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Klaus Steiniger

über den Antifaschismus-Bonus in der DDR, über linke Lieder als Erkennungszeichen und den Ernst Busch-Song "Ami go home!"




„Ernst Busch war der angesehenste Künstler der DDR“
 (Gespräch am 18. Januar 2005 in Berlin)


Klaus Steiniger (Privatfoto)
Der Kontakt zu dem Journalisten Dr. Klaus Steiniger (73) war über Roger Reinsch vom Freundeskreis Ernst Busch e.V zustande gekommen. Der ehemalige Auslandskorrespondent des ND (u.a. USA, Sowjetunion, Portugal) und jetzige Chefredakteur der Zeitschrift RotFuchs wohnt in einer bescheidenen Wohnung am Stadtrand von Berlin. Unser Gespräch dauert an die drei Stunden, die erste Hälfte habe ich aufgezeichnet.


 JV: Herr Steiniger, zu Beginn unseres Gesprächs möchte ich Sie bitten, dass sie ein wenig von sich erzählen. Sie haben gesagt, Sie sind Jahrgang 1932 ...
Dr. Klaus Steiniger: Ja, Dezember 32, letztes Aufgebot der Weimarer Republik. Mein Vater war Jurist, hatte in Bonn promoviert und war die letzten Jahrzehnte Professor an der Humboldt-Universität. Vor 1933 war er kurze Zeit Anwalt - 33 ist er aus der Anwaltskammer rausgeflogen. 1935 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.

Wegen seiner politischen Einstellung?
Wegen seiner politischen Einstellung und auch aus rassischen Gründen, er war Halbjude. Ich wurde als Kind dadurch auch staatenlos. 1937 haben wir beide die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit angenommen, weil die Verwandtschaft meines Vaters aus Böhmen stammte. Die hatten die tschechische Staatsangehörigkeit, und auf diese Weise gelang es, die tschechische zu bekommen. Das war aber ein kurzer Spaß, denn 1938 wurde die Tschechoslowakei besetzt. Und damit fiel der tschechoslowakische Staat, und damit gab 's auch keine Staatsangehörigkeit mehr, wir wurden wieder staatenlos. Und 45 haben wir dann beide Staatsangehörigkeiten wieder erworben, dadurch dass die Nazi-Gesetze weggefallen waren und dadurch, dass der tschoslowakische Staat wiederhergestellt worden war. Die Doppelstaatsangehörigkeit hatten wir dann bis 1949, mit Gründung der DDR haben wir die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit zurückgegeben.

Eine ungewöhnliche Konstellation ...
Ja, ich war sogenannter Mischling zweiten Grades, was mich nie interessiert hat – wir waren keine religiösen Juden oder so etwas. Aber 1943 musste ich die Schule verlassen, eine höhere Schule ...

Wo waren Sie auf der Schule?
Heute heißt das Leniagura, damals hieß das Hirschberg im Riesengebirge, im jetzt polnischen Riesengebirge. Da bin ich auf ein Gymnasium gegangen und musste dann die Schule verlassen. Und 1945 hat sich dann mein Vater nach dem Schicksal seiner sämtlichen böhmischen Verwandten erkundigt, also seiner Cousinen und Cousins, Onkels und Tanten – und die waren alle in Auschwitz vergast worden. Insgesamt 15 Personen, die sind auch in ... Wie heißt die israelische Gedenkstätte?

Yad Vashem.
Yad Vashem, ja. Da sind die alle registriert. Wir haben uns da mal erkundigt. (...) Ich gehe davon aus, dass deutsche Juden im Wesentlichen assimiliert waren. Das Problem hätte uns überhaupt nicht interessiert oder sonderlich tangiert, wäre nicht der Antisemitismus der Nazis gewesen, der dann zu diesen außerordentlichen Folgen geführt hat.

Ihr Vater hatte nie die Idee auszuwandern, war kein Anhänger zionistischer Ideen?
Nein, er hat nie zionistische Ideen gehabt. Mein Vater war Kommunist. Und er war das schon vor 1933.

Sie sagen, er war Jurist. Hatte er einen proletarischen Hintergrund?
Nein, er kommt aus einer kleinstbürgerlichen Familie. Der Vater nannte sich Kaufmann, war aber ein reisender Vertreter, der mit einem Koffer unterwegs war und irgendwelchen Geschäftsleuten irgendwelche Muster anbot. Also Kleinst-Kleinbürgertum. (...)

Wissen Sie, wie Ihr Vater mit der kommunistischen Idee in Berührung kam?
Vor 33 hatte er ziemlich viel zu tun mit der „Weltbühne“, hat für die geschrieben, war dann im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. (...) Er war ein linksintellektueller Antifaschist. (...) Ich habe nach 1945 dann auch sehr viel für die wiedererstandene „Weltbühne“ geschrieben. Heute gibt es zwei Nachfolgezeitschriften, die so ähnlich aussehen: Die eine heißt „Ossietzky“, die andere heißt „Das Blättchen“, das sind zwei miteinander konkurrierende Nachfolgepublikationen der „Weltbühne“.

Wann haben Sie zum ersten Mal von Busch gehört?
Mein Vater hatte mehrere Platten von ihm. Und ich kann mich erinnern, dass ich als Kind diese Platten gehört habe. Ich erinnere mich an die „Ballade von den Säckeschmeißern“.

Sie hatten also ein Grammophon zu Hause?
Ja, mein Vater hatte die Schellacks und ein Grammophon. Und auf diesem Grammophon habe ich auch Busch-Platten vor 45 abgespielt. (...) Also Busch war mir schon als Kind ein Begriff, ohne dass ich damit viel verbinden konnte. Aber mein Vater sagte mir, das sei einer der großen Sänger der Weimarer Republik gewesen und so weiter. Da gab es ein Lied von den Arbeitslosen, daran erinnere ich mich auch. Mein Vater hatte jedenfalls mehrere davon. (...) Und er hat sie über die Nazi-Zeit gerettet. (...)

Nach dem Krieg zogen Sie dann nach Treptow ...
Nein, wir wohnten zunächst am Botanischen Garten, zwischen Steglitz und Botanischem Garten. Wir wohnten wieder in derselben Straße, in der wir schon mal gewohnt hatten, ganz früher. Dort ist übrigens lustigerweise die erste Verfassung der DDR geschrieben worden, in West-Berlin. Mein Vater war der Sekretär des Verfassungsausschusses des deutschen Volksrates, und aus dem deutschen Volksrat entstand dann die provisorische Volkskammer der DDR. Der Vorsitzende des Verfassungsausschusses des deutschen Volksrates war Otto Grotewohl, und er war der Sekretär. Und da die Sekretäre die Arbeit zu machen pflegen, hat er dann weitgehend in unserer West-Berliner Wohnung in der Hortensienstraße 55 am Bahnhof Botanischer Garten die erste Verfassung der DDR geschrieben. Mit anderen Experten zusammen. (...) (Exkurs über die Aufbaugeneration in der DDR; die führenden Leute seien aus der sowjetischen Emigration gekommen, aber auch aus der West-Emigration, aus Konzentrationslagern und der Illegalität)

Wann sind Sie Busch zum ersten Mal begegnet?
49. Im Sommer 49 zogen wir nach Ost-Berlin. Meine Mutter war gestorben, und wir waren nun alleine. Und mein Vater hatte eine Professur an der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Also lag es nahe, dass er dort hinzog. Und da hat er eine Wohnung in Treptow zugewiesen bekommen in diesem sogenannten Aufbauschwerpunkt 5. Die Straße hieß Dammweg, das war 'ne etwas längere Straße, und an der Straße war so 'ne Flachdachsiedlung gelegen. Und das waren kleine Wohnungen, für damalige Zeiten wahrscheinlich Luxus. Aber es waren Wohnungen, die zweieinhalb Zimmer hatten. Auf jeder Etage war ein Zimmer.

Das war der Standard?
Das war der Standard, die waren alle gleich. Es waren immer fünf Häuser zusammen in einer Reihe. Und Busch hatte auch so 'n Haus, genau die gleiche Ausstattung. (...) Es waren sehr bescheidene kleine Reihenhäuser - also nicht vergleichbar mit dem, was Busch dann später hatte. Es gab unten ein Zimmer mit 'ner Terrasse und winzigem Garten. Also es gab unten ein Zimmer und die Küche. Untendrunter gab's 'nen Keller. Dann gab 's im ersten Stock ein Zimmer und das Bad. Und im zweiten Stock war noch mal so 'n halbes Zimmer und 'ne Kammer.

Die Siedlung gibt 's noch, oder?
Die gibt 's noch, die kann man besichtigen. Und das war in keiner Weise ghettoisiert oder so ...

War die neu gebaut worden?
Die Häuser waren wieder aufgebaut worden. Die waren ausgebombt. Die hatte es auch in der Nazi-Zeit gegeben. Das war, nach dem, was uns erzählt wurde, eine SS-Siedlung gewesen. Und die war total ausgebombt. Ich weiß nicht, ob da einzelne Häuser überdauert hatten. Jedenfalls als wir dort einzogen, standen da große Schilder, da stand drauf: „Aufbauschwerpunkt 5“. Wir waren die ersten, die dort einzogen. Wobei wir zu einem Zeitpunkt einzogen, zu dem die anderen Häuser schon bewohnt waren. Der Busch war auch schon da. Bei uns in unserer Reihe wohnte ein Mann, den ich aus dem Krieg kannte: Professor Bittel, der auch bei den Nazis gesessen hat, einer der Mitbegründer der KPD 1918. Der hatte mich im März 43 an den Bodensee mitgenommen, wo seine Frau eine Handweberei betrieb. Damals war er noch kein Professor, sondern einfach Karl Bittel, der wohnte mit uns in derselben Reihe, das war reiner Zufall. Und unsere unmittelbaren Nachbarn waren der Staatssekretär für Chemie und das andere war der Vorsitzende der Gewerkschaft Handel und Versorgung. Dann kam die nächste Reihe, da wohnte Busch und sein Nachbar, ich glaube sogar sein unmittelbarer, war Willi Stoph, der immer mit der Taschenlampe im Garten nach Regenwürmern suchte.

War der Angler?
Der war Angler. Das spielte sich alles sehr normal ab. Willi Stoph war damals kein Ministerpräsident und nichts dergleichen, sondern er war im Sekretariat des Parteivorstands der SED für Wirtschaftspolitik verantwortlich. Das war damals alles sehr in den Anfängen.

Alles Antifaschisten ...
Die kamen alle aus dieser Schule.

Da tanzte auch keiner aus der Reihe - keiner, über den man sagte: „Das war aber mal 'n Nazi“?
Nein, das gab’s gar nicht. Der hätte auch keine Wohnung dort bekommen.

Musste man bestimmte Beziehungen haben, um dort ein Häuschen zu kriegen?
Also, mein Vater hat keinerlei Beziehungen eingesetzt, sondern sie haben gesagt, er solle übersiedeln nach Ost-Berlin. Das wollte er auch. Er war ja Abgeordneter dieser Gründungsvolkskammer der DDR, und diese Gründungsvolkskammer sollte nach Möglichkeit bei Gründung der DDR in Ost-Berlin versammelt sein. Und deshalb wurde ihm geraten überzusiedeln. Er war sowieso nach dem Tod meiner Mutter ein bisschen wurzellos geworden und hat das sofort gemacht.

Ihm hat sich nicht die Frage gestellt, da sich ja eine Spaltung abzeichnete, eventuell im Westen zu bleiben?
Diese Spaltung zeichnete sich eben noch nicht ab. Damals gab’s noch einen einheitlichen Berliner Magistrat. Es gab zwar schon 'ne politische Spaltung, aber noch keine territoriale.

Hat Ihr Vater sich mal dazu geäußert, wie sehr ihm die eine Besatzungsmacht näher stand als die andere?
Mein Vater war Kommunist und deshalb natürlich auf die Rote Armee festgelegt. Das war schon vor 33 für ihn eine klare Orientierung gewesen: die Sowjetunion.

Hat er das auch während des Krieges formuliert, dass er auf dieser Seite stand, dass er der Sowjetunion möglichst bald den Sieg wünschte?
Natürlich, natürlich. Ich hab noch 'ne Idee, wie Sie etwas mehr über mich erfahren können: Ich habe nämlich dieses Buch hier geschrieben (überreicht mir seine aktuelle Veröffentlichung). (...)

Zu Ihrer Begegnung mit Ernst Busch: Am Telefon sagten Sie mir, dass Sie und Ihr Vater dabei waren, als Busch sein Lied „Ami go home!“ kreierte. Wie hat sich das denn zugetragen?
Busch hatte einen sehr engen Draht zu meinem Vater. Die hatten sich gleich kennengelernt ...

Übern Gartenzaun?
Na ja, übern Gartenzaun nicht. Das war die nächste Reihe, die Eingangstüren lagen auf der anderen Seite, wir mussten dann da so rumlaufen. Und eines Tages rief er meinen Vater an und sagte: „Ich bin hier gerade beim Dichten eines Liedes. Willst du nicht mal vorbeikommen?“ Und da war noch ein Schauspieler da, der hieß Ernst Kahler, der spielte damals am Deutschen Theater. Im Deutschen Theater gab es ja damals das Berliner Ensemble – die hatten noch keine eigene Bühne. Das Theater am Schiffbauerdamm hieß damals noch Theater am Schiffbauerdamm. Und das Berliner Ensemble spielte im Deutschen Theater. Und da spielte der auch, glaub ich, der Kahler. Busch und er waren Kollegen. (...) Ich weiß, dass Busch zu Anfang erhebliche Schwierigkeiten hatte durch seine Gesichtslähmung. Er sang nur gelegentlich mal und war noch nicht der große Schauspieler, als der er dann später bekannt geworden ist.

Er rief also Ihren Vater an. Das heißt ja, dass er Ihrem Vater vertraute ...
Ich will das jetzt nicht überhöhen, aber es war einfach so: Mein Vater war damals sehr bekannt, hatte sehr viele Kontakte zu zig Leuten, war einer der bekanntesten linken Intellektuellen in Berlin. Und er war der erste Marxist, der ein juristisches Katheder bekam, also er war der erste Marxist, der an einer deutschen Universität eine Professur bekam. Das war 1946.

Im selben Jahr hat ja Busch die Lizenz für seine Plattenfirma Lied der Zeit bekommen ...
Ja, es ging auch immer um Lied der Zeit in den Gesprächen der beiden.

Hat Ihr Vater den Busch auch juristisch beraten in der Zeit?
Weiß ich nicht, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass die sich sehr oft getroffen haben, sehr oft sich miteinander unterhalten haben. Wobei sich das später verlor, als Busch wegzog und mein Vater alle möglichen anderen Aufgaben hatte, der war dann im Weltfriedensrat und anderen Geschichten, dadurch haben sie sich nur noch selten mal gesehen ...

Jetzt sind wir abgekommen von der Geschichte. Also: Busch rief an ...
Busch rief an und sagte: „Ich bin hier beim Dichten eines Liedes. Willst Du nicht mal vorbeikommen?“ Und es war so: Mein Vater hat mich damals überall mithingenommen, ich war 16 oder 17. Und nach dem Tode meiner Mutter, die starb ganz jung mit 39 Jahren an Tuberkulose, hat er mich überall, auch zu Empfängen und zu solchen Geschichten mitgenommen, wo ich eigentlich gar nichts zu suchen gehabt hätte. So habe ich dann Busch kennengelernt. (...) Da war auch der Kahler anwesend. Ich hatte so gut wie noch nie einen Schauspieler gesehen, das war für mich damals sehr sensationell – es hat sich mir jedenfalls tief eingeprägt, dass das ein Schauspieler war. Ich war mit 16 Jahren noch in West-Berlin in die Partei eingetreten.

Das war dann nicht mehr die KPD, sondern bereits die SED?
Die SED, die gab 's auch in West-Berlin. Das war nach der KPD-Zeit: 48 bin ich eingetreten, 46 hatte die KPD aufgehört zu existieren, da kam die Vereinigung. Ich bin dann als Jugendvertreter zur Parteileitung gekommen. Und die Parteileitung musste wieder irgendeine Veranstaltung machen, und Busch wurde vorgeschlagen und Harry Hindemith, ein anderer Schauspieler, der in der frühen DDR-Zeit sehr bekannt war, in einer Reihe von Filmen mitgespielt hat, kein großer Schauspieler, aber mit einer sehr einprägsamen Stimme – die beiden wollten wir einladen zu der Versammlung, dass die mal dort auftreten. Und das wurde dann auch akzeptiert. Wir haben uns dann an Busch gewandt (...), und Busch hat dann im Treptower Rathaus, dort tagte diese Parteigruppe, gesungen und Harry Hindemith hat rezitiert. Das wäre aus späterer Sicht 'ne absolute Sensation gewesen, damals war das gar keine Sensation: Man ging eben zu den Leuten hin und sagte: „Kannste nich mal machen?“ Und dann machten die das.

Was war das für eine Versammlung?
Die Parteiversammlung fand statt so auf halber Kellerebene im Tiefgeschoss des Treptower Rathauses. Das war 1949.

Sie kannten Busch damals bereits ja aus der Nachbarschaft ...
Die Tatsache, dass er dieses Buch (zeigt ein Liederbuch) 1950 signiert hat, zeigt, dass es von 1949 bis 50 dann weiterging.

Haben Sie Busch auch deswegen angesprochen oder ansprechen lassen, weil Sie wussten: Der wohnt ums Eck und ist greifbar?
Ja. Und Busch war außerordentlich kommunikativ und freundlich und ging auf junge Leute zu.

Haben Sie noch Erinnerungen an seinen Auftritt im Treptower Rathaus?
Nee. Ich weiß bloß, dass es stattgefunden hat. Ich würde behaupten: Es kann sein, dass er auch rezitiert hat, weil er damals noch mit Singen sehr zurückhaltend war.

Haben Sie ihn privat mal als Sänger erlebt?
Nein, gar nicht. Er hat überhaupt nicht gesungen, sondern er hat sich ganz ruhig unterhalten. Er war damals auch noch geprägt durch seine Nazi-Erlebnisse und war insgesamt sehr ruhig. Aber er hat dann mit Pathos Dinge vorgetragen, also bei diesen Gesprächen hat er ab und zu was vorgetragen. Und dann fing er an mich zu beschenken mit Schallplatten. Im Laufe der Zeit habe ich von ihm vielleicht 80 oder 100 oder auch mehr Schallplatten geschenkt gekriegt. (...) Und zwar alles, was er an Versuchsplatten aus seiner Firma mitbrachte, hat er mir dann geschenkt. Ich hatte später mehrere Ständer mit Schellackplatten aus der frühen Produktion von Lied der Zeit: die ganzen Spanienlieder sowieso, „Ami go home!“ natürlich. Besonders hat sich mir eingeprägt diese Ballade mit der Wolke von Brecht: „An jenem Tag im blauen Mond September“, so fängt das an. Und dann kommt die Wolke: „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da“. Oder so ähnlich. (...) Das hat er gesungen, und das hat er sehr schön gesungen, „Erinnerung an die Marie A.“ heißt es.

Was ist aus all den Platten geworden?
Die habe ich später dummerweise verschenkt an westdeutsche Genossen, die noch ein Abspielgerät hatten. Ich hatte sonst keine Schellackplatten mehr und war mir über den Wert von Schellackplatten nicht im Klaren. Ich hatte kein solches Gerät mehr und hatte nur noch die Langspielplatten. Das war in den 60er Jahren.

Diese stolze Plattensammlung muss ja innerhalb kurzer Zeit bei Ihnen gewachsen sein ...
Das muss 49/50 gewesen sein. Ich glaube, dass Busch dann relativ bald weggezogen ist. Der Busch muss 51 weggezogen sein. Er war damals verheiratet mit einer etwas merkwürdigen Frau ...

... Margarete Körting ...
... ja, die hatte aber irgendeinen Kosenamen ...

... Tete.
Tete, genau. Mit Tete war er verheiratet. Tete war nicht ganz auf seiner Höhe. Tete wirkte etwas sonderbar. Sie hatte einen sehr dicht behaarten Hund, und dieser Hund wurde von ihr wie ein Mensch behandelt. Das heißt: Mit dem Hund führte sie in unserem Beisein längere Gespräche. (...) Sie hat in einer Kindersprache mit diesem Hund verhandelt. Und ich hatte den Eindruck, dass dem Busch das alles etwas lästig war. Das war Tete. (...)

Hatten Ihr Vater und andere Besucher bei Busch einen ähnlichen Eindruck? Erinnern Sie sich an entsprechende Kommentare?
Man fand diese Liaison von Busch mit Tete etwas merkwürdig, weil es auch nicht möglich war, mit Tete irgendwelche, sagen wir mal: geistig etwas höher stehenden Gespräche zu führen. (...)

War sie in Ihrer Erinnerung eine attraktive Frau?
Sie war eine blonde Frau, ziemlich üppig, bisschen jünger als er vielleicht.

Und der Hund war eine Art Kindersatz?
Der Hund war ein Kindersatz. Das war so ein Hund, wo man keine Augen sah, mit Zotteln bis nach unten auf den Boden. (...)

Lassen Sie uns noch mal zurückkommen auf die Situation, in der „Ami go home!“ entstand. Ihr Vater war ja offenbar dabei, als Busch an dem Text arbeitete ...
Ich weiß nicht, ob an dem Text dann noch was verändert wurde. Busch hat das Lied jedenfalls damals gesungen.

Dieses Lied ist ja direkt aus der Zeit, der politischen Situation, entstanden ...
Das ist 'n reines Agitationslied.

Ja. Und verglichen mit anderen Sachen, die Busch gemacht hat ...
... ist es sehr simpel. (...) Aber es erfüllte damals eine Funktion. Das Lied war außerordentlich populär. Ich habe das auch gesungen, wir haben das alle gesungen. Mir sind heute noch einzelne Textzeilen gut im Gedächtnis. Aber wenn man’s genauer betrachtet, vor allem aus heutiger Sicht, muss man sagen: Es war sehr simpel. Und es war nicht auf gleicher Höhe mit andern Dingen, die er auch gesungen hat.

Bei welchen Anlässen haben Sie es gesungen?
Ach, damals wurde immer gesungen. Später war das so, dass ein Lied eine absolute Sensation war. Aber in der frühen Zeit wurde auf jeder Versammlung gesungen: am Anfang, am Ende, zwischendurch. Es war ein Erkennungszeichen. (...) Das war eine Tradition, die kam aus der Nazizeit. Ich meine, Lieder hat es in der Arbeiterbewegung immer gegeben. Aber in der Nazizeit war es so, dass sich in den Konzentrationslagern die Leute daran erkannten, ob sie die Liedertexte konnten. Also wenn einer sagte, er sei Kommunist, nahm man zunächst mal an, dass er von der Gestapo kommt. Man musste ihn ja erst mal irgendwie testen: Ist das ein auf uns Angesetzter oder ist das ein Echter? (...) Spitzel konnten in der Regel die Lieder nicht. Vielleicht hat man das irgendwann gemerkt und ihnen später auch die Lieder beigebracht. Aber zunächst war es ein bekanntes Erkennungszeichen in der Nazizeit in den Konzentrationslagern und in der Illegalität: Ob jemand die Liedertexte kannte, die linken Lieder konnte.

Es entstanden auch neue Lieder in den Konzentrationslagern. Das Lied der Moorsoldaten ist eines der bekanntesten geworden, vor allem durch Busch. Glauben Sie, dass Ihr Vater und Sie selber das schon in der Nazizeit gekannt haben?
Ich hab’s nicht gekannt. Mein Vater auch nicht.

Hat er Radio gehört, also „Feindsender“, etwa Radio Moskau?
Mein Vater hat sowohl BBC als auch Radio Moskau gehört. Aber „Die Moorsoldaten“ habe ich zum ersten Mal am Deutschen Theater gehört, da wurde 1946 ein Bühnenstück von Ernst Toller gespielt. Das hieß, glaube ich, sogar „Die Moorsoldaten“. Da wurde dieses Lied gesungen, das hat sich mir ungeheuer eingeprägt.

Ohne Busch?
Ohne Busch, von Busch lernte ich es erst später kennen. Ich habe das dann auch als Platte geschenkt gekriegt von ihm.

War das ein bekanntes Lied zur damaligen Zeit?
Ja, sehr populäres Lied. Und was mir auch noch in Erinnerung ist von den Platten, die er mir geschenkt hat: „Jarama-Front“ natürlich, diese ganzen Spanienlieder, „Hans Beimler-Lied“ ...

Was haben Sie damals sonst für Musik gemocht, als Sie 17 waren?
Ich war kein Anhänger von Rock’n’Roll oder solchen Geschichten.

Den gab’s ja auch noch nicht so richtig ...
Na, als ich 17 war, begann das schon. Aber auch Jazz und Tanzmusik haben mich nicht interessiert.

Klassische Musik?
Heute bin ich ein großer Freund bestimmter Teile der klassischen Musik. Aber damals wusste ich einfach davon viel zu wenig. Meine Musikkenntnisse konzentrierten sich im Wesentlichen auf Kampf- und Volkslieder.

Das heißt, der Busch hat Sie wirklich angesprochen ...
Der Busch hat mich unmittelbar angesprochen. Das war das, was ich wollte.

Sie hörten die Lieder nicht wegen Ihres Vaters oder weil es sozusagen politisch korrekt war, die zu hören?
Nein, nein, das hatte damit gar nichts zu tun. Das gefiel mir.

Wie ging es Ihren Freunden, konnten die was damit anfangen?
Die fanden das auch gut. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das damals ganz anders war, als meinetwegen in der Endphase der DDR. In der Anfangsphase war es so: Wir waren sehr viele, und wir hatten ziemlich übereinstimmende Interessen. Ich denke jetzt an die frühe FDJ und so weiter, da gab es in der Jugend nach diesem Krieg wirklich eine Massenbasis - im Osten jedenfalls.

Welche Rolle spielte für Sie als Angehörige der Aufbaugeneration in der DDR der andauernd formulierte Antifaschismus?
Ich fand, dass Antifaschisten in der DDR falsch behandelt wurden. Dass beispielsweise alle möglichen Privilegien auch für Kinder von Antifaschisten, die schon in der DDR geboren waren, eingeführt wurden. Also, es gab eine ganze Reihe von Leuten, da waren die Eltern VdN, also Verfolgte des Naziregimes , und die Kinder, die damit überhaupt nichts mehr zu tun hatten, die konnten dann auf die Schnelle 'n Auto bekommen oder so. Also nicht kostenlos, aber die kriegten dann 'n Schein für’n Auto oder so was. Viele haben davon profitiert.

Das ging Ihnen zu weit?
Die Anständigen, sozusagen, haben davon natürlich keinen Gebrauch gemacht. Ich habe aus der Tatsache, dass mein Vater VdN war, nie irgendwelchen Nutzen gezogen. Aber ich hätte das tun können. Und ich fand das viel zu weitgehend.

Wurde dieser Antifaschismus-Bonus nicht im Lauf der Zeit in der DDR weitgehend abgeschafft?
Nee, nee. Der ist überhaupt nicht abgeschafft worden. Der ist leider in einer Weise ausgeweitet worden, die völlig ungerechtfertigt war. Der Antifaschismus ist dadurch abgeflacht worden: Erstens haben wir einen großen Fehler gemacht und sind davon ausgegangen, dass die Nazis alle in den Westen gegangen sind. Die Nazis waren aber nicht alle in den Westen gegangen, die großen Nazis waren zum größten Teil in den Westen gegangen. Aber die Deutschen waren 1945 im Grunde genommen alle indoktriniert von den Nazis – fast alle, mit wenigen Ausnahmen. Natürlich waren diese indoktrinierten Leute auch im Osten und haben sich dann ...

Waren Sie gegen diese Indoktrination gefeit? Waren Sie nie in der HJ?
Nein, ich war nie in der HJ. Ich durfte ja gar nicht.

Aber Sie wären vielleicht gerne ...
Also, ich kann mich erinnern, dass ich Ostern 1941 oder so aus der Schule heimkam. Ich ging in Dahlem in die Schule, meine Eltern hatten mich da in eine Schule getan, weil sie der Meinung waren, die wäre nicht so eine Nazi-Schule, war aber genauso eine wie die anderen auch. Dann kam ich Ostern nach Hause und da ging es um die Frage: „Woher kommt denn eigentlich Ostern?“ Und das wusste ich ganz genau, ich sagte: „Das kommt von unserer Göttin Ostara“. Von unserer Göttin Ostara! Weil die Nazis alles an den Germanen abhandelten, da gab es die germanische Göttin Ostara, die hatte Ostern kreiert. Das gab dann einen fürchterlichen Krach zu Hause. Und dann kann ich mich erinnern, dass ein paar Monate später in der Schule schon bei den Kleinen durchgenommen wurde die „Systemzeit“. Systemzeit war die Weimarer Republik.

(Frau Steiniger kommt von der Arbeit nach Hause, wir begrüßen uns)

„Systemzeit“ war also abwertend gemeint ...
Die Lehrerin, Frau Hoffmann, erzählte uns: „Am schlimmsten waren die Kommunisten, das waren die ganz Blutrünstigen, dann kamen die Sozialdemokraten, die waren fast genauso schlimm. Und dann kamen die anderen alle, die schlappen feigen Säcke der Weimarer Republik. Doch dann kamen die Nazis und Herr Horst Wessel und so weiter. Und ich war damit voll gepumpt, kam nach Hause und fragte meinen Vater: „Was hast’n Du gewählt?“ Dann sagte er, er hätte immer Kommunisten gewählt. Daraufhin fragte ich meine Mutter. Meine Mutter sagte, sie hätte immer Sozialdemokraten gewählt, bis auf das letzte Mal im März 1933, da hätte sie auch Kommunisten gewählt. Und damit war natürlich ein fürchterlicher Konflikt in mir ausgelöst: Ich glaubte nicht mehr dem, was in der Schule erzählt wurde. Der Zweifel war gesetzt, und das hat dann immer weiter gewirkt. Was mich nicht davon abgehalten hat, als ich dann außerhalb elterlicher Kontrolle war, was weiß ich, Ritterkreuzträger-Autogramme zu sammeln. Das machten damals alle, und da habe ich das eben auch gemacht.

Zurück zum Antifaschismus in der DDR ...
Die Antifaschisten standen in höchstem Ansehen, hatten alle möglichen Vorteile auch in der Versorgung. Das war alles gerechtfertigt bei den Leuten, die aus den KZs kamen oder aus dem Widerstand kamen. Später änderte sich das. (...) Da gab es nicht wenige Fälle, in denen Kinder von VdN abkassierten. Ich habe das selbst erlebt: Die kriegten dann 'ne Wohnung oder sie kriegten dann 'n Auto außer der Reihe.

(Ende der ersten Kassettenseite)

Von welcher Zeit sprechen Sie jetzt?
Ich spreche von der Honecker-Zeit. Unter Ulbricht gab’s so was nicht, unter Ulbricht war das alles sehr solide.

Den Status VdN gab’s ja bis zum Ende der DDR ...
Ja, den Status des VdN gab’s bis zum Schluss. Für die Beteiligten gab’s 'ne Rente, die VdN-Rente. Der Status VdN galt bis 89. Aber teilweise war es eben grotesk: Ich habe selbst mit Leuten zusammengearbeitet, die entweder nach dem Krieg oder zu DDR-Zeiten geboren wurden, überhaupt nichts auszustehen hatten, und die nur dank der Tatsache, dass ein Elternteil VdN war, irgendwelche Privilegien genossen.

War das eine stehende Redewendung: „Die Sowiesos sind bestimmt VdN, sonst hätten die doch kein Auto ...“
VdN hieß Verfolgte des Naziregimes. VdN war ein Status. Es bedurfte einer Anerkennung, zunächst nannte sich das VVN, Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Und die Leute, die VVN waren, galten auch als VdN. Später wurde der Status eingeengt, die Kriterien wurden verschärft, weil man eben feststellte, dass auch Missbrauch damit getrieben worden war.

Also war es erstrebenswert, VdN zu sein, denn es bedeutete Geld?
Ja, aber die Maßstäbe waren sehr streng.

Gab es zu Beginn der 50er Jahre eine Zäsur durch diese berüchtigte Parteiüberprüfung? Die wurde ja zum Teil, wie etwa im Fall Ernst Busch, als Zumutung gegenüber verdienten Antifaschisten empfunden ...
Ich glaube, dass diese Parteiüberprüfung notwendig war. Die war aus meiner Sicht notwendig, um zwei Arten von Leuten loszuwerden: erstens, rechte Sozialdemokraten und zweitens, kommunistische Sektierer. Dann gab es noch bei den Kommunisten Untergeschlüpfte, nach 1945 haben überall Leute versucht, irgendwo unterzuschlüpfen. Man konnte auch mit Nazipartei-Vergangenheit in alle diese Parteien eintreten. Es gab keine Bedingung, dass man einer der Parteien nicht beitreten könnte, wenn man Mitglied der Nazi-Partei .gewesen war. Und die Nazi-Partei hatte siebeneinhalb Millionen Mitglieder. Und was ich von Busch weiß, sind zwei Dinge - ob sie stimmen, weiß ich nicht. Die eine Variante ist, Busch habe sich geweigert, sich von einer Kommission überprüfen zu lassen, der auch Sozialdemokraten angehörten. Jede Überprüfungskommission war doppelt besetzt. Um zu verhindern, dass die ehemaligen Kommunisten die Sozialdemokraten ausschließen oder umgekehrt, waren in allen Prüfungskommissionen sowohl ehemalige Sozialdemokraten als auch ehemalige Kommunisten. Und eine Variante, die ich gehört habe, ist, dass Busch in Erfahrung gebracht hat, dass da soundsoviel Sozialdemokraten drin seien, und von Sozialdemokraten lässt er sich nicht überprüfen.

Wo haben Sie die Geschichte her?
Weiß ich nicht. Aber das ist eine Variante, die ich gehört habe. Die zweite Variante hängt zusammen mit dem Verlag Lied der Zeit. Dort sollte es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein und der Hauptbuchhalter nach dem Westen abgehauen sein oder irgend so etwas. Das ist die zweite Variante, die ich gehört habe.

Hat die mit der Parteiüberprüfung zu tun?
Die hatte mit der Parteiüberprüfung wohl auch was zu tun. Oder das Ganze war später, ich weiß es nicht ... Nichts ist für mich authentisch, ich habe es nur gehört ...

Dass Busch sein Parteibuch angeblich den Leuten von der Kommission vor die Füße geschmissen hat oder sogar seine Mitgliedschaft aufgekündigt hat – das hat man sich auch erzählt ...
Das habe ich auch gehört, aber eigentlich nicht geglaubt.

Damals schon?
Nein. Damals habe ich die Sache mit den Sozialdemokraten gehört. Das wurde von irgendwelchen Leuten erzählt, dass der Busch gesagt hätte: „Ein Busch lässt sich nicht überprüfen!“ So ungefähr habe ich das gehört. Das ist mir so erzählt worden. Busch war ein Sektierer.

Inwiefern?
Er hatte einen gewissen Hang zum Anarchismus. Und deshalb würde ich das nicht für hundertprozentig falsch halten, falls es sich so zugetragen haben sollte.

Glauben Sie, dass Busch eine spezielle Abneigung gegenüber sozialdemokratischen Funktionären hatte? Oder war es nicht eher ein allgemeines Misstrauen, das er gegenüber kommunistischen Funktionären genauso hatte?
Nein. Bei den Kommunisten war es so: Vor 33 gab’s 300.000 Mitglieder. Von den 300.000 Mitgliedern sind 59.000 umgekommen in der Nazi-Zeit. Viele haben sich gewandelt, übriggeblieben sind vielleicht maximal 100.000. Innerhalb weniger Monate war die KPD auf einmal eine Partei mit 600.000 Mitgliedern. Und Busch hat natürlich gesagt: „Was sind das für merkwürdige Leute, das sind doch keine Kommunisten!“ – Unter denen, die da eingetreten sind, waren sicher auch viele Neue, die nach dem Sturz des Faschismus jetzt dazukamen, aber es waren natürlich auch viele Karrieristen.

Busch hatte wohl auch was dagegen, von Leuten überprüft zu werden, die wesentlich jünger waren als er und eventuell eben erst in einem Umerziehungskurs auf die linke Linie gebracht worden waren ...
Na ja ... Ich bin ja auch überprüft worden damals, und das ist ganz korrekt gelaufen. Meine Überprüfung lief so: Da saßen vier Leute, zweie von der SPD, zweie von der KPD. Ich wusste nicht, wer von welcher Seite war. Das war völlig egal. Da saßen vier Leute vor mir und haben ein Gespräch mit mir geführt, das sehr ruhig und sachlich und freundlich verlief.

Das scheint bei Busch eben nicht der Fall gewesen zu sein ...
Ja, aber Busch hatte natürlich Haare auf den Zähnen.

Er wollte selber Fragen beantwortet haben ...
Die Leute, die mit ihm zu tun hatten, waren ihm ganz offensichtlich nicht gewachsen. (...)

Kommen wir wieder zu Ihnen und Ihrem Blick auf Busch: Haben Sie ihn eigentlich später noch mal gesehen?
Nein, ich bin ihm nie wieder begegnet. Ich habe ihn natürlich noch x-mal auf der Bühne gesehen im Theater, auch als Sänger. Ich habe ihn bei den verschiedensten Gelegenheiten gesehen, aber ich bin nie wieder mit ihm persönlich zusammengetroffen. Deswegen habe ich Ihnen ja am Telefon gesagt, dass es eine ganz periphere und kurze Geschichte ist, die ich Ihnen zu erzählen habe.

Aber Sie waren als Journalist tätig und hatten daher ein Auge auf die ...
Ich war 25 Jahre in einer leitenden Position beim Neuen Deutschland. Das heißt: in einer journalistisch leitenden, nicht in einer administrativ leitenden Position. Ich war, heute würde man zu so was sagen, Starreporter. Das ist aber natürlich Quatsch, weil es bei uns keine Starreporter gab. Ich war Sonderkorrespondent und Auslandskorrespondent des Neuen Deutschland. Und in dieser Eigenschaft war ich immer eingesetzt bei Sachen, die auch 'n bisschen heikel waren. Also, ich habe beispielsweise mehrere Monate im Gerichtssaal in Kalifornien beim Prozess gegen Angela Davis verbracht. Oder ich war fünf Jahre in Portugal, als dort Revolution war. Oder ich war in einer sehr heiklen Mission mehrere Monate in Japan.

Das klingt nach einem tollen Job.
Das war ein toller Job. Zum Schluss bin ich eingebrochen: Da war ich akkreditiert in Paris und kriegte 'ne Bauchspeicheldrüsenentzündung, die beinah tödlich ausgegangen wäre. Und dann musste ich also meine Tätigkeit nach ein paar Monaten beenden. Aber ich bin in der ganzen Welt rumgekommen, das können Sie da drin nachlesen (zeigt auf das Buch, das er mir geschenkt hat).

Ich mach das, ich les das nach. Wie sahen Sie denn als professioneller Medienmensch, als Starreporter, den Künstler Busch? Er war ja einer der Prominenten in der DDR.
Busch war bei uns allen in höchstem Ansehen. Was da war mit seinem Parteibuch, und was da war, dass er mit diesem und jenem Krach hatte ... Also, es war bekannt, dass schlecht Kirschen essen war mit Busch. Das war bekannt ...

Aber so hatten Sie ihn gar nicht kennengelernt?
Nein, so hatte ich ihn nicht kennengelernt. Aber das war bekannt, auch aus dem Berliner Ensemble war das bekannt, dass es schwer ist, mit ihm manchmal klarzukommen.

Es gibt Leute, die behaupten, Busch hätte Honecker geohrfeigt.
Das glaub ich nicht. Das halte ich für schlechterdings erfunden.

Dann ist es eine gut erfundene Geschichte. Sie scheint mir ein Versuch zu sein, Busch zu charakterisieren. Wenn man so was jemandem zutraut, dann ihm, oder?
Ja, sicher, aber das glaube ich nicht.

Wie erklären Sie sich, dass solche Geschichten im Umlauf sind?
Ach, es sind 1000 Geschichten in Umlauf! Was meinen Sie, was ich so an Stories gehört habe, bei denen es sehr reizvoll gewesen wäre, sie weiter zu verfolgen, die sich dann als reine Luftblasen erwiesen haben! Immer wieder bin ich auf solche Dinge gestoßen.

Ich bin auch weit davon entfernt, diese Geschichte zu glauben. Aber es ist doch seltsam, dass die Leute von sich aus damit ankommen. Manche sagen: „Busch? Das ist doch der, der Honecker geohrfeigt hat!“ Das finde ich merkwürdig - immerhin saßen ja beide im selben Zuchthaus.
Dazu kann ich mich nicht äußern. Ich meine, Honecker muss man so sehen, ich kannte ihn persönlich: Honecker wäre überhaupt kein Problem - weder für die DDR, noch für sich selbst – gewesen, wäre er 1. Bezirkssekretär in Neubrandenburg gewesen. Da wäre er der Aufgabe voll gewachsen gewesen. Und da hätte er sicher mit zehn Jahren Nazi-Haft gut bestehen können. Aber das Problem bestand darin, dass er eine Aufgabe hatte, der er nicht gewachsen war. Die Tragik Honeckers besteht darin, dass er, nach dem Peter-Prinzip, über die Grenzen seiner Kompetenz gestiegen ist.

Als ND-Journalist erinnern Sie sich sicher an die Sonderseiten im ND, die im November 1976 anlässlich der Ausbürgerung Wolf Biermanns erschienen. Da waren Stellungnahmen bekannter Künstler der DDR wie Ernst Busch und Willi Sitte zu lesen, die um Verständnis warben für die Ausbürgerung. Wie ist so was zustande gekommen?
Da das ND das Organ des Zentralkommitees war, nehme ich an, dass in diesem Falle von der Kulturabteilung des Zentralkommitees eine entsprechende Empfehlung gekommen ist.

Wie lief das, wurde da ein Fax geschickt?
Nö, da haben die sich unterhalten. Da haben die den stellvertretenden Chefredakteur für Kultur eingeladen und haben sich mit dem unterhalten: „Was könnte man da machen?“, oder so. Zu Biermann ist meine Meinung: Erstens, ich halte Biermann für einen ausgesprochenen Strolch, charakterlich für einen absoluten Lumpen. Zweitens, ich halte die Ausbürgerung für politisch falsch.

Was ich an dieser Sache interessant finde, ist, dass Busch ganz deutlich sich auf eine Seite schlägt. Er hätte ja dazu nichts sagen müssen ...
Nein, das war Buschs Standpunkt, da bin ich fest von überzeugt. Busch ließ sich so was nicht abfordern. Wenn er nicht gewollt hätte, dann hätte er’s nicht gemacht.

Meinen Sie, dass es eine Chance gibt, diese Vorgänge zu recherchieren? Gibt es Leute, mit denen ich reden kann, die damals für die Seite im ND zuständig waren? Oder ist das illusorisch?
Das halte ich für illusorisch. Es kann natürlich auch sein, dass die Sache auf höchster Ebene entschieden worden ist, dass das von Honecker gekommen ist. (...) Das ist schwer nachzuvollziehen. Ich glaub nicht, dass man da jemanden findet, der heute sagen wird: „Ich habe damals das und das gemacht in der Sache.“ Also, Leiter der Kulturabteilung beim Neuen Deutschland zu der Zeit war Klaus Hoepcke.

Haben Sie 'n Draht zu dem?
Nein. Ich hatte immer 'n guten Draht zu ihm. Dr. Klaus Hoepcke ist heute politisch aktiv. Er ist ein sehr aktiver Mann in der PDS, er gehört zu der linken Opposition in der PDS und äußert sich öfter zu verschiedensten Gelegenheiten. Also er ist nicht in der kommunistischen Plattform in der PDS, sondern er engagiert sich ... ich glaube, sie nennen sich Marxistisches Forum, er ist einer der Chefs vom Marxistischen Forum. (...) Er ist ausgesprochen nett. Später war er Stellvertretender Kulturminister.

Es ist nicht ganz einfach, mit dem damaligen ND in Kontakt zu kommen, auch wenn die Zeitung jedenfalls dem Namen nach heute noch existiert ...
Das heutige ND ist meiner Ansicht nach nicht auskunftsfähig. Das heutige ND besteht zum großen Teil aus Leuten, die ich alle kenne von damals.

Der Chef ist ein Grüner.
Ja. Aber die meisten anderen sind aus der Zeit, in der ich da war. Ich bin bis Anfang 92 dort gewesen. Und sie haben sich fast alle gewandelt. Sie sind das Gegenteil von dem, was sie vorher waren. Zum Teil jedenfalls. Ich meine jetzt nicht, dass sie nur bestimmte neue Realitäten in Rechnung stellen oder so. Sondern sie können sich nicht mehr so genau an das erinnern, was sie früher gedacht haben.

Der Text im ND gibt eben Anlass zu Spekulationen. Angelika Domröse schreibt etwa in ihren Memoiren, dass sie damals mit anderen jungen Leuten bei Busch geklingelt habe, um seine Unterschrift gegen Biermanns Ausbürgerung zu kriegen. Irene Busch hätte ihren Mann an der Tür verleugnet, und als Angelika Domröse mit ihren Freunden wieder weg war, hätte Irene Busch die Partei angerufen. Wenn das stimmt, dann könnte man auch vermuten, dass dieser Text im ND auf ihre Initiative hin erschien.
Nein, das halte ich für kaum denkbar. Busch lässt sich so etwas nicht vorschreiben - so wie ich ihn in Erinnerung habe. Er ist nicht der Mann, der sich von Irene vorschreiben lässt, was in seinem Namen im Neuen Deutschland steht.

Auch nicht als alter Mann?
Nein, gar nicht. Das halte ich für ausgeschlossen.

Man druckte Buschs Statement ganz oben links auf die Seite, als ob er der Staatskünstler schlechthin war.
Er war einer der ersten. Er war vielleicht der angesehenste Künstler, den die DDR damals hatte. Busch, Weigel, mit großem Abstand: Schall ... Nein: Busch war der Staatskünstler.

Würden Sie sagen?
Ja. Er war der Künstler mit dem größten Renommee. Ich meine, es gab andere große Schauspieler, die vielleicht größere Schauspieler waren als er selber.

Wie vertrug sich das mit seinem rebellischen Image, das er auch in der DDR hatte?
Ich kann nur sagen: In dem Milieu, in dem ich verkehrte, war er höchst respektiert. Und diese ganzen Geschichten mit dem Parteibuch und so weiter, das waren alles Sachen, die in den Niederungen angesiedelt waren. Da hat man gesagt: „Lasst den Busch mal machen!“

Hat er Narrenfreiheit gehabt?
Nee, nee, das nicht in dem Sinne. Aber als es hieß, er sei ohne Parteibuch, stieß das auf Ablehnung in der Partei: dass man Busch das Parteibuch nicht gegeben hatte. „Einen Busch kann man nicht gehen lassen!“ – so war die mehrheitliche Auffassung. Ich meine, unter Honecker wurden dann eben in der Kulturpolitik gravierende Fehler begangen. Einer davon war die Ausbürgerung Biermanns.

Was waren andere?
Na, die Filmverbote beispielsweise.

Zensur ...
Zensur gibt’s in jedem Land. In irgendeiner Form gibt es überall Zensur, da habe ich keine Illusionen. (...) Aber es war so, dass Filme wie „Spur der Steine“ oder so ...

Toller Film!
Ganz toller Film! Auch für die DDR ein ganz toller Film! Der Film ist bejubelt worden bei seiner Premiere in Potsdam im Beisein der gesamten dortigen Parteiführung. Und 14 Tage später wurde er in Berlin im Kino International von Parteihochschülern ausgepfiffen. (...) Da wurden Krawalle inszeniert und so weiter. Das war Hager! Das war nicht Honecker! Honecker verstand von den Sachen nichts. Der Mann, der die Kulturpolitik in der DDR auf dieses Gleis gefahren hat, war Kurt Hager.

Was war das für ein Typ?
Ich kannte ihn ganz gut. Ein kalter, kluger Intellektueller. (...) Sehr gebildeter Mann - aber ein Mann, der dann nach 89 gesagt hat, als man ihn gefragt hat, warum er denn bestimmte Dinge gemacht hat: „Na, man hängt eben so an der Macht“. (...) Das war ein Mann, der jahrzehntelang in der Parteiführung war.

Ich würde gerne noch mal auf das Wort „Staatskünstler“ zurückkommen.
Also, das ist immer subjektiv gefärbt, das ist meine Sicht auf die Dinge.

Ich halte den Begriff ja für schwierig ...
Gemeint ist: der angesehenste Künstler des Staates.

Mag sein. Ich fürchte aber, dass sich dieser Status und echte Popularität nicht gut vertragen.
Also, Busch war zunächst in der Nachkriegszeit bei den Arbeitern hier sehr populär. Aber die Arbeiter haben sich natürlich verändert.

Es gab irgendwann keine mehr.
In Westdeutschland verwandelte sich die Masse der Arbeiter in Arbeiter-Aristokratie. Das Problem der nicht vorhandenen Kampfbereitschaft der westdeutschen Arbeiterklasse besteht darin, dass sich im Laufe der Zeit ein großer Teil der Arbeiter in Arbeiter-Aristokratie verwandelt.

Was ist Arbeiter-Aristokratie?
Arbeiter-Aristokratie ist ein fester Begriff in der marxistischen Literatur. Das sind Arbeiter, die aber auf dem Niveau gehobener Kleinbürger leben.

Müssen Arbeiter auf einem bestimmten Niveau leben, um Arbeiter zu sein?
Nein. Es gab in der Arbeiterklasse immer die Arbeiter-Aristokratie , das waren die Meister; eine bevorzugte, besser gestellte, privilegierte Schicht. Und es ist natürlich überhaupt nichts dagegen zu sagen, dass Arbeiter auf diesem Niveau leben, aber es hat natürlich bestimmte Wirkungen, wenn nicht gleichzeitig eine revolutionäre Arbeiterbewegung existiert, die genügend Einfluss besitzt. Es hat Wirkung auf das Denken der Arbeiter. Ein Meister denkt im Kapitalismus anders als ein Hilfsarbeiter. In dem Sinne meine ich das. Arbeiter-Aristokratie ist also ein fester Begriff aus der Arbeiterbewegung für Leute, die eigentlich Arbeiter sind, sich aber nicht als Arbeiter empfinden. Aufgrund ihres Abrückens vom normalen Arbeiterleben empfinden sie sich nicht mehr als Arbeiter. Ich habe lange Zeit in USA gearbeitet. Und der amerikanische Arbeiter sagt nie, wenn man ihn nach seiner Klasse fragt, „working class“. Der amerikanische Arbeiter sagt: „middle class“.

Wenn man das etwas weniger ideologisch betrachtet, muss man feststellen, dass es kaum noch Arbeiter gibt, da es ja tatsächlich diese Umwandlung zur Dienstleistungsgesellschaft gegeben hat ...
Im sozialökonomischen Sinne gibt’s natürlich noch Arbeiter.

Gut. Aber wir müssen uns darüber klar sein, dass einer wie Busch seine klassische Zielgruppe, nämlich die Arbeiter ...
... die hat er verloren. (...) Das ist übrigens von Land zu Land verschieden. Als ich beispielsweise die fünf Jahre in Portugal gelebt habe, da bin ich einem klassischen Bilderbuch-Proletariat begegnet. Das heißt, man kann nicht sagen: „Es gibt die Arbeiter nicht mehr“, oder: „Es gibt das Proletariat nicht mehr“. Es gibt weltweit natürlich das Proletariat, in ganz Südamerika gibt’s das Proletariat. (...)

Ich möchte noch mal über diesen Sonderstatus mit Ihnen sprechen, den Busch in der DDR hatte. Sie sagen, er war der angesehenste Künstler der DDR, hätte aber gleichzeitig was Anarchistisches an sich gehabt. Vielleicht macht ihn genau das aus, dies zu vereinen: der Staatskünstler zu sein und der Mann zu sein, dem die Leute zutrauen, dass er Honecker ohrfeigt ...
Er hatte was Anarchistisches an sich in seinem ganzen Habitus. Das fiel mir auch damals auf in den Diskussionen zwischen meinem Vater und ihm, das lag ihm. Aber er war marxistisch nicht gebildet. Er war völlig unideologisch. Das war ihm alles relativ egal. Weshalb hatte er diesen Status bei uns? Weil eine bestimmte Kategorie von Leuten in der DDR einen ganz hohen Status hatte – obwohl es da hin und wieder auch mal Krach gab und weiß ich was: Das waren die Spanienkämpfer. Und Busch war der Spanienkämpfer! Obwohl er gar kein Spanienkämpfer war. Der Busch war die Symbolisierung des Spanienkämpfers. Am populärsten und am bekanntesten waren nicht seine Stücke und all das, sondern seine Spanienlieder. Busch war der Mann von „Spaniens Himmel breitet seine Sterne“.

War das eine Art alternative Nationalhymne der DDR?
Ja, ja. Jeder kannte „Spaniens Himmel“. Wenn irgendwo ein Lied angestimmt wurde, war es „Spaniens Himmel“. Und „Spaniens Himmel“ war Busch. (...) In unseren Kreisen wusste man, es gab alle möglichen Rütteleien mit ihm, aber das wurde alles weggestrichen und man sagte: „Der Busch ist so groß – das ändert alles nichts“. (...) Vielleicht ist „Staatskünstler“ doch nicht das richtige Wort. Aber im Ausland habe ich sehr oft festgestellt, wie bekannt er war. Beispielsweise in Portugal: Die portugiesischen Kommunisten haben Busch verkauft – in Massen.

Die Platten?
Kassetten! Busch war in Portugal präsent auf dem Höhepunkt der portugiesischen Revolution in den 70er Jahren nach dem Sturz des Faschismus. Da gab’s dort eine kommunistische Partei mit 200.000 Mitgliedern, heute hat sie noch 12.000. Und diese kommunistische Partei hat Busch gespielt, natürlich.

Haben Sie das häufiger erlebt?
Ja, natürlich. Busch war die DDR für die Portugiesen.

Ist Ihnen das woanders auch passiert?
Nein. Aber in Frankreich, in der französischen Linken, wurde Busch auch gespielt.

Busch als Repräsentant?
Busch war die DDR – für diese Leute.

Busch-Platten wurden ja auch gelegentlich als offizielle Präsente bei Veranstaltungen überreicht.
Kann sein.

In seiner frühen Zeit war ein wesentlicher Bestandteil seiner Kunst das Dagegen-Sein. In den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens musste er immer dafür sein. Wie geht so was?
Das war schwierig für ihn, klar. Aber das war überhaupt die Schwierigkeit! Das ist auch generell der Konflikt gewesen zwischen Genossen aus der DDR und Genossen aus Westdeutschland. Der Konflikt bestand darin, dass die einen immer dagegen waren, die andern waren immer dafür.

Das ist beides anstrengend (lacht).
Stimmt, das ist beides anstrengend (lacht). Wobei man sich das nicht so vorstellen darf, bei uns in der DDR, dass wir nun ununterbrochen die Hand gehoben haben und gesagt haben: „Wir sind dafür“. Ich habe x-mal gesagt: „Ich bin dagegen!“ - und ich bin deshalb nicht nach Sibirien gekommen.

Aber Sie waren auch, das muss man ja sagen, in einer relativ privilegierten Situation.
Ja, aber ich habe mich auch gegen wesentlich Privilegiertere kräftig zur Wehr gesetzt, wenn es drauf ankam. (...)

Busch hatte sich fest vorgenommen, dafür zu sein. Wobei er bestimmte politische Parolen als Lieder populär machte: „Die Partei hat immer Recht“ oder eben „Ami go home!“. Letzteres formuliert ein klares Feindbild und klingt heute doch ziemlich platt, ganz abgesehen von chauvinistischen Untertönen ...
Das Lied ist fürchterlich, es ist sehr platt. Das hat er selber sich so ausgedacht. Ich meine, er wollte darauf ein Echo haben oder vielmehr: er wollte Bestätigung haben. Er horchte nicht in die anderen hinein, was die nun meinten, sondern er wollte Bestätigung haben. Und damals waren wir, als Publikum, natürlich auch einfach gestrickt. Unsere politischen Erfahrungen waren gering, auch bei denen, die schon welche gemacht hatten. Auch mein Vater hatte nicht die Erfahrungen, die er dann später hatte.

War das eigentlich ein populärer Slogan damals, „Ami go home“?
Ja, sehr populär! Unerhört populär!

Also auch schon vor 1950, vor dem Lied?
Ja, ja. Das war der Slogan!

Wo kam der her?
Der kam aus Westdeutschland. Aus der Anti-Atom-Bewegung und so. Der Stockholmer Appell gegen die Atombewaffnung war 1948, da muss der Ursprung sein. Es gab damals noch keine Bestätigung einer sowjetischen Atomwaffe. Ich habe selbst Unterschriften gesammelt für den Stockholmer Appell in West-Berlin, als ich dort wohnte. Meiner Ansicht nach war das 48, es kann aber auch 49 gewesen sein. Aber jedenfalls war es zu einer Zeit, als die Amerikaner im Alleinbesitz der Atomwaffen waren. Und da hatten die Leute alle Angst vor.

Sie würden also sagen, der Slogan kommt von links?
Der kommt von links! Das ist kein chauvinistischer Slogan.

Es könnte ja auch ein Slogan sein, der schon bei den Nazis ...
Nein, nein. Der ist in den späten 40er Jahren entstanden. Bei den Nazis habe ich nie so was gehört. „Go home“ kann es ja auch erst heißen nach dem Eintreffen der Amerikaner. Ich kann nicht „go home“ sagen, wenn gar keiner da ist.

Gut. Aber es gab eine Zeit, in der die Amerikaner sich bereits auf ehemals deutsch besetztem Gebiet befanden. Es hätte ja sein können, dass dieser Slogan bereits vor 1945 in Deutschland in Gebrauch war.
Nee, nee. Ich erinnere mich genau, wie der aufkam. Das muss 48 gewesen sein.

Es gab Bücher mit dem Titel, es gab Graffitis an den Wänden vom Ruhrgebiet über München bis Berlin ...
Ich hab auch welche gemalt. (...) Es gab sofort 'ne Massenbasis für diesen Slogan.

Wann war das? Hat Sie Buschs Lied dazu angeregt?
Nein, das war vorher. Diese Losung war ja bereits da.

War da gleich 'ne Ideologie dahinter, 'ne kommunistische?
Das war viel breiter. Erstens waren die Amis einfach unheimlich mit ihrem Alleinbesitz der Atomwaffen. Es gab damals noch kein Gleichgewicht der Kräfte, der Potenziale. Und zweitens war damals, als die Bundeswehr geschaffen werden sollte, die Wiederbewaffnung Deutschlands ungeheuer unpopulär. Das war ein Werk der Amerikaner: Die Amerikaner brachten die Bundeswehr! Und deshalb: „Ami go home!“

War das auch Ausdruck kultureller Abneigung?
Weiß ich nicht.

War das vielleicht sogar rassistisch?
Nein, das glaub ich nicht. Auf gar keinen Fall. Die Leute, die diese Losung hatten, hatten beispielsweise nichts gegen schwarze Amerikaner. (...)

Zum Schluss möchte ich noch gern wissen: Haben Sie ein Lieblingslied von Busch?
Die „Jarama-Front“. Das ist eigentlich mein Lieblingslied. Ich kann mich erinnern, dass ich das „Jarama-Lied“ mal in Vietnam gesungen habe. Ich hatte 'ne ganz gute Stimme, hab Bass gesungen. Und kurz nach Beginn der Bombardierungen war ich in Vietnam, im August 1964 war der erste Angriff auf Nordvietnam. Ich war an der Küste in der Ha Long-Bucht, und da hab ich abends vor den Vietnamesen dort deutsche Lieder gesungen. Die wollten welche hören. Da hab ich als erstes die „Jarama-Front“ gesungen. Das war zu der Zeit, als der Kampf im Süden schon begonnen hatte. Und als Vergeltung flogen die Amerikaner drei Angriffe auf Nordvietnam im August 64. Ich arbeitete damals im Außenministerium der DDR und habe dort USA gemacht.

Und den Vietnamesen haben Sie deutsches Liedgut nahe gebracht?
Ja, die haben gesagt: „Sing doch auch mal was!“ – und dann hab ich auch was gesungen. Und dann hab ich ihnen die Geschichte dazu erzählt. (...)

Und: Kam das gut an?
Das kam sehr gut an.



Interview: Jochen Voit
(Autorisierung Klaus Steiniger am 30.9. 2005)



Nachtrag:
Klaus Steiniger ist Autor verschiedener Bücher, u.a.:
∆ Portugal - Traum und Tag. Aus der Chronik einer Revolution. Leipzig: Brockhaus 1982.
∆ Bei Winston und Cunhal. Reporter auf vier Kontinenten. Berlin: edition ost 2004.




Letztes Update 27.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
Erinnerungsorte revisited



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