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über seine Arbeit als dänischer Rundfunkreporter in der DDR und seine Begegnungen mit Ernst Busch




"Busch, Biermann, Dylan, das sind ja Individualisten und Provokateure. Ich mag Leute, die ab und zu mit dem Rücken zum Publikum spielen, wie Miles Davis: Ihr könnt mich ..."

(Gespräch am 25. Mai 2005 in Berlin)
Hans Christian Nørregaard (Foto: privat)
Hans Christian Nørregaard ist Jahrgang 1943. Er wächst in Åbenrå (deutsch: Apenrade) in Dänemark auf. Die Eltern sind „kleinbürgerliche Provinzler“, wie er sagt. Der Vater ist Vertreter in einer Eisen- und Stahlfirma, die Mutter Hausfrau. Nørregaard besucht das Gymnasium und vervollkommnet seine Deutschkenntnisse nebenbei durch das westdeutsche Fernsehen, das er zu Hause empfangen kann. Durchs Fernsehen wird er auch auf den Dramatiker Brecht aufmerksam, während er sich sonst - auch publizistisch - für den amerikanischen Jazz interessiert. Nach dem Abitur zieht er nach Kopenhagen, wo er Literatur und Germanistik studiert. Im Jahr 1963 reist er zum ersten Mal nach Ost-Berlin, um mit Helene Weigel zu sprechen und im Brecht-Archiv zu arbeiten. Durch ein Stipendium der Freien Universität in West-Berlin 1965/66 kann er diese Arbeit fortführen; zeitgleich beginnt  er, für Danmarks Radio als Kulturkorrespondent zu arbeiten. Am Rand der Proben zur „Ermittlung“ von Peter Weiss lernt er Ernst Busch in Ost-Berlin kennen und versucht, ihn für ein Radio-Interview zu gewinnen. 1967 kommt es dann zu einem längeren Gespräch bei Busch zu Hause. Doch bei keinem der beiden Besuche gelingt es Nørregaard, sein mitgebrachtes Tonbandgerät zum Einsatz zu bringen. Nørregaards Tätigkeit als Co-Regisseur eines Fernsehfilms im Jahr 1968 über das Kulturleben in der DDR ("Wir waren die erste dänische Fernseh-Crew in der DDR überhaupt!")
, bei dem Wolf Biermann und Robert Havemann illegal mitwirken, unterbricht seine Verbindung mit Busch. Im März 1976 schließlich kann sich Nørregaard einen langjährigen Wunsch erfüllen und eine Dokumentation über Ernst Busch fürs dänische Fernsehen drehen. Gefilmt wird vom 10. bis zum 15. März im Schallplattenstudio in der Brunnenstraße und bei Busch zu Hause in Niederschönhausen. Die fertige Sendung bekommt den Titel: „Sådan gik min tid på jorden“ – Ernst Busch og hans århundrede („So verging meine Zeit, die auf Erden mir gegeben war“ – Ernst Busch und sein Jahrhundert). Sie läuft am 7. November 1976 erstmals im dänischen Fernsehen; zum 80. Geburtstag Buschs wird sie unter dem Titel „Ernst Busch und sein Jahrhundert“ auch in der ARD gezeigt.

Nørregaards Dokumentation läuft zwischen 1976 und 1979 fünfmal im Fernsehen, und zwar in Dänemark, Schweden, Norwegen, der Bundesrepublik Deutschland und den Niederlanden. In Buschs Todesjahr 1980 wird sie erneut fünfmal ausgestrahlt: in den Niederlanden, der Schweiz und dreimal in der Bundesrepublik. Im DDR-Fernsehen wird die Sendung nicht gezeigt. Ernst und Irene Busch sehen die Sendung erstmals im westdeutschen Fernsehen an Buschs 80. Geburtstag, darauf schreibt Irene Busch am 31. März 1980 an Nørregaard: „Da Ihr Film nicht nur über ARD gesendet wurde sondern auch in Belgien und Holland zu sehen war, kam eine große Resonanz aus diesen Ländern zu uns. Zu Holland kann man echt sagen, dass die Holländer ihren Busch wieder neu entdeckt haben.“ (Ernst-Busch-Archiv, o.S.)

Hans Christian Nørregaard ist überdies Autor einer zehnteiligen Rundfunkserie über Ernst Busch: "Fra kejser til kaos" (zu deutsch: „Vom Kaiser bis zum Chaos“) 1970. Nørregaard ist ein international anerkannter Brecht-Forscher, der auch in deutscher Sprache veröffentlicht. Zurzeit arbeitet er an einem umfangreichen Buch über Bertolt Brecht und Dänemark. Nørregaard lebt in Kopenhagen.



JV: Sie sind 30 km nördlich der deutsch-dänischen Grenze aufgewachsen. Inwiefern hat das Ihren Blick auf die beiden Teile Deutschlands geprägt?
Hans Christian Nørregaard: Wir lebten am Rande Dänemarks. Etwa 1959 wurde ein Sender in Flensburg gebaut, seitdem konnten wir neben dem dänischen Fernsehen auch die ARD sehen. Die DDR - die SBZ, die Zone, das Pankower Regime oder sogar Mitteldeutschland, wie das damals genannt wurde - wurde ja vom westdeutschen Fernsehen direkt verteufelt, besonders nach dem Bau der Mauer. Aber auch bei uns in Dänemark. Die Luftbrücke 1949 und der Arbeiteraufstand 1953, das passierte ja alles kurz nach dem Krieg und der Besetzung. Die Deutschen hatten den Krieg verloren und Millionen von Menschen ausgerottet und waren selber an ihrem Unglück schuld. Aber 1961 haben die vom Mauerbau betroffenen Deutschen, die Leute, die aus den Fenstern sprangen, die Herzen gewonnen. Und Kennedy hat mit seiner "Ich bin ein Berliner"-Rede diese Stimmung noch konsolidiert. Dazu kam bei uns, dass Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Westberlin, in Interviews mit dänischen Medien immer norwegisch sprach, was für Dänen unmittelbar verständlich ist. Die DDR war kein Land, wo man freiwillig hinfuhr. Kurz nach dem Abitur war ein Mitschüler von mir für einige Stunden in Ostberlin und hat mir nachher berichtet, er habe auf der Straße irgendjemanden etwas gefragt, etwas völlig Belangloses, und der habe nach kurzer Zeit das Gespräch abgebrochen mit dem Argument, es sei für ihn zu gefährlich mit einem Westler gesehen zu werden. Solchen Blödsinn habe ich gehört, nicht nur in den Medien, sondern auch von Bekannten.

Bereits als Schüler haben Sie angefangen, sich für Brecht zu interessieren. Wodurch kam dieses Interesse?
Über einen Umweg: Durch "Mack the Knife" von Louis Armstrong.

Haben Sie den Song damals im Radio gehört?
Natürlich, aber auch bei Konzerten. Armstrong gab damals, wenn er nach Kopenhagen kam, auch Konzerte in den größten Provinzstädten Dänemarks: 1959 in Odense, da war ich noch ein kleiner Schuljunge. Aber im Jahr danach, in Århus, habe ich ein Interview mit ihm machen können, das ich an verschiedene Zeitungen verkaufte. Er war nicht länger der große Instrumentalist, aber als Sänger noch fabelhaft. Er hat ja auch das Singen und die Schönheit des Singens völlig revolutioniert wie etwa Picasso das Malen.


"Brecht hat Armstrongs 'Mack the Knife' gehört und großartig gefunden."


Sind Sie dann durch Armstrong zur "Dreigroschenoper" gekommen?
Nein, gar nicht. Die Fünfzigerjahre waren eine sehr verklemmte Epoche, wo fast nichts los war. Darum wurde ich vom Jazz enorm fasziniert, auch weil das eine so junge Musik war, dass sämtliche Entwicklungsstufen damals noch durch authentische Solisten vertreten waren. Von den Bluessängern aus dem Mississippi-Delta bis zur Avantgarde. Als ob man im selben Jahr die Minnesänger, Bach, Mozart und Stockhausen hätte live erleben können. Wobei ich den Jazz nie nur konsumiert, sondern auch als Ausdruck einer unterdrückten Rasse empfunden habe. Ich habe sehr früh eine Menge darüber gelesen, Bücher und Zeitschriften, auf Englisch natürlich. Ich machte eine Verabredung mit einer recht großen Zeitung, Jyllands-Posten, die vor einigen Jahren auf traurige Art weltberühmt wurde, weil sie diese blöden Mohammed-Karikaturen brachte. Und die Interviews gaben mir die Legitimität, mich mit diesen Menschen eingehend zu unterhalten. Die Mitglieder der Avantgarde waren Wegbereiter der Bürgerrechtsbewegung, des ganzen Aufbruchs in den USA. Am frühen Nachmittag fuhr ich manchmal zu den wichtigsten Konzerten in Kopenhagen und konnte mit dem Nachtzug gerade die zweite Unterrichtsstunde schaffen. Ohne Schlaf. Wenn ich von den Lehrern nach dem Grund meines Ausbleibens in der ersten Stunde gefragt wurde, und ich dann sagte, ich komme direkt aus Kopenhagen, bekam ich keine Anmerkung. Das hat ihnen imponiert. Ich machte also Interviews mit den bedeutendsten Musikern und war auch mein eigener Pressefotograf. Dadurch habe ich Reisen und Spesen finanzieren können. Unter denen, die ich sprach und fotografierte, war auch der bedeutendste unter den Avantgardisten, den ich heute noch sehr verehre und oft auf CDs höre, der Sopran- und Tenorsaxofonist John Coltrane, auf dessen Errungenschaften fast alle Saxofonisten noch bauen, ohne sein Niveau zu erreichen. Leider starb er schon 1967, nur 40 Jahre alt. Heute kann man ein ganzes Buch über Coltrane aus marxistischer Sicht kaufen, wo er als Rebell gefeiert wird. Privat war er ein sanfter, gütiger Mensch. Das eine schließt das andere nicht aus.

Louis Armstrong war dagegen eher der Spaßmacher ...
Weil er sich bei einem weißen Publikum durchsetzen musste. Da nahm er eben auch Sachen wie "Mackie Messer" in sein Programm auf. Kennen Sie den ganzen Hintergrund?

Nein.
Nach jahrzehntelangem Basteln war es endlich gelungen eine fast kongeniale englische Übersetzung der "Dreigroschenoper" hervorzubringen. Ein Librettist und Komponist, Marc Blitzstein, ein Linker, der Brecht gekannt hatte, hat das geschafft. "The Threepenny Opera" wurde mit Lotte Lenya, der Witwe Kurt Weills, in New York der längst fällige Durchbruch Brechts auf dem amerikanischen Kontinent. Ein Plattenproduzent kam auf die Idee, "Mack the Knife" als Duett von Lenya und Louis Armstrong in einem Studio aufzunehmen. Im September 1955 war das. Das klappte aber nicht, ihre Stimmen vertrugen sich nicht. Sicherheitshalber machte man dann eine Aufnahme mit Armstrong allein und schickte die auf den Markt, worauf sie ein Welterfolg wurde. Glücklicherweise wurden die misslungenen Aufnahmen nicht gelöscht. Das Duett Armstrong-Lenya wurde archiviert. Und eine acht Minuten lange, immer wieder unterbrochene Version, wo Armstrong freundlich, mit großer Autorität, aber vergeblich versucht, Lenya das "Swingen" beizubringen. Gibt es heute alles auf CD. Kurz vor seinem Tod hat Brecht Armstrongs "Mack the Knife" gehört und es großartig gefunden. "Das ist ein Neger," hat er in Ostberlin den staunenden Mithörern erklärt. Armstrong erzählte später - leider nicht mir - dass ihm alles, was der Song berichtet, von Kindheit an vertraut war. Er war ja unter Räubern, Messerstechern, Huren und Zuhältern aufgegewachsen. Seine Mutter hat sich verkaufen müssen, wenn sie kein Geld hatte. Ich halte noch Armstrongs "Mackie Messer" für den besten überhaupt. Auch wegen des morbiden Humors ist er der ideale Moritatensänger.

Ich wusste nicht, dass Brecht seine Version noch gehört und gut gefunden hat ...
Ich habe mich immer für musikalische Verbindungen interessiert. Quer durch die verschiedenen Kulturen und Genres. Ich bin weder Purist, noch Puritaner. Jahre später, als Lotte Lenya mit der "Seeräuberjenny" weitermachte, hatte der blutjunge, damals völlig unbekannte Bob Dylan eine Freundin, die mit der Vorstellung zu tun hatte. Und von der "Seeräuberjenny" inspiriert schrieb Dylan dann "When the Ship Comes in".


"Alles, was aus Westdeutschland kam, war direkt scheußlich."


Die deutsche Kultur spielte damals für Sie keine Rolle?
Nein, überhapt nicht. Deutsch war eben nur ein Schulfach mit einer komplizierten Grammatik. Alles, was wir aus Westdeutschland bekamen, war direkt scheußlich. Die Schlager, die Berg- und Heimatfilme, die ganze Verdrängung nach dem Krieg. Weil ich mich immer für Geschichte interessiert habe, verfolgte ich aber die politische Entwicklung sehr genau.

Auch durch das deutsche Fernsehen?
Eben. Weil das dänische Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. Der kalte Krieg kam direkt in die gute Stube. Ich gehöre zur ersten Generation, die durch das Fernsehen geprägt wurde. Die ARD hat aber auch viele moderne Theaterstücke produziert, die man sonst in der dänischen Provinz nicht zu sehen bekam. Im Januar 1962 brachte man Brechts "Leben des Galilei" in der Inszenierung des Brecht-Schülers Egon Monk. Ernst Schröder spielte die Titelrolle. Das war der große Augenöffner, fast eine Offenbarung. Ich wollte sofort alles über Brecht erfahren. Das ging also nicht über "Die Dreigroschenoper".

Und dann wollten Sie unbedingt auch Ernst Busch als Galilei in Ostberlin sehen?
Nein, ich habe Busch nie als Galilei erlebt. Oder in einer Rolle überhaupt. Da bin ich zu spät gekommen. Er hatte sich schon vom Theater zurückgezogen.


"Im Brecht-Archiv durfte man damals rauchen und Brechts Kupferaschenbecher benutzen."


Sie fuhren aber nach Ostberlin, um das Berliner Ensemble zu erleben?
Das schon, aber nur nebensächlich. Das war im Spätsommer 1963. Ich hatte mich per Brief mit Helene Weigel verabredet und wollte sie über das Exil in Dänemark 1933-39 ausfragen. Sie empfing mich in ihrem Büro im Berliner Ensemble. Ich konnte auch im Brecht-Archiv, wo man damals rauchen und Brechts Kupferaschenbecher benutzen durfte, die ganzen Rezensionen von Brechts Stücken 1936 in Kopenhagen und die Zeitungspolemik über seine Person durcharbeiten. Die Artikel hat er damals ausschneiden lassen. Das war eine Hetze wie bei den Nazis, und in Dänemark war das in der Zwischenzeit völlig verdrängt worden. Ich wohnte in Westberlin - drei Wochen, glaube ich - und fuhr fast jeden Tag rüber. Ich sah mir natürlich auch die Vorstellungen im Berliner Ensemble an. Also, was zufällig da lief. Die Weigel habe ich damals noch nicht auf der Bühne erlebt. Erst später.


"Arbeitersänger? Das kam mir ziemlich albern und DDR-konform vor."


Und Ernst Busch?
Er war für mich noch kein Begriff. Aber in einem großen Schallplattengeschäft am Alexanderplatz konnte man die Platten mit den Liedern aus "Mutter Courage" und "Die Mutter" kaufen, die gab es schon auf Vinyl. Auch "Ami go home", wo ich den Namen Hanns Eisler als Komponisten auf dem Label bemerkte. Da fragte ich die Verkäuferin "Wer singt denn da?" - "Das ist doch der große Arbeitersänger Ernst Busch." Arbeitersänger? Das kam mir ziemlich albern und DDR-konform vor. Ich habe nicht "Ami Go Home" gekauft, aber die anderen. Das Stück "Mutter Courage" hatte ich schon gelesen, und die Musik dazu ist Paul Dessaus beste Arbeit, von dem Amateurmusiker Brecht bis ins letzte Detail geprägt, fast diktiert. Aber besonders Eislers "Mutter"-Lieder auf Schallplatten waren nach "Galilei" im Fernsehen meine zweite grosse Offenbarung in Sachen Brecht. Das war auch meine erste bewusste Begegnung mit der Stimme von Ernst Busch. Da wollte mir plötzlich einer etwas. Und der argumentierte so klar und eindringlich, wie das auch von anderen, z.B. Heinar Kipphardt, beschrieben worden ist.


"Ich erreichte, dass die dänische Kabarettistin Lulu Ziegler "Die Ballade vom Wasserrad" 1964 im Studio aufnahm."


Was haben Sie mit Ihrem neu erworbenen Wissen angefangen?
Wieder zurück in Kopenhagen habe ich das Optimale aus diesem kurzen Besuch in Ostberlin herausgeholt. Im Westen stand die Brecht-Forschung ja überhaupt erst am Anfang. An der Uni konnte ich mit einem Aufsatz über den "Galilei", der ja ursprünglich in Dänemark geschrieben war, fast triumphieren, obwohl mein Wissen damals aus heutiger Sicht recht mangelhaft war. Ich machte aber auch meine erste Rundfunksendung. 60 Minuten über Brecht in Dänemark, das war eine Pionierarbeit. Brechts einzige Uraufführung in Kopenhagen war "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" gewesen, ein heute mit Recht selten gespieltes Stück, aber mit 3-4 klassischen Eisler-Liedern drin - Eisler war ja monatelang bei Brecht in Dänemark gewesen. Es gelang mir durchzusetzen, dass der damalige Star, eine recht berühmte Kabarettistin namens Lulu Ziegler, "Die Ballade vom Wasserrad" im Studio aufnahm, und zwar begleitet von dem Pianisten, der 1936 die Orginalpartitur von Eisler für zwei Klaviere arrangiert hatte. Da sind wir bei dem Problem der Rekonstruktion. Die hatten das in der langen Zwischenzeit nie wiederholt und auch später nicht. Außerdem wollte die Ziegler das in der Originalsprache, also auf Deutsch, machen, während sie natürlich 1936 eine Übersetzung gesungen hatte. Man hätte sämtliche Lieder, jedenfalls die besten, aufnehmen sollen. Die Interpreten lebten 1964 alle noch. Aber das historische Bewusstsein tritt fast immer verspätet ein. Darum bleibt diese eine Aufnahme mit der Ziegler alles, was von den "Rundköpfen" 1936 in irgendeiner Form überliefert ist. Ist denn das authentisch? Nein. Aber besser als gar nichts. Viel, viel besser. So war es auch mit Busch, wenn er die Mehring-Eisler-Lieder aus dem "Kaufmann von Berlin" erst nach einem halben Jahrhundert aufnahm. Durch solche Sachen habe ich mich für ein Stipendium an der Freien Universität 1965-66 qualifizieren können.


"Yves Montand war damals der Liebling in der DDR und überhaupt im Osten."


Sie gingen 1965 für ein ganzen Jahr nach Westberlin. Warum nicht nach Ostberlin?
Ich wollte meine Bewegungsfreiheit haben. Zum Beispiel sprach ich in einem Westberliner Studio Theaterrezensionen, die nach Kopenhagen gesendet wurden. Ich weiß nicht, wie das aus Ostberlin geklappt hätte. Ich kaufte mir auch mein erstes transportables Tonbandgerät, ein Uher Report. Das war eigentlich für Amateure, aber von so hoher Qualität, dass die Aufnahmen von den Rundfunkanstalten akzeptiert wurden. Das durfte ich ohne Tonbänder mit nach Ostberlin nehmen. Dort konnte man Bänder der Marke ORWO, Agfa Wolfen, kaufen. Wenn ich dort etwas aufgenommen hatte, habe ich die Bänder - die waren ja klein - unter dem Hemd versteckt. Ich wusste schon, Körperdurchsuchungen machen die nie. Es hieß nur: "Leeren Sie bitte ihre Taschen!" Nicht, dass diese Aufnahmen besonders kontrovers gewesen wären. Es war nur leichter so, anstatt das durch die offizielle Kontrolle gehen zu lassen. Ich weiß nicht, wie das funktioniert hätte. Natürlich war das nicht erlaubt, aber eben leichter. Wenn ich aus dem Archiv des Berliner Ensembles Aufnahmen brauchte, dann machten sie Kopien. Die waren sehr hilfsbereit. Zum Beispiel von der "Resolution der Kommunarden" mit Hilmar Thate. Die gab es noch nicht auf Schallplatte. Überhaupt gab es sehr wenige Schallplatten dort. Titel, meine ich. Denselben Titel konnte man aber in demselben Geschäft hundertmal kaufen. Vielleicht wegen der Planökonomie. Da war ja auch nur eine einzige Firma, VEB Deutsche Schallplatten. Da kaufte man sich alles, was auch nur von peripherem Interesse war. Eben damals fingen die Busch-Mappen von Aurora an zu erscheinen. Die kaufte ich mir natürlich und wartete ungeduldig auf die nächste. "Ami go home" konnte man nicht länger kaufen, die habe ich damals verpasst. Jetzt wusste ich ungefähr, wer er war. Nicht seine ganze Biographie, aber dann erschien das Buch über ihn, zum größten Teil von Hugo Fetting. Am Anfang steht ein Artikel von Herbert Ihering, der Busch als Chansonnier mit Yves Montand vergleicht, was ich unzutreffend fand. Aber Montand war eben damals der Liebling in der DDR und überhaupt im Osten. Das hätte man später bei einem eventuellen Nachdruck ändern müssen, als er mit den Kommunisten brach. In Fettings langem Beitrag über Busch vernahm man auch etwas zwischen den Zeilen, was nicht völlig klar war. So war es ja generell in der DDR. Eine Menge Andeutungen.


"Wenn Busch auf einem Spanien-Label angibt, der Chor bestehe aus Veteranen der Interbrigaden, und man Jahrzehnte später erfährt, dass es sich in Wirklichkeit um den Chor des Hebbel-Theaters handelt, wovon viele ohne Zweifel in Hitlers Wehrmacht gedient haben, dann lacht man spontan, aber auch das macht nichts. Alle großen Künstler sind Manipulatoren. Der Hebbel-Theaterchor sang ohne Zweifel besser als die Spanien-Veteranen."


Konnten Sie auch auf der anderen Seite, in Westberlin, Informationen über Busch und linkes deutsches Liedgut bekommen?
Von der Jazzwelt, die das schon zu einer Wissenschaft perfektioniert hatte, war ich mit diskographischen Erläuterungen verwöhnt. Das wann, wo und wer. Das war bei Busch und Aurora fast verschleiert. Zum Beispiel seine Spanien-Mappe: Etwas hört sich älter an, etwas völlig neu. Zur gleichen Zeit konnte man aber auf dem Kurfürstendamm in Westberlin die beiden LPs vom amerikanischen Folkways-Label mit Liedern aus dem Spanischen Bürgerkrieg kaufen. Da sind u.a. seine sechs authentischen Titel aus Barcelona drauf, und im Textheft gibt es genaue historische Informationen dazu. Folkways kannte ich bestens von zu Hause. Das war ein ausgeprägt linkes, idealistisches Unternehmen. Der Initiator war ein jüdischer Einwanderer aus Osteuropa, Moses Asch. Der hatte u.a. eine Riesenmenge an nichtkommerzieller amerikanischer Volksmusik, besonders der schwarzen, herausgebracht, die die großen Firmen links liegen gelassen haben. Das ist eben ein positiver Ausdruck des westlichen Pluralismus. Man kann alles für sein Geld bekommen, auch das Gute. Während das im Osten zentral gelenkt wurde, im Falle Busch ausnahmsweise von Busch selber. Aber die Ostberliner konnten sich nicht wie ich die Folkways-Platten kaufen und selber vergleichen. Immerhin war das interessant, was er alles herausbrachte. Auch alte Texte, neu komponiert. Ich habe grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden. Besonders nicht, wenn das von Eisler ist. Ich möchte nur wissen, dass es sich so verhält. Etwas davon hat Schärfe, etwas davon hat Charme. Zum Beispiel: "Man muss nicht mehr Rabindranath-Tagoren, / den haben wir beim Werfelspiel verloren." Das hat irgendetwas mit dem indischen Schriftsteller Rabindranath Tagore und seinem deutschen Kollegen Franz Werfel zu tun, aber worum handelt es sich genau? Ich habe Germanisten gefragt, auch Professoren. Die wissen es auch nicht. Klingt darum fast dadaistisch. Macht nichts. Bin nur neugierig. Wenn Busch auf einem Spanien-Label angibt, der Chor bestehe aus Veteranen der Interbrigaden, und man Jahrzehnte später erfährt, dass es sich in Wirklichkeit um den Chor des Hebbel-Theaters handelt, wovon viele ohne Zweifel in Hitlers Wehrmacht gedient haben, dann lacht man spontan, aber auch das macht nichts. Alle großen Künstler sind Manipulatoren. Der Hebbel-Theaterchor sang ohne Zweifel besser als die Spanien-Veteranen.


Erste Begegnung mit Busch: Uraufführung der "Ermittlung" von Peter Weiss in Ostberlin am 19. Oktober 1965


Persönlich kennengelernt hatten sie Busch aber immer noch nicht. Wann haben Sie ihn zum ersten mal live auf der Bühne gesehen?
Also den Busch gab es noch irgendwo, da er ja weiterhin Platten besang und produzierte. Wenn er dann auch plötzlich selber auftrat, eilte ich natürlich hin, völlig egal was es war. Für den Rundfunk war ich sowieso bei der Uraufführung der "Ermittlung", dem Auschwitz-Oratorium von Peter Weiss, in Ostberlin, in Westberlin dann bei Erwin Piscator und in Stockholm bei Ingmar Bergman. Das waren eben große Verhältnisse. In Ostberlin war das eine Lesung im Plenarsaal der Volkskammer am 19. Oktober 1965. Das war das erste Mal, dass ich Busch überhaupt live sah und hörte. Er hat sich große Mühe mit dem Text gemacht. Es fiel ihm nicht leicht. Er sprach ja einen der Zeugen. Diese Angespanntheit wurde aber eine Qualität, weil das nicht nur ein Schauspieler war, der da auftrat. Wie bei der Weigel, die auch eine Zeugin sprach. Und überhaupt diese ganzen "bewährten Antifaschisten", wie das immer offiziell hieß. Nicht nur Theaterleute, auch Schriftsteller und andere Künstler. Das war sehr beeindruckend, das muss ich schon zugeben. Nur: Fast die Hälfte der Beteiligten hat elf Jahre später die Ausbürgerung von Wolf Biermann durch die Regierung öffentlich gebilligt.

Was Ihre Bewunderung für diese Leute geschmälert hat, vermute ich ...
Kann man sagen ... Dann habe ich Busch bei einem Festprogramm zum 20. Jahrestag der SED im Deutschen Theater gesehen, das war im April 1966. Er sang dort Lieder, meistens von Becher und Eisler, aber auch Weinert, Brecht, Mühsam. Das letzte Mal, dass ich ihn öffentlich sah, war bei einer Gedenkfeier für den Regisseur Erich Engel im Berliner Ensemble. Er las da zusammen mit Helene Weigel. Busch und Weigel waren ein unschlagbares Paar auf der Bühne. Sie saßen nebeneinander, es gibt Fotos davon, aber das Datum ist nirgends in der Literatur verzeichnet. Da Erich Engel am 10. Mai gestorben war, muss es also im Frühling 1966 gewesen sein. Auch dort sang er Mühsam-Lieder, wahrscheinlich, weil er die eben bereit hatte.

Wann kam es zum ersten persönlichen Kontakt?
Ich meine, ich nutzte die erste Gelegenheit und suchte ihn in der Volkskammer nach der "Ermittlung" auf, also im November 1965. Backstage, sozusagen. Sagte, ich wollte gern ein Tonbandgespräch mit ihm führen. In solchen Fällen war er immer sehr entgegenkommend, völlig ohne Allüren. "Werden wir schon machen," sagte er. Ich war dann in Stockholm und anderswo und bin dann Anfang 1966 mit meinem Uher in seinem Haus eingetroffen. Er wohnte damals noch in der Heinrich-Mann-Straße.

Wie war Ihr erster Eindruck von ihm?
Der Volksschauspieler war ja nicht ausgeprägt leutselig. Er konnte direkt hässlich aussehen.

Wegen der Gesichtslähmung?
Die hatte er unter Kontrolle. Durch sie verfügte er aber über mimische Mittel, womit er einen einschüchtern konnte, wenn er wollte. Fast wie ein Test. Auffallend war auch, dass er so klein war. Das wird selten erwähnt, sieht man auch nicht auf Fotos und in den Filmen. Dadurch muss er seinerzeit als jugendlicher Liebhaber Probleme auf der Bühne gehabt haben.


"Ein Nachmittag, der vom Schimpfen geprägt war - ab und zu beschwichtigte seine Frau Irene: 'Er kann doch nichts dafür'."


Sie haben dann ein Interview mit ihm gemacht?
Nein, dazu kam es nie. Ich erzählte ihm, dass ich also eine Rundfunksendung mit seinen Platten machen wollte und dabei erwähnte ich wahrheitsgetreu, ich sei beim VEB Deutsche Schallplatten gewesen um einige Freiexemplare zu bekommen und habe dort gefragt, wie der dänische Rundfunk die Wiedergabe ihrer Produkte honorieren sollte. Zwischen Dänemark und der DDR gab es keine formale Vereinbarungen. Der freundliche Mann dort sagte, dass sei kein Problem, das ginge nach Tarif. Eigentlich war es töricht von mir, Busch das zu erzählen. Die sonst entspannte Stimmung änderte sich sofort. Er eilte ans Telefon und rief die Akademie an, die ja als Mitherausgeber der Aurora-Serie zeichnete. Er erklärte denen rasend, dass er keine einzige Platte bespielen wollte, ehe nicht die Auslandsrechte nach seinen Vorschriften geklärt wären. Ich war natürlich erstaunt über so viel Temperament. Das Thema beherrschte fast den Rest des Nachmittags, der vom Schimpfen geprägt war. Er bekam nie das Geld, das ihm zustand, wobei - das muss ich sagen - Busch überhaupt nicht geldbesessen war; das war eher eine spontane, fixe Idee. Er wollte auch plötzlich den Gebrauch seiner Platten überall in der Welt kontrollieren. Er schimpfte darüber, dass der VEB Deutsche Schallplatten ihn ohne seinen Einfluss gegen Fischer-Dieskau bei der Deutschen Grammofongesellschaft im Westen tauschte. Er schimpfte über Folkways in Amerika - er nannte das Folkwang, kannte sich mit der englischen Sprache nicht besonders gut aus - die ihm keine Gebühren für die Spanien-Platten zahlte. Er schimpfte darüber, dass der deutsch-schwedische Publizist Erwin Leiser im schwedischen Rundfunk sein "Moorsoldaten"-Lied spielte und in seinem Kommentar behauptete, so gehe es heute in Bautzen zu. Er schimpfte darüber, dass der VEB Deutsche Schallplatten wegen der Mauer die "Grabrede über einen Genossen, der an die Wand gestellt wurde" aus dem Handel gezogen hatte. Das letzte kann ich bestätigen. In der "Mutter"-Reihe fehlte die "Grabrede" und natürlich auch die Titel auf der anderen Seite, "Lob der Dialektik" und so weiter. Ich musste Jahre warten, bis sie wieder geduldet wurde. Für mich gab das ja eine plötzliche Einsicht in die Machenschaften der Zensur. Nicht: Wir stehen zu unserem "antifaschistischen Schutzwall", und ihr könnt dabei ruhig die "Grabrede" von Brecht und Eisler hören, die ohnehin 1931 entstanden ist. Das war Feigheit, schlechtes Gewissen, weil auch an der Mauer Menschen wie der Genosse an der Wand erschossen wurden. In dem Sinne sprach Busch ohne Zensur, wenn ein Organ der DDR seine Interessen verletzte. Ab und zu beschwichtigte seine Frau Irene: "Er kann doch nichts dafür", womit ich gemeint war. Ich habe es auch nicht persönlich genommen, er brauchte eben ein Publikum. Dabei wurde Kaffee getrunken. Überhaupt war man gerne da, nicht nur wegen seiner Indiskretionen. Aber sonst hatten meine Gesprächspartner, Manfred Wekwerth, Benno Besson und so weiter so zivilisiert und kontrolliert formuliert, dass es eine Befreiung war, einen solchen Menschen in der DDR überhaupt zu erleben. Auch darum habe ich ihn sofort gemocht.

Hat er sich sonst kritisch über die DDR geäußert?
Nein, nie. Er hat sich ja fast immer auf den letzten Stand der Dinge eingerichtet. Zum Beispiel auch wenn er umgetextet hat.


"Busch meinte, man könne in der DDR nicht von den Alpen und vom Rhein singen. Darum änderte er diese Zeilen in der 'Kinderhymne' und sang stattdessen: 'Denn die Herren sind vertrieben / Wir bau'n unsern Staat allein.'"


Können Sie Beispiele nennen?
Ja. Als er bei dieser SED-Feier gesungen hat, forderte er das Publikum zum Mitsingen auf. Bei "Roter Wedding" hat Busch in der ersten Strophe "Die Arbeiterklasse marschiert" gesungen, während die Leute "Der rote Wedding marschiert" sangen, weil sie es eben so kannten. Hat etwas Verwirrung und Befremden gestiftet. Warum macht er das? Natürlich hat er dann im Refrain "Roter Wedding grüßt euch, Genossen" gesungen, weil man ja nicht zu Eislers Melodie "Die Arbeiterklasse grüßt euch, Genossen" singen kann. Der Grund war natürlich, dass Wedding jetzt zu Westberlin gehörte. Der rote Wedding marschierte nicht mehr, war zu den Amis übergelaufen. Schlimmer war es später in meinem Film, als er Brechts "Anmut sparet nicht noch Mühe" umgetextet hat, weil das ein wunderbares, in jeder Einzelheit durchdachtes Gedicht ist. Da heißt es im Original: "Und nicht über und nicht unter/ Andern Völkern wolln wir sein / Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein." Hat Busch auch früher immer gesungen. 1976 waren aber in der DDR die zwei deutschen Staaten offizielle Doktrin geworden. Man sang nicht mehr die Nationalhymne mit "Deutschland, einig Vaterland". Die wurde nur instrumental dargeboten. Darum meinte Busch wohl, man könne nicht länger in der DDR von den Alpen und vom Rhein singen. Darum hatte er diese beiden Zeilen geändert und sang stattdessen: "Denn die Herren sind vertrieben / Wir bau'n unsern Staat allein." Es reimt sich, aber es ist eine unzulässige Vergröberung.

Das stimmt. Aber ist Brecht zu Lebzeiten nicht relativ tolerant gegenüber Busch gewesen, wenn es ums Umtexten ging?
Bei Kampfliedern vielleicht. Aber hier ist das etwas anderes. Weil das eine aggressive und protzende Äußerung ist. Der Text von Brecht ist wie die Melodie von Eisler sehr zart, sehr demütig: Liebe Nachbarn, ihr braucht euch nicht länger vor Deutschland zu fürchten. Da soll von Vertreibung keine Rede sein, weder von Herren noch von Knechten. So etwas gehört in diesen Kontext überhaupt nicht hinein. Busch hat eben durch diese Zeilen aus einem Deutschland-Lied ein DDR-Lied machen wollen.

Haben Sie versucht, Busch für Ihren Film den Originaltext singen zu lassen?
Nein, weil er ausnahmsweise das eine Lied mit sich selbst und einem Kinderchor schon vorher auf Band aufgenommen hatte, speziell für meinen Film, und es im Playback-Verfahren singen wollte. Da war keine weitere Diskussion möglich. Ich überließ ihm ja weithin solche Entscheidungen, habe mich nur ein wenig geärgert. Aber diese Art von Geschichtsklitterung war ja typisch für die DDR, und Busch hat manchmal mitgemacht.


"Grotesk, aber auch rührend: Der Barrikaden-Tauber und das Windelkind."


Das war 1976 ...
Ja, ich habe einen Sprung gemacht. Zurück zum ersten Besuch zehn Jahre vorher. Es gab da eine bezaubernde Episode: Ich wusste nichts über sein Privatleben, auch nicht, dass er eine bedeutend jüngere Frau hatte. Aber plötzlich wurde von Irene Busch ein kleines Kind hereingebracht, weil Busch es betreuen sollte. Sie hatten ein Kindermädchen, aber aus irgendeinem Grund hatte sowohl sie als auch Irene Busch woanders zu tun. Wir, Ernst Busch und ich, waren allein mit dem Kind, das war natürlich der Ullrich. Er konnte schon gehen, aber noch nicht sprechen. Busch kommentierte ihn mit keinem Wort, sagte auch nicht, dass es sein Sohn war, sondern sprach ohne Unterbrechung weiter mit mir. Ulli sollte auch aufs Töpfchen, wollte aber nicht, erhob sich wieder. Busch wusste nicht, was er machen sollte. Einmal lief Ulli ins Nebenzimmer. Dazwischen gab es eine Schiebetür. Busch versuchte diese Tür zuzuschieben, während Ulli sich im Nebenzimmer befand, aber das Kind war ihm zu schnell und war zurück bei uns. Busch kapitulierte resigniert. Das ist das einzige Mal, dass ich ihn jemals resigniert gesehen habe. Der alte Mann konnte nichts mit dem kleinen Kind anfangen. Das war natürlich grotesk, aber auch rührend: Der Barrikaden-Tauber und das Windelkind.

Womit haben Sie sich sonst 1965-66 in Berlin beschäftigt?
Ich habe nie früher oder später so viel Theater gesehen. Natürlich habe ich mir im Berliner Ensemble den kompletten Spielplan angesehen. Es gab aber schon eine gewisse Ermüdung dort. Die größte Freude hatte ich an den Vorstellungen Benno Bessons im Deutschen Theater. Das ist das beste Theater, das ich je gesehen hatte. Besson war ja der begabteste Brecht-Schüler, aber aus dem französisch-sprechenden Teil von der Schweiz, das gab eine gute Mischung, das gallische und das deutsche. Er hat auch die Brecht-Methode an französischen Stücken praktiziert. "Der Tartüff" von Molière, Offenbachs "Die schöne Helena" als Operette für Schauspieler. Den berühmten "Drachen" von Jewgeni Schwarz mit Eberhard Esche habe ich vier- oder fünfmal gesehen, Politik und Poesie in einer glücklichen Symbiose. Nach Brechts Tod müssen Bessons Jahre am Deutschen Theater das zweite goldene Zeitalter des DDR-Theaters gewesen sein. Wurde wohl auch nie wieder erreicht.


"Überzeugende Ensemblekunst gab es nur jenseits der Mauer."


Die Theater in Westberlin?
Waren nichts im Vergleich. Einige große Solisten: Curt Bois, Bernhard Minetti. Überzeugende Ensemblekunst gab es nur jenseits der Mauer.

Haben Sie bei alledem auch noch Zeit für Ihr Studium gefunden?
Das lassen wir lieber. Ich hatte beim Rundfunk Fuß gefasst. Und nach diesem Jahr in Berlin wurde ich beim Rundfunk Redakteur eines monatlichen Kulturmagazins über Deutschland oder vielmehr über die beiden deutschen Staaten. 1967 war ich oft in Berlin. Im Juni flog ich nach Schönefeld und wohnte eine Woche in einem Hotel in Ostberlin. Ich hatte jetzt ein professionelles Nagra-Tonbandgerät vom Rundfunk mitgebracht. Auch Bänder hatte ich ausnahmsweise im Koffer. Ich wusste, dass die Kontrolle in Schönefeld sehr oberflächlich war. Wenn man in Ostberlin wohnen sollte, wurde man sehr höflich behandelt, sie brauchten ja die Devisen. Das war eine merkwürdige Woche, denn der Sechstagekrieg zwischen den arabischen Staaten und Israel war eben ausgebrochen, und am 2. Juni war in Westberlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten bei einer Demonstration gegen den Schah erschossen worden.


"Hollywood am Zeuthener See": Zu Besuch bei Paul Dessau


Was hatten Sie diesmal in Ostberlin vor?
Material für etwa fünf Sendungen zu sammeln. Unter anderem hatte ich eine Verabredung mit Paul Dessau. Er holte mich von der S-Bahn in seinem Auto - einem Mercedes, glaube ich - selber ab und fuhr mich in seine Villa am Zeuthener See. Er trug kurze Hosen, war überhaupt sehr rüstig, fast sportlich mit seinen 72 Jahren. Ich weiß noch den genauen Tag, denn er hatte einen Vertrag aufgesetzt, den ich noch habe, wonach ich mich verpflichtete, ihm für das Interview 250 Kronen auf ein Westberliner Konto zu zahlen. Eigentlich ein lächerlich niedriges Honorar, etwa 30 Euro nach den heutigen Verhältnissen. Normalerweise wurden Interviewpartner nicht honoriert, war aber ein Prinzip von ihm. Der Vertrag datiert vom 7. Juni 1967. Übrigens wollte er gern nach Kopenhagen kommen, um mit den Rundfunksinfonikern eins seiner Orchesterwerke zu dirigieren. Sollte ich dort ausrichten, was ich natürlich auch tat. Die Sachverständigen meinten aber nicht, dass er ein besonders guter Dirigent sei, und seine Musik war im Westen sowieso nicht gefragt. Eine Einladung blieb also aus. Ich fragte ihn natürlich nach seinen Erfahrungen mit der Formalismusdebatte, wo er und Brecht scharf angegriffen wurden: "Die Verurteilung des Lukullus" 1951. Das fertigte er ab: "Brecht änderte Einiges, und ich änderte Einiges, und wie das so üblich ist bei Änderungen bei Kunstwerken, meistens gewinnen diese Kunstwerke, und so haben wir eigentlich unserer Regierung, unserer Parteiführung zu verdanken, dass diese Kunstwerke sich verschönert haben. Das ist das Fazit dieser Unterhaltung." Das ist ein direktes Zitat aus unserer - Unterhaltung.


Schöne Grüße von Paul Dessau! Darauf Busch: "Was geht der mich an? Nicht eine Bohne!"


Hat es Dessau übel genommen, dass Sie ihn nach der Formalismusdebatte gefragt haben?
Ganz im Gegenteil. Er war begeistert, weil er glaubte, die Wahrheit dementiert zu haben. Aufrichtig waren solche Leute fast nie. Dessau war wirklich ein arrivierter Mann geworden. Nach Eislers Tod galt er als der prominenteste DDR-Komponist überhaupt, was er auch sichtbar genoss. Er lebte wie in Kalifornien, fast Hollywood, aber sehr geschmackvoll, modern. Er war aber aufrichtig und sichtbar nervös für einen kurzen Moment, als er mich fragte, ob ich Neuigkeiten über den arabisch-israelischen Krieg wüsste. Was sollte ich da wissen können, da ich in einem Ostberliner Hotell wohnte? Hatte er vielleicht vergessen. Er war ja Jude, und Israel galt in der DDR als Feindesland. Gehört ja auch zur traurigen deutschen Geschichte, dass man da leise treten musste. Natürlich sprachen wir auch über "Die Thälmann-Kolonne", seinen einzigen Hit. Von Ernst Busch war auch die Rede, den ich wenige Tage danach wieder besuchen sollte, was ich auch Dessau gegenüber erwähnte. Wahrscheinlich sprachen wir darüber, dass Busch manchmal schwierig sei. "Grüßen Sie ihn von mir," sagte er, "das wird Sie leichter über die Türschwelle bringen." Was ich auch sofort tat, als ich bei Busch ankam. Dieser Anfang war ebenso unglücklich wie das erste Mal, als ich mit den Schallplattenrechten loslegte. "Was geht der mich an? Nicht eine Bohne!" Und er fuhr fort darüber, dass Dessau vor 1933 nichts gegen die Nazis unternommen hatte und sich jetzt zum grossen Antifaschisten stilisieren wollte. Über "Die Thälmann-Kolonne", die ja in Paris entstanden war, sagte Busch: "Die hat seine Frau in der Küche beim Kartoffelschälen ins Kochbuch geschrieben." Dessaus damalige Frau, Gudrun Kabisch, eine preußische Generalstochter, hat ja den Text unter einem Pseudonym verfasst. Als ich wissen wollte, ob sie auch das Lied komponiert habe, wusste er das nicht so genau. Er fuhr dann mit einem Vergleich fort: Sein Freund Grigori Schneerson hatte ja Brechts "Aufbaulied" komponiert, während eine Komposition von Dessau dazu bekannter ist - ich glaube, sie ist auch von der FDJ verbreitet worden. Busch sagte, er habe Hanns Eisler gebeten die beiden Melodien zu vergleichen. Eisler habe die von Dessau als "ein hysterisches Kinderliedchen" bezeichnet, während er über die von Schneerson gesagt haben soll: "Die könnte man eventuell noch unter dem Galgen singen". Das ist Wort für Wort, was Busch mir gesagt hat.

Dass Busch sich über diese Bewertung gefreut hat, ist klar. Schneerson war sein bester Freund ...
Ja, wobei ich die Version von Schneerson ein bisschen süßlich finde wie auch die Aufbau-Schlager von Louis Fürnberg. Optimismus ist so eine Sache ...  An die Version von Dessau erinnere ich mich nicht mehr so genau. Übrigens hat Busch behauptet, dass Brecht bei einer der Aufnahmen des Schneerson-Liedes - es gibt davon mehrere - im Studio dabei war und im Chor mitgesungen hat, seine Stimme sollte auch erkennbar sein. Er hat einmal versucht, mir das vorzuspielen, ist aber an eine falsche Version geraten. Sollte man untersuchen.

Hat Busch Ihnen gegenüber die Geschichte vom "Herrnburger Bericht" und Paul Dessau erwähnt?
Nein, gar nicht. Er hat mir das Heft von Charlotte Wasser über sich gegeben. Da steht ja die Urfassung des Gedichtes "Angebot" von Brecht drin, wo Busch noch nicht gestrichen ist: "Und wenn Ernst Busch singt / Wärt ihr nur dabei!". Jahre später, die Mauer stand noch, war ich bei Hans Bunge, der immer so kontroverse Dinge wusste und auch ein Freund von Busch war. Da habe ich Bunge gefragt: "Was war eigentlich mit Busch und Dessau?" Und Bunge hat mir dann die ganze Geschichte über den "Herrnburger Bericht" erzählt.

Wie wohnte Busch verglichen mit Dessau?
Hell, bürgerlich, mit einem großen Kronleuchter, aber sympathisch. Die Stube war von den vielen Bücherregalen dominiert. Die Familie war jetzt in die Leonhard-Frank-Straße umgezogen. Als ich nach seinem Tode erfuhr, dass hier ein Ernst Busch-Haus eingerichtet werden sollte - ich war nie da - überlegte ich, ob das nicht ein bisschen zu viel sei. Die Aura eines Sängers und Schauspielers hängt wohl nicht mit einer Wohnung zusammen. Vielleicht eher die eines Schriftstellers, der hier seine Werke geschrieben hat. Diese Ein-Mann-Museen haben mitunter etwas Problematisches. Ich habe auch nie eine Führung durch das Brecht-Weigel-Haus mitgemacht. Ich würde mir ziemlich blöd vorkommen.

Auch diesmal wieder kein Interview mit Busch?
Die Nagra blieb auf dem Flur. Einige Tage später kam sie aber völlig unerwartet zum Einsatz. Ich machte einen kurzen Ausflug nach Westberlin, um echten Kaffee zu trinken. Wegen Koffeinmangel hatte ich im Osten Kopfschmerzen bekommen. Das war am Samstag, den 10. Juni. Der Kudamm war voll von Studenten, sie versuchten mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Ich habe auch Gudrun Ensslin gesehen, wie sie von der Polizei abgeschleppt wurde. Ich beschloss, meine Nagra in Ostberlin zu holen und wusste, dass ich mit den Bändern Probleme bekommen würde. Ich nahm eine Handvoll Flugblätter mit und ging zu den DDR-Grenzern am Bahnhof Friedrichstraße und zeigte ihnen die Flugblätter, deren Inhalt radikal links war, und argumentierte: "In Westberlin ist beinahe die Revolution ausgebrochen!" Und weil die Läden in Westberlin schon geschlossen seien, müsse ich unbedingt Bänder aus meinem Hotel holen. Da war nichts zu machen. Ich durfte wie gewöhnlich nur das Tonbandgerät über die Grenze bringen. In Westberlin, wo die Studenten sich völlig isoliert und verraten fühlten, versorgten die mich mit privaten, in gewissen Fällen schon gebrauchten Bändern, damit ihre Gesichtspunkte auch im Ausland verbreitet wurden. Als ich genug Material hatte, versprach ein Student mir, meine Aufnahmen mit der Post nach Kopenhagen zu schicken, was er auch tat. Eine entscheidende Sache in Ostberlin wurde auch durch diesen Abstecher nach Westberlin geprägt. Auch das war ein Zufall.


"Wolf Biermann zu finden war nicht schwer. Man sollte nicht vermuten, dass in einer Überwachungsgesellschaft Volksfeinde im Telefonbuch stehen."


Worum ging es?
Es hatte mit dem Zeitgeist damals zu tun. An diesem Samstag in Westberlin hatte ich in der Zeit vom 9. Juni, dem Tag vorher, einen sehr akribischen, kompetenten Artikel von Dieter E. Zimmer gelesen: "Wolf Biermann wird nicht vergessen". Ich war nie bei Biermann gewesen und beschloss, ihn aufzusuchen. Seine Adresse war damals nicht so bekannt, wie sie es später wurde, als er sie als Titel seiner ersten LP benutzte.

Wie haben Sie ihn dann gefunden?
Er stand im Telefonbuch. Es gab nur ein Telefonbuch für ganz Ostberlin. Da stand er drin. In einer Überwachungsgesellschaft sollte man nicht vermuten, dass Volksfeinde im Telefonbuch stehen.

Haben Sie ihn angerufen?
Nein. Ich war mir nicht ganz sicher. Er stand als Karl-Wolf Biermann da. Das ist sein voller Name. Er ist nach einem Hamburger Kommunisten benannt, Karl Wolff, der 1934 von den Nazis hingerichtet worden war. Ich ging dorthin: Chausseestrasse 131. Das war auf dem vertrauten Weg zum Brecht-Archiv. Auf dem Hof spielten einige Jungen Fußball. Die habe ich nach ihm gefragt. Es gab zwei Treppenhäuser, sie haben mir das richtige gezeigt. Biermann sah fast traurig aus - nicht nur wegen des Schnauzbarts und der schweren Augenlider. Er wirkte erschöpft, seine Stimme war müde. Ich dachte zuerst, der singt nicht mehr.

Hatten Sie Ihr Aufnahmegerät mitgebracht?
Ja. Nachdem wir eine ganze Weile gesprochen hatten, holte er seine Gitarre. Er sang für mich, als ob ich ein ganzer Konzertsaal voller Menschen wäre. Ich erinnere mich besonders an die "Bilanzballade im dreißigsten Jahr", weil die eine so packende Musik hat. Er sang noch "Es senkt das deutsche Dunkel". Auch Gedichte hat er mir, nicht vorgelesen, sondern mit voller Lautstärke rezitiert: jenes über die Plastik von Fritz Cremer, "Der Aufsteigende", wovon er eine kleine bronzene Vorarbeit besaß. Auch das zentrale "Brecht, deine Nachgeborenen". Alles Unveröffentlichtes.


"Biermann verkörperte damals sehr dynamisch eine neue Generation, während zum Beispiel der Oktoberklub ein lahmer Liederkranz war."


Das haben Sie alles aufgenommen?
Nein, das wollte er nicht. Das war eigentlich blöd, weil ich das professionell hätte aufnehmen und ohne Schwierigkeiten nach Kopenhagen mitnehmen und weitervermitteln können. Das war aber nicht seine Absicht ...

Sondern?
Viele Jahre später, nach dem Hinauswurf, hat er selbstironisch darüber berichtet, wie er zufällige Gäste mit seinen Liedern geradezu überfallen hat. Da ist er aber ungerecht sich selbst gegenüber. Das war damals Teil seiner Überlebensstrategie und deshalb so unvergesslich. Ich blieb auch nicht der zufällige Gast, sondern dieser erste Besuch wurde der Anfang einer freundschaftlichen Beziehung. Wir duzten uns auch bald. Er war ja überzeugter Kommunist und bekannte sich zur DDR als "die bessere Hälfte". Er war wie bekannt Sohn eines Hamburger Kommunisten und Juden, der in Auschwitz ermordet worden war. Er sah sich in der Tradition von Brecht, Eisler, Busch. Er war auch mit den Arbeiterliedern bestens vertraut. Seine Mutter hatte ihm das ursprünglich beigebracht. Er wusste aus dem Stehgreif, auf Deutsch natürlich, den dänischen Sozialistenmarsch von 1871 zu singen. Ich habe ihn und seine Mutter, die alte Kommunistin Emma, die einmal zu Besuch dort war, den "Roten Wedding" singen hören. Wenn er dabei ein bisschen Ironie einblendete, unterbrach ihn die Mutter: "Du sollst darüber nicht Spaß machen, dafür ist dein Vater gestorben." Ich weiß auch noch, wie er und ich einmal über Fahnenlieder diskutiert haben, von denen es ja eine Menge gibt. Über die rote Fahne, die Hakenkreuzfahne, die dänische Nationalflagge, die als die älteste in der Welt gilt und so weiter. Ich habe die Frage aufgeworfen, ob diese Fahnen in den Liedern ohne weiteres auswechselbar sind. In gewissen Fällen ja. Wenn es nur um die Fahne als Fetisch geht. Da hat Biermann als positives Gegenbeispiel "Des Volkes Blut" hervorgehoben, ursprünglich ein polnisches Lied, dessen deutsche Übersetzung angeblich von Rosa Luxemburg stammt. Besonders hat er im Refrain den Zweizeiler "Rot ist das Tuch, das wir entrollen, / Klebt doch des Volkes Blut daran!" hervorgehoben. Das hat er als ethisches Pathos bezeichnet. Ich habe dieses Lied nicht wiedergehört, bis es auf einer der Barbararossa-CDs mit Busch im Jahr 2000 plötzlich auftauchte. Leider hat Biermann nie eine Platte mit diesen klassischen Arbeiterliedern gemacht, die er auf seiner Gitarre auch hervorragend begleitete, aber dafür eine Spanien-Platte mit vier der Busch-Lieder. Biermann verkörperte damals sehr dynamisch eine neue Generation, während zum Beispiel der Oktoberklub ein lahmer Liederkranz war. Nach dem Vorbild von Pete Seeger, dessen Vortrag zu diesem furchtbaren Banjo in der Länge unerträglich war, bis Bob Dylan als der große Retter plötzlich auftauchte. Bei uns, meine ich, nicht in der DDR. Busch, Biermann, Dylan, das sind ja Individualisten und Provokateure. Ich mag Leute, die ab und zu mit dem Rücken zum Publikum spielen, wie Miles Davis: Ihr könnt mich ... Meine wesentlichen Gespräche während des Aufenthalts Juni 1967 in Ostberlin, die mit Busch und Biermann, sind leider nur in meinem Gedächtnis gespeichert. Ich hatte aber eine Verabredung mit Biermann getroffen, dass ich ein Interview mit ihm aufnehmen sollte. Das hat sich nur immer wieder verschoben.

Dann folgt das historische Jahr 1968 ...
Eben. In den kommenden Monaten war ich oft in Westberlin, wegen der Studenten und so, aber jedes Mal besuchte ich auch Biermann, ohne Tonbandgerät. Ich lernte dabei Leute in seiner Umgebung kennen. Seine Mutter, wie schon erwähnt. Seine damalige Lebensgefährtin, die Schauspielerin Eva-Maria Hagen. Ich lernte auch einen seiner Westberliner Kuriere, eine junge Frau, kennen. Sie vermittelte mir einen Kontakt zu Rudi Dutschke, den ich vor dem Attentat interviewte. Mit Biermann gingen wir auch ins Theater und ins Restaurant. Da erlebte ich eine vielsagende Episode: In einem neu eröffneten Restaurant in der Friedrichstraße gab es ausnahmsweise Eisbein mit Sauerkraut. Die Ostberliner Restaurantküche gab sich sonst ein bisschen international, Steaks mit Pommes frites und so. Biermann mochte Eisbein, ich mag besonders Sauerkraut und Erbsenpüree. Also hin, wir waren mehrere Leute. Während des Essens kam ein Kellner zu Biermann und fragte ihn höflich, ob er nicht der Schotte sei, der eben die Europameisterschaft im Kunstschlittschuhlaufen gewonnen hätte. Das war überall im Fernsehen gelaufen, daran war an sich nichts besonderes. Nur: Vom Typ und Körperbau her sah Biermann gar nicht wie ein Kunstschlittschuhläufer aus, das Bild war in jeder Hinsicht absurd. Der Befragte antwortete wahrheitsgemäß: "Nein, mein Name ist Wolf Biermann." Am Tische sprachen wir ein bisschen über diese groteske Verwechslung und konnten sie nicht ernst nehmen. Nach kurzem kam der Kellner zurück: "Entschuldigen Sie bitte. Ich wusste schon, dass Sie Wolf Biermann sind, aber ich und meine Kollegen diskutierten, ob das auch der Fall sein könnte. Wir glaubten, Sie seien von denen da oben erledigt worden." Das war ein Ausdruck der Sympathie, aber auch ein Zeichen dafür, dass er in der Bevölkerung bekannt war, auch wenn sein Name schon mehrere Jahre von den DDR-Medien verschwiegen worden war ... Darf ich chronologisch weitererzählen?


"Erwähnen Sie auf keinen Fall die Mauer, die Kirche und Wolf Biermann!" - Abenteuerliche Vorbereitungen einer TV-Dokumentation über das Kulturleben der DDR


Bitte sehr.
Anfang März 1968 saß ich in einem Büro im Rundfunkhaus in Kopenhagen, das ich mittlerweile okkupiert hatte, ich arbeitete sonst meistens zu Hause. Da klingelte das Telefon. Das war einer vom Fernsehen, den ich nicht kannte. Rundfunk und Fernsehen sind dieselbe Institution, Danmarks Radio, wie die ARD eine Anstalt des öffentlichen Rechts, damals noch dazu mit Monopolstellung. Der mir bisher Unbekannte - er hieß Erik Drehn-Knudsen - erzählte, dass der neue Chef der TV-Kulturabteilung eine Folge über das Kulturleben in verschiedenen Ländern senden wollte, und er, Drehn, war für die Sendung über Deutschland zuständig. Er hatte Erfahrung mit Fernsehproduktion, brauchte aber einen Experten, der für den Inhalt mitverantwortlich war. Er verstand zwar Deutsch, kannte sich aber in den aktuellen Verhältnissen nicht besonders aus und war nie in der DDR gewesen. Ich war ihm als Experte empfohlen worden. Danmarks Radio verfügte damals über recht große Mittel. Zum Beispiel würden wir als Vorbereitung drei Wochen in den beiden deutschen Staaten herumreisen können. Die Aufnahmen mit Kameramann und Tonmeister würden auch drei Wochen dauern. Wenn das nach Luxus klingt, muss man bedenken, dass allein Westdeutschland ein Riesengebiet ist, die Aufnahmen mussten also sehr gut vorbereitet sein. Immerhin klang das sehr interessant, ich hatte immer gern fürs Fernsehen arbeiten wollen. Ich sagte sofort zu. Ich sagte aber auch schon am Telefon, wir müssten Wolf Biermann in der Sendung haben, obwohl das von vornherein völlig ausgeschlossen war.

Das war Ihre Bedingung?
Ja, denn im Gegensatz zu Ernst Busch war Wolf Biermann brennend aktuell. Ich stellte uns diese Aufgabe: Wolf Biermann muss mit, alles andere ist eine Kapitulation. Eventuell auch sein Freund, Robert Havemann, dessen Buch "Dialektik ohne Dogma" auf Dänisch erschienen war. Natürlich mussten wir mit den offiziellen Organen der DDR Kontakt aufnehmen, zuerst per Telex. Die ließen uns sehr früh wissen, dass sie nicht in einer Sendung zusammen mit der Bundesrepublik als "Deutschland" behandelt werden wollten. Darum mussten wir von Anfang an zwei Sendungen planen. Drehn und ich flogen dann zu den Vorbesprechungen nach Ostberlin. Ein westdeutscher Journalist sagte mir vorher: "Erwähnen Sie mit keinem Wort die Mauer, die Kirche oder Wolf Biermann. Sonst bekommen Sie keine Einreiseerlaubnis." Durch den Kurier in Westberlin ließ ich etwas salopp Biermann wissen, dass ich jetzt lieber Fernsehen als Rundfunk mit ihm machen wollte. Wir brauchten nie mit ihm zu telefonieren oder Briefe an ihn zu schreiben. Ich wusste in diesem konkreten Fall schon eine Menge über Wanzen, also eingebaute Mikroabhörgeräte, Stasi und so weiter. Vielleicht fand ich ihn ein wenig paranoid, seine Behauptungen entsprachen aber der reinen Wahrheit, wie wir heute wissen. In Ostberlin konnten Kollege Drehn und ich frei herumlaufen, ohne Gerät waren wir ja nicht gefährlich. Ehe wir uns in den Dschungel der Behörden und Bürokraten begeben mussten, suchten wir Biermann auf. Das war am 30. März, einem Samstag. Etwas mit der Verabredung hatte aber nicht geklappt, er hatte uns einige Tage früher erwartet. Er sollte das ganze Wochenende bei Robert Havemann in Grünheide verbringen, die drei Kinder von Havemann konnten jeden Moment dasein um ihn abzuholen. Natürlich war das unmittelbar ärgerlich. Dieses Missverständnis sollte sich aber als Glück im Unglück erweisen. Wir fragten, ob wir mitfahren dürften, denn Havemann stand ja auch auf der illegalen Liste. Wir fuhren dann mit der S-Bahn nach Erkner, wo Havemann mit seinem Wartburg wartete. Er reagierte ein bisschen befremdet auf uns, denn wir waren ja nicht angekündigt. "Das sind dänische Freunde," erklärte ihm Biermann. In dem später berühmten Wochenendhaus in Grünheide am Möllensee besprachen wir das Ganze. Wegen der Wanzen, die tatsächlich da eingebaut waren, lief "A Whiter Shade of Pale" von Procol Harum die ganze Zeit lautstark auf einem Tonbandgerät. Biermann hatte ja eigentlich grundsätzlich nicht Ja zu dem ganzen Unternehmen gesagt, war eigentlich vom Typ her ängstlich. Havemann war mutiger.


"Wissen Sie, dass man gestern Martin Luther King erschossen hat?"


Weil er älter und erfahrener war?
Biermann war im besten Sinne des Wortes ein Muttersöhnchen. Er war von der Mutter und der Großmutter, diesen wunderbaren Kommunistinnen in Hamburg, großgezogen worden. Havemann war schon 1943 vor dem Volksgerichtshof von Roland Freisler zum Tode verurteilt worden. Aber wo sollten wir die Aufnahmen machen? Kamera, Lampen, Tonbandgerät und den ganzen übrigen Kram in Biermanns Wohnung in der Chausseestraße die Treppe raufzuschleppen, wo immer eine Menge Leute auf der Straße herumliefen, auch Leute in Uniform, war ausgeschlossen. Bisher war es keinem Westdeutschen oder Ausländer gelungen, die das versucht hatten. Sie waren alle entdeckt und des Landes verwiesen worden. Wir mussten eventuelle alternative Zugangswege suchen. Das ist, was man heute ein logistisches Problem nennt. Plötzlich kam Kollege Drehn auf eine Idee, die sich als genial erweisen sollte, obwohl sie unmittelbar noch törichter klang: "Wir könnten es hier machen." Wir saßen immerhin etwa 50 km von Ostberlin, unserem Standort während der kommenden ersten Drehtage. Wie sollten wir unbeobachtet herauskommen? Drehn blätterte in seinem Kalender, der Drehtermin war schon von Kopenhagen aus festgelegt, so was plant man ja lange voraus. Während unseres Aufenthalts würde es einen Sonntag geben, den 2. Juni, den Pfingsttag obendrein, wo auch planmäßig gedreht werden sollte. Es würde leicht sein, die Vertreter des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates davon zu überzeugen, dass unserem Kameramann und unserem Tonmeister eben dieser Pfingsttag als freier Tag zustand - laut dänischen gewerkschaftlichen Regeln. Diese Intrige wurde schon damals in Grünheide skizziert. Biermann und Havemann brauchten nur dafür zu sorgen, dass sie am kommenden Pfingsttag dort wären, während Drehn und ich von Kopenhagen aus und später nach der Ankunft in Ostberlin alle Hindernisse, theoretische wie praktische, aus dem Wege räumen mussten. Havemann sagte sofort zu, das war für Biermann die entscheidende Motivation. Seine durchgehende Grundhaltung war sonst "Die wissen es schon", was nicht besonders produktiv war. Wenn das Überwachungssystem perfekt war, ließ sich natürlich gar nichts machen. Wir setzten auf seine Fehlerhaftigkeit. Zum Beispiel gab es zwischen Ostberlin und der übrigen DDR Wachposten, die die Pässe kontrollierten. Wir würden zwar ein Visum für die ganze DDR bekommen, aber wahrscheinlich würde man die dänischen Kennzeichen auf dem Auto registrieren. Havemann wusste einen öden Waldweg, wo nur eine leere Wachhütte stand. Er markierte diesen Waldweg auf unserer mitgebrachten Landkarte. Solche Probleme gab es natürlich dutzendweise. Wir waren auch beim DDR-Fernsehen in Adlershof und sahen uns Filmaufnahmen mit dem Berliner Ensemble, der Komischen Oper, auch mit Ernst Busch an, die wir eventuell für harte Währung kaufen könnten, wenn wir Zitate brauchten. Ich hatte die Grundidee, Goethes und Schillers Weimar mit dem KZ-Lager Buchenwald zu verbinden, um die humanistische Grundlage der DDR zu visualisieren. Ich war schon 1966 privat dort gewesen. Der Bildhauer Fritz Cremer hatte das Buchenwald-Monument gemacht. Darum suchten wir ihn am 2. April in seiner Wohnung auf um ihn für die Mitwirkung zu gewinnen. Er war sofort bereit, uns sein Atelier zu zeigen. Er fuhr uns in seinem Auto dorthin. Das Atelier lag in einem Sperrgebiet dicht an der Mauer, wo man sonst nicht hin kommen durfte. Es gab einen Wachposten, wir mussten die Pässe zeigen. Es war ein riesiges Gebäude, das früher von einem der beiden Nazibildhauer, Thorak oder Breker, benutzt worden war. Die Plastiken von Cremer waren großartig, dort wollten wir gerne filmen, wenn es soweit war. Wir fuhren zu seinem Haus zurück und wurden auch von seiner Frau sehr freundlich empfangen. Sie waren alle beide sehr interessiert und offen. Ich erzählte, was wir in Ostberlin bisher gemacht hatten, abgesehen von der Geheimsache natürlich. Ich erwähnte auch die Filme, die wir beim Fernsehen gesehen hatten. Unter anderem mit dem Sänger Ernst Busch. Frau Cremer fragte: "Wissen sie nicht, dass es noch einen anderen Sänger hier in der DDR gibt?" Ich wusste schon, dass Biermann mit den Cremers irgendwie befreundet war. Biermann hatte ja Freunde unter den Etablierten, aber das war immer so ein bisschen geheim. Sollte ich den Namen aussprechen? Das taten Kollege Drehn und ich nie untereinander, schon gar nicht im Hotel, wir benutzten stattdessen verschiedene Decknamen. "Sie meinen Wolf Biermann?" wagte ich dann zu fragen. Genau, wenn wir ihn noch nicht kannten, wäre Frau Cremer dazu bereit, uns eines Abends mit ihm zusammen einzuladen. Pause. Fritz Cremer sah aus, als wäre das auch nach seiner Auffassung eine glänzende Idee. Diese gemeinsame Einladung lag noch einige Sekunden in der Luft und forderte eine höfliche Antwort. Ich musste andeuten, dass ihr Vorschlag überflüssig sei. Also, die Cremers waren hoffnungslos naiv, dass sie nicht ahnten, wie verpönt Biermann in der DDR war. Parallel dazu liefen allmählich unsere Verhandlungen mit den Behörden. Wer eigentlich zuständig war, war am Anfang ein Rätsel. Wir sprachen mit Vertretern des Kulturministeriums und des Außenministeriums. Endlich sind wir bei Edgar Oster in der Charlottenstraße gelandet. Er war Direktor des Reisebüros für Journalistenreisen, eine Zweigstelle des Außenministeriums. Herr Oster übte die ganze Macht aus und wurde unser böser Geist. Er ließ uns merken, dass es unklug von uns war, dass wir schon Leute wie Fritz Cremer aufgesucht hatten. So etwas sollten wir ihm und seinen Leuten überlassen. Wir durften eine Wunschliste zusammenstellen und alle Fragen lange vorher schriftlich formulieren, damit auch die Antworten gut vorbereitet werden konnten. Abgesehen von dem illegalen Teil wurden Kollege Drehn und ich uns darüber einig, nur systemkonforme Wünsche zu äußern. Nur wollten wir gern Cremer auf der Liste behalten. Ein gewisser Einfluss blieb mir. Als ich erfuhr, dass wir unbedingt ein Pionierlager besuchen sollten, fragte ich, ob die Pioniere nicht "Anmut sparet nicht noch Mühe" von Brecht und Eisler singen könnten. War also meinerseits gar nicht ironisch gemeint. Das haben sie tatsächlich auch gelernt, war natürlich gestellt oder eben bestellt. Ob diese Mädchen schon vorher das Lied kannten, weiß ich nicht. Ich führte immer die Gespräche, während Kollege Drehn Notitzen machte. Das war eine gute Arbeitsteilung. Dabei hatte ich die ganze Zeit Augenkontakt mit den Leuten, denn ich brauchte währenddessen nicht in irgendwelche Dokumente zu gucken. Mein schlimmstes Erlebnis mit Herrn Oster hatte ich am 5. April. Wir trafen wie gewöhnlich um etwa 10 Uhr in sein Büro ein und setzten uns. Da fragte er mich plötzlich unvermittelt: "Wissen Sie, dass man gestern Martin Luther King erschossen hat?" Und da wartete er mit einem merkwürdigen, süffisanten Lächeln auf meine Reaktion, das ich spontan unpassend fand, bis ich etwas sagte. Dabei fiel mir gewiss nichts Originelles ein. Nachher habe ich stundenlang versucht, dieses unpassende Lächeln zu interpretieren und kam zu dem Schluss: Dieser Mann war wahrscheinlich so primitiv, dass er gehofft hat, ich würde in diesem Moment mein wahres Gesicht, also das Gesicht des Klassenfeinds, zeigen und so etwas sagen wie: "Aaah, dann haben sie dieses schwarze Schwein also endlich abgeknallt!"


"Reisebegleiter hieß ja Aufpasser, Kontrolleur. Das war völlig klar."


Sie hatten noch nichts von dem Attentat gehört?
Nein, es traf mich unvorbereitet und ich war erst mal benommen ... Diese ganzen Erfahrungen hatten allmählich Kollege Drehn, der ein etwas vorsichtiger Mensch war, ursprünglich Bibliothekar, auf die illegalen Aspekte scharf gemacht. Ich kannte ja das alles von früher, er fühlte sich allmählich von denen gedemütigt, weil sie uns alles vorschreiben wollten. Um nach Weimar, Buchenwald und so zu kommen, durften wir nicht einfach den Zug nehmen. Das dänische Fernsehen musste für eine Ostlimousine, einen Chauffeur und einen Reisebegleiter zahlen. Der Reisebegleiter war ein Germanistikstudent von der Humboldt-Universität, Günther Drommer. Um die Wende lektorierte er für den Aufbau-Verlag die Bücher von Markus Wolf und hat wohl auch daran mitgeschrieben, angefangen mit der "Troika". Diese ganzen Leute hatten überhaupt keine Erfahrungen mit Westmenschen. Zum Beispiel fragte Drommer uns, ob wir etwas dagegen hätten, wenn in einem Restaurant der Chauffeur mit bei Tisch säße. Die hatten also eine Auffassung, dass man fast erschrak. Sonst war die Stimmung freundlich. Während der Fahrt sprach ich mit Drommer. Er erzählte, dass sein Studium ihm erlaubte, westdeutsche Bücher zu lesen, die in der DDR verboten waren, etwa von Günter Grass. "Ich hab mir auch 'Die Drahtharfe' schicken lassen," fügte er hinzu. Ich merkte, wie ich rot anlief, und kommentierte seine Aussage mit keinem Wort. Kollege Drehn verstand sie nicht, der Chauffeur auch nicht, was schon wichtiger war. "Die Drahtharfe" war der erste, bisher einzige Lieder- und Gedichtband von Wolf Biermann, der in Westberlin erschienen war. Der Name Biermann war so tabuisiert wie der Name Trotzki in der schlimmsten Stalin-Zeit. Das war fast metaphysisch. Der Kellner hatte ja auch nicht gesagt: "Sind Sie Wolf Biermann?" sondern "Sind Sie der schottische Schlittschuhläufer?" Dann musste der Betroffene selber den verbotenen Namen aussprechen, wenn er dazu den Mut oder die Lust hatte: "Nein, ich bin..." Nicht wahr? Wir wussten, dass wir auch während der Aufnahmen einen Reisebegleiter bekommen würden, und wir hofften, dass es nicht der Drommer wurde, der uns recht sympathisch war, denn dann würden wir ihn reinlegen müssen. Wer uns da in die Quere kam, würde eventuell seinen Job bei Herrn Oster oder der Stasi verlieren. Reisebegleiter hieß ja Aufpasser, Kontrolleur. Das war völlig klar.

Haben Sie in Kopenhagen vor der Abreise keinerlei Hilfestellung oder Beratung durch, sagen wir, erfahrene Auslandskorrespondenten bekommen?
Wir waren die erste dänische Fernseh-Crew in der DDR überhaupt. Wir mussten alles selber erfinden. Von Kopenhagen lief dann der Telexverkehr mit Herrn Oster auf hohen Touren. Auch wurde die Reihenfolge der Aufnahmen immer wieder geändert. Nur den freien Tag trauten sie sich nicht zu streichen. Ein Pilotwagen des dänischen Fernsehens war damals ein heller Mercedes Kombiwagen, der - sollte es sich zeigen - überall in der DDR großes Aufsehen erregte. Also eine wunde Stelle. Hinten konnte man reinschauen. Da stand das ganze Gerät in Metallkästen, während die Stative für Kamera und Lampen in Hüllen von Sackleinen danebenlagen. Wenn wir in der Nacht zwischen Samstag und Sonntag nach Grünheide fahren und das Gerät und die Stative bei Havemann unterbringen könnten, könnte der vollgepackte Wagen den ganzen Pfingsttag vor dem Hotel stehen. Wir haben durch den Kurier bei Havemann nachgefragt. Er hatte eine Garage, wo wir das alles unterbringen konnten. Ich dachte mir, wenn das klappte, würde er im eigentlichen Sinne straffällig werden, als Komplize, bei der Mitwirkung an irgendeinem Verbrechen. So lange er nur passiv in seinem Wochenendhaus saß, hätte er nichts verbrochen. Die Behörden der DDR sollten verhindern, dass wir ihn erreichten. So waren wohl die Spielregeln. Dennoch hatte er keine Bedenken, und so wurde das abgemacht.

Und Sie und Ihr Kollege fühlten sich wie Helden in einem Spionage-Krimi ...
Naja, ein bisschen schon. Denn obwohl die Risiken nicht vergleichbar waren, riskierten auch Drehn und ich allerhand. Keiner in Kopenhagen wusste von dem Plan, auch der Kulturabteilungschef nicht. Wenn man uns in der DDR erwischt hätte, wären wir zu Hause als tollkühne Abenteurer beschimpft oder sogar ausgelacht worden. Ohne Material für eine Sendung zurückzukehren wäre sowieso peinlich gewesen. Außerdem konnten die DDR-Behörden den Wagen und das ganze teure Gerät konfiszieren. Es gab ja überhaupt keine diplomatischen Verbindungen zwischen Dänemark und der DDR. Es war meine erste Erfahrung mit dem Fernsehen, und auch Drehn war noch freischaffend. Die Medien waren schon damals voller Intrigen und Eifersucht: "Das hättet ihr euch doch denken können, dass das nie gutgehen würde, Trottel!" Nicht nur aus Sicherheitsgründen haben wir den Chefs und den sogenannten Kollegen nichts erzählt.


"Bei denen waren die Menschen ohne weiteres austauschbar."


Wann sind Sie dann losgefahren?
Am 29. Mai. Erst zwei Tage vor der planmäßigen Abreise bekamen wir endlich die Einreiseerlaubnis. Unser Wagen mit den vier Insassen wurde von einem neuen Reisebegleiter, Herrn Kaufmann, einem reiferen, dicken Herrn mit Glatze und dunkler Brille, empfangen. Beim ersten Arbeitsgespräch mit ihm wurde die Reihenfolge der Aufnahmen durchgesprochen. Die hatten sie zum X-ten mal geändert. Gottseidank blieb der Pfingsttag offen. "Da werde ich etwas Sightseeing arrangieren," sagte Herr Kaufmann nach der Devise: nur nicht allein lassen. Plötzlich entdeckte ich, dass Fritz Cremer von der Liste verschwunden war. Er war bisher immer drauf gewesen. Ich fragte, wieso. "Der ist zur Zeit nicht in Berlin." Vielleicht wusste Kaufmann es nicht besser, er war ja nur der Laufbursche vom Oster. Da wurde ich ausnahmsweise aggressiv: "Das stimmt nicht, ich habe aus Kopenhagen mit ihm telefoniert" - was der Wahrheit entsprach - "und er wird uns Montag in seinem Atelier erwarten." "Dann muss etwas schief gelaufen sein." Herrn Kaufmann war das ein bisschen peinlich. Ich beschloss, nichts weiteres in der Sache zu unternehmen. Am nächsten Tag bei Herrn Oster habe ich nur gefragt, ob Cremer von unserem Ausbleiben orientiert war. Das wurde bejaht. Die wollten uns einen anderen bildenden Künstler besorgen, den Maler Willi Sitte in Halle. Bei denen waren die Menschen ohne weiteres austauschbar. Danach stießen Drehn, Oster, Kaufmann und ich mit einem Glas Vodka auf eine gute Reise an, während der Kameramann und der Tontechniker draußen im Korridor vor Osters Büro wie die Kulis warten mussten. So etwas wäre im kapitalistischen Dänemark natürlich unerhört gewesen.

Was hatten die DDR-Behörden gegen Cremers Mitwirkung?
Das ist ohne weiteres erklärbar. Er war ein impulsiver Mensch. Dem konnte man nicht vorschreiben, was er zu sagen hatte. Er war der größte Bildhauer in der DDR, Mitglied der Akademie der Künste, mit Auszeichnungen überhäuft. Auch Mitglied der SED. Hat ihm alles nichts genützt. Das Schweinische war, dass Herr Oster log. Cremer war gar nicht orientiert und wartete an jenem Montag in seinem Atelier vergeblich auf uns. Das weiß ich, weil ich ihn später von Kopenhagen anrief. Ich habe ihn leider nie wiedergesehen. Wenn wir Ernst Busch auf der Wunschliste gehabt hätten, wäre dasselbe passiert. Er ließ sich auch nicht steuern. Das ist an und für sich ein furchtbares Regime, das so verfügt und nur Marionetten duldet. Diese Erfahrung hat uns moralisch in der Biermann-Havemann-Sache sehr bestärkt. Wir müssen das tun!

War Ihr "Reisebegleiter" irgendwie mit kulturellen Themen vertraut? Ich meine, war das ein Gebiet, auf dem er sich gut auskannte?
Keineswegs. Ich habe mich riesig für die Leute auf der anderen Seite interessiert. Oster, Drommer, Kaufmann und wie sie alle hießen. Nicht als graue Masse, sondern als Individuen. Wie schon angedeutet habe ich nach der Wende Günther Drommer im Aufbau-Verlag aufgesucht. Er war nie über uns verhört worden und wusste gar nicht, dass wir auch illegal gearbeitet hatten. Was sein Nachfolger als Reisebegleiter, Harry Kaufmann, betraf, war er nicht besonders mitteilsam mit seinen Privatangelegenheiten. Muss Jude gewesen sein.


"Wir spielten die dummen Dänen, die sollten uns für völlig ungefährlich halten."


Wie kommen Sie darauf?
Nach dem Ausschlussprinzip. Er trug das VVN-Abzeichen, war also Verfolgter des Naziregimes. Nicht wegen politischer Tätigkeit, das kann ich nicht glauben, dazu war er zu faul. Später tauchte seine bedeutend jüngere Frau auf, die sehr gesprächig war, ich hatte das Vergnügen. Sie war völlig unkritisch der DDR gegenüber, er hatte dazu keine Meinung, nur einen Job. Er hatte einen Sohn aus erster Ehe, der Clifford hieß, und er nannte seine Frau, die eigentlich Dorothea hiess, Dolly. Ich glaube, er ist während der Nazizeit in den USA gewesen. Warum er gerade nach Ostdeutschland, nicht nach Westdeutschland zurückgekehrt war, war mir ein Rätsel. Frau Dolly war von mir sehr positiv eingenommen, weil ich eine Menge über Brecht, Becher und so weiter wusste. Die anderen spielten die dummen Dänen, ich ab und zu auch. Das war genau abgesprochen, die sollten uns für völlig ungefährlich halten.

Wie haben der Kameramann und der Tonmeister auf das Ganze reagiert?
Das war ihnen alles völlig neu. Und aufregend. Obwohl sie überall in der Welt unterwegs gewesen waren. Auch in Diktaturen. Sie hatten keine Probleme mit der Geheimniskrämerei. Zum Beispiel: Wir müssen davon ausgehen, dass Kaufmann Dänisch versteht. Alle diese Vorsichtsmaßnahmen. Der Tonmeister hatte so ein Schmuggler-Gen, das konstruktiv eingesetzt wurde. Auch spielte er am überzeugendsten den Blöden, der sich auch gerne auf Deutsch unterhielt. Ab und zu musste ich ein Auge auf ihn haben, weil das drohte, zu weit zu gehen. Frau Dolly Kaufmann fand ihn ungemein ordinär, das spürte man. Der Kameramann war ernst, sachlich, verstand in der Tat kein Wort Deutsch. Selber habe ich mich nie in meinem Leben so lange verstellen müssen. Da bekommt man ab und zu eine Wut, sind sehr interessante psychologische Mechanismen. Also: die Rollenverteilung war perfekt. Auch in der Freizeit blieben wir zusammen, was bei Auslandsreisen einer Fernsehcrew bei weitem nicht oft der Fall ist. War schon eine Art Kameradschaft.

Und die "dummen Dänen" hat man Ihnen geglaubt?
Da war eine sehr dumme Geschichte am 31. Mai. Kaufmann musste ständig telefonieren gehen. Mit Oster und anderen. Das geschah normalerweise bei Außenaufnahmen. Wenn er weg war, filmten wir eine Ruine oder, da wir zufällig in der Nähe waren, Biermanns Haus in der Chausseestraße. Das wurde später in der Filmmontage verwendet, ohne kommentiert zu werden. Sonst kontrollierte Kaufmann jeden Kamerawinkel. Am besagten Tag befanden wir uns in der Nähe vom Alexanderplatz, der völlig umgebaut wurde mit Fernsehturm und so. Wir sollten uns in einer halben Stunde vor unserem Hotel mit Kaufmann treffen um weiter zu dem Erfolgschriftsteller Hermann Kant zu fahren. Als er uns verlassen hatte, kamen wir auf die dumme Idee, auf die Baustelle zu gehen, um die Bauarbeiter über ihre Kulturgewohnheiten zu befragen. Das war an sich völlig unschuldig. Während ein Arbeiter erzählte, wie die Brigade ein Konzert mit Igor Oistrach arrangiert hatte und anderes mehr, wurden wir unterbrochen. Die hatten ja Walkie-Talkies. Wieso wir dort ohne Aufsicht filmten, wollte ein Vorarbeiter wissen. Uns wurde das weitere Drehen untersagt, und wir mussten mit ihm gehen. Die Volkspolizei hatte ein provisorisches Revier auf der Baustelle. Da wurden sämtliche Pässe sorgfältig abgeschrieben. Wir kamen etwas verspätet vor dem Hotel an. Kaufmann hielt da und wartete auf uns. Ich habe ihm sofort alles erzählt auf meine dumm-dänische Art. Er hatte so eine "ist wohl alles halb so schlimm"-Attitüde, weil ich so aufgeregt tat. Kurz nachdem wir die Wohnung von Hermann Kant betreten hatten, klingelte das Telefon. "Gespräch für Herrn Kaufmann." Dann konnte man indirekt hören, wie er in die Mangel genommen wurde. "Aber die gehen ständig auseinander," versuchte er, was gar nicht stimmte. Er sollte uns nie wieder während der Dreharbeit verlassen. Er sass dann schwitzend und schweratmig direkt neben mir, als ich Hermann Kant befragte. Er stöhnte so kräftig, dass es mich nachher wunderte, dass man es nicht auf dem Tonband hören konnte.

Haben Sie Hermann Kant über Biermann befragt?
Nein, natürlich nicht. So wie ich auch Fritz Cremer nicht über Biermann befragt hätte, also bei offenem Mikrofon und mit Kaufmann in der Nähe. Kant war später bei der Ausbürgerung von Biermann als Nachfolger von Anna Seghers Präsident des Schriftstellerverbandes und ein eifriger Befürworter dieser Maßnahme.


Eindrücke in der Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee


Hat Ihr "Reisebegleiter" seine Bewachung verschärft?
Also, Kaufmann hatte möglicherweise den Eindruck bekommen, dass er uns nicht trauen konnte. Das war sehr ärgerlich und so gar nicht notwendig. Am 1. Juni, dem Samstag vor Pfingsten, hatten wir aber wieder Glück, weil das der längste und anstrengendste Tag wurde. Der 1. Juni galt in der DDR offiziell als der internationale Tag des Kindes. Darum fuhren wir schon früh morgens in die Pionierrepublik "Wilhelm Pieck" am Werbellinsee. Da war die absolute Elite der Kinder aus der ganzen Republik versammelt. Erst gab es die Rituale, die auch ohne uns stattgefunden hätten. Friedenstauben wurden nach gereimten Sprüchen losgelassen. Sprechchöre: "Amis raus aus Vietnam". Aufmärsche mit Nationalfahnen aus allen möglichen Ländern, auch Dänemark.

Ihretwegen? Die dänische Fahne?
Nein. Ich vermute, dass alle Länder, wo es Pioniere, also kommunistische Kinderorganisationen, gab, durch ihre Fahnen vertreten waren. Dass es sich in Dänemark um weniger als hundert Pioniere aus den Kopenhagener Hinterhöfen, fast aus dem Lumpenproletariat, handelte, hat der Fahnenträger natürlich nicht gewusst. Der Cutter von meinem Busch-Film später war übrigens als kleiner Junge Pionier gewesen. Also eine Seltenheit bei uns. Wir haben viel darüber gesprochen. Er war nicht selber Kommunist geworden, hatte aber ein harmonisches Verhältnis zu seinem Elternhaus. Hat sich auch mächtig für Busch interessiert ... Dann bekamen wir eine Kindergruppe aus Rostock zur Verfügung oder vielmehr: sie bekam uns zur Verfügung gestellt. Wir filmten die Übergabe einer Pionierfreundschaft an den Pionierleiter durch ein etwa 12-jähriges Mädchen, eine Freundschaftsrätin, vermute ich, die zuerst "Augen geradeaus!" kommandierte. Wurde alles sehr stramm, sehr schneidig abgewickelt. Ich möchte aus dem weiteren Text zitieren: Der Pionierleiter übernahm die Truppe mit den Worten: "Grüßt euch mit dem Gruß der Thälmann-Pioniere für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!" Die Kinder antworteten: "Immer bereit!" Er fuhr fort: "Wir singen zu Beginn die erste Strophe des Liedes, 'Wer kann die Lieder der Freiheit verbieten', drei-vier." Dann haben die Kinder das Lied abgeleiert, wie das eben so ist. In unserem Kontext natürlich besonders ironisch. Wer kann die Lieder der Freiheit verbieten? Wir haben das nicht bestellt, war Zwangspensum. Der Kameramann hat vor sich hin "Hitler-Jugend" gemurmelt, ich flüsterte ihm leise "Halt die Klappe" zu, weil das ja unmittelbar verständlich war. Er war tatsächlich über diese fremden Sitten tief empört. In der Sendung wurde so was nicht kommentiert, nur die Aussagen und Lieder wurden durch Untertitel getextet, dann konnten die Zuschauer dazu selber Stellung nehmen.

Hatten Sie dieselbe Assoziation wie Ihr Kameramann?
Hitler-Jugend, meinen Sie? Mir war so etwas nicht völlig neu, Pioniere und so. Es gab damals etwa 1,7 Millionen Pioniere in der DDR. Davon kamen die meisten, das ließe sich statistisch nachweisen, aus Familien, wo die Eltern oder Großeltern unter Hitler mitgemacht hatten. Diese Kinder hatten einen Freibrief bekommen, wodurch sie von einer völlig entgegengesetzten Tradition adoptiert worden waren: die Tradition des Spartakus, der Interbrigaden in Spanien, des ganzen antifaschistischen Kampfes. Aber hauptsächlich durch Rituale und Parolen, die für den Einzelnen nicht durchschaubar und darum wohl recht sinnlos waren. Der Pionierleiter überreichte auch Buchprämien an Pioniere, die, ich zitiere: "die Frage richtig beantworteten, was Karl Marx als Wichtigstes für uns schrieb. Dass er eben 'Das kommunistische Manifest' für uns schrieb. Besonders für die Menschen schrieb, die sich noch von dem Kapitalismus befreien müssen." Muss so ein Quiz gewesen sein. Er sprach auch - fast wie ein Quizmaster im Fernsehen - von "den glücklichen Gewinnern". Ziemlich unbeholfen also. Humorlos vor allem. Später sind wir nach Dortmund gekommen, wo es eine völlig authentische rote, linkssozialdemokratische Tradition unter den Ruhr-Arbeitern gab, die natürlich unterdrückt, aber unversehrt das Dritte Reich überlebt hatte. Da war auch die Kindererziehung recht antiautoritär.


"Spaniens Himmel" gehörte zum lustlosen Lernen in der Schule und in der Pionierfreundschaft dazu."


Glauben Sie, dass die Pioniere Ernst Busch kannten?
Gewiss, dem Namen nach. "Spaniens Himmel" und so. Das gehörte wohl zum lustlosen Lernen in der Schule und in der Pionierfreundschaft. Daran ist nichts besonderes. In der Schule bei uns hat man auch die Klassiker totgeschlagen. Alles, was von den Autoritäten und vom Staat gefördert wird, ist wohl irgendwie suspekt. Auch darum habe ich mich ja so eingehend für Jazz interessiert, weil der von den Lehrern als minderwertig betrachtet wurde. Gehörte fast mit Motorrädern und Jugendkriminalität zusammen. Die waren ebenso borniert und - sagen wir ruhig dumm - wie die Autoritäten in der DDR.

Gab es für Sie auch positive Eindrücke bei den Pionieren?
Dass da Jungen und Mädchen zusammen waren. Das hat es weder in der Hitler-Jugend noch damals bei den Pfadfindern im Westen gegeben. Auch bekam man den Eindruck, dass es bei denen weniger förmlich zuging, wenn sie nicht eben stramm standen und Sprüche aufsagten. Das war ja überhaupt das Problem in der offiziellen DDR.

Wie meinen Sie das?
Die arrangierte, fast befohlene Spontaneität. Die faden Parolen und Losungen. Die abkommandierten Volksmassen. Mir fallen dabei die Westberliner Studenten ein. Unvergessen bleibt mir eine Riesendemonstration durch die ganze Innenstadt im Februar 1968. Da wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht auf großen Plakaten mitgetragen. Natürlich wurde der "Ho Chi Minh"-Ruf ständig wiederholt, was in der Länge schon nerven konnte. Hat wohl keinen Gegner zum Nachdenken gebracht. Die Studenten skandierten aber auch regelmäßig den Spruch: "Wir sind die kleine, radikale Minderheit." Das mag ein Zitat eines CDU-Politikers oder aus der Springer-Presse gewesen sein. Da marschierten also Zehntausende, ich glaube an die Hunderttausend, und dementieren allein durch ihre Zahl diesen Satz. Das war eben sehr elegant. So kann Politik auch sein.

Sie verbrachten diesen ganzen Tag bei den Pionieren?
Wir fingen früh morgens in dem Pionierlager an und waren erst um Mitternacht fertig, nachdem im Deutschen Theater dieselbe Vorstellung zweimal nacheinander gegeben worden war.

Hatte das Theaterstück etwas mit den Pionieren zu tun?
Überhaupt nicht. Das war eine Inszenierung von Benno Besson mit Eberhard Esche und Ursula Karusseit. Das Stück war von einem schreibenden Arbeiter verfasst. Eine Zusammenarbeit solcher Art war für unser Thema interessant.


"Die Wachhütte auf dem Waldweg, den Havemann empfohlen hatte, war bemannt. Und es gab einen Schlagbaum."


Und das gab es zweimal am selben Abend?
Ja. Dabei konnte der Kameramann während der ersten Vorstellung die Aufnahmen vorbereiten und dann während der zweiten drehen. Wir verfügten über zwei Logen. Frau Dolly war auch in einem schicken Abendkleid da. Nur konnte sie nicht vom übrigen Publikum bewundert werden, weil das Ehepaar Kaufmann natürlich mit uns in der Loge isoliert war, und wir liefen da in Hemdsärmeln herum. Das war ein irres Arbeitsprogramm während eines einzigen Tages. Herr Kaufmann war völlig am Ende, auch wir gähnten eifrig. Kaufmann sagte zum Abschied: "Sie brauchen jetzt ihren Schlaf. Ich schaue morgen im Hotel vorbei." Dann packten wir das ganze Zeug zusammen und fuhren es direkt nach Grünheide. Nur den Kameramann ließen wir im Hotel zurück, weil er seine Augen für den nächsten Tag schonen musste. So eine Mission wirkt wie Epo, das Adrenalin pumpt. Wir waren plötzlich hellwach. Es war jetzt stockdunkel. Das lief nicht völlig unproblematisch. Die Wachhütte auf dem Waldweg, den Havemann empfohlen hatte, war bemannt. Und es gab einen Schlagbaum. Der Tonmeister, der unbedingt den Wagen fahren wollte, hielt sehr ruhig und vornehm an. Er hatte etwas hervorstehende Augen, die dabei fast die Augenhöhlen verließen. Ich saß neben ihm und memorierte eine völlig unmögliche Deckgeschichte, die ich aber bereit hatte, weil Drehn und ich schon in Kopenhagen sämtliche nur denkbaren Eventualitäten durchgenommen hatten. Wir waren natürlich furchtbar nervös. Die Wachposten haben uns aber nur weitergewunken, ohne von dem Auto weiter Notiz zu nehmen. Solche Erlebnisse, die wir Havemann und Biermann weitererzählten, bestärkten Biermann in seiner Annahme, die wissen schon alles und warten nur auf die passende Gelegenheit um zuzuschlagen. Havemann empfing uns in Grünheide, um das Haus wurde sehr leise gesprochen. Wir leerten die Metallkästen und die Hüllen aus Sackleinen in seiner Garage. Da er die Garage auch als Schreinerwerkstatt verwendete und das Sackleinen jetzt sehr schlaff aussah, gab er uns einige passende Holzstöcke, die in die Hüllen gesteckt wurden um sie auszufüllen. Dann ging es zurück nach Berlin. Das ist, was man in der Dramaturgie "the point of no return" nennt: Jetzt gab es keinen Weg zurück.

Der Wagen sollte also zur Tarnung vor dem Hotel stehenbleiben?
Ja. Jetzt konnte der aufsehenerregende Mercedes-Kombiwagen den ganzen Pfingsttag vor dem Interhotel Unter den Linden stehen, voll gepackt und doch leer.

Man konnte hinten reinschauen ...
Genau. Wenn Herr Kaufmann oder andere Mitarbeiter von Herrn Oster vorbeikämen, würden sie nichts Verdächtiges sehen können. Wir stellten uns auch vor, und das ist später bestätigt worden, dass Angestellte in den Interhotels ein scharfes Auge auf so was hatten. Der Pfingsttag war ein wunderbarer Frühsommertag. Wie fast ganz Ostberlin fuhren wir mit der S-Bahn ins Grüne. Bei Havemann gab es sehr viele Leute. Biermann war mit seiner Gitarre eingetroffen. Auch Eva-Maria Hagen und ihre Tochter, die damals 13-jährige Nina Hagen. Die durften aber nicht gefilmt werden, weil Eva-Maria Hagen eine populäre DEFA-Filmschauspielerin war und ihre Karriere nicht riskieren wollte. Ich habe die beiden mit unserer Nikon fotografiert. Dagegen wollten die Havemann-Kinder, Frank, Florian und Sibylle, gern im Film mitwirken. Der Kameramann hat die Stube völlig professionel verdunkelt und die Lampen aufgebaut. Dann ging es los: Havemann argumentierte als Kommunist druckreif für die Freiheit der Künste und der Kultur, auch in der DDR. Biermann sang zwei Lieder nach eigener Wahl: "Noch" mit dem wiederkehrenden Satz "das Land ist still" über die DDR, aber auch "Drei Kugeln auf Rudi Dutschke" gegen die Machthaber in der Bundesrepublik. Also sehr durchdacht und ausgewogen. Das ganze war nicht als Hetze gegen die DDR gedacht, sondern als eine innere Kritik auf dem Boden des Kommunismus. Beide lobten als Vorbild den "Frühling im roten Prag", um Biermann zu zitieren.


"Auf dem unbewohnten Nachbargrundstück entdeckte Biermann ein leeres Auto mit einer riesigen Antenne auf dem Dach. Havemann hatte ein Luftgewehr, und Biermann schoss mehrmals dicht über die Antenne damit."


Diese Hoffnung gab es noch?
Einige Monate noch. Am Rande gab es auch jetzt beunruhigende Vorkomnisse. Während eines Filmwechsels entdeckte Biermann auf dem unbewohnten Nachbargrundstück ein leeres Auto mit einer riesigen Antenne auf dem Dach. Havemann hatte ein Luftgewehr, und Biermann schoss mehrmals dicht über die Antenne damit. Als wir fertig waren und abgebaut hatten, nahmen wir nur die Filmaufnahmen - vier Rollen - und das Tonband mit uns. Als Havemann uns wie verabredet zum S-Bahnhof in Erkner fahren wollte, wurden wir binnen einer Minute von einem Motorrad mit einer Antenne überholt. Ich saß vorne neben ihm und sah, wie er fast erbleichte: "Das war die Stasi" - das konnte er dem Kennzeichen entnehmen. Darum fuhr er uns einen S-Bahnhof weiter in Richtung Ostberlin, nach Wilhelmshagen. Ich, der ich immer sehr dünn gewesen bin, hatte sämtliche Metallkästen mit den Filmen, Blech oder so was, unter dem Hemd. Darum wollte ich nicht direkt zurück ins Hotel gehen. Der Tonmeister und ich gingen ins Operncafé und aßen zwei Gänge mit reichlich Sekt dazu. Ich schickte ihn als Vorbote ins Hotel, und als er von seinem Fenster mit einer riesigen Geste ein "alles klar"-Zeichen in Richtung Unter den Linden machte, ging ich zu ihm aufs Zimmer. Ich schlief mit allen vier Filmrollen am Leib auf seinem Bett ein, während er und Drehn den Mercedes-Kombi nach Grünheide fuhren, um das ganze Gerät zu holen, was ich ihnen nachher sehr übelnahm. Aber immerhin: mission completed.

Sie blieben aber noch einige Tage in der DDR?
Eine halbe Woche. Am nächsten Morgen ging es südwärts. Vor uns fuhr dann immer eine Tatra-Limousine mit Kaufmann, Frau Dolly und einem Chauffeur. Der Rest der Reise verlief ohne Zwischenfälle mit Besuchen bei Willi Sitte in Halle, in dem Kulturhaus in Bitterfeld und in einer LPG. Viele anonyme Leute waren aus der Produktion geholt worden um für uns zu singen, zu spielen und zu tanzen. Da hüpften zum Beispiel dralle Arbeiterinnen herum, um uns nach den Anweisungen eines pensionierten Ballettmeisters klassisches Ballet nach DDR-Art auf Amateurniveau zu zeigen. Auch ein einzelner Ballettherr war unter all den Frauen dabei, der war garantiert schwul. Alles sehr gekünstelt. Nur die Bauernkapelle in der LPG "Vorwärts" in Berlstedt legte mit ihrer lustigen Kaffeehausmusik richtig los, sodass wir ihre Melodien wochenlang nachher aus dem Gedächtnis im Auto trällerten. In den Pausen und abends in den Restaurants kamen das Ehepaar Kaufmann und wir uns immer näher, so wie es nicht selten mit Gefangenen und Wärtern geht. In Weimar war plötzlich Günther Drommer, der Student, da. Er hat dort in der Nähe seine Eltern gehabt oder so was. Drehn und ich wollten, dass er uns Gesellschaft leisten sollte. Auch er war eifrig, waren wir doch die netten Jungs aus dem Westen. Wir sollten mit den Kaufmanns in dem Kellerrestaurant des Interhotels weitermachen. Da herrschte aber Kravattenzwang, und Drommer besaß keine Kravatte. Kaufmann, der zwanzig Kravatten mitbrachte, war gar nicht gnädig, duldete keine Konkurrenz. Also, Tschüss Drommer! Dann Weimar, Buchenwald, auch im Krematorium wurde gefilmt. Wir waren dem Ehepaar Kaufmann so nahe gekommen, dass sie sagten, wäre die Reise umgekehrt verlaufen und in Berlin geendet, hätten sie uns bei sich zu Hause eingeladen. Und besonders Frau Dolly hatte mich so lieb gewonnen, weil ich ein so guter und loyaler Kenner und Verehrer der DDR war, dass sie mir zum Abschied ein Buch schenkte, "Dr. Schlüter" von Karl Georg Egel. Die letzte Hürde: Schon bei Oster in Berlin sollten wir eine Erklärung unterschreiben, nach der wir uns verpflichteten, unser Filmmaterial nicht nach Westdeutschland weiter zu verkaufen oder zu vermitteln. Das war Routine. Da versuchten sowohl Drehn als auch ich etwas Dummes, um diese Verpflichtung zu meiden. Wir erklärten, dass wir beide freiberuflich für das dänische Fernsehen arbeiteten, was der Wahrheit entsprach, und darum nicht in dessen Namen unterschreiben könnten, was keineswegs stimmig war. Ja, dann musste Kopenhagen bestätigen, sonst würde man in Ostberlin die Filme behalten und sie dort entwickeln lassen. Am Vortag unserer Ausreise nach Westdeutschland teilte Kaufmann uns mit, dass die Bestätigung noch nicht in Berlin eingetroffen war. Drehn musste mit Kopenhagen telefonieren, er konnte natürlich nicht Klartext sprechen. Irgendeiner dort hat glücklicherweise schnell reagiert, und wir konnten die DDR verlassen.

Hatten Sie nie Gewissensbisse dem Ehepaar Kaufmann gegenüber?
Nein, wer sich für eine schlechte Sache hergibt, muss auch dafür büßen. Das ist das Prinzipielle. Dabei handelt es sich natürlich auch um Menschen. Kurz vor der Sendung habe ich ihnen einen Brief geschickt, ich hatte Kaufmanns Visitenkarte mit der Privatadresse bei mir. In dem Brief habe ich erzählt, was wir gemacht hatten - natürlich ohne Einzelheiten - damit sie vorbereitet waren. Ich habe das auch eingehend begründet.

Haben Sie eine Antwort darauf bekommen?
Nein, obwohl ich in dem Brief indirekt um ihre Stellungnahme zu meiner Erklärung gebeten habe. Ob Kaufmann den Brief sofort zu Oster gebracht hat, weiß ich nicht. Würde ich vermuten.

Sie fuhren unmittelbar weiter durch die ganze Bundesrepublik?
Ja. Darüber gibt es nicht viel zu erzählen. In Tübingen haben wir den alten, weisen Philosophen Ernst Bloch aufgesucht, der über die Langeweile in den beiden deutschen Staaten gesprochen hat.

Sie machten dann wie verabredet zwei Sendungen?
Ja, das hatten wir denen in der DDR versprochen. Das wurde als bindend betrachtet.


"Ich hatte den Eindruck, dass die Stasi nicht so schnell und effektiv war wie später immer behauptet."


Arbeiteten Sie und Ihr Kollege zusammen am Schneidetisch?
Mit einer Cutterin zusammen, ja. Wir waren bestrebt, die DDR-Sendung sachlich, keineswegs demagogisch zu machen. Nur einmal waren wir uns nicht völlig einig. Es gab eine Sequenz aus Bitterfeld mit einem Kasperletheater, wo eine dicke Frau, eine Erzieherin, zusammen mit drei kleinen Mädchen mit Pionierhalstüchern ein pädagogisches Stück über das Zähneputzen zum Besten gab. Die dicke Frau sprach mit verstellter Kinderstimme die wortreiche Hauptrolle, während die Mädchen nur kurze Sätze hatten. Insbesondere eins der Mädchen, 9-10 Jahre alt, schaute ängstlich rauf zu der dicken Frau und senkte mit einer fast tragischen Miene den Kopf nach jedem ihrer kurzen Sätze. Da wir den Verlauf mehrmals parallel hatten, wollte ich mehr von dem Mädchen haben, aber Drehn fand das zu übertrieben. Ich habe nachgegeben. Ich schrieb und sprach 90 % des Kommentars. Den Übergang vom legalen zum illegalen Teil wollte Drehn gern schreiben und sprechen. Nach 45 Minuten wurden erst jetzt die Drehbedingungen völlig undramatisch erwähnt, während Kaufmann im Bilde auf Nikon-Fotos zu sehen war. Ich habe dann Biermann und Havemann vorgestellt und dabei irgendetwas gesagt, das der Kulturabteilungschef nicht mochte. Ich durfte nicht die Illegalität der Aufnahmen unterstreichen, nur andeuten. Ich musste diese Passage neuschreiben und neusprechen. Ich weiß das noch, weil ich mich gerade in Apenrade bei meinen Eltern erholte. Da gab es ein Rundfunkstudio, wo ich die revidierten Sätze sprechen konnte. Das Dutschke-Lied mit Biermann im Bilde wurde übrigens kommentarlos, nur mit seinem Namen oben in der Ecke, als Finale der Sendung über Westdeutschland, die zuerst lief, verwendet. Sehr raffiniert, aber Biermann war damals auch in Dänemark sehr bekannt. Besonders die DDR-Sendung, die am 2. August lief, wurde von der Presse gelobt. Sie fing mit dem Pionierchor und "Anmut sparet nicht noch Mühe" an, wie ich das schon von Anfang an geplant hatte.

Es wurde also nicht darauf hingewiesen, unter welch ungewöhnlichen Umständen die Aufnahmen mit Biermann und Havemann zustande gekommen waren?
Nein. War ja auch nur unsere Sache, wie das gemacht worden war. Aber es gibt ein Nachspiel: Kurz nach der Sendung, noch im August, kam die Invasion in Prag durch die Warschauer Pakt-Länder. Die Havemann-Söhne, Frank und Florian, die ja auch bei uns zu sehen waren, verteilten Flugblätter dagegen, wurden verhaftet und auch verurteilt. Besonders Havemann drängte per Kurier darauf, dass die Grünheider Aufnahmen auch im westdeutschen Fernsehen, das ja in der DDR gesehen werden konnte, gezeigt wurden. Ich fühlte mich sehr verpflichtet. Ich ließ Drehn beim Kulturabteilungschef fragen, die Antwort war Nein. Ich ließ das nicht gelten. Ich verabredete mich mit Biermann und Havemann in der Chausseestraße und flog nach Westberlin. Ich passierte nicht ohne Beben die Sektorengrenze, das war am 31. Oktober, ich könnte zum ersten Mal mit einem gewissen Recht abgewiesen werden. Aber ich hatte ja den Eindruck, dass die Stasi nicht so schnell und effektiv war wie später immer behauptet. Und ich kam ohne Schwierigkeiten durch. Merkwürdig. Die Söhne saßen wie erwähnt im Gefängnis. Sie waren vor Gericht gefragt worden, wie wir damals nach Grünheide gekommen waren. Wahrheitsgemäß konnten sie antworten, dass sie das nicht wussten.


"Unsere Aufnahmen geisterten jahrelang durch westdeutsche TV-Sendungen - mit dänischen Untertiteln, denn die konnte man ja nicht entfernen."


Hatten Biermann und Havemann konkrete Befürchtungen?
Ja. Zum ersten Mal seit Jahren waren ihre Namen am 29. Oktober im Neuen Deutschland erwähnt worden. In einem Artikel, wo es um die Urteile gegen die Söhne und andere Jugendlichen ging. Thomas Brasch war auch darunter. Da stand: "Zu ihrer gegen die sozialistische Ordnung in der DDR gerichteten Haltung wurden die Angeklagten von Robert Havemann und Wolf Biermann systematisch inspiriert." Es war nicht ausgeschlossen, dass man auch gegen die beiden angeblichen Hintermänner Anklage erheben würde. Havemann litt seit den Jahren im Nazigefängnis an einer Lungenkrankheit und wäre durch eine neue Haft gesundheitlich gefährdet gewesen.

Was konnten Sie tun?
Nichts. Aber ich empfahl Havemann, einen persönlichen Brief an den Intendanten von Danmarks Radio zu schreiben, einen Sozialdemokraten, wurde später Kulturminister. Zuletzt wurde er Hofmarschall bei der Königin, aber das gehört nicht hierher. Havemann schrieb den Brief mit der Hand, "Sehr geehrter Herr Sølvøj", ich gab ihm natürlich die Details. Er argumentierte dafür, dass die Grünheider Aufnahmen allein von ihm und Biermann genehmigt waren, und somit nicht von den Vereinbarungen mit den DDR-Behörden umfasst waren. "Es würde uns sehr bedrücken, wenn der Arm der hiesigen Zensur bis nach Kopenhagen reichen sollte." Der Brief, der vom 21. November datiert ist, wurde mir aus Westberlin zugeschickt. Ich habe ihn weitergeleitet, liegt heute im Reichsarchiv. Der Intendant Sølvøj schrieb mir, man würde sich bemühen, eine Lösung zu finden. Ich war gespannt. Die Lösung wurde eine Wiederholung im dänischen Abendprogramm. Endlich bekamen einige Journalisten Wind von der Sache: DDR-Professor riskiert Todesstrafe wegen dänischer Fernsehsendung. Zu dieser maßlosen Übertreibung haben wir, Drehn und ich, mit keinem Wort, keiner Äußerung beigetragen. Der tiefere Sinn der Sache war, dass der NDR über diese Wiederholung informiert wurde, sie fuhren einen Aufnahmewagen nach Flensburg. Die Wiederholung lief am 24. Januar 1969. Ein größerer Auszug wurde am 3. Februar von der ARD in "Panorama" gebracht. Nach der Sendung habe ich Havemann in Grünheide angerufen, das konnte man ja, er hatte sie natürlich gesehen und war sehr erleichtert. Biermann und er waren ja davon abhängig, dass sie vom westdeutschen Fernsehen am Leben gehalten wurden. Jahrelang geisterten diese Aufnahmen durch westdeutsche Fernsehsendungen und Dokumentarfilme - mit dänischen Untertiteln, denn die konnte man ja nicht entfernen. Dadurch bekamen diese technisch einwandfreien Aufnahmen endlich einen Schein der Illegalität, was ich von einem ästhetischen Gesichtspunkt aus höchst interessant finde. Auch die Nikon-Fotos aus Grünheide wurden weit verbreitet, kamen in den Spiegel und in ein sehr opulentes Kindler-Literaturlexikon, völlig anonymisiert. Auch wurde im Bildtext Biermanns Wohnung in der Chausseestraße fälschlicherweise als Ort angegeben. Ich habe mir sämtliche Negative gesichert und habe sie heute noch. Die Urheberrechte gehören theoretisch dem Kameramann und mir, nur wir beide haben damals fotografiert. Filmzitate und Fotos sind uns nie von den Westdeutschen bezahlt worden. Ist auch völlig in Ordnung. Diente eben einer guten Sache.


"Von der gegen mich verhängten Einreisesperre in die DDR habe ich erst nach der Wende bei der Gauck-Behörde erfahren."


Erfuhren Sie danach Repressalien?
Nach der westdeutschen Ausstrahlung verhängte die DDR eine Einreisesperre über mich. So etwas bekommt man aber nicht mit der Post zugeschickt, davon habe ich erst nach der Wende bei der Gauck-Behörde erfahren. Die Sperre galt aber erst von April 1970 bis Dezember 1973. Also wenn Gottes Mühlen langsam mahlen, mahlen die der Stasi noch langsamer. Aber immerhin über dreieinhalb Jahre. Interessant wäre - das habe ich nicht einmal versucht - die MfS-Protokolle über Biermann und Havemann an den aktuellen Daten zu lesen. Was war mit der Antenne auf dem Autodach oder dem Motorrad mit den Stasi-Kennzeichen? Reiner Zufall? Kaum. Die wurden ja rund um die Uhr überwacht. Möchten Sie die Begründung der Einreisesperre hören?

Bitte.
"Lt. Auskunft vom April 1970 reiste N. mit weiteren Mitarbeitern des dänischen Fernsehens im Mai/Juni 1968 in die Hauptstadt der DDR ein, um angeblich einen Film über das kulturelle Leben der DDR zu drehen. N. nutzte die Einreise zur konspirativen Verb.-Aufnahme mit HAVEMANN und BIERMANN und führte ein Interview mit diesen. Dieses wurde im dänischen u. westd. Fernsehen gesendet. HAVEMANN wendet sich darin gegen die führende Rolle der Partei in der Kultur." - Der Witz ist ja, dass die nicht wahrhaben wollen, dass wir tatsächlich einen Film über das Kulturleben in der DDR drehten, wovon Havemann und Biermann nur ein Bestandteil waren.

Hatten Sie ein solches Einreiseverbot einkalkuliert?
Selbstverständlich. Ich hielt mich etwa sechs Jahre von der DDR fern. Ich machte weiterhin Fernsehen, auch über skandinavische, dänische Themen, Fiktion noch dazu. Aber ich machte auch für den Rundfunk diesen Zehnteiler mit Liedern von Ernst Busch, "Fra kejser til kaos", vom Januar bis Mai 1970. Im April schrieb ich einen Porträtartikel über Busch in der führenden Intellektuellenzeitung Information, die damals links lag, den ich noch als recht gelungen betrachte.


"Ich habe immer die Parteien links von den Sozialdemokraten gewählt."


Waren Sie selber links? Damals?
Bin ich heute noch. Ich habe immer die Parteien links von den Sozialdemokraten gewählt. Ich war nicht 1968 eines Besseren belehrt worden oder auf andere Gedanken gekommen. Ich bildete mir ein, die DDR einigermaßen zu kennen. Und langsam reifte der Gedanke: Busch ist allmählich 75 geworden, vielleicht sollten wir etwas Größeres riskieren? Ich hatte mit einem dramadokumentarischen Film mit Schauspielern - 90 Minuten - zum 100. Todestag von Hans Christian Andersen einen beachtlichen Erfolg gehabt und war - jedenfalls vorübergehend - einer der Lieblinge von diesem Kulturabteilungschef, der uns doch in der Biermann-Havemann-Sache einige Schwierigkeiten bereitet hatte. Ich schrieb ihm, ich möchte einen Film über und mit Ernst Busch machen. Er hatte natürlich keine Ahnung, wer das war. Aber um ihm den Mann und das Thema schmackhaft zu machen schrieb ich seine Kurzbiographie. Ist immer ein gutes Argument, und - wie gesagt - der Chef hatte Vertrauen in mich und meine Urteilskraft. Darf ich dazu eine Anekdote erzählen?

Nur zu ...
Ein damaliger Mitarbeiter der Kulturabteilung hat neulich seine Erinnerungen veröffentlicht und füllt viele Seiten mit einem Klagelied darüber, dass er kurzfristig keine Kameracrew bekommen konnte, als sich John Lennon und Yoko Ono völlig unerwartet einige Tage in Jütland aufhielten. Die hatten das japanische Kind von Yoko Ono entführt oder so was. Das war mitten in der Beatles-Ära, die waren noch nicht auseinandergegangen. Der Chef fragte nur: Wer ist John Lennon? Und die Antwort hat ihn nicht überzeugt. War wohl nach seiner Auffassung Kinderkram. Wenn sie das heute hätten, wäre es ein Riesending, das sich international verkaufen ließe.

Waren Sie selber ein Beatles-Fan?
Damals habe ich das alles gehört und auch die Platten gekauft, die ich nicht länger spielen kann, während ich zum Beispiel Bob Dylan auch auf CDs komplett erworben habe. Nach dem Übergang von LPs zu CDs merkt man sich, was man nicht gerne missen möchte: Armstrong, Sidney Bechet, Coltrane, Miles Davis, Bob Dylan, Leonard Cohen. Ernst Busch, natürlich. Mehr als 30 CDs mit Busch, glaube ich. Und alles, was irgendwie mit Brecht und Eisler zu tun hat. Da bin ich völlig unersättlich.

Wie steht es mit Biermann?
21 Stück. Habe ich mir später für eine weitere Sendung für mein eigenes Geld anschaffen müssen. Ich werde darauf zurückkommen.


Die dritte und letzte Begegnung mit Ernst Busch 1976


Der Kulturchef hat also ihren Plan mit dem Busch-Film akzeptiert?
Ja, und hier folgt endlich nach langer Pause mein dritter Besuch im Hause Busch. Ich erzählte ihm nicht, welche Verbrechen ich in der Zwischenzeit begangen hatte. Ich besuchte natürlich auch Wolf Biermann in der Chausseestraße. Der erzählte mir über den Feuertod meiner Landsmännin Ruth Berlau in der Charité, den er fast als Zeuge erlebt hatte, weil er dort auch vorübergehend im Krankenbett lag. Weder Busch noch Biermann hatten sich verändert, auch fand es Biermann nicht verwunderlich, dass ich nach unseren gemeinsamen Erfahrungen einen Film über Busch machen wollte.

Biermann war ja auch 1970 zu Buschs 70. Geburtstag unter den Gratulanten gewesen ...
Ja, und Busch hat sich so hingestellt, dass andere Gratulanten Biermann die Hand geben mussten, wenn sie zu Busch wollten. Auch ausgeprägte Biermann-Feinde. Hat Hans Bunge erzählt.

Sie meinen, Busch stand damals zu Biermann?
Busch war ja auch eine Eulenspiegel-Natur. Er hat eine solche Situation genossen.

Wie war nun 1976 Ihr Wiedersehen mit Busch?
Busch und Frau Irene hatten mich von früheren Besuchen in freundlicher Erinnerung. Wie früher mit dem Rundfunk wollte Busch gerne reden, mit mir Kaffee und Vodka trinken, aber bei einer Sendung - diesmal fürs Fernsehen - nicht mitmachen. Da - muss ich sagen - wurde ich von Frau Irene sehr unterstützt. Einen Vergleich mit Frau Dolly Kaufmann drängt sich auf: Irene Busch war nicht nur Staat - Partei war sie auch. Sie war aber außerdem freundlich, hatte Charme. Wenn er zu laut schrie, hat sie ihn gedämpft. Wie immer. Sie hat ihren Ehemann unbedingt verehrt, aber warum auch nicht? Sie waren ein gut eingespieltes Paar. Sagt man nicht so im Sport und in der Musik? Das Nein hat sich dann langsam aber sicher in ein Ja verwandelt. Ich war auch in der Brunnenstraße und habe Busch bei der Arbeit mit Rudolf Lukowsky und Bernd Runge beobachtet.


"Die Archive des MfS waren offenbar in meinem Fall nicht besonders effektiv, die hätten eigentlich belegen müssen, dass ich ein ganz Schlimmer war."


Haben Sie nicht wieder mit der offiziellen DDR in Verbindung treten müssen?
Das lief diesmal ganz anders. Die Kulturabteilung wollte, dass ich die Aufnahmen mit einer Crew vom DDR-Fernsehen machen sollte. Weil das billiger war. Das Verhältnis zwischen Dänemark und der DDR hatte sich in der Zwischenzeit normalisiert mit gegenseitiger Anerkennung, Botschaften und so. Dennoch war ich natürlich sehr gespannt, ob ich zugelassen würde. Formal war die Einreisesperre abgelaufen, aber so lief das ja nicht. Ehe es so weit kam, war ich aber wie schon 1968 in Adlershof, um Archivmaterial zu sehen. Ich wollte besonders gern eine Filmaufnahme mit Busch und Eisler zusammen haben. Das hatten sie nicht. Ich bekam den Eindruck, dass das Archiv sehr schlecht, sehr zufällig geordnet war. Es gab aber eine sehr einprägsame, stumme Szene, wo Busch als Galilei am Schluss des Stückes Suppe aß. Diese Beobachtung verdient, ins Protokoll der Filmaufnahmen mit Busch aufgenommen zu werden, weil ich diesen kurzen Film später nie gesehen habe. Man sollte ihn suchen. Er war uns aber zu teuer, die wollten ja wieder einmal ihre Devisen holen. Wie ich immer erwähne, bekam Busch selber keinen Pfennig. Ich habe eben die Rechnung kontrolliert. Dass das DDR-Fernsehen bezahlt wurde, ist ja klar. Aber auch Runge und Lukowsky, die ja Buschs Leute waren, bekamen Honorare. Die stehen mit drauf auf der Rechnung. Beim dänischen Fernsehen hatte man die sehr dubiose Grundhaltung, so eine Sendung sei für einen Künstler gute PR. Busch hätte aber ein Honorar verlangen können, und das wäre natürlich verhandelt worden. Tat er aber nie. Darum: Sein ganzes Gerede über Geld während des ersten Besuchs 1966 war eine Mache. Man darf ihn wirklich nicht oberflächlich beurteilen. Sein Kern steckt viel tiefer. Er hatte eben Probleme mit der Freundlichkeit. Wie Brecht. Konnte sie schwer formulieren, konnte sie fabelhaft in Taten umsetzen. Sehen Sie die Liste der vielen Wohltätigkeitsveranstaltungen, wozu er im Exil beigetragen hat. Für jüdische Kinder und vieles mehr. So etwas muss man ihm hoch anrechnen.

Sie mussten also diesmal mit keinem Funktionär über die Bedingungen verhandeln?
Nein, das lief alles über Telex oder Fax oder was wir 1975 hatten. Völlig unproblematisch. Als wäre es Schweden gewesen. Die Archive des MfS waren in meinem Fall offensichtlich eben so ineffektiv wie die Archive beim Fernsehen der DDR. Die hätten sich doch informieren müssen und hätten konstatieren können, dass ich ein ganz Schlimmer war. Man hat ja später lesen können, was sonst alles lief. Ich hatte eben nochmals Glück.


"Diesmal hieß es nicht Reisebegleiter, da wir ja nicht unterwegs waren, sondern Betreuer."


Fuhren Sie diesmal allein nach Ostberlin?
Ich brachte eine Assistentin mit, wie das üblich war. Wir bekamen auch einen Menschen, der wohl grundsätzlich dieselbe Funktion ausüben sollte wie früher Harry Kaufmann. Diesmal hieß es nicht Reisebegleiter, da wir ja nicht unterwegs waren, sondern Betreuer. Der war aber kein Aufpasser, Schnüffler, Verhinderer. Auch mit dem Kameramann kam ich schnell überein, dass er auch filmen sollte, wenn Busch nicht ganz genau davon wusste. So etwas wäre 1968 völlig undenkbar gewesen. Eigentlich war nur Irene Busch als kritische Instanz immer dabei, aber das war in jeder Hinsicht verständlich. Wenn er irgend etwas Peinliches sagen oder machen sollte, würde ich das am Schneidetisch weglassen. Ich habe mich keineswegs schriftlich dazu verpflichtet, das war ausschließlich eine Frage des gegenseitigen Vertrauens. Ich habe neulich den Block meiner Assistentin gefunden, worin sie die Reihenfolge der Aufnahmen notiert hat. Daraus geht einwandfrei hervor, dass wir am 10. März in der Brunnenstrasse angefangen haben und zwar mit "An die Nachgeborenen" Teil 1, 2 und 3. Nach meinem Wunsch.

Wie kamen Sie auf dieses Brecht-Gedicht?
Das kennt fast jeder, der sich auch nur oberflächlich mit ihm beschäftigt hat. Mit Busch hatte ich Teil 3 auf einem Band bei ihm zu Hause gehört.

Gab es da schon die Plattenaufnahme?
Nein. Eisler hatte schon in den Dreißigerjahren drei Elegien daraus gemacht. Für klassisch geschulte Sänger. Nach dem Zwölftonsystem. Sehr schwierig. Busch erzählte gern, wie Irmgard Arnold ihm vor einem Auftritt damit fast weinend gesagt hatte: "Ach, Busch, wie soll ich das nur schaffen?" Diese Elegien gibt es übrigens mit Fischer-Dieskau auf CD. Busch kam um 1959 auf die Idee, Eisler solle ausschließlich für ihn eine neue, einfachere Fassung komponieren. Es gab unter uns im Studio eine Diskussion, ob Eisler für Busch überhaupt den ersten Teil komponiert hatte. Hat er wohl nicht. Auf der späteren Platte wurde das Problem dadurch gelöst, dass der erste Teil von der historischen Aufnahme genommen wird, wo Brecht selber sein Gedicht liest. Bei mir hat Busch das gelesen: "Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!" Im zweiten Teil wird er von Lukowsky auf dem Flügel begleitet. Da pendelt er ein bisschen unsicher zwischen Singen und Sprechen. Den dritten Teil, den berühmtesten, hat er, von Lukowsky am Cembalo begleitet, ohne Brille direkt in die Kamera gesungen: "Ihr, die ihr auftauchen werdet". Ganze acht Mal, wovon fünf komplett sind. Der Vortrag ist sehr ernst, die Melodie sehr lustig. Haben später so unterschiedliche Leute wie Ekkehard Schall, Robyn Archer auf Englisch und Ute Lemper nach ihm gesungen.

War es schwierig, ihn dazu zu bringen? Dasselbe Lied achtmal zu singen?
Keineswegs. Wenn ich nicht zufrieden war, hat er ohne Kommentare wiederholt. Es gibt Schauspieler, die immer wissen wollen, was an einer Aufnahme nicht geklappt hat. Auf dem Theater früher war Busch sehr eigenwillig gewesen. Auch bei Brecht, da gibt es Geschichten. Es mag bei Gesangsaufnahmen anders gewesen sein. Er war ja auch sehr selbstkritisch. Er hat sich fast überfordert.


"Busch schaltete manchmal den Rundfunk ein, um zu erfahren, 'ob irgendwo in der Welt Krieg ausgebrochen ist', wie er sagte."


Haben Sie dann am nächsten Tag ebenso intensiv weitergemacht?
Nein. Am 11. haben wir bei ihm zu Hause Originalfotos, Theaterzettel und so weiter abgefilmt, weil es damals nur wenige gedruckte Quellen gab. Dann wurden meine Assistentin und ich in der Mittagspause zu Tisch geladen und aßen mit der Familie zusammen, alles sehr delikat, z.B. selbstgepflückte Pfifferlinge - aus Hiddensee, glaube ich. Auch Ulli war da, nicht länger ein Windelkind, ging damals zur Schule. Busch war bei Tisch immer entspannt, gut gelaunt und gesprächig. Er schaltete manchmal den Rundfunk ein, um zu erfahren, "ob irgendwo in der Welt Krieg ausgebrochen ist", wie er sagte.

Welche Zwischenfälle gab es diesmal?
Es gab genau zwei. Eines Tages war der gewöhnliche, diskrete Betreuer krank und durch einen anderen ersetzt. Plötzlich war ich wie ins Jahr 1968 zurückversetzt. Ich weiß den Namen natürlich nicht von dem, aber er hatte eine frappierende äußere Ähnlichkeit mit Harry Kaufmann, fett, mit Glatze. Ich habe Fotos von den Beiden, man kann sie vergleichen. Er war aber noch schlimmer. Ein Vollidiot, hatte keine Ahnung von irgendetwas. Das ist eben das Problem in einer Diktatur, und die DDR war eine Diktatur. Man kann nicht "Scheren Sie sich zum Teufel" sagen oder "Ich verlange, ihren Vorgesetzten zu sprechen", man ist so einem völlig ausgeliefert. Er hat mein geplantes, vereinbartes Interview mit Busch sabotiert, indem er versucht hat, Busch misstrauisch zu machen. Busch reagierte auf Stimmungen sehr empfindlich, alles war plötzlich im Eimer. Stattdessen haben wir nach Lukowsky geschickt und eine reine Improvisation gemacht, und wie es so oft bei Improvisationen ist, wurde das wunderbar. Busch bereitete wohl damals eine Mappe vor mit Songs aus der "Dreigroschenoper", die nie erschien. Lukowsky setzte sich an den Flügel, der Kameramann nahm die Kamera auf die Schulter, und keiner wusste, was jetzt passieren würde. Es gibt da eine volle, ununterbrochene Filmrolle, wo Busch sämtliche Temperamente durchläuft. Er ist munter, gekränkt, will nicht mehr, kann die Noten nicht finden, findet sie, freut sich darüber und so weiter. In der Sendung lief da später, wenn er nicht gerade singt, ein gesprochener Kommentar. Man soll sich das aber unbedingt nur mit dem Synchronton ansehen und anhören. Er kommuniziert wunderbar mit der Kamera. Er intoniert kurz den Anfang von "Santa Lucia", um die Stimme zu üben. Die Tonassistentin mit dem Mikro kniete am Boden und musste dort herumgekrabbeln, um nicht ins Bild zu kommen. Ich wusste sofort, das wird bei uns in Dänemark gut ankommen. Nicht nur der Held, der im Kommentar ausgiebig, aber verdient gefeiert wird, sondern auch ein 76-jähriger mit seinen Launen und seiner unglaublichen Vitalität. Ich weiß nicht, ob so was damals im DDR-Fernsehen gegangen wäre. Als ich das beim Busch-Kolloqiuium im Mai 2000 gezeigt habe, hat das Publikum furchtbar gelacht. Darf man auch, muss nur solidarisch sein. Natürlich habe ich auch "Die Thälmann-Kolonne" und ähnliches von Schallplatten gebracht, die mir Bernd Runge frisch überspielte. War ja sozusagen "Busch für Anfänger".

Gab es sonst unerwartete Titel, die er unbedingt singen wollte?
Geplant war nicht "Die Krücken", ursprünglich ein Gedicht von Brecht an meine Landsmännin Ruth Berlau von 1938. Ich glaube nicht, dass Busch diesen privaten Hintergrund wusste. Ich wusste ihn auch nicht 1976. Busch hat diesen Text gefunden, auch weil er darin komödiantische Möglichkeiten sah, und hat ihn irgendwann nach Brechts Tod Eisler zum Komponieren gegeben, wie er das auch mit den vielen Tucholsky-Texten tat. Dieses Lied zu singen bereitete ihm einen besonders großen Spaß. Und er freute sich riesig, fast kindlich darüber, dass nur er die Noten dazu in seinem Privatbesitz hatte. Auch das Lied war sozusagen sein Privateigentum.

Den zweiten Zwischenfall gab es wann und warum?
Das war am letzten Drehtag, am 16., diese peinliche Episode in der Brunnenstraße, die ich auch beim Kolloquium erzählt habe. Der gewöhnliche Betreuer war wieder zurück, und wir wurden uns alle einig, während des Kaffeetrinkens in der Kantine zu drehen, ohne dass Busch das genau mitbekam. An Stelle des missglückten Interviews. Nur: Was er da die ganze Zeit sprach, war wirklich "oral history" für Kenner. Er erwähnte hundert Namen, mit denen er ohnehin Schwierigkeiten hatte, und ich sah vor meinem inneren Auge ebenso viele Fußnoten, die notwendig waren, um das nur einigermaßen begreifbar zu machen. Erfahrungsgemäß wusste ich, man kann in einem gesprochenen Kommentar nur mit sehr wenigen Personen arbeiten. Ich habe z.B. Paul Dessau trotz der "Thälmann-Kolonne" nicht erwähnt, nicht nur weil Busch ihn nicht mochte, sondern weil das keinen Sinn, keine Funktion hatte. Sein Name kam natürlich in den Abspann, wie sich das gehört. Nur Eisler und Brecht wurden erwähnt, und das sehr häufig. Dann sprach er da in der Kantine plötzlich beiläufig von diesem Assistenten von Eisler in Berlin, Herbert Breth-Mildner, der später in der Sowjetunion gestorben sei.

Wussten Sie sofort, wer das ist?
Nein. Keine Ahnung. War ja auch nur eine Fußnote wie etwa Otto Stransky, über den ich bis heute auch nichts Genaueres weiß.

Aber heute wissen Sie, wer Herbert Breth-Mildner ist?
Natürlich. Abwechselnd mit Eisler war er bis 1933 sein Klavierbegleiter. Ob sie sich in der Sowjetunion überhaupt gesehen haben, ist zweifelhaft. Breth-Mildner war nicht länger musikalisch aktiv, sondern arbeitete dort als Agronom im Kaukasus. Ist nach 1938 hingerichtet worden. Aber Busch sagte keineswegs, dass er "ermordet" oder "umgebracht" worden war oder Ähnliches. Buschs Wortlaut nach könnte er an Keuchhusten, Masern oder einer anderen Krankheit gestorben sein.

Kannten Sie die gedruckte Widmung von Busch in der ersten Aurora-Mappe: "Meinen toten Freunden Maria Osten und Michail Kolzow"?
Natürlich. Und auch die Behauptung von Alfred Kantorowicz, nach dieser Widmung sei es in der DDR still um Busch geworden, was ein völliger Quatsch ist. Dabei ist es natürlich wichtig, dass Osten und Kolzow damals rehabilitiert worden waren. Dennoch hat man diese Widmung nicht gern gesehen, weil die Namen derart exponiert wurden. Aber Busch konnte so etwas durchsetzen.

Und im Fall von Breth-Mildner?
Ob man vergessen hatte, ihn zu rehabilitieren, weiß ich nicht. Es gab in Dänemark einen prominenten Kommunisten, der erst unter Gorbatschow rehabilitiert wurde, weil man bis dann nicht zugeben wollte, dass er überhaupt gestorben war. In Moskau im Gefängnis. Dass Irene Busch mit einer kompletten Liste von rehabilitierten und nicht-rehabilitierten Stalin-Opfern im Kopf herumlief, kann ich mir aber auch nicht vorstellen. War vielleicht ein Kurzschluss. Aber ein fataler.

Was hat sie denn gemacht?
Beim nächsten Film- oder Bandwechsel hat sie die ganzen Aufnahmen unterbrochen und darauf bestanden, dass der Tonmeister diese Stelle auf dem Band finden und löschen musste. Plötzlich standen alle über dem Tonbandgerät, auch diesmal einer Nagra, gebückt. Es wurde hin- und hergespult, um die Stelle zu finden. Nur Busch saß in einer Ecke und wusste nicht, was da lief. Irene versuchte gar nicht, ihn irgendwie über das Problem zu informieren. Wie hätte sie das auch formulieren können: "Wir suchen die Stelle, wo du diesen Mann erwähnst, der..." Peinlich, unmöglich, absurd. Stattdessen hätte sie mich nach Abschluss der ganzen Aufnahmen bei Seite nehmen können: "Bitte verwenden Sie nicht die Stelle, wo mein Mann..." usw. Halbes Vertrauen gibt es nicht, entweder- oder. Hing ja sowieso von mir ab, weil ich den Film in Kopenhagen zusammenstellen sollte. Wenn ich ein Schwein gewesen wäre, hätte ich auch "Die Partei hat immer recht", die wir im Archiv hatten, spielen oder Stalin erwähnen können. Busch saß also da wie ein unzurechnungsfähiger Greis, völlig ignoriert, und wurde langsam rasend. Wusste ja nicht, was er falschgemacht hatte. Dann explodierte er, und alles war vorbei. Glücklicherweise war es eben der letzte Drehtag. Diese Misstimmung war aber völlig fehl am Platze, wo es sonst im Großen und Ganzen so harmonisch gelaufen war.


"Ich war im Kommentar Busch und darum auch der DDR gegenüber völlig loyal."


Waren Sie frustriert, als Sie nach Hause kamen?
Wochenlang. Ich wollte ursprünglich auch den Busch als Erzähler vermitteln. Seinen ganzen Witz, den ich durch die Jahre erlebt hatte. Der ist aber durch seine Ansagen und Kurzkommentare dennoch durchgekommen. Ich war im Kommentar Busch und darum auch der DDR gegenüber völlig loyal. Was ich alles an Konfliktstoff bewusst ausgelassen habe! Und auch keine Andeutungen davon. Das war ich ihm schuldig.

Betrachten Sie das heute als Schönfärberei?
Eine erlaubte Stilisierung, würde ich sagen.

Was meinten die Dänen, denen er bis dahin ja weitgehend unbekannt war?
Die Sendung kam sehr gut an. Im Westen war die Einstellung in den Medien damals durchgehend links. Zum "Lob des Revolutionärs" konnte man ohne Schwierigkeiten Dokumentarfilmzitate mit Lenin zeigen. Aber auch konservative Zeitungen waren von diesem Busch positiv beeindruckt. Einer der übelsten Hetzer gegen Brecht 1936, ein Redakteur, lebte noch, schrieb jetzt Fernsehrezensionen und zollte Busch seinen vollen Respekt. Es gab keine einzige Gegenstimme. Die Sendung lief zum ersten Mal am 7. November 1976, und am 16. November wurde Biermann aus der DDR ausgebürgert, und bald danach bekam Robert Havemann in Grünheide Hausarrest für den Rest seines Lebens.

Hätten Sie die Busch-Sendung auch nach der Ausbürgerung von Biermann gemacht?
Nicht unmittelbar danach. Nein, auf keinen Fall. Das war ja eine durch und durch gemeine Verfügung. Die Stimmung unter Linken auch in Dänemark entlud sich in massiver Empörung gegenüber der DDR. Da gab es mit Recht keine Nuancen. Auch die dänische KP war in Erklärungsnöten.

Haben Sie Busch verübelt, dass er die DDR-Regierung dabei unterstützt hat?
Verübelt ist ein zu starkes Wort. Ich hatte aber keine Lust, wieder nach Ostberlin zu reisen und habe ihn auch nie wieder gesehen, obwohl seine Frau schrieb: "Kommen Sie mal vorbei" und Ähnliches. Ich korrespondierte weiterhin mit ihnen und hielt sie auf dem Laufenden. Ich habe ja auch nicht versucht, die Busch-Sendung zu sperren. Ich stand dazu und wollte sie auch gern im Ausland verbreitet sehen. Irgendwie sind das zwei unterschiedliche Sachen.

Glauben Sie, dass Irene Busch auch die treibende Kraft war bei Buschs Stellungnahme zur Biermann-Ausbürgerung im Neuen Deutschland?
Mit meinem Breth-Mildner-Erlebnis im Gedächtnis würde ich das vermuten. Er hätte eine Stellungnahme verweigern können, das wäre würdiger gewesen. Angelica Domröse erzählt in ihrer Autobiographie, sie und Hilmar Thate hätten versucht, Buschs Unterschrift für die andere Seite zu kriegen und bei ihm an der Tür geklingelt. Irene habe die Tür aufgemacht und gesagt, ihr Mann sei nicht zu Hause ...

... und hinterher die Partei angerufen. Ja, ich kenn die Stelle. Ich frage mich nur, woher Angelica Domröse weiß, was Frau Busch tut, nachdem sie die Tür zugemacht hat ...
Zur Biermann-Ausbürgerung gibt es so viel Literatur und auch so viele Gerüchte darüber, was wer wann getan und gesagt hat. Lesen Sie das Buch von Eva-Maria Hagen, "Eva und der Wolf", dann sind Sie stundenlang um ihre gute Laune gebracht, um es milde zu sagen. Die Protestierer sind ja heute vielfach untereinander verkracht. Ist ein ganzer Sumpf. Die Biermann-Ausbürgerung hat aber eine Menge verursacht. Zum Beispiel, dass Armin Mueller-Stahl heute in Hollywood sitzt und gut verdient. Ein Exodus, der Jahre anhielt. Was Buschs Stellungnahme betrifft: Auch Charlotte Wasser, mit der ich mich nach der Wende getroffen habe, um mit ihr über Busch zu sprechen, hat gesagt, dass Busch überrumpelt worden sei, als er sich gegen Biermann äußerte. Und ich weiß, dass auch Fritz Cremer manipuliert wurde. Cremer hatte zuerst bei den Protestierern unterschrieben und erst auf Druck von oben bei den Stützen der Regierung. Er konnte dadurch einen Schwiegersohn, der in Gefahr war, freikaufen. Das entspricht ja auch völlig meinem Eindruck von Cremer, dass er ursprünglich für Biermann war. - Lebt Charlotte Wasser noch?


"Charlotte Wasser hat sich sehr bemüht, junge Leute in der DDR für politische Kunst zu begeistern. So auch für Busch."


Sie ist gestorben.
Das wusste ich nicht. Sie war eine bemerkenswerte Frau. Im Dritten Reich war sie Verkäuferin in einem Schuhgeschäft gewesen und hatte sich dort defaitistisch geäußert, also sie hat gesagt, Deutschland werde den Krieg verlieren. Sie wurde verhaftet, was wohl dazu beitrug, dass sie sich später politisch und kulturell so stark engagierte. Man muss sich das vorstellen: Sie ist nach New York gereist, um Paul Robeson zu sprechen, was völlig außergewöhnlich ist. Dort angekommen hat man ihr mitgeteilt, dass Robeson nicht zu sprechen sei, weil er bereits zu krank sei. Ich weiß, er war nach Jahren der Verfolgung zuletzt völlig umnebelt. Charlotte Wasser hat sich sehr bemüht, junge Leute in der DDR für politische Kunst zu begeistern. So auch für Busch.

Glauben Sie, das ihr das gelungen ist?
Kaum. Den Beruf, den sie ausgeübt hat, wurde offiziell als "Literaturpropagandistin" bezeichnet. Klingt ja sehr militant. Dabei hat sie sehr viel Zivilcourage bewiesen. Sie wird in verschiedenen Erinnerungsbüchern positiv erwähnt, u.a. bei Günter Kunert. In gewissen Versammlungen hat sie fast als Einzige gegen die Mehrheit gestimmt. Ist eine mutige, noble Frau gewesen. In der Kulturhierarchie gehörte sie zum Fußvolk, hat trotzdem ihre Integrität behauptet.

Busch hat Biermann in seiner Stellungnahme im ND sehr deutlich als "Klassenfeind "abgefertigt ...

Dem Wortlaut nach, ja. Die Biermann-Ausbürgerung mit einem Busch-Boykott zu beantworten wäre aber töricht gewesen. Da gibt es schlimme Präzedenzfälle. Nach dem Bau der Mauer musste in Westdeutschland der tote Brecht herhalten. Busch war zwar nicht tot, aber auch Anna Seghers wurde nicht boykottiert, obwohl sie wie Busch, aber nicht so direkt wie er, in der Biermann-Affäre zur Regierung stand. Die vielen Ausstrahlungen meines Films in der ARD zeigen ja auch, dass man unterscheiden konnte. Am 22. Januar 1980, als Busch seinen runden Geburtstag beging, wurde mein Film in der ARD gesendet. Am nächsten Tag wurde ich vom ZDF angerufen. Die hatten die Sendung gesehen und wollten in ihrem deutsch-deutschen Magazin, "Kennzeichen D", gern Teil 3 von "An die Nachgeborenen" mit Busch bringen. Völlig unpolemisch, als Ehrung. Die ARD war bereit, ihnen das Zitat zu überlassen. Ich habe sofort Ja gesagt. Und am 24. hat dann das ZDF mit dem Zitat gratuliert. War doch ein imposanter Aufwand von westdeutscher Seite.

Haben Sie sich nach Buschs Tod nochmals mit ihm beschäftigt?
Fast. Ich machte 1999 eine Sendung zu einem Themenabend über den Mauerfall, das war ja genau zehn Jahre her. Da wollte ich ursprünglich parallel über meine zwei Fernseherfahrungen in der DDR berichten, wie ich es jetzt hier tue, also 1968 mit Biermann und Havemann, 1976 mit Busch. Ich nannte das ein TV-Essay, "Risse in der Mauer", und berichtete selber in der ersten Person. Leider bekam ich nur 70 Minuten Sendezeit und musste Busch aussparen. Aber ehe es zu dieser Entscheidung kam, war ich in Berlin und zum ersten Mal seit 1968 in Grünheide. Ich traf mich dort mit der Witwe von Havemann, Katja Havemann, Bürgerrechtlerin und Mitbegründerin des Neuen Forums, die auch noch mit Biermann eng befreundet ist, was nicht für alle Havemänner gilt, z.B. nicht für die beiden Söhne. Sie überließ mir etwas völlig Unerwartetes und Ungewöhnliches: ein Video mit Ton und in Farbe, das 1982 in Grünheide gemacht worden war anlässlich des letzten Besuchs Biermanns bei dem todkranken Havemann. Dieser Besuch war von Honecker persönlich als humanitäre Geste bewilligt worden, wurde aber damals geheimgehalten. Das Video dauerte ungefähr eine Stunde, war aber schwierig in längeren Auszügen anzusehen, weil Havemann sehr schlecht aussah und auch Atembeschwerden hatte. Ich habe daraus hauptsächlich Biermanns Brief an Honecker gebracht, den er Havemann vorliest.

War auch Biermann in Ihrer Sendung von 1999?
Nein. Wollte ich nicht. Biermann hat sich auch zu sehr geändert. Er hätte mein ganzes Konzept zerschlagen. Ich stehe zu Biermann, wie er 1968 war, er selber nicht mehr. Er hat aber zum 100. Geburtstag von Brecht in der Akademie eine Doppel-CD gemacht, die die beste ist von den vielen, die aus diesem Anlass produziert wurden. Darauf feiert er auch Hanns Eisler, dessen Witwe, Stefanie Eisler, anwesend ist. Ernst Busch wird von ihm natürlich nicht gefeiert. Biermann hat ihn nach seiner Ausbürgerung mehrmals als SED-Barden abgefertigt. Wie er überhaupt jahrelang die Unterzeichner auf der Regierungsseite schlechtmachte, was in den meisten Fällen verständlich war. Es dauerte sehr lange, bis kurz vor dem Mauerfall, ehe er sich in einem Lied mit Fritz Cremer versöhnt hat. Wie das privat verlaufen ist, weiß ich nicht. Noch später, gerade um 1998, hat er dann doch in einem Gedicht Busch ebenbürtig mit Charles Laughton als Galilei erwähnt. - Wo war ich eben stehengeblieben?

Die Witwe von Havemann hat Ihnen das Video zur Verfügung gestellt ...
Genau. Wegen dieser Großzügigkeit fühlte ich mich dazu verpflichtet, Katja Havemann über meinen damals noch geltenden Plan zu informieren. Also: ob sie etwas dagegen hätte, wenn Ernst Busch als dritte Hauptperson in der Sendung vorkäme. Nicht das geringste, war ja auch so ein Querkopf. Hat sie gesagt. Ich will nicht Busch entpolitisieren, das ließe sich auch nicht machen, aber fast alle, die in der DDR aufgewachsen sind, haben irgendwo eine Schwäche für Busch. Selbst der Frau Merkel, die ja, ehe sie Kanzlerin wurde, nicht selten Brecht zitierte, würde ich das zutrauen. In ihrem Fall könnte das sentimental sein, aber immerhin etwas Emotionales oder eine Abspaltung davon. Busch lässt sich nicht ohne weiteres ausgrenzen. Ich brauchte aber in diesem TV-Essay 1999 so viel Zeit für 1968 und wollte Busch nicht zur Nebensache reduzieren. Ärgerlich.

Worauf wäre es Ihnen denn in Ihrem TV-Essay hauptsächlich angekommen?
Ich hätte vor allem vermitteln wollen, dass die DDR weder "Goodbye Lenin" noch "Das Leben der Anderen" gewesen ist, zwei spätere Filme, die beide in Dänemark ein großes Publikum fanden und die ich beide unzureichend finde. Eine Komödie und eine Tragödie. Der Begriff "Ostalgie" kotzt mich an, wie ich mich auch gegen die einseitige Dämonisierung durch Hernn Henckel von Donnersmarck wende.

Sie wollen neutral sein?
Keineswegs. In "Das Leben der Anderen" wird dieser farblose Stasi-Mann ausgerechnet durch ein Jugendgedicht von Brecht bekehrt. "Erinnerung an die Marie A.". Ein unpolitisches Liebesgedicht des späteren Kommunisten. Es wäre interessanter gewesen, wenn es durch "Lob des Revolutionärs" mit Busch gewesen wäre. Dialektischer auch: "Wohin sie ihn jagen / Dorthin geht der Aufruhr / Und wo er verjagt ist / Bleibt die Unruhe doch." Das wäre ein Denkanstoß gewesen.

Der vor einiger Zeit verstorbene Filmemacher und ehemalige Leiter des Ernst Busch-Hauses Erwin Burkert sprach einmal davon, dass er Busch geliebt habe. Haben Sie eine ähnlich innige Beziehung zu Busch?
Diese Empfindung möchte ich gern mit ihm teilen. Ich habe Erwin Burkert erst nach der Wende kennengelernt und habe mehrmals, auch lange, mit ihm gesprochen. Wir duzten uns obendrein. Das ergab sich so. Aber wir blieben grundverschieden. Er hatte eine Wut auf Wolf Biermann, hat ihn tiefgründig gehasst. Und um mich zu provozieren hat er mir eine Episode aus dem Jahr 1956 berichtet, die unterstreichen sollte, dass Busch ganz anders als Biermann war. Busch teilte damals im Berliner Ensemble die Garderobe mit seinem Kollegen Wolf Kaiser. Der Aufstand in Ungarn war noch nicht niedergeschlagen, und Kaiser meinte, an den Forderungen der Aufständischen sei was dran und eigentlich solle man dasselbe Aufbegehren in der DDR vertreten. Busch sagte ihm klipp und klar, wenn es zu einer Konfrontation kommen sollte, würde er ohne Zögern für die Rote Armee auf die Barrikade gehen. Solche Berichte können mich nicht schockieren. Busch hat eben auch "Das Lied von der Partei" gesungen, was ich ihm nicht groß anlaste. Furchtbar daran ist vielleicht nur, dass er es so überzeugend singt. Busch war kein politischer Denker oder Theoretiker. Er hielt zu seiner Partei, was er auch immer darunter verstand. "Seid euch bewusst der Macht!" hat er der Partei zugesungen, "Dass ihr sie nie, nie mehr / Aus euren Händen gebt!". Ich wusste nur, wäre Erwin Burkert 1968 unser Reisebegleiter gewesen, er hätte uns bei der ersten Gelegenheit glatt verpfiffen. Wir saßen aber jetzt 2001 in seiner Lieblingskneipe, die Wende war unblutig verlaufen und lag schon zehn Jahre zurück. - Gehörte er nicht ursprünglich zum Erich Weinert-Ensemble der NVA?

Weiß ich nicht.
Das Erich Weinert-Ensemble habe ich einmal erlebt. Am 1. Mai 1966 nachmittags, als es ein bisschen lustig zuging. In der Uniform der NVA haben die auf einer Tribüne "Schlag nach bei Shakespeare" gesungen mit einem Riesenbuch aus Pappe in der Mitte. Ist ja aus dem Musical "Kiss Me Kate" von Cole Porter. Hat mich verwundert. Wenn es "Kalinka" gewesen wäre, dann schon ...Vielleicht war der Erwin dabei.

Sie lieben ihn auch, den Busch?
Tue ich. Den Künstler sowieso. Den Menschen auch. Es ist ein Privileg, ihn gekannt zu haben. Ein furchtbar missbrauchtes Modewort dieser Tage ist die Bezeichnung "Legende". Und besonders "legendär". Alle sind heute "legendär". Die "legendäre" Gisela May, nicht wahr? Ist sie wohl kaum, hat nur ein Leben lang ihre Arbeit gemacht. Macht weiterhin "Adelheid und ihre Mörder". Das Wort "Legende" trifft ausnahmsweise auf Busch zu. Bei lebendigem Leibe schon totgeschwiegen, totgewünscht, totgeglaubt. Und dann immer wieder auferstanden. Ist wohl die Definition einer Legende, wenn es überhaupt eine gibt. Er war der letzte von den Großen, die ich besonders hoch verehre. Aber auch wenn ich zum Beispiel Brecht und Eisler gekannt hätte, wäre Busch etwas ganz besonderes gewesen. Dessen bin ich mir sicher. Mich mit dieser Legende zu beschäftigen finde ich nach wie vor schön. Den Menschen dahinter so eingehend gekannt zu haben, macht es noch schöner. Ist nicht unbedingt nötig, aber bereichert das Erlebnis um eine weitere Dimension.

Haben Sie ein Lieblingslied von ihm?
Wenn man eins wählt, bereut man im nächsten Augenblick und möchte ein anderes wählen. Weil es so viele gibt. "Das Solidaritätslied" könnte man eventuell noch unter dem Galgen hören. Da hat Busch an der Endfassung mitgetextet ohne das Produkt zu beschädigen. Auch die ganzen Spanien-Lieder, die er 1937-1953 auf Platte gebracht hat, möchte ich nicht missen. Jürgen Elsner hat sie als sentimental bezeichnet, das verstehe ich überhaupt nicht. Das ist Gebrauchslyrik und Gebrauchsmusik, ist aber mit Recht auf der ganzen Welt berühmt. Merkwürdigkeiten wie "Peter, mein Kamerad" gehören zum Nachtrag und sollten nicht mitgezählt werden. Wogegen ich "Jeder Traum" von Fürnberg und Ernst Hermann Meyer, das so viele mögen, unerträglich finde. Die Melodie ist von einem verlogenem Pomp, Brecht hat einmal Meyers Musik als "Schmalz" bezeichnet, und das trifft auch hier zu. Busch strengt sich an, kommt zu kurz und wird eben vor lauter Anstrengung - sentimental. Eisler und Meyer, die sind im Vergleich wie Himmel und Fegefeuer. Die Tucholsky-Lieder, die besten davon, sind unverwüstlich, obwohl Eisler sie ganz nebenbei komponiert hat - als fast food für den unersättlichen Busch. Hören Sie sich "Sehnsucht nach der Sehnsucht" an, hat etwas ganz besonderes, obwohl es Busch geärgert hat, dass das im Westen besonders gut ankam. Ich glaube, weder Tucholsky, noch Eisler, noch Busch waren privat besonders glückliche Menschen. Das hätte zu unproduktiver Melancholie führen können, zur Resignation. Tucholsky hat sich das Leben genommen, Eisler war nicht selten deprimiert, wenn Busch aber singt: "Die Wirklichkeit hat es ja nie gekonnt, weil sie nichts hält", ist das nicht Resignation, sondern Triumph über das Unvollkommene. Ein Loblied auf die Fantasie eben: "So süß ist keine Liebesmelodie, / so frisch kein Bad, / so freundlich keine kleine Brust wie die, / die man nicht hat." Busch als Erotiker noch dazu, hört man leider zu selten.

Hat Ihnen eigentlich die Tatsache, das Sie aus dem Norden stammen, bei Busch Kredit verschafft?
Könnte man schon sagen. Eher als der Gruß von Paul Dessau. Natürlich hatte ich schon beim ersten Besuch den dänischen Rundfunk erwähnt, aber beim zweiten, der mit dem Gruß von Dessau eingeleitet wurde, kamen wir irgendwie auf die Regionen zu sprechen und ich sagte, dass ich aus Nordschleswig bin. Dann wollte er das genauer wissen und ich nannte meinen Geburtsort. Es gibt deutsche und dänische Namen für diese Kleinstädte. Da sagte er: "Ah, Apenrade, Hadersleben, Tondern, kenne ich doch alles." Und er ging ins Nebenzimmer, er war ja immer sehr schnell, und kam nach weniger als einer Minute mit einem Foto zurück, das seinen Großvater mütterlicherseits aus Hadersleben zeigte. Und zwar in dänischer Uniform im Krieg der Dänen gegen die Preußen 1864. Düppeler Schanzen und so. Als er mir dann das Charlotte Wasser-Heft gab, schrieb er als Widmung darin: "Von einem alten beinah Dänen". Er muss diese Ortschaften in seiner Kindheit und Jugend besucht haben. Also, es gab durchaus so etwas wie eine landsmannschaftliche Verbindung.



Interview: Jochen Voit
Foto: Tinne Vammen
(Interviewfassung autorisiert und sehr stark nachbearbeitet von Hans Christian Nørregaard im August 2007)











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