstellte, gefragt: „Welche Zelle bist 'n du?“
Das war die alte Einteilung in der KPD, er hielt das nicht mehr so ganz
auseinander.
„Man hat sich 'n bissl was vorgemacht“ – Verfälschte Wahrnehmung
Im Booklet zur Oktoberklub-CD, die bei Barbarossa erschienen ist,
erzählen Sie von einer Autofahrt in den frühen 70er Jahren mit einer
Bäuerin, die zu Ihnen gesagt hat, dass sie die Folklore gerne mag, die
der Oktoberklub singt. Die politischen Sachen fände sie weniger gut.
Noch später haben sie dann herausgefunden, dass es geheime Fragebögen
gab, die diese Aussage auch in Bezug auf die Jugend der DDR
bestätigten. Waren die politischen Songs vielleicht doch nicht so
zündend, wie Sie dachten?
Das ist richtig. Man hat sich da 'n bissl was vorgemacht. Fünf Prozent der
Leute waren Fans dieser Lieder, fünfundneunzig Prozent haben sich nicht
dafür interessiert. (...) Die Resonanz, die wir beim Oktoberklub
kriegten, war natürlich zustimmend. Diejenigen, denen das nicht
gefallen hat, sind halt aus dem Konzert raus gegangen oder sind gar
nicht erst gekommen.
War das Agitprop, was Sie gemacht haben mit dem Oktoberklub?
Ja, natürlich. Die Motive der einzelnen Mitglieder waren natürlich unterschiedlich. Aber mein Motiv damals war Agitprop.
Welche Rolle spielten die Vorläufer aus den 20er, 30er Jahren?
Eigentlich war uns diese Art des Agitprop wenig vertraut. Man wusste,
dass es so was gegeben hatte. Aber man hatte wenig Ton- und
Filmbeispiele. Außerdem war uns das meiste auch zu direkt und zu
hölzern. Wir wollten mehr von hinten durch die Brust ins Auge. Das
sollte mehr indirekt passieren. Aber wir wollten die Leute schon
überzeugen von unserer Weltanschauung. Und diese offizielle Vermittlung
unserer Weltanschauung, des Marxismus-Leninismus, war viel zu spröde
und ging auch an den Sprachgewohnheiten der Leute vorbei. Das gefiel
uns nicht. Und wir dachten: Die ist doch gar nicht so volksfeindlich,
diese Weltanschauung, ganz im Gegenteil; das müsste man nun auch
sprachlich und musikalisch versuchen, zum Ausdruck zu bringen ... Dazu
gehörte auch der Gedanke: „Wer stark ist, kann auch über sich selber
lachen.“ Humor empfanden wir als Ausdruck der Stärke.
Sind Sie mit dem Oktoberklub auch im Ausland aufgetreten?
Selten, ich gehörte ja nicht zur Kerngruppe des Oktoberklub.
War der Oktoberklub auch im Westen?
Ja, bei DKP-Geschichten, Pressefesten und so. Da war ich aber nie mit.
„Ich war der Lieder-Papst!“ – Die Weltjugendfestspiele 1973
Wie ging es dann mit Ihren eigenen Liedern weiter? In den Klappentexten
Ihrer Bücher steht: „Seit '73 freischaffender Schriftsteller und
Liedermacher.“ Wann haben Sie beschlossen, das professionell zu machen?
Naja, nach dem „Lied vom Klassenkampf“ merkte ich, dass das gar nicht
so schwer war: Lieder zu machen. Und dann hab ich eins nach dem andern
gemacht. Erst für den Klub und dann mehr für mich. Ich hab dann mit
Solo-Geschichte angefangen. Freischaffend war ich aber erst ab '73,
weil ich bis dahin für die FDJ gearbeitet habe. Und zwar habe ich im
Frühjahr '71 geheiratet, und zu meiner Hochzeitsfeier kamen die Chefs
der FDJ und überredeten mich, hauptamtlich bei der FDJ anzufangen und
ihnen bei den Vorbereitungen für die 10. Weltfestspiele zu helfen.
Günther Jahn war damals erster Sekretär des Zentralrats der FDJ, und
der machte mich zum Leiter der Liedgruppe im Organisationskomitee der
Weltfestspiele. Ich wurde kooptiert, so nannte man das, bekam ein Büro,
konnte vier, fünf Leute einstellen und kriegte das Gehalt eines
Abteilungsleiters im Zentralrat. Ich habe mich also freistellen lassen
von der Hochschule, wo ich Dozent war, und hab das bis zu den
Weltfestspielen '73 gemacht. Danach hatte ich einfach keine Lust mehr,
in meinen alten Beruf zurück zu gehen, weil ich in diesen anderthalb
Jahren durch diese Arbeit unheimlich bekannt geworden bin. Ich hatte
für kurze Zeit eine wahnsinnige kulturpolitische Macht: Ich hab
bestimmen können, was im Fernsehen und im Rundfunk für politische
Lieder laufen. Ich war also der absolute Papst, der Lieder-Papst!
(lacht) Und die kamen alle angerannt zu mir – mir wurde zwischendurch
ganz himmelangst vor dieser Machtfülle, die ich plötzlich hatte. Ich
hatte auch einen unheimlich guten Draht zu Leuten im Politbüro, vor
allem zu Werner Lamberz, der ja als Thronfolger Honeckers gehandelt
wurde.
Wie kamen Sie zu diesem guten Draht?
Durch Veranstaltungen, an denen die als Offizielle teilnahmen. Ich war
ja nun der Chef aller großen Singe-Veranstaltungen, ich machte das
Programm und war der Ansager. Und die mochten das, wie ich das aufzog.
Ich hatte auch gute Kontakte zu Paul Dessau und allen möglichen Leuten.
Weil ich vorher schon Lieder geschrieben hatte, die von Dichtern und
Komponisten der DDR akzeptiert worden sind, hab ich die auch alle
besucht und gebeten, ob sie nicht Lieder für die Weltfestspiele
schreiben können. Das haben die auch alle gemacht, also ich hatte einen
guten Stand bei den Künstlern, auch bei Rock-Leuten wie Renft. Für mich
war das damals eine prima Zeit.
Kamen Sie im Vorfeld der Festspiele überhaupt zum Lieder-Schreiben vor lauter Organisieren?
Ja, natürlich. Die wesentlichen Weltfestspiel-Lieder habe ich selber
geschrieben. Allerdings alle anonym oder mit der Angabe „Kollektiv“
oder so, denn das hätte ja sehr albern ausgesehen, wenn da überall mein
Name dabeigestanden hätte, wo ich doch die Macht über das
Liederprogramm hatte. Bei der Hymne der Weltfestspiele „Wir sind
überall auf der Erde“, die hundertprozentig von mir ist, habe ich zum
Beispiel den Hartmut König als Texter angegeben, damit das nicht so
aussieht, als würde ich meine Macht missbrauchen. Das Lied wurde in
zehn Sprachen übersetzt und bei der Abschlussveranstaltung von 10.000
Leuten hier drüben auf dem Platz (zeigt aus dem Fenster) gesungen.
Was war das für ein Gefühl, das eigene Lied bei dieser Massenkundgebung zu hören?
Das war sehr eigenartig ... (...)
(Exkurs über Hartmut König und den Internationalen Studentenbund in
Prag sowie den Weltbund der demokratischen Jugend in Budapest)
Wie sah denn das Musikprogramm aus, das Sie für die Weltfestspiele entwickelt haben?
Wir hatten drei Kategorien von Liedern. Die erste enthielt Lieder, die
bei uns entstanden waren und die etwas über die DDR erzählten, so nach
dem Motto: „So sehen wir unser Land“. Das war als Visitenkarte für
unsere ausländischen Gäste gedacht. Die zweite war internationale
Folklore, und die dritte Kategorie waren Lieder, die direkt für die
Weltfestspiele gemacht waren wie „Wir treffen uns auf jeden Fall“.
Darüber hinaus gab es natürlich Künstler aus dem Ausland, die bei den
Festspielen auftraten wie Miriam Makeba aus Südafrika oder Dieter
Süverkrüp aus der Bundesrepublik. Es gab innerhalb der Festspiele auch
so 'ne Art Festival des politischen Liedes, da traten die auf.
Welche politische Funktion hatten die Weltfestspiele 1973, und welchen Stellenwert hatten speziell die Lieder?
Die Weltfestspiele fanden alle vier Jahre wie die Olympischen Spiele
statt, und die wurden immer von einem anderen Land ausgerichtet. Und
'73 waren wir eben dran, zum zweiten Mal übrigens, nachdem sie '51 auch
schon hier waren. Und dass Musik eine große Rolle spielt, wenn sich die
Jugend trifft, ist ja klar. Und die Lieder, die wir extra für dieses
Ereignis gemacht haben, waren dazu da, den Gedanken der Weltfestspiele
in die DDR-Öffentlichkeit zu tragen. Das waren so was wie Werbelieder,
wir wollten Propaganda machen für dieses Ereignis: „Passt auf, im
Sommer '73 wird die Jugend der Welt hier in Berlin zu Gast sein, stellt
Euch drauf ein, das wird 'ne prima Sache!“ Dieser Gedanke sollte unters
Volk gebracht werden mit anständigen Liedern, die, wenn 's geht,
einigermaßen locker und lustig sein sollten. Das war die Funktion. (...)
„Über Kopp und Herz zum Mund“ - Beliebtheitsgrad der Lieder
Mit dem Ende der Weltfestspiele '73 endete auch Ihre Mitgliedschaft im Oktoberklub ...
Ich hatte mich schon vorher allmählich verabschiedet und hab dann '73
offiziell Schluss gemacht. Weil der Einfluss der FDJ auf die ganze
Singebewegung, den ich ja zum Teil mit verschuldet hatte während dieser
anderthalb Jahre, wo ich für die Weltfestspiele gearbeitet habe, immer
größer wurde. Wobei ich immer Obacht gegeben habe, dass dieser Einfluss
nicht schädlich war. Ich hab gesagt: „Redet den Leuten nichts ein!
Lieder, die sie nicht singen wollen, sollen sie auch nicht singen. Das,
was über ihre Lippen kommt, muss vorher übern Kopf und übers Herz, und
wenn sie 's dann gut finden, dann sollen sie 's singen. Aber alles
andere nicht!“ Das war der große Zwiespalt, den ich damals hatte, und
ich hab mich in dieser Frage auch mit dem Zentralrat der FDJ
überworfen. Und war der einzige, der zum Schluss keine Medaillen oder
Orden kriegte, während alle Leute mit Klunkern vollbehangen wurden.
Dabei hatte ich gute Arbeit geleistet. Kultur-Soziologen aus Leipzig
haben festgestellt, das die 10. Weltfestspiele das einzige Treffen
dieser Art war, wo Lieder entstanden sind, die von den Jugendlichen
freiwillig und gern gesungen wurden. Bei den anderen Weltfestspielen
war das nicht der Fall. Da wurden die Lieder den Leuten reingedroschen,
und die mussten sie sich unter großen Mühen aneignen.
1951 wurde, so hat man mir erzählt, Buschs „Ami, go home“ gerne gesungen ...
Ja, aber das war ja, anders als unsere Lieder, nicht extra für dieses Ereignis geschrieben worden. (...)
Woran lag es, dass die von Ihnen ausgesuchten und geschriebenen Lieder 1973 so gut angenommen wurden?
Wir haben das vorher ausprobiert. Wir haben Stichproben bei Veranstaltungen im Vorfeld gemacht und die Wirkung getestet.
Moderne Marktforschungsmethoden ...
Freilich, wir waren ja auch nicht blöd. Wir haben auch mit einem
Soziologen im Funk zusammengearbeitet, haben uns genau überlegt, in
welcher Art man die Lieder machen müsste. Wir haben schon versucht, das
wissenschaftlich anzugehen.
Worauf kam es an? Politik und Emotion zusammen zu bringen?
Die Politik spielte dabei, zumindest offensichtlich, keine Rolle. Im
Vordergrund stand Lebensfreude und Lockerheit, es sollte Spaß machen.
Haben Sie auch Schlagerprofis angesprochen?
Nee, die kamen von selber. Die musste man nicht anstoßen. Die waren alle dabei, weil sie das große Geschäft witterten. (...)
„Er verkörperte, was er sang.“ – Ernst Busch und die Singebewegung
Seit 1970 gab es in Ost-Berlin das Festival des politischen Liedes, das
durch die Singebewegung entstanden war und bei dem auch Sie immer
wieder mitgewirkt haben. Ich habe eine Radiosendung von Erwin Burkert
aus dem Jahr 1970 gehört, in der Sie über Ihre Erwartungen an dieses
Festival sprechen. Sie sagen da auch, dass Ernst Busch als Leitbild
taugen würde für die Singebewegung und dass Sie hoffen, dass Busch bei
der Eröffnungsveranstaltung auftritt. Erinnern Sie sich noch daran?
Ich glaube, Busch ist nie auf dem Festival aufgetreten. Der ist wie
gesagt mal separat mit uns aufgetreten, aber wann das war, weiß ich
nicht mehr. Kirchenwitz weiß das, der hat doch auch promoviert über die
Singerei ... Im Übrigen war diese Formulierung mit dem „Leitbild“
weniger musikalisch als charakterlich gemeint. Der Busch hatte zunächst
für mich eine historische Patina und er verkörperte schon von seiner
Biografie her das, was er sang. Also, er hat das auch gelebt. Von daher
war er für mich, wenn man so will, ein Vorbild. (...)
Von den Liedern her und musikalisch haben Sie sich eher weniger an Busch orientiert ...
Anfänglich haben wir in dieser Hootenanny-Bewegung im Grunde alles
eingesogen, was es an Liedern gab, selbst das ganz traditionelle Zeug.
Da kam zum Beispiel Hermann Hähnel, Dozent an der Hanns
Eisler-Hochschule, der mit Stimme und Klavier alte Arbeiterlieder
dargeboten hat. Von der Ästhetik her eigentlich furchtbar! Mit einer
Wahnsinns-Röhre und einer operettenhaften Haltung ... Das gefiel uns
irgendwie nicht auf die Dauer, und da haben wir ihn nicht mehr
eingeladen ... Bei Busch war das ganz anders. Da konnte man einfach
nichts dagegen sagen! Bei Busch kam alles zusammen: der Nimbus, also
diese Aura, die er hatte, und dann auch die Klarheit und gleichzeitige
Rauheit seiner Stimme. Die war ja nicht so geschliffen und fein wie bei
ausgebildeten Sängern, die man sich ja nicht anhören konnte. Das kam
uns entgegen, diese Laienhaftigkeit in der Stimme. (...)
(Exkurs zu Ronald Paris und dessen Busch-Gemälde; Andert über Buschs
Reaktion auf das Bild: „Er war da überhaupt nicht souverän.“ Busch habe
natürlich auch seine menschlichen Schwächen gehabt, aber darüber wisse
er zu wenig. In jedem Fall sei es notwendig, im Hinblick auf mein Buch,
Busch vom Sockel zu holen und mit dem „religiösen Verhältnis“, das
manche zu Busch - dem Heroen und „Barrikaden-Tauber“ – hätten,
aufzuräumen)
„Niemand wusste, dass der verboten war“ – Ein Lied für Busch
Können Sie sich noch erinnern, was Sie damals, um 1970, für ein Bild von Busch hatten?
Wissen Sie, mit dem Busch war das folgendermaßen: Wir wussten gar
nicht, dass der verboten war beziehungsweise seine Bänder mit einem
Sperrband versehen waren und dass er nur bei Brecht Schauspielerei
machte, weil er nicht mehr singen durfte. Den ganzen Knatsch hatten wir
nicht mitgekriegt. Der Busch selber hat die Klappe gehalten und das
nicht rumerzählt, und die Partei hat erst recht die Klappe gehalten.
Keiner wusste Bescheid. Und dann kam '78 der Erwin Burkert, ich hab das
ja in meinem Buch beschrieben („Nach dem Sturz“; JV), knallte mir eine
Biografie über Busch hin und sagte: Mach mal 'n Lied über den Busch,
ich will 'nen Film machen!“ Erst wollte ich nicht, weil ich dachte: „Es
ist doch alles bekannt über den Barrikaden-Tauber.“ Ich fand auch, dass
das kein geeigneter Stoff für ein Lied war, schon gar nicht für ein
Loblied, ich war also skeptisch. Jedenfalls sagte der Erwin, er wolle
einen Film machen über Busch, ihn selber könne er aber nicht mehr
aufnehmen. Busch lag damals schon im Krankenhaus, also wollte Erwin
alle Leute interviewen, die irgendwie mit Busch zu tun hatten, also den
Tonmeister von Amiga und diesen und jenen, um daraus dann mosaikartig
ein Bild entstehen zu lassen. „Und du machst 'n Lied über Ernst Busch
als Krönung!“ – Da hab ich gesagt: „Nein, mir fällt da nichts ein.“
Erwin wollte dann, dass ich diese Biografie aus der DDR lese, was ich
auch gemacht habe. Und da merkte ich, dass da was fehlte in dieser
Biografie. Ich hab mich dann bei Erwin erkundigt, und erst dann erfuhr
ich, dass es in den 50er Jahren zwischen Busch und der Partei Knatsch
gegeben hatte. Das wusste vorher niemand von uns. Wir dachten immer,
Busch hätte sich einfach zurückgezogen wegen seiner Kriegsverletzung
und weil er den ganzen Rummel nicht mehr haben wollte. Der Gedanke,
dass es da irgendwelche Unstimmigkeiten gegeben haben könnte, war mir
vorher nie gekommen. (...) Dabei war ich ja relativ nah an der Szene
dran, die anderen wussten das schon gar nicht. Niemand wusste das – nur
ein paar Eingeweihte!
Sie haben sich dann anders entschieden und das Lied für Burkert
geschrieben. War das sein Vorschlag, die „Jarama-Front“ als Grundlage
zu benutzen?
Nee, das war meine Idee.
Warum ausgerechnet diese Lied? Hat Sie das speziell beeindruckt?
(Pause)
Oder war es wegen des Versmaßes?
Nee, nee. Aber diesen Gedanken „Es gab eine Schlacht, es gab einen Sieg“ – den konnte man wunderbar umdrehen.
„Der Andert soll das an meinem Grab singen!“ – Die Trauerfeier
Ist das Lied damals auch auf Platte erschienen?
Nein, gar nicht. Das Ganze hatte auch noch ein dummes Nachspiel. Ich
hab das auch geschildert (in dem Buch „Nach dem Sturz“; JV). Also:
Busch hat diesen Film von Erwin gesehen und auch mein Lied gehört. Und
zu Irene, die bei ihm war, hat er gesagt: „Prima, was der Andert da
gemacht hat. Das ist wenigstens mal einer, der diese Sache nicht untern
Teppich kehrt. Sag dem Andert 'nen schönen Gruß, und er soll das Lied
an meinem Grab singen!“ Das hat er zu seiner Frau gesagt, und die Irene
hat das dann dem Akademiepräsidenten Konrad Wolf gesagt. Denn Busch
starb ja wirklich bald darauf, und der Wolf wurde beauftragt, die
offizielle Trauerfeierlichkeit für ihn an der Akademie der Künste zu
inszenieren. Der hat sich also mit der Irene zusammengesetzt, und Irene
hat gesagt: „Ich lege Wert darauf, dass der Andert dieses Lied singt.
Weil das dem Ernstl so gut gefallen hat.“ Also haben sie das Programm
zusammengestellt, alle möglichen Leute waren dabei, darunter auch sein
Freund aus der Sowjetunion, Grigori Schneerson. Nun mussten die aber,
da der Honecker kam, das Programm einreichen und absegnen lassen ...
(Ende der zweiten Seite der ersten Kassette)
Reden wir jetzt von der Trauerfeier oder von der Beerdigung?
Von der Trauerfeier. Ich sing doch nicht am Grab. Bei der Beerdigung
wird nicht gesungen, jedenfalls nicht von mir, das ist doch
Schwachsinn! (lacht) Jedenfalls kam das Programm zurück, und alles war
in Ordnung, nur mein Lied war durchgestrichen. Da hat Konrad Wolf die
Irene angerufen und gesagt: „Alles in Ordnung, nur das Lied vom Andert
ist raus.“ Sagt sie: „Schönen Gruß an Herrn Honecker, dann komm ich
nicht. Ernst hatte sich das Lied gewünscht!“ Konrad Wolf hat versucht,
sie umzustimmen, aber sie hat nicht nachgegeben. Also hat er das dem
Büro Honecker mitgeteilt, und da hieß es dann: „Naja, dann nehmt das
Lied wieder rein.“ (Lachen) Und fünf Minuten vor meinem Auftritt bei
dieser Trauerfeier, ich stehe schon mit meiner Klampfe hinterm Vorhang
und warte das Ende der vorherigen Nummer ab, kommt Wolf zu mir und
spricht mich an. Ich war ziemlich angespannt, denn so eine
Trauerveranstaltung ist ja Mist. Du stehst auf der Bühne und alles ist
schwarz, keiner klatscht und du hast überhaupt keine Rückkopplung. Und
in dem Moment sagt der zu mir: „Weißt du überhaupt, was wir für 'n
Ärger mit deinem blöden Lied hatten?“ Und erzählt mir im Telegrammstil
das Hin und Her. Fünf Minuten, bevor ich da raus muss, so was darf man
nicht machen. Aber er war halt kein Bühnentyp, der Wolf ... Ich bin
also da raus und war wie gelähmt. Es funktionierte nichts mehr. Ich
muss bei diesem Lied ja die Melodie der „Jarama-Front“ spielen, das
ging natürlich gar nicht. Also hab ich nur so 'n paar Akkorde
geschrummt und hab das mehr gesprochen als gesungen. Mir war 's dann
auch egal, Beifall gab 's eh nicht ... Hinterher war dann ein kleiner
Empfang, und da kam Lin Jaldati zu mir, die legendäre Sängerin, und hat
mich umarmt und gesagt: „Reinhold, so gut wie heute hab ich dich noch
nie erlebt! So ergriffen vom Tod von Ernstl warst du ...“ Dabei war ich
gar nicht ergriffen, ich konnte bloß nicht anders vor Aufregung.
(Lachen) Auch die Gisela May fand meinen Vortrag ganz prima, die
dachten alle, das sei Absicht und eine ganz reife Leistung gewesen ...
Wie haben Sie das empfunden, als Sie von Erwin Burkert erfahren haben, dass Busch Ihr Lied so sehr mochte?
Dass ihm das gefallen hat, hat mich sehr gefreut.
Sie loben in Ihrem Lied für Busch nicht nur die Stimme des Sängers,
sondern auch sein Schweigen. Wie ist das zu verstehen? Steckt in dem
Lied auch eine Kritik an den Zuständen in der DDR drin?
Kann man so sehen. Es gab nach Buschs Tod oder jedenfalls im Umfeld
dieser Trauerfeier noch eine andere Veranstaltung in der Akademie der
Künste, die was mit Busch zu tun hatte. Da kam Egon Krenz zu mir und
sagte: „Also, Reinhold, ich hab da diesen Film mit deinem Lied drin
gesehen und muss sagen: ganz großartig!“ Und dann kam er nach einer
halben Stunde wieder, hatte sich inzwischen mit Hartmut König
unterhalten, und sagte: „Ich muss mich korrigieren, das Lied ist doch
nicht so gut.“ - „Warum?“ – „Naja, das mit dem Schweigen, was meinste
denn damit?“ Ich sag: „Du hast das Lied wahrscheinlich nicht
verstanden. Lass dir das nicht von Hartmut mies machen, der hat schon
lange keine Lieder mehr gemacht ...“ (lacht) Das war ja auch der Trick
dabei, dass viele nicht so recht was anzufangen wussten mit dem Text.
Busch verstand schon, was ich meinte, kluge Menschen verstanden das.
(...) Für mich war das schon wichtig: Es gab so viele Künstler, die
sich aufzuwerten versuchten, indem sie ihr Süppchen auf diesem
Ost-West-Spannungsfeuer kochten. Der Kalte Krieg war diesen Leuten
nützlich. Und wer dann noch schnell die Fronten wechselte, wurde
besonders bekannt. Denn beide Seiten arbeiteten ja auch mit Künstlern,
die zum Teil dadurch erst namhaft wurden. Das beste Beispiel ist
natürlich diese Biermann-Geschichte und die sich hieraus ergebenden
Folgen. Das hatte eigentlich mit Liedern oder mit Kunst gar nichts zu
tun, sondern das war ein ganz anderes Schlachtfeld, wenn man so will.
Plötzlich wurden Leute berühmt, und zwar nicht durch ihre künstlerische
Arbeit, sondern indem sie sich irgendwie ge- oder missbrauchen ließen
für politische Dinge, die sie eigentlich gar nichts angingen. (...)
(Exkurs zu Anderts Position im Fall Biermann)
(Exkurs über die Weltfestspiele und die Frage, warum sowohl Busch als
auch Biermann nicht einbezogen wurden in die musikalische Vorbereitung)
Erinnern Sie sich noch an die Schlagzeile im ND nach Biermann
Ausbürgerung „Wir sind es gewohnt mitzudenken“ und die zustimmenden
Stellungnahmen von prominenten Künstlern, ganz oben Ernst Busch?
Ja, klar. Das kam aus der Abteilung Agitation und Propaganda vom ZK,
die war verantwortlich fürs ND. Und diese Sonderseite wurde direkt von
oben konzipiert. Da ist dann wahrscheinlich einer zu Busch gefahren,
hat mit ihm geredet, und dann haben die das auf die Schnelle gemeinsam
formuliert. Und am selben Abend wurde das gleich in die Druckerei
gegeben. Zu mir sind ja auch Leute gekommen und haben mir klar zu
machen versucht, dass es gut wäre, wenn ich da mit erscheinen würde.
Das dauerte ziemlich lange, die saßen zwei Stunden bei mir in der
Wohnung.
Was haben Sie denen gesagt?
Nichts. Ich erscheine da nicht. (...)
„Schweigen lernen“ – Künstler und Intellektuelle in der DDR
Nachdem Ernst Busch gestorben war – wie würden Sie seine Bedeutung beschreiben?
Ich kann ihn nicht objektiv beurteilen, weil ich im Grunde nur ein paar
Episoden mit ihm und von ihm kenne, und die meisten aus zweiter Hand.
Dann sagen Sie doch , was er für Sie bedeutet hat ...
Für mich war er ein unheimlich ehrlicher, aufrechter Typ, der aus
Überzeugung Kunst gemacht hat. Dass er Handwerkszeug hatte, dass er
musikalisch war und eine besondere Stimme hatte, dafür kann ein Mensch
ja nichts. Das kriegt er mit in die Wiege oder nicht. (Pause) Für mich
war er ein Ausnahmekünstler, der seiner Überzeugung von einer
sozialistischen Gesellschaft bis zur bittersten Konsequenz treu
geblieben ist und damit auch sich selbst. Das fand ich phänomenal. Und
deshalb hab ich in diesem Lied für ihn geschrieben, dass man von ihm
auch Schweigen lernen kann, sich selber zurückzunehmen für seine innere
Überzeugung, auch mal auf was zu verzichten ... (...)
Das heißt, Sie rechnen Busch hoch an, dass er solidarisch geblieben ist
und sich nie öffentlich negativ über die DDR geäußert hat.
Ungeheuer. Der hätte sonst was erzählen können über das Unrecht, das
ihm widerfahren ist in der DDR. Die West-Journaille wäre doch
unheimlich geil darauf gewesen, das aufzugreifen. Munition gegen den
Ulbricht war doch willkommen. Und dem Busch wäre ja auch nichts
passiert, der hätte nach Belieben Interviews geben und ein paar Dinge
erzählen können. Aber er wusste, das wäre überhaupt nicht produktiv
gewesen, ganz im Gegenteil. Das meine ich mit dem „Schweigen“. Und er
konnte sein Leben lang in den Spiegel gucken , ohne erblassen zu
müssen. (...)
Man kann es auch anders sehen und sagen: Er hätte seinen
Bekanntheitsgrad doch nutzen können, um was Produktives zu sagen, das
zur Veränderung beiträgt ...
Das ist der große Vorwurf generell an die Künstler und Intellektuellen
der DDR, dass sie ihren Einfluss nicht geltend machten für einen
anderen Weg oder eine andere Art der Verwaltung der Macht.
Den teilen Sie offenbar nicht, diesen Vorwurf ...
... den teile ich nicht, weil er die tatsächlichen Verhältnisse der DDR
nicht berücksichtigt, vor allem die Abhängigkeit der DDR-Politiker von
der Sowjetunion. Honecker hat mir viel erzählt über diese Abhängigkeit,
und es ist sicher richtig, dass diese Politiker selber nicht souverän
waren. Der Vorwurf ist auch relativ unhistorisch, weil man dann fragen
muss, wann der Einfluss der Künstler und Intellektuellen überhaupt so
groß gewesen wäre, dass man noch was hätte machen können. Sie waren
natürlich auch mit Illusionen behaftet, genau wie die Politiker auch.
Ich habe es ja auch im Rahmen meiner Möglichkeiten versucht ... Wer
weiß, was ich damit erreicht habe, wahrscheinlich auch viel zu wenig.
Ich hätte vielleicht mehr erreichen können, wenn ich in die Politik
gegangen wäre. Aber ich hab das nicht gemacht, weil ich gesehen hab:
Das funktioniert nicht so, wie ich mir das vorstelle. Außerdem ist es
immer problematisch, in der Geschichte zu fragen, was gewesen wäre,
wenn ... Jedenfalls wäre es ein relativ oberflächliches Urteil zu
sagen, Busch hätte mal den Mund aufmachen sollen.
Der Jauchefahrer von der LPG – „Spaniens Himmel“ bei der Armee
In dem Interview, das ich vorhin angesprochen habe, nennen Sie drei
Lieder von Busch, die sie besonders gern mögen: Solidaritätslied“,
„Einheitsfrontlied“ und „Seifenlied“. Sind das heute immer noch Ihre
Lieblingslieder von Busch?
Eigentlich gefallen mir diese Spanienlieder von der Stimmung her am
besten. Aber ob das meine Lieblingslieder sind ... Die „Jarama-Font“
ist mir natürlich sehr deutlich in Erinnerung, weil ich die damals
andauernd gehört habe. Klar, es ist auch wunderbar, wie Busch „Spaniens
Himmel“ singt. Obwohl ich dieses Lied zum Kotzen finde, weil wir das
immer bei der Armee singen mussten im Gleichschritt auf dem Weg zum
Frühstück. Und wenn das dem Feldwebel, das war so ein Jauchefahrer von
einer LPG, nicht gefiel, mussten wir wieder durch die ganze Kaserne
zurück und das noch mal singen. Damals, das war '76, hab ich Hass
entwickelt auf einiges, was wir da singen mussten. Die Armee hat
wirklich die DDR zu Grunde gerichtet. Und sie hat diese mir so heiligen
Lieder dermaßen kaputt gemacht, das tat mir in der Seele weh. (...)
Eine Überdosis „Spaniens Himmel“ haben ja einige abgekriegt. Wofür stand das Lied in der DDR?
Das stand in jedem Liederbuch. Klar, dieser ganze Spanienkampf wurde
bei uns etwas religiös zelebriert. Als ich dann nach der Wende das
erste Mal in Spanien war und dort auch mit Leuten redete, stellte sich
das ganz anders dar. Das war nicht so schwarz-weiß, wie uns das erzählt
worden war. Da gingen ja teilweise Risse durch die Familien, das war
alles nicht so politisch eindeutig ... Aber diese Lieder hatten
natürlich ihre religiöse Funktion in der DDR. Aber es sind ja auch
schöne Lieder, da kann man nicht meckern ... Der Dessau hat mir das mal
erklärt: „Junge, wenn du ein Marschlied oder ein Massenlied machen
willst, darfst du nicht mit komplizierten Melodien kommen. Es muss
bequem zu singen sein. Der erste Ton muss die Sprachtonhöhe übernehmen.
Dann kannst du anfangen, Melodien zu entwickeln. Es darf nicht sein,
dass erst gefragt wird, wer jetzt anstimmt, und das dann jemand eine
Stimmgabel nimmt und sucht (singt eine Tonfolge): Ba-ba-ba-baaa, das
müsste er sein, baaa ... – Das ist schon Mist! Das muss sofort
losgehen.“ (Lachen) Und dann hat er mir das gleich vorgemacht mit
„Spaniens Himmel“. (...)
(Exkurs zu Anderts schriftstellerischem und sängerischem Werk in der
DDR, u. a. „Lieder aus dem fahrenden Zug“ von 1978; Anekdote zur
Entstehung des „Pionierliedes“, das Andert auf Bestellung schrieb,
wobei er sich den Spaß machte, den Beschluss des Politbüros über die
Erziehung der Kinder und Jugendlichen zu sozialistischen
Persönlichkeiten quasi komplett im Text abzuarbeiten. Denn man hatte zu
ihm gesagt: „Es wär schön, wenn alles drinne wär.“)
Ihre eigenen Liedertexte waren zum Teil sehr ironisch, mitunter auch
kritisch. Ich frage mich, wieso diese Texte so problemlos
veröffentlicht wurden. War das repressive Toleranz, dass so was
durchging oder wie nennt man das? Oder war dieser Ton damals üblich?
(Pause) Wenn Sie solche Texte heute gedruckt lesen, ist das ja nur die
eine Seite. Wenn ich die Texte aber zum Beispiel in der Kongresshalle
am Alex vor, sagen wir mal: tausend Leuten gesungen habe, und die haben
sich gekrümmt vor Lachen, dann konnte man schlecht was dagegen machen.
Dieses Lachen war ja nicht gegen die DDR gerichtet. Sondern es war ein
Lustigmachen über sich selbst.
Das war aber nicht die große Stärke der SED, sich über sich selbst lustig zu machen.
Das ist wahr. Die Lieder waren aber auch nicht so böse vom Ton her. Die
Haltung war wirklich: Wir machen uns über uns selber lustig. Die SED an
sich hat sich natürlich nicht über sich selbst lustig gemacht – diese
Stärke hatte die Partei nicht ... (...)
(Exkurs über Anderts Rausschmiss aus der SED, der von Konrad Naumann,
Mitglied des Politbüros der SED und erster Sekretär der Berliner
SED-Bezirksleitung, und vor allem von dessen Ehefrau, der
Schauspielerin Vera Oelschlägel, aus persönlichen Motiven initiiert
wurde; Ende der ersten Seite der zweiten Kassette)
Hatten Sie dann in den 80er Jahren regelrecht Berufsverbot?
Das ist nicht offiziell ausgesprochen worden, ich habe nie, wie andere,
die Auftrittserlaubnis entzogen bekommen. Sondern das wurde auf kaltem
Weg gemacht. Ich war seit '79 oder '80 kein Parteimitglied mehr und
sollte darüber hinaus auch nicht mehr auftreten. Die ganze Sache wurde
dann allmählich vom ZK „durchgestellt“, wie das in der DDR hieß. Das
ging nicht von heute auf morgen. Ehe diese Botschaft „Den Andert lassen
wir nicht mehr auftreten“ die ganzen Ebenen durchlaufen hatte und in
den letzten Dörfern ankam, verging viel Zeit. Es gab keinen
schriftlichen Vermerk dazu; es gab lediglich Listen von Organisationen
wie dem Kulturbund, auf denen Leute standen, die zu Veranstaltungen
nicht eingeladen werden durften. Da war Wegner (die Liedermacherin
Bettina Wegner; JV) drauf, Schlesinger (der Schriftsteller Klaus
Schlesinger, zeitweise verheiratet mit Bettina Wegner; JV) war drauf,
ich war da drauf und verschiedene andere ... Diese Listen basierten auf
mündlichen Mitteilungen an die Kulturfunktionäre der Kreise, die sich
regelmäßig beim Bezirk trafen, wo sie angeleitet wurden und gesagt
kriegten, wer nicht einzuladen sei. Das haben sich aber nicht immer
alle notiert, manche haben das auch wieder vergessen, das versandete
also manchmal ... (...) Ich weiß, dass die Presse die Anweisung hatte: Der Name Andert darf
nicht mehr erscheinen. Und auch die Verlage hatten vom
Kulturministerium die Anweisung: Von dem wird nichts gedruckt. Als in
den 80er Jahren jemand so 'n biografisches Buch über mich machen
wollte, sagte Henschel (Henschelverlag Kunst und Gesellschaft in
Berlin; JV): „Den Namen Andert streichen Sie mal lieber.“ Ich bin in
dieser Zeit aber dennoch in kulturpolitisch verwahrlosten Gegenden
aufgetreten. Zum Beispiel erinnere ich mich an die Fachhochschule in
Mittweida oder an die Ingenieurhochschule in Glashütte. Bis dorthin
hatte sich das noch nicht rumgesprochen, weil diese Studenten 'ne
andere Informationsebene hatten. (lacht) Die luden mich ein und
kriegten dann erst hinterher von oben den Ärger ... Manche hatten sich
schon im Konzert gewundert, denn die Lieder wurden natürlich zum Teil
etwas bitterer und schärfer ...
Wie lange dauerte dieser Zustand?
Das ging so weiter bis 1989, da hat mich dann die PDS rehabilitiert.
Sind Sie wieder eingetreten?
Nein.
Warum nicht?
Ach, ich muss keiner Organisation mehr beitreten und auch noch Beitrag zahlen. Man kann die ja anderweitig unterstützen.
„Das Parteibuch zerruppt“ – Erich Honecker und Ernst Busch
Lassen Sie uns zum Schluss noch kurz über Ihre Gespräche mit Erich
Honecker reden, die Sie 1990 geführt und dann in dem Buch „Der Sturz“
veröffentlicht haben. Sie fragen Honecker sehr genau nach seiner
Jugendzeit, Sie fragen auch nach seinen Lieblingsliedern in der Jugend.
Warum?
Das gehört dazu, wenn man eine Persönlichkeit entblättern will:
Lieblingsspeisen, Lieblingsfächer in der Schule, Lieblingslieder und so
weiter. Das offenbart sehr viel über den kulturellen Stand und die
Gefühlswelt. Das gehört zu einem soziologisch-psychologischen
Fragespiegel, der einem hilft, eine Persönlichkeit aufzuknacken.
Sie reden mit ihm auch über die Schalmeienkapelle, in der er war. Auf
diese Mitgliedschaft spielen Sie auch schon früher in einem Ihrer
Gedichte an. Hatte das eine besondere Bedeutung, war das Allgemeingut
in der DDR?
Die Schalmei ist das Kampfblasinstrument der Arbeiterklasse. Die KPD
hat Schalmeienmusik gehabt, und bei der SPD wurde Mandoline gespielt.
Willy Brandt war auch auf einem Plakat mal mit Mandoline zu sehen,
obwohl er das Ding wahrscheinlich gar nicht spielen konnte. Aber das
ist die Kulturtradition, wo das herkommt. Schalmeien sind eigentlich
furchtbar, die haben ja keine halben Töne und klingen sehr schräg.
(lacht) Sind aber kinderleicht zu spielen. Und wenn der Honecker sagt:
„Schalmei zu lernen war mir zu kompliziert, sodass ich dann zur Trommel
kam“, offenbart das einiges ... (lacht)
Mochte der Honecker den Busch?
Ja. Der war ein absoluter Busch-Fan.
Hatte er auch Platten zu Hause?
Ja, natürlich, das sagt er ja in dem Buch. Sämtliche Platten von Busch
hat er gehabt und dann noch ein paar Tonbänder, die Busch ihm
persönlich geschenkt hatte.
(Exkurs zur Ohrfeigengeschichte Busch/Honecker)
In der Passage, in der Sie mit Honecker über Ernst Busch reden, stellen
Sie auch die Frage, warum Busch in den 50er Jahren aus der Partei
ausgeschlossen wurde. Ist er denn aus der Partei ausgeschlossen worden?
Naja, das ist eigentlich ein Zirkelschluss. Busch ist bei diesem
Dokumenten-Umtausch - das weiß ich aber nur von Erwin (Erwin Burkert;
JV), 'n andern Zeugen als ihn hab ich nicht - von so einem jungen Kerl
befragt worden, ob er schriftliche Beweise für seine biografischen
Äußerungen hätte. Denn das gab es ja massenhaft, dass Leute
behaupteten, im Widerstand gewesen zu sein, obwohl sie bei den Nazis
waren. Die haben diesen Prüfern teilweise die Tasche voll gelogen,
deshalb war das schon in Ordnung, dass der so was fragte. Nur den Busch
darf man halt nicht fragen, wo das doch so bekannt ist. Da wurde eben
formal dieser Fragebogen abgearbeitet, und Busch war natürlich sauer
und hat wohl sein Ding (sein Parteibuch; JV) hingeknallt oder
zerrissen. Und das gab es in der Partei nicht: dass man selber
austritt. Sondern die Partei schließt dich aus. Du darfst nicht
austreten, (lacht) sondern du wirst ausgeschlossen. Eigentlich ist das
ja egal, aber formal ist es natürlich so, dass er ausgeschlossen wurde.
Diesen Schritt haben Sie offenbar mitgedacht, als Sie Honecker gefragt
haben: „Warum ist Busch damals ausgeschlossen worden?“ Ich bin gar
nicht sicher, dass dieser Schritt tatsächlich stattgefunden hat ...
Doch, doch, der hat mit Sicherheit stattgefunden.
Gehen Sie davon aus, weil Erwin Burkert das gesagt hat?
Nee. Wenn der Busch sagt „Leckt mich am Arsch, hier habt ihr die
Pappe! Ich trete aus eurem Verein aus!“, dann ist die notwendige Folge
laut Parteigesetz, dass er ausgeschlossen wird. Das kommt wie das Amen
in der Kirche. Das war so. Denn man durfte ja nicht selber austreten.
Wenn man den Wunsch geäußert hat, da auszutreten, hatte das automatisch
zur Folge, dass man ausgeschlossen wurde.
Das heißt, Sie glauben auch Honecker die Antwort, dass er Busch eines
Tages ein neues Partei-Dokument gegeben hat und ihn damit wieder
aufgenommen hat?
Ja, freilich. Das war ja auch so. Der Busch hat in den 70ern einen
Termin bei dem gehabt. Ich kann das ja noch mal nachlesen im wörtlichen
Interview-Protokoll.
(Exkurs über den 70. Geburtstag Buschs, bei dem auch Andert war und mit
dem Oktoberklub ein Ständchen darbot; Anmerkungen zu Biermann, der
ebenfalls anwesend war)
Im Vorwort Ihres Buchs „Der Sturz“ heißt es: „Wir fragten (...) aus der
tiefen Betroffenheit einer Generation heraus, die vor den Trümmern
ihrer Ideale steht und nach der Verantwortung dafür nicht nur bei den
Interviewten (den Honeckers; JV), sondern auch bei sich selbst sucht.“
Und an anderer Stelle schreiben Sie, die Fragen an Honecker seien „die
eindringlichen Vorhaltungen einer Generation, die unter sozialistischen
Bedingungen aufwuchs, anfangs so große Hoffnungen hegte, mit der Zeit
aber bitter enttäuscht wurde und sich schließlich so vehement
auflehnte.“ Waren es bei Ihnen die 80er Jahre, in denen Sie Ihren Beruf
nur unter erschwerten Bedingungen ausüben konnten, die diese großen
Hoffnungen zerstörten?
Naja, das ist alles etwas dramatisch formuliert, da hat sich der
Herzberg durchgesetzt ... (Koautor Wolfgang Herzberg; JV) Aber im
Wesentlichen stimmt es schon. Meine persönliche Erfahrung ist: Da
wollte man eine menschenwürdige Gesellschaft aufbauen, zumindest wurde
das verbal verkündet, und setzte dabei Mittel ein, die so
menschenverachtend waren. Das beziehe ich jetzt nicht nur auf dieses
Berufsverbot, sondern auch auf meine Erfahrungen bei der Armee. Das war
ja keine sozialistische Armee, das waren Nazis hoch vier. Was mir mein
Vater vom Barras, also von der Wehrmacht, erzählt hat, das fand ich
dort in verschärfter Form wieder. Also, es hatte mit Sozialismus nichts
zu tun. Und wie man mit mir in diesen zehn Jahren umgesprungen ist, war
natürlich nicht in Ordnung. Andrerseits muss ich sagen, dass ich in
dieser Zeit – ich hab das neulich festgestellt, als ich meine
Rentenunterlagen zusammenkratzen musste – pro Jahr mehr verdient habe,
als in den sieben Jahren von 73 bis 80, wo ich ja auch frei schaffend
aber nicht verboten war. Das lag an der Solidarität der Leute, die dann
einsetzte. Ich hatte zwar dann keine großen Solokonzerte mehr, aber ich
war eingebunden in die Volksbühne, mit der ich dann übers Land
tingelte. Wenn ich da zwischen all den Schauspielern auftrat, konnte
mich keiner rausholen – das war ja vorher nicht bekannt, wer dabei war.
Das hieß dann „Ein Künstlerensemble der Volksbühne kommt und macht
einen literarisch-musikalischen Abend“. Und ich konnte immer mitmachen.
Herrlich! Außerdem bekam ich durch die AWA, das war die GEMA im Osten,
jährlich 10.000 Mark Ausgleichszahlung, weil meine Lieder nicht
gespielt wurden im Funk. Das war keine politische Kategorie, sondern
eine künstlerische: Die Zahlung kriegten zum Beispiel solche Künstler,
die ein Jahr lang ein Streichquartett oder eine Symphonie
zusammenbastelten. Das betraf vor allem Moderne Musik, die relativ
selten aufgeführt wurde. Für so eine Aufführung im Funk gab es
meinetwegen vier Punkte, was ja nicht besonders fair war, wenn man sich
überlegt, dass so ein Werk nur zweimal im Jahr läuft, ein Schlager aber
fünftausendmal und deswegen auch viel mehr Punkte bekommt. Also gab es
so eine Art Ausgleichszahlung. Den Schlagerleuten wurden von ihren
40.000 Mark dann 30.000 weggenommen, und die wurden umverteilt auf
diejenigen, die große Kunst machten, aber davon nicht leben konnten.
Und ich fiel nun auf einmal unter die klassischen Musiker ...
Wurden Ihre Lieder vor 1980 viel im Radio gespielt?
Ja. Kann man schon sagen. Und nach '80 wurden sie eben gar nicht mehr gespielt.
Was waren die meistgesendeten Lieder, Ihre Hits sozusagen?
„Vaterland“, „Hausgemeinschaft“, „Treptower Park“ – die liefen schon
öfter. Also jetzt nicht ständig, aber auf dem Jugendsender DT 64
spielten sie schon auch Sachen von meinen beiden Soloplatten. Die erste
Platte wurde sogar übers Ministerium für Volksbildung allen Schulen
zugeleitet, und die setzten das dann im Musikunterricht ein und in
Staatsbürgerkunde.
Das heißt, Sie sind sogar im Lehrplan gelandet?
Genau. Und in Schulbüchern auch. Einige Texte kamen sogar ins Schulbuch für den Deutschunterricht in der 6. Klasse.
Hat Sie das gefreut?
Natürlich. Mehr kann man doch nicht erreichen im Leben, als dass man in einem Schulbuch auftaucht. (lacht) (...)
Interview: Jochen Voit
Foto: Pressefoto Reinhold Andert
(Textfassung autorisiert von Reinhold Andert am 30. 3. 2006)
Letztes Update 27.01.2008 | Copyright© Jochen Voit 2005 |

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