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Eberhard Rebling

über sein Leben und über seine Frau Lin Jaldati und seine Begegnungen mit Ernst Busch




„Er hat ein neues Genre der Gesangsmusik geschaffen: den deutschen politischen Song“
(Gespräch am 23. Februar 2006 in Ziegenhals bei Berlin)

Prof. Dr. Eberhard Rebling (Foto: Jochen Voit)
Eberhard Rebling ist Jahrgang 1911. Geboren ist er in Berlin, wo er gemeinsam mit seinen zwei älteren Brüdern aufwächst. Der Vater ist preußischer Offizier, die Mutter Hausfrau. Die Erziehung wird bestimmt durch die Frömmigkeit der evangelischen Mutter und die nationale Gesinnung des Vaters („Er war kaisertreu bis ins Mark“). Eberhard Rebling besucht die Goethe-Schule, ein Realgymnasium in Wilmersdorf (heute: Michael-Grzimek-Schule). Frühzeitig erhält er Klavierunterricht und beschließt, Musiker zu werden. Nach dem Abitur studiert er Klavier und Musikwissenschaft und im Nebenfach Philosophie, in seiner Freizeit geht er in klassische Konzerte und ist regelmäßiger Besucher der Berliner Opernhäuser. Zwei Erlebnisse im Jahr 1932 sorgen dafür, dass sich Reblings bislang eher diffuse politische Anschauungen konkretisieren: Nachdem er Ernst Busch und Hanns Eisler live auf der Bühne erlebt hat und kurz darauf während einer Zugfahrt von Leo Balet über Karl Marx aufgeklärt worden ist, beginnt er, sich mit dem Marxismus zu beschäftigen, allerdings ohne der KPD beizutreten. Am 27. Februar 1933 sieht er den Reichstag brennen, bei den letzten freien Wahlen im März 1933 wählt er KPD. Sein Entschluss, Deutschland möglichst bald zu verlassen, steht fest. Zunächst promoviert er jedoch bei Arnold Schering über „Die soziologischen Grundlagen der Stilwandlung der Musik in Deutschland um die Mitte des 18. Jahrhunderts“. Kurz vor seinem 23. Geburtstag besteht er sein Examen, und im April 1935 lässt er die erforderlichen 300 Exemplare seiner Dissertation drucken. Im selben Jahr erscheint seine gemeinsam mit Leo Balet verfasste Untersuchung: „Die Verbürgerlichung der deutschen Kunst, Literatur und Musik im 18. Jahrhundert“. Im Oktober 1936 emigriert er in die Niederlande, wo er sich als Pianist, Kritiker und Musikwissenschaftler einen Namen macht. Hier lernt er die Tänzerin und Sängerin Lin Jaldati kennen und lieben – eine Heirat ist jedoch wegen der Nürnberger Rassegesetze, die für Deutsche auch in Holland gelten, nicht möglich. Nach dem Einmarsch der Deutschen beginnt für Eberhard Rebling und seine Frau ein Leben im Widerstand in verschiedenen Verstecken. Im Juli 1944 werden sie verhaftet und eingesperrt, Eberhard Rebling gelingt die Flucht, Lin Jaldati überlebt wie durch ein Wunder die Konzentrationslager Westerbork, Auschwitz und Bergen-Belsen. Am 27. Mai 1945 sehen sich die beiden wieder.
Der berufliche Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltet sich, nachdem das Paar zunächst erfolgreiche Konzerttourneen in Europa absolviert, zunehmend schwierig. Lin Jaldati, die bereits 1936 in die Kommunistische Partei der Niederlande (CPN) eingetreten ist, und Eberhard Rebling, seit 1946 Mitglied, bekommen den wachsenden Antikommunismus in den Niederlanden zu spüren. Zusammen mit ihren beiden Töchtern Kathinka (*1941) und Jalda (*1951) siedeln sie 1952 über in die DDR, wo Rebling Chefredakteur der Zeitschrift Musik und Gesellschaft wird. 1959 werden die holländischen Pässe der Familie nicht mehr verlängert, was vor allem für Lin Jaldati ein Schock ist. Rebling und seine Frau werden DDR-Bürger, beide treten der SED bei. Von 1959 bis 1972 ist Rebling Rektor der Ost-Berliner Musikhochschule, die 1964 auf seine Initiative hin den Namen „Hanns Eisler“ erhält. Nebenbei konzertiert er als Solopianist bis zu seinem 63. Lebensjahr, zu seinen Favoriten gehören neben neueren Werken Mozarts Krönungskonzert, Beethovens Es-Dur-Konzert und das D-Moll-Konzert von Brahms. Ein Schwächeanfall während eines Klavierabends in Schwerin und die darauf folgende Warnung seines Arztes beenden seine Pianisten-Karriere. Darüber hinaus begleitet er Jahre lang seine Frau auf dem Klavier, die mit ihren jiddischen Liedern Pionierarbeit in Deutschland und im Ausland leistet. „Ich hing immer an ihrem Munde,“ sagt Rebling. „Sie hätte gar keinen anderen Begleiter haben können, sie sang nie dasselbe, sie sang es immer ein bisschen anders.“ Bei einem Konzert im Jahr 1959 begleitet Rebling auch den amerikanischen Sänger Paul Robeson am Klavier, mit dem er und seine Frau bereits seit den 40er Jahren bekannt sind. Ein Jahr später gehören Rebling und Jaldati zusammen mit Perry Friedman zu den Mitbegründern der DDR-Singebewegung (zunächst „Hootenanny“ genannt). Beide treten auch in West-Deutschland mit Agitprop-Gruppen auf in „bunt gemischten Konzerten von Bremerhaven bis Lörrach - das waren Soljanka-Programme, wie man in der Sowjetunion zu sagen pflegte.“ In den 50er Jahren gastieren sie bei den bundesrepublikanischen Falken, in den 60er Jahren geben sie „Konzerte für die Frauen- und Friedensbewegung“.
Seit dem Tod seiner Frau 1988 lebt Eberhard Rebling zurückgezogen; die gemeinsam in der DDR geschriebenen Memoiren hat er „im selben Sinne weiter geschrieben“ und 1995 neu veröffentlicht. Das Buch hat über 750 Seiten. Im Oktober 2007 wird Eberhard Rebling von der israelischen Shoa-Gedenkstätte Yad va Shem als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Am 2. August 2008 stirbt Eberhard Rebling.
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Bücher meines Gesprächspartners (Auswahl), die alle in mehreren Auflagen erschienen sind:
- Eberhard Rebling: Ballett gestern und heute. (Ost-) Berlin 1957.
- Eberhard Rebling: Die Tanzkunst Indiens. (Ost-) Berlin 1981.
- Eberhard Rebling: Die Tanzkunst Indonesiens. (Ost-) Berlin 1989.
- Lin Jaladati / Eberhard Rebling (Hrsg.): Es brennt, Brüder, es brennt. ('s brent, briderlech, 's brent) Jiddische Lieder. Deutsche Nachdichtungen von Heinz Kahlau. (Ost-) Berlin 1966.
- Lin Jaladati / Eberhard Rebling: Sag nie, du gehst den letzten Weg. Lebenserinnerungen 1911 bis 1988. Marburg 1995 (erste Fassung der gemeinsamen Erinnerungen unter demselben Titel 1986 in der DDR erschienen).
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JV: Können Sie bitte zunächst von Ihrer Kindheit erzählen?
Prof. Dr. Eberhard Rebling: Meine ersten Erinnerungen hängen mit dem Kriegsausbruch im August 1914 zusammen.

Da waren Sie gerade mal drei Jahre alt ...
Noch nicht ganz. Aber das ist eine solche Aufregung gewesen! Meine Brüder waren 1905 und 1908 geboren worden, und die sind bei Kriegsausbruch - wie die ganze Bevölkerung - in Jubel ausgebrochen. Sie haben den ganzen Krieg als Spiel mitgemacht und jeden Tag die Kriegsberichte studiert. Dann haben sie das im Sommer in einem Wäldchen nachgespielt und im Winter mit Zinnsoldaten in der Stube. (...) Wir wohnten damals für einige Jahre in Oppeln, in Opole, im jetzigen Polen, zwischen Breslau und Kattowitz. Mein Vater war Hauptmann im Infanterieregiment Nummer 63, das in Oppeln stationiert war. Als der Krieg anfing, wurde er gleich einberufen und kam nach Belgien. Und weil bei uns anscheinend ein Angriff der Russen erwartet wurde, ist meine Mutter mit uns drei Kindern nach Breslau zu ihrem Vater gezogen. Aber der Angriff gegen Oberschlesien kam nicht, er richtete sich stattdessen gegen Tannenberg, wo der berühmte Hindenburg seine große Schlacht geschlagen hat ... Na ja, mein Vater war ja bis zu seinem Tode ein Hindenburg-Fan durch und durch. Wir kehrten bald wieder nach Oppeln zurück, wo meine Brüder in die Schule gingen und ihre Kriegsspiele machten. Und ich habe nur die Ängste meiner Mutter miterlebt, sie weinte immerzu. So hab ich den Krieg von Anfang an als einen Schrecken erlebt. Sie weinte immer, weil sie fürchtete, dass mein Vater fallen könnte. Es kamen Nachrichten von allen möglichen anderen Offiziersfrauen, deren Männer gestorben waren. Da musste sie sich schwarz anziehen und Trauerbesuche machen, ich seh' das alles noch vor mir. Und dann ist mein Vater in ein Granatloch gestürzt und hat sich den linken Fuß verstaucht. Darüber hat sich meine Mutter gefreut, weil er dadurch nicht mehr an die Front kam, sondern jetzt im Generalgouvernement Belgien in Brüssel stationiert war. Und dann kam ein Kindheitserlebnis von mir, was ich nie vergessen werde: Mein Vater kam einmal, das muss ungefähr 1915 gewesen sein, für ein paar Tage auf Urlaub. Er brauchte zwei Tage mit dem Zug über Berlin und Breslau nach Oppeln und hatte nur wenig Zeit zur Verfügung. Und ich hatte irgendwas ausgefressen und eine flapsige Bemerkung gemacht. Er war furchtbar jähzornig, hat mir die Hosen runtergezogen und mir mit diesem Stock, der da in der Ecke steht, den ich immer noch benutze, den Hintern versohlt. Aber wie!

Mit dem Spazierstock?
Mit dem Spazierstock. Aber wie! Ich hab rote Striemen gekriegt, und meine Mutter hat geschrien: „Hör auf! Hör auf! Hör auf!“ Das hab ich nie vergessen, und so wurde ich Antimilitarist, schon als kleines Kind. Dann kam 1918 der Hungerwinter und dazu die Grippewelle, die Influenza, und da hab ich Mittelohrentzündung bekommen. (...) Es gab wenig zu essen, wir haben immer nur Kohlrüben gegessen, Kartoffeln gab 's nicht mehr. Wenn ich nur an Kohlrüben denke, an diesen süßlich-weichlichen Geruch, dann wird mir jetzt noch übel. Nun hatte ich die Mittelohrentzündung, und es gab damals noch kein Penicillin. Und der Ohrenarzt in Oppeln war irgendwo im Felde. Also ist meine Mutter mit mir zu meinem Großvater nach Breslau gegangen, wo mich Dr. Hinze, der am selben Tag Geburtstag hatte wie ich, wir haben zusammen am 4. Dezember 1918 gefeiert, operiert hat. Der hat das anscheinend gut gemacht. Und dann, im Jahr 1919, nachdem mein Vater abdanken musste ...


„Mein Vater hat immer gesagt: ‚Wir waren im Felde ungeschlagen!’“


Abdanken?
Na ja, auf einmal war Friede! Und für meinen Vater war eine Welt zusammengebrochen. Der Kaiser war nach Holland geflüchtet, und die Sozialdemokraten hatte man als Schuldige ausgemacht, es gab ja damals die Dolchstoßlegende. Mein Vater hat immer gesagt: „Wir waren im Felde ungeschlagen!“ Für ihn waren es sozusagen die bösen Hintermänner, die den Krieg beendet hatten. Aber mein Vater hat eine recht gute Abfindung bekommen und wollte nun, dass seine drei Söhne gute Akademiker werden. Er hat eine Wohnung in Berlin-Wilmersdorf in der Brandenburgischen Straße 19 gemietet, acht Zimmer. Für 320 Mark Miete. Da bin ich groß geworden. Ich bekam sofort Klavierunterricht, wie das so üblich war. Ich liebte die Musik und ging mit meiner Mutter gerne in die Kirche – nicht um der Predigten willen, die waren mir viel zu langweilig, aber wegen des Orgelspiels. Ich machte schnell Fortschritte auf dem Klavier, obwohl ich eine schreckliche Lehrerin hatte: Fräulein Elisabeth von Lengyel, sie war ungarischer Abkunft. Und sie wollte aus mir ein Wunderkind machen. Ich habe noch Walzer und Mazurkas von ihr mit Widmung: „Meinem lieben Schüler Eberhard zum achten Geburtstag 1919“. Sie hat mich viel zu schwere Stücke spielen lassen, und ich musste auf die ganz altmodische Weise mit einem Groschen auf dem Handrücken die Tonleitern rauf- und runterrasseln. Schrecklich! Ich wurde ganz steif in den Armen.

Hat Ihnen das die Musik nicht verleidet?
Nee, es hat mir die Lehrerin verleidet. Als ich elf Jahre alt war, bin ich endlich zu einer anderen gekommen, zu Frau Professor Lydia Lenz. Die wohnte in Berlin-Friedenau, und da bin ich dann zweimal in der Woche hingefahren.

Woher kommt Ihre Liebe zur Musik? Waren Ihre Eltern musikalisch?
Meine Mutter ja, mein Vater überhaupt nicht. Als ich in den ersten Jahren noch Unterricht bei diesem ewig trauernden Fräulein hatte, sie trug ständig einen Trauerschleier, warum weiß ich nicht, da ging meine Mutter am Sonntagvormittag immer in die Kirche. Und mein Vater hatte ein Heft besorgt mit dem Titel „Alte Kameraden – Preußische Militärmärsche“ und sagte dann: „Eberhard, spiel mir die Märsche!“ Na ja, die musste ich dann spielen. (...)


Erster Preis beim Musikwettbewerb 1929 in kurzen Hosen


Haben Sie Sich später als Jugendlicher auch für leichtere, populäre Musik interessiert?
Nein, es ging mir um klassische Musik. Ich habe alles von Bach bis Reger, der noch als modern galt, gespielt. Vor allem habe ich mich für Neue Musik interessiert. Meine Lehrerin war Mitglied des Tonkünstlerverbandes, und als dort 1929 ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, hat man mich als Pianisten zugelassen. Ich habe mir dann, weil die Bedingung war, dass man Neue Musik spielte, Stücke von Sergej Prokofjew und Ernst Toch ausgesucht, also Musik von damals noch lebenden Persönlichkeiten. Ich habe also gespielt, und dann hieß es beim Schlussentscheid: „Der erste Preis für Klavier geht an Eberhard Rebling!“ Oh, war ich stolz! Das war 1929, da bin ich noch in kurzen Hosen erschienen. Ich war der einzige, der noch Schüler war, die anderen waren alle schon älter.

Waren Sie auf einem musischen Gymnasium?
Nein, überhaupt nicht. Ich war in der Goethe-Schule, einem Realgymnasium, das war auch wieder so eine Fehlentscheidung meines Vaters.

Inwiefern?
Meine beiden älteren Brüder sind ins humanistische Gymnasium gegangen. Und mein ältester Bruder ist dann Ingenieur geworden, konnte also Latein und Griechisch überhaupt nicht gebrauchen. Aber er hat dadurch natürlich sein Denken gefördert. Und mein zweiter Bruder war ein Versager, er ist einmal sitzen geblieben und hat mit Mühe das Einjährige geschafft, das war der Abschluss der Untersekunda, der zehnten Klasse.

Was ist aus ihm geworden?
Weil er ein Versager war, ist er SA-Mann geworden. (...)

Stand für Sie schon in der Schulzeit fest, dass Sie die Musik zum Beruf machen würden?
Ja, und ich habe meinen Willen durchgesetzt. Mein Vater und alle meine Tanten haben gesagt: „Musik ist eine brotlose Kunst, das lass mal sein!“ Ich hatte mich aber schon bei Arnold Schering im Musikhistorischen Seminar an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Universität, angemeldet. Und da kam mein Vater immer noch an und wollte, dass ich Wirtschaftswissenschaft studiere. Es war ja die Zeit der großen Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise. Mein Vater war mittlerweile Geschäftsmann geworden, zeitweise arbeitete er als Vertreter für die Firma Katzenstein in Hamburg, die Import und Export machte. Und der Herr Katzenstein kam auch mal an und stellte sich uns vor: „Katzenstein, kein Jude!“ Mein Vater war natürlich, um Gottes willen, kein Antisemit – nein, nein, nein, wir haben ja immerhin einen jüdischen Hausarzt gehabt, den Dr. Schlesinger, der musste als Alibi genügen ... Nun hatte es nach dem Ersten Weltkrieg einen großen Sog von Juden aus Russland und Polen gegeben, und die Juden ließen sich in Berlin nieder: die Reichen am Kurfürstendamm und in Dahlem und Zehlendorf, die Mittelklasse in Wilmersdorf und Charlottenburg, und die Armen im Scheunenviertel. In meiner Klasse waren die Hälfte der Jungs Juden. Mit einem, Gerhard Fuchs, habe ich mich schon in der Quarta angefreundet, und wir haben den Rest der Schulzeit immer auf einer Schulbank gesessen. Er ist jetzt erst vor drei Jahren gestorben, es ist eine lebenslange Freundschaft gewesen. Damals hat er mich etwas in das Judentum eingeführt, was eine völlig neue Welt für mich war. Ich bin ja ganz christlich erzogen worden. Meine Mutter hat noch bis zu ihrem Tod die Bibel gelesen, sie war sehr bibelfest - mein Vater gar nicht.

Ist Ihr Vater eigentlich, nachdem er nun Geschäftsmann war, in irgendeine Partei eingetreten?
Nein, aber er hat immer Deutschnationale Volkspartei (DNVP) gewählt, also Hindenburg. Hindenburg und Stresemann, das waren seine Leute. Und er war eigentlich gegen Hitler, aber nicht aus politischen Gründen, sondern weil der es im Ersten Weltkrieg nur bis zum Feldwebel gebracht hatte.


Ernst Busch-Konzert: „Ich war neugierig, was das für Musik sein mochte.“


Sie haben vorhin gesagt, dass Sie schon als Kind während des Krieges antimilitaristisch geprägt worden sind ...
Ja, und mein politisches Bewusstsein begann im Winter 1931/32, das war die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Damals habe ich zum ersten Mal Ernst Busch gehört.

Wie kam das?
Ich bin sehr viel in Konzerte gegangen. Was das Musikleben Ende der 20er Jahre bis '33 betraf, war Berlin der Mittelpunkt der Welt! Ich habe alle großen Dirigenten erlebt: Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter, Erich Kleiber, Leo Blech, Otto Klemperer; 1929 kam Arturo Toscanini mit der ganzen Mailänder Scala nach Berlin. Ich habe mir ständig Opern angesehen, es gab ja damals drei Opernhäuser, und bin bestimmt dreimal in der Woche ins Konzert gerannt. Mein ganzes Taschengeld habe ich dafür ausgegeben!

Wie kamen Sie dann zu Ernst Busch? Das ist ja nicht gerade ein Sänger im klassischen Sinne ...
Ich war gegen meinen Vater eingestellt. Und diese Veranstaltung versprach, in eine ganz andere Richtung zu gehen. Es wurde damals viel über Ernst Busch gesprochen, und ich dachte: Ach, ich geh auch mal in sein Konzert. Ich war einfach neugierig, was das für eine Musik sein mochte. Und ich muss sagen: Mich interessierte eigentlich Hanns Eisler mehr als Busch. Hanns Eisler wohnte ganz in der Nähe, am Olivaer Platz, das wusste ich damals aber noch nicht. Es gab auch eine marxistische Musikschule oder so etwas, wo er Vorlesungen gehalten hat, auch davon habe ich leider erst später gehört. Jedenfalls bin ich im Frühjahr 1932, als ich gerade anfing, politisch bewusster zu werden, ins Theater am Nollendorfplatz gegangen und hab mir eine Matinee von Ernst Busch angehört.

Wissen Sie noch, was er da gesungen hat?
So genau weiß ich das nicht mehr, aber ich hab darüber geschrieben in unserer Autobiografie, die meine Frau und ich zusammen verfasst haben. Wir haben sie „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ genannt nach dem jiddischen Partisanenlied. Ich hab das Buch hier, warten Sie, ich suche die Stelle ... (Rebling blättert im Buch)


„Ich war berauscht von der metallisch glänzenden Stimme Buschs.“


Sie können mir von dem Konzert, wenn Sie mögen, auch einfach so erzählen. Was war denn der Unterschied zu Ihren bisherigen Musikerfahrungen?
Na ja, das kann man nicht vergleichen. Das Konzert mit Busch und Eisler war einfach etwas völlig anderes, das war eine Sensation! Schon das Publikum ist für mich eine enorme Überraschung gewesen. Sie müssen sich vorstellen: Sonntagvormittag, ausverkaufter Saal, hauptsächlich Arbeiter, die den Sänger auf der Bühne gut kennen und ihn anfeuern mit Zurufen und spontanem Zwischenapplaus. So etwas ist mir bis dahin völlig unbekannt gewesen! Es war eine aufregende, aufwühlende Stimmung, die mich elektrisierte. Das war ein Gemeinschaftserlebnis, das durch die vorwärts treibende Musik Hanns Eislers und den kraftvollen Vortrag Ernst Buschs unvergesslich für mich wurde. Und die Leute sind fast durchgedreht! Damals dachte ich mir: Vor solch einem begeisterten Publikum würde ich auch gerne einmal spielen! Aber ich spürte auch, dass diese Begeisterung etwas kaum Wiederholbares hatte, die ließ sich nicht einfach so erzeugen. Die Popularität, die Busch bei seinem Publikum genoss, die war einzigartig. Man kann das heute nicht mehr erklären, ein Auftritt wie dieser hatte mit klassischen Konzerten rein gar nichts zu tun, es war aber auch keine politische Kundgebung, es war etwas Eigenes. Ich denke, es trug Züge dessen, was später Popmusik genannt wurde, denn die Leute gingen dermaßen mit, sangen die Lieder mit und johlten wie im Fußballstadion. Für mich war es jedenfalls ein Erlebnis, das meinen weiteren Lebensweg entscheidend beeinflusst hat. Ich war berauscht von der metallisch glänzenden Stimme Buschs und den rhythmisch stampfenden Kompositionen Eislers – von da an wollte ich selbst auch Musik machen, mit der sich nicht nur ein bürgerliches Konzertpublikum, sondern auch ein Proletarierpublikum erreichen ließ. (...)


Zugfahrt mit Leo Balet: „Haben Sie mal etwas von Karl Marx gehört?“


Sie haben gesagt, dass Sie damals gerade anfingen, „politisch bewusster zu werden“. Hat dieses Konzert ...
Dieses Konzert hat dazu beigetragen, dass ich Marxist geworden bin, ja. Wohlgemerkt: ohne dass ich damals schon etwas von Karl Marx gehört hatte ... Hinzu kam kurz darauf ein zweites Erlebnis, das mich stark beeinflusst hat, das war eine Zugfahrt mit Leo Balet. Wir gastierten gemeinsam in einigen oberschlesischen Städten mit einem Programm zum 200. Geburtstag von Joseph Haydn. Für mich war es eine schöne Gelegenheit, mich als Pianist vor Publikum auszuprobieren. Es waren noch eine Sängerin und ein Geiger dabei und eben Dr. Balet, der zwischen den Musikstücken kurze Vorträge über Haydn hielt. Wir trafen uns am Bahnhof Charlottenburg und fuhren dann gemeinsam mit dem Schnellzug nach Breslau. Unterwegs erzählte ich ihm von meinen ersten pianistischen Erfolgen und meinem Universitätsstudium. Ich sagte: „Ich finde das Studium eigentlich unsinnig, wir lernen nur Fakten und Fakten und Fakten, die man sich auch aus Büchern beschaffen kann – was mir fehlt, sind die Zusammenhänge!“ Er hat sehr gelacht und ist dann ernst geworden und hat gesagt: „Haben Sie mal etwas von Karl Marx gehört?“ Ich sage: „Nee, wer ist denn das?“ Darauf er: „So sind unsere Universitäten! Da studiert einer Philosophie im Nebenfach im vierten Semester und hat noch nicht mal den Namen Karl Marx gehört!“ Er hat mir dann von Berlin bis nach Breslau einen Vortrag gehalten über historischen dialektischen Materialismus, über Sozialismus und Kommunismus, und mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Leo Balet hat tatsächlich bei mir, wie er später gesagt hat, eine kopernikanische Wende erreicht. Das war im Mai 1932 – in dem Jahr, als ich zum ersten Mal wählen und zum ersten mal Ernst Busch im Konzert erleben durfte. Es kam also einiges zusammen ... (lacht)

(Exkurs über Eberhard Reblings erste Flugerfahrungen im Anschluss an die Tournee durch Oberschlesien und die Faszination des Fliegens)

Haben Sie Ernst Busch und Hanns Eisler in dieser Zeit noch ein weiteres Mal live erlebt?
Ja, und zwar bei einer großen Veranstaltung der Kommunistischen Partei in der Hasenheide. Da waren wieder fast nur Arbeiter in einem großen Saal, und die Stimmung war noch aufgeheizter als beim ersten Mal. Man merkte deutlich, wie beliebt Busch bei seinem Publikum war. Und Eisler saß am Klavier und begleitet ihn und schlug hin und wieder mit der Faust auf die Tasten - ich fand die Art, wie er spielte, fantastisch!


„Ernst Busch war ein Star! Er galt ja als ‚Barrikaden-Tauber’, das war sein Beiname.“


Wie konnte sich Busch in so einem großen Saal eigentlich Gehör verschaffen? Hat er mit Mikrofon gesungen?
Nee, er sang ohne Mikrofon, er hat immer „gebrüllt“! Er hat damals ein neues Genre der Gesangsmusik geschaffen: den politischen Song in deutscher Sprache. Man kannte ja vorher vorwiegend Chorlieder. Er war ja Solist. Und was er bot, war kein Belcanto, kein Operngesang, wo es auf die Worte überhaupt nicht ankam. Es war auch kein Konzertgesang, wo man auch immer den Text mitlesen musste. Das hier war Agitprop-Gesang, das heißt: Man musste jedes Wort verstehen. Und bei ihm verstand man alles, jedes Wort. Und dann diese metallene Stimme! Bei Busch sprang unmittelbar der Funke über auf das Publikum. Es ging sehr spontan zu bei diesen Veranstaltungen, in den bürgerlichen Konzerten dagegen wurde immer sehr gesittet geklatscht und gehüstelt, das war kein Vergleich!

Hatte Busch das Zeug, ein Star zu werden?
Er war ein Star! Er galt ja als „Barrikaden-Tauber, das war sein Beiname. Denn Tauber war damals der große Tenor, der von der Oper zur Operette rüber wechselte. (singt) „Dein ist mein ganzes Herz...“ Ich habe Tauber noch als Tamino gehört.

Hatte denn Ernst Busch wirklich was von Richard Tauber?
Ach wo, das war etwas ganz anderes. Man hat ihn eben nur verglichen, aber das betraf die Popularität, weil die bei beiden enorm war.


Der 27. Februar 1933: „Ich habe den Reichstag brennen sehen!“


Haben Sie Sich damals 'ne Schallplatte von Busch gekauft?
Nein, ich hatte kein Geld und hatte auch kein Grammophon. Aber ich habe mich dann sehr beeilt, es Busch gleichzutun und nach Holland zu emigrieren, als Hitler 1933 an die Macht geschoben wurde - er hat sie nicht ergriffen, er wurde an die Macht geschoben, das Wort von der „Machtergreifung“ stammt von Goebbels ... Leo Balet hatte beim Abschied nach unserer Tournee zu mir gesagt: „Kommen Sie mich mal besuchen, ich wohne in der Künstlerkolonie am Breitenbachplatz!“ Dort wohnte er auf einem Flur mit Hermann Budzislawski, dem späteren Chef der „Weltbühne“, in der Künstlerkolonie wohnten auch Ernst Busch, Erich Weinert und viele andere berühmte Leute. Ich bin also dorthin gegangen und habe Leo Balet besucht. Und plötzlich fragt er mich: „Wollen Sie mit mir ein Buch schreiben? Es geht um die Verbürgerlichung der Literatur, Kunst und Musik im 18. Jahrhundert.“ Na, das war natürlich was für mich! Er konnte den Teil über die Musik nicht selbst bewältigen und wollte gerne, dass ich ihm half. Dieses Angebot war eine tolle Sache für mich, ich hab mich gleich an die Arbeit gemacht. So, und dann kam der 30. Januar 1933, und ich war in Panik. Dann kam der 27. Februar, und ich hab den Reichstag brennen sehen: Ich bin abends in der Staatsbibliothek gewesen und habe bis neun Uhr gearbeitet, dann wurde der Musiksaal zugemacht, und ich bin durch den Tiergarten nach Hause gelaufen. Unter den Linden war große Aufregung, ich sah all die Polizeiautos, die Feuerwehr fuhr hin und her. Dann kam ich zum Brandenburger Tor und sah, dass der Reichstag brannte.

Haben Sie Angst bekommen, dass jetzt in Deutschland alles den Bach runter geht?
Die hatte ich schon vorher. Am nächsten Tag stand dann in der Zeitung, dass der Kommunist Marinus van der Lubbe der Brandstifter gewesen sei. Ich sagte: „Das ist unmöglich!“ Das konnte kein Einzelner gewesen sein, denn dieses Riesengebäude hatte ja an allen Ecken und Enden gebrannt! Es ist dann bald das „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror“ herausgekommen, darin war zu lesen, dass es von Görings Innenministerium einen unterirdischen Gang zum Reichstag gab. Später, als der VEB Deutsche Schallplatten in dem Haus untergebracht war, habe ich den Eingang zu diesem Gang selbst gesehen. Da war mir der Fall relativ klar. Es war ja beinahe alles, was die Nazis den Kommunisten in die Schuhe schieben wollten, von den Nazis selbst verursacht. Warum haben sie ausgerechnet den Reichstag brennen lassen? Weil sie das Parlament gehasst haben, das war 'ne „Quatschbude“ in ihren Augen – es ging ums „Führerprinzip“, und um nichts anderes. Vor ein paar Jahren habe ich darüber in Tutzing noch eine Auseinandersetzung mit dem Historiker Prof. Hans Mommsen gehabt. Der sagte, das stimme nicht, van der Lubbe sei der Einzeltäter gewesen. Ich sagte: „Ich habe den Reichstag brennen sehen, das ist unmöglich!“ (...)


„I invite you to come to our summerhouse during the holidays!“


Haben Sie den Reichstagsbrand damals als Alarmsignal empfunden, Deutschland möglichst bald zu verlassen?
Ja, das habe ich, aber es dauerte noch bis 1936, ehe ich tatsächlich nach Holland emigrierte. Ich wollte ja noch meine Dissertation in Berlin beenden. Am Tag nach dem Reichstagsbrand bin ich zum Laubenheimer Platz gegangen, wo ich wieder eine Verabredung mit Leo Balet hatte. Und ich komme hin, und die Käte, seine Frau, guckt runter und sagt: „Kommen Sie rauf!“ Oben in der Wohnung erklärt sie mir, dass Leo, genau wie Ernst Busch und andere, mit dem Nachtzug nach Holland geflüchtet war. Er hatte alle seine Arbeitsmaterialien mitgenommen, denn er wollte unser Projekt unbedingt weiterführen. Käte, die schwanger war, wollte noch ein paar Dinge erledigen und ihm dann nachfolgen. Ich habe Leo Balet dann zwei-, dreimal in Holland besucht und mit ihm an dem Buch gearbeitet. Das ging ganz gut, weil ich mich damals auf der Durchreise nach England und wieder zurück befand. Das hing mit einem „paying guest“ zusammen, den wir zu Hause in der Brandenburgischen Straße hatten. Für meinen Vater waren die Zeiten schlecht, und darum hatten meine Eltern untervermietet. Und dieser Engländer, Richard Malone, der bei uns wohnte, wurde ein guter Freund von mir, wir nannten ihn Dick. Er bekam eines Tages Besuch von seinem Vater, und Papa Malone liebte „dreamy music“, sein Lieblingsstück war der zweite Satz aus Beethovens „Pathétique“. Als ich zum Flügel ging und ihm das vorspielte, geriet er in Verzückung: „Oh, that's marvellous! I invite you to come to our summerhouse during the holidays!“ Und tatsächlich durfte ich bald nach England fahren, weil ich so schön „dreamy music“ spielen konnte. Ich war dann auch in London, wo die Familie ein großes Flat in der Nähe des Marble Arch bewohnte, vor allem aber im Sommerhaus der Malones in Essex, in einem kleinen Ort zwischen London und Colchester. Ich habe dort fantastische Ferien erlebt. Diese Erfahrungen haben mich sehr bereichert. (...) Bei meinem vierten Englandaufenthalt, es war im Februar 1934, machte ich Zwischenstation in Noordwijk, wo Balet in einer kleinen billigen Wohnung den Winter verbrachte. Wir wollten unbedingt unser Buch fertig stellen und schrieben uns dauernd Briefe hin und her. Das Wunderbare ist, dass er all meine Briefe aufbewahrt hat und ich heute diese Briefe aus der Zeit von 1933 bis 1936 habe. (...)

War Leo Balet Mitglied der Kommunistischen Partei?
Nein, ich glaube nicht. Aber er engagierte sich in einer linken Schriftstellervereinigung, dem „Schutzverband deutscher Schriftsteller“. Er hat mich 1932 mal zu einer Veranstaltung mitgenommen, da habe ich Georg Lukács kennengelernt und Andor Gábor. Auch Erich Mühsam habe ich damals sprechen hören. All das hat mich sehr beeindruckt.


„Ich fühlte mich noch nicht reif genug, Genosse zu werden.“


Waren Sie Mitglied der Kommunistischen Partei?
Nein, aber ich würde sagen: Wenn Hitler ein Jahr später an die Macht gekommen wäre, dann wäre ich sicher Mitglied der Partei geworden. (...) Ich war dann also mehrfach im Ausland, in Prag, in Schweden, in Holland, und überall sprach ich mit Freunden über die politische Situation in Deutschland. Es war klar, dass ich nicht hier bleiben wollte. Dabei taten sich nun plötzlich ungeahnte Möglichkeiten auf, gerade im Bereich der Musik. Meine Klavierlehrerin sagte 1933 zu mir: „Der Arthur Schnabel, der Leonid Kreutzer, der Moritz Meyer-Mahr und der Erwin Bodky und wie sie alle heißen, die Juden, die haben jetzt alle ausgespielt. Jetzt kommt deine Chance, ich habe Einfluss, in ein paar Jahren kannst du es zum Professor bringen!“ Ich sagte: „Nee, das mache ich nicht.“

Man hat Ihnen also angeboten, richtig Karriere zu machen?
Wenn ich Nazi geworden wäre, hätte ich eine große Karriere machen können, dann wäre ich ein berühmter Nazi-Pianist geworden. Aber, nee, das war nichts für mich. Für mich stand fest, dass ich ins Ausland gehen würde. Ich habe zunächst meinen Doktortitel geholt und dann meine Schulden bezahlt, so ein Studium war ja teuer. Das Doktorexamen kostete auch 'nen Haufen Geld, man musste die Dissertation in 300 Exemplaren drucken lassen. Zudem hatten meine Eltern sich ja den Flügel gekauft, der mit 1950 Mark zwar lächerlich billig gewesen war, aber das war dennoch ein horrender Preis für meinen Vater und für mich. Ich habe geholfen, das abzubezahlen. Ich habe korrepetiert und Klavierstunden gegeben. Und dann bin ich nach Holland gegangen. Am 17. Oktober 1936 bin ich mit zehn Mark in der Tasche, mehr durfte man nicht mitnehmen, zwei Koffern und 'ner Schreibmaschine nach Den Haag gefahren. Balet hatte mich schon vorgewarnt, dass es schwer werden würde, in Holland Fuß zu fassen, das Land sei überschwemmt mit deutschen Künstlern. Na ja, ich habe das Risiko auf mich genommen ...


Mein Vater sagte: „Komm mir nur nicht mit einer jüdischen Frau ins Haus!“


Haben Sie Sich von Ihren Freunden und Verwandten verabschiedet, als wäre es ein Abschied für lange Zeit?
Die meisten Freunde, vor allem die jüdischen Freunde, waren alle schon weg. Der Gerhard Fuchs war inzwischen in Palästina, und ein anderer Freund, Heinz Hollitscher, war zu seinem Vater nach Prag gegangen – ich war im Grunde ziemlich allein. Ich hatte eine liebe Freundin, das war eine Chinesin: Chin-hsin Yao, es ist immer platonisch geblieben, die ich auch unterrichtet habe – aber ansonsten vereinsamte ich nach '33 immer mehr.

Wie war das Verhältnis zu Ihrem Bruder, der SA-Mann geworden war?
Vor dem musste ich aufpassen!

Es gab keinen brüderlichen Zusammenhalt ...
Nein, überhaupt nicht. Wir waren nicht drei Brüder im brüderlichen Sinn, sondern wir gingen jeder seinen Weg. Mein ältester Bruder, ich nannte ihn „der Untertan“, hat immer alles getan, was unser Vater sagte. Er ist ab 1940, wie ich Jahre später erfahren habe, allerdings nicht von ihm, sondern durch eine Anfrage beim Bundesarchiv, Kriegsverwaltungsrat in Krakau gewesen, also am schlimmsten Ort. Er hat aber, wenn ich gefragt habe: „Was hast Du während des Krieges gemacht?“ behauptet, er sei Soldat gewesen und in amerikanische Gefangenschaft gekommen. Mit Politik habe er nichts am Hut gehabt. Das war aber nur ein Zehntel der Wahrheit. Aus den Archiv-Unterlagen ging auch hervor, dass er Mitglied der NSDAP gewesen war. Und der zweite Bruder, der SA-Mann geworden war, hat sich noch im November 1944, als der Krieg schon fast zu Ende war, freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und ist dann hier auf den Seelower Höhen gefallen. (...) Das Schönste ist, dass mein Vater vor '33 immer sagte: „Du hast so viele jüdische Freunde, wenn du mir nur nicht mit einer jüdischen Frau ins Haus kommst!“ Den Gefallen habe ich ihm nicht getan! Na ja, nun bin ich also nach Holland gekommen, und da hab ich unwahrscheinliches Glück gehabt. Die ersten Wochen lebte ich ganz sparsam, kaufte mir Puddingbroodjes, das waren so gemanschte Dinger, die aus Resten vom Vortag bestanden, da gab 's drei für 'n Dubbeltje, also für zehn Cent. Das war das Billigste, was es gab. Wenn ich mich mal richtig satt essen wollte, dann ging ich in die Cafeteria und habe mir da ein Hutspot bestellt für 25 Cent.


„In Den Haag habe ich eine Woche im Puff gelebt.“


Wo haben Sie gewohnt?
Gewohnt habe ich erst bei Freunden in Wassenaar, dann in Bussum und dann in Utrecht, das waren meine Stationen in den ersten sechs Wochen. (...) Als ich in Utrecht nicht mehr bleiben konnte, bin ich mit der Eisenbahn nach Den Haag gefahren. Ich hatte nämlich ein neues Buchprojekt mit Balet, diesmal ging es um das 17. Jahrhundert in Holland. In dieser Zeit hat es zwar keine berühmten Musiker gegeben, aber die holländischen Maler haben dauernd musizierende Menschen dargestellt. Diesen Zusammenhang wollten wir erforschen. Ich habe dann viel in der Königlichen Bibliothek gearbeitet. Ich weiß noch, wie ich in Den Haag ankam und in einem Zigarrenladen fragte, ich hatte inzwischen schon ganz gut Holländisch gelernt, wo ich übernachten könnte, ob er nicht eine billige Pension wüsste. Ich hatte Hut und Mantel an und sah elegant aus, 'n ganz normaler junger Mann. Der Zigarrenhändler war sehr freundlich und sagte: „Gehen Sie hier die Straße runter, dann links rum auf den Fluwelen Burgwal Nummer acht.“ Da ging ich hin und wunderte mich über die dunkle Stimmung und die stark geschminkte Dame, die mir das Zimmer zeigte. Sie fragte mich, wie lange ich bleiben wollte, eine Nacht oder länger. Eine ganze Woche sei billiger, es gebe auch Frühstück. Und als ich das bezahlt hatte, es war wirklich sehr billig, merkte ich erst, dass ich in einem Puff gelandet war. (Lachen) Ich habe eine Woche im Puff gelebt, und die Damen haben wohl gestaunt, dass ich von ihren Diensten keinen Gebrauch gemacht habe. Am nächsten Morgen musste ich mich bei der Fremdenpolizei melden, dort sagte man mir: „Das ist doch keine Adresse für Sie!“ – „Ja,“ sagte ich, „das hab ich gemerkt, aber es ist sehr billig!“ Na ja, nach einer Woche bin ich umgezogen in eine richtige Pension, das war im November, Dezember 1936. Und dann hörte ich von Ben Polak, dass es in Voorburg ein Gemeinschaftshaus gab, wo lauter junge Leute wohnten, so ungefähr 17, 18 Leute. Jeder hatte sein eigenes Zimmer, es gab eine Haushälterin, alle aßen zusammen, die meisten Bewohner waren Studenten, Männlein und Weiblein durcheinander – das war damals etwas ganz Modernes. Und in diesem Gemeinschaftshaus wurde ein Zimmer frei. Dort bin ich Weihnachten '36 eingezogen.

Kannten Sie eine vergleichbare Einrichtung bereits aus Deutschland?
Nein, gar nicht, das war für mich etwas ganz Neues! Später nannte man diese Art des Zusammenlebens „Kommune“. Diese Art der Freizügigkeit war fantastisch und ganz ungewohnt für mich, ich bin doch streng preußisch erzogen worden. In meinem Zimmer hatte vorher ein junger Mann gewohnt, der nach Spanien gegangen war zu den Internationalen Brigaden. Also, das waren lauter fortschrittliche Leute.

Das waren also Linke ...
Ja, sie waren aber auch sehr freizügig was freie Liebe betrifft und so weiter. Und es waren sehr kreative Leute, die meisten waren an der Hochschule für Bildende Kunst in Den Haag. Als sie hörten, dass ich Pianist bin, sagten sie: „Ach, du musst unbedingt einen Klavierabend geben!“ Dazu haben sie dann alle möglichen Leute eingeladen und Kontakte für mich hergestellt, sodass ich mir schon im ersten Jahr eine eigene Existenz als Pianist und Korrepetitor aufbauen konnte.


Liebe auf den ersten und zweiten Blick: Lin Jaldati und Eberhard Rebling


Sie haben dann in den Niederlanden auch Ihre Frau kennengelernt ...
Ja, das war im November 1937 kurz nach meiner dreimonatigen Reise durch Ostindien. (...)

(Exkurs zu Reblings Tournee mit Darja Collin und Alexander von Swaine durch Niederländisch-Ostindien; kennengelernt hat er die Tänzerin Darja Collin durch einen Auftritt als Pianist, den er in der Tanzschule von Peter Leoneff absolviert)

Das größte Glück, das ich im Gemeinschaftshaus hatte, war, dass ich die Lin kennengelernt habe. Sie war Tänzerin und tanzte in der Bouwmeester-Revue, sie war jeweils zwei Monate in Den Haag und in Amsterdam. Im Gemeinschaftshaus bekam sie ein Zimmer unter mir. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, bei ihr dauerte es eine Weile ... Eines Tages ist sie bei Glatteis vom Fahrrad gefallen und hat sich eine Gehirnerschütterung zugezogen, und Ben Polak, der Doktor war, sagte zu mir: „Du kannst nicht mehr Klavier üben, sie muss vier Wochen absolute Ruhe haben!“ Na ja, dann habe ich eine Weile woanders geübt. Am 31. Dezember waren dann alle Bewohner des Hauses weg bis auf Lin und mich und einen Jungen, dessen Eltern in Indonesien waren. Wir feierten zusammen, und um Mitternacht habe ich ihr den ersten Kuss gegeben, hmm, das ging mir durch Mark und Bein – aber ihr nicht ... Schließlich habe ich ihr Herz gewonnen durch meine Musik. Nach einigen Wochen sagte sie zu mir: „Du kannst schon wieder spielen, nur nicht so laut!“ Da habe ich die E-Dur-Etüde von Chopin, (singt) Da-di-da-da-di, Di-di-da-di, extra für sie studiert. Am achten März habe ich ein Hauskonzert gegeben, bei dem sie auch dabei war, sie saß direkt neben mir. Und am 27. März haben wir uns dann zusammengetan, und dann ist das eine große Liebe geworden ...

Die große Liebe Ihres Lebens ...
Ja, genau 50 Jahre ...

Reinhold Andert, von dem ich Sie übrigens grüßen soll, hat von Konzerten Ihrer Frau erzählt, bei denen Sie am Klavier saßen ...
Das haben wir lange Zeit gemacht. Sie war ja nicht nur Ballett-Tänzerin, sondern sang nebenher auch jiddische Lieder. Ich kannte damals diese melancholischen Weisen nicht und fragte: „Was singst Du denn da?“ - „Das sind jiddische Lieder!“ Ich sagte: „Was ist denn das?“ Ich hatte zwar vier Jahre studiert und war Doktor der Musikwissenschaft, aber was jiddische Lieder waren, wusste ich nicht. Da hat sie mich aufgeklärt und mir Bücher gegeben, da eröffnete sich mir das ganze Universum des Ostjudentums. Sie tanzte auch einige Solotänze auf jiddische Themen, meistens Frauengestalten. Ich habe sie ermutigt, mehr solistisch zu arbeiten und habe angefangen, sie am Klavier zu begleiten. Nachdem ich sie in der Bouwmeester-Revue gesehen hatte, wo sie die zweite von links war und in chinesischen und griechischen und in-ich-weiß-nicht-was für Gewändern tanzte, sagte ich zu ihr: „Hör mal zu, in Dir steckt viel mehr als diese ewige Huppdohlerei!“


„'41 kam die Einberufung zur Wehrmacht, da bin ich untergetaucht.“


„Huppdohlerei“, damit meinten Sie das Revue-Tanzen ...
Ja, heute müssen die Mädchen ja alle 1,76 groß sein, damals standen die 24 Mädchen wie die Orgelpfeifen auf der Bühne. Hier ist auch ein Foto drin (zeigt auf das Buch). Aber 300 mal im Jahr immer dasselbe zu tanzen, das tötet ja jede Kreativität. Sie hat dann einige Choreographien ausgearbeitet, und ich habe die Musik dazu ausgesucht. Ich sagte: „Das musst Du zum Hauptberuf machen!“ „Ja“, sagte sie, „aber ich muss doch Geld verdienen!“ Ich sagte: „Damit kannst Du auch Geld verdienen! Wenn Du von der Revue weg bist, machen wir unten im Haus ein Gymnastik- und Tanzstudio auf.“ Das haben wir gemacht, Lin hat Kinder unterrichtet und dicke Damen und alles, was möglich war, und damit gut verdient. Nebenbei gaben wir unsere ersten selbst organisierten Konzerte mit jiddischen Liedern ... Und dann kam am 24. April 1940 der große Durchbruch: Nach unserem Konzert kam ein Musikmanager zu uns, der völlig begeistert war und sagte: „Ich werde für Sie im nächsten Jahr Konzerte in Belgien, in der Schweiz und in England organisieren!“ Das war am 24. April 1940 – am 10. Mai wurde Holland überfallen.

Damit war alles zunichte gemacht ...
Ja, damit war alles zunichte gemacht. Wir konnten nicht mehr zusammen auftreten, sie konnte in ihrem Studio nur noch jüdische Kinder unterrichten. Am achten August 1941 bekamen wir unsere erste Tochter, die später Geigerin wurde.

Hatten Sie in dieser Zeit Kontakte zu anderen Emigranten? Sie waren ja nicht Mitglied einer Partei ...
Nein, ich hatte wenig Kontakte, nur mit Nathan Notowicz habe ich hin und wieder gesprochen. Aber ansonsten hatte ich nur Kontakt mit Holländern. Ich war in keiner Partei, und ich war weder rassisch noch politisch verfolgt. Ich war ja, wie ich in Deutschland offiziell gesagt hatte, aus wissenschaftlichen Gründen in Holland, um an dem neuen Projekt von Balet mitzuarbeiten. Balet hat Gott sei Dank noch 1939 einen Ruf bekommen an das Brooklyn College in New York und ist mit seiner Frau nach Amerika gefahren. (...) Ich bekam dann kurz nach der Geburt unserer Tochter die Einberufung zur Wehrmacht, darauf bin ich untergetaucht.


„Das Einheitsfrontlied haben wir wie einen Schatz bewahrt und immer wieder abgespielt!“


Waren Sie bei der Musterung?
Ja, vorher habe ich mit Dr. Ben Polak eine Hungerkur gemacht, damit ich möglichst erbärmlich aussehe. Dann stand ich da nackig vor den feisten Offizieren und stellte mich auf die Waage. Der Arzt sagte: „101 Pfund, bisschen wenig!“ Es hieß dann „bedingt k.v.“, also bedingt kriegsverwendungsfähig. Na ja, zum Glück wurde ich nicht gleich eingezogen. Aber dann kam der Winter und damit der erste Gegenschlag der Sowjets vor Moskau, und ich wurde einberufen. Ich sollte mich am 15. Februar 1942 in Wolfenbüttel melden. Im Gemeinschaftshaus habe ich also meine neue Adresse in Wolfenbüttel hinterlassen. Dass ich untertauchte, wussten nur ganz wenige Leute. Auch die Lin durfte nicht wissen, wo ich war. Erst bin ich in Bergen untergetaucht, wo mich niemand kannte. Es dauerte 'ne Weile, da wurde im Gemeinschaftshaus eine Hausdurchsuchung gemacht, aber ich hatte all meine Sachen in Kisten verstaut und weggeschafft. Meinen Flügel hatten wir Bekannten übergeben und gesagt: „Wenn wir nicht zurückkommen, könnt ihr ihn behalten, ansonsten werden wir ihn wieder abholen nach dem Krieg.“ (...)

Vor dem Einmarsch der deutschen Truppen gab es in den Niederlanden ja ein sehr reges Kulturleben. Inwieweit haben Sie wahrgenommen, dass da auch deutsche Emigranten eine Rolle in der Kabarett- und Theaterszene gespielt haben?
Es waren viele deutsche Künstler da, das stimmt, zum Beispiel die Nelson-Revue mit Eva Busch. Und meine Lin hat mir erzählt, dass sie auch Ernst Busch in Holland auf der Bühne gesehen und gehört hat, das muss 1935 gewesen sein. Sie war ganz begeistert von ihm und hatte auch eine Schallplatte von ihm mit dem „Einheitsfrontlied“ – die haben wir wie einen Schatz bewahrt und immer wieder abgespielt. Leider ist sie während der Untertauchzeit kaputt gegangen. Aber die Lin bewunderte den Busch – genau das, was er machte, wollte sie auch machen, nur auf anderem Gebiet. (...)


Verhaftung 1944: „Wir übergeben Sie dem Militärgericht, die machen kurzen Prozess mit Ihnen!“


Nachdem Sie Ihrer Einberufung nicht gefolgt waren, begann Ihr Leben in der Illegalität ...
Ja, wir mussten beide untertauchen, zuerst getrennt voneinander, dann gemeinsam in Amsterdam. Schließlich hatte ich das große Glück, dass ich unter falschem Namen ein Haus in Huizen mieten konnte, wo wir auch die ganze Familie meiner Frau untergebracht haben. Das Haus hieß „'t Hooge Nest“, das Hohe Nest. Da sind wir alle am ersten Februar '43 eingezogen. Wir hofften, gemeinsam mit Freunden hier bis zum Ende des Krieges bleiben zu können. Aber wir wurden am zehnten Juli 1944 überfallen und verhaftet. Die anderen wurden gleich nach Westerbork gebracht, um dann nach Auschwitz überführt zu werden, meine Frau auch. Und mir wurde am 13. Juli '44 im Haus des Sicherheitsdienstes vom Chef mitgeteilt: „Morgen übergeben wir Sie dem Militärgericht, die machen kurzen Prozess mit Ihnen! Sie werden zum Tode verurteilt wegen Fahnenflucht, Sabotage, Landesverrat und Rassenschande, das genügt.“ Ich hatte mit dem Leben wirklich total abgeschlossen. In der Nacht vorher hatte man noch meine Frau und mich zusammen in eine Zelle ins Gefängnis in der Marnixstraat gesperrt, und da hatte ich so eine Eingebung und habe zu ihr gesagt: „Sollten wir einander jemals wieder sehen, dann in der Johannes-Verhulst-Straat bei unseren besten Freunden ...“ – da hat sie mir den Mund zugehalten und gesagt: „Red doch nicht so einen Unsinn, das ist doch total aussichtslos.“ Das war es auch, es war Juli '44, und wir hatten Hoffnung in die zweite Front gesetzt und gedacht, im September würde der Krieg zu Ende sein. Die Amerikaner und die Engländer standen ja schon vor Paris, aber ich würde das nicht überleben, das wussten wir alle. Am nächsten Vormittag, die Lin war schon in ein anderes Gefängnis abgeführt worden, sollte ich mit einem Polizeiauto zum Haus der Gestapo in die Euterpestraat gebracht werden. Aber das Auto fuhr erst woanders hin. Das war so ein geschlossener Wagen mit gegenüberliegenden Sitzen, hier war eine Wand zum Chauffeur, nach der anderen Seite zwei aufschlagende Türen und zwei Fenstern, die weit offen waren, es war sehr heiß an dem Tag. Es war der 14. Juli 1944. Und das Auto fuhr also in eine andere Richtung, um noch jemanden zu holen. Wir waren zu dritt, und dabei waren zwei Polizisten. Jannie, meine Schwägerin, saß neben mir, gegenüber saß noch ein älterer Mitgefangener, daneben der andere Bewacher. Und wir hielten in der Spaarndammerstraat, einer Arbeitergegend. Und der eine Polizist ging weg, jetzt waren wir zu dritt mit nur einem Polizisten. Und ich beobachtete Jannie und dachte schon, sie würde versuchen, die Tür zu öffnen. Aber sie setzte sich ganz nach vorne und fing mit dem Polizisten ein belangloses Gespräch an. Das war für mich das Zeichen, dass ich hinter ihrem Rücken raus konnte. Und ich stürzte auf die Bank und stürzte raus aus 'm Fenster. Sie umarmte ihn, hielt ihn fest, er war ziemlich klein, aber er hat sie natürlich abgeschüttelt und wollte noch nach mir greifen, packte aber nur noch meinen Mantel, ich hatte so 'n dünnen Trenchcoat an, der Regenmantel zerriss in zwei Stücke, und ich rannte so schnell ich konnte den Bürgersteig hinunter. Ich dachte, dass mir jemand folgen würde, aber niemand folgte mir. Es war früh um halb neun, die Leute guckten alle, ich rannte bis zur nächsten Ecke, da war eine offene Tür, und eine Frau nährte gerade ihr Kind. Zu der sagte ich: „Können Sie bitte den Mantel verschwinden lassen?“ Und ging wieder raus und sah, dass mir niemand folgte, und lief woanders weiter wie ein normaler Fußgänger. Ich wollte irgendwie in die Innenstadt kommen, da kannte ich verschiedene Adressen, wo ich hätte unterkommen können. Auf dem Weg musste ich die Haarlemmerstraat überqueren, da standen lauter SS-Leute und Polizisten, da bin ich eine andere Gracht zurückgegangen und wollte über 'ne Brücke, da stand wieder ein Uniformierter, aber dann kam ich näher und sah: „Ach, das ist nur 'n Brückenwärter!“ Ich rüber über die Brücke und gehe 100 Meter weiter auf der anderen Seite, blicke mich um und sehe, dass der die Brücke hochzieht, ohne dass ein Boot kommt. Ich denke: „Sollten die wegen mir das ganze Viertel absperren?“ Es stellte sich später raus, dass es so war. Aber ich war schon weg. Ich bin dann auf allerlei Nebenstraßen in die Stadt gekommen und habe bei Lex Metz geklingelt, den ich aus dem Gemeinschaftshaus kannte. Aber da meldete sich niemand. Ich versuchte es bei der Fotografin Eva Besnyö, sie machte auf, und ich stürzte rein. „Wo kommst Du denn her?“ Ich sage: „Ich bin geflohen!“ Später hat sie mir gesagt, dass sie noch nie jemanden in so einem Zustand gesehen hatte - ich muss Schaum vor 'm Mund gehabt haben. Nachdem ich mich beruhigt hatte, hat sie dann ein neues Foto von mir gemacht, und ich habe am selben Tage noch 'nen anderen Personalausweis bekommen. (...)


„Eine tapfere Widerstandskämpferin hat unsere Tochter gerettet.“


Wo war ihre Tochter in dieser Zeit?
Das war meine erste Frage an Eva: „Was ist mit Kathinka?“ Denn meiner Frau hatten sie bei einem Verhör gedroht: „Wenn du weiter so störrisch bist, dann werden wir dich mit deiner Tochter konfrontieren!“ So hatten sie es '33 mit der Lilo Hermann gemacht, und die war standhaft geblieben, auch als man ihr das eigene Kind gezeigt hat – das ist unglaublich ... Ich bat also Eva, meinen Schwager Bob anzurufen. Der kam dann nach 'ner halben Stunde mit der guten Nachricht aus Huizen, dass Kathinka in Sicherheit war. Sie war nach unserer Verhaftung zu Dr. van den Berg, der uns als Arzt betreut hatte, gebracht worden. Von dort hatte sie eine Freundin unter abenteuerlichen Umständen entführt – gerade noch rechtzeitig, denn der Arzt hatte den Auftrag bekommen, das Kind nach Amsterdam ins Haus des Sicherheitsdienstes zu bringen und hätte das auch gemacht. Erst 2003 habe ich durch das Buch „Kopfgeld“ des Journalisten van Liemt erfahren, was da genau vor sich gegangen ist. Van Liemt hat verschiedene Prozessakten und Vernehmungsprotokolle untersucht, die 50 Jahre lang unter Verschluss lagen. Er hat auch die Geschichte unserer Verhaftung von der anderen Seite erzählt. Daraus geht hervor, dass die Kathinka gesucht wurde und sehr gefährdet war. Lin und ich hatten ja nicht heiraten dürfen wegen der „Nürnberger Gesetze“, und unsere Kathinka galt als Jüdin. Nachdem man Lin und mich verhaftet hatte, war nun ein Freund aus Bergen gekommen, Jan Hemelrijk, um unsere Tochter bei dem Arzt abzuholen. Aber die Frau des Arztes fing furchtbar an zu schreien, und die Sache misslang. Er konnte die Kathinka auch nicht einfach mitnehmen, weil er kein Fahrrad dabei hatte, er war mit dem Zug aus Bergen gekommen. Darauf ist er zu einer Bekannten gegangen, Marion van Binsbergen, und hat ihr das erzählt. Und sie sagte: „Ich gehe zu dem Arzt und hole das Kind da raus!“ Am gleichen Morgen, als mir die Flucht gelang, ist sie mit dem Fahrrad zum Haus des Arztes gefahren und ist durch den Hintereingang reingekommen. Sie hat die Kathinka auf den Arm genommen, ist zum Fahrrad gerannt, die Frau fing wieder an zu schreien, und Marion ist mit dem Kind über die Heide davon gefahren. So hat diese tapfere Widerstandskämpferin unsere Tochter gerettet. Ich dachte damals, dass Kathinka vielleicht als Geisel für mich benutzt werden sollte. Aber das war nicht so. Es ging auch bei Kathinka, die steckbrieflich gesucht war, um Kopfgeld. Man bekam für jeden Juden, den man anbrachte, 15 Gulden, das wären heute etwa 40 Euro. Und wir waren ja in unserem „Hohen Nest“ in Huizen 16 Personen gewesen, davon waren nur meine Schwager und ich keine Juden. Meine Frau und meine Schwägerin Jannie sind nach Auschwitz gebracht worden und dann nach Bergen-Belsen, und beide haben überlebt. (...)


Brief aus Bergen-Belsen: „Wir haben entsetzliche Dinge erlebt, aber wir leben!“


Sie haben Sich erst 1945 wiedergesehen ...
Ja, Kathinka und ich hatten den Hungerwinter '44/'45 in der Nähe von Leiden überstanden - durch die Solidarität holländischer Freunde. Und als dann die Befreiung kam, bin ich mit einem kaputten Fahrrad nach Amsterdam gefahren und habe für den Fall, dass Lin und Jannie zurückkommen sollten, ich hatte ja keine Ahnung, wo sie waren, in der Johannes-Verhulst-Straat eine Adresse hinterlassen. Dann bin ich wieder zurückgeradelt. Zehn Tage später, am 16. Mai, hatte ich ein ganz merkwürdiges Gefühl, und ich beschloss, noch mal nach Amsterdam zu fahren. Ich hatte mit Freunden inzwischen einige Hauskonzerte gegeben und war mittlerweile auch „enttarnt“ worden, und kaum jemand wollte glauben, dass ich ein Deutscher war. Jedenfalls stand ich nun wieder in der Johannes-Verhulst-Straat, aber da war alles wie zuvor, keine Nachricht für mich. Ich übernachtete dort, und am andern Morgen, am 17. Mai, klingelt es, und da steht plötzlich vor der Tür ein Mann der BS, der Binnenlandse Strijdkrachten, das waren militärisch organisierte Untertaucher, die im letzten Kriegswinter sehr viel organisiert und nach dem Abzug der Deutschen die Macht übernommen hatten. Denn es gingen ja noch drei Tage vorbei, ehe die Kanadier kamen und Holland besetzten. Der Mann von der BS fragte: „Sind Sie Herr Stotijn?“ Haakon Stotijn hieß der Freund, bei dem Lin und ich uns treffen wollten ... Ich sage: „Nein, der bin ich nicht, aber ich bin mit ihm gut befreundet und treffe ihn heute in Oegstgeest.“ – „Es ist ein Brief für ihn abgegeben worden.“ Mir lief es schon kalt übern Rücken. „Sie können den Brief abholen im Büro der BS in der Jan-Willem-Brouwers-Plein gegenüber vom Concertgebouw.“ Ich hab mich wie ein Irrer angezogen und bin hingegangen. Es war ein Brief von Lin und Jannie aus Bergen-Belsen. Sie hatten den Brief am 10. Mai geschrieben. Am 15. April war Bergen-Belsen von den Engländern befreit worden, und die beiden hatten auf diesem Zettel geschrieben: „Wir haben entsetzliche Dinge erlebt, aber wir leben!“ Lin war bei der Befreiung bewusstlos gewesen und hat nur noch 28 Kilo gewogen. Sie hat Fleckentyphus gehabt, und wenn die Engländer drei, vier Tage später gekommen wären, hätte sie wohl nicht mehr gelebt. Die Jannie hat auch Fleckentyphus bekommen, aber erst später, als sie in einem Hospital waren. So hab ich die Botschaft erhalten ...

Sie müssen Sich wie verrückt gefreut haben ...
(Pause) Gefreut ist nicht das richtige Wort ... Ich habe wie ein Schlosshund geheult! Und der Beamte dort sagte: „Seien Sie froh, dass Sie eine gute Nachricht haben, wir kriegen hier so viele schlechte Nachrichten!“ Es war überhaupt ein Wunder, dass dieser Brief aus Bergen-Belsen innerhalb von acht Tagen in Holland ankam. Das war einer Reihe von glücklichen Umständen zu verdanken ... Wiedergesehen haben wir uns am 27. Mai, Haakon und ich gaben gemeinsam mit anderen Musikern an diesem Sonntag ein Abschiedskonzert in Oegstgeest, es war ein Bach-Abend. Ich spielte zuerst die Chromatische Phantasie und Fuge, dann spielten Haakon, der Oboist, und ein Hobbygeiger, der sehr gut Geige spielte, das Konzert für Oboe und Violine, ich am Flügel. Zum Schluss kam die Hochzeitskantate „Weichet nur, betrübte Schatten“. Es sang Frau Kramer, die dänische Sängerin, ich saß am Flügel, neben mir war das Fenster. Und in den beiden Zimmern saßen dicht gedrängt die Menschen, wir waren ja im Lauf der Zeit eine verschworene Gemeinschaft geworden. An der Seite saß ein Streichquartett von Leidener Professoren. Und die Sängerin sang: „Und dieses ist das hohe Glücke, / Daß durch ein hohes Gunstgeschicke / Zwei Seelen einen Schmuck erlanget, / An dem viel Heil und Segen pranget.“ Und auf „Seeegen“ eine lange Koloratur, da hält plötzlich ein Auto vor der Tür. Da steigt eine kleine Gestalt aus, und ich sehe nur, dass die Lin da ist ... Sie hatte also in Amsterdam den Brief mit der Adresse gefunden und hatte erst die Jannie bei ihrem Bob und den beiden Kindern auf der Amstel abgesetzt und war dann weiter gefahren. Sie hatte großes Glück gehabt, dass sie in Enschede einen Arzt getroffen hatte, der mit einem Auto unterwegs war, weil er Insulin zu verschiedenen zuckerkranken Leuten bringen musste. Dieser Arzt hatte sie nun bis vor unser Haus gefahren. So haben wir uns wiedergefunden unter den Klängen von Bach ... Das ist so wunderlich, so unbegreiflich! Na ja, wir sind dann nach Amsterdam zurückgezogen und haben unser zweites Leben angefangen.


Übersiedlung in die DDR: „Wir wollten eigentlich in Holland bleiben.“


Ihr „zweites Leben“ fand zunächst in den Niederlanden statt. Nach einigen Jahren haben Sie Sich dann entschieden, in die DDR überzusiedeln. Warum?
Die Kommunistenhetze der McCarthy-Zeit hat auch auf Holland übergegriffen. Ich war seit 1946 Mitglied der holländischen Partei. Das war möglich, nachdem ich die holländische Staatsbürgerschaft angefragt hatte, die ich dann 1948 auch bekam. Die Lin war schon 1936 Mitglied der Partei geworden. Als Musikredakteur der kommunistischen Zeitung „De Waarheid“ verdiente ich nicht genug, also traten wir nebenher international auf, machten Schulkonzerte für 25 Gulden pro Konzert, an manchen Tagen hatten wir drei, vier Konzerte, also das läpperte sich zusammen und wurde schnell zu unserer Haupteinnahmequelle ... Aber so ab '48, '49 ließ das allmählich nach, und bald wurden wir nirgends mehr engagiert. Der Organisator dieser Konzerte, Herr Aufrecht, machte seinem Namen alle Ehre und sagte zu mir: „Herr Dr. Rebling, ich muss Sie dringend sprechen!“ Ich sage: „Was ist los?“ – „Ich kann Sie nicht mehr beschäftigen.“ Ich sage: „Warum? Ist meine Arbeit schlecht?“ – „Nein, ich habe nur gute Sachen gehört! Aber ich bekomme Subventionen vom Reich und von den Gemeinden. Und man hat mir gedroht, die Subventionen zu kürzen, wenn ich Sie weiter engagiere.“ Da waren die Schulkonzerte weg.

Weil Sie Kommunist waren?
Weil ich bei „De Waarheid“ war, ja. Und weil ich als Kommunist bekannt war. Lin und ich sind ja auch bei kommunistischen Veranstaltungen zusammen aufgetreten. Wir haben da sehr politische Musik gemacht und haben versucht, eine neue Arbeiterkultur aufzubauen. Das war ja bekannt in Holland.

Haben Sie da auch die Brecht / Eislerschen Lieder gespielt?
Ja, aber es gab ja kaum etwas anderes als das „Einheitsfrontlied“, die anderen Lieder waren ja nicht veröffentlicht. 1948 habe ich in Prag Hanns Eisler zum ersten Mal persönlich gesprochen, da war der Kongress der fortschrittlichen Komponisten und Musikwissenschaftler, wo er ein Aufsehen erregendes Referat gehalten hat. Dazu gibt es eine hübsche Anekdote: Man hätte ja '48 in Prag kein Deutsch auf der Straße sprechen können, man wäre gelyncht worden, so verhasst war alles, was deutsch war. Die vier Kongress-Sprachen waren Tschechisch, Russisch, Englisch und Französisch. Hanns Eisler fing also an, auf Englisch zu sprechen, und plötzlich sagte er: „Ach, lassen Sie uns Schweizerisch sprechen!“ Und von dem Moment an war die Hauptumgangssprache Deutsch auf diesem Kongress. (Lachen) So haben wir Hanns Eisler kennengelernt. Wir haben ihm dann gesagt, dass seine vielen Lieder kaum zu kriegen seien. „Das wird sich schon ändern!“, sagte er.

Sie sind also aus politischen Gründen in die DDR gegangen ...
Wir wollten eigentlich in Holland bleiben. Aber dann bekam ich auch noch Krach mit der holländischen Partei, weil es damals sehr gegen Tito ging ...

... der als Abweichler galt ...
... ja, aber wir verehrten Tito, weil er der Einzige war, der sein Land selbst befreit hatte mit seinen Partisanen. Und dann hat mich „De Waarheid“ entlassen, und ich saß zwischen allen Stühlen und verdiente nichts mehr.

Wo wollte Ihre Frau gerne leben? Hat sie auch gesagt: „Lass uns in die DDR gehen“?
Nee, sie wollte gar nicht. Aber ich war '51 in Berlin beim Gründungskongress des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler (VdKM), da habe ich mit dem Paul Wandel gesprochen, der war damals fürs Erziehungswesen zuständig. Und der hat zu mir gesagt: „Komm zu uns, wir brauchen Dich dringend! Du kannst sofort die Chefredaktion der Zeitschrift Musik und Gesellschaft übernehmen!“ Naja, das war natürlich ein Angebot ... Ich habe zu diesem Zeitpunkt in Holland nur noch Presseberichte für die ungarische Botschaft geschrieben, weil ich ja irgendwo Geld verdienen musste.

War Ihre Frau sofort damit einverstanden, nach Ost-Berlin zu gehen?
Na ja, sie hat später mal gesagt: „Das war der schwerste Entschluss meines Lebens!“ Das hat sie 1982 in einer Fernsehdokumentation zu ihrem 70. Geburtstag gesagt, und so war es auch. (...) Sie hatte anfangs auch eine schwere Zeit hier ...

Sie wäre lieber in Holland geblieben ...
Natürlich! Ich wäre auch lieber in Holland geblieben!

Also waren eigentlich berufliche Gründe ausschlaggebend für den Umzug ...
Ja, ich hatte in Holland nichts mehr zu tun, ich wurde nicht mehr gebraucht. Im Februar 1952 sind wir dann in die DDR gezogen.


„Ich war schon 'n weltberühmter Kommunist, da habt Ihr noch in die Windeln geschissen!“


Sie haben ja schon vorher Verbindungen zur DDR gehabt und sind öfters nach Berlin gekommen. Die Klaviernoten zur „Mutter“ von Hanns Eisler, die Sie mir gezeigt haben, sind Ihnen im Jahr 1951 von Ernst Busch gewidmet worden ...
Ja, die Lin und ich hatten schon 1947 für die UNRA im Camp für „displaced persons“ am Schlachtensee ein Konzert gegeben, bevor wir dann am 14. Juni 1949 im Haus des Kulturbundes erstmals mit jiddischen Liedern in (Ost-) Berlin auftraten. Und da saß die ganze Prominenz, vorne in der ersten Reihe saß Arnold Zweig mit seinem Hörapparat. Dann waren da Anna Seghers und Ernst Busch und Jean Kurt Forest und alle möglichen Leute im Saal. Das war ein Riesenerfolg, dadurch ist die Lin bekannt geworden in Ost-Berlin! Nachdem wir dann nach Berlin gezogen waren, haben wir im November 1952 im Haus der Sowjetischen Kultur wieder einen Abend mit jiddischen Liedern gegeben – ohne zu wissen, dass im August des gleichen Jahres unter Stalin einige der besten jiddischen Schriftsteller ermordet worden waren, das haben wir erst viel später gehört. Mit Ernst Busch hatten wir auch schon früh Kontakt, weil die Lin und ich merkten, dass die Konzerte mit jiddischen Liedern allein nicht zu bestreiten waren. Das war schon in Holland so, und wir suchten für unsere Programme nun auch internationale Lieder, und Busch schenkte uns dieses Heft mit Eisler-Liedern, die er ja auch gesungen hat.

Hatten Sie auch überlegt, mit Ihrer Frau 'ne Schallplatte rauszubringen bei Lied der Zeit?
Nee, das ist erst später gekommen. Wir haben damals zwar Aufnahmen im Haus des Rundfunks in der Masurenallee gemacht, aber erst ein paar Jahre später wurden dann im Pläne-Verlag in Dortmund drei, vier Platten veröffentlicht. Das waren noch die 78er Platten mit einem Lied auf einer Seite, das muss so '56 gewesen sein.

Zu diesem Zeitpunkt war Busch ja auch schon nicht mehr Chef von Lied der Zeit ...
Der Ernst Busch hat ja mit der Partei große Schwierigkeiten gehabt. Es wurde gemunkelt, ob es stimmt, weiß ich nicht, dass ihn bei der Parteiüberprüfung 1950 zwei junge Schnösel besucht haben. Und die hat er rausgeschmissen. Er hat gebrüllt: „Ich war schon 'n weltberühmter Kommunist, da habt Ihr noch in die Windeln geschissen!“ Es hat dann eine Zeit gegeben, wo er nicht Mitglied der Partei war. Erst später hat man ihm das wieder angetragen.

Das hat man sich damals erzählt? Oder woher wissen Sie das?
Ja, das wurde erzählt. Vor allem, dass er die Funktionäre rausgeschmissen hatte ... Aber da fällt mir noch eine Geschichte ein, die ihn betrifft. Wir wunderten uns, als wir in die DDR kamen, dass er gar keine politischen Lieder mehr sang. Aber wir konnten ihn im Theater am Berliner Ensemble sehen. Und Lin und ich saßen vorne in der dritten Reihe, als „Mutter Courage und ihre Kinder“ gespielt wurde und die Helene Weigel über die Bühne tourte. Busch spielte den Koch, und der war ja ursprünglich Holländer. Na ja, auf alle Fälle war das die hundertsoundsovielte Aufführung, und es war schon 'ne richtige Routine drin. Und Busch mischte ab und zu etwas Improvisiertes darunter. Plötzlich trat die Yvette auf, und Busch sagte auf Holländisch: „Oh, wat en lecker Snolletje!“

Was heißt das?
Snol ist ein Kosename für eine Hure. Und wir saßen da vorne und fingen laut an zu lachen. Und er guckte runter, hat uns gesehen und hat dann im Lauf des Abends noch allerlei holländische Flüche eingebaut. Das war sehr lustig ... Eine andere hübsche Episode hat meine Lin erzählt, die steht auch in unserem Buch: Sie saß in den 60er Jahren bei einer Preisverleihung vom Zentralrat der FDJ, es ging um die Erich-Weinert-Medaille, den Kulturpreis der FDJ. Da waren lauter Künstler und Intellektuelle eingeladen, und die Lin saß ganz vorne, links neben ihr Bruno Apitz und rechts neben ihr Ernst Busch. Und als der Aurich da 'ne lange Rede hielt, entspann sich über ihrem Kopf ein Gespräch. Apitz (im Flüsterton): „Sag mal, Ernst, Du hast doch einen Sohn, Ulrich. Wie alt ist denn der?“ – Busch: „Na, so drei Jahre.“ – Apitz: „Ja, und ich habe eine Tochter, mein Bienchen, meine Sabine!“ – Fragt Busch: „Wie alt ist die?“ – Apitz: „'n halbes Jahr.“ - Busch: „Viel zu alt! Wenn Du noch eine produzierst, die zwei Jahre jünger ist, können wir drüber reden.“ Die Lin saß dazwischen und konnte sich vor Lachen kaum halten.


„Ich habe mal einen Streit mit Ernst Busch wegen Fürnbergs ‚Lied der Partei’ gehabt.“


Sind Sie auch mal mit Ernst Busch aufgetreten?
Ja, wir sind 1976 zusammen mit Ernst Busch im Filmtheater „Kosmos“ aufgetreten, Gisela May und verschiedene andere waren dabei, es war ein Gedenkkonzert für Paul Robeson. Nun hatte Ernst Busch in den letzten Jahren Gedächtnisstörungen und legte sich deswegen immer die Texte auf den Fügel, er stand seitlich hinter dem Flügel. Ich erinnere mich, dass, er einmal im Saal der Akademie mit den Texten durcheinander kam, und dann lagen die alle auf dem Boden, und wir stürzten rauf, um ihm die Texte wieder auf den Flügel zu legen. Jedenfalls war er bei diesem Konzert 1976 furchtbar nervös. Bevor er auf die Bühne ging, machte ihm seine Frau Irene noch den Hemdknopf zu, wir saßen daneben, vorne in der ersten Reihe. Gisela May hatte schon gesungen, dann trat Ernst Busch auf und sang die „Jarama-Front“ und noch ein anderes Lied. Alles klappte wunderbar, und anschließend war die Lin dran, sie war noch viel aufgeregter. Sie verehrte doch den Busch und fand es unglaublich, direkt nach ihm aufzutreten. Sie sang „If We Die“, das war das letzte Gedicht, das Ethel Rosenberg im Gefängnis geschrieben hatte. Edino Krieger, ein brasilianischer Komponist, hatte die Musik dazu komponiert. Dann sang sie das jiddische Partisanenlied, das Paul Robeson auch oft gesungen hatte. Das war dann der Schluss, es war unsere letzte Zusammenkunft mit Ernst Busch.

Haben Sie ein Lieblingslied von Ernst Busch?
Ach, das kann ich nicht sagen.

Welche Lieder verbinden Sie am stärksten mit ihm?
Na ja, hauptsächlich das Einheitsfront- und das Solidaritätslied, da kommt mir sofort seine Stimme in den Sinn. Aber es gab so viele andere Lieder ... Ich habe alle seine Schallplatten hier! (...) Ich habe übrigens mal einen Streit mit Ernst Busch wegen Louis Fürnbergs „Lied der Partei“ gehabt. Das kam so: Wir waren sehr befreundet mit Louis Fürnberg. Er ist ja sehr früh gestorben, und ich habe danach seiner Frau Lotte versprochen, alle seine Lieder herauszugeben. Ich bin dann hin- und hergereist, habe zum Teil Melodien rekonstruiert, habe mir Lieder von verschiedenen Leuten vorsingen lassen, denn es war nicht alles erschienen. Zum Teil hatte Louis auch Lieder auf Band gesungen, sodass ich am Ende dann doch alles beisammen hatte. Das Buch erschien 1966 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig, so 'n großer grüner Band. Da drin habe ich auch geschrieben, dass ich das „Lied von der Partei“ so aufgeschrieben habe, wie er es auf einem Band gesungen hat. Beim „Lied von den Träumern“ habe ich es genauso gemacht. Und zwar sang der das „Lied von der Partei“ wie ein Wiener Chanson: (singt auftaktig und sehr sanft) „ Sie hat uns Alles gegeben. / Sonne und Wind. Und sie geizte nie. /Wo sie war, war das Leben. / Was wir sind, sind wir durch sie. / Sie hat uns niemals verlassen. / Fror auch die Welt, uns war warm. / Uns schützt die Mutter der Massen. / Uns trägt ihr mächtiger Arm. / Die Partei, die Partei, die hat immer recht. / Und, Genossen, es bleibe dabei. / Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer recht ...“ Er hat das gesungen, als ob er das seinem Sohn mitteilen wollte. Und so habe ich das abgedruckt und auch dazugeschrieben, dass Louis Fürnberg sich das so vorgestellt hatte. Und dass er sich nicht dagegen hatte wehren können, dass sein Lied wie ein Marsch gesungen wurde. Busch hat gesungen: (poltert marschmäßig) „Sie hat uns alles gegeben ... Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“ – Busch hat ja oft Lieder geändert. Aber das war überhaupt nicht in Fürnbergs Sinn. Und als Busch das Liederbuch zu Gesicht bekam, war Busch sehr erbost und hat gegen mich polemisiert.

Hatte Fürnberg die Busch-Version damals nicht autorisiert?
Wissen Sie, Louis Fürnberg war ein ganz lieber Mensch. Der freute sich ja, wenn seine Lieder überhaupt gesungen wurden. Natürlich hat er zu Busch gesagt: Ist in Ordnung. (...) Jedenfalls hat Ernst Busch dieses Marschartige eingeführt - allerdings nicht auf so üble Weise, wie es dann die FDJ-Chöre alle getan haben.

Haben Sie mit Busch über die Sache gesprochen?
Nein, er hat sich schriftlich geäußert, er hat sich in irgendeiner Zeitschrift beschwert und war sehr böse auf mich. Ich habe ihm geantwortet, aber das ist dann im Sande verlaufen. (...)

Fanden Sie dieses Lied interessant?
Nun, ich habe es so wiedergegeben, wie es der Fürnberg auf Band gesungen hat, um möglichst authentisch zu sein.

Ist das Lied in der Fürnberg-Version besser?
Na ja, es ist nicht so sehr Agitprop, es ist mehr chansonartig.

Aber der Text ist doch Agitprop ...
Ja, natürlich ist das Agitprop. Nun kommt noch etwas: In den 50er Jahren ist der Busch ja als Liedsänger gar nicht aufgetreten, weil sich die Partei gegen Agitprop gewandt hatte. Es hieß: „Wir haben jetzt die Macht und brauchen kein Agitprop mehr!“ Aber dann hat Brecht 1956 kurz vor seinem Tode auf einem Schriftsteller-Kongress gesagt: „Wir brauchen wieder eine neue Agitprop-Bewegung. Und dann kamen, Langhoff hat dafür gesorgt, 1957 eine Tucholsky-Matinee und dann eine Brecht-Matinee, zu der meine Frau und ich gingen. Und da hat Ernst Busch ein Lied gesungen, das uns durch Mark und Bein ging, weil er diese Schwierigkeiten mit der Partei hatte: „O Falladah, die du hangest“ oder „Ein Pferd klagt an“. Busch sang: „Was für eine Kälte muss über die Leute gekommen sein!“ Bei Brecht steht „muss unter die Leute“, aber Busch sang „muss über die Leute“, aber das war nicht der Punkt. Ich empfand das als eine Klage gegen die Partei, weil die Partei ihn so mies behandelt hatte in den 50er Jahren. Wir alle haben das so empfunden, wir haben hinterher noch darüber diskutiert, dass der Busch da seinen Frust rausgesungen hatte. Aber es war ein Menetekel.

Was meinen Sie damit?
Dass der Umschwung 33 Jahre später kam: 1990. (...)

Was war Ihrer Meinung nach das Charakteristische an Busch als Sänger?
Die innere Überzeugung. Und das politische Bewusstsein, das er in den Liedern zum Ausdruck brachte. Und in seiner Interpretation das deutliche Aussprechen jedes Wortes. Bei ihm konnte man auch in einem großen Saal jedes Wort verstehen – was ja bei Kunstsängern nicht der Fall ist. Er hat, wie ich schon eingangs sagte, ein neues Genre geschaffen. Und er hatte natürlich eine unvergleichliche, metallische Stimme. (...)

Glauben Sie, dass er an seine Popularität der 30er Jahre in der DDR anknüpfen konnte?
Na ja, im Alter ist er natürlich weniger aufgetreten. Aber Ernst Busch war in der DDR auch bei der Jugend ein Begriff. Er hat versucht, die Tradition weiterzugeben. Das deutet ja auch die Tatsache an, dass die Schauspielschule nach ihm benannt wurde, und das finde ich sehr gut. (...)




Interview: Jochen Voit
Foto: Jochen Voit
(Textfassung autorisiert von Prof. Dr. Eberhard Rebling unter Mithilfe von Jalda Rebling im Frühjahr 2008)





Letztes Update 11.01.2012 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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