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Hans-Georg Uszkoreit

über Musik und Politik in der frühen DDR und die Querelen um den Musikverlag "Lied der Zeit"




”Ernst Busch hat mich mit bleibendem Hass und Misstrauen bedacht!”
(Gespräch am 26. Juli 2008 in Schwerte)


Dr. Hans-Georg Uszkoreit
Hans-Georg Uszkoreit ist Jahrgang 1926. Geboren ist er in Ragnit (heute: Neman) in Ostpreußen (heute: der russischen Enklave Kaliningrad), wo er zusammen mit sechs Geschwistern aufwächst. Der Vater ist Verwaltungsangestellter, die Mutter Hausfrau, beide sind Baptisten und erziehen die Kinder im christlichen Sinn. Der NSDAP treten sie nicht bei, obgleich dem Vater im Fall einer Mitgliedschaft der Beamtenstatus in Aussicht gestellt wird. Hans-Georg Uszkoreit kommt zu den Pimpfen und in die HJ (”Dort habe ich mich gedrückt, wo ich nur konnte”). Ab dem 12. Lebensjahr lernt er das Orgelspielen in der evangelischen Kirche von Ragnit, wo er bald einen ”eifrigen Zuhörer” hat, wie er sich erinnert. ”Dieser Mann, Heinz Buchholz, war Sparkassenangestellter und ein Orgel-Narr, und der ging 1943 eines Tages zu meinem Vater und sagte: ’Ihr Sohn muss Musik studieren!’ Darauf erwiderte mein Vater: ’Das kann ich nicht bezahlen.’ Da sagte der Mann: ’Das mache ich dann, wenn Sie einverstanden sind.’ So wurde er mein Mäzen.” Durch eine Sonderprüfung erhält der erst 17jährige die Zulassung zum Studium. Von Mai 1943 bis März 1944 studiert er zwei Semester an der Universität Königsberg am Institut für Musikerziehung und Kirchenmusik. Sein Orgellehrer ist der Domorganist von Königsberg, Prof. Herbert Wilhelmi. Danach wird er als Soldat eingezogen - seine ursprünglich auf zwei Jahre festgesetzte Zurückstellung vom Militärdienst ist auf ein Jahr reduziert worden. Als Musikstudent wird er automatisch Funker; er kommt an die Ostfront. In bleibender Erinnerung ist Hans-Georg Uszkoreit eine kurze Ansprache seines Hauptmanns nach dem Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944: Ab sofort, so der Befehl, sei der bisher übliche militärische Gruß der Wehrmacht durch den Hitlergruß zu ersetzen. ”Dann hob der Hauptmann die Hand und streckte sie aus, als ob er grüßen wollte, und sagte: ’So hoch liegt der Dreck in Deutschland.’ Das konnte jetzt jeder verstehen wie er wollte, ich hab das als Aussage gegen Hitler aufgefasst. Das war direkt an der Front, ein paar hundert Meter waren die Russen entfernt.” Wenig später, im September 1944, wird seine Einheit ”durch die Blödheit eines Offiziers, der einen völlig aussichtslosen Angriff befahl”, von den Sowjets eingekesselt. Uszkoreit gehört zu den wenigen Überlebenden und kommt mit einem Beindurchschuss in Gefangenschaft. Während seiner vier Jahre dauernden Kriegsgefangenschaft ist er in verschiedenen Lagern untergebracht: in Brestlitowsk, in Minsk und bei Ivanowo an der Wolga. Die Gefangenschaft ist durch Entbehrungen und harte körperliche Arbeit geprägt. ”Die Hälfte der Zeit war 'ne Hungerzeit”, sagt Uszkoreit. Die Teilnahme an zwei ”antifaschistischen Lehrgängen”, die von deutschen Emigranten durchgeführt werden, verbessert seine Situation ein wenig. Zeitweise leitet er einen deutschen Chor, mit dem er Programme erarbeitet und Konzerte gibt. In der Gefangenschaft hört er auch zum ersten Mal Ernst Busch, dessen Lieder durch den Lagerfunk verbreitet werden. Im Dezember 1948 kehrt er, sozialistisch umerzogen, nach Deutschland zurück. Zwei Tage vor Heiligabend trifft er seine inzwischen aus Ostpreußen geflohenen Eltern bei Güstrow in Mecklenburg wieder.
Hans-Georg Uszkoreit hat nicht viel Zeit, sich mit den neuen Lebensbedingungen in Deutschland vertraut zu machen – politisch geschulte Leute wie er werden in der SBZ dringend gesucht und regelrecht umworben. Bereits im März 1949 schickt die SED-Landesleitung Schwerin den Kriegsheimkehrer, der noch gar kein Parteimitglied ist, als Parteisekretär an die Universität Rostock. ”Das war ein Verwaltungsjob, der mir wenig Spaß machte”, sagt Hans-Georg Uszkoreit. Erst als man ihm 1951 anbietet, nach Berlin zu gehen und Mitarbeiter der neuen Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten (”Stakuko”) zu werden, sieht er sich gemäß seinen Interessen eingesetzt. Uszkoreit, seit Oktober 1949 SED-Mitglied, wird Hauptreferent in der Abteilung Musik bei der Stakuko. Unter anderem ist er für die Verstaatlichung des defizitären und kulturpolitisch eher hemdsärmelig agierenden Schallplattenunternehmens Lied der Zeit zuständig. Im Vorfeld der 1953 realisierten Betriebsübernahme kommt es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Ernst Busch, dem Leiter der Lied der Zeit GmbH, die nie ausgeräumt werden; auch Jahre nach der Umwandlung seiner Firma in einen VEB straft der Sänger den Kulturfunktionär mit Verachtung. Dabei hat der Ursprung des Streits weniger mit persönlichen Animositäten, als mit den starren Richtlinien der Kunstkommission zu tun.
Hauptaufgabe der von Helmut Holtzhauer geleiteten Stakuko ist es, das künstlerische Schaffen in der DDR auf der Grundlage des Fünfjahrplanes zu fördern und zu lenken. Im Arbeitsplan für das Jahr 1952 werden weit reichende Ziele genannt: Aufschwung des kulturellen Niveaus der Bevölkerung, Erhaltung des Friedens und der künstlerischen Überlieferungen des deutschen Volkes, Kampf gegen Kosmopolitismus und Formalismus und um die realistische Methode in der Kunst, Verbreitung der Kunst unter den Massen, Änderung der Studienprogramme an den Kunstschulen, Erhöhung des Verantwortungsbewusstseins, Verbesserung der Arbeitsdisziplin, bessere Koordinierung der Arbeiten im Staatsapparat. Bei der Verfolgung dieser Ziele wendet die Kunstkommission zum Teil autoritäre Methoden an: Zensorische Eingriffe in Theaterstücke und die Einmischung in die Programmplanung von Verlagen gehören zur Praxis der Stakuko. Nicht nur von Seiten der Künstler gibt es Kritik an der als kunstfern geltenden ”Kulturadministration”. Bereits im November 1951 hat Walter Ulbricht der Stakuko Mängel in ihrer Arbeit vorgeworfen und sie als ”zu sporadisch und geheimnisvoll” (interne Protokolle) bezeichnet. Hans-Georg Uszkoreit macht rückblickend vor allem den kompromisslosen Führungsstil Holtzhauers für den schlechten Ruf der Kunstkommission verantwortlich.
Als im Januar 1954 das Ministerium für Kultur die Nachfolge der Ende 1953 aufgelösten Stakuko antritt, wird Uszkoreit übernommen; er wird stellvertretender Leiter der Abteilung Musik. Für Holtzhauer ist in dem von Johannes R. Becher geleiteten Ministerium kein Platz mehr. Im Jahr 1956 wird Uszkoreit Abteilungsleiter in der Hauptabteilung Musik im Kulturministerium. Damit ist er für die ideologische und organisatorische Lenkung des gesamten Musiklebens der DDR zuständig. Seine Aufgaben sind vielfältig: Er kümmert sich um Orchesterbesetzungen und das Chorwesen, kontrolliert die Konzertplanung, redet bei der Einführung der 60/40-Regel mit, erstellt Programme für staatliche Festveranstaltungen und gehört zu den Initiatoren der gesamtdeutschen Druckausgabe der Werke von Johann Sebastian Bach. 1957 promoviert er bei den Musiksoziologen Ernst Hermann Meyer und Walther Vetter an der Humboldt-Universität über ”Volksbildende und kulturfördernde Probleme der musikalischen Programmgestaltung”. Als höchster Musikfunktionär der DDR erntet Uszkoreit nicht nur Zustimmung. Gegen Ende seiner acht Jahre dauernden Tätigkeit im Ministerium kommt es zu vereinzelten Beschwerden über ”die Arbeitsweise der Musikabteilung, besonders des Genossen Dr. Uszkoreit” (Schreiben von Siegfried Wagner, Kulturabteilung des ZK der SED, an Hans Bentzien vom 17.3.1961).
Bereits vor Amtsantritt des neuen Kulturministers Hans Bentzien 1961 trägt sich Uszkoreit mit dem Gedanken, sich beruflich neu zu orientieren. Das Angebot von Harry Költzsch, als Künstlerischer Direktor zum VEB Deutsche Schallplatten zu wechseln, schlägt er allerdings aus, als ihm Bentzien anträgt, Rektor der Dresdener Musikhochschule zu werden. Von 1963 an leitet er die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber und unterrichtet Studenten in Musikgeschichte. Nachdem er dieses Postens durch eine ”Partei-Intrige”, so Uszkoreit, 1968 enthoben wird, kommt er auf Költzschs Angebot zurück. Beim VEB Deutsche Schallplatten ist er zunächst Leiter der Abteilung Wissenschaft, ab 1973 dann Chefredakteur der Klassikabteilung Eterna. An das politische System der DDR glaubt Uszkoreit zu dieser Zeit kaum noch. Nachdem man ihm 1972 die Reise in die Bundesrepublik zur Beerdigung seiner Mutter verwehrt, beschließt er, mit diesem Staat ”Schluss zu machen”. Im Jahr 1975 nutzt er eine Dienstreise nach München zur Flucht aus der DDR. In der Bundesrepublik findet er Arbeit an der Volkshochschule Schwerte. Er wird dort stellvertretender Leiter für Kunst, Musik und Literatur. Heute ist Hans-Georg Uszkoreit im Ruhestand, beschäftigt sich mit MIDI und den musikalischen Verwendungsmöglichkeiten des Computers. Er lebt mit seiner Frau in Schwerte.




JV: Sie waren vier Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. War das sozusagen die Zeit, in der Sie politisch umerzogen wurden?
Dr. Hans-Georg Uszkoreit: Wissen Sie, ich ärgerte mich immer über die alten Nazis unter den Kriegsgefangenen, über die ältere Generation. Und einmal, es muss im Jahre '47 gewesen sein, mussten wir mal wieder Kartoffeln schälen für 's Lager, und da tönte es wieder: ’Alles Mist hier, bei Hitler war doch alles in Ordnung!’ und so weiter. Ich widersprach und bekam dann zu hören: ’Ihr seid mal ganz still, Ihr habt doch den Hitler gewählt!’ Da hab ich gesagt: ’Ich habe ihn kein einziges Mal gewählt, Ihr habt ihn gewählt!’ Es gab also einen echten Streit. Und dieser Streit muss den Sowjets gemeldet worden sein, denn ich wurde eines Tages gerufen und kurzerhand gefragt, ob ich bereit wäre, auf eine antifaschistische Schule zu gehen. Die hatten mich sozusagen als Antifaschisten ausgemacht. Dann war ich in Minsk auf der weißrussischen Gebietsschule zu einem dreimonatigen Lehrgang.

Was können Sie über den Lehrgang sagen? Hat man Sie da vom Sozialismus überzeugt?
Die Schulung nannte sich antifaschistischer Lehrgang. Man hat zu uns gesagt: ”Wir machen keine Sozialisten aus Ihnen, aber wir wollen, dass Sie, wenn Sie nach Hause kommen, antifaschistisch wirksam werden!” Wir waren eine gemischte Gruppe aus allen Teilen Deutschlands. Und diejenigen, die aus Westdeutschland waren, wurden dann auch in die westlichen Zonen entlassen.

Waren Ihre Mitschüler schon vorher mit kommunistischen Ideen in Berührung gekommen?
Kaum, die waren meist so alt wie ich. Aber wir alle hatten uns natürlich unsere Gedanken gemacht. Als ich in Gefangenschaft war, hatte ich einen echten Hass auf die ganze Hitler-Zeit: Ich war aus dem Studium rausgerissen worden. An der Front hatte ich nur Rückzüge erlebt, jede Woche ging es zurück, ich kannte gar nicht die Zeit der Offensiven. Sonnabend war meistens ”Reisetag”, so nannten wir das. Und ich, als Funker, kriegte immer als erster den Befehl übermittelt, dass es jetzt wieder rückwärts ging. [...]

Wie lief der Lehrgang ab?
Es war schulmäßig aufgezogen. Es wurden Vorträge gehalten, Seminare veranstaltet, Diskussionen abgehalten. [...] Als ich nach drei Monaten zurück ins Lager kam, wurde ich erneut gefragt, ob ich auf eine Schule gehen möchte. Und dann kam ich auf die Zentralschule in Taliza bei Nischni Nowgorod, im damaligen Gorki, 500 Kilometer hinter Moskau. Das war ein neunmonatiger Lehrgang, der schon etwas intensiver war: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, dialektischer historischer Materialismus und so weiter. [...] Und man erzählte uns, dass man uns am Ende des Lehrgangs entlassen würde. [...] Ich habe in dieser Zeit auch einen Chor geleitet, ein anderer Gefangener leitete ein Orchester. Wir haben uns aus dem Kopf die Noten aufgeschrieben und haben richtige Konzerte gegeben. Das war eine gute Schule in musikalischer Hinsicht.


”Meine erste Begegnung mit Busch war eine rein akustische.”


Gehörten auch Busch-Lieder zum Repertoire?
Ja, ”Spaniens Himmel” haben wir schon gesungen.

Der Name Ernst Busch war ihnen also schon in der Gefangenschaft ein Begriff?
Ja, die hatten Busch-Platten da. Man übertrug seine Lieder im Lagerfunk. Meine erste Begegnung mit Busch war eine rein akustische. Ein paar Jahre später haben wir uns dann persönlich kennengelernt...

Ein knappes Jahr vor Gründung der DDR kamen Sie zu Hause an ...
Ja. Und was ich so überraschend fand: Als wir in Frankfurt/Oder aus unserem Zug ausstiegen, wurden wir bereits umschwärmt von Kopfjägern – ”Headhunter” würde man heute sagen. Die wussten ganz genau, wer da ankam. Damals gab es ja kaum geschulte Leute. Da gab es höchstens welche, die ein, zwei Wochen Kreisparteischule absolviert hatten. Aber man musste eben mit den Menschen arbeiten, die da waren. Ich bekam augenblicklich verschiedene Angebote. Einer sagte zu mir: ”Sie können sofort zur Volkspolizei kommen, da werden Sie Oberst!” Ich sagte (lacht): ”Ich bin froh, wenn ich meine Uniform wieder ausziehen kann!” Ich trug bei meiner Rückkehr noch Sachen aus dem Krieg: eine alte Wehrmachtsuniform, eine Luftwaffenjacke und einen italienischen Offiziersmantel. [...]

Das heißt, man hat von Seiten der SED versucht, Sie schon direkt am Bahnsteig für eine politisch wichtige Funktion zu gewinnen?
Ja, so kann man das sagen.

Sie sind dann zunächst nach Güstrow gegangen. Sind Sie eigentlich direkt in die Partei eingetreten?
Nee, aber dazu gibt es eine Anekdote: Im Januar '49 bin ich zur SED-Landesleitung nach Schwerin geschickt worden. Dort fragte man mich: ”Was haben Sie zuletzt in Deutschland gemacht?” Ich sage: ”Musik studiert.” – ”Aha, studiert ... Und wo?” Ich sage: ”An der Universität Königsberg.” – ”Hm, wir brauchen einen Parteisekretär an der Universität Rostock.” Ich war perplex und fragte: ”Und das soll ich ...?” (lacht) Sie müssen sich vorstellen: Ich hatte ja die deutschen Verhältnisse gar nicht mitbekommen. Ich hatte nicht wie die anderen das Kriegsende und die Jahre danach in Deutschland erlebt. Ich war damit beschäftigt, mich wieder an die hiesigen Gepflogenheiten zu gewöhnen. Aber ich sagte: ”Doch, ja, mache ich.” So wurde ich Parteisekretär der Universität Rostock.

Obwohl Sie noch gar kein Parteimitglied waren?
So ist es. Bei der Parteiüberprüfung 1951 ist mir das übrigens angekreidet worden. Diese Überprüfung fiel ja bekanntlich dramatisch für Ernst Busch aus, aber sie war insofern auch dramatisch für mich, als man zu mir sagte: ”Sie sind im März '49 Parteisekretär an der Uni geworden und erst im Oktober '49 in die Partei eingetreten - können Sie das erklären?” Ich sagte: ” Ich habe das für 'nen Verwaltungsposten gehalten und habe daraus nicht den Zwang abgeleitet, mich als Mitglied eintragen zu lassen. Außerdem dachte ich, das geht irgendwie automatisch.” Das sei aber ein merkwürdiger Widerspruch, hieß es, man könne doch nicht Parteisekretär sein, ohne Mitglied der Partei zu sein. Ich habe geantwortet: ”Das ist kein Problem für mich gewesen.” Ich hatte ja nichts dagegen gehabt, Parteimitglied zu werden. Aber ich war eben gar nicht erst gefragt worden. Also, das war ein großes Kuriosum. [...]

Dieser Posten in Rostock entsprach noch nicht ganz Ihren beruflichen Vorstellungen ...
Ich betrachtete das als Übergang. Eines war klar: Ich gehörte zu den Leuten, auf die Parteifunktionäre ein Auge warfen. Wir waren sozusagen Teil der Kaderreserve. Und ich weiß noch, dass ich im Sommer '51 gefragt wurde, wo ich eingesetzt werden möchte. Dass ich Musik studiert hatte, war so eine Art Markenzeichen. Es hieß dann: Der muss in die Kultur. Da hatte man ohnehin zu wenig Leute. Viele Funktionäre waren proletarischer Herkunft, und die sahen sich nicht unbedingt für den Kulturbereich zuständig. Also bot man mir einen Posten in der Gewerkschaft Kunst an. Da habe ich gesagt: ”Nee, in die Gewerkschaft will ich nicht; ich möchte wieder im Musikbereich arbeiten.” Das wurde mir auch gewährt. ”Gerade ist eine Staatliche Kunstkommission gegründet worden”, sagte man mir, ”und die suchen noch einen Referenten für Musik.” Und diese Stelle bekam ich. Ich wurde Hauptreferent in der Abteilung Musik. Mein Abteilungsleiter war Rudolf Hartig, dem anfangs noch Fritz Erpenbeck als Chef der Hauptabteilung Theater/Musik vorgesetzt war. Später wurde diese Hauptabteilung geteilt, sodass auch die Musik Hauptabteilung wurde. Und Holtzhauer war der Chef der gesamten Kunstkommission.


”Bei der Kunstkommission praktizierten wir learning by doing.”


Als Sie '51 anfingen, bei der neu gegründeten Staatlichen Kunstkommission zu arbeiten, da ...
... da hatte ich überhaupt erst das Gefühl: ”Jetzt hab ich endlich eine Tätigkeit gefunden, die mir entspricht.”

Was, glauben Sie, hat man von ihnen erwartet in dieser neuen Position?
Tja, die Kunstkommission war ja auch noch neu. Es gab keinerlei Erfahrungen. Es ging um learning by doing im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern kriegten wir auch keine Anleitung. Wir mussten uns selbst anleiten. Wir wussten nur, wofür wir zuständig waren. Meine Arbeitsgebiete waren der Komponistenverband, die Firma Lied der Zeit, die Internationale Musikbibliothek – dies waren meine ersten Aufgabenbereiche. Das Orchesterwesen hatte Hartig in der Hand, das bekam ich erst später. Dann wurde die AWA gegründet, die Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte, auch damit hatten wir zu tun.

Für einige dieser Institutionen waren bereits vor Ihrer Zeit Pläne gemacht worden. Dass die Lied der Zeit GmbH verstaatlicht werden sollte, das stand ja schon fest, bevor Sie anfingen ...
Ja, die ganze erste Phase habe ich überhaupt nicht mitgekriegt. Sie dürfen nicht vergessen: Als Lied der Zeit von Ernst Busch gegründet wurde, war ich noch in Kriegsgefangenschaft. [...] Ich war ab März '52 mit Lied der Zeit befasst. Und ich kann mich noch erinnern, wie ich zu ihm in die Taubenstraße gegangen bin, und mich ihm vorgestellt habe. Er hat mich an und für sich akzeptiert. Unser Verhältnis wurde aber dann schwierig.

Lag das an den doch recht weitreichenden Eingriffen, die von Seiten der Kunstkommission beschlossen wurden? Aus den Unterlagen, die sich im Bundesarchiv befinden, geht hervor, dass Sie im Oktober '52 einen konkreten Plan vorgelegt haben zur ”Einflußnahme auf die Schallplattenproduktion von Lied der Zeit”. Der Plan sollte bis Ende des Jahres verwirklicht werden. Die Umwandlung in einen ”volkseigenen Betrieb” stand an erster Stelle, dann gab es noch andere Punkte wie die Schaffung eines Kuratoriums, eine mehr auf Klassik ausgerichtete Produktionsplanung, die Einsetzung eines neuen künstlerischen Leiters und so weiter ...
Das habe ich geschrieben? Das habe ich bestimmt nicht alleine gemacht.

Mag sein. Aber Sie waren doch sehr nah an der Firma dran. Ihnen wurden Probeplatten zur Beurteilung übersandt, im November '52 zum Beispiel die Weihnachtsplatten ...
Daran erinnere ich mich gut. Eins der Lieder habe ich verboten.


”Dass Adenauer an die Zweige des Weihnachtsbaumes gehängt werden sollte – das fand ich primitiv!”


Sie haben das damals mit der Verletzung der ”religiösen Gefühle vieler unserer Menschen” begründet. Es ging um das von Busch gesungene satirische Lied ”Deutsche Weihnacht” nach Tucholsky ...
Das Problem war, dass der Text umgedichtet war, das war nicht mehr Tucholsky. Was mich störte, war die letzte Strophe. Da hieß es sinngemäß: Weihnachten werden wir erst haben, wenn Adenauer an den Zweigen des Weihnachtsbaumes hängt (”Denn auch Geduld geht mal zur Neige / Die Adenauers schlagen Schaum / Die hing ich gern in deine Zweige, oh Tannebaum”; J.V.). Das stieß mir derart auf, dass ich gesagt habe: Das ist Proletkult höchster Güte. Ich fand das primitiv. Ich habe Busch angerufen und gesagt: ”Herr Busch, ich mische mich sonst nicht ein, aber das geht nicht. Dieses Lied kann ich nicht gestatten.” Ich habe also direkt von meinem Weisungsrecht Gebrauch gemacht, das einzige Mal übrigens, so weit ich weiß. Busch hat geantwortet: ”So 'n Quatsch! Ich habe das Lied Wilhelm Pieck vorgesungen, und der fand es wunderbar!” Da habe ich gesagt: ”Wenn Wilhelm Pieck mir den Auftrag gibt, die Genehmigung zu erteilen, dann mache ich das, aber nicht eher!” Und damit war für mich der Fall erledigt und für Busch wohl auch. Er hat dann nichts mehr dazu gesagt. Dieser Vorfall hat aber nicht zu der Entzweiung mit Busch geführt.

Bevor wir näher über diese Entzweiung reden, würde mich interessieren, wieviele persönliche Begegnungen Sie eigentlich mit Busch hatten.
Wir haben uns vielleicht ein halbes dutzendmal bei verschiedenen Anlässen getroffen. Ein Anlass war zum Beispiel das viele Altmaterial, das bei der Firma eintraf. Schellack war ja Mangelware. Darum wurde eine neue Schallplatte nur gegen Rückgabe einer alten Platte verkauft. Das war bis zum Ende von Lied der Zeit so üblich. Jedenfalls rief mich eines Tages der Betrieb an, vielleicht sogar Busch selbst, und sagte: ”Hier sind so viele wertvolle Sachen abgegeben worden, und es ist jammerschade, dass die nun zermahlen werden! Guckt Euch das doch mal an!” Ich bin also hin, und da standen meterhohe Stapel von Altmaterial, das aus den Läden zurückgekommen war, zum Teil schon vorsortiert. Aber die Menge war so groß, dass mir sofort klar war: Das kann ein Einzelner überhaupt nicht schaffen, das vollständig zu sortieren. Das wäre ein Full-Time-Job gewesen. Ich habe nur mal wahllos reingegriffen, und schon hatte ich eine Platte in der Hand mit einer Originalrede des Reichspräsidenten Hindenburg. Also, es waren Schellacks von historischem Wert. Und das hat mir echt leid getan, die alle unbesehen einstampfen zu lassen. Aber ich hätte mehrere Arbeitskräfte gebraucht, um die Platten in zwei Kategorien einzuteilen: in solche, die es wert sind, aufgehoben zu werden, und solche, die man zu neuen Platten verarbeitet. [...] Bei Lied der Zeit hatte man schon das richtige Gespür für die Situation gehabt, aber die ökonomischen Bedingungen innerhalb der Firma waren natürlich nicht besonders günstig, sodass man auf die Wiederverarbeitung des Altmaterials angewiesen war. Ist Ihnen bekannt, wo die Schallplatten damals gepresst wurden?

In Ehrenfriedersdorf im Erzgebirge.
Richtig, und zwar zunächs noch auf Hutpressen. Früher waren da Filzhüte hergestellt worden. Und diese Pressen wurden nun umgebaut zu Schallplattenpressen. Ich bin selbst nie in Ehrenfriedersdorf gewesen, aber ich habe mir das berichten lassen.


”Ich monierte die völlig kritiklose Herausgabe von Schlagern.”


Sie sagen, die ökonomischen Bedingungen waren schwierig. Wurde Lied der Zeit eigentlich von staatlicher Seite bezuschusst?
Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hat der Busch 500.000 Mark bekommen als Kapital für seine GmbH. Damit sollte er arbeiten. Wir haben auch mal über das Finanzielle gesprochen, der Busch und ich. Ich monierte die völlig kritiklose Herausgabe von Schlagern. Alles, was gerade so an Tanzmusik lief, kam damals bei Amiga heraus. Ich sagte zu Busch: ”Ist das nicht ein Jammer, dass Sie diesen Mist herausbringen? Das ist doch ein Widerspruch zu dem, was Sie sonst machen!” Und da sagte Busch: ”Davon leben wir! Ich muss das machen! Wir gehen pleite, wenn wir auf die Schlager verzichten.” Das habe ich eingesehen, ich konnte ihm ja auch kein Geld geben.

Wenn man sich die Dokumente aus der Zeit 1952/53 anschaut, könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich da eine Art Privatfehde zwischen Ihnen und Busch entwickelt hat. Tatsächlich aber war der Kontakt zwischen der Kunstkommission und Busch von Anfang an unter einem schlechten Stern gestanden. Im Dezember 1951, da waren Sie offenbar noch gar nicht zuständig, hat Abteilungsleiter Hartig einen ziemlich ungehobelten Brief ohne persönliche Anrede an Lied der Zeit geschrieben, der Busch auf die Palme gebracht haben muss. In dem Brief wurde gefordert, dass Lied der Zeit mehr Aufbaulieder machen müsste. Gerhard Eisler, der den Brief auch zu lesen bekam, hat darauf notiert: ”Sehr geehrter Herr Busch! Ich rate Ihnen, diesen Brief wegen seines ungehörigen, frech-herrschenden Tones dem Absender zurückzusenden. Ein Künstler wie Sie braucht sich so etwas nicht bieten zu lassen.” Das heißt, die Atmosphäre war bereits vergiftet, als Sie anfingen, sich intensiver mit der Firma zu befassen...
Das ist gut möglich. Als Hartig diesen Brief schrieb, war ich erst ein paar Wochen bei der Kunstkommission. Das hab ich wahrscheinlich gar nicht mitgekriegt. Man muss dazu sagen: Der Hartig war ein bisschen sonderlich. Er war sehr musikbegeistert, aber in Verwaltungsdingen war er ein Beamter alter preußischer Schule. Er war ja doppelt so alt wie ich.

Mich würde interessieren, ob Sie diese vergiftete Atmosphäre zu spüren bekamen. Haben Sie Ablehnung von Busch erfahren?
Nee, eigentlich nicht. Weil ich auch solche Forderungen an ihn nicht richtete und auch nicht zu richten hatte. Es war merkwürdig: Ich konnte ihn streckenweise auch duzen, wir hatten sogar 'ne gewisse Vertraulichkeit. Ich habe nur zu ihm gesagt: ”Busch, das Repertoire ist zu eng! Wir sind Monopolbetrieb in der DDR. Was wir nicht herausbringen, bringt keiner heraus.” Es gab ja keine Konkurrenz: Für den DDR-Bürger war die einzige Quelle für Schallplatten die Firma Lied der Zeit. Darauf sagte Busch: ”Ich tue ja schon, was ich kann!” Dann hat er mir aufgezählt, was alles an klassischen Werken bei Lied der Zeit im Programm und in Vorbereitung war, das ist mir noch genau im Gedächtnis. Besonders herumgeritten ist er in diesem Gespräch auf Beethovens ”La Marmotte”. Das Lied hatte er selbst eingesungen.


”Als Busch Beethoven-Lieder sang, waren auf einmal lyrische Klänge in seiner Stimme.”


Wie fanden Sie das? Busch war ja kein klassischer Sänger ...
Das hat mich schon beeindruckt. Er hatte auch ”Bauern unter der Linde” aufgenommen und das ”Flohlied” aus dem ”Faust” und den Schlussmonolog aus ”Egmont”. Ich fand das gut, es war seinen Möglichkeiten entsprechend. Ich hatte ja diese Empfehlung eher vorsichtig gegeben. Mir ging es nicht darum, dass der Busch jetzt anfangen sollte, das Kunstlied zu singen. Und ich war dann angenehm überrascht, als ich diese Aufnahmen hörte. Da waren auf einmal lyrische Klänge in seiner Stimme.

Sie haben also registriert, dass er sich bemüht hat, sein Repertoire zu erweitern. Aber diese ”lyrischen Klänge” entsprachen noch längst nicht dem, was die Kunstkommission eigentlich hören wollte ...
Nein, da mussten Berufssänger her. Busch galt ja in unseren Augen nicht als ausgewiesener Konzertsänger.

Wie sah man denn den Sänger Busch bei der Kunstkommission?
Als äußerst begabtes Naturtalent. Er hatte ja kein Studium in dem Sinne gehabt wie ein Opern- oder Konzertsänger.

In den Akten von damals monieren Sie die Einseitigkeit des Repertoires und auch die Einseitigkeit der Interpretation. An einer Stelle schreiben Sie, Busch überschätze sich als Sänger ...
Ja, das war meine Befürchtung.

Haben Sie ihm das auch gesagt?
Naja, vielleicht in aller Vorsicht, aber so direkt nicht. Ich hatte ja auch keinen Anlass dazu. Wenn er jetzt die ”Winterreise” von Schubert aufgenommen hätte, wäre ich nicht darum herumgekommen, ihm zu sagen: ”Also, das geht nun wirklich nicht.”

Im Jahr '51 fing Hartig an, Kritik an Lied der Zeit zu üben. Im Jahr 52 übernahmen Sie das dann. Sie waren Hauptreferent, Sie überprüften die Produktionspläne und trieben die Verstaatlichung der Firma voran. Das ging bis Mai '53, da wurde aus Lied der Zeit ein sogenannter VEB, ab '54 dann VEB Deutsche Schallplatten. Für Busch war keine Funktion im neuen Unternehmen vorgesehen. Hatten Sie den Eindruck, dass Busch mit dieser Entwicklung einverstanden war? Prinzipiell hat er ja eine Verstaatlichung seines Unternehmens befürwortet ...
Ich kann das nicht genau sagen. Ich habe kein Gespräch erlebt, in dem Busch konfrontiert wurde mit dieser Fragestellung. Vielleicht hat ein solches Gespräch stattgefunden, als ich in China war ... Wann war das? Das muss von Dezember '53 bis März '54 gewesen sein ...


”Man sagte mir: ’Ich muss Ihnen eine große Schweinerei melden! Der Busch verbrennt Bänder!’”


Da war die Verstaatlichung bereits abgeschlossen ...
Richtig, die Übergabe war ja Ende April, Anfang Mai '53. Und da passierte folgendes: An einem Sonntag (das wäre dann der 3. Mai gewesen, Busch nennt in einem Notizheft allerdings den 2. Mai als Datum; J.V.) wurde ich zu Hause angerufen von dem damals amtierenden Betriebsleiter von Lied der Zeit, das müsste Josef Griffaton gewesen sein, der auch als neuer Chef vorgesehen war. Der sagte: ”Ich muss Ihnen eine ganz große Schweinerei melden! Der Busch ist mit einem unserer Heizer oder Kraftfahrer in den Betrieb gegangen und verbrennt dort Tonbänder!” Es war ja Feiertag, was sollte ich machen? Ich sagte: ”Das geht nicht! Das ist das ganze Kapital, was der Betrieb hat. Das muss sofort unterbunden werden. Sorge dafür, dass das aufhört!” Wie das nun geschehen ist, das weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist der Griffaton hingegangen und hat gesagt: ”Ich habe Auftrag von Uszkoreit aus der Kunstkommission, die Aktion hier sofort zu unterbinden!” Das war mit Sicherheit einer der Gründe, warum Busch dann auf mich gefeuert hat. Dass man ihn vielleicht sogar mit sanfter oder auch etwas weniger sanfter Gewalt dazu gebracht hat, damit aufzuhören ...

Hat man das?
Weiß ich nicht. Ich habe die Weisung gegeben, das zu unterbinden. Und meines Erachtens ist das unterbunden worden. Busch hat dann zu seiner Rechtfertigung gesagt, er habe nicht das Repertoire vernichten wollen, sondern nur die Dinge, die bei einer Veröffentlichung für ihn von Nachteil wären.

War das nicht glaubwürdig?
Doch, das war glaubwürdig. Aber das Glauben nützte nichts in dem Falle.

Busch hat später in einer Notiz behauptet, er hätte mit Holtzhauer Ende April abgesprochen, dass er vor der Übergabe des Betriebs noch ”klar Schiff” machen und ”Fehlaufnahmen” vernichten würde ...
Das war mir alles nicht bekannt. Ich wurde nur überrascht von der katastrophenähnlichen Mitteilung, da passiere was Schlimmes bei Lied der Zeit. Wie die Vernichtung letztendlich gestoppt wurde, wer das gemacht hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie verhindert worden ist. [...] Ich habe kürzlich den letzten Generaldirektor des VEB Deutsche Schallplatten, Harry Költzsch, angerufen und ihn gefragt: ”Wer war denn eigentlich Dein Vorgänger?” Er wusste es nicht mehr. Költzsch war von '55 bis '88 bei der Schallplatte. Ein Jahr vor der Wende ist er in Rente gegangen. Ich vermute aber, dass davor Griffaton der Chef war. Und er war es auch, der mich damals anrief.

Es könnte auch Albert Busch gewesen sein, der wohl eine Art Interimsleiter bei Lied der Zeit gewesen ist ...
Wie dem auch sei: Der ganze Vorfall hat dazu beigertagen, dass ich zum Kreis derer gehörte, die Ernst Busch mit bleibendem Hass und Mißtrauen bedachte. Das habe ich stets sehr bedauert, zumal ich dafür meiner Meinung nach keine Ursache geboten habe. Ich habe ihn wegen seiner künstlerischen und kulturellen Leistungen seit eh und je bewundert und geachtet. [...]


”Der Jazz wird meines Erachtens überbewertet.”


Lassen Sie uns kurz über die musikalische Linie der Kunstkommission sprechen. Sie haben ja schon gesagt, dass Sie damals den hohen Anteil an Unterhaltungsmusik bei Lied der Zeit kritisiert haben. In einer ”Einschätzung des Betriebs” vom August 1952 monierten Sie neben ”proletkultischen Songs” und dem zu häufigen Auftauchen des Namens Ernst Busch auch ”rechtsopportunistische Tendenzen”. Damit gemeint waren ”mehrere Liedplatten, die, mit der Absicht den USA-Imperialismus zu karikieren, ganze Strecken ’heißester’ Jazzmusik enthalten (z.B. das Lied ’Ami go home’)”. Wie standen Sie zum Jazz damals?
Der Jazz wurde und wird meines Erachtens überbewertet. Er gilt als eine spontane Volksmusik, geboren von den Schwarzen in Amerika. Und ich habe mich immer dagegen gewandt, den Jazz salonfähig zu machen, nur weil er angeblich eine Protestmusik der Schwarzen sei. Denn das stimmte gar nicht. Die Weißen haben sich den Jazz ganz schnell unter den Nagel gerissn. Und diejenigen Schwarzen, die Jazzvertreter waren, sind nicht unbedingt Kämpfer für die Gleichberechtigung der Rassen gewesen. Interessant ist der Ursprung in New Orleans, wo tatsächlich die Schwarzen aufgrund der ihnen aufgezwungenen Mittellosigkeit mit ganz einfachen Instrumenten wie dem Waschbrett oder diesen Ölfässern eine tolle Musik hervorgebracht haben. Vor allen Dingen konnten sie improvisieren, das war eine große Leistung. Aber was aus dem Jazz geworden ist, das hat damit nichts mehr zu tun. Wenn ich heute höre: ”klassischer Jazz” – dann sträuben sich mir schon die Haare. Man will nun den Jazz gleichberechtigt neben der klassischen Symphonik ansiedeln, dabei hat das nichts miteinander zu tun.

Hatten Sie damals die Anweisung, den Jazz-Anteil im Programm bei der Lied der Zeit zu reduzieren?
Nein, eigentlich nicht.

Aber Sie selbst haben den Jazz nicht besonders gemocht?
Nee, ich mochte den Jazz nicht. Aber das ist auch übertrieben dargestellt worden. Ich wurde in der Richtung sogar einmal in einem Spiegel-Artikel madig gemacht. Dieser Text erschien in den 60er Jahren. Darin wurde Professor Knepler fälschlicherweise als Leiter der Abteilung Musik im Ministerium für Kultur benannt. Und ich, sein Referent, wurde mit der bedauernden Feststellung zitiert, die ”lärmende Jazztrompete” habe den ”dezenten Stehgeiger verdrängt”. Da habe ich an die Redaktion des Spiegel geschrieben und gebeten, mir doch mal zu sagen, aus welcher Quelle sie diesen Ausspruch hätten, der könne niemals von mir stammen. Darauf kriegte ich als Antwort: ”Wir pflegen unsere Informanten nicht bekannt zu geben.”

Die ideologische Gleichsetzung, die damals in der Kulturpolitik der DDR üblich war, also zu sagen: Amerikanischer Jazz = US-Imperialismus, lässt sich aber doch nicht leugnen ...
Naja, wenn ich das damals so ausgedrückt haben sollte, dann habe ich sicher im Überschwang ein bisschen daneben gegriffen. Ich würde es heute niemals so formulieren. Mit dem Imperialismus hatte das nichts zu tun. Ich fand diesen Jazz-Kult überzogen. Improvisation ist eben nur ein Teil der Musik.


”Mit Lied der Zeit war Busch am Ziel seiner Wünsche angelangt: Er konnte machen, was er wollte.”


In Ihrem Bericht von 1952 ging es nicht um improvisierte Musik. Da ging es um ”Ami go home”, das war ja eher ein Marschlied wie oft bei Busch, und in einer Aufnahme-Version gab es eine kleine Passage mit einem etwas wilderen Akkordeon und einem leicht versoffenen Klavier. Aber ”ganze Strecken heißester Jazzmusik” waren da eigentlich nicht drin ...
Sie haben recht, das war ein falsches Beispiel. Da muss ich mich nachträglich distanzieren.

Ein Punkt, den die Kunstkommission auch stark kritisiert hat, war der sogenannte Formalismus in der Musik. Sie haben diesen Begriff damals sehr genau analysiert und haben ein Referat auf der Orchesterleiter-Tagung gehalten und den Orchesterleitern erklärt, was Formalismus ist, dass es sich dabei sozusagen um inhaltsleere Musik handelt. Auf der anderen Seite haben Sie den Proletkult bei Busch angeprangert. War das nicht ein Widerspruch? Zu sagen: Es darf nicht inhaltsleer sein, aber es darf auch nicht zu viel politischer Inhalt sein?
Es ging ja beim Proletkult nicht darum, dass darin zu viel politischer Inhalt zu finden wäre. Es ging darum, dass dieser Inhalt auf primitive Weise dargestellt wurde. Ich habe ja das Beispiel vom Adenauer in den Zweigen des Tannenbaums genannt.

Würden Sie sagen, dass dies die beiden Hauptkritikpunkte an Lied der Zeit waren: Formalismus auf der einen Seite und Proletkult auf der anderen Seite?
Ja, das kann man sagen. Aber, wissen Sie, ich habe das so gesehen: Busch war endlich am Ziel seiner Wünsche angelangt. Er konnte machen, was er wollte. Ihm stand ein riesiges Instrument zu Gebote, womit er jetzt seine Lieder bringen konnte. Das war sehr verführerisch für ihn. Er hat nur noch Busch gesehen. Was nicht Busch war, das war zweite Garnitur.

War er egozentrisch?
Ja, er war meines Erachtens auch eitel. Aber er hat mir auch die Story  erzählt, wie er '45 aus dem Zuchthaus Brandenburg nach Berlin gelangt ist. Er hatte sich 'n Fahrrad organisiert und fuhr los. Unterwegs wurde er von Russen aufgehalten. Die haben ihm das Fahrrad wegnehmen und ihn festhalten wollen. Da hat er gesagt: ”Ich bin Ernst Busch!” Und da ist 'n Offizier dazugekommen und hat gesagt: ”Singen!” Und da hat er gesungen, und da haben sie ihn laufen lassen. So hat mir das Busch erzählt.


”Die DDR-Leuchtturmwärter der Musikwissenschaft standen unter dem Einfluss des Stalin-Kultes.”


Das ist eine schöne Geschichte, die er oft erzählt hat. Ich glaube, dass Busch mit diesen Geschichten auch großen Eindruck machen konnte gerade bei jungen Leuten. Sie waren damals 26 Jahre alt, als Sie mit der Verstaatlichung von Lied der Zeit befasst waren. Ich frage mich ... Woher haben Sie eigentlich das Selbstbewusstsein genommen, als junger Mann solche weit reichenden Entscheidungen und Beurteilungen zu fällen? Waren Sie im Vollbesitz der Erkenntnis, dass Sie auf dem richtigen Weg sind? Was hat Sie so sicher gemacht?
Tja, wissen Sie, die Musikpolitik der DDR war ja ganz allgemein ein bisschen eingeengt. Das ging ja nicht nur von uns aus. Das war zum Beispiel auch im Komponistenverband so. Die führenden Leute im Verband, die alle mehr wussten als ich, waren Georg Knepler, Ernst Hermann Meyer, Nathan Notowicz und Harry Goldschmidt.  Alle zusammen nannte man in der DDR das ”mächtige Häuflein” in Anlehnung an die Gruppe der fünf russischen Komponisten Mussorgski, Borodin, Balakirew, Cui und Rimski-Korsakow. Das waren damals Neuerer in der Musik gewesen, die sich gegen Tschaikowski und die anderen gewandt hatten, sozusagen gegen die Salonmusik. Es ging um ”echte” volksverbundene russische Musik, dafür stand das ”mächtige Häuflein”. Und die DDR-Leuchtturmwärter der Musikwissenschaft, Ernst Hermann Meyer und seine Kollegen, haben auch etwas Neues schaffen wollen. Das war natürlich alles diktiert und stand auch unter dem Einfluss des Stalin-Kultes. Stalin hatte ja zum Beispiel Schostakowitsch wegen Formalismus kritisiert. Shdanow war sein Adlatus dafür. Das bestimmte irgendwie das Klima. Auch den Direktiven, die wir aus dem ZK der SED oder sonstwoher bekamen, merkte man diesen Einfluss an. Da ging es gegen den Formalismus, und damit war ja vor allem der westliche Formalismus gemeint, von dem man sich in der DDR abgrenzen wollte. Nun hat es ja tatsächlich im Westen krumme Wege gegeben, die man kritisieren konnte.

Zum Beispiel?
Die ganze Zwölftonmusik ist und bleibt nach meinem Dafürhalten eine Schreibtischmusik. Sie wird niemals Bestand behalten in der Musikkultur.

Warum?
Weil sie praktisch eine konstruierte Musik ist, eingezwängt in feste Regeln. Ich weiß nicht, ob Sie die Regeln der Zwölftonmusik kennen ...

Ich habe mich mit Zwölftonmusik nur oberflächlich beschäftigt.
Vereinfacht gesagt:Im Thema müssen alle 12 Töne vorkommen. Es darf keine Anklänge an die Tonalität geben. Und dann müssen diese sogenannten Reihen, man spricht ja auch von serieller Musik, bearbeitet wiederholt werden. Daraus besteht das Material, aus dem dann Musik entsteht. Aber das ist eine so enge Zwangsjacke, mit der auch ein Beethoven oder ein Bach keine bleibende Musik hätte machen können.


”Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Werk aus einem Konzertprogramm gestrichen zu haben.”


Haben Sie mit der Kunstkommission teilweise nicht auch den Künstlern in der DDR eine Zwangsjacke angepasst? Mit Richtlinien, die aus der Sowjetunion und vom ZK kamen?
Naja, eigentlich nicht. Der Anteil sowjetischer Musik war nicht sehr groß. Und die Konzertprogramme waren durchweg fast nicht zu unterscheiden von denen des Westens.

Indem Sie formalistische und proletkultische Sachen ausgeschlossen haben, indem Sie versucht haben, den Jazz auszuschließen – das ist doch eine Art von Zwangsjacke. Ich meine, in der Gesamtheit haben Sie doch das Universum der Musik beschnitten. Es fand eine Art von Zensur statt ...
Nein, ich glaube nicht, dass man das so sagen kann. Es gab eigentlich keine Verbote. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Werk aus den Konzertprogrammen unserer Orchester gestrichen zu haben. Ich bekam ja alle Konzertprogramme ...

Vorhin haben Sie das Weihnachtslied von Busch aus dem Jahr '52 erwähnt ...
Ja, dazu stehe ich auch. Das würde ich heute noch verbieten (lacht).

Gut, aber es gab ja noch andere Musiker in der DDR, denen Steine in den Weg gelegt wurden ...
Widerstehen Sie der Versuchung, Schwarzweiß-Malerei zu betreiben! Im Westen gab es genauso Ausfälle gegen Komponisten. Die gingen nur vielleicht etwas dezenter vonstatten. Ich könnte Ihnen da einige Beispiele nennen. Ich bekam ja die gesamte West-Presse über Musik auf den Schreibtisch und war genau orientiert darüber, was dort los war. Ich machte mir keine Illusionen über die Musikpolitik im Westen. Da wurden Komponisten ignoriert und drangsaliert, das wurde nur nicht publik gemacht.

Sie haben diese Informationen ja offenbar der West-Presse entnommen. Also müssen diese Fälle, von denen Sie sprechen, irgendwie durchgesickert sein ...
Naja, teilweise kriegten wir diese Dinge auch unter vier Augen von westlichen Kollegen auf Kongressen erzählt. Zum Beispiel hat man sich über Werner Egk lustig gemacht. Die drei Buchstaben seines Namens übersetzte man mit ”Ein Großer Komponist”. Und man erfand den Slogan: ”Egk mich am Orff!” Dann gab es den Fall eines Professors, der in Bayreuth die Wagner-Kinder musikalisch unterrichtet hatte. Irgendwann muss er in Ungnade gefallen sein, und er hat mir persönlich erzählt, dass er dann angefangen hat, Zwölftonmusik zu schreiben. Die Kompositionen hat er an amerikanische Millionäre verkauft, die ihren eigenen Namen daruntergesetzt und ihn gut bezahlt haben. Zu mir hat er gesagt: ”Ich habe Mist geschrieben, aber ich wollte leben! Und da habe ich diese Sachen über irgendwelche Kanäle rübergeschickt in die Hände von Leuten, die gern mit solchen Werken protzen wollten.” So etwas gab es auch.

Mit Zwölftonmusik hatten Sie wahrscheinlich erst zu tun, nachdem Sie Leiter der Hauptabteilung Musik im Kulturministerium geworden waren ...
Das stimmt. Es wurden ja dann auch Zwölftonwerke geschrieben in der DDR.


”Man sagte mir: ’Dein Name ist ein rotes Tuch für Busch!’”


Haben sich Ihre Kompetenzen eigentlich durch den Posten im Ministerium erweitert?
In gewisser Weise ja. Vorher schickte man übrigens meinen ehemaligen Abteilungsleiter Hans Pischner und mich auf eine Dienstreise nach China. Pischner war Delegationsleiter, und ich war Stellvertreter. Man wollte erproben, ob Pischner und Uszkoreit auch zusammenpassen, denn Pischner sollte Leiter der Abteilung Musik werden. Diese Reise war für mich sehr anstrengend. In unserem Sonderzug durch China hatte ich immer einen chinesischen Komponisten  oder Musikwissenschaftler an meiner Seite. Der hatte ein dickes Notizbuch dabei und fünf Füllfederhalter, und der hatte den Auftrag, den Deutschen, also mich, ordentlich auszupressen.

Hans Pischner kam ja vom Rundfunk und wurde dann '54 Leiter der Hauptabteilung Musik im Kulturministerium und später Stellvertretender Kulturminister. Für Busch muss Pischner eine Hassfigur gewesen sein, das geht aus den Archivunterlagen hervor, wobei mir nicht ganz klar ist, warum. Denn Pischner hatte, verglichen mit ihnen, gar nicht so viel mit Busch und Lied der Zeit zu tun ...
Das ist merkwürdig. Ich weiß nur, dass Busch großen Groll gegen mich hatte. Und ich habe darunter echt gelitten. Ich habe verschiedentlich Leute, die um ihn waren, gefragt: ”Seht Ihr nicht eine Möglichkeit, dass ich mich mit Busch mal zusammensetze? Das kann nur ein Missverständnis sein. Ich habe ihm doch nichts getan, was es rechtfertigen würde, mich derart zu verachten!” Da haben die gesagt: ”Dein Name ist 'n rotes Tuch! Gib das auf, da ist nichts mehr zu retten” Ich habe es dann aufgegeben.

Der Kulturminister Hans Bentzien ist irgendwann mal mit Pischner zu Busch gegangen, um Missverständnisse auszuräumen. Da waren Sie nicht dabei?
Nee, es wurde immer gesagt: ”Uszkoreit und Busch sollen sich möglichst aus dem Weg gehen.”

Wann haben Sie ihn denn zuletzt persönlich getroffen?
In den 60er Jahren habe ich ihn mal auf dem Rollfeld vom Flugplatz Schönefeld getroffen. Ich flog weg, und er kam gerade an oder umgekehrt, wir begegneten uns jedenfalls. Ich habe ihn begrüßt, und er erwiderte: ”Und das muss mir auch noch heute passieren!” Das war seine Reaktion. Daran merkte ich, dass er immer noch wütend war. Es hat sich aber noch ein Ereignis abgespielt, das die Geschichte vielleicht sogar noch verstärkt hat: Ich war häufig für die Programmgestaltung von Festkonzerten bei Staatsakten verantwortlich ...

... darüber hatten Sie ja bei Ernst Hermann Meyer promoviert ...
Ja, das war mein Steckenpferd. Bei irgendeinem Festakt Anfang der 60er Jahre, wahrscheinlich zum Jahrestag der DDR, fand ich es vom Kontext her angezeigt, Ernst Busch einzusetzen. Ich habe also Busch mit zwei Liedern ins Programm geschrieben. Becher war schon tot, Bentzien war noch nicht Minister. Es rief mich dann Staatssekretär Abusch an, der damals amtierender Minister war, und sagte: ”Sag mal, was hast denn Du da angestellt? Busch hat Deinen Namen als Autor des Programms gesehen und sofort gesagt: ’Wenn der da mitmacht, dann mache ich nicht mit!’” Da habe ich zu Abusch gesagt: ”Das ist doch kindisch! Was soll das? Es gibt keinen Grund für diese Haltung.” Abusch hat dann noch mal mit Busch geredet und ihn überzeugt. Abusch darauf zu mir: ”Ich habe den Busch von seiner Palme runtergeholt, er macht mit!” Darauf ist das Programm ins Politbüro der SED gegangen, und Ulbricht hat Busch gestrichen. Und jetzt saß ich da und war der Dumme. Was sollte Busch jetzt von mir denken? Der muss doch geglaubt haben, dass ich das mit Absicht gemacht habe: ihn erst ins Programm reinzuschreiben, um ihn dann von Ulbricht streichen zu lassen. Verstehen Sie? Solche ungewollten Dinge hatten ja eine fatale Wirkung! Das war 'ne üble Geschichte, die mich sehr getroffen hat. Ich dachte mir: ”Warum erwischt es immer mich? Warum konnte Ulbricht das nicht durchgehen lassen?”


”Die Parteispitze hat ihn als total größenwahnsinnig abgehakt.”


Warum hat Ulbricht das nicht durchgehen lassen?
Der hatte genauso seine Launen. Außerdem war Busch bei der höchsten Parteispitze nicht gut angesehen. Er hatte bei der Parteiüberprüfung verlangt, von der gleichen Kommission überprüft zu werden, die auch das Politbüro überprüfte. Er wollte sich nur den Leuten stellen, die für Grotewohl, Pieck und Ulbricht zuständig waren. Und da haben sie ihn natürlich als total größenwahnsinnig abgehakt. Seitdem ist er auch nicht mehr Mitglied der Partei gewesen.

Für Busch kam Anfang der 50er Jahre einiges zusammen, was er als persönliche Kränkungen erlebt hat: zum Beispiel die Parteiüberprüfung, aber eben auch die Probleme mit der Kunstkommission. Und er hat sich in seinen Notizen zu diesen Querelen zumindest stichpunktartig geäußert. Ich lese Ihnen das mal vor, weil Sie vorhin gesagt haben, Sie wüssten nicht, warum Busch so sauer war: ”Am 2. Mai habe ich die Bandvernichtung vorgenommen. Der 1. Mai war ein Freitag und ist Feiertag in der D.D.R. (heute noch). Montag den 4. Mai wurde der Betrieb ohne meine Mitwirkung übergeben. Aus diesem 2. Mai u. der persönlichen Bandvernichtung wollte mir die Kunstkommission insbesondere Herr Uzkoreit ein Wirtschafts Verbrechen konstruieren. Nur auf Eingreifen von dem Domprobst Kleinschmidt wurde das verhindert – Herr Uzkoreit sitzt heute noch in der selben Position im Ministerium von Becher.”
Das ist nicht wahr! Ich wollte nur das Repertoire retten! Das war für mich der goldene Fond des Betriebes!

Sie haben das nicht als ”Vernichtung von Volkseigentum” dargestellt?
Nein, das waren für mich schlicht und einfach künstlerische Werte, die jetzt den Vorlauf für einen volkseigenen Betrieb ermöglichen sollten. Denn die Schallplatten sollten ja weiter veröffentlicht werden. Wir konnten ja nicht von heute auf morgen ein komplett neues Repertoire aus dem Boden stampfen. Dass ich ihn als Wirtschaftsverbrecher belangen wollte, das kann nur Busch selbst geschlussfolgert haben. Ich höre das jetzt zum ersten Mal, dass er diese Denkweise hatte.

Der Vorwurf der ”Vernichtung von Volkseigentum” findet sich auch in den Akten, das stammt nicht von Busch ...
Ich habe den ganzen Vorgang niemals mit dieser Terminologie belegt. Ich habe nur gesagt: ”Das Repertoire muss gerettet werden.” Was sollten wir mit einem volkseigenen Schallplattenbetrieb anfangen, wenn null Repertoire da ist?

Busch war von Eisler gebeten worden, die künstlerisch nicht gelungenen Aufnahmen seiner Lieder zu vernichten, weil Eisler nicht wollte, dass diese Aufnahmen in falsche Hände gerieten ...
Ja, bloß wer spricht denn eigentlich das letzte Wort darüber, ob eine Aufnahme künstlerisch gelungen ist oder nicht?


”Die Bandvernichtung habe ich als kulturpolitischen Verlust empfunden.”


Juristisch gesehen hat Busch die Bandvernichtung wohl am falschen Tag durchgeführt. Hätte er die Sache zwei Tage vorher durchgezogen, dann wäre es ja noch sein Betrieb gewesen. Dann hätten Sie schlecht etwas dagegen sagen können ...
Juristisch mag das so sein. Aber ich habe das nie als juristische Frage angesehen. Ich habe das als kulturpolitischen Verlust empfunden! Ich hatte den Busch sogar im Verdacht, dass er in seinem wahnsinnigen Zorn alles vernichten könnte, auch seine eigenen Sachen und damit sich selbst. Dass er nach dem Motto handeln könnte: ”Wenn ich sie nicht haben kann, dann soll sie die DDR auch nicht haben!” Als solchen Typen kannte man ihn ja. Busch war jemand, der richtig aus der Haut fahren konnte.

Ein anderer Punkt, den Busch an Ihrer Person festgemacht hat, war Ihre Ablehnung einer Version von ”Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten”. Hans Bentzien hat das '61 in einem Schreiben an Alfred Kurella erwähnt, nachdem er zusammen mit Pischner einen Besuch bei Busch zu Hause gemacht hatte. Es ging um die Vertonung von Eisler, die angeblich nicht produziert werden durfte. Stattdessen sei der Vertonung von Meyer der Vorzug geben worden. Bei Bentzien heißt es: ”Genosse Uszkoreit gibt das zu und hält es für einen Fehler, das getan zu haben.” Erinnern Sie sich daran?
Also, mit Busch habe ich über diese Frage überhaupt nicht gesprochen. Das Lied ist mir bekannt, auch dass es Meyer vertont hat. Ich war damals wahrscheinlich der Auffassung, dass man nicht zwei konkurrierende Vertonungen bringen kann. Und als ich mich für eine Vertonung entscheiden sollte, habe ich gesagt: Ich stehe für die von Meyer ein. So etwa war meine Haltung. Meyers Melodie war leichter zu singen, war eingängiger. Das Lied wurde auch viel nachgesungen in dieser Zeit: (singt) ”Sterne unendliches Glühen ...” - Aber das war kein Affront gegen Eisler. Und wenn der Eisler sich beleidigt gefühlt hätte, dann hätte ich das zu hören bekommen. Gegen Eisler kann ich nie was gehabt haben. Ich erinnere mich noch, wie ich, das muss so um '60 gewesen sein, den ersten Band seiner Lieder druckfrisch auf den Schreibtisch bekam. Das war sozusagen das Bestätigungsexemplar – ich hatte ja darauf gedrängt, dass die rauskommen, die Eisler-Lieder. Und als der Band nun vor mir lag, dachte ich mir: Jetzt ruf ich den Eisler an! Ich rief ihn also an und sagte: ”Herr Eisler, ich habe Ihnen was zu geben, kommen Sie mal zu mir!” Eisler kam zu mir, und ich überreichte ihm ganz feierlich das erste Exemplar des ersten Bandes seiner Lieder. Und da sagte er: ”Den behalten Sie! Ich schreibe Ihnen eine Widmung rein.” Er hat mir einige sehr freundliche Zeilen hineingeschrieben. Leider ist dieser Band auch unter den beschlagnahmten Sachen nach meiner Republikflucht gelandet. Ich habe später versucht, herauszufinden, ob die Staatsbibliothek oder die Städtische Bücherei diesen Band noch besitzt, aber das war vergeblich. Meine Bücher und Schallplatten wurden ja an die Bibliotheken gegeben.

Hatten Sie eigentlich privat Schallplatten von Busch?
Natürlich. Ich hatte 'ne riesige Schallplattensammlung. Ich bekam ja von allen Schallplatten, die herauskamen, Belegexemplare.

Haben Sie sich privat auch mal so 'n Busch-Lied angehört oder eher nicht – nach diesen Streitereien mit ihm?
Ach, sicher - vielleicht nicht gerade andachtsvoll (lacht). Aber ich habe es immer fertiggebracht, und dazu musste ich mich gar nicht zwingen, zwischen dem Sänger Busch, den ich nach wie vor verehre, und dem irre gewordenen Feind Busch zu differenzieren. Das waren für mich zwei verschiedene Seiten seiner Persönlichkeit.

Erinnern Sie sich noch an Karl Kleinschmidt?
Eigentlich mehr an seinen Sohn, der auch Musikwissenschaft studierte. Der Dompastor Kleinschmidt, ja ...

Er war gut befreundet mit Busch, ist zeitweise wohl auch wie sein persönlicher Manager aufgetreten. Im Jahr '53 hat er einen Briefwechsel mit dem Vorsitzenden der Kunstkommission, Helmut Holtzhauer, gehabt. Kleinschmidt beklagt sich darin über Holtzhauers und Ihr Vorgehen gegenüber Busch und Lied der Zeit, und Holtzhauer erklärt dann, dass alles korrekt abgelaufen sei. Kleinschmidt schreibt nicht sehr freundlich über die Kunstkommission und über Sie, Sie sind der ”Usz-Mitarbeiter” für ihn, weil das offenbar Ihr Kürzel damals war.
Das stimmt, das war mein Kürzel. Aber dieser Briefwechsel ist mir gar nicht geläufig.

Holtzhauer erwähnt ein Telefonat zwischen Ihnen und Busch, in dem Sie von Busch beleidigt worden seien. Dazu Kleinschmidt: ”Der Hinweis Ihres Briefes auf ein Telefongespräch zwischen Ernst Busch und Ihrem Usz-Mitarbeiter ist mir unverständlich. Ich weiss von einem solchen Gespräch nichts. Ich weiss nur, dass Ihr Mitarbeiter Herrn Ernst Busch ahnungslos oder böswillig  tödlich beleidigt hat, und halte es unbesehen für verständlich, daß Herr Ernst Busch sich dagegen mit dem Temperament gewehrt hat, das alle seine Freunde und Verehrer an ihm lieben.” Erinnern Sie sich an dieses Telefonat mit Busch? Dass es da zu Beleidigungen kam?
Schon möglich, aber so hochdramatisch kann es eigentlich nicht gewesen sein. Das dramatischste Telefongespräch mit Busch war nach meiner Erinnererung das mit dem Weihnachtsbaum. Aber da hat er mir nur entgegengehalten: Wenn der Staatspräsident das gut findet, dann brauchst Du es ja nicht abzulehnen!

Fühlten Sie sich bei diesem Gespräch mit Busch von oben herab behandelt?
Ja. Nebenbei bemerkt habe ich Kleinschmidt nicht sehr geschätzt. Ich habe ihn zwar persönlich nicht gekannt, aber ich wusste, was er machte und wie er auftrat: Er war eben der sozialistische Dompastor. Es war der Partei sicher ganz angenehm, dass sie so eine Stütze in der Kirche hatte, aber er hatte beispielsweise auch nicht das Ansehen seiner evangelischen Pfarrerkollegen.


”Die Kunstkommission hatte einen schlechten Ruf, und den musste auch Holtzhauer ertragen.”


Was mir auffällt an diesem Briefwechsel ist, dass sowohl Kleinschmidt, als auch Holtzhauer glauben, in der jeweils höheren Position zu sein. Beide legen 'ne Art von Arroganz an den Tag. Holtzhauer schließt seinen Brief mit dem Satz, für ihn sei die Angelegenheit hiermit erledigt. Darauf Kleinschmidt: ”Sie betrachten den Gegenstand meines Briefes (...) als erledigt. Das ist die Tonart des alten Preussen. In unserer demokratischen Ordnung bittet der Staatsangestellte den Beschwerdeführer allenfalls, die Angelegenheit als erledigt zu betrachten. Der Schlussatz Ihres Briefes ist also jedem Staatsbürger gegenüber fehl am Platze. Er ist es doppelt, wenn damit auf die Eingabe eines Volkskammermitgliedes geantwortet wird.” Und in diesem Stil geht es weiter. Waren Kleinschmidt und Busch sozusagen ein Einzelfall oder haben sich die Leute generell von der Kunstkommission schlecht behandelt gefühlt?
Die Kunstkommission hatte einen schlechten Ruf, und den musste auch Holtzhauer ertragen. Aber ich sah mich davon nicht so sehr betroffen, das galt mehr der Theater- und Literaturabteilung. Denn ich war in der glücklichen Lage, wie auch meine Mitarbeiter, dass die hohen Funktionäre sich um die Musik wenig kümmerten und sich auch nicht zwingen ließen, Entscheidungen zu treffen, weil sie sagten: ”Davon verstehe ich nichts!”. Der Abusch hat mich mal angerufen und gesagt: ”Ich kriege ständig Belegplatten vom VEB Deutsche Schallplatten, ich höre mir die gar nicht an. Ich habe kein Verhältnis dazu, du kannst sie von mir haben.” Ich darauf: ”Ich kriege ja selber welche.” - ”Na, dann kannste sie verschenken”, sagte er.

War das der Grund, warum die ganze Sache mit Lied der Zeit immer verschleppt wurde? Weil sich niemand zuständig fühlte? Ich meine, bevor die Kunstkommission kam, und bevor Sie das vorantrieben, hätte sich ja schon jemand um die Verstaatlichung kümmern können. Busch wollte das ja schon lange, und 1953 war ja ziemlich spät, wenn man es mit anderen Betrieben vergleicht ...
Ich meine, diese Verstaatlichung stand im Raum: Die Hutpressen in Ehrenfriedersdorf, der fehlende Schellack, der zum Teil aus Indien importiert werden musste – das waren alles ökonomische Zwänge. Dazu kam die enge musikalische Begrenztheit des Ernst Busch. Ich habe dann sicher nicht nur einmal, sondern mehrmals zu Holtzhauer gesagt:”Der Betrieb muss erweitert werden, der kann nicht GmbH bleiben. Der muss bei der Plankommission mit drinstehen, damit die Materialbelieferung gewährleistet ist. Da sagte Holtzhauer: ”Ich stimme Dir zu, es ist jetzt nämlich auch die Langspielplatte im Kommen, dadurch wird sich einiges ändern.” Die Tschechen mit ihrer Firma Supraphon waren die Ersten, die damit ankamen. Und die suchten jetzt auch in uns Verbündete, weil sie ihren Export erweitern wollten. Der in einen VEB umgewandelte Betrieb hatte dann bald, meines Erachtens sogar schon ab Ende '53, die erstenLangspielplatten im Programm. Ich kann mich noch an Gespräche mit Holtzhauer erinnern, wo wir gesagt haben: ”Wir müssen diese Langspielplatte aus Vinyl unbedingt einführen, das bedeutet eine Verfünffachung der Spieldauer!” Man konnte ja keine Symphonie bringen auf der Schellackplatte, die hatte ja nur 'ne Spieldauer von sechs, acht Minuten. Noch nicht mal ein symphonischer Satz konnte am Stück gebracht werden, alles musste zerstückelt werden, und die Tonqualität war auch schlecht. Das waren Gründe, dass da mächtig Druck dahinter gesetzt wurde. Und die Tschechen lieferten uns auch als Erste die Masse zur Herstellung der Langspielplatten.


”Lied der Zeit - Das war eine patriarchalische Autokratie.”


Gab es anfangs eigentlich zumindest die Überlegung, Busch in irgendeiner Funktion in den neuen VEB mit zu übernehmen?
Nein. Ich kann mich jetzt nicht detailliert erinnern, dass diese Frage diskutiert worden ist. Aber ich hätte in jedem Fall gesagt, auch in der damaligen Denkweise: ”Busch könnte in dem Betrieb nur stören.” Er war einfach zu sehr Autokrat. Das war ja eine patriarchalische Autokratie, die GmbH Lied der Zeit. Busch bestimmte alles. Von dieser Denkweise wäre er nicht abgegangen. Das hätte Hauen und Stechen gegeben, wenn der Busch da weitergemacht hätte.

Hatte er die Erwartung, dass er in dem neuen Betrieb noch was zu sagen hat?
Ich glaube, er hat selbst begriffen, dass das nicht funktionieren würde. Er wollte ja auch nicht verramscht werden. Er war der Boss gewesen. Wer will schon vom Thron steigen? Man soll nicht einen Leiter als Subordinierten in einem Nachfolgebetrieb einsetzen.

Er hätte ja so 'ne Art Frühstücksdirektor werden können ...
Ja, Ehrenmitglied oder so (lacht).

Busch muss sich jedenfalls ausgebootet gefühlt haben. Sonst wäre er nicht so wütend gewesen ...
Ich habe den Grund für seinen Zorn nie ganz verstanden. Wenn er mich natürlich verdächtigt hat, ich hätte ihn als Wirtschaftsverbrecher dargestellt, dann wird seine Reaktion verständlich ...

Das war im Raum gestanden genauso wie künstlerische Beschneidung und Bevormundung durch die Kunstkommission, über die wir schon gesprochen haben. Sie haben vorhin gesagt, die Kunstkommission habe einen schlechten Ruf gehabt. Das ging ja so weit, dass Künstler und Intellektuelle sich bitter beklagten. Wolfgang Harich hat das getan oder auch Friedrich Wolf, der noch auf dem Sterbebett angeblich gesagt hat, die Partei müsse in Ordnung bringen, was die Kunstkommission angerichtet hat im Fall von Ernst Busch und Gret Palucca. Was war denn eigentlich bei Palucca vorgefallen?
Nichts, soweit ich weiß. Aber das war nicht mein Bereich. Ich weiß nur, dass ein leitender Mitarbeiter, Tilo Vogel, in der Palucca-Schule als Direktor eingesetzt wurde. Aber die Palucca-Schule wurde niemals in Frage gestellt. Natürlich muss man eines sagen: Holtzhauer wurde gehasst. Er hatte eine sehr unverbindliche, kurz angebundene Art. Er war sehr belesen, sehr intellektuell, durchaus auch im etwas abfälligen Sinne: Er wusste, was er wusste. Und die Art und Weise, wie er seinen Standpunkt durchsetzte, hatte manchmal etwas Cholerisches. Ich habe darunter eigentlich nicht zu leiden gehabt, ich konnte ganz gut mit ihm. Aber dem Kollegen Hartig hat er mal 'n ganzen Leitz-Ordner vor die Füße geschmissen und hat gesagt, er soll ihm so 'n Mist nicht noch mal vorlegen.

War Holtzhauer sozusagen ein verdienter Kommunist, war er im Widerstand gewesen?
Er hat im Zuchthaus gesessen in der Nazizeit.

Was war der Grund dafür, dass Holtzhauer, der Chef der Kunstkommission, nicht übernommen wurde '54 ins neue Kulturministerium?
Naja, es gab eben 'ne gewisse Unzufriedenheit. Und dann müssen Sie sehen: Das war die Zeit des sogenannten Neuen Kurses, der nach dem 17. Juni propagiert wurde. Die Partei sagte: ”Die Künstler müssen beruhigt werden! Die dürfen nicht mehr massenhaft abhauen!” Es ging also darum, die Kulturszene zu besänftigen, und Holtzhauer fiel dieser Entwicklung zum Opfer. Alle, die diesem neuen, weichen Kurs im Wege standen, wurden einfach beseitigt. Dazu gehörte Holtzhauer.

Jemand, den man heute als Hardliner bezeichnen würde?
Ja. Er hat selbständig Entscheidungen getroffen und sich nicht jedes Mal gefragt, wie man das wohl in Moskau handhaben würde. Ich kann mich noch erinnern, wie das war, als '56 die Chruschtschow-Rede gegen Stalin bekannt wurde: Da unterhielt ich mich mit Hartig, und der sagte zu mir: ”Jetzt wirst Du sehen, wie sich die Leute, die dem Stalin in den Hintern gekrochen sind, beeilen werden, da wieder rauszukommen!”

Busch hatte ja '49 auch Lieder auf Stalin gesungen ...
Das war gang und gäbe. Da hätte keiner, auch nicht aus Überzeugung, gewagt zu sagen: ”Das mache ich nicht.”

Wie würden Sie Hans Pischner charakterisieren?
Ich war ja sein Stellvertreter in der Hauptabteilung Musik im Kulturministerium. Es dauerte nicht lange, da sagte er zu mir: ”Man hat mir angetragen, stellvertretender Minister für Kultur zu werden.” Ich habe geantwortet: ”Warum willst Du dir das antun? Als Hauptabteilungsleiter bist Du auf Deinem Gebiet tätig, da bist Du sattelfest. Aber als stellvertretender Minister musst Du auch außermusikalische Entscheidungen treffen, musst Dich um die Bildende Kunst kümmern und vieles andere.” Also, ich habe ihm abgeraten, aber er war Karrierist, er wollte unbedingt. Der Vorteil für mich war: Ich wurde dadurch '56 Hauptabteilungsleiter im Kulturministerium. Und '57 habe ich promoviert, in aller Stille übrigens ...

Hatte man Ihnen das nahegelegt: zu promovieren?
Nee, überhaupt nicht. ich musste mir einen Monat Arbeitsbefreiung erkämpfen, um meine Dissertation ins Reine zu schreiben. Und als sich das herumsprach, dass ein Mitarbeiter des Ministeriums promoviert hatte, meldete sich Becher bei mir und gratulierte. Er hat das sehr geschätzt. [...]


(Exkurs über die Frage, inwieweit sich Hans-Georg Uszkoreit von den Anschuldigungen der Künstler und Intellektuellen betroffen gefühlt hat, die gegen die Kunstkommission vorgebracht wurden)



”Kurella fragte: ’Kann man nicht durch Änderung des Textes diese schöne Musik der Bach-Passionen retten?’”



Hier vielleicht noch eine Episode: Eines Tages kam ein Dompastor aus Mecklenburg zu mir und sagte: ”Es passiert ein Unglück in Güstrow! Die Matthäus-Passion soll aufgeführt werden, und jetzt bekomme ich kurz vor Toresschluss die Nachricht, dass den Musikern des Volkstheaters Rostock durch einen Beschluss der dortigen Bezirksleitung die Mitwirkung untersagt worden ist. Wenn die nicht mitwirken dürfen, dann platzt die Aufführung! Das gibt einen mittleren Aufstand in Güstrow, wir haben schon 5000 Karten verkauft!” Da habe ich schnell geschaltet, weil ich verhindern wollte, dass 5000 Leute auf den Barrikaden stehen wegen so einem irrsinnigen Beschluss. Ich rief Alfred Kurella vom ZK an und sagte: ”Ich habe eine ganz dringende Angelegenheit, kann ich schnell vorbeikommen?” Ich durfte zu ihm kommen und trug ihm die Sache vor. Er sagte: ”Ich bin der gleichen Meinung. Gut, dass Du mir das erzählt hast! Ich rufe sofort Grotewohl an!” Er rief in meinem Beisein Grotewohl an, teilte ihm mit, was passiert war. Grotewohl sagte: ”Ich kläre das gleich!” Ich sollte dann noch den Bescheid abwarten, und vielleicht zehn Minuten später rief Grotewohl bei Kurella an und teilte mit: ”Wir haben den Beschluss der Bezirksleitung außer Kraft gesetzt, die Musiker können natürlich spielen.” Hinterher gab es ein interessantes Gespräch mit Kurella, der froh war, dass die Sache gut gelöst war, und der nun zu mir sagte: ”Sag mal, das ist doch so 'ne schöne Musik, diese Bach-Passionen und diese Oratorien. Könnte man nicht durch Änderung des Textes die Musik retten?” Da habe ich erst mal nach Luft geschnappt und dann gesagt: ”Genosse Kurella, das haben die Nazis versucht! Die Nazis störten sich bei den Händel-Oratorien an Judas Makkabäus und den ganzen jüdischen Namen. Judas Makkabäus wurde umbenannt in ’der Feldherr’. Auf diesem Gleis befänden wir uns dann! Ich rate dringend ab, auch nur daran zu denken, so etwas zu tun!” Er sah das dann auch ein, aber solche Überlegungen hat es gegeben.

Unglaublich. Aber interessant finde ich auch Ihren Vergleich mit der Zeit des Nationalsozialismus. Dieser Vergleich wurde ja Anfang der 50er jahre oft gezogen, wenn Leute der Meinung waren: Hier läuft was schief! Kleinschmidt schreibt auch sinngemäß an Holtzhauer: ”Sie wollen doch wohl nicht in ein Fahrwasser geraten, das wir alle nur zu gut kennen, und von dem wir glauben, es sei Geschichte.” Kannten Sie diesen Vorwurf auch? Hat man der Kunstkommission mehrmals vorgehalten, sie würde so handeln wie es in der jüngsten Vergangenheit üblich war?
Nein, uns wurde höchstens vorgeworfen, dass wir übers Ziel hinausschießen würden: Sozialistische Diktatur oder Diktatur des Proletariats falsch verstanden, das hat man der Kunstkommission vorgeworfen.

Haben Sie sich diesen Schuh angezogen?
Ich war jedenfalls bemüht, nicht in dieses Fahrwasser zu geraten. Ich könnte mehrere solcher Beispiele bringen, wie ich es eben genannt habe, wo deutlich wird, dass ich dann doch versucht habe, die Vernunft walten zu lassen.

Sie hatten bei der Kunstkommission schon als junger Mann mit Ende 20 ein ziemlich großes Arbeitsfeld. Wie haben Sie das eigentlich bewerkstelligt?
Das war eine Frage der Organisation. Ich war darum bemüht, möglichst viele Aufgaben auf meine Mitarbeiter aufzuteilen und die Dinge nicht alle an mich zu ziehen.

Was waren das für Mitarbeiter? Kamen die aus der Kultur?
Das waren alles Fachleute.

Denn das war ja die Kritik der Künstler: Die Stakuko-Leute seien zu weit weg von der Kultur ...
Das war nicht so. Die mussten alle eine entsprechende Berufsausbildung haben.

Wieviele Mitarbeiter hatte denn die Kunstkommission, bevor sie aufgelöst wurde?
Ich schätze, dass wir etwa 100 Mitarbeiter waren. Wir saßen zusammen mit dem Amt für Literatur und Buchwesen in der Wilhelmstraße, wo jetzt die Musikhochschule ”Hanns Eisler” ist. Das war mal die Privatkanzlei von Goebbels gewesen.

Der andere Vorwurf der Künstler war, dass die Kunstkommission nach strikten Plänen vorging. Wurde die Kultur behandelt wie andere Produktionszweige auch?
Nein, man hat da schon unterschieden. Die Kultur sollte den wirtschaftlichen Aufbau unterstützen. Die Leute sollten zufrieden sein, sollten gute Musik hören können und qualitativ hochwertige Schallplatten kaufen können. Unser Kummer war, dass wir den Bedarf an Schallplatten niemals decken konnten, obgleich die Pressen heiß liefen. Am Ende der DDR hat der VEB Deutsche Schallplatten nach Steuer- und allen anderen Abzügen 100 Millionen Mark Gewinn gebracht.


”Auch im Kulturministerium war ich niemals in Versuchung, meinen Einfluss voll auszuspielen.”


Hat man die Schallplattenfirma gleich nach der Umwandlung in einen VEB '53 technisch aufgerüstet?
Das passierte erst, als Harry Költzsch der Chef wurde. Er war ja studierter Volkswirtschaftler und Leiter der Haushaltsabteilung in der Staatlichen Kunstkommission gewesen. Becher hat ihn dann gefragt, ob er den Posten bei der Schallplatte übernehmen will. Das Interregnum musste beendet werden. Költzsch hat sich schnell gut eingearbeitet und hat das dann 35 Jahre lang gemacht.

War Költzsch eigentlich auch in erster Linie Klassik-Liebhaber?
Nee, seine Lieblingsmusik war eigentlich Mireille Mathieu. (Lachen) [...]

Sie waren dann von '54 bis '63 in Bechers Ministerium. Aus Archivdokumenten und Zeitzeugenaussagen geht hervor, dass es auch in dieser Zeit Beschwerden von Künstlern gab über ein zu hartes Vorgehen von ihrer Seite. Zum Beispiel hat der Dresdener Dirigent Heinz Bongartz solche Vorwürfe erhoben. Ist Ihnen das noch in Erinnerung?
Ja, mit Bongartz gab es mal eine Divergenz. Ich weiß aber nicht mehr, worum es da ging. [...]
Wissen Sie, mir ist glücklicherweise dieses Machtdenken ferngeblieben. Ich wusste, welchen Einfluss ich hatte. Wenn man in so einer Funktion ist, dann weiß man das einfach. Aber ich war niemals in Versuchung, diesen Einfluss auszuspielen. Ich habe einmal derb zugeschlagen, das stimmt: Da war mir mitgeteilt worden, dass man im Halleschen Symphonie-Orchester die ungarische Geigerin Maria Vermes als 1. Konzertmeisterin engagiert hatte. Und einige Musiker hätten dagegen protestiert, hieß es, ja, sie hätten lautstark vor dem Orchester gesagt, diese Frau solle sich an den Kochtopf stellen und nicht ans Geigenpult. Diese Konzertmeisterin kam zu mir und hat sich bitterlich beklagt. Da habe ich den Hörer genommen, ich war wütend, und habe dort angerufen und gesagt: ”Wenn sich die betreffenden Musiker nicht sofort bei der Kollegin entschuldigen, werde ich dafür sorgen, dass sie fristlos entlassen werden!” Da habe ich sozusagen mal die Keule geschwungen, aber ich fühlte mich auch im Recht. Ich hätte das wahrscheinlich gar nicht durchsetzen können, die zu entlassen, aber das hat natürlich gewirkt. Weil das so 'ne Ausnahmesituation war, habe ich sie auch im Gedächtnis behalten.

In Gesprächen mit Leuten aus der DDR-Kulturszene habe ich den Eindruck gewonnen, dass einige Musiker und Veranstalter sich vom Kulturministerium stark behindert fühlten. Das betraf in den frühen 60er Jahren vor allem den Jazz.
Ja, ich weiß. Damals hat mich der Theaterschriftsteller Peter Hacks zu sich nach Hause eingeladen, um mit mir über Jazz zu diskutieren. Ich bin also hingegangen, und wir haben uns dann sachlich unterhalten. Er wollte mir weismachen, dass ich falsch läge mit meiner Einschätzung des Jazz. Und ich habe versucht, den Jazz etwas differenzierter zu verstehen. Letztendlich haben wir uns dann geeinigt. Das war so eine Begebenheit, an die ich mich erinnere. [...]

(Exkurs über die Rolle des Jazz in der DDR und über Vorwürfe des Jazz-Veranstalters Werner ”Josh” Sellhorn, die Uszkoreit von sich weist)


”1956 rief mich zum ersten und letzten Mal Bert Brecht an.”


Die Popularität des Jazz und überhaupt die Beliebtheit westlicher Musik in der DDR war ein kaum lösbares Problem für die Kulturadministration. Man wollte doch im Osten immer mindestens mithalten mit dem Westen, auch auf dem Gebiet der Musik ...
Das stimmt, ich habe sogar Mitte der 50er Jahre mal versucht, das per Auftrag umzusetzen. Ich war damals Hauptabteilungsleiter und habe alle Komponisten der DDR aufgerufen, Sinfonien, Opern, Konzerte, Kammermusiken zu schreiben. Dafür wurde viel Geld ausgegeben: Eine Oper wurde mit 20.000 Mark honoriert, eine Sinfonie mit 5.000 bis 8.000 Mark. Paul Dessau wollte die Oper ”Herr Puntila und sein Knecht Matti” beisteuern. Ich habe ihm dann den Vertrag zugeschickt; der lautete: ein Drittel des Honorars bei Auftragserteilung, das zweite Drittel bei Ablieferung und das dritte Drittel nach Abnahme. Meine Verpflichtung bestand darin, dafür zu sorgen, dass die abgenommenen Werke auch aufgeführt werden. Darum ging es ja hauptsächlich, denn was nützt es, einen Kompositionsauftrag zu erteilen, wenn die Komposition nicht gespielt wird? Der Zuspruch war gut, die Komponisten machten sich an die Arbeit. Da rief mich zum ersten und letzten Mal Bert Brecht an: ”Herr Uszkoreit, Sie haben einen Kompositionsauftrag an Paul Dessau vergeben, darin schreiben Sie von einer Abnahme. Dessau wird nicht abgenommen, der wird angenommen und aufgeführt.” Da habe ich gesagt: ”Herr Brecht, tut mir leid, aber wir können jetzt nicht zweierlei Maß anlegen. Wir schreiben das in allen Verträgen, und ich bin nicht der Meinung, dass ich jetzt besonders anerkannte Komponisten mit einem Sonderauftrag versehen muss. Ich bin für gleiche Bedingungen. ”Gut”, sagte Brecht. Dessau lehnte dann den Auftrag ab. Er schrieb die Oper auch so.

Ohne Auftrag und ohne Geld?
Ohne Auftrag und ohne Geld.

Fanden Sie das arrogant damals?
Nee, ich fand das aus Dessaus Sicht schon verständlich. Aber ich versuchte ihm klarzumachen, dass ich jetzt nicht Sonderkonditionen einführen konnte. Wenn ich sage: Ein Werk wird abgenommen, dann wird es ja auch zur Aufführung angenommen – Ausnahmen kann man da nicht machen. Sofort wären andere Komponisten gekommen und hätten gesagt: Bei Dessau steht der Passus nicht drin.

War das generell das Problem der frühen DDR-Kulturpolitik, dass die Künstler das Gefühl hatten, es wird auf sie nicht individuell genug eingegangen?
Das kann ich nicht sagen. [...]

Wie würden Sie denn ihre kulturpolitische Arbeit nachträglich einordnen? Sie waren von '51 bis '63 an maßgeblicher Stelle tätig. Wie sehen Sie sich selbst?
Ich war immer bemüht, meine Pflicht zu tun und meinem Gewissen zu folgen. Als 1963 ich im Kollegium offiziell verabschiedet wurde, hat Bentzien meine Verdienste herausgestellt. Er hat gesagt: ”Wenn wir heute ein Gewandhaus-Orchester haben, einen Kreuzchor, einen Thomanerchor und eine ganze Fülle von international anerkannten Kräften, dann ist das auch zu einem Teil dem Kollegen Uszkoreit zu danken.” Das war mir Anerkennung genug. Und ich durfte mir dann aus den Gemälden, die das Ministerium für Kultur besaß, ein Bild als Geschenk aussuchen.

Was haben Sie sich ausgesucht?
Einen farbigen Holzschnitt aus Polen mit Pelikanen ...

... der wahrscheinlich auch in der DDR geblieben ist, als Sie in den Westen gingen ...
Ja. [...]


”Ich schlug eine 50/50-Regel vor, aber Abusch wollte 60/40.”


Bei Ihrer Arbeit in der Kunstkommission und im Kulturministerium ging es nicht nur um künstlerische Dinge, Ihre Arbeit stand auch im Zeichen des Ost-West-Konflikts. Bei Lied der Zeit haben Sie die westlichen Schlager kritisiert, die auf Amiga rauskamen. Auch in der Ära nach Busch gab es bei Amiga populäre angloamerikanisch geprägte Musik – das ließ sich ja nicht gänzlich umgehen. Haben Sie das dann auch kritisiert?
Das war natürlich auch wieder 'ne ökonomische Frage. Da ging es nicht nur um Ideologie. Die AWA hat alles, was in der DDR gespielt wurde, minutiös abgerechnet. Und alles, was aus dem Westen kam, war gebührenpflichtig. Dieses Geld wurde an die GEMA transferiert. Das waren jährlich zig Millionen Valuta, die gezahlt werden mussten. Ich war ja dabei, als diese sogenannte 60/40-Verordnung besprochen wurde, das muss etwa '58 gewesen sein, das war noch zu Abusch' Zeiten. Die Initiative ging damals von meiner Abteilung aus. Ich hatte in der Presse gelesen, dass es in Brasilien und in Frankreich Bemühungen gab, den Import von ausländischer Musik zu drosseln, um die Künstler im eigenen Land nicht zu benachteiligen. Ich brachte darauf den Vorschlag ein, in der DDR nach dem Prinzip 50/50 zu verfahren: 50 Prozent der gespielten Musik sollten aus der DDR und dem sozialistischen Ausland stammen, und 50 Prozent aus dem westlichen Ausland, also paritätisch. Diese Vorlage hat mir dann Abusch um die Ohren geschlagen und gesagt: ”Das ist die typische Gleichmacherei mit dem Westen! Ich verlange 60/40!” Das hat Abusch mir diktiert, und so ist es auch gekommen. Diese Verordnung galt für öffentliche Veranstaltungen, im Grunde für alle Bereiche des kulturellen Lebens in der DDR.

In dieser Zeit wurde auch der berühmte ”Lipsi” eingeführt, sozusagen als Antwort der DDR auf den als westlich-dekadent geltenden Rock'n'Roll ...
Ja, das war so ein Nebenprodukt dieser Entwicklung. Ich persönlich hielt davon gar nichts. Das war ein Kunstprodukt, das keine Wirkung entfalten konnte. Die Leute haben doch darüber gelacht!

War das überhaupt auf Dauer durchzuhalten, diese Boykott-Haltung hinsichtlich westlicher Popmusik?
Ach was, es wurde geschummelt an allen Ecken und Enden. Die Kapellen haben dann einfach ihre Aufstellungen, die sie bei der AWA einreichen mussten, nicht wahrheitsgemäß ausgefüllt. Aber ich muss sagen: Manchmal haben die Kapellen einen miesen West-Schlager einem wirklich guten DDR-Schlager vorgezogen, bloß weil sie der Meinung waren, im Westen sei alles besser.

Dazu trug auch der Rundfunk bei, vor allem der RIAS, der den Rock'n'Roll in die DDR hineinsendete ...
Nicht nur der West-Rundfunk war unser Problem. Auch unser eigener Rundfunk unterstand uns nicht, der war ja direkt der Parteiführung unterstellt, also Gerhart Eisler. Der Rundfunk machte sozusagen seine eigene Musikpolitik. Mir wurde oft von Musikschaffenden in der DDR vorgehalten: ”Sie verlangen was von uns! Hören Sie sich mal an, was der Rundfunk so bringt!” Da musste ich sagen: ”Tut mir leid, darauf habe ich keinen Einfluss!” Der Rundfunk hat sich nicht wirklich an die 60/40-Regel gehalten. [...]


”Den Chefposten an der Musikhochschule Dresden habe ich durch eine Partei-Intrige verloren.”


1963 haben Sie das Kulturministerium verlassen ...
Ja, ich wollte schon seit einiger Zeit aus dem Ministerium raus. Aber '62 kam Bentzien als Kulturminister, mit dem ich mich gut verstand. Ich hatte ihm noch von dem Job abgeraten, er hat das sogar in seinen Memoiren verewigt. Ich sagte zu ihm: ”Ich versteh' nicht, dass Du Minister werden willst! Das ist ein so käsiger Verein mit dem Abusch und den anderen Herren hier. Also, ich bin bald weg hier.” Benztien sagte: ”Du kannst jetzt nicht weggehen, bleib wenigstens noch ein bisschen da! Alle Leute, die ich kenne, verabschieden sich – das ist ja deprimierend.” Ich sagte: ”Gut, dann bleibe ich noch 'ne Weile, bis sich was anderes bietet.” 1963 war es dann so weit: Ich sollte als Künstlerischer Direktor zur Schallplatte gehen, mit Költzsch war schon alles verabredet, der wollte mich gerne haben. Mit ihm fand überhaupt eine hervorragende Zusammenarbeit statt. Als alles fast unterschriftsreif war, rief mich auf einmal Bentzien an und sagte: ”Kommando zurück! Der Rektor der Musikhochschule Dresden, Professor Karl Laux, muss abgelöst werden, das geht nicht mehr. Du wirst das machen!” Da habe ich dem Költzsch, der wütend wurde, gesagt: ”Du, hör mal, das wird nischt.”

Sie wollten lieber nach Dresden?
Eine Musikhochschule zu leiten, das war schon 'ne ehrenvolle Sache. Der Job bei der Schallplatte blieb mir ja immer noch. So war ich von '63 bis '68 an der Musikhochschule Dresden als Dozent und seit 1965 Professor für Musikgeschichte und Rektor. Ich bin da nach fünf Jahren durch eine Partei-Intrige ein bisschen rauskatapultiert worden. Kurz vorher war ich vom Senat in geheimer Abstimmung einstimmig wiedergewählt worden. Aber die Partei dort war mit mir nicht einverstanden und hat dafür gesorgt, dass ich abgelöst wurde. Ich ging dann zu Költzsch und sagte: ”Jetzt stehe ich zur Verfügung.” – ”Gut”, sagte er, ”dann kommste zu mir. Einen künstlerischen Leiter habe ich schon, Du wirst Leiter der Abteilung Wissenschaft.” Es gab bei der Schallplatte ja drei oder vier Musikwissenschaftler, die Konzeptionen fürs Repertoire erarbeiteten. Und ich wurde nun der Leiter und hatte für eine wissenschaftlich fundierte Repertoire-Gestaltung vor allem im klassischen Bereich zu sorgen. [...] Zum Schluss war ich dann Chefredakteur von Eterna, war also für die gesamte klassische Musik zuständig. Da unterstanden mir ein Dutzend Musik- und Toningenieure und viele Mitarbeiter, das war an sich eine schöne Aufgabe.

Theoretisch hätten Sie in dieser Zeit noch mal den Busch treffen können, der ja seine Aurora-Reihe in Kooperation mit der Schallplatte herausbrachte ...
Ich musste ihm aus dem Weg gehen. Für mich war Busch tabu. Költzsch und andere sagten zu mir: ”Halt Dich fern von Busch! Für den bist Du ein rotes Tuch!” [...]

Aus den Akten geht hervor, dass sich Harry Költzsch in den 60er Jahren sehr für dieses Busch-Projekt eingesetzt hat. Er hat wohl auch angeregt, '67 diese zwei Aurora-Mappen für die Sowjets zum Jubiläum der Oktoberrevolution zu machen, die ja ziemlich teuer waren ...
Das ist richtig.

Was kostete denn durchschnittlich eine Klassik-Produktion?
Ganz unterschiedlich: 30.000 bis 40.000 Mark eine Sinfonie, 150.000 bis 250.000 Mark eine Oper. Dass auch Busch für seine Produktion einiges Geld verbraucht hat, das war mir klar. Aber ich habe mich da völlig rausgehalten. Ich habe auf diese Produktion weder befürwortend noch benachteiligend eingewirkt. Grundsätzlich fand ich es schon richtig, dass das gemacht wird. [...]

Wie lange waren Sie bei der Schallplatte?
Bis zu meinem Weggang '75.

Sie haben eine Dienstreise nach München genutzt für ihre ”Republikflucht”, um es im Obrigkeitsdeutsch der DDR zu sagen ...
Ja.

War das von langer Hand geplant oder eher spontan?
Meinen Entschluss hatte ich schon zwei Jahre vorher gefasst. Das hatte einen ganz konkreten Anlass: Meine Mutter, die in Krefeld lebte, war '72 gestorben. Und ich hatte beantragt, zur Beerdigung fahren zu dürfen. Wobei ich der Meinung war, dass dies ein ganz reales Ersuchen war. Denn ich war 'n paar Wochen vorher dienstlich auch im Westen gewesen ...


Sinneswandel: ”Mit diesem Staat mache ich Schluss!”


Sie waren doch sowieso Reisekader, oder?
Eben, eben. Doch in diesem Fall hat man mich von Pontius zu Pilatus geschickt: Das Ministerium sagte, das ZK sei zuständig. Das ZK sagte, das Ministerium sei zuständig. Und dann wieder hieß es beim Ministerium, der Költzsch sei zuständig. Die haben mich buchstäblich im Kreis geschickt. Es war Wochenende, und ich fühlte mich verschaukelt. Da habe ich mir gesagt: Um Millionen Valuta-Devisen ranzuschaffen, bin ich gut genug. Aber meine Mutter unter die Erde zu bringen, das gestattet man mir nicht! Mit diesem Staat mache ich Schluss!”

Hätten Sie nach der Beerdigung im Westen bleiben wollen?
Nee, ich wollte nur zur Beerdigung und danach wieder zurück in die DDR. Ich hatte auch die begründete Erwartung, die Genehmigung zu kriegen: '65 war mein Vater gestorben, und da bekam ich von Bentzien anstandslos eine Reisegenehmigung. Ich durfte damals sogar mit dem Auto zur Beerdigung fahren.

Waren Sie zwischenzeitlich in Ungnade gefallen?
Ich weiß es nicht. Meine letzte Auslandsreise mit Költzsch war 'im Januar 74. Wir waren in Japan, in Tokio und Kyoto. Und auf dieser Reise habe ich den Költzsch noch mal auf Ehre und Gewissen gefragt: ”Sag mal, was war eigentlich vor zwei Jahren los, als meine Mutter gestorben war? Warum kriegte ich damals keine Reisegenehmigung?” Da sagte er: ”Das war von der Stasi von vornherein abgelehnt worden. Man hat Dich nur noch zum Schein von einer Stelle zur andern geschickt.”

Und warum hatte die Stasi das abgelehnt?
Ich habe keine Ahnung. Es ist mir völlig unverständlich, denn sie hätten dann ja auch meine dienstlichen Auslandsreisen unterbinden müssen.

Dann sind Sie '75 in den Westen gegangen. Haben Sie Familie in der DDR zurückgelassen?
Ja, drei meiner Kinder. Mein ältester Sohn war schon im Westen. Er hatte 1968 gegen die Besetzung der Tschechoslowakei protestiert. Heute ist noch an der Rückseite der Universitätsbibliothek in Berlin zu lesen: ”DUBCEK– das haben die nicht weggekriegt, die Farbe war ziemlich haltbar. Er hatte mit anderen zusammen, den Söhnen von Havemann, mit denen er befreundet war, solche Losungen an Häuser geschrieben. Er wurde dafür zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt. Da er irgendeine der Bewährungsauflagen nicht erfüllte, musste er schließlich doch ins Gefängnis und die 15 Monate bis auf den letzten Tag absitzen. Dann wurde er entlassen mit der Auflage, sich einen Arbeitsplatz in Berlin zu suchen, andernfalls hätte er Aufenthaltsverbot für Berlin bekommen. Da kam er zu mir und sagte: ”Was soll ich machen?” Ich habe dann mit dem Direktor unserer Absatzabteilung gesprochen und gefragt: ”Sag mal, brauchst Du nicht einen Hilfsarbeiter?” – ”Natürlich, immer!” – Ich sage: ”Der hat nur den Fehler, dass er erstens mein Sohn ist und zweitens politisch gesessen hat.”– ”Macht nichts”, sagt er, ”Schick ihn her!”[...] So ist mein Sohn Hilfsarbeiter geworden in der Absatzabteilung des VEB Deutsche Schallplatten, ohne dass Költzsch das mitgekriegt hat. Er bekam das aber doch eines Tages auf den Schreibtisch serviert, rief mich zu sich und sagte: ”Bist Du von allen guten Geistern verlassen? Wie kannst Du deinen Sohn mit dieser Vergangenheit bei uns in der Firma anstellen!” Ich sagte: ”Was würdest Du machen, wenn es Dein Sohn wäre? Würdest Du dem nicht auch helfen?” Und dann wurde das stillschweigend hingenommen. Nach einem knappen Jahr war er eines Tages weg. Er ist in einem Container, der Bitumen transportierte, in den Westen geflüchtet.


”Mit einer deutschen Wiedervereinigung zu meinen Lebzeiten habe ich nicht mehr gerechnet.”


Und 1975 trafen Sie ihn wieder ...
Ja, ich besuchte ihn in West-Berlin auf meiner Rückreise von München. Ich hatte mich mit ihm verabredet, und er holte mich dann am Bahnhof Zoo ab. Wir verbrachten den Tag zusammen und besprachen alles Mögliche, und am Ende sagte ich: ”Jetzt oder nie! Jetzt bleibe ich einfach hier! Wer weiß, wann ich wieder mal die Chance habe ...” Ursprünglich hätten nämlich Költzsch und ich diese Reise nach München gemeinsam machen sollen. Költzsch war kurz vor Toresschluss zu mir gekommen und hatte gesagt: ”Ich kann terminlich nicht und habe auch keine große Lust. Aber alles, was wir da zu regeln haben, kannst Du auch alleine machen.” Da habe ich gesagt: ”Gut, mache ich.” Also, normalerweise war man bei solchen Reisen ins westliche Ausland zu zweit. Dadurch dass ich nun allein war, war alles einfacher. Ich hatte schon ein-, zweimal zuvor zusätzlich zu meinen Reiseunterlagen meine wichtigsten Dokumente mitgenommen bei Fahrten in den Westen. Aber dann ist es mir doch zu riskant erschienen. Wir wurden zwar als Dienstreisende nicht kontrolliert, aber wenn man mich doch kontrolliert hätte, wäre ich mit solchen Unterlagen sofort aufgeflogen.

Waren Sie kein überzeugter DDR-Bürger?
Ich war es mal gewesen. Aber ich wurde es immer weniger, vor allem als ich diese Lügnerei um die Anerkennung der Helsinki-Akte '75 mitkriegte. Die DDR veröffentlichte den Wortlaut im Gesetzblatt, ohne dass davon etwas in der Realität eingehalten wurde. Für meine Begriffe ging es allmählich bergab mit der DDR, ohne dass ich gleich das Ende dieses Staates vorhergesehen hätte. Die Ereignisse 1989 haben mich dann eigentlich sehr überrascht. Ich hatte mich darauf eingerichtet, dass ich eine deutsche Wiedervereinigung nicht mehr erleben würde. Es gab ja diesen Ausspruch von Willy Brandt, dass man von deutscher Einheit gar nicht erst zu sprechen bräuchte, oder so ähnlich. Die Zeit, in der ich wegging, war die Ära der sogenannten Ostpolitik, die vom Westen her kam. Diese Politik der Entspannung war letztlich schuld daran, dass ich keine meiner Qualifikation entsprechende Tätigkeit gefunden habe nach meinem Weggang in den Westen. Ich hatte mich an der Musikhochschule Wuppertal beworben und sogar schon mit Handschlag bestätigt bekommen, dass ich als Professor für Musikgeschichte anfangen könnte. Und dann bekam ich kurzfristig ohne Begründung eine Absage. Dann hatte ich mich bei der Firma Philips, mit der ich engen Kontakt hatte, in Amsterdam beworben, die suchten einen Musikwissenschaftler. Ich rief meinen ehemaligen Partner dort an und sagte: ”Herr van der Vossen, Sie suchen jemanden. Ich bin jetzt hier.” – ”Ja, das weiß ich.” – Ich sagte: ”Würden Sie mich denn nehmen?” – ”Herzlich gern”, sagt er, ”aber ich lese Ihnen mal ein Fernschreiben vor von Herrn Költzsch: ’Dr. Uszkoreit ist republikflüchtig. Sollten Sie in Erwägung ziehen, ihn in Ihrer Firma anzustellen, sind unsere Beziehungen sofort unterbrochen.’ Sie werden verstehen, dass ich das nicht riskieren kann.”

Denn man hat gerne auch die Orchester-Aufnahmen vom VEB Deutsche Schallplatten in Lizenz rausgebracht ...
Natürlich.

Diese Episode scheint Ihr Verhältnis zu Költzsch nicht allzu sehr belastet zu haben ...
Wir verstehen uns wieder einigermaßen - auch wenn er der Meinung ist, dass die ganze Wende Käse ist, und dass es allen noch mal leid tun wird. Naja ...

Würden Sie sagen, dass Sie Sozialist sind oder waren?
Ja, wissen Sie, jeder anständige Mensch müsste eigentlich Sozialist sein. All die theoretischen Grundsätze des Sozialismus kann ja jeder unterschreiben. Nur die Theorie und die Praxis klaffen doch ziemlich auseinander. Ich würde mich nicht mehr als Sozialist bezeichnen.

Ihre Erfahrungen im ”goldenen Westen”, wie es halb ironisch immer hieß, waren anfangs eher negativ ...
Nee, ich hatte ja keine Illusionen. Ich hatte zu meinem Sohn gesagt: ”Mein Entschluss steht fest: Ich bleibe hier, auch wenn ich Schrauben sortiere in einem Materiallager, das ist mir egal. Ich gehe nicht aus Karrieregründen.”

Was haben Sie letztendlich beruflich gemacht im Westen?
Ich wurde nicht ganz allein gelassen. Es wurde meinethalben sogar eine Kommission gegründet, die in Köln zusammentrat. Da waren führende Musikwissenschaftler des Westens dabei, die ich persönlich kannte. Die sagten zu mir: ”Sie sind in einer so unglücklichen Zeit hierher gekommen. Bei uns herrscht an den musikwissenschaftlichen Instituten der Universitäten noch immer eine Erbfolge. Da brauchen Sie sich als Seiteneinsteiger keine Hoffnungen zu machen. Es gibt aber jetzt ein neues Weiterbildungsgesetz in Nordrhein-Westphalen in Bezug auf die Volkshochschule. Die suchen dringend wissenschaftliche Mitarbeiter. Bewerben Sie sich mal da!” Das habe ich dann gemacht. Und so wurde ich an der Volkshochschule in Schwerte stellvertretender Leiter für Kunst, Musik und Literatur. Ich habe unterrichtet, schöne Lehrprogramme gemacht und mich auch ein bisschen erholt von dem Zwang der Administration auf höchster Ebene.

Sie waren in der DDR Jahre lang in Chefpositionen gewesen. Sie haben viel aufs Spiel gesetzt durch Ihre Flucht. Hatte Ihre Familie in der DDR Nachteile dadurch?
Ja, aber nicht so direkt. Die haben mein Verhalten damals nicht ganz verstanden, wobei sie mittlerweile alle rübergekommen sind. Aber meine Familie hatte teilweise auch Verständnis für mich. Ich hatte ja keinem vorher etwas sagen können. Das wäre Selbstmord gewesen. Das war ja das Fatale an so einer Geschichte, dass man sie am Ende mit sich allein ausmachen musste.


”Ich habe eigentlich immer nur unterschieden zwischen guter und schlechter Musik.”


Lassen Sie uns zum Schluss noch mal kurz über Musik sprechen, und was Sie Ihnen persönlich bedeutet. Sie kommen ja von der Orgel, von der klassischen Musik, was man auch auf Ihrer Homepage nachlesen kann. Mich würde interessieren, ob es, abgesehen von Bach und den Klassikern, auch populäre Musik gab und gibt, die Ihnen gefällt: Unterhaltungsmusik, die Sie vielleicht als junger Mann gern mochten, zum Beispiel zu der Zeit, als Sie in Rostock als Parteisekretär an der Uni gearbeitet haben...
Ich habe eigentlich immer nur unterschieden zwischen guter und schlechter Musik. Und den Grundsatz habe ich mit gutem Ergebnis auch immer wieder vertreten. Die Beatles gehören zum Beispiel zu den Besten, die es je auf dem Gebiet gegeben hat. Die werden immer noch unterschätzt. Die werden vielleicht eines Tages noch mal hoch gewertet werden.

Ich glaube, die wurden und werden sehr hoch gewertet ...
Ja, sie wurden sehr hoch gewertet - aber eigentlich mehr von der Jugend als Kult-Idole. Auf dem Gebiet der Unterhaltungsmusik sind die Lieder von Lennon und McCartney unschlagbar! Was denen eingefallen ist! Es ist nicht so, dass ich diese Art von Musik nicht gewürdigt hätte. Ich hatte ja in den 50er Jahren auch die Komponisten zu betreuen, und die kamen nicht selten zu mir und sagten: ”Wann machen Sie endlich Schluss mit dem Herbert Roth und diesen thüringischen Rennsteig-Heimatliedern und dieser schrecklichen Tanz- und Unterhaltungsmusik?” Da habe ich gesagt: ”Schreibt Lieder, die so populär sind wie die, dann bringe ich die gerne raus!” [...] Es ist für meine Begriffe eine große Herausforderung, Lieder zu schaffen, die echte Popularität erreichen. Busch ist das in manchen Fällen gelungen, auch wenn vieles, von dem, was er gesungen hat, heute vergessen ist. Aber es kann 'ne Renaissance geben. Echte Leistungen bleiben bestehen. Das ist wie mit den Beatles – die bleiben. [...] Ich höre mir den Busch gelegentlich sogar noch an. Kennen Sie die CD ”Fragen eines lesenden Arbeiters”? Die finde ich sehr schön. Vor allen Dingen ist die Tonqualität sehr gut, das waren ja ursprünglich ganz simple Bandaufnahmen in Mono, und die haben sie entsprechend bearbeitet, sodass der Klang jetzt einwandfrei ist.

Das sind ja auch Beethoven-Lieder drauf. Sie finden nicht mehr, dass sich Busch bei den klassischen Sachen als Sänger überschätzt hat?
Nein. Das, was er gesungen hat, das ging noch, das konnte er. Es war auch insofern für ihn nicht schlecht: Seinem Ruf in der DDR hat das ja gedient. Er ist dadurch aus dieser Barrikaden-Enge rausgekommen. Er galt ja als der ”Barrikaden-Tauber” in der Weimarer Republik. Das war sein Markenzeichen, und das war in der DDR natürlich von der Spezifik des Genres her nicht mehr so gefragt. Die gesamte Musik bestand ja aus sehr viel mehr als aus diesen Kampfliedern.

War Busch in der DDR ein Staatskünstler?
Auf seine Art war er ein Staatskünstler in der DDR. Er war ja solo, ein Unikum im besten Sinne des Wortes. Er hatte keine vergleichbaren Kontrahenten. Hermann Hähnel war nur ein schwacher Abklatsch. Busch hatte einfach diese Kehle mitbekommen, das war sozusagen genetisch bedingt. Die Stimme können Sie auch unter tausend anderen Stimmen sofort identifizieren. Die ist unwiederholbar und einmalig. Und wie gesagt: Für mich war es ein echter Kummer, dass ich diese Divergenz mit Busch hatte.

Warum haben Sie darunter gelitten?
Ich war der Meinung, dass seine Feindseligkeit völlig unbegründet war. Ich fand das unsinnig. Ich habe ihm ja nichts antun wollen!

Die Verstaatlichung seiner Firma hätte auch ohne Ihre Mitarbeit stattgefunden. Wobei die Art und Weise, wie sie abgelaufen ist, schon mit Ihrer Person verknüpft ist ...
Gut, aber die Federführung hatte das Ministerium für Leichtindustrie. Wir von der Kunstkommission waren nur für den ökonomisch-kulturpolitischen Teil zuständig. [...] Es ging damals natürlich auch um ganz praktische Dinge, die bei einem solchen Betrieb einfach funktionieren mussten: Es konnte nicht angehen, dass ständig die zur Herstellung nötigen Materialien fehlten. Allein der Druck der Schallplattentaschen war jedes Mal ein Drama. Die Druckerei in Gotha hat gesagt: ”Wir drucken lieber fünf Millionen Zuckertüten als 100.000 Schallplattenhüllen!” Es war das Verdienst von Költzsch, all das in den Griff gekriegt zu haben. Er hat den Betrieb am Laufen gehalten und die Produktionszahlen kontinuierlich erhöht. [...]

Haben Sie Lieblingslieder von Busch, die Ihnen sofort einfallen, wenn Sie seinen Namen hören?
”Vorwärts und nicht vergessen”, ”Spaniens Himmel” und da, wo er lyrisch wird: ”Anmut sparet nicht noch Mühe”. Das hat er gut gemacht.



Interview: Jochen Voit
Foto: Jochen Voit
Textfassung autorisiert von Dr. Hans-Georg Uszkoreit am 15. 10. 2008.




Letztes Update 27.05.2010 | Copyright© Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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