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Klaus Volkenborn

über maoistische Moden an der DFFB in den 70er Jahren, seinen Film "Unversöhnliche Erinnerungen" und die Wahrnehmung der linken Ikone Ernst Busch in der Bundesrepublik




„Wir haben damals gesagt: Es ist schon 'ne Menge erreicht, wenn so ein Mann im West-Fernsehen einem Millionenpublikum vorgestellt wird!“

(Gespräch am 21. April 2005 in Berlin)


Klaus Volkenborn in den frühen 90ern (privat)
Klaus Volkenborn ist Jahrgang 1945. In Aschau (Bayern) geboren wächst er in Leverkusen auf und absolviert nach der Schule eine Lehre bei einer Werbefilmfirma in Düsseldorf. Mit 22 Jahren geht er nach Berlin, wo er Wirtschaftswerbung studiert und sich in der Studentenbewegung engagiert. 1970 bewirbt er sich an der vier Jahre zuvor gegründeten Filmakademie (DFFB), besteht die Aufnahmeprüfung und spezialisiert sich auf politische Dokumentarfilme. Zusammen mit den Filmstudenten Karl Siebig und Johann Feindt dreht er 1978 ein Porträt über Ernst Busch fürs ZDF: „Vergeßt es nie, wie es begann“. In derselben Konstellation entsteht ein Jahr später der Film, der ihn bekannt macht: „Unversöhnliche Erinnerungen“ - ein bewegendes Doppelporträt zweier am Spanischen Bürgerkrieg beteiligter Deutscher, von denen der eine als Interbrigadist auf Seiten der Spanischen Republik kämpfte und der andere als Flieger der Wehrmacht auf Seiten des Putschisten Franco. In den 80er und 90er Jahren arbeitet Klaus Volkenborn erfolgreich als Regisseur und Drehbuchautor und wird zu einem der wichtigsten deutschen Dokumentarfilmproduzenten. Insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Andres Veiel erweist sich als äußerst fruchtbar („Die Spielwütigen“). Am 18. November 2005 stirbt Klaus Volkenborn in Berlin.


Anmerkung: Kennengelernt habe ich Klaus Volkenborn im Frühjahr 2005, als ich auf der Suche war nach einer Kopie des Films „Vergeßt es nie, wie es begann“. Ich wollte den Film im Kino Krokodil in Berlin zeigen und die beteiligten Filmemacher zu einem Podiumsgespräch einladen. Klaus Volkenborn hat sofort zugesagt, mir zu helfen. Er stellte mir die Filmkopie zur Verfügung und nahm sich Zeit für ein Interview. Ob er zum Filmabend im Mai kommen würde, konnte er noch nicht sagen. Dass gesundheitliche Gründe ausschlaggebend für sein Zögern waren, wusste ich nicht. Die Filmveranstaltung im Krokodil wurde ein Erfolg, Heide Breitel und Karl Siebig waren als Gäste gekommen – Klaus Volkenborn war leider nicht da. Als ich ihm kurz darauf die 16mm-Kopie zurückbrachte, entschuldigte er sich für sein Fernbleiben. Ich erzählte ihm stolz, dass über 100 Leute zu dem Abend gekommen seien; er freute sich und sagte, ich solle doch beim nächsten Mal einen seiner Filme zeigen, den er selbst auch gut fände. Und weil sich 2006 der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs zum 70. Mal jährt, schlug er mir „Unversöhnliche Erinnerungen“ vor. Wir kamen überein, den Film im nächsten Mai im Krokodil zu zeigen. Diesmal würde er auch ganz sicher kommen. Er wollte über die politischen Folgen berichten, die sein Film nach der Erstausstrahlung ausgelöst hatte. Klaus Volkenborns unerwarteter Tod machte diesen Plan und all seine anderen Pläne zunichte. Was bleibt sind seine Filme.


Nachtrag: "Unversöhnliche Erinnerungen" lief am 19. Mai 2006 im Kino Krokodil in Berlin.



Jochen Voit: Sie waren in den 70er Jahren Student an der DFFB. Wie muss man sich die damalige Akademie vorstellen?
Klaus Volkenborn: Es war natürlich anders als heute. Der Altersdurchschnitt war zum Beispiel viel höher. Da waren teilweise Leute, die schon 'nen Beruf hatten oder ein abgeschlossenes Studium, da waren Literaturkritiker dabei und was weiß ich. Sehr politisch bewusste und teilweise in der Studentenbewegung verankerte Leute. Es war ja, das ist es auch heute übrigens noch, ein sehr privilegiertes Studium, ein ziemlich teurer Studienplatz, wenn man das umrechnet, was da an Jahresetat zur Verfügung stand – jeder Student konnte pro Jahr einen Film mit einem bestimmten Etat machen, der sich von Studienjahr zu Studienjahr steigerte. Aber damals ging es den Leuten eben nicht nur ums Filme-Machen, sondern auch um politischen Einsatz. (...) Im Rahmen der Studentenrevolte hatte es ja auch eine Besetzung der Akademie gegeben (...) mit der Konsequenz, dass Studenten rausgeschmissen wurden. Das war '68, muss also einer der ersten Jahrgänge gewesen sein. Die Filmakademie ist, soweit ich weiß, 1966 gegründet worden. Es ging damals darum, wenn ich das richtig erinnere, die Filmakademie irgendwie in den Dienst des Internationalismus zu stellen oder gegen den Vietnam-Krieg in Position zu bringen, oder was auch immer, jedenfalls: politisch zu instrumentalisieren.

Das war ja nicht die eigentliche Zielrichtung der Akademie ...
Natürlich nicht, das ist ja eine Einrichtung des Bundes gewesen. Nee, die Studenten haben das gefordert. Aber mit der Administration der Akademie war das natürlich nicht umzusetzen, die hatten logischerweise andere Aufgaben. Ist ja auch ein bisschen kindisch anzunehmen, dass so was funktioniert mit 'ner staatlichen Institution, aber das waren halt so die Vorstellungen: da hat man eben die Akademie besetzt, um mit dieser Besetzung zu erreichen, dass irgendwelche Forderungen unterstützt werden (...). Die Antwort war diese mittlerweile berühmte Relegation von 18 Studenten. (...) Harun Farocki ist zum Beispiel einer von den Relegierten; es gibt 'ne ganze Reihe von Beteiligten, die später ihren Weg gemacht haben.

Haben Sie diese Ereignisse im Hinterkopf gehabt, als Sie sich für die DFFB beworben haben?
Nö, aber ich hab schon im Hinterkopf gehabt, dass das ein sehr politischer Laden ist. Ich war ja auch aktiv in der Studentenbewegung, das war schon ein wichtiger Aspekt für mich. Vorher hatte ich Werbung studiert an der Akademie für Graphik, Druck und Werbung, also Wirtschaftswerbung. Aber eigentlich war mir klar, dass ich keine Reime für Büchsenmilch machen will, dass mich so was nicht interessiert. Ich hab die Ausbildung zu Ende gemacht, bin also diplomierter Werbewirt, habe aber parallel schon Kontakte zu Akademie-Studenten gehabt, weil die eben sehr aktiv in der Studentenbewegung waren. Mit dem Werbe-Studium war ich 1970 fertig, ging dann an die FU, weil da am meisten los war. An der Filmakademie habe ich mich im Herbst und Winter '70 beworben, da musste man 'ne Vorprüfung machen. Und die Aufnahmeprüfung war dann im Mai '71, die ging eine Woche lang: 'nen Film machen, 'ne Szene inszenieren und was weiß ich, und dann hatte ich die Aufnahmeprüfung geschafft.


„Es gab Leute in meiner Klasse, die gesagt haben: ‚Ich fahr doch nicht durch die Ostzone!'"


Wo kommen Sie ursprünglich her?
Aus Leverkusen. (...) Nach Berlin bin ich 1967 gegangen, da war ich 22 Jahre alt.

Was für eine Vorstellung hatten Sie damals von Berlin?
Berlin, das hieß für mich zunächst Großstadt.

Stand Berlin darüber hinaus auch für politische Aufbruchstimmung?
Das fing '67 gerade erst an. Aber die Wahrnehmung von Berlin war zu der Zeit mehr dadurch geprägt, dass es praktisch eingemauert war, 'ne Insel in der DDR. Auch dass es nicht besonders angenehm war, dorthin zu kommen. Es gab Leute in meiner Klasse, die gesagt haben: „Ich komm dich da nicht besuchen, da kann man ja nur hinfliegen“, oder: „Ich fahr doch nicht durch die Ostzone!“. Nein, wirklich – bis hin zu Sprüchen wie „Da muss man ja Angst haben, dass man nicht mehr wiederkommt ...“. Das ist heute kaum mehr vorstellbar, was die Leute, auch in meiner Familie, für ein Bild von der DDR hatten. Das hieß ja auch gar nicht DDR, sondern Ostzone oder SBZ.

Ihre Eltern haben auch so geredet?
Ja. Die hatten regelrecht Angst davor, dass, wenn man da hinfährt ... Zum Beispiel gab es im Westen die Ansicht, dass man zum Jahrestag des Mauerbaus am besten nicht in die DDR einreisen sollte. Das würde dort nämlich als Provokation empfunden, hieß es, man würde dann schikaniert werden (lacht) – solche Legenden hat es damals gegeben! (...) Insofern war mein Bild von Berlin auch dadurch geprägt. Und ansonsten war es halt 'ne Großstadt, das hieß: wegzukommen aus der Kleinstadt. Wobei das bei mir ja auch nicht über Nacht ging. Ich habe in Düsseldorf 'ne Lehre gemacht bei 'ner Werbefilmfirma, daher kam die Verbindung nachher zum Werbestudium. Aber als ich dann nach Berlin kam, war relativ schnell klar, dass hier mehr los ist als nur: Großstadt.

Kommen Sie aus einem konservativen Elternhaus?
Schon eher. Wobei das eine eigenartige Konstellation war: Meine Mutter war ein feuriges Jungmädel gewesen beim BDM, hat sich dafür aber sehr geschämt. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Und der spätere Lebensgefährte meiner Mutter war Mitglied der KPD. Sie hat im Druckgewerbe gearbeitet, und die Drucker sind ja traditionell sehr links gewesen. Und durch ihren Lebensgefährten, den sie nach dem Krieg kennengelernt hat, der dann so etwas wie ein Altlinker war, der nichts mehr mit der KPD am Hut hatte und dann SPD gewählt hat, hat sie wohl 'ne andere Sicht der Dinge bekommen. Sie ist eigentlich sehr liberal gewesen. Aber das Elternhaus insgesamt ... Ich kann mich an meinen Opa erinnern, der hatte noch bis weit in die 50er Jahre hinein sein Hitlerbärtchen.

Aus Verehrung?
Ja, denk ich schon. Und über Hitler wurde bei uns zu Hause, wie bei allen in meiner Generation, kaum gesprochen. Wenn man schon mal das Thema aufbringen wollte, und sei es aus Provokation, dann hat die Oma immer gleich gesagt: „Komm, lass es sein! Verdirb jetzt nicht die Stimmung!“

Haben Sie kritische Fragen gestellt?
Natürlich.

Mit 20?
Nee, schon früher. Aber man hat schnell gemerkt: Da wird nicht gerne drüber geredet - jedenfalls solange der Opa lebte, und der lebte ja noch. Ich bin ja in einer Großfamilie aufgewachsen ohne Vater, meine Mutter war berufstätig, und meine Großeltern haben mich praktisch erzogen. Ich bin also gemeinsam mit den Geschwistern meiner Mutter aufgewachsen; meine Mutter war die älteste von vier Kindern, und ihr jüngster Bruder ist drei Jahre älter als ich, mit dem bin ich aufgewachsen als wären wir Geschwister.

Das heißt, die Anschauungen des Lebensgefährten Ihrer Mutter haben sie weniger beeinflusst ...
Nee, nee. Der war damals sozusagen noch unter Verschluss. Das war 'ne nicht-öffentliche Beziehung, das ging gar nicht in den 50er Jahren. Dass die 'ne Liebesbeziehung hatten, hab ich erst später erfahren. Den kannte ich nur als Herrn Sowieso, der eben auch in derselben Firma wie meine Mutter arbeitete. Der kam dann zu Weihnachten am zweiten Weihnachtstag oder mal zu Ostern zu Besuch auch zur Familie, aber der gehörte nicht zur Familie. Das war mehr so 'n Anstandsbesuch. Erst später ist mir klar geworden, dass die sich schon damals geliebt haben müssen, dass das eine sehr enge und nicht nur kollegiale Beziehung war.

Die beiden haben das erst sehr spät öffentlich gemacht?
Ja, zumal der Mann eben noch verheiratet war – also eine ziemlich komplexe Angelegenheit (lacht). Jedenfalls hat Politik in der Erziehung in meiner Jugend gar keine Rolle gespielt.


„Ich hab mich schon als fortschrittlich gefühlt, weil ich den Spiegel gelesen habe.“


Kamen Sie erst in Berlin mit linker Kunst und Ideologie in Berührung? Oder kannten Sie schon vorher irgendwelche Texte oder Filme?
Ich hab mich schon als fortschrittlich gefühlt, weil ich den Spiegel gelesen habe. Ansonsten kannte ich gar nichts, keine Theorien, keinen Brecht, keine linke Kunst und Kultur. Ich weiß, dass ich zum 16. Geburtstag ein Buch von Böll, ich glaub: „Der Clown“, geschenkt bekommen habe. Das war sozusagen das Bildungsbürgerliche, Liberale, Aufgeschlossene, was möglich war. Aber weiter ging das nicht.

Fiel das alles für Sie damals zusammen: Linke Kultur, linke Politik und urbanes Leben?
Na ja, ich denke, die Reihenfolge war anders: Wenn man in so 'ne Großstadt kommt , fühlt man sich ja erst mal verbunden mit denjenigen seiner Generation, die da was zu sagen haben oder glauben, was zu sagen zu haben, die was tun oder was tun wollen. Allein deswegen hat man, zumindest ging mir das so, 'ne gewisse Sympathie für diese Leute und ihre Ziele. Man hatte ja auch mitgekriegt, was ein paar Monate vorher passiert war: dass Benno Ohnesorg erschossen worden war. Natürlich hatte ich das verfolgt. Da entstand schon aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus 'ne gewisse Auflehnung gegenüber der Obrigkeit. Also dass man sagte: „Das kann doch nicht sein, dass ein Student, der nichts gemacht hat, einfach erschossen wird!“ So weit ging das Politikverständnis schon aufgrund des Lesens von Spiegel oder von Report-Gucken oder Panorama, was es damals gab im Fernsehen: Dass der blöde Schah besser in Persien geblieben wäre – das schien mir klar zu sein. Das war eine gewisse An-Politisierung, aber ohne einen großen gesellschaftlichen oder gar theoretischen Rahmen dafür zu haben. Das war mehr: die da oben, wir da unten. Und dann kam das mit den Amerikanern und dem Vietnamkrieg dazu, und es kam zu dieser eigenartigen Melange: Einerseits hörte man die Doors und Jefferson Airplane und integrierte die amerikanische Kultur in diese Anti-War-Bewegung und andrerseits wurden aus der linken Bewegung heraus die bereits vorhandenen älteren kulturellen Produkte der Linken reingebracht, und so lernte man auch die kennen.

Gehörte Anti-Amerikanismus zur linken Bewegung damals?
Ja.

Oder ging es immer nur um den Spezialfall Vietnamkrieg?
Es war wie gesagt eine eigenartige Melange. Man liebte den Rock 'n' Roll und die Musik, die aus Amerika kam, und Coca Cola und den amerikanischen way of living und amerikanische Filme. Es war ja nicht so, dass sich linke Studenten nicht auch im Zoo-Palast Filme wie „Bullitt“ oder so angeschaut haben.

Unter den Filmplakaten bei Ihnen im Treppenhaus hat das mit James Dean einen prominenten Platz ...
Ja, genau: James Dean – der gehörte auch zu den Helden! Mit denen ist man aufgewachsen. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist ja 'n Film, der auch ein Lebensgefühl der damaligen Generation zum Ausdruck gebracht hat. Wobei der Generationenkonflikt, um den es da geht, nicht politisch geprägt war. Bei uns ist er dann politisch geprägt worden: durch den Faschismus und die unbewältigte Vergangenheit und durch die Weigerung der Elterngeneration, sich damit auseinanderzusetzen.


„Es wurde teilweise mehr Mao gelesen und politisch diskutiert als filmisch gearbeitet.“


Kommen wir wieder zur DFFB. Wie politisch war die Akademie, an der Sie ab 1971 studierten?
Es wurde teilweise mehr Mao gelesen und politisch diskutiert als filmisch gearbeitet. Das nahm manchmal groteske Züge an. Wobei es nach der Relegation, von der ich am Anfang gesprochen habe, eine schwierige Situation war - auch für die Direktion: Vorher war es ein Führungs-Duo gewesen, einer ist schließlich übrig geblieben - das war Dr. Rathsack, der dann lange Zeit Direktor an der Akademie war. Und der hat, rückblickend jedenfalls, 'ne ganz geschickte Politik gemacht. Der hat den Studenten für 'ne bestimmte Zeit unheimlich viel Freiraum gegeben. (...) Er hat gesehen, weiser Mann (lacht), dass das nicht über Jahrzehnte gehen wird, dass das 'ne temporäre Erscheinung ist. (...) Das hat aber dann zu ziemlichen Auswüchsen geführt. Es gab einen Akademischen Rat, das war das Verwaltungsgremium der Akademie, dem der Direktor vorstand. Und dieser Rat bestand aus 12 Leuten: vier Studenten, vier Dozenten und vier von der Administration, also der Studienleiter Hans Helmut Prinzler, heute Leiter der Kinemathek und des Filmmuseums, dann der Dr. Rathsack und noch zwei Leute aus der Verwaltung. Das Ganze war als Versuch gedacht, die Studenten einzubinden. Es ging um Mitbestimmung, was aber die Studenten zum großen Teil falsch verstanden haben.

Das klingt fast so, als hätten Sie sich nicht so recht als Teil dieser Studentenschaft an der Akademie gefühlt ...
Ich hatte tatsächlich ein anderes Verständnis von Marx und von dem, was Sozialismus ist. Ich hatte zumindest versucht, mich auch wissenschaftlich damit zu beschäftigen, es ist ja immerhin eine Philosophie. „Das Kapital“ ist kein dummes Werk, das kann man nun wirklich nicht sagen. Und ich habe mich da richtig reingekniet, das hat mir Spaß gemacht, weil es einen hohen Erkenntniswert hatte. Und als ich an die Akademie kam, hatte ich mich eben schon drei Jahre während meines blöden Werbestudiums mit Psychoanalyse, mit Freud, aber auch mit der Linken: mit Marcuse, mit Marx und Lenin und allem, was es da gab, ernsthaft beschäftigt. Und an der Akademie wurde das Ganze nun ziemlich Mickymaus-mäßig betrieben, alles sehr linksradikal geprägt, sehr maoistisch. Die sind da alle mit dem Mao-Hütchen rumgerannt ...

War es eher eine Mode?
Es war 'ne ziemliche Mode. Hinzu kam, dass ich aus einem kleinbürgerlichen Haus kam. Und viele von denen waren ziemlich großbürgerliche Jüngelchen. Und das war dann mitunter paradox: einerseits mit dem Mercedes des Vaters vorfahren und sich gleichzeitig (lacht) für die chinesische Revolution und Gleichheitsideale einsetzen – das war reichlich plump, wie ich fand, ein Radikalismus der dumpfen Art.

Sie haben das gleich durchschaut?
Ja, aber ich befand mich auch schnell in einer misstrauisch beäugten Minderheit. Ich hab mich zwar auch als Linker begriffen, aber ich galt dann eben als Revisionist. Ich gehörte plötzlich zum sozialistischen Lager, ich war so ein böser Anhänger der Sowjetunion, was ich übrigens gar nicht war und worum es auch gar nicht ging. Aber ich habe eben die Systemauseinandersetzung und das, was mal geplant war mit dem Sozialismus bei seiner Entstehung, historisch begriffen und nicht so albern aufgefasst wie die Mehrzahl dieser Studenten.

Was war für die Studenten so attraktiv an der chinesischen Revolution?
Wenn man Mao liest, dann hat man es mit stark vereinfachten Losungen zu tun. Da braucht man sich nicht groß mit auseinandersetzen. Oder sagen wir so: Die Programmatik der chinesischen Revolution ist ein bisschen simpler als das, was Marx im Sinn hatte. Bei Marx ging es mehr um gesellschaftliche Prozesse, und bei Mao war es mehr eine idealistische Angelegenheit: Die Leute müssen einsehen, dass der Sozialismus der richtige Weg ist – als wäre es eine reine Bewusstseinssache. Dabei hatte der Marx den Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt und gesagt: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Und nicht umgekehrt. Das heißt: Wenn die Verhältnisse so werden, kann man eventuell zum Revolutionär werden. Wenn es sich so ergibt. Aber nicht aus irgendeinem Idealismus heraus.

Wie sehr war dieser Idealismus die vorherrschende Haltung unter den Studenten der Akademie?
Es ging so weit, dass diese Studenten, die ja die politische Mehrheit an der Akademie bildeten, aus 'nem falschen Verständnis von Selbst- oder Mitverwaltung heraus nur noch Leute einstellen wollten, die ihrer Auffassung waren. Da hat es Berufungsverfahren gegeben, Anhörungen von Dozenten - die waren wie Tribunale. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, das war unerträglich! Der akademische Rat hat die Dozenten mitberufen. Aber vorher mussten sich die Bewerber bei der Studentenversammlung vorstellen. Und die Studentenversammlung hat diesen Leuten die Pistole auf die Brust gesetzt. Da wurde gefragt: „Bist du für den Sozialismus, ja oder nein?“ Da hat's Erscheinungsformen gegeben (lacht) – unfassbar, wenn man sich das heute noch mal vergegenwärtigt, was da abgelaufen ist! Wer da nicht für den Sozialismus war, der konnte kein Dozent werden. Und natürlich hat's Opportunisten gegeben, die ham gesagt: „Natürlich bin ich für den Sozialismus! Rotfront!“ – und die sind dann Dozenten geworden – auch wenn sie unter Umständen völlig bescheuert oder beschränkt waren.

Wie konsequent wurde diese weltanschauliche Selektion durchgezogen?
Es gab schon Leute, die wirklich was wussten und die nicht auf dieser Linie lagen, die man verschont hat: wie Ulrich Gregor, Filmhistoriker und Jahre lang Leiter des Internationalen Forum des jungen deutschen Films – einer, der viel von Film versteht. Gut, der war nun mal da, den hat man irgendwie toleriert. Aber andere Leute, die wirklich was auf der Pfanne hatten, die hat man versucht zu isolieren oder rauszuekeln, oder man hat versucht, wenn sie sich neu beworben haben, dafür zu sorgen, dass sie gar nicht erst kommen.

Die Qualität ihrer Arbeiten war nicht weiter wichtig?
Nee. Die mussten sich politisch einbinden lassen. Teilweise ging es so weit, wie im Fall der Gruppierung KPD/ML, dass die Arbeit an der Akademie komplett instrumentalisiert werden sollte. Da wurden dann mit den Mitteln der Akademie, die für Studentenfilme zur Verfügung standen, Propaganda-Filme für diese K-Gruppe gemacht. Die hat bundesweit bestanden, war aber von der Größenordnung her 'ne Sekte. Es gab ja mehrere K-Gruppen, die sich auch an der Akademie gegenseitig bekämpft haben. Es gab die KPD/AO, die KPD/ML (lacht) und was weiß ich alles.

Und es gab die SEW, die Sozialistische Einheitspartei West-Berlins.
Ja, aber das waren ja die Bösen. Die waren ja noch schlimmer als die Kapitalisten.

Da haben Sie sich am ehesten wiedergefunden.
Ja, ich war da Mitglied. (...)


„Die Haltung: „Oh, schau mal, in China machen sie's richtig!“, fand ich wenig hilfreich. Ich war der Meinung: Ich lebe hier und schau mir die hiesigen historischen Verhältnisse an.“


Warum? Weil Sie die weniger weltfremd fanden?
Nö. Aus meiner Sicht hatte das 'ne andere Grundlage. Es geht jetzt nicht darum, wozu die DDR am Ende geführt hat. Aber wenn man sieht, welche Leute sich etwa in den 20er und 30er Jahren zu der Gesellschaftsform Sozialismus bekannt haben, stellt man fest, dass das nicht gerade die blödesten waren. Es ging dabei aber um ein anderes Verständnis von Sozialismus: Da war der Sozialismus sozusagen gesellschaftlicher Gegenentwurf und nicht ein Instrument für ein paar verrückt gewordene Studenten, die irgendwelche Machtgelüste oder pubertäre Gefühle oder weiß der Teufel was ausleben wollten. Sondern da ging 's um die Erkenntnis: So wie sich die Gesellschaft entwickelt, kann 's ja eigentlich nicht weitergehen. Ich meine, vor '33 stand 's ja auch auf der Kippe: Wozu es geführt hätte, wenn die KPD tatsächlich mit so simplen Menschen wie Thälmann an die Macht gekommen wäre, will ich allerdings in Gottes Namen auch nicht wissen. Wäre wahrscheinlich was Ähnliches dabei rausgekommen wie in der DDR. (...) Entscheidend ist, dass es gerade in Deutschland eine gesellschaftliche Bewegung gegeben hat, die mich interessierte. Und hier ging es nicht um kleine Splittergruppen wie in den 70er Jahren, sondern um eine echte gesellschaftliche Grundlage. So habe ich den Sozialismus kennengelernt, ich habe mich aus einer historischen Sicht der Dinge damit beschäftigt. Auch die Haltung: „Oh, schau mal, in China machen sie 's richtig!“, fand ich wenig hilfreich. Ich war der Meinung: Ich lebe hier und schau mir die hiesigen, auch historischen Verhältnisse an.

Gab es bestimmte Erlebnisse, die Ihre politische Haltung festigten?
Ich habe alte Kommunisten kennengelernt, die mich sehr beeindruckt haben. Und dann kam der Antifaschismus bei mir hinzu, der aus der Auflehnung gegenüber dem eigenen Elternhaus und aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus entstand. Und dann habe ich eben '73 oder '74 den ersten Film gemacht - „Die Straße im Widerstand“ - über alte Leute in Charlottenburg in der Krummestraße. Da gibt 's ein schönes Buch von Jan Petersen, das heißt „Unsere Straße“. Darin wird die Geschichte dieser Straße erzählt, die eben sehr rot war vor '33 und die dann von den Nazis als Fanal begriffen wurde. Ziel der Nazis war es, diese Straße kaputt zu machen und dort die Präsenz zu erobern. Leute wurden verschleppt und umgebracht. Und ich habe dann alte Menschen gefunden, die noch in der Straße wohnten, die diese schlimme Zeit überlebt hatten, die im KZ gesessen hatten oder im Zuchthaus. So kam ich auch in Kontakt mit der SEW, denn einige dieser alten Kommunisten waren in der SEW. Das waren Maurer, Gärtner, was weiß ich, proletarische oder kleinbürgerliche Leute mit 'ner sehr klaren Haltung gegen den Faschismus, die auch ihr Leben dafür riskiert hatten und die in West-Berlin lebten und vollkommen isoliert waren. Die kriegten keine Entschädigung als Verfolgte des Naziregimes, weil sie sich nicht losgesagt hatten von der KPD beziehungsweise SED. Die hatten auch keine Rentenansprüche für die Zeit, in der sie politisch inhaftiert waren. Im Gegensatz dazu hatten ehemalige SS-Leute durch ein Urteil erreicht, dass ihnen die Zeit in der SS für die Versorgung anerkannt wurde. Und diese armen Leute, die ich da kennengelernt habe, hatten als Ansprechpartner nur die VVN, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, das war mein erster Kontakt damals. Und als mir das alles klar wurde, habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Ich dachte mir: Wo leben wir hier eigentlich? Wir sind aufgewachsen mit der Kollektivschuld, Vorreiter des Widerstands waren für uns die Geschwister Scholl und Graf Stauffenberg. Und plötzlich merkt man, dass uns in der Schule ein wesentlicher Teil der deutschen Geschichte vorenthalten wurde. Und da wird man natürlich sauer und ist ziemlich erbost über dieses System. Das war ein wichtiger politisch-emotionaler Zugang für mich. (...)

Die Aktivitäten der Studenten an der DFFB haben Sie dagegen wenig beeindruckt ...
Diese Jüngelchen mit ihrem sozialistischen Disney-Look waren einfach albern (lacht). Das ganze Gehabe war ziemlich kindisch.

Gilt das auch für die Filme, die damals an der Akademie gemacht wurden?
Nö, das muss man trennen. Es gibt ein paar ganz interessante, bisschen romantisierende Sachen aus der Zeit. Ich denke zum Beispiel an „Liebe Mutter, mir geht es gut“ von Christian Ziewer (1971). Da zeigt sich eine Tendenz, die man als Gegenaufklärung verstehen muss. Zunächst einmal wusste man ja damals nichts über die Antifaschisten, über die Kommunisten, die unter uns lebten. Kommunisten waren ja Menschen, vor denen man sich gruselte, also ganz gefährliche Kerle – wie auf den Postern der 50er Jahre, auf denen der Kommunist das Messer quer im Mund hat. Das heißt, man wusste kaum etwas über Kommunismus und Antifaschismus. Wenn man sich nun aber damit auseinandersetzte, konnte man an den Punkt kommen, an dem man sagt: Wir sollten uns mehr mit den Menschen an der Basis beschäftigen: einerseits mit der Minderheit der Antifaschisten und Kommunisten, andrerseits eben mit den Arbeitern. Die Arbeiter waren ja Teil unserer Gesellschaft, wurden aber lange in der Kultur und Kunst ausgeblendet. Gut, es gab Max von der Grün und ein paar andere Schriftsteller, die sich damit beschäftigt haben, ansonsten war das alles sehr bürgerlich. Wer hat sich denn schon mit der Arbeitswelt beschäftigt? Erst durch die 68er rückte die Arbeitswelt mehr in den Blickpunkt. Und dann gab 's eben auch Filmemacher an der Akademie wie Christian Ziewer und Max Willutzki, die Spielfilme gemacht haben, in deren Mittelpunkt das Arbeitsleben stand. Das waren ernsthafte Anliegen. Die waren keine Maoisten. Die kamen auch selber aus dieser Welt. Christian Ziewer war, glaub ich, vorher Schlosser.

Welche Rolle hat die Gewaltfrage damals an der Akademie gespielt? In dem mehrteiligen Dokumentarfilm „Was war links“ von Andreas Christoph Schmidt (2003) wird eine Verbindung zur RAF angedeutet. Holger Meins war ja auch Student an der DFFB. Wie radikal hat man sich mit dem Thema Gewalt auseinandergesetzt?
Zu diesem Thema wurden Filme gemacht, klar. Es war ja auch eine sehr gefährliche Sicht der Dinge: Nehmen wir den Sprengstoffanschlag im Kaufhaus 1968: Der war ja im Vergleich zu dem, was in Vietnam passierte, lächerlich. Aber das ist halt ein schmaler Grat, denn natürlich haben wir damals gesagt: „Was regt ihr euch denn so darüber auf? Das ist doch nur ein symbolischer Akt gewesen!“ Genauso wie beim Pudding-Attentat auf Humphrey von Teufel und Co. Als der amerikanische Vizepräsident nach Berlin kam, haben die ein Pudding-Attentat auf ihn vorbereitet – so etwas wie ein Happening. Und das wurde auch gleich in die terroristische Ecke gedrängt. Meine Sicht der Dinge war, dass die Frage der Auseinandersetzung mit der Gewalt gar nicht aus der Studentenbewegung heraus kam, sondern der Studentenbewegung quasi aufgezwängt worden ist durch die Art und Weise, wie die Gesellschaft eben mit dieser Bewegung umgegangen ist, die sich ..., ja: für mehr Freiheit einsetzte und die einfach andere Auffassungen hatte. Man hatte 's ja schon am 2. Juni gesehen (am 2. Juni 1967 war Benno Ohnesorg erschossen worden; JV) und auch danach: Demonstrierende Studenten wurden ja ziemlich übel niedergeknüppelt. Die Gesellschaft hatte auch gar keine Erfahrung mit so einer Situation. Dann wurden die Notstandsgesetze diskutiert und durchgesetzt, das war ein erheblicher Einschnitt in die bürgerlichen Rechte. Das war schon so 'ne Entwicklung, wo man sich mehr als Opfer empfunden hat und aus dieser Opferrolle heraus gesagt hat: „Gegengewalt!“ Das war der Entwurf. „Wir wenden keine Gewalt an, sondern wir wehren uns.“ Das war Gegengewalt.

Bot die Akademie Platz für Leute, die auch ernst machen wollten? Die nicht nur über Gewalt reden wollten?
Ich muss ehrlich sagen: Das hab ich zu meiner Zeit nicht so mitbekommen, dass der Meins da war... , also das war nicht so 'n Thema - jetzt nicht aus Verdrängung, sondern ich hab das nicht mitbekommen. Ich kann mich auch gar nicht persönlich an ihn erinnern. (...) Der war auch '71 schon im Untergrund, als ich da hinkam. Der war zwar da gewesen, war aber komischerweise an der Akademie kein richtiges Thema... Ansonsten gab es den schönen Film von Harun Farocki „Worte des Vorsitzenden“, dann gab 's 'nen Lehrfilm, wie man Molotov-Cocktails herstellt und so was. Und das mit den Molotow-Cocktails war, glaub ich, schon ein bisschen ernster gemeint. Wobei die Leute sich wahrscheinlich über die Konsequenzen auch nicht klar waren oder besonders weit gedacht haben. Das war mehr Provokation. Das Ganze an der Akademie hatte immer so 'n gewisses Element der Provokation.

Also Haschrebellen und Spaßguerilla?
Ja, genau. Ich glaube übrigens auch, dass diese Befreiung von dem Baader in diesem Institut, als der seinen Freigang hatte, und als man gesagt hat: „Den befrei'n wir jetzt, den hol'n wir da raus!“, dass das mehr 'n Unfall war – also jetzt nicht, um die zu verteidigen. Aber dass das Ganze ziemlich naiv und dumm und nicht durchdacht war. Sondern das war mehr so 'ne rebellische Aktion: „Jetzt zeigen wir 's dem mal, dem Staat!“ Dass dabei jemand erschossen wurde, das war sozusagen der Anfang vom Ende. Damit war die Grenze überschritten, da gab es auf einmal ein Opfer. Das hat dann zu solchen Legitimationen geführt wie „Was ist denn schon ein so 'n Toter gegen soundsoviel tausende durch Napalm-Bomben verbrannte Kinder in Vietnam?“ Da wurde es dann sehr gefährlich und eigentlich unerträglich. Die fälligen Auseinandersetzungen haben aber nicht mehr so richtig stattgefunden, glaub ich ... Mein Thema war ohnehin mehr der Antifaschismus. Weil ich darauf aufmerksam machen wollte, das war meine Programmatik, dass das sozusagen 'ne Linie in der deutschen Gesellschaft ist.


Der Maurer und der General: „Unversöhnliche Erinnerungen“


Das war auch die Verbindung zwischen Ihnen, Karl Siebig und Johann Feindt. Haben Sie sich an der Akademie schnell gefunden?
Ja. Wir haben ja dann auch einen wichtigen Film gemacht – ich weiß nicht, ob Sie den kennen, der lief zufälligerweise vorgestern Abend im Fernsehen: „Unversöhnliche Erinnerungen“. (...) Die Idee war ganz simpel, ähnlich wie bei „Straße im Widerstand“: Wenn man sieht, dass es solche Antifaschisten gibt, und wie die leben, wie sehr die für ihr Recht kämpfen müssen, und dass die nicht anerkannt sind und keine Versorgungsansprüche haben und so weiter und dann auf der andern Seite sieht, welche Leute zum Teil in der Bundeswehr an obersten Positionen stehen, alte Nazis nämlich, dann kommt natürlich schon die Frage auf: Wie kann das eigentlich sein? Was ist da eigentlich in diesem Land passiert? Dass jemand, der sich gegen den Faschismus gewehrt hat, Schwierigkeiten hat, zu seinem Recht zu kommen und jemand, der fröhlich mitgemacht hat, in der neuen Demokratie Bundeswehrgeneral wird. Daraus ist die Idee entstanden, einen Film zu machen, der zwei solche deutschen Lebenswege zeigt.

Wie sind Sie vorgegangen?
Ich habe in Remscheid einen Maurer gefunden. Ich musste ja jemanden finden, der klug ist, der weise ist, der 'ne Sicht der Dinge hat. Der auch reden kann, ohne dogmatisch zu sein. Es gab ja viele, die dann in abstrakte Phrasen und Parteichinesisch verfallen sind - nee, ich wollte jemanden, der wirklich lebendig erzählt, der das erlebt hat. Und dann wollte ich jemanden von der anderen Seite finden. Das war 'ne Art Walraff-Arbeit, die ich da geleistet habe, bis ich in diese Kreise reingekommen bin, bis ich so 'nen Ex-Bundeswehrgeneral gefunden habe, der sich bereit erklärte, mitzumachen.

Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen?
Nö. Ich hab mich natürlich nicht als Antifaschist dargestellt, als fanatischer schon gar nicht. Meine Herangehensweise war mehr Neugier. Also zu sagen: Mich interessieren diese Lebenswege. Ich hab dem auch erzählt, dass wir jemand andern, der im Spanischen Bürgerkrieg auf der anderen Seite der Barrikaden gekämpft hat, auch 'n Deutscher, dass wir auch zu dem gehen. Der General war ein ganz eigenartiger Mann, der hat gesagt: „Es kann doch gar nicht sein, dass sich junge Leute für mich interessieren, so interessant bin ich doch gar nicht.“ Da hab ich gesagt: „Ganz so würde ich das nicht sehen, aber in gewisser Weise hamse Recht; es geht uns nicht nur allein um Sie, sondern auch um den Spanischen Bürgerkrieg, wo ja Deutsche auf beiden Seiten gekämpft haben. Und zwar, obwohl sie jeweils nichts damit zu tun hatten. Aber die Antifaschisten taten es, weil sie sich gesagt haben, sie könnten den Faschismus bekämpfen, und die Nazis aus 'nem ganz anderen Grund.“ Das hab ich damals zu ihm gesagt. „Und ansonsten interessiert mich, wie solche Lebenswege verlaufen, warum Sie auf der Seite der Barrikade gelandet sind und warum der andere da gelandet ist - darüber mach ich 'nen Film.“ Nach dem anderen Mann hat er zunächst gar nicht gefragt.

Haben die beiden sich mal kennengelernt, der Maurer und der General?
Nee. Wobei der General irgendwann mal gesagt hat: „Ach, ich würde ihn vielleicht doch gern mal kennenlernen, muss ja doch 'n interessanter Mann sein.“ Da hab ich zu dem Ludwig gesagt, Ludwig hieß der Maurer: „Der General hat gesagt, er würde dich vielleicht auch mal gerne besuchen.“ Da hat der Ludwig gesagt (lacht): „Was soll ich mit dem Mann reden?“


„Die Zeitungen haben auf den General eingeprügelt“


Wie war die Resonanz der beiden auf den Film? Wie hat der General reagiert?
Der General war empört. Also, es war so: Ich hab ihm nicht gesagt, dass er den Film zu sehen kriegt. Es gab 'ne Vereinbarung mit beiden, dass sie jeweils ihr Material zu sehen kriegen. Der General wusste schon, dass die Aussagen gegeneinander gestellt werden. Ich hab dann gesagt: „Es geht mir nicht darum, dass Sie mir jetzt künstlerisch (reinreden; JV). Aber falls Sie sagen: ’Das habe ich zwar vor der Kamera so gesagt, aber wenn ich das jetzt hier noch mal so sehe 'n halbes Jahr später, dann ist mir das doch zu pointiert oder zu übertrieben’ oder was auch immer, dann können wir darüber reden. Sind ja Ihre Aussagen. Ich will Ihnen ja nich irgendwat da in den Mund legen.“ Das heißt, er hat das dann hier abgenommen, ist hierher gekommen, hat sich das alles angeschaut. Und wir haben ihm dann sogar, weil ich gesagt hab: „Was sollen wir da lange rumeiern?“, den ganzen Film gezeigt. Und dann hat er den ganzen Film gesehen und dann kam: „Ach, den Mann müsste ich eigentlich wirklich mal treffen.“ Dann hat er mir zu dem Film gratuliert. Er hat mich sogar noch an dem Abend, als der Film ausgestrahlt worden ist im ZDF, spät abends angerufen und gesagt: „Das ist ja ein wunderbarer Film geworden. Also, auch meine Leute hier, wir haben uns den natürlich gemeinsam angeguckt, sind ganz begeistert.“ Und am nächsten Tag kamen dann die Kritiken. Und da wurde er als Fossil dargestellt. Also vor allen Dingen die Welt am Sonntag, die FAZ, also die für ihn maßgebliche Presse, die haben ihn aussortiert. Die haben gesagt, dieser Mann ist in keiner Weise repräsentativ für irgendwas. Sondern das ist ein Monster, ein Fossil. Also Monster nicht im Sinne von böse, sondern als irgendetwas Abartiges. Wenn man sich diese Kritiken anguckt ... das ist wirklich unglaublich. Die haben so auf diesen General eingeprügelt ...

Der Film selbst wurde in den Kritiken aber sehr gelobt.
Ja, der Film wurde hoch gelobt, der hat auch mehrere Preise gekriegt und was weiß ich. Aber das Schreckliche für den General war, dass er plötzlich von den eigenen Leuten Prügel kriegte. Aber eher nach dem Motto: Wie kann jemand so blöde sein und das sagen, was er denkt, vor der Kamera! (...) Es hatte ziemlich weite Auswirkungen am Ende, weil wir uns natürlich auch mit der Gegenwart beschäftigt haben, mit dem, was gerade in der Bundeswehr los war. Es gab damals 'nen Vorfall, das war wirklich ein Glücksfall für uns Filmemacher, dass bei 'ner Einführung von Offiziersanwärtern eine Feier veranstaltet wurde. Und da haben junge Offiziere - weiß der Teufel, wer auf die Idee kam und wie so was entsteht – 'n Feuer gemacht im Aschenbecher und symbolisch Juden ins Feuer geworfen. Also 'nen Zettel genommen, „Jude“ drauf geschrieben und ins Feuer geworfen. So, und unser netter General hatte auch dazu was zu sagen ... Er war übrigens kein dummer Mann, auch kein unsympathischer Mann, wie gesagt alles andere als ein Monster, 'n netter bürgerlicher alter Herr, sehr nationalkonservativ, für den der Krieg 'n Abenteuer war, und der sich noch erinnern konnte, dass er sich als erstes nach dem Spanischen Bürgerkrieg von seinem Sold 'n Paar schöne Schuhe gekauft hat und 'n Mercedes Coupé und es war alles wunderbar. So war das Leben für ihn. Und als ich ihn gefragt habe, ob er nicht Angst gehabt hätte, als der Krieg damals ausbrach, sagte er: „Angst? Im Gegenteil! Es ging ja alles so schnell, wir hatten nur Angst, dass wir unsere Orden nicht zusammenkriegen.“ So einer war das, für ihn war Krieg 'n Abenteuer – für Ludwig, also für den Maurer, war Krieg die Hölle. Und der General sagt dann im Zusammenhang mit diesem Vorkommnis bei der Bundeswehr am Ende (des Films, JV) auf meine Frage, was sich denn bei der Bundeswehr im Vergleich zu früher geändert habe, sinngemäß: Man kann nichts Schlechtes über die Bundeswehr sagen, eigentlich ist das alles in Ordnung, das sind ordentliche Leute da. Aber eines muss er sagen, das hätte es früher bei ihm nicht gegeben, da gab 's doch diesen Vorfall mit diesem Feuer – und dass da jemand hingeht und das meldet, das hätte es bei ihm früher nicht gegeben. Das heißt, er hat sich nicht darüber aufgeregt, was die da gemacht haben, sondern darüber, dass es rausgekommen ist. Und das hat natürlich Wellen geschlagen.

Und das wollte er nicht rausgeschnitten haben?
Nee, nee. Er war wirklich der Überzeugung, dass das so gut ist.

Muss man so jemanden vor seiner eigenen Naivität schützen? Hatten Sie nicht das Gefühl, ihn vorzuführen?
Nö, eigentlich nicht. (Pause) Also, erstens hat er Gelegenheit gehabt, das zu sehen. Zweitens glaube ich, dass er auch nach der Presseschelte immer noch der Meinung war, dass das so ist. Und ich denke: Wenn jemand 'ne Auffassung hat, die kritisierenswert ist, muss er es auch ertragen, wenn er deswegen kritisiert wird.

Als dann die Kritiken kamen, war er empört?
Dann war er empört. Dann hat er sich an die Springer-Presse gewandt. Und er hat sich an den Intendanten des ZDF gewandt, der war auch ehemaliger Jagdflieger, er hat sich also an seinen Kameraden gewandt. Ich komm jetzt nicht auf den Namen, also nicht Stolte, Stolte war Programmdirektor zu der Zeit ... Aber das ging natürlich alles nicht so einfach. Der Film hatte mittlerweile 'ne ziemlich große Aura, hatte enorme Kritiken gekriegt. Er hatte sogar zur Folge, dass beim ZDF 'ne neue Telefonleitung gelegt werden musste, weil das Zuschauertelefon überlastet war. Die Leute haben da dermaßen angerufen! Und ich hab einen ganzen Ordner nur mit Briefen, die Leute geschrieben haben, die nicht fassen konnten, dass so was möglich sein kann. (...) Manche Leute haben auch Geld geschickt für den Ludwig. Nur 'ne kleine Geschichte: Ludwig, der Maurer, musste als KPD-Mitglied aus Deutschland fliehen und ist dann in Spanien gelandet. Und seine Frau lebte mit ihrem Sohn in Remscheid. Da kam dann die Gestapo und hat sie ins Gefängnis geschmissen und hat von ihr verlangt, dass sie sich von ihrem Mann scheiden lässt. Weil er ist ja ein Landesverräter und so. Und nur dann, wenn sie das tut, wenn sie sich von ihm scheiden lässt, darf sie ihren Sohn behalten. Ansonsten wird sie entsprechende Konsequenzen zu tragen haben. Und da hat sie sich scheiden lassen, weil sie natürlich Angst um ihr Kind hatte ... Der Ludwig ist dann nach '45 wieder zurückgekommen, und die Scheidung (lacht) ist aufrechterhalten worden. Das heißt, die mussten wieder heiraten.

(Ende der ersten Kassettenseite)

(...) Bei der Goldenen Hochzeit, wenn die 50 Jahre verheiratet sind, kriegen die von der Stadt ein Präsent, ich glaub: 1000 D-Mark oder 500 D-Mark, jedenfalls ein Geldgeschenk und so 'n Präsentkorb. Und der Bürgermeister kommt ihnen gratulieren, weil 50 Jahre verheiratet zu sein ist ja schon 'ne Menge. Und die haben natürlich auch erwartet, dass an ihrem goldenen Hochzeitstag jemand kommt, weil sie die Zeit der Scheidung natürlich nicht mitgerechnet haben. Und dann haben sie das nicht gekriegt. Dann haben sie nachgefragt und dann hieß es: „Ja wieso? Sie sind doch gar keine 50 Jahre verheiratet!“ Und das erzählt er in dem Film und ist traurig darüber. Und die Frau weint auch ein bisschen, also sie weint nicht, aber sie ist schon sehr gerührt, also sie ist sehr empört, nicht gerührt, immer noch zornig über diese Ungerechtigkeit. Und das hat solche Wellen geschlagen, dass Leute Geld geschickt haben. Denn die beiden erzählen auch, dass sie eben keine Rente kriegen für die Zeit, in der er gezwungenermaßen im Ausland war oder im Gefängnis gesessen hat. Denn die Alliierten haben ihn später auch noch festgehalten, er kam erst '46 zurück ... Für mich war es schön zu sehen, wie so ganz normale Leute darauf reagiert haben und gesagt haben: „Das kann doch nicht sein!“ – auch aus so 'm Gerechtigkeitsempfinden heraus. Die haben mir in 'nem Umschlag 20 D-Mark geschickt und geschrieben, ich soll das weiterleiten.

Eine erstaunliche Wirkung für einen Film zu einem solchen Thema ...
Ja. Ich denke auch, dass die beim ZDF damals begriffen haben, dass der General da wenig Handhabe hatte. Der dachte halt, dass er da was verhindern kann, aber das ging eben nicht. Aber die haben den Film eben über 20 Jahre nicht mehr ausgestrahlt, und komischerweise jetzt zweimal hintereinander: im letzten Jahr und jetzt in diesem Jahr schon wieder, weil das auch wieder enorme Reaktionen gebracht hat.


„Das konnte man von der Wirkung her nicht mehr übertreffen.“


Wie haben der Maurer und seine Frau reagiert?
Die waren glücklich. Der Bürgermeister ist gekommen und hat sich entschuldigt. Das hat richtig Kreise gezogen. Der Film ist auch im Bundestag zu 'ner kleinen Anfrage geworden, weil man erreichen wollte, dass dem General sein Generaltitel aberkannt wird. Man hat auch 'ne Gesetzesänderung erreicht, was die Verfolgten des Naziregimes angeht, dass deren Renten neu berechnet werden müssen. Dann gab 's einen SPD-Abgeordneten, der mich kontaktiert hat. Und der hat dann dem Bürgermeister von Remscheid, der auch SPD war, richtig einen auf 'n Deckel gegeben und dafür gesorgt, dass der Bürgermeister 'n paar Tage später (lacht) beim Ludwig vorstellig wurde, sich entschuldigt hat und ihm den Korb überreicht hat und so weiter. Also, dem Ludwig hat das richtig gutgetan. Der stand zum ersten Mal in seinem Leben für das, was er alles ertragen und durchgemacht hat, so 'n bisschen im Mittelpunkt. Der ist leider dann zwei Jahre später gestorben, der war schon recht alt.

Was stand in den Briefen, die Sie nach der Ausstrahlung des Films erhalten haben?
Das waren über 100 Briefe, die wir gekriegt haben, was ja schon 'ne enorme Aktivität zeigt. Weil wer schreibt schon so schnell 'nen Brief? Da muss ja schon einiges passieren ... Und da waren halt 'n paar Spinner dabei, die rumgeschimpft haben, dass Kommunisten nicht ins Fernsehen gehören und so. Aber die Mehrheit schrieb aus so 'nem demokratischen Bewusstsein heraus: Es könne doch nicht sein, dass in unserer Gesellschaft so was geht ... Insofern war das unsere Verbindung - das war das Thema, das Karl Siebig, Johann Feindt und mich interessierte. Das war dann aber auch damit abgearbeitet. Das konnte man auch von der Wirkung her nicht mehr so richtig übertreffen.


„Ich bin dann in den schönen Laden in der Karl-Marx-Allee und hab mir Busch-Platten gekauft.“


Wieviele Filme haben Sie zu dritt gemacht?
Einen haben wir noch gemacht über Borgwart. Der Karl hat mit dem Johann noch einen gemacht über Henry Ford. Zusammen haben wir ... eins, zwei, drei ... vier Filme gemacht. Und Karl Siebig und Frido Feindt haben darüber hinaus zusammengearbeitet, und ich habe wieder mit Frido zusammen zwei Filme gemacht, wovon ich einen geschnitten und einen produziert habe.

Bei dem Film über Ernst Busch „Vergesst es nie, wie es begann“ war auch noch Heide Breitel dabei ...
Ja, als Cutterin. Sie war Dozentin an der Akademie und hat bei diesem Film den Schnitt gemacht. Es war so, dass damals das Geld von der DFFB nicht ausgereicht hat – und deswegen hatte der Karl Siebig das ZDF kontaktiert. Da gab 's diesen Walter Schmieding, der war Kulturredakteur und hatte auch 'ne eigene Sendung, ziemlich markante Figur im Fernsehen der 70er Jahre. (...) Wir haben also den Film mit dem ZDF gemacht, und weil das ja professionell geschnitten werden musste, hat dann die Heide Breitel als Dozentin den Schnitt gemacht.

War Ihnen Ernst Busch bereits vor diesem Filmprojekt ein Begriff? Oder haben Sie ihn erst durch Karl Siebig kennengelernt?
Nee, nee, ich kannte ihn schon. Das war ja schon '78. Und wenn man überlegt, wie lang ich da schon politisch aktiv war ...

Wissen Sie noch, wie sie ihn oder seine Musik kennengelernt haben?
Na ja, wenn man auf solche politischen Veranstaltungen ging, hörte man natürlich „Vorwärts und nicht vergessen“ oder was weiß ich. Also, die ganzen Lieder, die kannte man. Oder bei der Erste-Mai-Demo wurden die doch gespielt, die Lieder. Wir ham ja nicht nur gegen den Vietnamkrieg demonstriert, das ging ja dann ineinander über ... gut, in der Friedensbewegung war das vielleicht nicht mehr so ... Aber die proletarische Kultur wurde ja damals wieder entdeckt.

Können Sie das zeitlich zuordnen, wann Sie diese Kultur für sich entdeckt haben?
'71, '72, '73, so.

Hatten Sie die Busch-Platten aus dem Pläne-Verlag?
Ja. Und ich hatte ja noch einen Vorteil: Ich konnte ja dann die Platten aus der DDR kaufen. Ich bin dann in den schönen Laden in der Karl-Marx-Allee und hab mir Busch-Platten gekauft. Ich hab die auch noch.

Welche Lieder mochten Sie besonders? Hatten Sie ein Lieblingslied?
Ich komm jetzt nicht auf den Titel ... also weniger diese Lieder, die man so ... ich muss auf die Platte gucken ... weil da singt er einfach auch hervorragend ...

Hatten es Ihnen eher die Spanien-Lieder angetan oder eher diese klassischen Arbeiterlieder oder eher die Brecht-Sachen?
Nee, das ist mehr so ... es gibt ein Lied ... Gott, wie heiß das? Da muss ich die Platte holen ...

Eher 'n Liebeslied?
Nee, nee, kein Liebeslied. Das ist von Eisler ... aber es ist eben nicht so 'n ... wie soll ich sagen, so 'n Marschlied. Also nicht so: Komm, Unterhaken, Zack-zack-zack, Vorwärts und nicht vergessen – sondern 'n bisschen differenzierter, aber gleichzeitig sehr ... Ich muss die Platte holen, das will ich jetzt wissen.

Können wir ja gleich machen. Sie haben „Vorwärts und nicht vergessen“ erwähnt. Das wurde regelmäßig gespielt auf politischen Veranstaltungen, sagen Sie ...
Ja, natürlich.

Gilt das auch für die Veranstaltungen der K-Gruppen?
Der K-Gruppen? Nö, weiß ich gar nicht. Da war ich ja nicht. (...) Mich interessierte die Linke, die in Verbindung mit den Gewerkschaften stand und aus der Arbeiterbewegung heraus kam. Das andere war 'ne intellektuelle Bewegung, die sozusagen von der Ideologie her kam und nicht aus 'ner gesellschaftlichen Bewegung heraus. Meinen ersten Film habe ich zum Beispiel gemacht über 'ne Fabrikbesetzung. Also, mich hat das immer schon interessiert, dieser Unterschied in der Gesellschaft. Ich meine, auch wenn man bürgerlich oder kleinbürgerlich aufwächst, kriegt man mit: 'n paar Straßen weiter leben die Menschen anders als wir. Und auch damals in den 50er Jahren wurde mir nahegelegt: Mit denen und denen spielst du besser nicht, weil das sozusagen nicht unser Niveau ist. Die haben mich aber am meisten gereizt – und nicht die auf meinem Niveau. Eher die, bei denen es auch 'n bisschen rauher zuging und wo die Leute auch anders miteinander umgingen. Wo man auch mal (lacht) zum Essen bleiben durfte – sonst wurde man ja wieder nach Hause geschickt: „So, jetzt muss gegessen werden, kannst dann gleich wiederkommen!“ – So ging 's ja bei den Kleinbürgerlichen zu, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wenn heute Freunde kommen, wird einfach mitgegessen. Aber damals hieß es wirklich: „So, jetzt wird gegessen, jetzt musst du leider nach Hause gehen.“ Und insofern hatte ich da schon 'ne ganz andere Affinität auch zu dieser Welt. Und durch die Nähe zur Arbeiterbewegung kam natürlich auch irgendwann, als das Politische hinzukam, Ernst Busch dazu – seine Lieder, die bei vielen Anlässen gespielt wurden. Die Gewerkschaften haben ja den Busch auch nicht versteckt; ich meine, sie haben ihn nicht gerade vor sich hergetragen. Aber bei der IG Metall oder so wurde ja auch die Arbeiterkultur gepflegt. Es war nicht alles so politisch verbrämt und instrumentalisiert, wobei die SED natürlich versucht hat, das zu instrumentalisieren.

Vorhin haben Sie Jefferson Airplane und die Doors genannt. Gab es da so einen eigenartigen Crossover in der Zeit, wo man als Linker all das unter einen Hut gebracht hat: die Doors, Ernst Busch und die Stones und Ton Steine Scherben?
Ja, klar war 's 'n Crossover. Wobei mir Ton Steine Scherben eigentlich zu simpel waren. Ich hab ja später mit Rio Reiser zusammengearbeitet. Aber die Texte der ersten beiden Platten waren ja ziemlich vereinfachend. Aber diesen Kontext gab 's schon. Ich meine, auf der ersten Doors-Platte ist ja auch ein Lied von Brecht drauf! Das war eben eine andere kulturelle Bewegung - die haben sich ja auch damit beschäftigt, dass es schon mal was gab. Auch in den USA mit ihrer Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ...

Waren die Doors links? Oder: War man links, wenn man Doors gehört hat?
Also, nicht alle, die Doors gehört haben, waren links und umgekehrt.

Es gehörte zum Lebensgefühl dazu, diese Musik zu hören ...
Ich denke, schon. Aber zum Beispiel bei den Stones war das eigentlich egal. Da ging 's mehr um das Rebellische.

Sehr rebellisch wirkte Ernst Busch wahrscheinlich nicht mehr, als Sie ihn 1978 persönlich kennenlernten ...
Doch. Dieses „Ich bin kein Herr!“, das war ja kein flotter Spruch von ihm. Das kam so richtig aus ihm heraus. Das war ein durch und durch bodenständiger Mensch. (...). Und wenn man dem Ernst Busch dann zum ersten Mal gegenübertrat, war das schon beeindruckend. Weil man einfach merkte: Da ist jemand, 'ne Persönlichkeit mit 'nem Charisma und mit einer Ausstrahlung und einem Selbstbewusstsein ... Bürgerliche Leute haben ja doch oft 'ne andere Art, sich zu präsentieren. Sie achten darauf, wie sie wahrgenommen werden und ob die Krawatte jetzt richtig sitzt. Und der Mann hatte so 'ne Ausstrahlung, der brauchte da gar nicht drauf achten. Der hatte sozusagen (lacht) ein geerdetes Selbstbewusstsein, ohne arrogant oder irgendwie unangenehm zu sein. Er war einfach da, war 'ne imposante Erscheinung. Da merkte man einfach, dass so was gewachsen ist. Unkorrumpierbar, selbstständig, nicht angepasst an irgendwas oder beeinflusst – sondern bei dem ist 'ne Persönlichkeit gewachsen, der hat seine Sicht der Dinge.

Was war Ihr Aufgabenbereich bei diesem Film?
Mein Schwerpunkt war Ton. Manchmal habe ich auch Gespräche geführt.

Wie haben Sie Sich vorbereitet auf die Arbeit? Hatten Sie Material von Karl Siebig?
Ja, Karl Siebig wusste am meisten. Wir haben die Themen besprochen. Und natürlich hatte ich Karls ersten Film über Busch gesehen Aber ich hab mir auch Bücher besorgt über Eisler und Brecht. Ging ja gar nicht so sehr nur um Ernst Busch, sondern einfach auch um diese Zeit, in der er gelebt hat. Deswegen kommen ja auch seine Zeitgenossen vor, die haben wir ja noch getroffen: Walter Mehring zum Beispiel. Insofern habe ich mich schon damit beschäftigt, vor allem mit der Literatur. Das war ja das Positive an der DDR, dass man an diese Bücher relativ schnell rankam. Da gab 's 'nen wunderbaren Laden am Ernst-Reuter-Platz, „Das Politische Buch“, da konnte man alles kriegen, was man brauchte.

Sie sagen, es ging gar nicht so sehr um Ernst Busch selber, sondern es ging ...
Na ja, der Titel ist ja schon so programmatisch: „Vergesst es nie, wie es begann“. Das hatte ja schon so was ...

... 'n bisschen was Didaktisches.
Ja, 'n bisschen was. Der Film ist auch, glaube ich, nicht besonders gut. (...) Aber ich bin mal gespannt. Mal sehen, ob ich es schaffe, zu Ihrer Vorführung zu kommen. Interessieren würde es mich schon. Wobei ich nicht glaube, dass der Film uns so gelungen ist.

Er ist relativ spröde, das ist richtig.
Ja, auch von der Linie her. Vielleicht, weil der Busch für uns doch zu sehr auf 'm Sockel war. Und ich glaube nicht, dass das der Dramaturgie gut getan hat. Es war ja auch ein Studentenfilm; ich glaube, es war Karl Siebigs zweiter Film.

Aber das ZDF hat immerhin koproduziert.
Ja, ja, das ZDF hat koproduziert. Die haben uns aber unheimlich freie Hand gelassen. Also, das war sehr angenehm. Das ZDF hat ja dann auch ziemlich böse Kritiken einstecken müssen: Warum man so 'n Film ohne Kommentar zeigt und so.

Schwierig ist sicher, dass die Zeitzeugen, die im Film zu Wort kommen, nicht vorgestellt werden ...
Genau, das war didaktisch nicht gut. Man wusste nicht, um wen 's geht; man wusste gar nicht, wo der herkommt, wer das ist. Man fragte sich, warum jetzt nur dieser Teil des Lebens von Ernst Busch gezeigt wird und nicht das ganze Leben von Ernst Busch. Den ersten Film, den Karl Siebig über Busch gemacht hatte, kannte keiner beim ZDF, der wurde auch nicht vorher ausgestrahlt. Das war eben nicht journalistisch – aber filmisch war es auch nicht gut genug.

Die Resonanz war also nicht so positiv?
Nee, die Resonanz war nicht gut. (...)

Können Sie noch mal beschreiben, was Sie gemeint haben, als Sie gesagt haben, es ging gar nicht so sehr um Busch? Was war dann die Motivation, den Film zu machen?
Na ja, das war 'ne Ikone. Das war 'ne Ikone, und gleichzeitig war die Zeit, in der er gelebt hat, kulturell wahrscheinlich eine der spannendsten Phasen in der neueren deutschen Geschichte.

Es ging also nicht darum, diese Ikone in Frage zu stellen, die Ikone haben Sie mit übernommen ...
Ja.

Fanden Sie, dass er zu Recht eine Ikone war?
Na ja, ich denke schon. Wenn jemand so aufrecht wie er durchs Leben geht und auch bereit ist, für seine Auffassungen die Konsequenzen zu tragen - das ist schon etwas, was man erst mal, ja, wie soll ich sagen, bewundert und verehrt. Das ist schon beachtlich, wie er sich verhalten hat in der Zeit des Faschismus. Und wie er auch später in der DDR sich nicht unbedingt für alles hat einvernehmen lassen – ohne seine Loyalität zur Idee des Sozialismus, oder wie immer man das nennen will, zu verraten oder zu verkaufen. Und er ist auch nicht einer von denen geworden, die diesen blöden Spruch eines Literaten oder Politikers glauben, den ich auch nicht glaube: „Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz, und wer es mit 50 immer noch ist, der hat kein' Verstand“ oder so. So sehe ich das Ganze nicht. Was mich mehr beschäftigt hat, ist sozusagen, warum man bestimmte Zusammenhänge, obwohl man glaubt, sein Instrumentarium zu haben, trotzdem nicht durchschaut. Mittlerweile habe ich verstanden, wie bestimmte Systeme funktionieren können. Weil falsche Loyalität auch zu solchem Mitläufertum führt - und man konnte auch in der DDR mitlaufen.

Buschs Loyalität gegenüber der DDR haben Sie aber nicht hinterfragen wollen?
Na ja, die war ja nicht so eindeutig ... Er war ja nicht so fest integriert in dieses System. Ich denke schon, er hat sich so 'nen Freiraum erschaffen. Er hat sich ja nicht vor jeden Karren spannen lassen.

Aber er hat Lieder gesungen, die heute für den Beton-Sozialismus schlechthin stehen: Hymnen auf Stalin und die Partei ...
Aber das sind ja Lieder aus der Arbeiterbewegung.

Na ja, das sind Lieder aus der frühen DDR, die für konkrete Anlässe geschaffen wurden ...
Gut, die Stalinismus-Frage haben wir nicht angesprochen. (...) Kann auch sein, dass man das eher 'n bisschen verdrängt hat. Das war ja auch 'n unangenehmes Thema (lacht), das muss man ja auch mal sagen. Da bin ich ja auch drauf gestoßen, als ich mich mit dem Spanischen Bürgerkrieg beschäftigt habe, da war 's ja auch so: Die Kommunisten untereinander haben sich ja auch nicht gerade sehr ordentlich behandelt, also die unterschiedlichen Strömungen ... Das meinte ich ja vorhin auch: Wenn man von einer bestimmten Sache überzeugt ist, auch wenn es nicht nur um Ideologie geht, sondern wenn man glaubt, dass das Ganze auch 'ne systematische und theoretische, quasi wissenschaftliche Grundlage hat, dann kann man trotzdem verblendet sein oder jedenfalls bereit sein, bestimmte Teile der Wahrheit einfach auszublenden und nicht wahrzunehmen. Oder Rechtfertigungen zu finden. Wenn man sich in so 'ner Auseinandersetzung befindet mit 'nem System, das man nicht für richtig hält, also dem kapitalistischen System, und gleichzeitig existiert 'n Gegenentwurf, dann ist man bereit, bestimmte Dinge eher zu verteidigen und als Kinderkrankheiten abzutun. Und das ist ja auch so. Ich denke, man kann schon sagen: Wenn der Kapitalismus sich anders verhalten und Deutschland 'ne andere Rolle bekommen hätte, wer weiß, ob 's zu so 'ner Art der Spaltung gekommen wäre. Man weiß es nicht. Aber die Pläne waren nun mal da: vom Bollwerk auf der einen Seite mit West-Berlin als Speerspitze. Diese Pläne haben mit Sicherheit dazu beigetragen, zwei so unversöhnliche Systeme zu etablieren, die sich in vielem doch sehr ähneln. Man kann sich die Entwicklung in den USA angucken, als dem Hochland des Kapitalismus, da gibt 's ja auch Erscheinungsformen, wo man etwa versucht, Medien zu regulieren in großen Konzernen, die einiges gemeinsam haben mit dem, was in der DDR oder der Sowjetunion passiert ist. Es geht um Macht und Kontrolle – in Amerika unter dem Begriff der Freiheit und der Menschenrechte, in der DDR unter dem Begriff des Sozialismus. In der DDR ging es um nichts anderes. Die Klasse, die da an der Macht war, die wollte halt auch nur noch ihre Besitzstände wahren. Das muss man einfach auch sagen, wenn man so 'n Altlinker ist, dass man da nicht bereit war, sich damit konsequent genug auseinanderzusetzen – obwohl man, wenn man in Leipzig war, es auch bestimmt hätte wahrnehmen können.

Vorhin haben Sie gesagt, dass der Film über Busch nicht besonders gelungen sei. Hängt das vielleicht mit einer Herangehensweise zusammen, die den Busch eher als Zeitzeugen sehen möchte?
Ja. Wobei über Politik gar nicht so viel geredet wurde. Es ging mehr um die Kultur.

In einem der Gesprächsprotokolle von diesem Film habe ich eine Stelle gefunden, wo Sie und Ihre Kollegen über eine Interview-Passage diskutieren. Einer von Ihnen freut sich über die Geschichte, die Busch gerade erzählt hat. Dann kommt aber gleich einer mit dem Einwand, man müsse jetzt aber zur Revolution 1918 kommen, darum würde es doch vorrangig gehen. Sie wollten offenbar schon aufs Politische hinaus ...
Klar. Diese Tendenz war da. Und wenn man in so 'nem Eifer ist und jung ist ... – wie alt waren wir da? Wir waren 33, das ist ja noch relativ jung ...

Schön, dass Sie das sagen, ich bin 33 (lacht).
Ja? (lacht) Na, das ist doch jung. Wobei ich glaube, dass es ein großer Unterschied ist, ob man vor 30 Jahren 33 war oder ob man heute 33 ist.

Inwiefern?
Ich glaube, dass man heute mit 33 weiter ist und viel mehr weiß als man damals in dem Alter wusste. Aber vielleicht täusche ich mich auch ...

Ich glaube, dass Sie damals relativ klare politische Vorstellungen hatten, die Sie auch in dem Busch-Film vermitteln wollten.
Ich muss ehrlich sagen: Mir sind die politischen Implikationen bei anderen Filmen, die ich gemacht habe, dem Film über die Fabrikbesetzung oder bei „Unversöhnliche Erinnerungen“, wesentlich klarer. Bei dem Busch vermischt sich das viel mehr, weil 's 'ne komplexere Konstellation war: Zum einen waren wir aus dem Westen ...

Im Vorgespräch haben Sie gesagt, in der DDR sei man Ihnen mit der Haltung begegnet: „Jetzt kommen die West-Berliner Schnösel und nehmen uns den Ernst Busch weg“. Wer hatte diese Haltung Ihnen gegenüber?
Ich will das jetzt nicht Konrad Wolff in den Mund legen, aber das war schon so 'n bisschen die Haltung der Filmemacher, der kulturell Beflissenen, der politisch Denkenden. In Leipzig (beim Filmfestival, JV) hat man das schon gespürt. (...) Ich war ja oft da, ich hab ja fast jedes Jahr 'nen Film in Leipzig gehabt. Da haben wir natürlich auch über Busch geredet. Da hat man diese Haltung auch hinter den Kulissen mitbekommen. Das ist so meine Wahrnehmung, mein Eindruck von damals. Genau belegen kann ich das jetzt nicht – dafür ist das auch zu lange her. Und dafür war der Film leider auch, das meine ich jetzt gar nicht böse, am Ende doch zu unbedeutend. Hat auch zu wenig bewirkt, hat auch zu wenig Eindruck hinterlassen, weil er nicht so gut ist.


„Ein Film darf nicht nur gut gemeint sein.“


Haben Sie daran die Qualität Ihrer Filme bemessen, dass sie was bewirken?
Ja, ich denke schon. Aber ich glaube, ein Film muss gut sein, um was bewirken zu können. Ein Film darf nicht nur gut gemeint sein. Wenn er nicht gut ist, bewirkt er eben auch nichts. Denn die Leute, die sich damit auseinandersetzen müssen und sollen und wollen, die müssen ja in irgendeiner Form angesprochen werden. Und wenn die Form nicht funktioniert, dann funktioniert die Absicht auch nicht. (...)

Sind Sie auch durch Ihre Ausbildung im Werbefach besonders kompetent in solchen Fragen der Wirkung?
Es ist mir vor allem wichtig, wenn man sozusagen eine Botschaft an den Mann bringen will, dass man sich darüber Gedanken macht, wie das funktionieren kann. Und zwar auch unter Berücksichtigung ethischer Normen - propagandistische oder polemische Darstellungen tun das eher nicht. Dazu gehört eben auch die Frage: Wie weit darf man bei so 'nem General gehen? Und wenn man sich den Film anguckt, kann man sagen, dass ich den sehr fair behandelt habe. Dass ich aber natürlich auch wusste, dass er mir bei der einen oder anderen Frage wahrscheinlich ins Messer laufen würde. Denn ich hatte ja ein bestimmtes Bild von diesen Menschen, ich hab sie ja kennengelernt und zwar reihenweise, diese ganzen Jagdflieger. Und auch in abstoßenden Szenen. Also, junge Offiziersanwärter, die, wenn sie einen zu viel getrunken hatten, auf meine Frage „Warum bist du eigentlich in die Bundeswehr gegangen?“ gesagt haben: „Na, weil wir uns Ostpreußen wieder holen wollen! Eines Tages werden wir wieder 'n Großdeutsches Reich haben!“.

Diese politische Brisanz und Konkretheit haben Sie offenbar bei der Beschäftigung mit Busch, der Ikone der Linken, vermisst. Da ging es auch weniger um Aktualität ...
Genau, da war es mehr Ehrfurcht.

Umso reizvoller wäre es gewesen, so jemanden so darzustellen, dass er den Leuten noch was zu sagen hat. Und das ist offenbar nicht gelungen, wenn Sie den Film jetzt so kritisch sehen und sagen, er sei auch nicht gut angekommen.
Ich denke, wenn man den Film unter den damaligen Zusammenhängen sieht, gibt es auch noch eine andere Bedeutung. Ernst Busch wurde ja außerhalb der DDR (...) wenig wahrgenommen. Das hat damit zu tun, dass die Westdeutschen bis zur Wiedervereinigung von den Ostdeutschen eigentlich weniger wussten als umgekehrt. Nun ist der Ernst Busch 'ne Figur der deutschen Kulturgeschichte, wenn man so will, aber einer verdeckten, und in der Bundesrepublik bewusst nicht wahrgenommenen, verschütteten Kulturgeschichte. Insofern war das ein anderes Anliegen, und da hat man gesagt: Wenn uns das gelingt, dass im Zweiten Deutschen Fernsehen so ein Film über so eine Persönlichkeit, die eigentlich bei uns nicht wahrgenommen wird, gezeigt wird, ist das schon ein Fortschritt. Man muss sich nur mal vorstellen, wie damals die Auseinandersetzung lief: Es ging darum, ob man die DDR „DDR“ nennen darf oder ob es die sogenannte DDR ist und so weiter. Das waren Fragen, wo selbst in der SPD Leute gesagt haben: Die DDR muss anerkannt werden, es muss eine andere Form des Umgangs gefunden werden; und auch wenn eines Tages die Wiedervereinigung kommen sollte – aber so wie im Moment der Kalte Krieg das Verhältnis bestimmt, geht es nicht weiter. (...)

War es wirklich so, dass Busch im Westen unbekannt war?
Natürlich, aber sicher! Außer den politisch Bewussten und politisch Engagierten hat den doch keiner gekannt.

Aber es gab doch viele politisch Bewusste und Engagierte in der Zeit.
Ja, ja. Aber Augenblick mal! Wenn man jetzt ins Fernsehen geht, mit wieviel politisch Bewussten hat man es denn da zu tun? Man muss sich das mal vorstellen: Wir sprechen jetzt nicht von Berlin. Wenn ich zurückgegangen bin nach Leverkusen oder nach Köln oder nach Düsseldorf, wo ich die Lehre gemacht hab – ja, Pustekuchen! Da kannte doch kein Mensch Ernst Busch.

Obwohl die Busch-Platten in Dortmund herausgebracht wurden?
Ja, gut, in der Gewerkschaftsbewegung sah es anders aus. Aber das war doch nicht die Reali..., das war doch nicht die ..., wie soll ich sagen, die merkbare Wahrnehmung. Das waren absolute Minderheiten.

Pläne hatte immerhin in den Jahren vor Ihrem Film mehrere 10.000 Busch-Platten im Westen verkauft.
Ja, aber entschuldige mal, was sind mehrere 10.000 Stück? (...) Die gesellschaftliche Relevanz ist doch minimal gewesen. Insofern ist es 'ne Gegenkultur gewesen. Und das Fernsehen war -damals gab 's ja noch kein Privatfernsehen, wobei das für die sowieso nicht interessant gewesen wäre – 'ne quasi staatliche, öffentliche Institution. Wenn da etwas über den Äther gegangen ist, dann hatte das 'ne ganz andere gesellschaftliche Relevanz, als wenn man irgendwo 10.000 Platten an die verkaufte, die sowieso schon von Ernst Busch begeistert waren. Es ist ja nicht so gewesen, dass es einen Markt gegeben hat, wo Leute Gelegenheit hatten, Ernst Busch kennenzulernen. Da gab es halt den erwähnten Laden „Das politische Buch“ am Ernst-Reuter-Platz in der Knesebekstraße – aber da sind ja eh nur die reingegangen, die Bescheid wussten. Das passierte ja auch teilweise mit den Filmen, die wir gemacht haben – dass die nur von bestimmten Leuten angeguckt worden sind in den Verteilungszirkeln.

Gut, aber immerhin wurden diese Pläne-Platten von den Asten in der ganzen Bundesrepublik vor den Unis verkauft ...
Klar, es ging auch rein in die Gewerkschaftsbewegung, später vielleicht auch in die Friedensbewegung und so weiter. Trotzdem muss man sagen, dass der Busch kulturell im Westen keine Rolle gespielt hat. Und ich denke, wenn ich mir das jetzt so vergegenwärtige,
dass für uns damals wichtig war, ein gewisses Ziel, nämlich Öffentlichkeit, zu haben – das haben wir auch erreicht. Und damit ist vielleicht auch die Frage beantwortet, wie weit man da geht in der Einordnung und Beurteilung der Figur Busch; auch in der Frage, welche Rolle er spielte, und vielleicht auch in 'ner eigenen Stellungnahme dazu, die implizit höchstens rüberkommt als Bewunderung und Anerkennung. Wir haben gesagt: Es ist schon 'ne ganze Menge erreicht, wenn so ein Mann im westdeutschen Fernsehen einem Millionenpublikum vorgestellt wird.

Wissen Sie noch den Sendetermin?
Ja, ich hab vorhin nachgeguckt. Das war Juli '79. (...)

Es ist sicher richtig, dass Busch vorher durch die Schallplatten hauptsächlich linken Leuten bekannt war. Aber das war nicht nur auf das Gewerkschafts- und parteimäßig organisierte Leben beschränkt. In Gerd Koenens Buch „Das rote Jahrzehnt“ heißt es zum Beispiel, dass sich die K-Gruppen „an den metallischen Revolutionsgesängen des Ernst Busch berauscht“ hätten ... Ich glaube, dass Maoisten, Anarchisten und alle möglichen sich als links begreifende Leute diese Lieder gehört haben.
Ja, klar. Was bei Busch unverdächtig war und darum integrierbar, ob jetzt in die SEW oder in die K-Gruppen, war die Tatsache, dass er unbestritten 'ne Arbeiterfigur war. Wobei er eine parteipolitische Zuordnung nie in den Vordergrund gestellt hat. Er hat nicht ständig gesagt: „Ich bin Kommunist!“, sondern er war Sänger, Arbeitersänger, Künstler. Er hat sich sozusagen in den Dienst einer Sache gestellt, einer guten Sache oder wie auch immer (lacht). Aber er war ja kein vordergründig politischer Agitator aus seinem Selbstverständnis heraus, sondern ist ja darüber hinausgegangen. Insofern war das natürlich auch in den 20er Jahren viel integrierter in größere proletarische Zusammenhänge ... Weil Sie vorhin nach Liebesliedern gefragt haben: Die Leute, von denen Sie eben gesprochen haben, die sich an seiner Stimme berauschten (lacht), die kannten mit Sicherheit nur drei, vier Lieder. Die kannten halt „Vorwärts und nicht vergessen“ und „Spaniens Himmel“. Und wenn man weiß, was der Busch alles gemacht hat ... (...)

Zum Schluss möchte ich Sie bitten, noch etwas zu den Dreharbeiten bei Busch in Ost-Berlin zu sagen. Wie war das?
Ich weiß noch, dass wir immer über die Bornholmer Straße eingereist sind, immer schön unser Carnet und die ganzen Papiere dabeihatten. Aber so oft waren wir gar nicht bei ihm, glaube ich. Wie oft? Vielleicht sieben-, achtmal. Man musste das entsprechend vorher anmelden: die Tage und dann die Geräte. Das war immer ein ziemlicher Aufwand mit den Papieren. Dann sind wir mit dem VW-Bus der Akademie zur Grenze gefahren, wurden kontrolliert, haben alles vorgezeigt. Ich glaube, das ging sogar mit Unterstützung des ZDF, die hatten auch 'n Büro in Ost-Berlin, das ging über Journalistenvisum. Eigentlich war es gar nicht so wild. Natürlich musste man alle Papiere dahaben, und die Koffer wurden aufgemacht, es wurde geprüft, ob auch die Geräte alle drin sind – man durfte ja keine Geräte dalassen oder andere Dinge mitbringen.

Und dann fuhren Sie nach Hohenschönhausen in die Leonard-Frank-Straße ...
Genau.

Wie liefen die Sitzungen? Wie war die Atmosphäre?
(...) (Exkurs über Irene Busch) Es war ein sehr bürgerliches Haus, 'ne alte Villa, könnte man sagen. Das war schon ein bisschen anders, als ich es gewohnt war ... – wie hab ich damals gelebt? In 'ner Studentenbude. Das sind so Erinnerungen in meiner Wahrnehmung ... ich will nicht sagen, ich hätte mich da nicht wohl gefühlt, das wäre jetzt falsch. Es war 'ne freundliche Atmosphäre. Busch war 'n sehr warmherziger Mensch. Ich war gern in seiner Nähe, das war sehr angenehm, auch wenn er sehr sprunghaft war und auch 'n bisschen launisch. Aber das fand ich spannend.

Waren Sie per Sie?
Ja, ja. Wir waren per Sie ... weiß ich gar nicht ... ich glaub schon ... das ist interessant, das weiß ich nicht mehr ... (...) Meistens waren wir im Wohnzimmer, wo der Flügel stand. Viele Bücher hatte er. Man musste auch aufpassen, weil er physisch nicht mehr sehr belastbar war, weil er schon sehr angeschlagen war. Deswegen war das gar nicht so intensiv. (...)



Interview: Jochen Voit





Letztes Update 31.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
Erinnerungsorte revisited



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