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Lisa Behn

über ihre Schwester Lotte und Ernst Busch, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und das kommunistische Ideal des Ungebundenseins




"Immer wenn er mal keine Frau hatte, wollte er meine Schwester heiraten - aber sie wollte nie" (Gespräch am 1. Juni 2004 in Berlin)


Lisa Behn
Lisa Behn ist Jahrgang 1908. Sie wächst in einem sozialdemokratischen Elternhaus in Kiel auf und hat zwei Geschwister. Der Vater arbeitet auf der Werft, die Mutter ist gelernte Erzieherin. 1918 wird Lisas Bruder Hans-Günther geboren; er fällt 1941 im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront. Lisa Behn (damals noch Lisa Attenberger) tritt wie ihre Schwester Lotte (1905-1993) in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) ein. Dort lernen die beiden auch Ernst Busch kennen; Lotte, die Ältere, bleibt Zeit ihres Lebens mit Busch in Kontakt. 1925 schließt sich Lisa Attenberger dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) an und beginnt sich verstärkt politisch zu engagieren. Sie spielt Agitprop-Theater und hilft beim Organisieren von Veranstaltungen. Als sie volljährig ist, wird sie Mitglied der KPD. Nach Hitlers Machtübernahme geht sie nach Berlin und setzt ihre politische Arbeit in der Illegalität fort. Zunächst lebt sie in wechselnden Quartieren, manchmal schläft sie unter einer Bank am Nollendorfplatz. 1934 findet sie Arbeit bei Woolworth und lebt zusammen mit ihrem Freund Werner Steinbrinck in einer Wohnung in der Hasenheide 9, wo sie 1936 als Mitglied der Widerstandsgruppe um Herbert Baum verhaftet wird. Sie wird im Polizeigefängnis am Alexanderplatz eingesperrt, dann in Moabit, schließlich zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, die sie in Jauer, im heutigen Polen, absitzt. Nach ihrer Entlassung wohnt sie bei ihrer Schwester Lotte und deren Mann Fritz Büssenschütt in Berlin. In der Weinhandlung ihres Schwagers kann sie vorübergehend als Verkäuferin arbeiten. 1938 lernt sie den Journalisten Robert Behn kennen, der sich als Buchhändler und Bibliothekar durchschlägt. Ein Jahr später, seine Einberufung in den Krieg steht unmittelbar bevor, heiraten die beiden. Lisa Behn findet Arbeit als Lohnbuchhalterin bei der Firma Lorenz in Tempelhof, einem Betrieb, der von Radiogeräten auf Rüstung umgestellt hat. Lisa Behn setzt auch hier ihre illegale politische Arbeit fort, schreibt Berichte und hält Kontakt zu Mittelsmännern. 1940 kommt ihre Tochter Susanne zur Welt, 1941 folgt Sohn Michael. Kurz vor Kriegsende kommt es zur Trennung von Robert Behn, der starke Alkoholprobleme hat. Lisa Behn geht nach Kiel zu ihrem Vater, das dritte Kind, Tamen, wird 1945 geboren.

Nach dem Krieg beginnt die alleinerziehende Mutter sogleich wieder mit politischen Aktivitäten. Zusammen mit einer Roma-Familie gründet sie die KPD-Ortsgruppe in Hennstädt (Schleswig-Holstein). Erst 1946 erfährt Lisa Behn, dass die Gruppe Baum, der sie bis zu ihrer Verhaftung angehört hat, versucht hat, die Berliner Schmähausstellung „Das Sowjetparadies“ in Brand zu stecken und dass man ihre Freunde gefasst und hingerichtet hat. Sie zieht nach Berlin und fängt an, sich in der Jugendarbeit zu engagieren. Von 1947 bis 1949 leitet sie das Kinderheim Chorin in der SBZ, danach diverse andere ähnliche Einrichtungen, die Kriegswaisen aufgenommen haben. Von Robert Behn hat sie sich inzwischen scheiden lassen. In den 50er Jahren übersiedelt sie nach Eisenhüttenstadt, wo sie Fraueninstrukteurin der Kreisleitung der SED wird und den ganztägigen Schulhort der neuen Stadt übernimmt. Sie wird Kreissekretärin für Jugendweihe im Kreis Eisenhüttenstadt und versucht möglichst viele Familien vom Nutzen dieses sozialistischen Ritus' zu überzeugen. Schließlich erreicht sie in ihrem Kreis eine Teilnahmequote von 100 %, was auch im ND gewürdigt wird. Bis 1980 arbeitet Lisa Behn weiter im Jugendbereich. 1994 zieht sie dann zu ihrer Tochter Tamen Zimpel nach Berlin, Prenzlauer Berg. In deren gemeinsamen Wohnung findet auch unser Gespräch statt.


Nachträge: Die Lebenserinnerungen der Lisa Behn sind in einer sehr lesenswerten Broschüre mit dem Titel „Ein Spaziergang war es nicht“ nachzulesen. Herausgegeben wurde die Publikation im Jahr 2002 von Michael Kreutzer und Tamen Zimpel.


In der Nacht vom 12. auf den 13. April 2008 ist Lisa Behn gestorben.



Jochen Voit: Wie haben Sie Ernst Busch kennen gelernt?
Lisa Behn: Busch ist wie ich in Kiel geboren. Er war in der gleichen Zeit wie meine Schwester und ich in der SAJ. Er hat sich schon singend, wie man so sagt, in der SAJ berühmt gemacht - das war damals der Urkeim seiner späteren Popularität. (...) Er ist damals schon in Kiel bekannt gewesen als Sänger, nicht nur in der SAJ.

Haben Sie ihn auch als Sänger erlebt?
Ja, ja. Aber so wie man sich das vorstellt, ist das nicht gewesen. Er hat gut gesungen, ist aber zunächst nicht über unseren Rahmen hinaus gekommen. Er hat immer in kleinen Chören gesungen, die sich selbstständig organisierten. Und er hat innerhalb der SAJ dann schnell einen Namen gehabt.

Haben Sie auch gerne gesungen?
Nein, ich habe damals nicht mitgesungen, meine Schwester schon. (...) Ich hatte keine Singstimme für den Chor. Ich hab mich aber auch nicht bemüht darum. Er ist ja auch älter als ich, und meine Schwester war drei Jahre älter als ich. (...) Ja, ich kann mich noch gut an ihn erinnern.

Was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht?
Wissen Sie, wie das so ist: Da fällt zunächst keiner auf, und doch hat jeder seine persönliche Note, nicht.

Und was hatte Busch für eine persönliche Note?
(lacht) Ja, das ist gar nicht so einfach. Er sah gut aus. Meine Schwester ist mit ihm befreundet gewesen. Wir haben dann auch außerhalb Kiels gewohnt, und ich erinnere mich, dass er sie und uns da öfter mal besucht hat ...

Wo war das?
In Kiel-Kronsburg, das ist eine Siedlung gewesen, die nach dem Ersten Weltkrieg gebaut wurde. Damals ist das Umfeld von Kiel besiedelt worden, und da hat mein Vater mit uns den Anfang gemacht. Wir haben da in einer Holzbaracke gewohnt, die Siedlung wurde ja gerade erst aufgebaut. Wir haben da aber nicht so lange gelebt. Meine Mutter ist 1922 gestorben, und da sind wir nach Kiel in die Stadt gezogen in die Hopfenstraße 4.

Haben Sie dort länger gewohnt?
Ja, da haben mein Vater, meine Schwester und mein Brüderchen zusammen gewohnt. (...) Nach dem Tod meiner Mutter hat sich alles geändert. Wir haben eine kleine Wohnung genommen, und meine Schwester ist dann bald nach Bremen zu meinen Verwandten. Vorher hatte sie eine Schneiderlehre angefangen, aber nicht zu Ende gemacht.

Dann hat die Freundschaft mit Busch wohl nicht lange gehalten ...
Nein, die Freundschaft mit Busch hat nicht lange gehalten. Das lag aber an ihr. Sie ist 'n bisschen ... - das ist in ihrem ganzen Leben so gewesen, wenn dann einer ...

Warum ist die Freundschaft auseinandergegangen?
Da ist eigentlich gar keine richtige Freundschaft entstanden. Er hat sich so 'n bisschen bemüht um sie, nicht.

Und sie hat ihn auf Abstand gehalten?
Ja.

Wie würden Sie Ihre Schwester Lotte beschreiben?
Die war 'n bisschen passiv, sie war politisch nicht ganz so stark interessiert.

Sie war aber in der SAJ?
Ja, das ging eher von meiner Mutter aus und ist dann beibehalten worden nach ihrem Tod. Und mein Vater war auch ein SPD-Mann. (...) Aber ich bin ja dann in die kommunistische Jugend gegangen, und meine Schwester ist dann mehr ins Bürgerliche gegangen. Also, sie blieb jedenfalls in der SAJ.

Hat sie sich dann noch für Busch und seine Kunst interessiert?
Nein, sie hat politisch keine große Verbindung mit ihm gehabt. (...) Er hat sich als Mann für sie interessiert. (...) Ich kann mich noch erinnern an die Zeit, als wir außerhalb von Kiel wohnten. Da musste man lange durch den Wald marschieren, bis man zu uns kam. Da hat er sie zwei-, dreimal besucht – aber sie war wohl sehr ablehnend. Sie wusste nicht so recht, wo sie hingehörte. Sie hatte mehr Interesse für 's bürgerliche Tanzen und so. Sie ist gerne ausgegangen, was mein Vater gar nicht gerne sah. Sie ist aber dann, nachdem sie nach Bremen zu unseren Großeltern gegangen war, in unserem Fahrwasser geblieben, kann man wohl so sagen.

Was meinen Sie mit Fahrwasser?
Naja, links, links, links (lacht). (...) Aber als meine Mutter gestorben war und wir wieder nach Kiel umgezogen sind, Poppenbrügge hieß die Siedlung, ist sie mehr im bürgerlichen Milieu gewesen. Also, das mit dem Busch hat nicht geklappt. Sie war 'n Mensch, der ohne viel Theater leben wollte. Der Busch, der war eben schon zu berühmt für sie – da hat sie im Leben immer Angst vor gehabt. Deshalb hat sie ja auch so 'n Koofmich geheiratet. (Lachen)

Einen was?
'n Koofmich, einen Kaufmann.

Aus Bremen?
Ja. Sie hat einen Mann geheiratet, der nur das Geschäft im Sinn hatte. Und nur ihr zuliebe manches mitgemacht hat. (...) Das war ein ewig Anbetender, den sie schließlich, um ihn loszuwerden, geheiratet hat. Das kann man wohl so sagen. Verstehen Sie das?

Ich glaube schon. Und Sie haben ihn nicht besonders gemocht?
Och, nicht gemocht ist zu viel gesagt. Er hat sich der ganzen Sache untergeordnet. Er war auch in der Kommunistischen Partei wie wir. Die haben 'nen Schnapsladen gehabt in Berlin. Er kam ja von Bremen, und in Berlin haben sie geheiratet. Es war auch keine ideale Ehe, kann ich nicht sagen. Das ist die Zwiespältigkeit bei meiner Schwester gewesen, sie hat sich nie getraut, sie hat dem Schicksal nie getraut. (...)

Wie hat sie denn den Kaufmann kennen gelernt?
Mein Onkel hatte 'n großes Schnapslager in Bremen. Das war ein Laden mit Verkauf, flaschenweise, aber auch mit Belieferung von Läden. Dort ist der junge Mann beschäftigt gewesen als Lehrling. Und der hat sich nun sehr in Lotte verknallt und ließ nicht mehr los. Der hat Sachen gemacht, da hat halb Bremen Kopf gestanden, solche Mühe hat der sich gegeben. (...) Meine Schwester ist ganz ganz anders gewesen als ich. Sie fand das gar nicht so interessant, dass er so viel Aufhebens um sie machte.

Hat Ihr das nicht gefallen?
Na, sie wurde ja von vielen Männern umschwärmt. Sie war 'n hübsches Mädchen und hat sich auch immer mit sehr viel Geschick selbst Hüte gemacht. Dann ist sie aber doch in der KPD gelandet, auch durch diesen Mann, der da drin war. Es war sicher auch aus einer gewissen Lebensangst, dass sie diesen Büssenschütt geheiratet hat. (...) Sie hat auch keine Kinder gehabt.

(Tamen Zimpel: Ja, aber nicht, weil sie nicht wollten. Lotte war nicht gesund. Als sie schwanger war, haben sie ihr die halbe Lunge rausgenommen. Und dadurch hat sie das Kind nicht ausgetragen. Sie hat ja geraucht wie 'n Schlot.)

Sie war sehr selbstständig. Sie brauchte keinen Menschen, der sie förderte. Sie hat ihre eigene Linie gehabt. (...) Um auf Busch zurückzukommen: Der Busch hat sie, nachdem das ganze Theater mit dem Krieg und alles vorbei war, wieder aufgesucht. Die Verbindung war wiederhergestellt, aber sie haben nicht zueinander gefunden. (...)

Das war ja dann in Berlin. Wann sind Sie eigentlich nach Berlin gekommen?
Ich bin zuerst in Berlin gewesen, das war 1933. Dann hat man mich verhaftet. Ich war ja in der KPD. Ich habe da bei Woolworth gearbeitet und dort politische Arbeit gemacht. Verhaftet worden bin ich 1936. Habe zweieinhalb Jahre gesessen. (...) Nachdem ich wieder auf freiem Fuß war, durfte ich aus konspirativen Gründen nicht mehr in die Widerstandsgruppe „Baum“ zurück. Ich hab dann versucht, Kontakt zu anderen aufzunehmen. (...) Lotte ist 1936 nach Berlin gegangen.

(Tamen Zimpel: Hier gibt es ein Buch mit den Einzelheiten, das hat ein Historiker geschrieben.)

Wie war das nach dem Krieg, als Busch wieder Kontakt aufnahm zu Ihrer Schwester?
...
(Tamen Zimpel: Ich glaube, jetzt ist Schluss mit der Konzentration ...Lotte muss damals mit Fritz in der Potsdamer Straße gewohnt haben. Die beiden hatten Ende der 30er geheiratet. Hier gibt es auch ein Foto von Busch, das er Lotte geschickt hat, mit einer Widmung vorne und einem Brief auf der Rückseite.)

Frau Behn, hier in dem Brief ist von einem Heiratsangebot die Rede. Dass Busch so großes Interesse an Ihrer Schwester hatte, haben Sie ja gar nicht gesagt ...
Ja, ja. Immer wenn er mal keine Frau hatte, dann wollte er sie wieder heiraten. Und sie wollte nie. So ungefähr war das.

Klingt beinahe so, als sei sie seine große Jugendliebe gewesen ...
Ja. Sie war so 'n Typ: unnahbar, schön war sie und unnahbar – diese Mischung gefiel dem Busch.

Hat Ihr das nicht auch geschmeichelt? Sie hat ja auch diese Briefe aufgehoben ...
Doch, sicher. Aber sie hatte keinen Mut dazu. Er hat ihr schon gefallen. Aber sie hatte eine bestimmte Angst: „Das hat keinen Sinn! Das schaff ich nicht mit dem Mann!“ – Das hatte nichts mit Liebe zu tun, das war für sie zu groß. (...) Er ist ja dann, wie seine Frau gestorben war, noch mal wiedergekommen. (...) Man kann vielleicht auch sagen: Busch war für sie 'ne Nummer zu groß. Ob sie jemals richtig in ihn verliebt war, kann ich nicht sagen.

(Tamen Zimpel: Also, über Lottes Liebesleben kann ich nichts sagen – ich kenn sie nur als Tante.)

Haben Sie selbst gerne Ernst-Busch-Platten gehört?
Ja. Ich habe die mir auch gekauft, die Schellacks. Auch später die von Paul Robeson.

Haben Sie Ernst Busch auch in der Nazizeit in den 30er Jahren gehört?
Ja, sicher. Den haben wir auch in der Nazizeit gehört. Wir haben ja heute noch teilweise die alten Platten. (...) Wir haben damals auch die Songs aus der Dreigroschenoper gehört, die kannten wir alle in unserem Kreis und haben auch die Texte gekonnt. Natürlich mochten wir auch andere Musik: Chopin und Beethoven zum Beispiel. Auch Hans Albers gefiel mir. (...) Eines meiner Lieblingslieder war „Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht ...“ von Brecht.

Sie haben ja vor der Nazizeit selbst auch politisches Theater gespielt. Können Sie ein wenig davon erzählen?
Ich habe in einer Agitprop-Gruppe gespielt. Hat damals jede kommunistische Partei gehabt. (...) Ich hab immer die unangenehmen, die negativen Rollen gehabt: die Kapitalisten oder Faschisten. Wir sind mit dem LKW in die Dörfer gefahren und haben vom Wagen runter Stücke gespielt, gesungen haben wir auch. (...) Die Leute sind stehen geblieben und haben 'n bisschen zugehört. Aber das war nicht so befriedigend, wenn man so durch die Straßen fuhr. Bei den Stücken hatten wir dann einen Standplatz. Und da sind wir immer beschützt worden von den Rotfrontkämpfern, um faschistische Störenfriede abzuhalten. Wir sind ja von Anfang an bekämpft worden, nicht unbedingt nur von Faschisten, aber man konnte doch zusehen, wie es immer faschistischer wurde.

War das, nachdem Sie von der SAJ zur kommunistischen Jugend gewechselt waren?
Ja, das war beim kommunistischen Jugendverband in Kiel. Die hatten auch fertige Stücke da, die wir spielen konnten. Da gab es das Stück zum Thema Abtreibung, zum Paragrafen 218. Und ich hatte immer die hässlichen Rollen: Ich war die Ärztin, die das empörend fand, dass Frauen sich Kinder abtreiben lassen wollen.

Haben diese Rollen nicht auch Spaß gemacht?
Naja, sicher. Die waren ja provozierend, diese Rollen. Bei dieser Gruppe war übrigens Klaus Fuchs der Leiter, der später Atomphysiker wurde. Der hat da auch mitgespielt. Der wurde später in England wegen Verrats technischer Geheimnisse an die SU zu 11 Jahren Haft verurteilt, er musste sie aber nicht ganz absitzen. Mit dem war ich gut befreundet. (...) Sein Vater wollte unbedingt, dass ich mit ihm zusammen bleibe. Nun hatte Klaus aber einen Seelentröster, als er weg war. Deswegen hatte er mit seinem Vater eine schreckliche Auseinandersetzung gehabt. Das habe ich alles aber erst später erfahren. (...) Ich hab mit Heiraten nie was am Hut gehabt. Das war meistens das Ende.

Ein bürgerlicher Irrtum?
Ja, das ist eigentlich gegen unser Prinzip. Von der Idee her ist die Heirat, überhaupt sich fest zu binden, im kommunistischen Sinne überflüssig!

Haben Sie mal geheiratet?
Ja, ich war verheiratet.

Warum, wenn es doch überflüssig ist?
Es hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Ich hab, nachdem ich aus 'm Zuchthaus raus war und nicht mehr für die Gruppe Baum arbeiten konnte, 'nen Mann kennen gelernt, der mir im Zuchthaus von einer Mitgefangenen empfohlen worden war... Das ist direkt zum Totlachen ... Ich fuhr ja 'n paar Tage nach meiner Haftentlassung nach Bayern. Und die Gestapo hat mich nicht weiter verfolgt. Die hat überhaupt in meinem Fall so viele Fehler gemacht, das ist nicht zu glauben ...

(Tamen Zimpel: Erzähl doch mal, wann und warum du geheiratet hast ...)
Warum ich geheiratet habe?

(Tamen Timpel: Ja.)
Das weiß ich gar nicht mehr.

(Tamen Zimpel: Soll ich’s erzählen?)
Hm.

(Tamen Zimpel: Sie war schwanger. Und sie war ja politisch vorbestraft. Das war '39, und Robert Behn, der Vater des Kindes, musste in den Krieg. Er hat gesagt, sie würden ihr als Vorbestrafte eventuell das Kind wegnehmen und in ein Heim stecken. Und deswegen haben sie geheiratet – sagt sie.)

Ich bin dem Tod 'n paar Mal von der Schippe gehupft. Sehr weh tut mir, dass mein Freund Werner Steinbrinck, der auch in dem Buch erwähnt ist, hingerichtet wurde. Er war Mitglied der Gruppe Baum. Genau wie ich.




Interview: Jochen Voit
Foto: privat
(Textfassung autorisiert von Lisa Behn und Tamen Zimpel am 17. Januar 2006)





Letztes Update 26.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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