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Hugo Fetting

über die Entstehung der ersten Ernst-Busch-Biografie in deutscher Sprache und die Arbeit an den Aurora-Schallplattenheften



„Er war eine von seiner Kunst besessene Figur“
(Gespräch am 22. September 2004 in Berlin)


Hugo Fetting zu Beginn der 1970er Jahre
Hugo Fetting ist Jahrgang 1923 und stammt aus Marienhof in Mecklenburg. In Güstrow besucht er die Volks- und die Handelsschule. Sein Vater ist Lokomotivheizer und Mitglied der KPD. Als Schüler geht Hugo Fetting zur HJ, „um den Motorradführerschein zu machen“, und wird zunächst ebenfalls Eisenbahner, dann Soldat. Das Kriegsende erlebt er im Lazarett, nachdem er „1945 an Führers Geburtstag verwundet“ worden ist, wie er lächelnd erzählt. Über eine Begabtenprüfung erlangt er in der SBZ die Zulassung zur Universität und studiert ab 1952 Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Rostock und (Ost-) Berlin. Durch seine Bekanntschaft mit Fritz J. Raddatz kommt er in Kontakt mit dem DDR-kritischen Kreis um Wolfgang Harich und wird nach Harichs Verhaftung 1956 von der Staatssicherheit verhört. Fetting sagt heute von sich, er sei nicht oppositionell zur DDR eingestellt gewesen, er habe deren Entwicklung „kritisch begleitet“. Allerdings sei man ihm mitunter mit Misstrauen begegnet, was damit zu tun gehabt habe, dass er unverheiratet und nicht Mitglied der SED gewesen sei. Fetting ist zwar 1946 in die SPD eingetreten, tritt jedoch nach der Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED aus der Einheitspartei aus. Von den 50er Jahren bis in die 70er ist Fetting Mitarbeiter der Akademie der Künste der DDR, danach arbeitet er an der Akademie der Wissenschaften. 1978 promoviert Fetting in Greifswald, in den 80er Jahren beginnt er für („West“-) Zeitungen Texte zum Theatergeschehen zu schreiben. Bis heute schreibt er hin und wieder Kritiken und Aufsätze für überregionale Blätter.

Fetting hat zahlreiche Bücher zum Theater verfasst, sein Spezialgebiet ist Max Reinhardt. Darüber hinaus ist er Verfasser der ersten Busch-Biografie in deutscher Sprache, sie erschien 1965 im Henschel-Verlag. In dem Buch wird Busch vor allem als großer Schauspieler charakterisiert. Erst später kam Fetting - durch seine Arbeit als Redakteur der Aurora-Plattenhefte und seine nähere Bekanntschaft mit Busch - zu der Erkenntnis, Busch sei eigentlich mehr Sänger als Schauspieler gewesen. Im Interview redet Fetting seinen Anteil am Busch-Buch klein – als sei er mehr Ghostwriter denn Biograf gewesen. Obwohl Fetting fast ein Jahrzehnt lang ständig mit Busch zu tun hatte und mit ihm per Du war, bleibt er im Gespräch spürbar auf Distanz. Nur einmal, als das eigentliche Interview bereits vorbei ist, nennt er Busch beiläufig beim Vornamen. Beim Verabschieden fällt mir ein vergilbtes Plakat auf, das an der Wohnzimmertür hängt. Darauf zu sehen ist Ernst Busch und der Hinweis auf eine Ausstellung im Deutschen Theater zum 75. Geburtstag des Künstlers. „Das hing damals an jeder Litfasssäule“, sagt Fetting.

Nachtrag: Als ich Hugo Fetting den Text unseres Gesprächs zum Autorisieren vorbeibringe und wir in seiner Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zusammensitzen, klingelt plötzlich das Telefon. Fetting nimmt ab und führt ein fünfminütiges Gespräch in schönstem Plattdeutsch, um anschließend mit mir wieder allgemeinverständlich weiterzureden. Bei dieser Gelegenheit erzählt er mir von einer Reise in den Westen, die er gemeinsam mit Busch und dessen schwangerer Frau Mitte der 60er Jahre unternommen hatte, von Besuchen bei Mary Tucholsky und Heinar Kipphardt in München. Und er gibt mir ein Schwarz-Weiß-Foto von sich (s.o.), das 1982 in Leipzig im Auftrag des Reclam-Verlags entstanden war, für den er damals schrieb.




JV: Wie haben Sie und Ernst Busch sich kennengelernt?
Dr. Hugo Fetting: Zunächst kannten wir uns nur vom Sehen und Guten-Tag-Sagen. Bekannt wurde ich erst 1960 mit ihm durch Eisler. Die beiden hatten wohl verabredet, dass die Akademie seine Lieder aufnehmen sollte. Und Busch verlangte dann, dass sich jemand darum kümmerte, und da ich als sogenannter Fachassistent dabei saß, blieb also nur der Fetting übrig. Und so kam ich zu Busch.

Als Fachassistent?
Das nannte sich damals Fachassistent in der Sektion für Darstellende Kunst. Und Eisler hat in der Sektion auf einer Sitzung vorgeschlagen, dass der Busch seine Sachen singen sollte und die Akademie das bezahlen oder es möglich machen sollte. Und so kam Busch wieder zum Singen und Fetting zum Busch.

Vorher kannten Sie Busch nur ...
... als Akademiemitglied, vom Reden in der Sektionssitzung und als Schauspieler natürlich.

Wissen Sie noch, wie Ihr Bild von Busch war, bevor Sie ihn persönlich kennengelernt haben?
Na, da hab ich ihn nur als Schauspieler geschätzt, denn anders konnte man ihn ja nicht kennenlernen – er sang ja nicht öffentlich. (...)

Wussten Sie etwas über seine Biografie?
Wenig, wenig.

Wie sah nun Ihre neue Aufgabe aus?
Ich habe die Musiker engagiert und die Musiker bezahlt und die Termine gemacht. (...) Busch wollte jemanden haben, der ihm das alles organisiert. (...)

War das eine regelrechte Vollzeitbeschäftigung?
Nein. Die Vollzeitbeschäftigung war die Fachassistenz an der Akademie: die Sektionssitzungen zu machen, die Protokolle anzufertigen - und dann hatte ich eine Abteilung für deutsche Theatergeschichte in der Akademie. (...) Mich interessierte vor allem das Theater des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts. Meine Arbeiten zu anderen Themen sind eigentlich eher zufällig entstanden.

Auch Ihr Busch-Buch kam so zustande?
Ja, auch durch Zufall. Weil der Schneerson (Grigori Schneerson, sowjetischer Komponist und Musikwissenschaftler, JV) dieses russische Busch-Buch gemacht hatte, was dem Busch nun gar nicht gefiel, und zufällig der Ihering eine Broschüre oder ein Manuskript hatte, das dem Busch nur teilweise gefiel. Nun wollte er beide Schriften zusammenbringen, und dafür sollte ich das Schneerson-Buch umschreiben – und das mit dem Umschreiben gefiel mir gar nicht. So kam etwas eigenes zustande mit dem Ihering-Vorwort, was der Busch dann zusammengestrichen hat. Die Ihering-Arbeit ist zum Vorwort geworden, das war ursprünglich ein längerer Aufsatz, praktisch 'ne Broschüre von etwas über 40 Schreibmaschinenseiten.

War diese Broschüre vom Henschel-Verlag in Auftrag gegeben worden?
Gar nicht, nee. Das machte der Ihering so. Der Ihering schrieb ab und an solche Broschüren oder Artikel über irgendwelche Leute, die ihm gefielen. Über Werner Krauss hat er auch 'ne längere Sache gemacht – die ist bis heute nicht veröffentlicht. Weil Krauss damals auch überhaupt nicht up to date war, denn er hatte in „Jud Süß“ mitgespielt. So hat Ihering offensichtlich einfach für sich geschrieben.

Woher kannten Sie Ihering?
Er war Akademie-Mitglied. Und wie ich an die Akademie kam, war der Ihering Chefdramaturg am Deutschen Theater. (...) Er war ein bekannter Mann. (...) Aber er schrieb damals keine Kritiken und gar nichts mehr. (...)

Wie hat er reagiert, als sein Text zusammengestrichen wurde?
Das hat er ohne weiteres hingenommen. Weil er Busch auch sehr schätzte und ihn nicht verärgern wollte.

Wie kam es dann dazu, dass Sie das Buch gemacht haben?
Wir machten damals schon die Aufnahmen. Ich weiß nicht mehr, wann das war - das muss Anfang der 60er Jahre gewesen sein. Und da sagte der Busch eben, ich solle dieses Schneerson-Buch umschreiben, was ich dann probiert habe. Wobei mir aber die Lust dabei verging und ich ihm dann sagte: „Ich mach das nicht, das mit dem Umschreiben - wennschon, dann richtig!“

Hatten Sie damals die deutsche Übersetzung vorliegen? Im Busch-Archiv liegen diese mit Schreibmaschine geschriebenen Blätter ...
Ja, die Übersetzung hatte ich. Könnte sein, dass das diese Blätter sind. Es könnte auch Schreibmaschinen-Blätter geben von einer Arbeit von Slatan Dudovs Tochter, die ein Examen über Busch gemacht hat.

Zu dieser Zeit?
In den 60er Jahren muss das gewesen sein. (...) Da weiß ich nur davon, weil ich sie gelesen habe.

Ihr Buch ist 1965 erschienen.
Dann ist das wohl danach gewesen. (...)

Wo hat Dudovs Tochter diese Arbeit geschrieben?
Das war eine Abschlussarbeit an der Humboldt-Uni. (...)

Glauben Sie, dass Busch öfter Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten war?
Nee, das glaube ich nicht. Meines Wissens gab es noch eine Examensarbeit über Busch in Leipzig, das war ebenfalls in den 60er Jahren.

Keine anderen späteren Arbeiten?
Glaube ich nicht.

Dabei war er doch eine wichtige Figur auch im öffentlichen Bewusstsein.
Ja, aber vielleicht hat sich keiner rangetraut. Er war ja damals auch nicht mehr so in der Öffentlichkeit. Er hat ab Ende 61, glaube ich, nur noch gesungen, nicht mehr Theater gespielt. Weil ihm das Singen dann wichtiger war als das Theater.

Also: Ihering schreibt den Aufsatz, der wird von Busch zusammengestrichen und ergibt schließlich das Vorwort. Und Sie bekommen den Auftrag, das Buch von Schneerson umzuschreiben. Das gefällt Ihnen aber nicht. Warum?
Mir? Nee, mir war das gleichgültig, was der Busch wollte.

Aber Sie sagten doch, Sie wollten das Buch nicht umschreiben?
Weil es zu viel Arbeit gemacht hätte. Das war so blumig. Und finden Sie mal dauernd neue Worte für Sachverhalte, die längst beschrieben sind! Das war mir zu blöd. Da hab ich dem Busch dann gesagt: „Nee, mit mir nicht!“

Die Sprache ist wirklich sehr blumig.
Es ist eben ein russisches Buch. Aber das hat ihn nicht interessiert, weil russische Bücher nur in Russland gelesen werden. Busch hat das nicht weiter interessiert, weil er nicht direkt damit konfrontiert worden ist - durch die Russen oder durch russische Leser.

Hat sich das Buch in Russland gut verkauft?
Das weiß ich nicht mehr. Das liegt zu weit zurück. Schneerson hat es sicher mal gesagt, wie hoch die Auflage war. Und sie ist verkauft worden, das hat er erzählt.

Und Busch hat zu Ihnen gesagt, Sie sollen ein neues Buch schreiben?
Ja, das hat der Busch dann gesagt. Mich hat das ja nicht interessiert, über ihn zu schreiben.

Warum hat Sie das nicht interessiert?
Weil ich damals andere Interessen hatte: Reinhardt und Jessner und die 20er Jahre im Grunde.

Sind Sie verdonnert worden, das zu schreiben?
Nee, verdonnert kann man nicht sagen. Er hat mich mehr oder weniger gebeten, und da hab ich’s dann gemacht. Erstens: weil es Geld brachte, zweitens: weil es mir sicher auch Spaß machte, und drittens: weil ich Busch das auch nicht abschlagen wollte.

Was hatten Sie für Hilfsmittel beim Schreiben?
Ich habe nur Sachen benutzt, die er gesammelt hatte und ihn natürlich selber befragt. Und er hat dann auch jede Seite gelesen und mir gesagt, was er nicht haben will und wie er’s haben will.

Schwierige Bedingungen ...
Ich hab es hingenommen – vielleicht, weil ich damals jünger war. (...)

Hatte Busch vorgesorgt für den Fall, dass eines Tages seine Biografie geschrieben werden sollte?
Nein, nein. Er hatte früher sehr viel über sich gesammelt – in der letzten Zeit aber nicht mehr. Aus welchem Grunde er das gesammelt hatte, da hat er nie drüber gesprochen. Ich hab ihn auch nie gefragt.

Um eines Tages etwas über die eigene Person zu veröffentlichen?
Dafür war es eigentlich zu wenig – was er da aus seiner Laufbahn gesammelt hat. Es waren nur Dinge, die ihn selber interessierten, auch von den Kritiken.

Lobende Kritiken hat er nicht aufgehoben?
Wenig, wenig.

Sie zitieren aber viele in Ihrem Buch.
Ja, die hab ich dann gesammelt. Er wusste gar nicht mehr, wo er überall gespielt hatte. Und worin er gespielt hatte.

Wo hatten Sie die Kritiken her?
Da hab ich dann die Zeitungen durchgesucht.

Also haben Sie doch selbst recherchiert und nicht all das Material von Busch bekommen.
Es gab oft auch Hinweise von ihm. Ich wusste dann, wo ich recherchieren kann. Man kann vielleicht sagen: halb und halb – die eine Hälfte kam von Busch, andere Sachen kamen dazu.

Wie war die Zusammenarbeit mit Busch? Ich stelle es mir sehr aufwändig vor, wenn derjenige, über den man schreibt, so stark eingreift und jede Seite kritisiert.
Ach, das ging eigentlich sehr schnell. Ich glaube: nicht mal zwei Jahre, anderthalb Jahre vielleicht. Ich war ja fast täglich bei ihm wegen der Gesangsaufnahmen. Da war ich viel bei ihm zu Hause und wir haben beraten, was er singt und wann er singt. Welche Leute er dazu haben will, was die Leute machen, wenn er sie nicht kennt und ob er sie erst nach Hause zum Probieren haben will. Damals wohnte Busch in Pankow in der Heinrich-Mann-Straße. Wie Langhoff dann gestorben war und die Frau auch und die Kinder auszogen, kriegte er das Haus vom Langhoff in der Leonard-Frank-Straße. Da lebte auch Buschs Frau noch, bis 64 oder 65, glaube ich. Das Buch hat sie nicht mehr miterlebt, aber das weiß ich nicht mehr genau. Busch war viel zu Hause und nahm sich oft auf Tonband auf. Und da nicht weit von seinem Haus die Mauer stand und damals noch das Werk von Bergmann-Borsig in Wilhelmsruh war, fuhren da sehr viele Busse, und die störten ihn. Und so nahm er dann die Wohnung beziehungsweise das Haus vom Langhoff.

Ihn störten die Busse in der Heinrich-Mann-Straße, mit denen die Arbeiter zum Werk fuhren?
Ja, sonst wäre er wahrscheinlich gar nicht umgezogen. Früher waren die Arbeiter mit der S-Bahn gefahren. Aber nun konnten sie nur mit dem Bus zur Arbeit fahren. Und der Bahnhof von Wilhelmsruh lag eben im Westen. (...) Die Buslinie ging über Niederschönhausen nach Wilhelmsruh. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Deswegen ist der Busch jedenfalls umgezogen.

War er so empfindlich?
Es waren dauernd die Busgeräusche da. Weil dicht dabei ja auch 'ne Haltestelle war. Und das Bremsen und Brummen war dann auf den Tonbändern teilweise zu hören. Und das störte ihn. (...)

Vorher hat er ja in Treptow gewohnt.
Das hatte politische Gründe. Alle Leute, die im Westen wohnten, und das waren damals die meisten, bekamen ein Angebot, in den Osten zu ziehen, wo sie auch arbeiteten - also Becher, die Seghers oder Busch. Und die kriegten dann hier Wohnungen und Häuser und zogen dann alle nach dem Osten. In Treptow hat er dann das Haus bekommen, wo er mit der Körting einzog. (...)


Ernst Busch und Margarete Körting


Wissen Sie, wie er Margarete Körting kennengelernt hat?
Im Theater. Sie war geschieden von ihrem Mann. Der war Regisseur in Cottbus zum Schluss. Sie war mehr oder weniger Kleindarstellerin am Deutschen Theater.

Hat Busch eigentlich jemals Anstalten gemacht, sie zu heiraten?
Nein, eigentlich nicht. Teilweise war er recht naiv. Erst als sie nachher gestorben war, da hat er gesagt, er hätte sie heiraten müssen, weil sie ja keine Rente und nichts von ihm gekriegt hätte, falls er gestorben wäre. Das ist ihm aber erst nach ihrem Tod bewusst geworden.

War er naiv oder war sie naiv?
Nee, sie war sicher nicht naiv. Sie hätte das gerne gewollt. Es gab da viel Streit im Haus: Sie war sehr reizbar, und er war es dann auch. Bei ihr lag es sicher daran, dass sie eben nicht versorgt war. Und damit machte sie ihn damals, man kann sagen: ziemlich krank - obgleich er im Grunde gar nicht krank war. Er hatte zwar 'nen hohen Blutdruck und musste Tabletten nehmen und so. Und dann lief er, von wegen „bestangezogener Mann“ (Anspielung auf ein Zitat von Gad Granach, JV), nur in der Trainingshose rum. Erst später wurde er dann plötzlich, als sie gestorben war und die Ullrich kam, ein gut angezogener Mann, würde ich sagen.

Sie meinen, er hat sich zu Hause gehen lassen?
Nein, es war ihm wahrscheinlich gleichgültig. Wie ihm vieles gleichgültig war, alles gleichgültig war, würde ich sagen. Bis auf das, was er selber machte. Darum ging es ihm. Er hat auch das Theater fahren lassen, weil ihm der Gesang wichtiger war, seine Lieder.

Eva Kemlein sagte mir, die Beziehung mit Margarete Körting sei eine Strindberg-Ehe gewesen.
Ja, sie haben viel gestritten.

Auch in Ihrer Gegenwart?
Ja, ja. Er nahm auf niemanden Rücksicht. Meist ging es um Alltäglichkeiten. (...) Das ging wahrscheinlich von ihr aus: aus der unterbewussten Befürchtung, dass sie eben unversorgt wäre, falls er vor ihr sterben würde. Denn er ging damals zweimal nach Buch, da gab es so ein Institut der Akademie der Wissenschaften für Herz und Kreislauf von Professor Baumann. Da kam man nur durch Beziehungen ran, der hatte mehr oder weniger nur prominente Leute als Patienten. Busch musste seines Kreislaufs wegen zweimal dorthin.

Was hat das mit ihr zu tun?
Na, dass sie ihn immer krank machte. (...) Und die Angst, dass er wegging, denn sie war ja unversorgt. Und sie hat sicher auch nicht so viel verdient als Kleindarstellerin. Sie hat ja noch so kleine Rollen gespielt. Und er spielte teilweise am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble.

Waren Sie bei ihrer Beerdigung?
Ja. Da war er aber nicht. Da war er auch gerade in Buch. (...) Als sie starb, war er zu Hause. Und er ging dann nach Buch.

Woran ist sie gestorben?
Wahrscheinlich an Herzversagen. Denn sie war nicht krank und nichts. Sie war einfach eines Morgens tot.

Hat ihn das schwer getroffen?
Nee, das hat ihn nicht weiter getroffen. Wobei man das nicht so genau sagen kann, denn er zeigte nie Gefühle.

Eva Kemlein sagt, dass er plötzlich überall Bilder von ihr aufgestellt hätte.
Nee, nee. Da muss sie irren. Nein, ihren Tod ließ er gar nicht merkbar an sich herankommen.

Wie kann es sein, dass er nicht zur Trauerfeier kommt?
Weil Professor Baumann ihn nach Buch genommen hat. Baumann hatte er auch gerufen, wie Tete gestorben war. Und dann hat der ihn nach Buch geholt.

Er blieb der Beerdigung sozusagen auf ärztliches Anraten fern?
Ja, wahrscheinlich. Der Baumann hat ihn da wahrscheinlich nicht weggelassen wegen seiner gesundheitlichen Situation, die ich weiter nicht kenne, denn für mich war er soweit immer gesund.

Erinnern Sie sich noch an die Beerdigung? Waren viele Leute da aus der Akademie zum Beispiel?
Ja, ja. Die ganze Kapelle auf dem Friedhof in Pankow war voll. Akademie-Mitglieder waren weniger da, denn er hatte keine Bekannten und ließ kaum jemanden nach Haus privat zu sich. Das waren immer ganz wenige – auch nachdem sie gestorben war. Aber natürlich kamen Kollegen von Busch und Körting. Denn sie war ja noch am Deutschen Theater engagiert bis ein Jahr etwa, glaube ich, vor ihrem Tode.

Wie wurde es aufgenommen, dass der Mann der Verstorbenen nicht da war?
Einige, soweit ich mich erinnere, hat es gestört. Wobei die Leute gar nicht wussten, dass er in Buch ist. Ich wusste es. Und es hat sich dann auch herumgesprochen, als sich einige aufregten, dass der Busch nicht da ist.

Hat man das nicht als Kneifen ausgelegt?
Das glaube ich nicht. Busch ist immer seine eigenen Wege gegangen. Man traute ihm auch zu, dass er nicht hingeht, wenn die eigene Frau beerdigt wird. Jedenfalls die, die ihn genau kannten.

In dieser Zeit waren Sie ja bereits am Schreiben, Ihr Buch war wahrscheinlich fast fertig ...
Ja, ich glaube, es ist kurz nach Tetes Tode erschienen. Ich war damals sozusagen Untermieter im Hause Busch, obgleich ich dort nicht übernachtete.

Ist Ihnen der Tod von Margarete Körting nahe gegangen?
Ja, weil sie 'ne sehr nette Frau war. Ich hab sie schon sehr geschätzt, ja.

Kamen Sie gut mit ihr aus?
Ja, ja.

Besser als mit Busch?
Ja, weitaus besser. Man konnte mit ihr reden, während man mit Busch nur bestimmte Sachen bereden konnte.

Was für Sachen konnte man mit Busch bereden?
So Allgemeines eigentlich gar nicht, das hat ihn gar nicht interessiert in der Zeit. Nicht nur in der Zeit, sondern wahrscheinlich bis zu seinem Tode, weil ihn von den 60ern an nur die Lieder interessierten. (...)

Haben Sie bei diesen Gesprächen im Hause Busch, als Sie „Untermieter“ waren, wie Sie sagen, viel Kritik zu hören bekommen an dem, was Sie geschrieben hatten?
Ja, teilweise. Er hat dann meistens drin rumgestrichen, hat mit dem Bleistift Sätze gestrichen, die er nicht haben wollte. Die hab ich dann weggelassen oder habe den Anschluss ein bisschen anders formuliert.

Hat er Ihnen Vorgaben gemacht, was rein sollte ins Buch und was nicht?
Das eigentlich nicht, nee. Er hat mir seine Sachen gegeben, aber bestimmte Wünsche hat er nicht geäußert – sondern nur, was ihm nicht gefiel.

Private Dinge, Frauengeschichten etwa, hätte er sicher nicht drin haben wollen ...
Nein, da hab ich auch gar nicht dran gedacht, sie reinzunehmen. Es ging im Grunde nur um den Künstler. (...)

War es von Anfang an klar, dass Ihr Buch bei Henschel erscheint?
Schneerson hatte ja diese Übersetzung vom Henschel-Verlag machen lassen. Denn er hatte zunächst sein Buch hier beim Henschel-Verlag angeboten. In der DDR waren die Verlage alle spezialisiert: Also Volk & Welt brachte nur West-Autoren und ausländische Autoren, Neues Leben nur DDR-Autoren und Henschel nur Theater, Musik und Film.

Haben Lektoren oder Angestellte des Verlags mitgeredet bei Ihrem Buch?
Das glaub ich nicht. Da ist alles so gekommen, wie wir es wollten oder wie Busch es wollte. Ich bin zwar als Autor genannt, aber eigentlich war es Busch. Es ist nichts gekommen, was der Busch nicht wollte oder was die Zeit nicht zuließ. Es gab ja das Amt für Literatur, so hieß es, glaube ich. Auch mein Buch ist bestimmt vom Amt gelesen worden. In der DDR gab es ja durchaus eine Zensur ...

Auch in diesem Fall? Gab es Einschränkungen?
Nein, nein. Es gab auch vom Amt keine Empfehlung an den Autor, sondern das ging immer über den Verlag und über den jeweiligen Lektor.

Gab’s das bei Ihnen?
Bei mir nicht, nein.


Busch und sein Verhältnis zu Funktionären der Partei


Hier im Buch schreiben Sie zum Beispiel, dass die Zahl seiner engsten Freunde sehr klein sei. Weiter heißt es: „In seinem Hause hängt der Spruch: Allah schütze mich vor meinen Freunden – meine Feinde übernehme ich selber! Das erklärt alles.“ Man kann sich nun fragen, warum Sie das erwähnen. Vielleicht, weil es einige Genossen gab, mit denen er Schwierigkeiten hatte ...
Nun, er hatte Schwierigkeiten gehabt mit Ulbricht. Wie Pieck gestorben war, wurde Ulbricht unser höchster Mann im Staat. Und von da an erhielt Busch keine offiziellen Einladungen mehr. Er war dann wie Hinz und Kunz ein Mann wie jedermann. Offiziell jedenfalls.

Hat ihn das gekränkt?
Ich glaube nicht, nein. Vielleicht am Anfang, wie es passierte. Das war noch vor meiner Zeit, aber ich glaube, da hat er sich nicht so viel draus gemacht. (...) Auf Ulbricht war er schon früher nicht gut zu sprechen gewesen. Er hat mir mal erzählt, dass er zu Beginn der 50er Jahre zu irgendeinem sowjetischen Empfang eingeladen war. Da hätte Ulbricht ihn gefragt, warum er nicht seinen Anstecker trage, Busch hatte ja 1949 den Nationalpreis dritter Klasse bekommen und dazu gab es einen Anstecker. Darauf antwortete Busch, schon sein Vater hätte gegen das Drei-Klassen-Wahlrecht gekämpft, und er halte es ebenso.

Es gibt einige solcher Geschichten über Busch und hohe Funktionäre. Beispielsweise soll er Honecker geohrfeigt haben. Das erzählt Manfred Wekwerth gerne, auch in seinen Memoiren ...
Nein, das ist sicher ein Märchen. Mit Honecker ist er wahrscheinlich kaum zusammengetroffen. Höchstens später, nachdem er zum zweiten Mal verheiratet war, haben sich die beiden mal gesehen: In den 70er Jahren hatte Busch, so weit ich mich erinnere, einen Termin im ZK, da gab es ein Treffen mit Honecker, aber das war nicht die Regel.

Waren Busch und Honecker nicht im selben Zuchthaus gewesen?
Ja, aber ich glaub nicht, dass sie sich gekannt haben. Es war nicht wie zum Beispiel bei Otto Klippenstein, einem Mithäftling aus Brandenburg, der immer zu Buschs Geburtstagen kam. Honecker war ja im Übrigen bald nach 45 bei der FDJ gewesen. Und früher konnte man Tanzplatten nur kaufen, wenn man zwei Platten für eine gab. Also man musste zwei abliefern, und dann bekam man eine Tanzplatte. Honecker stachelte damals als FDJ-Vorsitzender die jungen Leute an, Busch-Platten abzuliefern. Denn Busch war ja seinerzeit verrufen als Agitprop-Sänger, was bald nach 45 als Proletkult abqualifiziert wurde. Dadurch war Busch schlecht auf Honecker zu sprechen: Weil der die FDJ angewiesen hatte, Busch-Platten zu kaufen und die dann gegen Tanzplatten einzutauschen.

Das mit der Ohrfeige halten Sie für 'ne Legende?
Das is 'ne Legende. So was verbreitet irgendjemand. Es gibt ja da 'ne Menge Legenden über Busch.

Warum bietet sich jemand wie Busch für Legendenbildung an?
Weil er sehr direkt war und nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, also völlig undiplomatisch gewesen ist, und zwar jedermann gegenüber. Es war zum Beispiel typisch in der Akademie: Da wurde der Hans Bentzien Kulturminister. Und der hatte wahrscheinlich den Ehrgeiz, sich mit bestimmten Institutionen oder jedenfalls mit der Akademie der Künste und den Mitgliedern gut zu stellen. Und der kam dann mal in die Akademie. Und dann ging es unter anderem auch um Busch, warum er nicht singt. Das war Ende der 50er Jahre, kurz vorm V. Parteitag. Busch regte sich auf und zum Schluss sagte er, er möchte wissen, was gegen ihn vorliege, er lasse sich von niemandem an den Wagen pissen. Zum Singen gehöre eine gewisse innere Heiterkeit, und wenn er Leute vom Präsidium in den ersten Reihen sitzen sehe, die ihm den Strick um den Hals wünschen, dann könne er nicht mehr singen, dann könne er nur noch schreien.

Das ist jetzt aber keine Legende, da waren Sie dabei?
Ja, da war ich dabei. Und bestimmt so 20, 30 Akademiemitglieder und die jeweiligen Assistenten von den Sektionen, das waren insgesamt vier.

Wer hatte Busch die Frage gestellt?
Professor Cremer, der Bildhauer hatte das gefragt.

Wie war die Reaktion?
Stille – wie in der Kirche. Alle waren sehr betreten. Es waren sehr viele Parteigenossen in der Akademie. Ob sie nun wirklich Genossen waren, also gesinnungsmäßig, weiß ich nicht. Dem Abzeichen nach waren sie es. Und der Bentzien war nun sowieso ein Funktionär.

Mochte Busch den nicht?
Ach, das war ihm völlig gleichgültig. Den kannte er gar nicht. Der war gerade erst Kulturminister geworden und wollte nun ein gutes Verhältnis zur Akademie haben. (...)

Diese Aussage von Busch hört sich doch so an, als sei er gekränkt gewesen. Fühlte er sich nicht genügend geschätzt?
Nein. Ihm war ja das Singen mehr oder weniger verboten. Denn all seine Lieder waren ja nun Proletkult. Und die Partei, die diesen sogenannten Proletkult erfunden hatte, war nun an der Macht und wollte ihn verschweigen und nicht mehr hören. Und ihm war, und das glaub ich heut noch, insgesamt das Singen wichtiger als das Spielen.

Wie kommen Sie drauf?
Als ich ihn kennenlernte und auch in der Zeit danach, war das Singen für ihn das A und O. All den Leuten, die zu ihm kamen, denen hat er nie was vorgespielt oder vom Schauspiel erzählt, sondern nur seinen Gesang vorgeführt, seine Lieder. Jedenfalls war das so, seitdem er nicht mehr spielte, also seit 61 ungefähr. Da habe ich ihn ja auch erst intensiver kennengelernt – seit 60 zu Hause. Vorher kannte ich ihn auch hauptsächlich als Schauspieler.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Der Sänger Busch verstummte um 1950. Er war nicht mehr in Veranstaltungen, nicht mehr in Feiern und kaum noch im Rundfunk zu hören. Von ihm besungene Schallplatten wurden nur noch vereinzelt produziert (...)“ – Das stimmt ja nicht so ganz. Gerade Schallplatten kamen noch einige heraus. Und einige Lieder wie zum Beispiel „Ami go home“ sollen auch noch Mitte der 50er Jahre ziemlich populär gewesen sein ...
Ja, aber Platten hat er nur solange gemacht, wie er Plattenchef war. Er hat Lied der Zeit ja praktisch erfunden. Bis das dann Deutsche Schallplatte wurde und volkseigen. Und dann wollte er auch den Plattenbetrieb loswerden, er hat deswegen noch mit Pieck gesprochen. (...)


(Ende Seite 1, Kassette 1)



Das zerrissene Parteibuch


Lassen Sie uns über die Geschichte mit dem Parteibuch reden. Sie waren ja regelmäßig zu Gast bei Buschs. Hat Busch tatsächlich zu seinem 70. Geburtstag von Kurt Hager ein neues Parteibuch geschenkt gekriegt? Und hat er sich darüber gefreut?
Nein, er hat’s ihm ja wieder zurückgegeben. Er hat dem Hager dann sozusagen auch was zum Geburtstag geschenkt. Hager hatte da so eine Ledermappe mit, da war das neue Parteibuch drin. Und Busch hat ihm das wiedergegeben oder gleich, als er gesehen hat, dass das ein Parteibuch ist, gesagt, er schenkt ihm auch was zum Geburtstag, und dazu gesagt: „Ich hab schon eins!“. Und dann hat er irgendwann, vormittags beim Frühstück war das, die Cassette geholt und gesagt: „Ich zeig Dir mal was!“. Das war eine verschlossene Cassette aus Metall, in der das alte, zerrissene Parteibuch lag. (...)

War Hager beleidigt?
Das weiß ich nicht. Er hat sich’s jedenfalls nicht anmerken lassen und ist zum Frühstück geblieben.

Für Hager muss sich Busch ja als hoffnungsloser Fall dargestellt haben ...
Ich glaube, die hatten sowieso alle ein ziemlich dickes Fell, die Politbüromitglieder, sodass die sich da gar nichts draus gemacht haben – die hat das im Grunde gar nicht interessiert. (...) Hager war übrigens nicht allein, er hatte einen Kulturmensch namens Feist dabei. Dieser Feist hatte, glaube ich, einen Bruder, der später in der Abteilung Außenpolitik beim ZK war.

Waren Sie überrascht von dieser ganzen Aktion?
Überrascht schon – dass die überhaupt 'n Parteibuch mitbrachten. Aber auf der anderen Seite: Vielleicht ist es mit der Uli, mit der Irene Ullrich, auch abgesprochen gewesen. Und ich weiß nicht, ob man nachher im Nachlass 'n Parteibuch gefunden hat. Könnte sein, dass die Ullrich das wieder genommen hat.


(Exkurs über Irene Busch)


Waren Sie eigentlich per Du mit Busch?
Ja.

Auch mit der Tete?
Ja, mit der Tete auch. Mit der Uli nicht.

Das war dann immer Frau Busch?
Ja, das war Frau Busch (lacht). Während die andere auch Frau Busch war, obgleich sie nie verheiratet waren. Aber ich hab sie als seine Frau kennengelernt. Tete wurde von allen nur Frau Busch genannt. Alle glaubten, er wäre verheiratet. Alle Welt sagte Frau Busch.


(Exkurs zum Thema Heiraten, ähnlich wie am Anfang: Erst am Tag ihres Todes hätte Busch gemerkt, wie wenig er sich um Tete gekümmert hatte. Er bereute, sie nicht doch noch geheiratet zu haben: Wenn er vor ihr gestorben wäre, wäre sie „unversorgt“ gewesen und sie hätte das Haus verlassen müssen, er habe sich wenig um diese Äußerlichkeiten, Formalitäten oder Sicherheiten geschert)


Sie wurde später auch vom Langhoff entlassen. Sie war ja immer noch am Deutschen Theater angestellt und spielte auch kleine Rollen. Und zwei Jahre oder ein Jahr vor ihrem Tod wurde ihr Vertrag dann auch nicht mehr verlängert. Rentnerin war sie aber noch nicht.

Sie war dann Hausfrau?
Ja, das war sie sowieso die meiste Zeit, denn sie spielte nur kleine Rollen. (...) Sie war sehr sympathisch, sehr nett. Gekocht hat eine andere Frau, eine Haushälterin.

Hatte sie Kinder aus der ersten Ehe?
Nein, sie hatte keine Kinder. Sie ist an der Seite ihres ersten Mannes in Pankow/Niederschönhausen beerdigt. Auf dem Friedhof ist auch Busch beerdigt. (...)

Hat Busch Ihnen auch private Dinge anvertraut?
Privates hat er von seiner Mutter oder von seinem Vater ab und an mal erzählt. Oder von der Schwester in Kiel auch. Die kam mal, entweder mit der Mutter oder einer Kusine zu irgendeinem Geburtstag aus Kiel. (...) Die Schwester war irgendwie ..., verwachsen kann man nicht sagen, aber irgendwie krank. Sie hat damals auch keinen Beruf mehr ausgeübt. (...)


Versäumnisse des Biografen


Lassen Sie uns wieder über Ihr Buch reden. Wie hat denn Busch auf die Veröffentlichung reagiert? Hat er Ihnen Respekt gezollt?
Nein, nein. Gar nicht. (...) Das war auch kein besonderes Buch für mich. Weil ich da vieles geschrieben habe, was ich eigentlich gar nicht schreiben wollte. Oder anders: Es ist vieles nicht gedruckt worden, was ich gern hätte drucken lassen. Einmal hat’s Busch gestrichen, ein andres Mal hätte es die Zensur gestrichen. Bestimmte Sachen sind da eben nicht drin, die drin sein hätten müssen.

Was hätten Sie denn gern noch drin gehabt zum Beispiel?
Na, zum Beispiel habe ich Lothar Kusche zitiert ...

... den Artikel aus der Weltbühne ...
...ja, anstelle von bestimmten Sachen, die da gepasst hätten: dass seine Lieder verboten worden sind oder sagen wir mal: dass er Lied der Zeit abgegeben hat und loswerden musste, dass der Leiter von Lied der Zeit gen Westen gegangen ist und so. Busch hat sich ja nicht um die geschäftlichen Dinge gekümmert, das war ein anderer und der ist gen Westen gegangen noch vor der Verstaatlichung der Firma. Wie hieß der noch? Wolf ..., ich weiß es gar nicht mehr, er hat’s auch mal gesagt, ich kenn ihn aber nicht mehr. Das war der, der im Grunde den Betrieb gemacht hat, er war ja kein Betriebsleiter ...

Warum ist der in den Westen gegangen?
Es sind ja viele gen Westen gegangen bis 61.

Aber wäre das eine Geschichte für Ihr Buch gewesen, hätte die da reingepasst?
Das nicht – aber einiges über Lied der Zeit hätte da reingehört. Dass man ihm bestimmte Lieder verboten hat, die er machen wollte und die er dann nicht machte: zum Beispiel von Tucholsky, das mit dem Jüdischen Friedhof, das heißt zwar nicht so, hat aber mit diesem Friedhof zu tun - das hat man ihm verboten.

Wann war das?
Das war ganz früh, als er noch Lied der Zeit hatte. Er hätte damals schon gerne wieder Tucholsky-Texte gesungen. Aber sie haben ihm bestimmte Sachen verboten, die dann auch nicht kamen, teilweise sogenannte Proletkult-Lieder. (...)

Das hat er Ihnen erzählt, obwohl er wusste, dass das nicht ins Buch reinkommt?
Ja, ja. Er hat bestimmte Sachen trotzdem erzählt, die dann nicht ins Buch kamen.

Hat er dann dazu gesagt: „Das bleibt jetzt unter uns!“ oder so?
Ja. Bestimmte Sachen hat er einfach nur so erzählt, die ich dann aber nicht schreiben sollte.

Haben Sie immer mitgeschrieben?
Ja, ja. Ich müsste das noch mal suchen. Ich hab noch so Aufzeichnungen da, 'ne ganze Menge.

Sie meinten am Telefon, Sie hätten keine Aufzeichnungen mehr ...
Ich hab sie zwar nicht mehr gefunden, aber gewesen sind sie irgendwo noch. Aber wo sie sind, weiß ich nicht.

Tonbandaufzeichnungen haben Sie nicht gemacht?
Nein. Das würde jetzt auch nicht viel nützen, weil das Tonband mit der Zeit durchschlägt. Da haben Sie dann doppelten Text drauf oder dreifachen sogar.

Die alten Bänder im Rundfunkarchiv sind meist von erstaunlich guter Qualität ...
Ja? Das sagte Busch jedenfalls. Ich selber weiß es nicht. Wir haben ja die Tonbänder, die wir auf Platten haben, wieder umschneiden lassen auf Tonbänder, die dann ins Akademie-Archiv gekommen sind – wo die geblieben sind, weiß ich auch nicht. Da müssten noch einige Sachen auf Tonband da sein. „Mackie Messer“ zum Beispiel. Aus dem Film. Es gab bestimmte Lieder, die nur auf Tonband da waren.

Wollte er die noch auf Schallplatte rausbringen?
Könnte sein, wenn sie zusammen ein Heft (Aurora-Heft, JV) ergeben hätten – dann hätten wir was draus gemacht.



Die Aurora-Hefte


An diesen Aurora-Heften haben Sie ja sehr stark mitgearbeitet ...
Eigentlich nur! Da hat es dann ab und an mal Streit gegeben, und dann bin ich mal zeitweise ausgeschieden, oder sagen wir: weggegangen.

Warum?
Weil ich dann keine Lust mehr hatte im Grunde. Wenn sie so lange dabei sind - ich weiß nicht, wie lange ich Aufnahmen mit ihm gemacht habe: so annähernd zehn Jahre, glaube ich – dann haben Sie die Nase nachher voll. Das ging bis 70, oder so. Das könnte man an der Aurora-Platte sehen, die zuletzt erschienen ist. Danach nannte sich das „Rote Reihe“, die ich dann nicht mehr gemacht hab. Das hat dann jemand von der Akademie betreut, der ist jetzt auch schon gestorben ...

Sie waren immer an der Akademie beschäftigt, sie waren nicht Buschs persönlicher Assistent ...
Nein, nein. Ich war bis 78 an der Akademie angestellt.

Wer konzipierte die Aurora-Hefte?
Die Konzeption war meine Aufgabe, die Anregungen kamen von Busch. Es war ja seine Idee gewesen, diese Hefte zu machen. Ausgangspunkt waren immer die Lieder, die er singen wollte, die wir dann zu einem Thema zusammenfassten. Busch wollte die Reihe "Lieder von den Kämpfen der Arbeiterklasse" nennen, oder so ähnlich. Der Titel "Chronik in Liedern, Balladen und Kantaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" war dann meine Idee. Wobei wir es nicht ganz so streng nahmen, es waren auch ein paar Lieder dabei, die kurz nach 1950 entstanden sind.

Hat Ihnen die Arbeit mit Busch Spaß gemacht?
Ja, die ersten Jahre schon. Nachher wiederholte sich das ja alles. Und dann kannte man ihn auch von innen und außen. Wusste, wo er ernst oder nicht ernst zu nehmen ist. Wo er log oder nicht log. Zum Beispiel bin ich mal für die Akademie wegen eines Heftes nach Putbus gefahren. Erst haben wir in einer Druckerei in Brandenburg gedruckt, nachher dann in Putbus. Ich bin jedenfalls dahin gefahren und hab mir die Reise bezahlen lassen, wie das üblich war: Man fuhr immer mit dem Auto, das gab das höchste Tagesgeld. Und er hat dann dem Akademie-Direktor erzählt, ich hätte an dem Tag bei ihm im Garten gesessen und mich gesonnt – und hätte für diesen Tag eine Abrechnung gemacht und so getan, als sei ich nach Putbus gefahren. Also, solche Lügen konnte er auch verbreiten. (...)

Waren Sie nicht sauer?
Nein, ich kannte ja nun den Busch.

Aber wie kam er dazu? Hat er denn Ihre Abrechnungen geprüft?
Nee, nee. Rechnungen hat er nie geprüft. Aber wenn er böse war ... Er wusste ja, wann ich nach Putbus fahre. Ich bin ja seinetwegen dahin gefahren wegen eines Heftes. Ich weiß nicht mehr, welches das war, ob das Majakowski war oder eines der Kästner-Hefte. Ich glaube, ich habe dort in der Druckerei Korrektur gelesen.

Ich habe in Buschs Briefen gelesen, dass es mitunter Schwierigkeiten gab, Papier aufzutreiben für die Aurora-Hefte, die ja relativ aufwändig gestaltet waren ...
Eigentlich war das für ihn nicht so schwierig. Das Papier hat ja die jeweilige Druckerei aufgetrieben. Damit hatten wir gar nichts zu tun. Und wenn’s um Busch ging, hat die Akademie dann wahrscheinlich dafür gesorgt, dass die Druckerei Papier kriegte.

Und Sie haben die Redaktion gemacht, Texte rausgesucht und zum Teil selbst geschrieben. Hat er Ihnen vertraut?
Ob er zu jemandem Vertrauen hatte, möchte ich bezweifeln.

Glauben Sie, dass sich Buschs Bild in der Öffentlichkeit durch Ihr Buch veränderte?
Nein, das glaube ich nicht.

Wie hoch war eigentlich die Auflage?
Das waren 10.000.

Gab es eine zweite Auflage?
Nein, es gab keine zweite.

Lief der Verkauf nicht so gut?
Doch. Das ist soweit ich mich erinnere relativ schnell verkauft worden, in einem Jahr etwa.

Warum gab es keine zweite Auflage?
Wahrscheinlich weil kein Papier da war - oder irgendjemand nicht wollte. Ich glaub, der Ulbricht war damals am Ruder. Mir war das im Prinzip gleichgültig. Das hätte mich höchstens des Geldes wegen interessiert.

Wieviel Geld gab es denn dafür?
Ich glaub: 12 Prozent vom Verkaufspreis. Wie hoch der war, weiß ich nicht mehr. Später stand das immer hinten in den Büchern drin (nimmt das Buch zur Hand und blättert). Nee, das war damals wohl noch nicht Mode. (...) Über eine zweite Auflage gab es, so weit ich mich erinnern kann, zwischen mir und dem Verlag keine Gespräche. (...) Die Bilder im Buch waren alle von Busch privat – bis auf ganz wenige. (...) Ich hatte auch keinen Ansprechpartner beim Verlag. Nur nachher als es es fertig war und zum Amt für Literatur ging, also zur Zensur, hatte ich einen sogenannten Lektor. Aber wie gesagt: Busch war eine Person, an der sich keiner gerieben hat. Daher ist das Buch anstandslos bei der Zensur durchgegangen. Wobei man eine gewisse Selbstzensur betrieben hat. Ich wusste ja genau, was anstößig ist: wie zum Beispiel die Sache mit dem Kusche (Lothar Kusche, Schriftsteller und Feuilletonist; JV): Da hab ich eben das Kusche-Zitat genommen, statt selber was zu schreiben.

Sie sprechen von Kusches Artikel über Buschs Schweigen in den 50er Jahren. Darin wird kritisiert, dass Busch in der DDR als Sänger zu wenig präsent sei ...
Ja, das lief auch bisschen quer. Aber das ist ja damals erschienen, deswegen konnte man das nicht beanstanden. Es ist ja publiziert worden. Wenn ich selber bestimmte Sachen geschrieben hätte, hätte die Zensur vielleicht eingegriffen.

Hätten Sie die Zeit der 50er Jahre gern genauer beschrieben?
Einige Sachen, ja.

Waren Sie auch der Ansicht, dass Busch zu Unrecht ins Abseits geraten war als Sänger?
Zu Unrecht ins Abseits geraten ist er nicht. Er hat sich ja selbst zurückgezogen. Aber man hätte ihn als Sänger lassen sollen und seine Sachen nicht als Proletkult verschreien oder irgendeine Zensur ausüben sollen. Denn er wollte den Staat nicht umstoßen und wollte niemandem wehtun und hat ja auch keinem wehgetan.

Konnten Sie damals privat etwas anfangen mit seinen Liedern?
Ja. Man kann eigentlich die Texte nicht von seinem Gesang trennen. (...) Früher haben mir die Lieder schon gefallen. Ich bin ja ein bisschen älter als Sie und kenne noch alte Platten von Lied der Zeit und auch noch aus der Spanienzeit, die er in Holland gemacht hat. Die hab ich schon gemocht.

Mochten Sie auch die Sachen, die Busch zu Beginn der 50er gemacht hat, wie „Ami go home!“?
Das kannte man natürlich. Das gab’s ja auch im Funk damals – bis er dann die Funkarbeit aufgegeben hat . Er hat sich dann, abgesehen vom Schauspiel, ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aber im Grunde war der Gesang ihm wichtiger als das Schauspiel. (...)

Haben Sie sich gut verstanden mit Busch?
Ich bin damals bei Busch ein- und ausgegangen. Und es ging kein Mensch da ein und aus außer mir. (...) Ob er mich mochte, weiß ich nicht. Sagen wir so: Wir sind miteinander gut ausgekommen.

Hat er Ihnen nie gesagt, dass er Ihre Arbeit schätzt?
Nein! Das hat er wahrscheinlich zu niemandem gesagt. Er wirkte eigentlich völlig gefühllos. So dass es erstaunlich war, dass er noch ein Kind gezeugt hat. (...)

Ist Busch durch das späte Kind weicher geworden?
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Er hat aber für das Kind einiges übrig gehabt, weil er vorher wahrscheinlich nie Kinder gehabt hatte. (...) Ein Wesenszug von ihm war, dass er ungemein rechthaberisch war. Das konnte manche Leute zur Verzweiflung bringen. Einmal kam zum Beispiel der Elektriker, um bei Irene etwas in ihrem Häuschen in Buckow zu reparieren. Und Busch, der dabei war, redete dem ständig dazwischen und wusste alles besser. Schließlich sagte der Elektriker: „Wenn du das alles besser kannst, machs doch selber!“ und packte seine Sache und ging.

Warum haben sie das so lange gemacht, wenn er Ihnen gegenüber nie Dankbarkeit gezeigt hat?
Weil er im Großen und Ganzen schon ziemlich freundlich war. Und wir meistens mit Liedern und seinem Gesang zu tun hatten und persönliche Sachen wenig oder so gut wie gar nicht zur Sprache kamen.

Wie kam es, dass er Ihnen das „Du“ angeboten hat?
Indem er eigentlich nur „Du“ gesagt hat und eines Tages meinte: „Du kannst auch Du sagen“. (...)

Sie beschreiben ihn beinahe als unnahbar. Das klingt erstaunlich, wenn man bedenkt, dass er sich viel in Schauspielerkreisen bewegt hat, dass er in den 30er Jahren in Filmen mit Stars wie George mitgespielt hat. Also in einer Welt gelebt hat, wo wahrscheinlich auch oberflächliche Freundlichkeiten einfach dazu gehörten. Konnte er sich da so ein Verhalten leisten?
Ich glaube nicht, dass er sich das geleistet hat, sondern das war sein Wesen. Er war damals auch noch nicht in der Emigration gewesen. Er war ja dann im Zuchthaus gewesen, hatte die Nachkriegszeit erlebt. Vielleicht ist er ein anderer geworden – ich weiß es nicht. Das kann ich nicht beurteilen, ich kannte ihn früher nicht. Ich kenne auch keine Leute, die ihn von früher kennen. Ich weiß nur einiges von Ihering, der ihn früher mal gesehen hat – aber auch Ihering hat ihn früher nicht gut gekannt. (...) Ihering schätzte Busch als Sänger und Schauspieler, vornehmlich als Schauspieler.

Sie sagen aber, dass Busch sich hauptsächlich als Sänger begriff.
Er hat sich vornehmlich als Sänger gesehen.

Hat er Ihnen das gesagt?
Ich kenne ihn wie gesagt seit 60 genauer und intensiver. Und was aus seinen Erzählungen von früher hervorging, hatte zu tun mit politischen Liedern, mit großen Veranstaltungen – das war ihm alles wichtiger als das Schauspielern. Das Schauspielern war mehr ein Geld-Verdienen.

Hatte das damit zu tun, dass er glaubte als Sänger, einen direkteren Kontakt zum Publikum zu haben?
Er war jemand, der sich mit den Texten, die er sang, identifizierte. Und es machte ihm Spaß, diese Texte zu singen. (...) Die Menge der Leute war ihm relativ gleichgültig. Ihm kam es mehr darauf an, was er sang.

War das Schallplatten-Machen auch ein Versuch, sich der Nachwelt zu erhalten?
Er hat sicher nicht an die Nachwelt dabei gedacht. Er hat das gemacht, weil’s ihm Spaß machte und weil’s ihm wichtig war zu singen. (...) Die Lieder waren ihm wichtiger als er selbst. Er hat ja nach 45 auch nicht viel Theater gespielt, sondern erst mal Lied der Zeit gemacht. Er ist erst wieder zum Theater gegangen, nachdem er Lied der Zeit sozusagen losgeworden war. Also seine Lieder und sein Gesang waren ihm immer wichtiger. Vielleicht war das auch schon in den 20er Jahren so, dass er mehr des Geldes wegen geschauspielert hat. Denn er hat ja auch damals viel gesungen bei KP-Veranstaltungen und so. (...)

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass er Anfang der 1930er Jahre im Begriff war, ein Star zu werden.
Er war jedenfalls in einem größeren Kreis bekannt. Aber die großen Rollen am Theater haben andere gespielt. (...) Er war zweifellos im Kommen. Er wäre sicher so 33, 34, 35 ein großer Star gewesen. (...)

Können Sie ein wenig von Ihrer Arbeit am Aurora-Plattenprojekt erzählen?
Die ersten Lieder haben wir nur auf Band aufgenommen. Er hat erst mal nur gesungen, um diese Lieder zu erhalten. Dass es dann zu der Schallplattenreihe Aurora kam, ist eher zufällig gekommen. Das hatte indirekt mit dem 13. August zu tun.


(Ende der ersten Kassette)


Wieso?
Weil Busch Anfang August 1961 eigentlich in Berlin singen sollte. Busch war aber zu dieser Zeit zur Kur in Bad Wiessee in Bayern. Auch am 13. August, als der Mauerbau begann. Und die alten Spanienkämpfer wollten, dass er bei ihrer Gedenkveranstaltung auftritt. Dadurch ist das erste Heft entstanden. Es gab bei uns ja nur eine Schallplattenfirma, die VEB Deutsche Schallplatten. Und nun kam Busch durch diesen Spanienabend, an dem er selbst nicht teilnehmen konnte, wieder in Berührung mit der Schallplattenfirma. Eigentlich hatte er ja nie wieder Schallplatten machen wollen, weil sie ihm damals Lied der Zeit verdorben hatten.

Warum hat er sich dann 1961 überreden lassen?
Weil er nicht hier war, weil er in Bad Wiessee war. (...) Er war zur Kur, als der Osten vom Westen abgeschnitten wurde. Und er ist erst zurückgekommen, als die Kur zuende war. (...) In Tegernsee, ganz in der Nähe, wohnte übrigens die Witwe von Tucholsky, die hat er auch besucht. (...) Die Spanienkämpfer, eine Organisation, die irgendwie zu tun hatte mit den Verfolgten des Naziregimes, kamen zu ihm und baten ihn, bei ihrer Veranstaltung aufzutreten. Und er war zu dieser Zeit nicht da. Und wer dann auf die Idee kam, die Platte zu machen, weiß ich gar nicht. Wahrscheinlich er selbst ...

Das war der Wiederbeginn seiner Schallplattentätigkeit?
Ja, weil ja nur einer Schallplatten machen konnte, das war der VEB Deutsche Schallplatten.

Seine ehemalige Firma.
Sozusagen. Und die presste diese Platten für die Spanienkämpfer. Es gab also ein Heft nur für die Spanienkämpfer. Das waren alte, umgeschnittene Aufnahmen, die man eben nur beim VEB Deutsche Schallplatten umschneiden konnte. (Fetting steht auf, holt das Plattenheft und zeigt es mir)

Das war also eine limitierte Auflage extra für diesen Anlass. Haben Sie die vielen Texte zusammengestellt?
Ja, mit Busch zusammen. Mir war dieses Spanien-Thema nicht so vertraut, sodass ich das allein auch gar nicht hätte machen können. Das sind alles Sachen von Busch, die da drin sind, die er mal gesammelt hatte. Ich weiß nicht, ob da noch 'ne Widmung drin ist ...

„Rauhe Klänge aus dem rauen Norden über Spaniens roter Erde – mit freundlichem Gruß...“
Jedenfalls sollte Busch 1961 zum 25. Jahrestag (Ende des Spanienkriegs, JV) singen. Und da er wusste, dass er da nicht konnte, weil er zur Kur in Bad Wiessee sein würde, kam er auf die Idee, eine Schallplatte zu machen. Es lag ihm sicher am Herzen, denn er wollte schon in den 30er Jahren in Holland eine Reihe mit Schallplatten machen. Das tat er ja dann auch mit den Aurora-Heften. So kam er wieder mit dem VEB Deutsche Schallplatten in Berührung.

Hier ist auch das Symbol der Internationalen Brigaden abgebildet, dieses dreieckige Emblem. Und hintendrauf steht: „Herausgegeben vom Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der Deutschen Demokratischen Republik, Unter den Linden 54“. Das war offenbar die zuständige Institution. Von Franz Dahlem ist auch ein Text drin, das Vorwort von Heinrich Mann ...
Die Texte hat Busch alle selbst ausgesucht. Das war ihm wichtig.

Wie erklären Sie sich seinen Meinungsumschwung, auf einmal wieder Schallplatten zu machen?
Wieder Schallplatten zu machen, hat auch viel mit Eisler zu tun. Denn Eisler war der Meinung, dass er wieder mit Liedern an die Öffentlichkeit gehen müsse. Eisler hatte auch einige Lieder begleitet, wir hatten ja schon vorher in der Akademie seit 60 Bänder aufgenommen. Busch wollte alle seine Lieder wieder auf Band haben fürs Archiv. Als er dann wieder mit der Schallplatte in Berührung kam, hat das vielleicht seiner Eitelkeit ein bisschen Ansporn gegeben. Das Geld war es sicher nicht, denn Geld hatte er genug.

Warum hatte er so viel Geld?
Er war ja Nationalpreisträger. Der Preis war dotiert mit 25.000, 50.000 und 100.000 Mark – je nach Klasse. Und er hat den Nationalpreis zweimal gekriegt, einmal 25.000 und einmal 50.000 Mark. Dann hat er die höchste Gage gekriegt, die es in der DDR gab. Die betrug 4000 Mark pro Monat, pro Theater. Und da er zeitweise, zwei oder drei Jahre, am Deutschen Theater und am Berliner Ensemble engagiert war, bekam er von beiden Theatern 4000, also insgesamt 8000 Mark. Und er hat so gut wie nichts ausgegeben, weil er ein ganz solider Mensch war. Er war sehr bescheiden, wohnte zur Miete: einmal im Haus in der Heinrich-Mann-Straße und später in der Leonhard-Frank-Sraße, wo vorher der Langhoff gewohnt hatte. Dessen Jungs mussten dann da raus, der alte Eigentümer war ein Fabrikant gewesen, der gestorben war, und die Frau war nach 45 nach der Enteignung nach dem Westen gegangen. Aber Busch wohnte in diesen Häusern nur zur Miete. Und das Häuschen auf Hiddensee hat erst seine zweite Frau besorgt. Denn ihre Tochter war verheiratet mit dem Sohn des Intendanten vom Metropol-Theater, und der hat gewusst, wo was frei war.

Hat er das Geld im Westen angelegt?
Nee, das konnte man nur hier anlegen. Das musste man dann in West-Mark umtauschen. Nein, er hatte hier ein Konto bei der Sparkasse am Alex. Da hat er das Geld aufs Sparkonto gebracht. Sonst ist nichts gewesen. (...) Luxus war ihm gleichgültig. Als ich ihn kennenlernte, zu Tetes Zeiten, da war das so: Wenn er in die Stadt fuhr, dann fast immer, um Aufnahmen zu machen. Dann zog er sich an und wir stiegen in sein Auto und Tete saß am Steuer. Das war ein Skoda, der hieß, glaube ich, Felicia. Gut, das war jetzt nicht gerade der Wagen der Allgemeinheit ...

Ist er selber auch gefahren?
Nein, gefahren hat ihn immer Tete. Ich weiß gar nicht, ob er den Führerschein hatte. Nach Tetes Tod habe ich ihn kurze Zeit gefahren, nachher dann hat Irene ihn gefahren. Aber selbst gefahren ist er nie.



Der am besten bezahlte Schauspieler in der DDR


Gab es noch andere Schauspieler in der DDR, die ähnlich hohe Gagen bekommen haben?
Busch war der einzige, der gleichzeitig an den beiden großen Theatern engagiert war und dadurch 8000 verdiente. Was die Gage anging gab es noch den Kleinau, der 4000 kriegte. Der war aus dem Westen ans Deutsche Theater gekommen. Hat sich später totgefahren. (...) Bis in die 60er Jahre hinein gab es bestimmt keinen, der mehr verdiente als Busch.

Hat Busch selber darauf geachtet oder darauf bestanden, gut bezahlt zu werden?
Ich glaube, man hat es ihm angeboten. Würde ich vermuten. Jedenfalls hat er keinen Theatervertrag unterschrieben.

Ging das dann per Handschlag?
Nee, alles so. Er hatte die Verträge zwar zu Hause, aber nicht unterschrieben. Er kriegte auch so das Geld.

Weil er ungern etwas unterschrieb?
Nein. Verträge unterschrieb er einfach nicht – jedenfalls zu DDR-Zeiten nicht mehr.

Seine Parteimitgliedschaft muss er doch einmal unterschrieben haben ...
Damals, als die KPD nach 45 wieder gegründet wurde, muss es tatsächlich so gewesen sein. In die SED ist er ja nie eingetreten. In die SED wurde man aus der KPD übernommen. Das geschah auf Veranstaltungen, auf denen neue Parteibücher überreicht wurden – dadurch war man dann in der SED. Das weiß ich aber nicht mehr genau, wie das vor sich ging. (denkt nach) War das ein KPD- oder ein SED-Buch, was er da hatte? Ich glaube, es ist schon ein SED-Buch gewesen. (...) Jedenfalls wurde man durch die Vereinigung von KPD und SPD als KPD-Mitglied automatisch SED-Mitglied, es sei denn, dass man rausging. Und dadurch wurde Busch automatisch SED-Mitglied. Das Parteibuch bekam man dann entweder auf einer dieser Versammlungen oder man kriegte es zugeschickt. (...) Dann gab’s 50/51 die Überprüfung, und da hat er das Parteibuch zerrissen. Und er weigerte sich, zu einer weiteren Überprüfung zu gehen. (...) Nach seinen Äußerungen ist er zur ersten Überprüfung hingegangen und hat dort das Parteibuch zerrissen, also durchgerissen in zwei Teile und dann die Kommission verlassen. (...) Welche Kommission das genau war, wie die zusammengesetzt war, weiß ich nicht. Bei Prominenten wie Busch waren es sicher andere Leute als bei Studenten wie mir. Ich war damals Student, als die Überprüfung stattfand.

Hat es ihn genervt, dass er von Leuten überprüft werden sollte, die nicht seine Kragenweite hatten?
Nein. Ihn hat genervt, dass man ihm Fragen stellen wollte. Dass er sich überhaupt äußern sollte, dass man ihn überprüfen wollte. Da hat er das Parteibuch zerrissen.

Wollte er nicht seinerseits Fragen beantwortet haben? Warum er zum Beispiel Ende der 30er Jahre im Exil kein Visum für die Sowjetunion bekommen hatte?
Nein, das stimmt nicht ganz. Erst hat er ja ein Visum gekriegt. Er ist ja damals zunächst in die Emigration in den Westen gegangen. Dann ist er 35 in die Sowjetunion gegangen. Und in die Sowjetunion kam nur, wer von den Russen überprüft worden war. Also, man brauchte eine Einreisegenehmigung, man konnte nicht nach Russland emigrieren sozusagen, sondern nur einreisen. Er kam auf Einladung in die Sowjetunion und kam dann durch Pieck, als die Überprüfungen begannen und die Lager aufgefüllt worden sind und es in Spanien losging, wieder raus. Der Pieck hat ihn nach Spanien geschickt.

Woher wissen Sie das?
Durch ihn weiß ich das. Das hat er mir gesagt. Pieck hat viele Leute damals weggeschickt, zum Beispiel Piscator, der war damals in der Sowjetunion, weil er wahrscheinlich wusste, dass nun eine gewisse Überprüfung oder Verfolgung der Leute einsetzte. Der wollte die Leute schützen. So sind viele gen Westen gekommen. Denn man konnte aus der SU nur raus, wenn man wieder ein Visum hatte. (...) Pieck war damals der KPD-Vorsitzende in der Sowjetunion.

War Busch dem Pieck dafür dankbar?
Ja, ja. Mit Pieck hat er sich gut verstanden. (...)

Was wusste Busch von Stalins Verbrechen?
Man wusste das alles erst nach Stalins Tod – seit Chruschtschow. Man wurde ja vorher auch getäuscht. Da hieß es dann zum Beispiel in der deutschsprachigen Zentralzeitung, der DZZ, über Carola Neher, sie sei eine Spionin. Und ich nehme an, dass die Leute das damals glaubten. Was eben Josef Stalin gesagt hat und was in der Zeitung stand, das wurde ernst genommen. Das hat sicher auch Busch ernst genommen. Auch Kolzow, der Leiter der Prawda, ist damals umgekommen. Und Maria Osten, die Busch gut kannte, war mit Kolzow zusammen. Aber Busch hat diese schlimme Zeit eigentlich nicht mehr miterlebt, er war da schon im Westen. Ich vermute, dass die Leute das geglaubt haben, was offiziell verlautbart wurde, dass das Agenten waren und Saboteure. Das haben hier selbst lange nach 45 noch viele Leute geglaubt. Dabei sind ja wirklich nicht wenige zu Tode gekommen, andere sind aus leitenden Positionen entfernt worden wie Dahlem, der wurde später hier Staatssekretär. Die waren wahrscheinlich überzeugte Parteimitglieder und haben geglaubt, was verlautbart worden ist. (...)

Wie wichtig war Busch die Partei? Wenn er dieses zerrissene Parteibuch in einer Extra-Schatulle aufbewahrt hat, dann war ihm die Partei offenbar nicht ganz gleichgültig ...
Er hat eben bestimmte Sachen aufgehoben. Das Parteibuch war ihm wahrscheinlich die Sache wert.

War er stolz drauf, das er es zerrissen hat?
Ich würde es so deuten, dass er stolz drauf war. (...) Es ist schwer, bei ihm solche Schlüsse zu ziehen. Er war ein in gewisser Weise gefürchteter Mann. Es hat sich keiner direkt mit ihm abgegeben. Und Freunde in dem Sinn hat er auch nicht gehabt, was wahrscheinlich an ihm selbst lag.

Wie war das für Sie, nachdem Sie das Buch über ihn geschrieben hatten? Gab es Resonanz?
Busch war 'ne große Persönlichkeit, die allgemein sehr geschätzt wurde. Das war in der DDR oder überhaupt in Deutschland einer der großen Künstler. Aber mein Buch über ihn hat mich nach der Veröffentlichung nicht mehr interessiert - das gilt für alle meine Bücher: weder wie es sich verkauft hat, noch wer es gelesen hat, wer es beanstandet oder gutgeheißen hat.

Gab es Leserbriefe?
Ja, sicher. Aber die habe ich alle weggeschmissen.

Waren es lobende oder ablehnende Stimmen?
Die meisten waren eigentlich lobend. Viele haben sich gefreut, dass da ein Busch-Buch erscheint. Diese Stimmen habe ich noch in Erinnerung.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Busch vor allem als Schauspieler. Das steht ein wenig im Gegensatz zu der Beschreibung von Busch, die Sie jetzt geben, wo Sie mehr den Sänger hervorheben ...
Das Buch ist fertig geworden zu einem Zeitpunkt, als der Schauspieler gerade von der Bühne gegangen war und bis dahin fast nur gespielt hatte – der Sänger tauchte gerade erst wieder auf. Für mich hat sich dann durch meine Arbeit an den Aurora-Platten und durch mein Bekanntsein mit ihm das Bild geändert. Der Gesang stand im Mittelpunkt. So schätze ich auch seine Interessen ein. Das kommt daher, dass er sich mehr mit Liedern beschäftigt hat als mit Rollen. Mit Rollen hat er sich nur beschäftigt, wenn er abends einen Auftritt hatte, dann ist er noch mal seine Rolle durchgegangen, hat sich auch mal abhören lassen. Weiter haben ihn seine Rollen, jedenfalls zu meiner Zeit, nicht mehr interessiert.

Sie hätten wahrscheinlich das Buch anders geschrieben, also mehr den Sänger in den Mittelpunkt gestellt, wenn Sie ein paar Jahre später mit dem Projekt beauftragt worden wären ...
Also: Wenn ich es geschrieben hätte, hätte ich es sowieso anders geschrieben. Aber so ist es ja zum größten Teil nur mit Zensur von Busch entstanden.

Stehen Sie nicht mehr zu dem, was Sie damals geschrieben haben?
Doch, das schon. Aber es ist nicht das drin, was eigentlich drin sein müsste, um Busch richtig einzuschätzen.

Was müsste denn drin sein?
In erster Linie seine Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von allem. Und dass ihm das Singen das Wichtigste war.

Unabhängigkeit auch von der Politik?
Auch, ja. Da hat er sich eigentlich auch nicht drum gekümmert. Das kann aber auch daran liegen, dass er zu dieser Zeit politisch nicht mehr interessiert gewesen ist. Er konnte ja keinen Einfluss mehr ausüben, während er bis 33 einen gewissen Einfluss ausüben konnte oder sich zumindest eingebildet hat, durch seinen Gesang die Leute noch überzeugen zu können.

Hat er diesen Glauben später verloren?
Ich glaub schon, ja. Er war zwar beliebt, auch bei jüngeren Leuten. Aber er hat schon gemerkt, dass man damit wenig bewirken kann.

War er manchmal auch frustriert?
Nee, nee. Jedenfalls hat er es nie gezeigt. Es ging immer weiter bei ihm. Man hatte den Eindruck, dass er es eilig hatte, seine Lieder alle auf Band zu bringen und nachher auf Schallplatte – so viel er konnte. (...)

Hat er sich auch mal mit anderen Dingen beschäftigt als mit seiner Arbeit, zum Beispiel auf Hiddensee, wo er sich sehr wohlgefühlt haben soll?
Er hat sich eigentlich überall, wo er war, wohlgefühlt. Es sei denn, er musste wohin gehen, wo er nicht hin wollte. Zum Beispiel bei Akademie-Sitzungen, wobei er auch da freiwillig hingegangen ist – er hätte da nicht hinzugehen brauchen. Aber selbst auf Hiddensee hat er seine Texte mitgenommen und hat gesungen.

Hat er privat auch andere Sachen gehört als seine eigenen Lieder?
Radio hat er nie gehört. Fernsehen hat er auch nicht viel geschaut. Nachrichten haben wir ab und an mal geguckt. Auch für Sport hat er sich nicht besonders interessiert. Nee, er hat sich nur für sich interessiert, also für seine Lieder. (...) Er hat auch nicht groß wahrgenommen, was an anderer Musik in seiner Zeit gespielt wurde. Er war da wirklich ganz einseitig. Da war er ganz eigen, und ich glaube, so einen gibt’s auch kein zweites Mal.

Nun haben sich ja auch bildende Künstler mit Busch beschäftigt. Wie gefiel ihm das?
Ronald Paris hat mal ein Bild gemalt, auf dem Busch aussieht wie ein Säufer. Da ist auch ein kleiner Tisch drauf mit einer Flasche und einem Glas.

War Busch beleidigt?
Nö. Busch konnte man nur beleidigen, wenn man seine Lieder angriff. Mit Äußerlichkeiten nicht, das hat er gar nicht wahrgenommen. Dazu kreiste er zu sehr um sich selbst und um seine Lieder. (...) Das ist mein Eindruck. Das Bild, das ich von Busch seit der Akademie-Zeit, also seit 1960, habe, ist ein eitles in Bezug auf seine Arbeit. Eitel als Person war er nicht. Was ihm immer am Herzen gelegen hat, waren seine Lieder. (...) Wenn ihn jemand verehrt hat, mochte ihm das schmeicheln, aber das hat er sich nicht anmerken lassen. Er hat auch fast nur Leute an sich heran gelassen, die er kannte, Fremde so gut wie gar nicht. Wenn dann Leute zu ihm kamen, hat er sich schon im Mittelpunkt gesehen und hat meistens seine Bänder vorgespielt oder seine Platten.



(Ende der ersten Seite der zweiten Kassette)



Lassen Sie uns noch einmal über Ihre Arbeit an dem Aurora-Projekt reden. Worin bestanden Ihre Aufgaben?
Nach dem ersten Spanienheft, das ja aus Umschnitten bestand, kamen neue Aufnahmen hinzu. Und für diese neuen Aufnahmen habe ich die Musiker ausgesucht, koordiniert und auch bezahlt. Die bekamen ihr Geld gleich auf die Hand, ich glaube: 40 Mark pro Stunde. Das Geld kam von der Akademie.

Gab es Auflagen von der Akademie, was die Kosten betrifft?
Nein. Das wurde eingeplant. Wir brauchten meinetwegen 10.000 oder 1000.000 Mark im Jahr. Das hat die Akademie viel Geld gekostet. Eine Einzelplatte kostete im Verkauf 7,50 und ein Doppelheft, also zwei Platten, waren 15 Mark. Und die Akademie hat, wenn ich nicht irre, zwei Prozent gekriegt. Busch hat acht Prozent gekriegt. Der Rest waren Unkosten für die Schallplatte beziehungsweise für die Akademie.

Hat Busch das ausgehandelt?
Nee, das habe ich ausgehandelt. Ich wusste, was ein Verlag zahlt, wenn ein Buch gemacht wird. Ich selbst habe pro Aufnahmetermin 50 Mark gekriegt, und es gab meistens zwei Aufnahmetermine in der Woche. Die Lieder wurden teilweise 20, 30 mal aufgenommen. Außer dem Direktor, der die Verträge unterschrieben hatte, und dem Haushaltsmann, der das Geld bezahlte, wusste das in der Akademie wahrscheinlich kaum jemand, was das kostete.

Wie hoch war die Auflage der Aurora-Platten?
Immer 5000 Stück. Sowohl bei den doppelten wie bei den einzelnen. Die waren meist recht schnell verkauft.

Gab es mehrere Auflagen?
Teilweise erschienen die Lieder später dann auf großen Platten ohne Heft. Von den Aurora-Platten selbst gab es bei Tucholsky und den Spanienliedern mehrere Auflagen. Die Spanienlieder haben sich am besten verkauft. Das auflagenstärkste war das erste Aurora-Spanienheft. (...) Ich habe dann um 70 aufgehört mit dieser Arbeit und Busch nur noch sporadisch gesehen und gesprochen. Weil wir uns öfter mal erzürnt hatten, und dann kam er immer wieder an. Irgendwann habe ich dann mal Schluss gemacht. Und dann begann die „Rote Reihe“.

Gab es einen bestimmten Anlass?
Nee, einfach so. Ich habe mich rausgeredet, dass ich jetzt mit Büchern zu tun hätte. Ich hatte das lang genug gemacht, fast zehn Jahre lang. Das war dann irgendwann Zeitvergeudung, weil er ein Lied 20, 30 mal aufnahm und ihm trotzdem keine Fassung gefiel. Es war nicht so, dass diese Arbeit Routine gewesen wäre. Es war immer wieder neu und machte immer wieder Spaß, ihn zu erleben. Aber nachher war es vertrödelte Zeit, weil er älter wurde und noch unzufriedener war mit den Aufnahmen als er früher schon war.

Haben Sie ein Lieblingslied von ihm?
Eigentlich nicht, nein.

Hören Sie die Lieder heute noch?
Ab und an mal. Da spiele ich durch die Bank die Platten durch. Die Becher-Lieder liegen mir nicht so sehr, weil ich die Texte nicht so mag. Aber auch sonst habe ich keine besonderen Vorlieben. (...)

Was für Musik mögen Sie sonst gern?
Armstrong mochte ich immer, Gillespie auch. Aber ich höre nicht mehr viel Musik. (...)

Sind Sie Busch gegenüber noch mal rückfällig geworden nach 1970? Haben Sie sich noch mal überreden lassen?
Das letzte war ein Brecht-Heft, da ist die Platte gar nicht mehr fertig geworden. Ich habe das Heft da (holt es und zeigt es mir, der Titel lautet "An die Nachgeborenen"). Danach kam dann die „Rote Reihe“ mit jeweils einer kleinen Platte, zehn oder zwölf sind da erschienen und so weit ich weiß auch immer 5000 pro Heft. Das lag an der Papierknappheit in der DDR, dass da nicht mehr erschienen sind. (...) Anfang der 70er habe ich jedenfalls aufgehört und habe dann bis 78 noch fest bei der Akademie der Künste gearbeitet und danach bei der Akademie der Wissenschaften.

Waren Sie auf Buschs Beerdigung?
Nein. Ich war nicht eingeladen. Dass da NVA-Offiziere Spalier gestanden haben, hätte Busch übrigens nicht gefallen, denn er hatte mit dem Militär nichts im Sinn.

Als dann in den 80er Jahren die große Busch-Bildbiografie an der Akademie entstand, hat man Sie da um Rat gefragt?
Nein, nein.

Haben Sie es gelesen?
Ja, ich hab es gekauft oder geschickt gekriegt und gelesen.

Wie finden Sie es?
Ich fand’s nicht schlecht. Aber gut fand ich’s auch nicht.

Was hatten Sie auszusetzen?
Oh, das weiß ich heute nicht mehr. Das ist zu lange her.

Ich finde es erstaunlich, dass man sich damals gar nicht an Sie gewandt hat.
Ich glaube nicht, dass man mich als Fachmann gesehen hat oder heute als Fachmann sieht.

Immerhin sind Sie derjenige gewesen, der die 60er Jahre hindurch bei Busch am meisten ein- und ausging. Im Archiv finden sich Ansichtskarten, die Sie an Busch geschrieben haben. Würden Sie sagen, dass Sie befreundet waren?
Naja, „befreundet“ kann man nicht sagen. Denn Freunde hatte er so gut wie gar nicht.

Das Ehepaar Henselmann?
Der Architekt? Glaub ich nicht.

Hat er denn gar keine Freunde gehabt? Wie ist es mit Eisler?
Freunde würde ich nicht sagen. Das waren alles mehr oder weniger gute Bekannte. Ich würde mich auch nicht als Freund bezeichnen. Ich hab ihn gut gekannt.

Sie waren auch zu den Geburtstagen immer bei Busch. War das dann ein alljährlicher Pflichttermin?
Nein, das war sozusagen ein Spaßtermin. Aber unter Freundschaft verstehe ich doch etwas anderes: eine gewisse gefühlsmäßige Innerlichkeit und ein Vertrauen seinerseits oder ein Vertrauen meinerseits – das fehlte.

War Busch auch mal bei Ihnen zu Hause?
Ja, zwei-, dreimal – aber zufällig, weil er mich abgeholt hat zu Aufnahmen. Sonst nicht. Er ging auch sonst überhaupt zu keinem. Er kam bloß kurz rein, Tete saß unten im Wagen, und er wartete, bis man angezogen war und den Mantel oder die Jacke anhatte.

Haben Sie sich privat mal auf ein Bier getroffen?
Nein. Er hat eigentlich nie Bier getrunken. Meistens trank er Wasser.

Was machte denn Spaß mit ihm?
Er war eine von seiner Kunst besessene Figur. Das war packend.

Hat er Sie nicht manchmal auch zur Weißglut gebracht mit seiner Akribie?
Eigentlich nicht. Ich bin ein Typ, der sich gar nicht ärgert. (lacht)

Auch nicht, wenn man Ihre Texte auseinandernimmt?
Auch das interessiert mich nur in geringem Maße.

Dann waren Sie ja genau der Richtige für dieses Buchprojekt mit Busch ...
Wahrscheinlich, ja.

Wie hat er Ihnen denn klargemacht, dass er Textpassagen geändert haben möchte?
Er hat die gestrichen. Ich habe dann nachgefragt, und dann hat er erklärt, warum er dieses oder jenes nicht oder nicht so haben will. Also habe ich was anderes draus gemacht und ihm vorgeschlagen. Er war dann entweder einverstanden oder nicht. Und dann ist die Stelle eben weggeblieben oder so geworden wie er es wollte und ich geschrieben habe. Ich habe noch einige gestrichene Seiten hier irgendwo liegen.

War das anregend, mit ihm den Text zu besprechen oder war das eher diktatorisch von seiner Seite?
Nein, diskutieren konnte man mit ihm gar nicht. Man hat sich mit ihm geeinigt, würde ich sagen. Sehr kurz und bündig. Er sagte: „Das will ich nicht“, und bei bestimmten Sachen wusste man: Da bleibt er sowieso dabei. Dann hat man gar nicht erst nachgehakt. Bei anderen Sachen hat er Ja gesagt, dann wurde es eben so gemacht. Das war relativ schnell durchschaubar und klar, sodass man wusste, was er wollte und was nicht und wo es gar keinen Zweck hat, mit ihm zu reden. Also ließ man manche Sachen lieber gleich weg und schlug sofort was anderes vor.

Bevorzugte er einen sachlichen Stil beim Schreiben?
Ja, kurz und direkt. Das war das A und O bei ihm.

Das russische Busch-Buch von Schneerson ...
... das war ihm zu gefühlsmäßig und zu blumig.

Würden Sie Schneerson als Freund von Busch sehen?
Ob Busch ihn als Freund bezeichnet hätte, weiß ich nicht. Schneerson den Busch sicher. Wenn er aus Russland nach Deutschland kam, war er entweder auf Einladung von Busch hier oder auf Einladung eines Verlags. Aber bei Busch gewohnt hat er nicht. Untergebracht war er meistens durch die Akademie. Bei Busch hat keiner gewohnt, bei Busch konnte auch keiner wohnen. Es gab kein Gästezimmer. Es war alles sehr freundlich, aber auf Gäste eingerichtet war man nicht. Das Haus war schon gastfreundlich: Man konnte alles haben, man konnte alles sagen. Es war zeitweise, zu Tetes Zeiten, gute Atmosphäre; man konnte sich benehmen, wie man wollte und sich gehen lassen, wie man wollte.

Was heißt das? Man konnte die Füße auf den Tisch legen?
Ja, ja. Das hat keinen gestört. Das war sehr leger und zwanglos oder sagen wir: gleichgültig bei ihm. Er hat auch auf niemanden Rücksicht genommen, hat sich benommen, wie er es für richtig hielt. Das hat aber nicht aufdringlich gewirkt und hat keinen gestört, er hat auch keinen dadurch beleidigt, oder so was. Er war zu allen Leuten sehr freundlich. Es gab eben keine große Unterhaltung bei ihm. Wenn jemand kam, dann hat er ihm seine Platten oder Bänder vorgespielt und meistens den Gast beobachtet, um zu erfahren, wie das, was der gerade hört, ankommt.

Sollten die Zuhörer dann auch was dazu sagen, Kritik äußern?
Das wiederum hat ihn meist schon nicht mehr interessiert. Weil er eigentlich mit allem, was er jemals gemacht hat, unzufrieden war. Es gibt eigentlich nichts auf diesen Platten, was ihn zufrieden gestellt hat. Zufriedenheit mit seinen Liedern kannte er wahrscheinlich überhaupt nicht. (...)


(Exkurs über Tete und Irene)


Busch kam gegen Ende der 70er Jahre in eine Nervenklinik. Haben Sie ihm die Krankheit angemerkt?
Solange ich Busch erlebt habe, und das war bis eine Woche bevor er in die Heilanstalt nach Bernburg gebracht worden ist, war er völlig normal. Seine Frau wollte ihn, so geht die Sage, loswerden, abserviert haben. Das hat man sich jedenfalls erzählt. Ich hab ihn dann auch nie wieder gesehen.

Aber er hat doch noch seine Geburtstage in Berlin gefeiert, also jedenfalls seinen achtzigsten ...
Da war ich nicht.

Sie meinen also, dass er gar nicht krank gewirkt hat?
Ich kann nur sagen, dass er eine Woche bevor er in die Klinik kam, völlig normal war. Also, wie immer. Wenn man seinen Zustand als normal bezeichnen will ... egozentrisch war er immer. Aber in verwirrtem Zustand habe ich ihn nie erlebt. (...)

Haben Sie noch Erinnerung an Buschs Reaktion auf die Biermann-Ausbürgerung? Wie kam es zu der deutlichen Stellungnahme gegen Biermann im ND?
Das hat sicher sie gemacht. Sie hat vieles hinter seinem Rücken gemacht und hatte gute Beziehungen nach oben. Sie war ein strammes Parteimitglied. Busch war ja nicht mehr direkt parteigebunden, auch der Staat kümmerte ihn nicht besonders. Finanziell war er völlig abgesichert und arbeitsmäßig auch: Was er machen wollte, konnte er machen, und die Akademie hat es ihm bezahlt. Busch hat übrigens auch so gut wie keine Zeitung gelesen.

Hatte Busch eine Meinung zu Biermanns Liedern?
Auch nicht. Das hat ihn, soweit ich weiß, gar nicht interessiert.

Hat Busch überhaupt registriert, dass es Liedermacher gab, dass es die Singebewegung gab?
Ja, ja. Der Biermann war öfter im Hause. Er kam zu den Geburtstagen mit seiner Gitarre an.

Hat er auch was gespielt?
Er wollte. Aber im Hause des Sängers war nichts zu singen. (lacht) Busch hat seine Bänder vorgespielt, und da kam Biermann nicht zum Schuss. Ich würde sagen: Er hat keinen gestört, er war ein Zuhörer wie die anderen.

Biermann hat ja auch „Spaniens Himmel“ auf Schallplatte aufgenommen ...
Sicher hatte Biermann irgendwelche Interessen an Busch. Aber ich habe Biermann nicht so gut gekannt, dass ich darüber Genaueres sagen könnte. (...)





Interview: Jochen Voit
Foto: unbekannt
(Textfassung autorisiert von Dr. Hugo Fetting am 17. 12. 2005)





Letztes Update 26.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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