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Liesel Markowski

über die Aufbruchstimmung in der jungen DDR und die Gemeinschaft stiftende Rolle der Musik von Hanns Eisler und Ernst Busch




"'Kuhle Wampe' und das 'Solidaritätslied' - die wurden in der DDR erst wieder lebendig gemacht ..." (Gespräch am 9. Februar 2006 in Berlin)

Dr. Liesel Markowski (Foto: Jochen Voit)
Liesel Markowski (geborene Carow) ist Jahrgang 1928. Sie wächst in Rostock auf, wo sie das Lyzeum besucht und bis zu ihrem 22. Lebensjahr wohnt. Die Mutter ist gelernte Schneiderin und macht ihre Tochter frühzeitig mit den Grundlagen ihres Handwerks vertraut. Der Vater, der als Flieger am Ersten Weltkrieg teilgenommen hat, ist promovierter Ökonom und mittelständischer Unternehmer: In seinem Betrieb werden Reinigungsmittel und Wachse hergestellt. 1940 wird er zur Wehrmacht eingezogen; er wird bei einem Bombenangriff 1945 in Riga verletzt und stirbt an den Folgen dieser Verletzung in einem Lazarett in Schwerin. Seine Tochter, die in den letzten Kriegsjahren zusammen mit ihrer Mutter im Sommerhaus der Familie bei Warnemünde gelebt hat, macht 1947 ihr Abitur in Rostock und anschließend eine Lehre als Damenschneiderin. Eigentlich will sie Chemie studieren, wird aber wegen ihrer bürgerlichen Herkunft zunächst nicht zum Studium zugelassen. Neben der Ausbildung singt sie im Bach-Chor und nimmt Gesangsunterricht. Nach der Lehre geht sie an die neu gegründete Deutsche Hochschule für Musik (später: "Hanns Eisler") in Berlin und studiert Gesang, wechselt später zur Musikwissenschaft und macht 1959 ihr Examen an der Humboldt-Universität. Im selben Jahr wird Liesel Markowski Redakteurin bei der Fachzeitschrift Musik und Gesellschaft. Sie bleibt dem Blatt 30 Jahre lang verbunden, von 1973 bis 1990 ist sie Chefredakteurin. Seit 1955 ist sie verheiratet mit Paul Markowski, mit dem sie eine Tochter hat. Durch ihren Mann, der aus einer Arbeiterfamilie mit kommunistischer Tradition stammt, wird Liesel Markowski nachhaltig politisch geprägt. Paul Markowski ist zunächst als Dolmetscher bei Veranstaltungen der FDJ tätig, übernimmt dann in der SED im Bereich Außenpolitik verschiedene Posten und ist ab 1971 Mitglied des ZK der SED. Er kommt 1978 bei einem Hubschrauberabsturz in Libyen (zusammen mit Werner Lamberz) unter bis heute nicht geklärten Umständen ums Leben. In den 80er Jahren lässt sich Liesel Markowski für einige Zeit von der Redaktionsarbeit freistellen, um an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED bei Günter Mayer (Humboldt-Universität) zu promovieren. Das Thema lautet: „Massenmedien und Musik in der kompositorischen Praxis und im theoretischen Denken Hanns Eislers.“ Bis heute arbeitet Liesel Markowski als Musikwissenschaftlerin und –journalistin. Sie schreibt Kritiken für die Tageszeitung Neues Deutschland und engagiert sich in der PDS. Sie lebt in Berlin.



JV: Ihre Schulausbildung fiel zu großen Teilen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Können Sie bitte zunächst ein wenig von dieser Zeit erzählen?
Dr. Liesel Markowski: Wir hatten ein Häuschen an der Ostsee in Markgrafenheide, da wohnten wir ab 1943 wegen der Fliegerangriffe. Und ich bin jeden Tag von Markgrafenheide nach Rostock zweieinhalb Stunden zur Schule gefahren. Morgens um halb, dreiviertel sechs bin ich aus dem Haus, um dann um acht in der Schule zu sein! Erst zu Fuß, dann stieg ich in die Strandbahn, dann ging es weiter mit der Fähre und dann mit dem Zug. Winter und Sommer. (...)

Wie waren Ihre Eltern politisch eingestellt?
Mein Vater muss kurze Zeit ein Nazi gewesen sein. Und meine Mutter hat gesagt, dass er zur Zeit der Röhm-Affäre, das war 1934, Schluss gemacht hat. Als sie Ernst Röhm umgebracht haben, hat es ihm gereicht. (...) Er hat sich von den Nazis total getrennt, da bin ich mir ziemlich sicher, auch wenn ich mich nur an die wenigen Male erinnere, wo er auf Urlaub zu uns kam. Mein Vater war 1940 eingezogen worden. Er ist dann Major gewesen und hat ein Luftwaffen-Baubataillon in der Nazi-Armee geleitet, und 1945 ist er  zu Tode gekommen. Das heißt, ich habe keine Möglichkeit gehabt, jemals in einem fortgeschrittenen Alter mit dem Vater zu diskutieren. Ich war zwölf Jahre alt, als er in den Krieg musste ... Ich erinnere mich zum Beispiel noch an einen seiner Urlaubstage in Markgrafenheide: Da haben wir abends die Fensterläden geschlossen, wir mussten ja verdunkeln, und ich sollte ums Haus gehen, er war sehr vorsichtig, und gucken, ob jemand draußen war und lauschte. Und dann hat er Radio London gehört. Ein anderes Mal hat er meiner Mutter erzählt, ich hab das heimlich mitgehört, dass die SS in Riga Säuglinge hochgeworfen und mit dem Bajonett aufgefangen hat. Ich erinnere mich noch, dass er das gesagt hat. Also, er war sich völlig im Klaren darüber, was die Nazi-Armee und die SS anrichteten. Zeitweilig war er auch im Mecklenburgischen stationiert und hatte sowjetische Gefangene. Und ich weiß noch, dass er gesagt hat: „Bei mir kriegen die was zu essen, ich lass mir da nichts vorschreiben!“ (...)

Ab wann und wodurch haben Sie so etwas wie ein politisches Bewusstsein entwickelt?
Das geschah durch Paul, meinen Mann. Er stammte aus Magdeburg, war ein Jahr jünger als ich und hatte schon vor der Abiturprüfung seinen Dolmetscher in Englisch gemacht. Er sprach fließend Englisch und Französisch - später kam sogar noch Spanisch dazu ... Wir hatten uns 1948 bei einem Maskenfest in Rostock kennen gelernt, wo er an der Universität studierte. Sein Vater war Kaschube wie Günter Grass, stammte aus Danzig, war bei den roten Matrosen in Kiel gewesen und hatte an der Revolution 1918 in Berlin teilgenommen. (...)

(Exkurs über Liesel Markowskis Schwiegervater und dessen Beteiligung an der Revolution 1917/18)


„Es gab wildeste Diskussionen!“ – Politisierung als Studentin


Ihr Mann war also durch sein Elternhaus vorgeprägt und links eingestellt ...
Ja, sicher, der Vater war ja Kommunist und in der Kommunistischen Partei. Es war aber trotzdem nicht so einfach, mein Mann ist erst relativ spät in die SED eingetreten und nicht direkt in die KP. Er hat sich zuerst auf die Sprache gestürzt, er konnte dann fließend Russisch und unterrichtete auch bald. Ich hatte in der Schule auch Russisch, wobei sie uns leider nach zwei Jahren Französisch gestrichen haben. (...) In Russisch waren wir praktisch ABC-Schützen, und wir haben versucht, das zu lernen so gut es ging. Ich kam sogar in die mündliche Prüfung im Abitur, das war 1947, und keiner konnte Russisch außer der Prüferin und mir ... Das war sehr lustig. Ich musste dann entsprechend dem Stadium, in dem wir uns in der Sprache befanden, Wörter aufsagen. Ich weiß noch, dass es um Fleischsorten ging. Ich zählte auf: „swinina“, das heißt Schweinefleisch, „teljatina“, Kalbfleisch, und dann sagte ich „skarlatina“, und sie fing an zu lachen, das heißt nämlich Scharlach.  Also, ich war noch im Anfangsstadium, mein Mann war da viel weiter. Aber weil Sie nach der politischen Einstellung fragen: Natürlich bin ich durch ihn, aber auch durch Gespräche an der Hochschule und der Universität mit anderen Studenten politisiert worden. Aber es war keineswegs alles klar, es gab wildeste Diskussionen. Wildeste Diskussionen. Und was mich am meisten überzeugt hat, waren der historische Materialismus und das „Kommunistische Manifest“. Und natürlich „Was tun“ von Tschernitschewski, es war das erste Buch, was mich politisch beeindruckt hat. Tschernitschewski war einer der revolutionären Demokraten Russlands aus dem 19. Jahrhundert. (...) Es ging also nicht so vor sich, dass ich gesagt habe: „So, jetzt machen wir das.“ Im Gegenteil, ich habe gesagt: „In die FDJ trete ich nicht ein! Wenn ich sehe, dass ihr mit den gleichen Fanfaren ankommt wie die Nazis, dann will ich das nicht.“ (...)


„Ich hab immer alles mitgesungen“ – Musikalische Prägungen


Was für musikalische Vorlieben hatten Sie damals, also in der Zeit, als Sie Abiturientin waren?
Ich wollte eigentlich Klavierunterricht nehmen, das Klavier war sogar schon gekauft. Aber das ist nichts geworden, weil noch Krieg war, und das Klavier zerbombt worden ist ... Ich hab zeitweise Akkordeon gespielt, war aber nicht besonders talentiert. Natürlich haben wir viel gesungen, alle möglichen Volkslieder und auch Schlager.

Welche Interpreten mochten Sie gerne? Hans Albers?
Hans Albers war ein großartiger Filmschauspieler, und „Große Freiheit Nr.7“ ein toller Film. Und, klar, „La Paloma“ mochte ich auch. Für Ilse Werner hab ich auch geschwärmt ... Ich kannte auch alle möglichen Operetten-Schlager aus dem Radio. „Schlösser, die im Monde liegen“ und so ein Lehár-Zeug, „Machen wir 's den Schwalben nach“ und ich weiß nicht was. Ich hab immer alles mitgesungen. Nach 1945 war ich dann im Rostocker Bach-Chor. Ein wirkliches Schlüsselerlebnis dort waren die Aufführungen der „Matthäus-Passion“ und der „Hohe Messe“ in der Marienkirche - das war schon ein Qualitätssprung. Aber es hat meine Stimme sehr angestrengt. Ich habe dann Gesangstunden genommen. Außerdem wurde auch bei uns in der Schule immer gesungen, wir haben zu dieser Zeit sehr schöne Volkslieder und auch Choräle kennen gelernt.

„So, jetzt reicht 's mir!“ – Ausbildung zur Damenschneiderin


Waren Sie sich direkt nach dem Abitur schon im Klaren, dass es beruflich in Richtung Musik gehen sollte?
Nein, zunächst habe ich mich für andere Fächer an der Rostocker Universität beworben: Chemie oder Jura, ich weiß es nicht mehr so genau. Jedenfalls bin ich dreimal nicht zugelassen worden, was nicht an der Qualität meines Abiturs lag, sondern daran, dass mein Vater Unternehmer gewesen war. Und meine Mutter war ja gelernte Schneiderin, sie hat immer für uns genäht und hat mir auch einiges beigebracht. Also habe ich in der Zeit, wo ich auf die nächste Zulassung wartete, die ich wieder nicht kriegte, in der Schneiderei gearbeitet. Ich wechselte die Werkstatt. Nach der dritten Ablehnung habe ich gesagt: „So, jetzt reicht 's mir! Ich erwarte, dass Sie mir diese Zeit anerkennen, ich will jetzt die Gesellenprüfung als Damenschneiderin machen.“ Schließlich durfte ich als Umschülerin in anderthalb Jahren die Prüfung machen; zusammen mit einer Klassenkameradin war ich bei einer Meisterin, die gleich ihre Gesellin entließ, weil wir ja für ein Taschengeld gearbeitet haben. Wir konnten ja schon viel, wir waren gute Kräfte. Dann habe ich die Gesellenprüfung gemacht und war Damenschneiderin, ich kann Ihnen meinen Gesellenbrief zeigen. In der DDR hieß das übrigens dann Facharbeiterbrief.


„Der Kleinste, der Ärmste und der Beste“ – Paul Markowski


Haben Sie dann einen neuen Anlauf genommen, um zum Studium zugelassen zu werden?
Nein, nicht sofort. Mittlerweile kannte ich ja meinen Mann schon. Der wurde, weil er so gut in Fremdsprachen war, von der Universität weggeholt und beim Deutschlandtreffen 1950 in Berlin als Französisch-Dolmetscher eingesetzt. Freunde, die meinen Mann vom Studium der Anglistik und Romanistik  her kannten, haben gesagt: „Er war der Kleinste, der Ärmste und der Beste.“ Jedenfalls kam er so zur politischen Arbeit, war dann auch in der FDJ aktiv. Später ist er dann auch in die SED eingetreten. Also, er war in Berlin und ich in Rostock. Da hat er gesagt: „Komm nach Berlin, hier ist was los und hier kannst Du studieren.“ Er wusste ja, dass ich mich mit Gesang beschäftigte und er hatte gerade einen Vortrag von Professor Georg Knepler, dem Rektor der neu entstehenden Musikhochschule, gehört. Ich bemühte mich dann um Aufnahme für Gesang, und es hat geklappt. Ich weiß noch, ich kam mit der G-Moll-Arie der Pamina aus der „Zauberflöte“ zur Prüfung. Und einige Rostocker Studenten, die sich da auch bewarben, sangen die Songs aus der „Dreigroschenoper“ von Brecht / Weill. Ich war ganz eingeschüchtert, als die sagten: „Das ist jetzt das Neue!“, und dachte: „Mensch, da kann ich ja überhaupt nicht mithalten“.

Warum waren Sie eingeschüchtert?
Mein Mozart war doch bei denen gar nicht gefragt. Und die sangen den „Kanonensong“ von der Seeräuber-Jenny, so was hatte ich noch nie gehört.


„Ich bin eher ein theoretischer Typ“ – Vom Gesang zur Musikwissenschaft


Konnten Sie mit dieser Musik etwas anfangen?
Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, sie gefiel mir nicht besonders. Aber wie sollte das auch anders sein? So aus dem blauen Dunst heraus kann man ja keinen Zugang finden. Aber eigentlich ist es dann für mich ganz gut gelaufen: Ich hab 1950 angefangen mit dem Gesangsstudium, das mir großen Spaß machte. Dann haben sie leider erst nach Jahren festgestellt, dass meine Stimme nicht ausreicht. Ich bin dann zur Theorie gewechselt, zur Musikwissenschaft, und habe das Examen an der Humboldt-Universität mit Eins gemacht. (...) Sängerin wär wahrscheinlich auch nichts für mich gewesen. Ich bin eher ein theoretischer Typ.

Was war für Sie das Spannende an der Musikwissenschaft?
Ich hatte damals schon Interesse an musikhistorischen Zusammenhängen, das war durch Georg Knepler, seine Vorlesungen geweckt worden. Wir haben über das Besondere bei Mozart gesprochen, wir haben Beethoven analysiert. Das war unglaublich spannend. Beethoven beispielsweise ist 1770 geboren, und er hatte mit 19 Jahren sein prägendes Erlebnis, das war die Französische Revolution. Schubert dagegen ist 1797 geboren, dessen Grunderlebnis war die Restauration. Und all das findet sich natürlich auch in der Musik, wir haben Rückschlüsse gezogen, haben diskutiert und viel gelernt. (...) Überhaupt war das Studieren an der Hochschule sehr interessant. Übrigens ging da auch Hanns Eisler ein und aus, er gab ja Kompositionsunterricht ...


„Entdeckungsjahre“: Neue deutsche Volkslieder von Eisler / Becher


Kannten Sie damals schon Eislers Musik, kannten Sie die von Ernst Busch gesungenen Lieder?
Ich glaube, dass eines der ersten Eisler-Lieder, die ich damals kennen lernte, dieses war "Heimat, meine Trauer". Das heißt „Deutschland“ und gehört zu den "Neuen deutschen Volksliedern". Ich weiß aber nicht mehr genau, ob das an der Hochschule war oder wo ich das kennen lernte. Es muss jedenfalls zu Beginn der 50er Jahre gewesen sein. (...)

Spielten diese Lieder auch privat eine Rolle für Sie und Ihren Mann? Fanden Sie die gut und politisch relevant?
Diese Lieder waren natürlich sehr wichtig damals. Aber was wir im Einzelnen gesungen und gehört haben, das weiß ich nicht mehr so genau, ist einfach zu lange her. Und mein Mann hat dann eigentlich die Musik gehört, die ich angebracht habe. Musikalisch war ich bei uns dominierend ... Wissen Sie, die Jahre nach dem Krieg waren richtige Entdeckungsjahre, weil sich einfach alles im Umbruch befand. Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Es ist nun aber nicht so gewesen, dass wir ständig „Bau auf, bau auf!“ und so was gesungen haben, wie das heute in einigen Veröffentlichungen behauptet wird. Ich hab in meinen Liederbüchern aus der Zeit nachgeguckt, da ist „Bau auf“ gar nicht enthalten. Das hat vielleicht der Parteiapparat gesungen, aber nicht die Massen. (...) Was man ernst nehmen muss, sind diese "Neuen deutschen Volkslieder" von Eisler und Becher. Und die hat Ernst Busch einzigartig gesungen. Sie sind, und daran erinnere ich mich ganz gut, bei den Leuten angekommen, auch wenn sie nicht gerade sentimental, wohl aber gefühlvoll sind.


„Ernst Busch wurde unter der Decke gehalten“ – Busch in den 50ern


Welche Rolle spielte Ernst Busch damals für Sie?
Wissen Sie, Ernst Busch wurde meiner Erinnerung nach ziemlich unter der Decke gehalten wegen dieser Sache mit der Schallplatte. Er wollte seinen Verlag Lied der Zeit, so weit ich weiß, nicht abgeben und ist sozusagen enteignet worden. Damals war ich noch sehr jung, aber man hatte das dann irgendwie mitbekommen. Und es ist natürlich auch so, dass diese Kampfmusik, die in den 20er Jahren eine wahnsinnige Wirkung hatte, in den 50er Jahren nicht mehr so ankommen konnte. Darum sind die neuen Eisler-Lieder, die ja in enger Zusammenarbeit mit Busch entstanden sind, so wichtig. Busch hat „Heimat, meine Trauer“ gesungen, und das konnten die Leute nachfühlen. Sie müssen sich mal überlegen, wie Berlin damals aussah: Die Innenstadt war total kaputt. Unter den Linden war nur das FDJ-Zentralratsgebäude in Ordnung, die Staatsoper war zerstört, die Humboldt-Universität ebenfalls, der Ostflügel bestand bis in die 60er aus hohlen Mauern. Wir konnten oft nicht in die Universität, weil der Haupteingang wegen Einsturzgefahr gesperrt war. Unter den Linden fuhr eine Trümmerbahn aus aneinander gehängten Loren, die den Schutt abgefahren haben. Wir Studenten haben uns in der Frankfurter Allee, damals Stalin-Allee, auch an den Enttrümmerungsarbeiten beteiligt. Die Steine wurden alle sorgfältig geprüft und geordnet, sie wurden ja alle wieder verbaut. Und die Luft in der Innenstadt war im Sommer voll mit Mörtel und Staub, so war das. Also, das Lied passte in diese Zeit ...

Waren Sie als Studentin politisch organisiert?
Natürlich, ich war in der FDJ. In die Partei bin ich erst 1956 eingetreten. Und das hatte nichts mit Stalins Tod zu tun. Ich sag das nur, weil eine ganze Reihe von Leuten '53 aus Anlass von Stalins Tod in die SED gegangen sind – also ihm zu Ehren, aus Solidarität gewissermaßen. Wir wussten ja vor dem 20. Parteitag der KPdSU nicht, was da los gewesen war! Es änderte sich erst 1956 nach der sogenannten Geheimrede von Nikita Chruschtschow. (...)

(Ende der ersten Kassettenseite)

Sich für den neuen Staat einzusetzen war Ihnen wichtig ...
Wissen Sie, man war eben jung. Und das, was die Nazis gemacht hatten, wurde einem erst allmählich bewusst. Man war nicht so aufgeklärt wie heute, heute reflektiere ich das natürlich ganz anders. All dies zu verarbeiten dauerte sehr lange ... Ich hatte 1945 bei Warnemünde auch persönliche Begegnungen mit Leuten, die in blau-weiß gestreiften Kitteln gerade aus dem KZ kamen. Das war sehr dramatisch, ich will das eigentlich nicht erzählen ... (...)

War Antifaschismus aus Ihrer Sicht die wichtigste Basis für den politischen Neuanfang in der DDR?
Ja, sicher! Und es ist eine Unverschämtheit, wie heute darüber geurteilt wird, wie das runtergemacht wird. Wir haben uns damit wirklich auseinandergesetzt, es gab bei uns wichtige Filme zu diesem Thema und Bücher wie „Professor Mamlock“ von Friedrich Wolf oder „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz. Das hat es in der BRD so nicht gegeben! Man müsste das mal alles zusammenstellen und öffentlich machen. (...)


„Eine Lücke in der Wahrnehmung“ – Abriss linker Traditionen


Kommen wir noch mal zu Ernst Busch. Erinnern Sie sich noch an „Ami, go home“?
Klar, den Song haben wir gesungen.

Also gab es durchaus Busch-Lieder, die Sie zu Beginn der 50er gesungen haben ...
Ja. Aber es fällt mir jetzt schwer, diese Lieder in direkten Bezug zu meinem Leben zu setzen. Bei bestimmten großen Anlässen hat Ernst Busch natürlich „Ami, go home“ gesungen, das gab es auch auf Schallplatte. Er muss es irgendwie in Zusammenhang mit den Pariser Verträgen gemacht haben, ich weiß es nicht genau. Jedenfalls hat er das auch öffentlich gesungen, und das wurde natürlich wahrgenommen. Trotzdem waren die Voraussetzungen für seine Wirkung völlig anders als in den 20er Jahren. Weil Eisler und Busch damals in die politischen Kämpfe integriert waren und die Lieder zum Teil aus den Situationen heraus geschaffen haben. „Roter Wedding“ war ein Lied, das direkt aus der Zeit entstanden ist. Und bei den Versammlungen, wo sie auftraten - Sie kennen die Beschreibungen - brüllten die Leute schon „Stempellied!“ und was weiß ich, sie kannten doch diese Lieder. So etwas gab es bei uns dann nicht mehr, da klaffte inzwischen eine Lücke in der Wahrnehmung. Busch war ja zunächst bei der Jugend und bei der Masse nicht bekannt. Es wurde dann allmählich bekannt, dass er im KZ war, dass er von Frankreich ausgeliefert wurde und in Brandenburg im Zuchthaus war. Also, so integriert wie in den 20er und frühen 30er Jahren konnte Busch nicht mehr sein. Die Nazis hatten ja alles weggedrückt: „Kuhle Wampe“ und das „Solidaritätslied“ – all das wurde ja erst langsam wieder lebendig gemacht in der DDR ...


„Das Lied gehört abgeschafft!“ – Die deutsche Nationalhymne


Bei welchen Anlässen haben Sie „Ami, go home“ gesungen?
Ich weiß es nicht mehr. Am 1. Mai wahrscheinlich. Wir haben auch andere Lieder gesungen wie zum Beispiel „Freundschaft, Einheit, Frieden“. Die DDR hat ja bis Anfang der 60er Jahre festgehalten an der Idee von der Vereinigung Deutschlands, das wird ja heute auch alles bestritten und unter den Teppich gekehrt. In diesem Lied ging es um ein einiges Deutschland, und das haben wir begeistert auf der Straße gesungen.

In der „Kinderhymne“ von Brecht kommt auch der Hinweis auf ein vereintes Deutschland vor ...
Ich bin ja sowieso der Meinung, dass „Anmut sparet nicht noch Mühe“ in Eislers Vertonung die Nationalhymne Deutschlands sein sollte. Können Sie verstehen, dass ich das „Deutschlandlied“ nicht singen kann und dass ich das nicht hören will? Wir haben es in der Nazizeit ständig mit erhobener Hand hören müssen, und anschließend kam das „Horst-Wessel-Lied“.

Beim BDM?
In der Schule! Wir mussten auf dem Flur sitzen und die Hitler-Reden anhören – als ziemlich kleine Kinder. Und bei jeder Gelegenheit wurde das Lied gespielt. Ich bin mir darüber klar, dass der Text von Hoffmann von Fallersleben kein nationalistischer Text ist. Das war ein Bekenntnis der 1848er zu der Einheit ihres Heimatlandes, ganz ehrlich und ganz echt. Aber die Nazis haben es derartig missbraucht, dass ich der Meinung bin: Dieses Lied gehört abgeschafft als Hymne! Da können Sie andere meiner Generation fragen, alle werden Ihnen bestätigen, dass sie es als Zumutung empfinden. Aber das ist eben eine Machtfrage ...

Die dritte Strophe ist ja eigentlich ganz in Ordnung ...
Ja gut, was soll denn das? Sind wir so arm, dass wir nicht mal eine neue Hymne fertig bekommen? Das Lied hat eine wunderschöne Melodie, das Haydn-Quartett ist großartig - in der DDR wurde es natürlich nicht gespielt. Es geht ja auch nicht darum, dass das Lied schlecht wäre, sondern darum, was damit gemacht worden ist! (...)

(Exkurs über Fürnbergs „Lied von der Partei“, das Liesel Markowski heute kritisch sieht)


„Wir machten 180 Blatt im Monat“ – Bei Musik und Gesellschaft


Kommen wir wieder zurück zu Ihrer professionellen Beschäftigung mit Musik. Nach dem Studium wurden Sie 1959 Redakteurin bei Musik und Gesellschaft. Können Sie ein wenig von Ihrer Tätigkeit dort erzählen?
Es war in der DDR oft so, vielleicht ist das auch in diesem Fach oft so, dass man eine Stelle bekam und dann wurde sie zur Lebensstellung. Ich war ja eigentlich eher wissenschaftlich orientiert, aber man wurde auch ein bisschen geschoben, jedenfalls wurde mir diese Tätigkeit bei der Fachzeitschrift angeboten. Ich habe dort dann 30 Jahre gearbeitet. (...) Herausgegeben wurde die Zeitschrift vom Komponistenverband der DDR, die Auflage betrug ungefähr 8000 Stück. Wir waren anfangs eine kleine Redaktion: der Chef und ich und zwei Sekretärinnen. (...) Wir haben mit sehr wenigen Mitarbeitern 180 Blatt im Monat produzieren müssen. Das ging damals ja alles ohne Computer. Ich hab Schallplatten-, Konzert- und Opernrezensionen geschrieben – das mache ich heute auch noch. Aber damals kam ich gar nicht so viel zum Schreiben, weil ich fortwährend die Redaktionsarbeit hatte. Manche Artikel musste man praktisch neu schreiben, vor allem Übersetzungen aus dem Russischen oder offizielle Texte, die zum Teil in einem scheußlichen Deutsch verfasst waren. Es gab aber immer auch Verbandssachen und Berichte von Kongressen, die man einfach übernehmen musste. Und natürlich haben wir auch Ernst Busch besprochen, also vor allem seine Aurora-Serie. (...)

Also wurde Busch doch nicht komplett "unter der Decke gehalten", wie sie es vorhin genannt haben ...
Ich kann das nicht richtig beurteilen. Ich hatte Ende der 50er im Rahmen meines Studiums ein kurzes Praktikum in der Schallplatte (VEB Deutsche Schallplatten; JV) gemacht und weiß nur noch, dass ich da Bänder von Busch durchhören und die Qualität der Aufnahmen beurteilen sollte. Und ich hatte wenig Ahnung davon, und man hat mir auch wenig Hilfestellung gegeben. Ich war ja Studentin, keine Wissende, keine Informierte. Und mein Eindruck war, dass man dem Busch fremd gegenüber stand – aber das ist nur eine vage Erinnerung.

Haben Sie sich privat Platten von Busch gekauft?
Kann sein, aber wir hatten sie dann ja in der Redaktion, weil wir sie besprochen haben. Wir haben uns natürlich auch privat mit diesen Liedern auseinandergesetzt. Auch bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1951 in Berlin hat Ernst Busch eine Rolle gespielt. Aber ich kann Ihnen nicht genau sagen, wann und wie das vor sich ging, dass Busch etwas aus dem Blickfeld geriet.


(Exkurs über die Singebewegung und den Oktoberklub sowie die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik in der Zeitschrift)


„Ich fand Eisler toll!“ - Dissertation über Eislers Medienkonzept


In den 80ern promovierten Sie über Hanns Eislers Medienkonzept. Wie kamen Sie zu diesem Thema, wie kamen Sie zu Eisler?
Ich wollte immer schon über Eisler arbeiten. Wir waren doch erfüllt von den Aufführungen des Berliner Ensembles, zu denen Eislers Musik erklang. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Aufführung der „Mutter“, wo auch Busch auftrat. Das hat mich natürlich schon beschäftigt. In meinem Gesangsstudium war Eislers Musik ja nicht besonders präsent, weil ich klassischen Gesang studiert und mich nicht mit Songs beschäftigt habe. Aber später im Beruf begegnete er mir immer wieder, wir haben dann in Musik und Gesellschaft auch über den „Faustus“ geschrieben ... Außerdem wollte ich nicht immer bloß journalistisch arbeiten und die Redaktionsmühle machen. Ich hab dann eine Auszeit genommen und war von 1983 bis 1986 Aspirantin. Promoviert habe ich an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, da herrschten günstige Studienbedingungen – meine Gutachter kamen aber von der Humboldt-Universität, mein Betreuer war der Eisler-Forscher Günter Mayer.

Sie haben Ihren Doktor in Philosophie gemacht. Gehörte die Musikwissenschaft ...
Ja, die Musikwissenschaft war und ist Teil der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität. Und an der Gewi-Akademie gehörte ohnehin alles zur Philosophie. Ich muss sagen, dass es ein angenehmes Arbeiten war: Ich bekam ein Stipendium, mein Gehalt wurde solange storniert. (...) Also, mir hat diese wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Eisler viel Freude gemacht.  Leider ist die Arbeit dann nicht veröffentlicht worden, obwohl es gar nicht so viele Eisler-Dissertationen gab. (...)


„Das zündete einfach“ – Eisler und Brecht als Songschreiber


Was ist das Besondere an den Eislerschen Kampfliedern?
Die Einfachheit und der Rhythmus. Und natürlich die Verbindung mit den Texten von Brecht. Die Lieder sind textlich und musikalisch auf den Punkt gebracht: „Die So-li-da-ri-tät“ – das ist so einprägsam. Man müsste es heute wieder singen. Eisler wollte Niveau in die Massenkultur bringen, er wollte vom Kitsch weg. Das habe ich auch versucht, in meiner Arbeit zu erklären. Denken Sie an den Film "Regen" und seine Musik „14 Arten den Regen zu beschreiben“, Eislers Projekt während der Emigration in den USA. Wir sind heute meilenweit entfernt von solchem Niveau in der Filmmusik! Es gibt ja fast nur noch Kitsch und Niveauloses auf diesem Gebiet, ich kann es manchmal gar nicht mehr ertragen. Sie müssen überlegen: Eisler kam von Schönberg, bei dem jeder einzelne Ton eine kolossale Rolle spielte. Erst nach dieser Erfahrung hat er zu der Musik gefunden, die dann zusammen mit den Brecht-Texten so populär wurde. Und jene Verbindung ist das Entscheidende bei den Songs und den Massenliedern. Das zündete einfach.

Es gibt ja verschiedene Erklärungsversuche in der Fachliteratur, wie Eislers Hinwendung von der avancierten Kunstmusik hin zum Agitprop, zum Arbeiterlied, zum Populären vor sich gegangen ist ...
Das ist einerseits eine Frage der intellektuellen Entwicklung. Das können Sie in Eislers Schriften und in den Bunge-Gesprächen nachlesen. Brecht spielt hier auch eine große Rolle. Und das ist andrerseits natürlich auch eine Sache, die nicht nur rational-politisch war. Da müssen Sie sich nur mal die Lieder anhören.

Haben Eislers Lieder zur Zeit Ihrer Dissertation überhaupt noch eine Rolle im Kulturleben der DDR gespielt?
Naja, das kann ich jetzt nicht so einfach sagen, das müsste man recherchieren. Sicher wurde mehr Eisler gespielt als jetzt. Die Kampflieder waren eine historische Größe, ihre Wirkung war aber sicherlich zeitgebunden. Deswegen würde ich Ihnen empfehlen, sich das Festival des politisches Liedes anzugucken, das in der DDR auch eine feste Größe war – aber stärker in der Gegenwart verwurzelt. Was dort geboten wurde, hatte nicht Eislersches Niveau, dazu war der Eisler zu genial, aber es war wichtig. Ich fand manches davon gut. Und ich glaube, dass die Singebewegung in der DDR und das Festival eine vergleichbare Wirkung in ihrer Zeit hatten. (...)


„Leute massenhaft erreichen“ – Das Populäre bei Eisler / Busch


Gab es jemanden in der DDR, der Ihrer Ansicht nach in die Fußstapfen von Busch hätte treten können?
Da gab es den Hermann Hähnel, der das versucht hat. Er hat diese Eisler-Lieder zum Teil, am Klavier begleitet von Inge Kochan, gesungen. Da gibt es auch Aufnahmen, sie sind nicht schlecht – aber das ist natürlich kein Busch. (...) Es ist schwierig mit solchen Vergleichen, aber wenn wir von Eislers Musik reden, müssen wir auch über Heiner Goebbels reden, der Rockmusik gemacht hat, der Sachen von Heiner Müller vertont hat und der sehr viel hält von Eisler und auf ihm fußt. Das bewegt mich sehr, was Heiner Goebbels macht. Das ist natürlich ein ganz anderer Anspruch, damit können Sie nicht auf die Straße gehen. Aber wenn ich heute sehe, dass da bei Demonstrationen nur noch auf Trillerpfeifen getönt wird, finde ich das ästhetisch schrecklich heruntergekommen. Aber man kann den Leuten das doch nicht übel nehmen ...

Waren diese frühen Eisler/Busch-Lieder eine intelligente Art der Popmusik?
Ja, könnte man sagen, meinetwegen in Anführungszeichen. Eisler wollte natürlich die Leute massenhaft erreichen, aber er wollte eben auch Qualität haben. (...)

Haben Sie ein Lieblingslied von Eisler?
Die Brecht-Vertonung „Anmut sparet nicht noch Mühe“, wenn ich das so schnell sagen soll. Also, das ist jedenfalls eines der Lieblingslieder. Ich finde es wunderbar. (...)

Haben Sie auch ein Lieblingslied von Busch?
„Heimat, meine Trauer“ von Eisler und Becher hat er sehr bewegend gesungen. Natürlich haben auch die von Eisler vertonten Tucholsky-Sachen viel Reiz und Atmosphäre:  „Anna-Luise" zum Beispiel.

Würden Sie diese Lieder den Spanien-Liedern vorziehen?
Das ist keine besonders kluge Frage. Das sind einfach verschiedene Welten. Aber natürlich gefällt mir das "Lied von der Jarama-Front“ ...

Welche Assoziationen haben Sie, wenn Sie „Spaniens Himmel“ hören?
Solidarität! Sofort: Dass mein Mann gekämpft hat für internationale Solidarität. Daran danke ich. Dahinter steckt die Idee von Marx, dass die Proletarier, oder heute: die Linken aller Länder zusammenstehen sollen. (...)


„Das Bewusstsein, dass man was Neues will“ – Die Aufbaugeneration


Gehen wir noch mal zurück in die Zeit der 50er Jahre. War es Ihnen damals eigentlich bewusst, wie sehr Ihnen, also in beruflicher Hinsicht, die Türen offen standen? Ich meine, das gibt es ja heute nicht mehr ...
Das weiß ich. Es gab bei uns damals Arbeitskräftemangel. Das war mir schon bewusst. Später in der Redaktion ging es zum Teil so weit, dass Kolleginnen ihre Babys mit ins Büro brachten. Ich habe Arbeit mit nach Hause genommen, so lief das damals. Die Zeitschrift war ja immer da, die musste jeden Monat erscheinen. Das gab eine gewisse Sicherheit, die es heute in der Form nicht mehr gibt, das ist richtig ... Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass meine Generation frühzeitig die Erfahrung eines Zusammenbruchs hatte, und dann erst kam der Neuanfang. Die Generation meiner Tochter, die vollständig in der DDR aufgewachsen ist, hat diese Existenznot überhaupt nie kennen gelernt. Für mich und meine Altersgenossen war eine Grunderfahrung nach dem Krieg dieses Neue: Wir hatten das Glück, in eine Aufschwungphase zu kommen, in der man den Anspruch hatte, etwas zu bewegen und zu erreichen. Für die Generation der in den 50er Jahren Geborenen ging das weitaus ruhiger zu.

Sie haben vorhin beschrieben, wie Sie als Studentin in Berlin diese Zeit um 1950 erlebt haben. Haben Sie sich damals als Teil der berühmten „Aufbaugeneration“ empfunden, war diese Zugehörigkeit spürbar?
Ja, das hat man gelernt. Auch in der Hochschule. Dieses Bewusstsein, dass man etwas Neues will. Wissen Sie, das kann man euch West-Leuten und überhaupt den jungen Leuten so schwer erklären: Wir waren näher zusammen und integriert. Und es war ja, und ich spreche jetzt nicht von Stalin, eine große Idee, die uns beflügelte. Für diese Idee waren Leute selbstlos gestorben. Und jetzt war dieser Krieg zu Ende, und es fand nun eine Auseinandersetzung mit dem Grauen des Nazismus statt. Daraus wuchs auch so was wie eine Verpflichtung und ein Wollen, es anders und besser zu machen und so weiter. In den ersten Jahren war das natürlich schwer. Es gab ja keinen Reichtum in dem Sinne: Was die jungen Leute heute haben, hatten wir alles nicht. Wir haben uns aus Flicken Kleider gemacht. (...)

Hat Musik beigetragen zu diesem „Neuen“? Haben Sie Musik auch als Gemeinschaft stiftendes Element erlebt?
Klar. Denken Sie an den Auftritt des Alexandrow-Ensembles auf dem kaputten Gendarmenmarkt 1948. Da war ich zwar noch nicht in Berlin, aber darüber hat man gesprochen. Die Russen haben eine ganz eigene Art, Musik zu machen. Ich denke an die Ensembles, die ich später erlebt habe. Da springt etwas über, wenn sie ihre Schastuschkas im Chor singen, und wenn sie tanzen. Oder nehmen Sie die Weltfestspiele 1951 und 1973. Über das Fest 1973 habe ich dann auch berichtet. Vieles war fantastisch, was da musikalisch geboten wurde, war nicht nur plakativ. Da gab es zum Beispiel diese bewegenden Partisanenlieder: Wenn man sie hörte und mit vielen Menschen zusammen sang, da fühlte man sich wirklich integriert. Dagegen können Sie die Love-Parade heute in die Tonne kloppen! Und in den 70er Jahren gab es dann auch das Festival des politischen Liedes: Wenn Sie da drin gesessen haben, dann waren Sie einfach Teil des Ganzen.

Hatten Eisler-Lieder für Ihre Generation auch noch diese Gemeinschaft stiftende Qualität?
Da fällt mir natürlich sofort das „Solidaritätslied“ ein, das auch in der jungen DDR immer noch total zündend war, keine Frage. Auch was Ernst Busch in der „Mutter“ sang, „Das ist der Pfennig, aber wo ist die ganze Mark?“, ist zwar ein anderes Genre, aber in den 50er Jahren noch zündend und wichtig. Und es könnte heute ähnlich wirken. (...)

Bemerkenswert an Musik und Gesellschaft finde ich, dass da sehr viel unter einen Hut gebracht wurde: von Bach über Beethoven bis zum Festival des politischen Liedes ...
Ja, dies war letztlich auch das Kulturkonzept der DDR: Der Anspruch, die gesamte Breite des Kulturschaffens zu zeigen und zu versuchen, dieses Schaffen im Niveau zu heben. Dazu gehörte auch Laienmusik. Natürlich waren zum Beispiel die Arbeiterfestspiele nicht allzu beliebt bei uns in der Redaktion. Wir hatten meistens nicht so große Lust, da hinzufahren. Da gab es eben Wettbewerbe zwischen den Chören und Auftragswerke, die da uraufgeführt wurden, aber es wäre nun unfair gewesen, dies mit den Streichquintetten von Mozart oder dem „Roten Wedding“ oder einem Chanson von Eisler zu vergleichen. Da liegen Welten dazwischen, aber es sind verschiedene Genres, die verschiedenen Anforderungen und Notwendigkeiten gerecht werden müssen. Leider wird ja die Musik Eislers heute viel zu wenig aufgeführt. Ich bedaure das sehr. Denn es ist eine Musik, die an Vielseitigkeit kaum zu übertreffen ist. (...)


„Wenn er auftrat, war er der King!“ – Ernst Busch auf der Bühne


Zum Schluss möchte ich Sie noch mal nach dem Bild Ernst Buschs in der Öffentlichkeit in der DDR fragen. Wie haben Sie die Figur Busch wahrgenommen, als Sie Redakteurin waren bei Musik und Gesellschaft?
Ich kann das nicht sicher beantworten, aber zunächst einmal war er ja Schauspieler. Ich glaube, dass ihn in den 50er Jahren seine Rollen am Berliner Ensemble wesentlich mehr bekannt gemacht haben als sein Gesang. Und wenn er gesungen hat, dann dort. „Die Mutter“ oder der „Galilei“, das sind Stücke, die sich mir eingeprägt haben, das waren großartige Erlebnisse. Ernst Busch hat diese Rollen einzigartig gespielt. Er war einer der wichtigsten Schauspieler der DDR. Später hat er dann die Schallplatten-Produktion gemacht, die Aurora-Platten, die ihn lange beschäftigt haben. Und zuletzt war er dann ein wenig in den Hintergrund geraten. Ich erinnere mich an eine Veranstaltung im Plenarsaal der Akademie der Künste der DDR am Beriner Robert-Koch-Platz in den 70er Jahren, da hat er gesungen. Ich weiß nicht mehr, was er gesungen hat, ich weiß nur noch dass es faszinierend war. Er hatte eine unheimliche Ausstrahlung! Wenn er auftrat, war er sozusagen der King! Er war der Mittelpunkt und hatte den Saal ganz schnell im Griff. Er kam da ganz burschikos die Treppe runter und sagte so etwas wie „Guten Tach, Gemeinde!“ oder „Guten Tach, Familie!“.  (...)

Haben Sie ihn auch mal persönlich kennen gelernt?
Ja , ich war in den 70er Jahren einmal bei ihm zu Hause in Pankow. Aber ich weiß nicht mehr genau, wann das war und warum ich eigentlich da war. Ich glaube, ich sollte irgendwas abholen für Musik und Gesellschaft. Kann sein, dass es um die Weihnachtszeit war, ich erinnere mich noch an das gute Meißen-Geschirr und Stollen. Jedenfalls wollte er Schallplatten holen und auflegen, schmiss  aber eine runter und die zerbrach, so eine alte Schellackplatte. Und da hat er dann unheimlich rumgetobt. Aber das ist ja bekannt, dass Busch cholerisch war. Ich saß da wie so 'n Hämeken unschuldig rum und wusste nicht, was ich machen sollte. Seine Frau war dabei und hat versucht zu beschwichtigen. Später, in der Wendezeit, war ich dann öfter im Busch-Haus in der Leonhard-Frank-Straße, wenn da Begegnungen stattfanden und Veranstaltungen. Darüber hab ich öfter im ND geschrieben, denn es ging ja darum, das Busch-Haus zu halten als Kulturstätte. Das hat ja leider alles nichts genützt ...




Interview: Jochen Voit
Foto: Jochen Voit
(Textfassung autorisiert von Dr. Liesel Markowski am 11. August 2006)








Letztes Update 26.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
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