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Margrit Manz

über ihre Mutter Charlotte Wasser und deren große Leidenschaft für Ernst Busch




”Mein Gefühl war, dass er seine Zeit gehabt hatte und zu denen gehörte, die man in Ruhe lassen sollte.”
(Gespräch am 29. August 2006 in Berlin-Wannsee)

Margrit Manz
Margrit Manz ist Jahrgang 1954. Sie wächst als einziges Kind von Charlotte und Artur Wasser in Berlin auf. Da ihre Eltern, die beide als Lektoren arbeiten, beruflich stark eingespannt sind, lebt sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr zeitweise bei Verwandten in Kreuzberg im amerikanischen Sektor. Kurz vor dem Bau der Berliner Mauer holen Artur und Charlotte Wasser ihre Tochter zu sich nach Ost-Berlin, wo sie auf die Schliemannschule in der Greifswalder Straße geht, eine Schule mit Sprachenschwerpunkt. Margrit Wasser durchläuft die DDR-Jugendorganisationen (Pioniere und FDJ) und entwickelt, gefördert durch die Kulturbegeisterung der Eltern, frühzeitig künstlerische Neigungen. Dem großen Interesse ihrer Mutter an Ernst Busch, das sich in exzessivem Abspielen von Busch-Platten im heimischen Wohnzimmer äußert, steht sie allerdings eher skeptisch gegenüber. Nach dem Abitur 1972 besucht sie die Staatliche Schauspielschule; 1974 heiratet sie den Schauspieler Horst Manz. Bis in die 80er Jahre spielt sie Rollen am Theater und im Fernsehen, macht Hörspiele im Radio und arbeitet als Sprecherin für Schallplattenproduktionen. Nach der Wende 1989 folgt die berufliche Neuorientierung: ”Da war plötzlich diese Neugier auf die Welt”, sagt Margrit Manz. Die neu gewonnene Freiheit habe bei ihr zur ”Entdeckung der Straße” geführt, aber auch zur Wiederentdeckung der von Kindheit an vertrauten Welt der Bücher. 1990 ist sie Mitbegründerin der literaturWERKstatt berlin, gestaltet Programme und betreut Buchprojekte. Von 2000 bis 2008 ist sie Intendantin des Literaturhauses Basel. Aktuell betreut sie einen Künstleraustausch zwischen der Schweiz und China. Margrit Manz lebt in Basel. Unser Gespräch findet am Wannsee im Haus des Literarischen Colloquiums Berlin statt.

Zum besseren Verständnis des Interviews seien einige biografische Angaben zu Charlotte Wasser vorausgeschickt - mein Dank gilt Frau Sabine Wolf, der Leiterin des Literaturarchivs im Archiv der Akademie der Künste in Berlin, die mir autobiografisches Material aus dem Nachlass Charlotte Wassers zur Verfügung gestellt hat.
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Charlotte Wasser ist Jahrgang 1914. Sie wächst in Breslau gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Herbert in bescheidenen Verhältnissen auf, der Vater ist Schneider, die Mutter Hausangestellte. Obwohl sie aus der Arbeiterklasse komme, so schreibt Charlotte Wasser in einem in den 1960er Jahren verfassten Lebensbericht, sei sie ohne jedes Klassenbewusstsein erzogen worden; die Eltern ”sehnten sich heraus aus dieser Armut und vertrauten dem Lotterielos mehr als ihren eigenen Kräften.” Nach Abschluss der Volksschule 1928 arbeitet Charlotte Wasser (damals noch: Charlotte Sille) als Hilfskraft in einem Milchgeschäft und als Hausangestellte in Breslau. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bedeutet für sie zunächst keinen biografischen Einschnitt, ihre vierjährige Haushaltstätigkeit sorgt für eine trügerische Kontinuität: ”Diese Arbeit, die mich sehr von den Menschen isolierte, trug mit dazu bei, daß ich politisch blind blieb. Von den Kommunisten hatte ich nur die Vorstellung mitbekommen, daß sie Unordnung stifteten, nicht arbeiten wollten, sich Freitags betranken und dann ihre Familien prügelten. Ich sehnte mich aber nach Bildung und einem geordneten Leben, zu dem die Arbeit als fester Bestandteil gehörte. Den Faschismus sah ich damals nur von dem Gesichtspunkt aus, daß er den Menschen Arbeit und Brot versprach und für Ordnung sorgte. Ansonsten hielt ich Politik für eine Sache, die mich nichts anging, um die sich andere zu kümmern hatten.” Von 1937 an absolviert Charlotte Wasser eine Lehre als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft in Berlin. 1937, kurz bevor sie nach Berlin geht, lernt sie Artur Wasser kennen, den sie zwei Jahre später heiratet. Ihr Mann, so schreibt sie später, habe alles daran gesetzt, ihr ”falsches Bewusstsein (ich nenne es heute die Kleinbürgerideologie) zu zerschlagen”; ihm habe sie ihre politische Entwicklung zu verdanken.
Artur Wasser (1912-2004) ist gelernter Maschinenschlosser und überzeugter Kommunist, seine Mitgliedschaften im Kommunistischen Jugendverband, in der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO) und in der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) haben ihn bereits in der Weimarer Republik in berufliche Schwierigkeiten gebracht. Während des Nationalsozialismus gerät er wegen kommunistischer Propagandatätigkeit ins Visier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), die den bereits 1939 zur Deutschen Wehrmacht eingezogenen Artur Wasser im Jahr 1941 für zwei Monate im Gefängnis Brünn inhaftiert. Danach arbeitet er bei Rheinmetall-Borsig in Breslau, steht aber weiterhin unter Beobachtung der Gestapo. Von 1942 an ist er als Soldat in Südfrankreich im Einsatz. Im August 1944 begeht er Fahnenflucht und gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Charlotte Wasser lebt während des Zweiten Weltkriegs in Breslau, wo sie 1941, wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wegen einer unbedachten Bemerkung gegenüber einem Straßenpassanten festgenommen wird (”Ich hatte meine Freude über den baldigen Sieg der Sowjetunion zu offen bekundet”). Sie verbringt fünf Monate in Einzelhaft im Untersuchungsgefängnis Breslau, ehe sie im Februar 1942 ”wegen Vorbereitung zum Hochverrat” angeklagt wird. Aus Mangel an Beweisen spricht man sie frei. Daraufhin wird sie als Bürohilfskraft im Fliegerhorst Breslau-Gandau dienstverpflichtet. In den letzten Kriegsmonaten versteckt sie einen litauischen Kriegsgefangenen (in einem zweiten Lebensbericht von C.W. heißt es: ”einen Polen”) bei sich zu Hause, weswegen ihre Wohnung von sowjetischen Übergriffen verschont bleibt und sie bis Ende 1946 in Breslau bleiben kann. In dieser Zeit arbeitet sie als Verkäuferin. Gemeinsam mit ihrer Mutter übersiedelt Charlotte Wasser schließlich nach Berlin, wo sie 1947 ihren aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Mann trifft. Beide treten in die SED ein und finden über Weiterbildungsmaßnahmen den Weg in die Kulturpolitik. Artur Wasser wird von der Bezirksparteileitung an die auf Geheiß der Sowjets gegründete Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät (Gewifa) der Leipziger Universität delegiert. Charlotte Wasser begleitet ihren Mann und besucht als Gasthörerin ebenfalls Vorlesungen. Von 1949 an lebt das Ehepaar Wasser in (Ost-) Berlin. Artur Wasser wird zunächst wissenschaftlicher Bibliothekar an der Berliner Stadtbibliothek, dann Lektor des Amtes Buch und Büchereiwesen in der Abteilung Volksbildung des Magistrates von Groß-Berlin. Charlotte Wasser arbeitet von 1950 an als Lektor (so die damalige Berufsbezeichnung auch für Frauen) in verschiedenen Institutionen, nebenbei absolviert sie ein zweijähriges Studium für Kulturschaffende an der Abenduniversität, ein einjähriges Direktstudium an der Bezirksschule der SED und besucht einen dreimonatigen Lehrgang an der Bezirksschule der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF). Die beruflichen Stationen bis zum Beginn ihrer freiberuflichen Tätigkeit im Jahr 1960 sind: Lektor für neue deutsche Literatur im Deutschen Schriftstellerverband (1950/51), Lektor im Verlag Neues Leben (1951/53), Lektor im Verlag Kultur und Fortschritt (1954), Referent für sowjetische Literatur im Zentralvorstand der DSF (1955/59). In den 60er, 70er und 80er Jahren ist Charlotte Wasser, wie sie selbst es ausdrückt, ”freiberuflich tätig als Autor literarischer Porträts und Literaturpropagandist”. Sie spezialisiert sich auf biografische Darstellungen von Künstlern, deren Persönlichkeit und Lebenswerk sie bewundert. Nicht nur Schriftsteller werden von ihr porträtiert, sondern auch Maler (Picasso), Politiker (Lenin) und Schauspieler (Ernst Busch). Ihre bevorzugte Darstellungsform ist der Dia-Ton-Vortrag (auch ”Tonband-Bildstreifen” genannt), wobei sie diese Art der Kulturvermittlung vor allem in Schulen und in Kulturhäusern verschiedener (Ost-) Berliner Wohngebiete betreibt. Am stärksten wirkt sie in Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Pankow. Unterstützt wird sie bei ihrer Arbeit von SED-Kreisleitungen, FDGB-Kreisvorständen und den Räten der Stadtbezirke. Einige ihrer Tonband-Bildstreifen finden über die Hauptstadt der DDR hinaus Verbreitung. Insbesondere ihr Porträt über Ernst Busch, dessen erste Version 1967 fertiggestellt ist, erreicht ein großes Publikum und erntet viel positive Resonanz. Der Dia-Ton-Vortrag dient als Lehrmaterial im Ausland und läuft an zahlreichen Moskauer Schulen. Auch aus anderen Ostblock-Staaten erhält Charlotte Wasser Lizenzanfragen, sodass ihr Busch-Porträt schließlich in mehrere Sprachen übersetzt wird und bis in die 80er Jahre hinein immer wieder gezeigt wird. Dem Protagonisten ihres erfolgreichsten Vortrags bleibt sie bis zu dessen Tod im Jahr 1980 freundschaftlich verbunden. Charlotte Wasser stirbt 2001.

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Texte von Charlotte Wasser über Ernst Busch:
- Charlotte Wasser: Ernst Busch. Sein Leben und Wirken in Lied, Wort und Bild. Erläuterungsheft zum Tonband-Bildstreifen. Hrsg. v. Rat des Stadtbezirks Berlin-Fried-richshain u. d. FDGB-Kreisvorstand Berlin-Friedrichshain. (Ost-) Berlin o.J. (vermutl. 1967).
- Charlotte Wasser: Ernst Busch zum 95. Geburtstag. In: Pankower Brücke 12/1994, S. 13.
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JV: Bevor wir über die intensive Beschäftigung ihrer Mutter mit dem Leben und Werk von Ernst Busch reden, würde ich gerne etwas über die Zeit vor 1945 erfahren. Hat Charlotte Wasser Ihnen davon erzählt, wie sie aufgewachsen ist?
Margrit Manz: Ja, sie hat manchmal davon gesprochen. Sie stammte aus zutiefst ärmlichen Verhältnissen. Das war ein proletarisches Milieu, aber nicht so eins, wie es später in der DDR gerne verklärend dargestellt wurde, sondern eins, in dem sich all die Tragödien abspielten, die in dem ideologischen Schwadronieren über die Kraft der Klasse nicht vorkamen. Sehr oft war gerade hier das menschliche Miteinander verkümmert, und das war das Tragische. Armut kann ja sehr hart und böse und aggressiv machen. Meine Mutter fand es verrückt, dass ausgerechnet dort, wo der Kommunismus seine Basis hatte, die Männer unter der Woche ihre Frauen verprügelten und dann am Wochenende auf die Straße gingen, um für ein besseres Leben zu demonstrieren – mit der Gleichberechtigung der Frau auf der Fahne. Diesem Milieu wollte sie entfliehen und zwar nicht, um in eine andere Klasse hineinzukommen, sondern einfach, um diese Primitivität nicht mehr täglich erleben zu müssen. (...) Sie war ein bildungshungriger Mensch, das heißt, sie hat intuitiv erfasst, dass die Bildung ihr ermöglichen würde, in andere Kreise zu gelangen, also Menschen kennenzulernen, die sie interessieren könnten. Sie hatte ja kaum Menschen, mit denen sie sich austauschen konnte. Durch einen großen Zufall hat sie dann meinen Vater gefunden, der wie sie auf der Suche war und auch diesen Bildungshunger hatte. (...)

Das heißt, Ihre Mutter durfte auch keine höhere Schule besuchen ...
Das war ihr größter Schmerz gewesen. Meine Großmutter hatte sie aus der Schule rausgenommen, als sie 14 war. Der Lehrer kam damals sogar extra ins Haus und sagte: ”Ihre Tochter ist so intelligent, lassen Sie sie doch weitermachen! Sie bekommt auch ein Stipendium von der Stadt!” Aber meine Großmutter sagte: ”Es geht nicht nur ums Schulgeld, sie muss was zum Haushalt dazuverdienen!” (...) Das war eine wahnsinnig harte Zeit, und meine Mutter hatte damals schon diese Neugier und diese Sehnsucht nach Kultur. Sie spürte, dass sich ihr die Welt nur durch Wissen erschließen würde, denn durch ihre Herkunft und ihren Stand war ihr die Welt ja zunächst verschlossen. (...)

Sie sagen, Ihr Vater war ähnlich bildungshungrig wie Ihre Mutter. Wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt?
Meine Mutter arbeitete in Breslau in einem sogenannten Milch-Häuschen, wo es allerlei Milchspeisen gab und heißen Kakao und solche Sachen. Dorthin kam mein Vater und bestellte sich eine Milch, worauf die beiden ins Gespräch kamen. Das wiederholte sich mehrmals, und sie hat mir erzählt, dass regelmäßig die Milch überkochte, weil sie so abgelenkt war, wenn sie miteinander sprachen, bis dann ihr Chef meinte: ”Wenn das noch mal passiert, schmeiß' ich Sie raus!” So hat es angefangen zwischen meinem Vater und meiner Mutter, im Milch-Häuschen. Es ist ein großes Glück gewesen, das ein Leben lang, man kann wirklich sagen: bis zum letzten Atemzug, gehalten hat. Sie war ja schon über 20 Jahre alt gewesen damals, was ungewöhnlich war. Bei ihr zu Hause hieß es immer: ”Du musst früh heiraten!”, und alle Mädchen ihres Alters um sie herum waren schon verheiratet. Aber sie hat sich gesträubt und geweigert, bis sie Artur Wasser begegnet ist, das war Mitte der 30er Jahre. Mein Vater kam wie meine Mutter aus armen Verhältnissen und sollte auch ein Stipendium bekommen, was er abgelehnt hatte, weil er der Meinung war, dass man erst was Handfestes lernen sollte. Er wurde Maschinenschlosser, also was sehr Bodenständiges, machte aber noch eine Zusatzausbildung als Flugzeugmechaniker, was während des Krieges dann eine Rolle spielte. Nebenbei hat er sich privat weitergebildet, hat sich selbst Bücher angeschafft und viel gelesen, hat Englisch gelernt anhand von eigener Lektüre, was dazu führte, dass er alles falsch aussprach, weil er die Sprache ja nie gehört hatte. Und er hat als überzeugter Kommunist aktiv im Untergrund mitgearbeitet, hat Flugblätter verteilt und ist bei geheimen Treffen dabei gewesen. Er war schon früh in einer kommunistischen Jugendorganisation gewesen. Meine Mutter hat mal zu mir gesagt, dass mein Vater für sie der politische Lehrmeister gewesen sei, also im sehr positiven Sinne: dass er ihr sozusagen die Welt auf eine Art neu erschlossen hat, die dann ihr Leben doch sehr bestimmt hat. Sie hat das verstanden als aktive Teilnahme am weltlichen Geschehen, was sie bis dahin nicht gekannt hatte. Sie sagte, sie sei vorher ein apolitischer Mensch gewesen.


”Sie war des Hochverrats angeklagt und saß deswegen im Zuchthaus.”


Wie haben Ihre Eltern den Zweiten Weltkrieg überstanden?
Mein Vater wurde früh eingezogen. Kurz bevor er in den Krieg musste, haben meine Eltern noch geheiratet. Was mein Vater im Krieg erlebt hat, hat er nur sehr bruchstückhaft erzählt. Er war auf einem Begleitboot, das U-Boote unterstützt hat bei den großen Fahrten durch die Meere. Für einen Menschen, der mit großen Wasseransammlungen nicht so vertraut war, obwohl er ”Wasser” hieß, war das sehr schwierig. Er hat gesagt, dass er oft Panik hatte. Man musste jeden Abend mit Rettungsring schlafen gehen, weil das Begleitboot, wenn bombadiert wurde, zuerst dran war. Er war später auch auf dem Land in Südfrankreich eingesetzt, wo er dann übergelaufen ist. Er hat die kleine Gruppe versprengter Soldaten um sich herum noch überredet, nicht weiterzukämpfen und sich in Gefangenschaft zu begeben. Damit war der Krieg für ihn vorbei. (...) Mein Vater kam in amerikanische Gefangenschaft, wurde in die Südstaaten verlegt, wo er in einem Camp untergebracht war und auf die Felder gejagt wurde, um Baumwolle zu pflücken. Irgendwann hatte er dann den Spitznamen ”Professor Waters”, weil er sich da als Lagersprecher hervorgetan hat und den Leute erzählt hat, wie die politische Zukunft aussehen würde. Die Amerikaner haben ihm dann gesagt: ”Mann, übertreiben Sie 's nicht! Sie machen ja hier aus dem Camp 'n kommunistisches Umerziehungslager!” Aber es gab auch weniger freundliche Hinweise, ernsthafte Drohungen von Mitgefangenen, die seine Weltanschauung nicht teilten. Dann wurde mein Vater nach England verlegt, wo er auf einem Fliegerhorst Flugzeuge reparierte. Er kam, ich glaube, 1947 zurück aus der Gefangenschaft. (...) Er konnte dann natürlich sehr gut Englisch, hat aber die Sprache, und das ist wohl typisch für die Zeit, wieder ein bisschen zur Seite getan, denn sie gehörte ja nicht zum Freundschaftsbereich der sozialistischen Gemeinschaft, in der er sich nun befand. (...) Beide, mein Vater und meine Mutter, sind übrigens vor 1945 für kurze Zeit im Gefängnis gewesen: Meine Mutter war des Hochverrats angeklagt und saß deswegen im Zuchthaus in Breslau, und auch mein Vater war im Gefängnis eingesperrt wegen aufrührerischer Aktivitäten - ich weiß den genauen Wortlaut der Anklage nicht, es ging um illegale politische Tätigkeit. Er hat deswegen nie jemandem Vorwürfe gemacht, sondern hat gesagt: ”Ich bin halt einfach erwischt worden.” Und meine Mutter ist wegen einer fast blöden Geschichte verhaftet worden: Mein Vater hörte immer, wenn er auf Heimaturlaub war, die verschiedenen Rundfunksender ab und sagte irgendwann: ”Keine Angst! Der Krieg dauert nicht mehr lang!” Das hat meine Mutter voller Glückseligkeit wiederholt, als jemand dabeistand, der fest an den sogenannten Endsieg glaubte. Der sagte dann: ”So? Wie kommen Sie denn darauf?” Und der hat sie denunziert. Meine Mutter ist im Sommer 1941 verhaftet worden und saß dann in ihrem dünnen Kleid schlotternd im Gefängnis, ohne zu wissen, wie lang man sie festhalten würde. Das muss furchtbar gewesen sein für so eine junge und, verglichen mit meinem Vater, in gewisser Weise naiv denkende Frau. Zum Teil war sie auch in Einzelhaft, das war alles nicht lustig. Aber sie hat später daraus nie Kapital geschlagen. In der DDR gingen ja gelegentlich Formulare rum, die man ausfüllen und sich damit als Verfolgte des Naziregimes zu erkennen geben konnte. Sie sagte immer: ”Das gilt nicht mir, sondern denjenigen, die im Konzentrationslager gesessen haben und denen Schaden zugefügt wurde aufgrund ihrer Herkunft.” Auch mein Vater hat keine Vergünstigungen in Anspruch genommen. Beide sagten: ”Wir haben unsere Weltanschauung gewählt und dazu stehen wir. Das muss nicht vergütet werden. Ein jüdischer Mensch zum Beispiel hat sich seine Herkunft nicht ausgesucht, er ist völlig ungerechtfertigt verfolgt worden, und ihm steht Wiedergutmachung zu.”


”Meine Mutter hatte im Krieg einen Deserteur bei sich versteckt.”


Eine selbstlose Haltung - sie hätten sich leicht Vorteile im DDR-Alltag verschaffen können ...
Sicher, meine Eltern sind darauf auch angesprochen worden von Bekannten: ”Ach, Gott, bist du dumm, warum machste denn das nich'?” Ich fand 's eigentlich klasse, dass meine Mutter das nicht in Anspruch genommen hat. Denn wenn man diese Vergünstigungen annahm, war man in gewisser Weise erpressbar: Wenn mal Meinungen gefragt waren, staatskonforme Meinungen selbstverständlich, dann mussten meistens die anderen ran – meine Eltern mussten sich bei solchen Gelegenheiten selten äußern. Diejenigen, die Geld bekamen als Verfolgte des Naziregimes, gehörten zu den Gruppen, die beispielsweise bei der Biermann-Ausbürgerung besonders aufgefordert waren, Stellung zu beziehen, also sich von Biermann zu distanzieren und dem ”Klassenfeind” eins auf die Mütze zu geben. Und meine Eltern wollten, später jedenfalls, frei sein von diesem Gruppendruck.

Wobei Ihre Eltern ja auch eingebunden waren, denn sie waren beide in der SED ...
Ja, das stimmt, sie sind ganz früh in die SED eingetreten. Meine Eltern trafen sich ja nach der Rückkehr meines Vaters in der Sowjetischen Besatzungszone wieder. Das war eine bewusste Entscheidung. Mein Vater war von den Engländern gefragt worden, in welche Zone Deutschlands er möchte, und er hatte sofort gesagt: ”In die Sowjetische.” Das hörten die Engländer natürlich nicht so gerne, aber für ihn war das eine klare Sache. Meine Mutter hatte das Kriegsende in Breslau erlebt, wo sie in den letzten Monaten noch einen Litauer bei sich in der Wohnung auf dem Hängeboden versteckt hatte. Das war eine irrsinnige Geschichte, die ich nur kurz erwähnen möchte: Dieser junge Mann ist desertiert, er wollte den Krieg nicht länger mitmachen. Meine Mutter hat ihn versteckt, wodurch sie sich in Todesgefahr begab, denn überall war zu lesen: ”Wer Deserteure versteckt oder auch nur weiß, wo sie sich verbergen und es nicht meldet, der wird mit dem Tode bestraft.” Aber sie hat das durchgehalten in einem Mietshaus, wo die Blockwarte ziemlich scharf waren. Der Litauer hat dann '45 bei den russischen Behörden erreicht, dass an der Wohnungstür meiner Mutter ein schützender Hinweis angebracht wurde: ”Hier hat eine Frau heroisch Widerstand geleistet”, so was in der Art stand da drauf. Dadurch war meine Mutter vor den ersten Plünderungen der Roten Armee geschützt, die damals überall stattfanden. (...) Dann mussten die Deutschen raus aus Breslau, und meine Mutter hat die Koffer gepackt und sich auf den Weg nach Westen gemacht. (...) Sie hatte Glück, weil die Schwester meiner Großmutter in Berlin lebte und gesagt hat: ”Ihr könnt zu mir kommen, ich nehm' Euch auf!” So ist meine Mutter gemeinsam mit ihrer Mutter in Berlin gelandet, wo sie erst mal Unterschlupf fanden.


”Die DDR ermöglichte meinen Eltern ein zweites Leben.”


Die Entscheidung, in der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR leben zu wollen, war für Ihre Eltern selbstverständlich ...
Ja, das war der einzige Ort in Deutschland, wo es ihrer Ansicht nach in eine neue Zeit aufbrach. Die alte Zeit kannten sie zur Genüge – diese Zeit sollte keinesfalls wiederhergestellt werden, und das schien der Sozialismus zu garantieren. Meine Mutter hat mal zu mir gesagt, dass nach '49 ihr zweites Leben begann. Sie hat es ihr ”eigentliches Leben” genannt, was sie dann in der DDR geführt hat.

Wie kam es dazu, dass ihre Mutter dann zu einer so umtriebigen Kulturvermittlerin geworden ist? Die Rolle, die sie im Kulturleben der DDR gespielt hat, war ja eine besondere, zumal sie eigentlich gar nicht die Voraussetzungen von Haus aus dafür mitbrachte.
Das ist richtig. Man muss sich die Aufbruchstimmung der ersten Zeit vor Augen halten. Am Anfang gab es ja Freiräume, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Meine Mutter musste sich in der Sowjetischen Besatzungszone bei einer Behörde melden und wurde da gefragt: ”Was würden Sie gerne beruflich machen?” Darauf sagte meine Mutter: ”Ich würde sehr gerne in der Kultur arbeiten. Literatur, das wär' das Schönste!” – ”Na, wunderbar, dann gehen Sie nach Leipzig an die Universität und studieren Politik und Literatur!” Meine Eltern sind Ende der 40er Jahre gemeinsam nach Leipzig gegangen, haben an der Universität Vorlesungen gehört, wo es ja tolle Professoren gab wie Ernst Bloch. Meine Mutter war Gasthörerin, weil sie immer den Kontakt zu Berlin halten wollte, und mein Vater war richtig eingeschrieben und hat dort, ich glaube, knapp drei Jahre studiert. Bald kam dann das Angebot für meine Mutter von dem 1946 gegründeten Verlag Neues Leben, sich um die nachwachsende Literatur zu kümmern, also am Aufbau junger Autoren mitzuwirken. (...) Und mein Vater wurde schließlich Lektor beim Akademie-Verlag. Das war natürlich eine wunderbare Entwicklung für die beiden, die sich nun mit den Dingen beschäftigen konnten, die sie schon immer interessiert hatten. Die DDR ermöglichte meinen Eltern ein zweites Leben. Das haben sie beide selber so gesehen. Es war ein erfülltes Leben, das reich war an Wissen und Wissensvermittlung, denn beide verstanden sich nicht nur als Kultur-aufsaugende Menschen, sondern immer auch als Weitergebende, das war ihnen ganz wichtig.

Wie äußerte sich das?
Ich erinnere mich zum Beispiel an unzählige Diskussionsabende, die bei uns zu Hause abliefen. Das waren private Treffen, durchaus große Runden, bei denen alle möglichen Themen besprochen wurden, meist ging es um Literatur und Kunst und Politik, und ich durfte als Kind oft dabeibleiben, bis ich vor Müdigkeit die Augen nicht mehr offen halten konnte. Also, abends klingelte und klopfte es ständig bei uns an der Tür, weil wir meistens Gäste hatten. Das sprach sich natürlich rum. Besonders meine Mutter wurde im Lauf der Jahre zu einer Art Institution, du konntest mit ihr keine zehn Schritte in unserem Stadtteil gehen, ohne dass sie von irgendjemandem angesprochen wurde. Sie war Ausleihstation für Bücher und leistete Lebensberatung in allen möglichen Fragen: Sie half gerne anderen Leuten, die mit Problemen zu ihr kamen. (...) Ich habe jetzt zeitlich einen Sprung gemacht, wir befinden uns nun am Ende der 60er Jahre. Ich bin 1954 geboren und habe anfangs viel Zeit bei Onkel und Tante in West-Berlin verbracht, weil meine Eltern sich doch sehr um ihre Ausbildung und ihren Beruf und ihre Weiterbildung bemühten. Erst '61, kurz vor dem Mauerbau, bin ich endgültig rübergeholt worden zu meinen Eltern nach Ost-Berlin. Das war eine abenteuerliche Aktion mitten in der Nacht, als es hieß ”Zieh dich ganz schnell an!” und ich auf irgendwelchen Schleichwegen auf die andere Seite verfrachtet wurde. Das ging ja sozusagen gegen die Laufrichtung der vielen anderen Leute, die von Ost nach West hüpften. Bei mir verlief der Weg umgekehrt, und ich bin bald danach in Ost-Berlin eingeschult worden. Von da an ging mein Weg im Osten den normalen Gang. Dass man nicht mehr zurück in den Westen gehen konnte, war natürlich schlimm, aber das wusste damals keiner, ich als Kind schon gar nicht. (...)


”Sie flog mehrmals raus, weil sie sich weigerte, Menschen preiszugeben.”


Ihre Mutter war nicht allzu lange Mitarbeiter im Verlag Neues Leben. Hat Sie dort Schwierigkeiten bekommen?
Ja, meine Mutter ist aus dem Verlag Neues Leben rausgeschmissen worden, weil sie sich gewisse Eigenmächtigkeiten geleistet hat, die nicht geduldet wurden. Die genauen Details der Geschichte kenne ich nicht, ich kann nur Bruchstücke davon erzählen: Man hatte ja nach '49 versucht, deutsche Künstler zurückzuholen und sie in der DDR anzusiedeln. Darunter waren auch Grete und Franz Carl Weiskopf. Sie war vor allem für ihre Kinderbücher bekannt, die sie unter dem Pseudonym Alex Wedding geschrieben hatte, er war auch Schriftsteller und war kurze Zeit tschechoslowakischer Botschafter in Peking gewesen. Nun hatte man meiner Mutter vom Verlag aus gesagt: ”Kümmer' dich doch mal 'n bisschen um die beiden, dass die heimisch werden!”, was sie auch getan hat. Sie half beim Organisieren einer Wohnung und solche Dinge. Aber dann muss irgendwas vorgefallen sein, und sie wurde plötzlich wieder vom Verlag zurückgepfiffen. Die Weiskopfs könnten auch gut allein zurechtkommen, hieß es. Und dieses Wechselbad: erst Hilfe zu leisten und sich dann wieder zu verdünnisieren, das war für meine Mutter undenkbar. Sie war diesen Menschen zugetan, hatte ihr Vertrauen erworben und sollte nun auf einmal ohne Erklärung das Weite suchen. Das war ja so ein bisschen das Motto in der DDR: Misstrauen säen. Leute erst miteinander vertraut zu machen und ihnen dann zu sagen: ”Du, man weiß eigentlich gar nicht, wer der andere genau ist ...”, um den anderen später wieder unter merkwürdigen Umständen zurückzuholen. Meine Mutter hat diese Tour nicht akzeptiert und das auch im Verlag gesagt. Sie hat damit gedroht, diese Anweisung den Weiskopfs mitzuteilen, woraufhin man ihr gekündigt hat. Was genau aus Sicht der SED gegen die Weiskopfs vorlag, ist mir schleierhaft, vielleicht die Tatsache, dass sie aus einem bourgeoisen jüdischen Elternhaus kamen und in den USA in der Emigration gewesen waren, aber das wusste man ja alles von vornherein.

Glauben Sie, dass Ihre Mutter diese Order des Verlags den Weiskopfs mitgeteilt hat?
Ich würde wetten, dass sie das getan hat. Denn für sie ging es um die Frage: Zu wem gehöre ich? Und das waren immer die Menschen, und nicht die Institutionen. (...)

Was hat Ihre Mutter dann gemacht?
Wie das manchmal so ist, wenn solche Sachen passieren, gab es auch hier einen aufrechten Menschen, der sie aufgefangen hat. Das ist ihr öfter passiert, dass jemand vom Schriftstellerverband oder ein Mitarbeiter eines Verlages anfragte, ob sich die Charlotte im Verband oder im Verlag nicht um die Autorenförderung kümmern möchte. Allerdings flog sie auch dort schnell wieder raus, weil sie unter Druck geraten war, und auch bei ihrem nächsten Job passierte ihr das. Sie war Sekretär, was ja ein bisschen mehr ist als Sekretärin, bei Johannes R. Becher, und auch der wies ihr nach kurzer Zeit die Tür. Es war eigentlich immer dasselbe Spiel: Sie flog raus, weil sie sich weigerte, Menschen preiszugeben. Sie hat nicht akzeptiert, dass ihr die Macht befehlen wollte, wie man sich bestimmten Menschen gegenüber zu verhalten hätte. ”Das war unmenschlich, das konnte ich nicht machen!”, so war ihre Begründung. Sie hat in den 50er Jahren aber nicht nur Ärger gehabt, sondern auch viele schöne Begegnungen mit Autoren, die sich heute zum Teil noch daran erinnern. Volker Braun gehört dazu, der damals vor ihrem Schreibtisch stand und ihr das erste Manuskript hingelegt hat. (...)

Also, sie hat auch inhaltlich mit den Autoren über deren Texte gesprochen ...
Ja, sie hat sich nicht nur um Organisatorisches gekümmert, sie hatte ein gutes Gespür für Literatur. Sie las die Texte und merkte schnell, was spannend war, und an welchen Stellen etwas nicht stimmte, wo es langweilig wurde und die Geschichte nicht aufging. Darüber konnte man mit ihr reden.

Wissen Sie Näheres über die Episode mit Johannes R. Becher? Diese Sache fällt ja 'n bisschen aus dem Rahmen, an so einen Job kommt man nicht einfach so, denke ich ...
Dazu kann ich leider wenig sagen. Sie hat davon kaum etwas erzählt. (...) Ich weiß nur, dass Becher sie rausschmiss, weil der eine Zeugin brauchte, um jemanden in die Pfanne zu hauen, und diese Zeugin wollte meine Mutter nicht sein. Es ging um eine Äußerung, die jemand auf einer Abendgesellschaft gemacht hatte, bei der meine Mutter mit am Tisch gesessen hatte. Ein paar Tage später sagte Becher: ”Nicht wahr, Charlotte, Du erinnerst Dich doch, dass der das gesagt hat?” Und darauf sagte meine Mutter: ”Nein, ich habe geschlafen.” Das war 's: ”Danke, pack Deine Sachen!”, bekam sie zu hören und war die Stelle los. Mit dieser Aussage war sie sozusagen von der Fahne gewichen.

Sollte sie etwas bezeugen, was sie gar nicht mitbekommen hatte?
Sie hatte es sehr wohl mitbekommen. Aber sie sagte: ”Ich habe geschlafen”, was so viel hieß wie: ”Mit mir kannst Du nicht rechnen!” Und genau so ist es von Becher auch verstanden worden. (...)


”Eine der sozialistischen Maximen war: ’Man muss auch unfehlbar im Privaten sein!’”


Dieser Eigensinn Ihrer Mutter ist bemerkenswert. Und zwar auch deswegen, weil sie ja grundsätzlich mit der DDR voll einverstanden war und vom Typ her keine Querulantin war ...
Nein, sie war keine Querulantin. Aber wir würden das heute schon politisch auslegen wollen, denn es waren ja Direktiven von oben, die dieses verquere Verhalten ausgelöst haben. Meine Mutter hat sich einfach verwahrt gegen solche Zumutungen; sie hat Menschen, die ihr lieb und teuer waren, nicht denunzieren mögen. Das war schon auch politisch! Sie hatte ja die Konsequenzen zu tragen. Sie hat übrigens später, nach der Biermann-Ausbürgerung 1976, gemeinsam mit meinem Vater und Kurt und Jeanne Stern gegen den Ausschluss ihrer Kollegen, also der "Biermann-Fraktion",  aus dem DDR-Schriftstellerverband gestimmt. Diese vier waren damals die einzigen, die dagegen waren – leider vergeblich. Also, sie hat nicht alles unwidersprochen hingenommen. Vor allem an dieser gängigen Methode, anderen zu schaden, um sie hinterher wieder auf die Beine zu holen, wollte sie sich nicht beteiligen. So wie sie mir diese Geschichten aus den 50er Jahren erzählt hat, spielten Disziplinierungsmaßnahmen auch auf der privaten Ebene in dieser Zeit eine große Rolle. Erwachsene Leute sollten noch mal ordentlich im Sinne der Partei erzogen werden. Wenn jemand neben seinem ehelich angetrauten Partner noch ein Verhältnis nebenher hatte, musste der teilweise vor versammelter Parteimannschaft die Hüllen fallen lassen. Der musste dann so eine Selbstbezichtigung wie bei Mao über sich ergehen lassen. Ganz furchtbare Dinge! Ich hab mit meiner Mutter darüber diskutiert und gesagt: ”Wie geht das? Das ist doch eine Privatangelegenheit, wenn jemand eine Geliebte hat! Hat man das nicht getrennt?” Sie hat dann gesagt: ”Nein, damals sollte man gewissermaßen der ganze Mensch sein in der Politik. Man muss sich ganz hingeben können und auch unfehlbar im Privaten sein.”

Wovon bei Johannes R. Becher nicht die Rede sein konnte ...
Ohne Zweifel, nein. (...)

Ende der 50er Jahre war Ihre Mutter ...
... bei der DSF, der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, beschäftigt. Sie hat da erste vorsichtige Versuche gestartet, über von ihr verehrte Autoren und Autorinnen öffentlich zu sprechen. Der erste dieser russischen Autoren war Daniil Granin, den sie auch betreut hat. Sie schrieb auch erste Texte über Schriftsteller, merkte aber bald, dass sie über ihre Lieblinge wesentlich besser mündlich erzählen konnte als schriftlich, und dass sie damit auch Menschen erfreuen konnte. Als ich Kind war und anfing, die Dinge zu begreifen, fiel mir auf, was sie da von anderen unterschied: Meine Mutter wollte nicht nur ihr Zeug ablassen, sondern die Menschen wirklich erreichen. Sie wollte etwas anrühren in ihnen, was dann die Verbindung herstellte. Sie hat sich also zum Beispiel die Frage gestellt: Wie schafft man es, jemanden wie Daniil Granin (den damals bestimmt noch nicht sehr viele kannten) den Leuten mit seinen Themen und seiner Sprache nahezubringen?

Konnte ihre Mutter Russisch?
Nee, das war ein wunder Punkt. Meine Mutter hatte mal intensiv Russisch gelernt, ich hab noch ihre ganzen Hefte gefunden mit den Vokabeln. Aber sie hat die Sprache zu wenig angewandt, und so war sie irgendwann weg. Sie hat sich, soweit ich mich erinnere, immer dolmetschen lassen, wenn es darauf ankam. Im Fall von Daniil Granin ging es ohnehin, weil seine Frau der deutschen Sprache mächtig war.


”Sie wollte reintauchen in das Leben dieser Künstler, in deren Bildung und Lebensweg.”


Mitte der 60er Jahre hat Ihre Mutter dann angefangen, sich sozusagen professionell mit Ernst Busch zu beschäftigen. Haben Sie eine Vorstellung, wie es dazu gekommen ist?
Zunächst hat sie sich mit Alex Wedding beschäftigt. Nach dem Tod von Franz Carl Weiskopf im Jahr 1955, war Grete Weiskopf, also Alex Wedding, allein, und meine Mutter, die mit beiden sehr gut befreundet gewesen war, hat irrsinnig viel Zeit mit Alex Wedding verbracht. Manchmal ist meine Mutter eine ganze Woche lang bei ihr geblieben. Manchmal fuhren die beiden 14 Tage irgendwohin. Also, ich hab meine Mutter in der Zeit, in der ich zu Hause lebte, relativ selten gesehen. Auch bei Ernst Busch ist meine Mutter dann ein- und ausgegangen, wobei sie bei Busch nicht gewohnt hat, wie sie das bei Alex Wedding zeitweise getan hat.

Hat sich Ihre Mutter mehr für andere Menschen, also für Künstler, interessiert, als für ihre eigene Familie?
Ich weiß nicht, ob es das trifft. Sie hat in den anderen eine unglaubliche Bereicherung auf verschiedenen Ebenen gesehen. Sie wollte reintauchen in das Leben dieser Künstler, in deren Bildung und Lebensweg, in deren Arbeitsweise und Ästhetik. Sie ist immer sehr intensiv auf Menschen zugegangen. Und über Alex Wedding hat sie erstmals so einen Dia-Ton-Vortrag erstellt, wie sie es anschließend auch bei Busch und anderen Künstlern gemacht hat. Die Arbeiten davor waren eher Kurzporträts, aber ihre Beschäftigung mit Alex Wedding war der Beginn dieser auch auf Öffentlichkeit zielenden Auseinandersetzung mit Künstlerbiografien. Für sie bedeutete das, den anderen einen kreativen Menschen in allen Facetten nahebringen. Wobei sie nicht im Sinn hatte, intime Details zu erzählen. Sie ist sehr diskret mit den Dingen umgegangen, die sie von den Leuten wusste, mit denen sie gerade lebte. Also, sie war sehr verschwiegen, was dazu führte, dass ihr viel anvertraut wurde: Sie bekam Tagebücher zu lesen und wurde in alle möglichen Gefühlslagen eingeweiht.

Sie hat diese Dinge nicht weitergegeben, das heißt: sie hat sie in sich behalten ...
Ja, und sogar als ich später sagte: ”Erzähl mir davon! Dann hab ich diese Geschichte noch für mich ...”. meinte sie: ”Ach, ich weiß nicht, ob ich das machen kann, er hat 's mir doch anvertraut.” Ich konnte das irgendwo auch verstehen und dachte mir: Dann geht jetzt dieses Wissen eben mit meiner Mutter hinweg. Dann ist es für immer weg, aber das passiert, solange es Menschen gibt. Deswegen sind manche Geschichten sehr fragmentarisch, die ich hier erzähle, weil ich einfach den Bogen nicht kenne.

Erinnern Sie sich noch, ob Busch schon während der ”Alex-Wedding-Phase” bei Ihnen zu Hause 'ne Rolle gespielt hat?
Es gab für sie zeitweise immer nur diesen einen Menschen. Sie war eine ganze Weile sehr fokussiert auf Alex Wedding und deren Leben. Für meine Mutter war der Kontakt mit dieser hochgebildeten Frau wie 'ne Schulung, fast so 'ne Art Privatstudium, das alle Künste miteinbezog. Die beiden gingen zusammen ins Theater, besuchten Ausstellungen. (...) Erst nach dem Tod von Alex Wedding im Jahr 1966 begann für meine Mutter die Ära Ernst Busch. Wie ihr Weg zu Busch geführt hat, kann ich nicht sagen. Sie hat ihn natürlich schon lange gekannt, aber ich denke, das war keine persönliche Bekanntschaft. Sie hat ihn wahrscheinlich erst aus der Ferne bewundert. Und dann gab es auf einmal diese Nähe. In meiner Erinnerung war er eines Tages einfach da und löste Alex Wedding als Objekt des Interesses ab. Ihm hat sie sich dann auch auf eine Art verschrieben, die bis hinging zum Ausschluss aller negativen Seiten. Meine Mutter war ”ihren” Künstlern so zugetan, dass sie Schwächen oder Verfehlungen gern entschuldigte, so nach dem Motto: ”Ja, diese Eigenheit hat er natürlich, aber das ist ja alles nicht so schlimm, weil ...” Also, der andere war dann immer der Große, der Vollkommene, wobei sie bei Ernst Busch später auch Abstriche gemacht hat.


”Ich sagte zu meiner Mutter: ’Warum lässt Du Ernst Busch nicht in seiner Zeit groß sein?’”


Wie haben Sie diese ”Busch-Ära” bei Ihrer Mutter erlebt? Liefen dann ständig Busch-Platten zu Hause?
Sie war sehr, sehr häufig bei ihm. Und für meine Ohren war es tatsächlich ein bisschen viel, was meine Mutter zu Hause an Busch-Platten auflegte. Ich war ja dann schon in dem empfindlichen Alter, in dem man sagte: ”Uuh, schon wieder diese Lieder!”

Ging Ihnen die Musik auf die Nerven?
Ja, in der Wiederholung dann schon. Vor allem hatte er diese metallene Stimme, die sehr durchdringend war. Und mir ging die plakative Art, die Texte zu interpretieren, auf den Nerv. Die Lieder strahlten eine Militanz aus, die ich nicht mochte. Dieses Aggressive und Agitprop-mäßige, das war für mich etwas Vergangenes. Meine Mutter hab ich irgendwann mal gekränkt, indem ich gesagt habe: ”Warum lässt Du ihn nicht einfach in seiner Zeit, in der er groß war, groß sein? Warum willst Du ihn dauernd in die Jetzt-Zeit als den Großen zerren?” Ich weiß nicht mehr genau, welche Worte ich damals gebraucht habe. Aber mein Vorwurf war: ”Du führst ihn dauernd als etwas vor, was er gar nicht mehr ist, und was er von seinem ganzen Auftreten her vielleicht gar nicht mehr sein kann und will!” Das war bestimmt schon Ende der 60er Jahre, als ich das formuliert habe. Mir ging zum einen diese extreme Hinwendung zu einer einzigen Person grundsätzlich gegen den Strich. Und dann empfand ich seine Kunst, soweit ich sie erfasst habe, als etwas, das in der Vorzeit stattgefunden hatte. Das war schon beeindruckend: was er alles gespielt und gesungen hat, was er im Spanienkrieg gemacht hat und selbst die Zeit, als er noch bei Brecht auf der Bühne gestanden hat – wenn ich mir all das vorgestellt habe, dann schien er mir authentisch zu sein, aber ...

... aber Sie haben ihn eigentlich als 'ne Art Museumsstück empfunden?
Ja.

Und Sie haben gespürt, dass sich Ihre Mutter über Gebühr mit ihm auseinandersetzt ...
Fast hatte ich den Eindruck, dass sie, aber das ist jetzt meine heutige Interpretation, etwas Unmögliches versucht. Denn in dem Augenblick, wo man jemanden aus seiner Zeit herausreißt und ihn noch mal vorführt, und er natürlich den Glanz von damals nicht mehr hat, wirkt er auf einmal nicht mehr – oder er wirkt wie ein älterer, schrulliger, grantiger Mann, und das fand ich eigentlich furchtbar. Denn das ließ sich ja nicht zur Deckung bringen: das Bild von früher und der Mensch in der Gegenwart – wie sollte das gehen? Mein Gefühl war, dass er seine Zeit gehabt hatte und nun zu denen gehörte, die man eigentlich in Ruhe lassen sollte. Für mich war er jemand, der so 'ne fossile Haltung hatte. Er hatte sich auch schon zurückgezogen. Für mich stand er nicht im Vordergrund der DDR-Gesellschaft, er war irgendwo versunken. Und nur ab und an haben ihn die Obersten mal kurz rausgeholt und ”Rotfront” sagen lassen. Und für mich war erstaunlich, dass er trotz seines energischen Charakters letztendlich genau das machte, was die Partei von ihm wollte. Ich erinnere mich noch an diese Biermann-Geschichte, wo er auf einmal ganz vorne in der Zeitung erschien und die Ausbürgerung guthieß. Ich dachte nur: ”Herrgott, noch mal! Das hat er doch gar nicht nötig!” So wie es in meinen Augen übrigens auch die Anna Seghers nie nötig hatte, sich derart ans System zu schmiegen ...

Sie hatten beide schon diesen sozialistischen Glorienschein ...
Genau, deswegen hab ich mich gefragt: Warum machen die das?


”Er war so seltsam vierschrötig und ein bisschen grob.”


Haben Sie mit Ihrer Mutter mal drüber gesprochen?
Ja, sie war sich in der letzten Zeit ihres Lebens dieser Probleme sehr wohl bewusst. Wir konnten gut miteinander über solche Sachen reden.

Hat sie Ihnen jemals erklärt, was für sie die Faszination von Busch ausgemacht hat?
Ich glaube, das war sein konsequentes kämpferisches Leben. Das war sein konsequentes Leben vielleicht bis zu einem bestimmten Punkt, den ich jetzt nicht genau bestimmen kann, an dem er sich zurückgezogen hat und eher im Privaten den Mund aufgemacht hat. Aber ansonsten war sein Leben gekennzeichnet durch großen Einsatz für seine Sache, wofür er sich auch in Lebensgefahr begeben hatte. Und meine Mutter sah in ihm einen sehr guten Künstler, fand ihn auch eine faszinierende Persönlichkeit. Das hat sich mir als Kind bei den wenigen Malen, die ich mit meiner Mutter zusammen bei Busch war, nicht unbedingt erschlossen. Sie wollte mich öfter zu ihm nach Hause mitnehmen, aber mich hat das nicht besonders interessiert. Er war so seltsam vierschrötig und ein bisschen grob. Er begrüßte einen schon mit so 'nem Kommandoton, wenn man bei ihm in der Tür stand. Das fand ich nicht so angenehm. Also, er hat mich immer aufgerufen wie eine Schülerin, die ich ja auch war, aber ich wollte eben nicht abgefragt werden: ”Na, was macht die Weltanschauung? Wie geht 's in der FDJ?” Ich bin gar nicht mal sicher, ob 's ihn wirklich interessiert hat. Er hat einfach was gefragt, damit so was wie ein Gespräch entsteht. Ich fand die wenigen Male, wo wir mit jungen Leuten dort waren, recht kompliziert. Diese Plaudereien waren ziemlich verkrampft. Manchmal machte er makabre Späße über den Friedhof hinter seinem Haus. Dazu lächelte er merkwürdig einseitig wegen seiner gelähmten Backe, was ein wenig an den Holländer-Michel aus dem ”Kalten Herz” erinnerte. Haben Sie ihn eigentlich mal kennengelernt?

Nee, ich hab ihn nicht kennengelernt. Aber ich kenne die Fotos, auf denen Ihre Mutter zusammen mit Kindern im Hause Busch zu sehen ist. In einer Art Selbst-Interview aus dem Jahr 1994 äußert sie, dass sie Busch einmal im Jahr, zu seinem Geburtstag, mit zehn Kindern besucht hat. Waren Sie da auch mal dabei?
Ja, da war ich auch mal mit. Es war grauenhaft: Kinder wurden jemandem vorgeführt, der nicht wirklich einen Draht zu Kindern hatte. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass er nicht mal zu seinem eigenen Sohn einen Draht hatte. Da war eben so eine grobe Freundlichkeit, mit der er auch mal einen kleinen Buben wie den Uli in die Luft schmiss, dann machte es ”Hoppla!”, und danach war der Junge wieder abgemeldet für den Tag. Ich glaube, dass die Irene sehr gesorgt hat für das Kind.


”Das Ganze musste politisch korrekt sein und das erfüllen, was man in der Öffentlichkeit als Vortrag loslassen durfte.”


Können Sie das näher beschreiben, dieses Gefühl, wenn man dort als Kind 'nen Nachmittag verbracht hat?
Naja, wenn ich mit meiner Mutter allein zu Besuch kam, wollten die beiden meist miteinander reden. Ich war sozusagen das angehängte Kind, das nebenbei beschäftigt werden musste. Ich hatte entweder selbst ein Buch mit, oder er gab mir eins oder was zu Malen. Ich saß dann an der Seite dabei und hab diese merkwürdige Stimmung aufgefangen. Es war eine sehr interessante Energie zwischen den beiden, weil meine Mutter alles mögliche von ihm erfahren, wissen und aufschreiben wollte. Und ihn immer auch nach persönlichen Dingen gefragt hat, um gleich hinzuzufügen, dass sie das auf keinen Fall benutzen würde. Aber sie wollte eben eine Haltung spüren, wollte wissen, was es ihm wert war, mit ihr über sein Leben zu sprechen. Das war ihr wichtig, um jemanden zu erfassen.

Haben diese Gespräche alle zur Vorbereitung ihres Dia-Ton-Vortrags gedient?
Ja, jedenfalls am Anfang.

Auffällig ist, dass im Erläuterungsheft, das Ihre Mutter ausgearbeitet hat, wörtliche Zitate von Busch ziemlich sparsam eingesetzt sind. Sie hat viel Material aus der Literatur verwendet. Ich will sagen: Wenn man ein Jahr fast jeden Tag zu Busch geht und mit ihm spricht, dann hat man ja wahrscheinlich einen Riesenberg Zitate und Geschichten, aber damit ist sie kaum rausgerückt ...
Das war einerseits ihre Art, andrerseits hat sie bei ihren vielen Vorträgen, die sie gemacht hat, immer darauf geachtet, etwas abzuliefern, das von den offiziellen Stellen abgesegnet werden konnte. Sie hat das vorgezeigt und konnte sagen: ”Das ist das Thema, und da steht hier Schwarz auf Weiß.” Das Ganze musste sozusagen politisch korrekt sein und das erfüllen, was man in der Öffentlichkeit als Vortrag loslassen durfte. Es konnte ja nicht jeder in der DDR einfach 'nen Vortrag halten, schon gar nicht vor jugendlichem Publikum. Die Schriftform war also wichtig, damit die Sache überhaupt über die Bühne gehen konnte. Etwas anderes war dann aber das Gespräch mit den Leuten, das bei den Veranstaltungen meiner Mutter eine große Rolle spielte. Da ging es darum, mit all dem Wissen, das sie nebenher noch über den Künstler hatte, mündlich umzugehen. Denn das Publikum kam zunehmend in ihre Vortragsabende, um hinterher das Gespräch zu suchen. Sie hat in diese Geschichten immer etwas hineinverpackt, das den Leuten im besten Fall etwas über sie selbst erschlossen hat. Sie sagte zum Beispiel: ”Sie sehen ja an Ernst Busch, dass man nicht immer alles mitmachen muss, man kann es auch auf andere Art versuchen und sich auch mal verweigern ...” Diese Bemerkungen haben die Leute sehr gemocht. Aber Sie haben völlig recht: Wenn man die kleinen Texthefte sieht, dann wundert man sich, wo die ganzen Geschichten geblieben sind, die sie gesammelt hat.

Hat Ihre Mutter O-Töne im Dia-Ton-Vortrag benutzt, die Sie selbst bei Busch aufgenommen hatte, oder waren das Aufnahmen, die Busch ihr gegeben hatte?
Beides.

Was, glauben Sie, hat Ihre Mutter für 'ne Funktion für Busch gehabt?
Da war endlich mal jemand, der ihn erfasst hat, der ihn verstanden hat. Das hatte vielleicht auch mit ihrer proletarischen Herkunft zu tun. Da war ein Einfühlungsvermögen, wie es Busch zum Beispiel von seiner Frau Irene nicht kannte, was er manchmal auch deutlich äußerte. Irene kam ja aus einem ganz anderen Kreis und winkte dann schon mal ab, wenn Busch wieder mit einer seiner Geschichten ankam: ”Das hast Du mir schon mal erzählt!” Meine Mutter hörte einfach zu und war sehr interessiert. Sie hatte auch Ahnung und konnte hier und da ergänzen, wenn er erzählte. Und es gab noch eine Gemeinsamkeit der beiden: diese Fähigkeit, sich, wie es früher immer hieß, einer Sache bedingungslos verschreiben zu können. Das war im Grunde der Antrieb: die unintellektuelle Leidenschaft, mit der man vor langer Zeit in diesen Kommunismus hineingesprungen war.

In welchem Sinne kam Irene aus einem anderen Kreis? Meinen Sie, dass sie bürgerlicher Herkunft war?
Das weiß ich nicht. Sie erschien mir jedenfalls wie eine leichte, fröhliche Blume, wenn ich da war - eine schöne Frau, die aber immer wieder ausbüchste, wenn das Gespräch anfing und er sagte: ”Komm, Irene, setz Dich!” Sie hat dann gesagt: ”Nein, nein, ich hab noch in der Küche zu tun.” Mir ist auch aufgefallen, dass Irene manchmal zu meiner Mutter gesagt hat: ”Ach, das ist schön, Frau Wasser, kommen Sie doch!” Es war vielleicht auch Freude darüber, jemanden zu haben, der da etwas ausgleichen konnte, was bei ihnen zu Hause fehlte, was sie, vielleicht auch zeitlich, nicht leisten konnte. (...)


”Beim Vortrag hat sie immer wieder ”Stop” gedrückt und ein paar Geschichten erzählt.”


Ab 1966 taucht der Name ”Charlotte Wasser" hin und wieder in der DDR-Presse auf. Man kann nachlesen, dass sie ihre Dia-Ton-Vorträge über Ernst Busch vor verschiedenen Auditorien in Ost-Berlin gehalten hat, zum Beispiel bei Jugendstunden für die Teilnehmer der Jugendweihe. Wie hat Ihre Mutter eigentlich die technische Seite bewerkstelligt? Wie kam sie mit ihren Apparaturen zu den Interessenten?
Meine Mutter war ja mobil mit ihren Dia-Ton-Vorträgen, wobei sie, verglichen mit dem heutigen Equipment, ziemlich unhandliche Geräte mit sich herumschleppte: ein Smaragd-Tonbandgerät mit riesigen Spulen drauf und eine große eingerollte Leinwand, an deren Stange der Diaprojektor unten dranhing. Damit rannte sie durch die Gegend. Ihr Unterwegssein wurde ihr später etwas erleichtert, man hat sie dann mit einem Auto abgeholt und zu den jeweiligen Örtlichkeiten gefahren, nachdem sie sich jahrelang krumm geschleppt hatte.

Wie lief so ein Dia-Ton-Vortrag ab?
Man kann das heute noch ganz gut nachempfinden, wenn man möchte: Ich habe ihre ganzen Utensilien zum Archiv der Akademie der Künste gebracht, wo die Sachen aufgehoben werden. Der Dia-Ton-Vortrag selbst war, wie das Wort schon andeutet, aus verschiedenen technischen Einheiten zusammengesetzt, lief aber in einem ab. Das heißt, sie hatte das Ganze exakt ausgearbeitet, es gab ein kleines Materialienheft dazu, in dem man den Tonband-Text mitlesen konnte, der zu den Bildern ablief. Die Bilder waren von eins bis 150 durchnumeriert, es war also eigentlich eine fertige Arbeit, und es hätte auch ein anderer auf den Knopf drücken und den Dia-Vortrag inklusive Ton starten können. Es kam aber bei ihr dazu, dass sie sehr oft auf ”Stop” drückte und ein paar Geschichten dazu erzählte. Ich glaube, das machte erst den Reiz dieser Vorträge aus. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass sie mit dieser Arbeit über so lange Zeit gefragt war. Sie hat ja auch nach '89 immer wieder über Kultur gesprochen, hat von persönlichen Bekanntschaften berichtet. Sie war dabei relativ offen, das hat vielen Leuten gefallen.

In dem Artikel von 1994, den ich vorhin schon erwähnt habe, schreibt Ihre Mutter, sie sei über ein Jahrzehnt lang fast täglich bei Busch zu Hause gewesen, was ich unglaublich finde. Sie muss also, auch als der Vortrag längst fertiggestellt war, ständig dorthin gepilgert sein. Sie hat in der Zeit wohl den Vortrag mehrmals überarbeitet, war aber auch darüber hinaus an Busch und seiner Familie interessiert. Sie haben schon angedeutet, dass Sie als Jugendliche wenig Verständnis dafür hatten, dass sich Ihre Mutter so reinkniet in diese Busch-Leidenschaft. Wie hat sich das geäußert? Haben Sie versucht, zu Hause mit Ihren eigenen musikalischen Vorlieben dagegenzuhalten?
Meine Mutter und ich waren Wand an Wand bei uns zu Hause. Wenn der Busch dann in voller Lautstärke losschmetterte, es war ja noch nicht die Zeit der Kopfhörer, ging mir das durch Mark und Bein. Wenn ich mich darüber beschwert habe, hat sie mir erklärt, dass sie sich über die Musik in eine Atmosphäre hineinversetzen kann, in der sie gut arbeiten kann. Sie hat zeitgleich dagesessen und sich Notizen gemacht, machmal auch mit der Maschine geschrieben, um ihre Vorträge weiter auszubauen.

Konnte das lange andauern?
Oh ja, das konnte lange andauern! Es gab glücklicherweise noch keine Wiederholtaste, sodass sie immer wieder aufstehen musste, um die Platte neu zu starten oder das Tonband zurückzuspulen. Sie hat in der Zeit immer unglaublich viel zu Papier gebracht, wobei letztendlich, wie Sie richtig sagen, eine dünne Broschüre rausgekommen ist. Aber das, was sie geschrieben hat für ein einziges Thema, war erst mal ein Riesenkonvolut von Texten. Sie hat wie wahnsinnig gesammelt, um, so stelle ich mir das heute vor, beim Vortrag viel erzählen zu können. (...)


Beim Vortrag: ”Ich weiß, ich weiß! Der Busch hat doch auch ’Max und Moritz’ geschrieben!”


Die Vorträge waren von da an die Hauptbeschäftigung Ihrer Mutter. Sie hat sich damit sozusagen selbstständig gemacht und ist keine weiteren Arbeitsverhältnisse eingegangen ...
Ja, sie hat diese Beschäftigung allmählich ausgebaut. Unser Leben war ja finanziell gesehen kein reiches, sondern wir haben immer so ein bisschen von einem Tag zum nächsten Tag gelebt. Und ich kann nur sagen: Zum Glück war die Faszination, die meine Mutter mit ihren Vorträgen und Gesprächen beim Publikum erreichte, so groß, dass sie immer weiterempfohlen wurde. Irgendeiner saß meistens im Zuschauerraum, der hinterher sagte: ”Dürfte ich Sie denn bitten, so einen Vortrag auch bei uns zu machen?”

Also, damit konnte man Geld verdienen ...
So würde ich es nicht sagen. Man konnte leben. Ich hab später die Kontoauszüge gesehen und mir gedacht: ”Oh Gott, ist das rührend!” Also, sie hat für einen Vortrag 20 Mark bekommen. (...)

Irgendwo hab ich einen Brief von Irene Busch gefunden, in dem es heißt, dass Charlotte Wasser sich quasi 'ne goldene Nase mit diesen Vorträgen verdienen würde ...
(lacht)

... das scheint also nicht der Fall gewesen zu sein ...
... nicht wirklich, nein.

Aber die Busch-Vorträge waren schon ein Standbein.
Ja, sie haben meiner Mutter ermöglicht, freiberuflich zu arbeiten. Und für jemanden, der in der DDR lebte, war das ein Traum! Die Busch-Vorträge liefen tatsächlich am besten, aber meine Mutter hat danach eine ganze Reihe anderer Dia-Ton-Vorträge konzipiert: über Bildende Kunst allgemein, über Picasso, über Chagall und auch einen über Kunst im Dritten Reich, der ebenfalls sehr gut lief. Zuletzt saß sie an einem Vortrag über Modigliani, der, glaube ich, nicht mehr ganz fertig geworden ist. (...)

Gab es dann immer Probevorführungen zu Hause? Waren Sie und Ihr Vater das Testpublikum, bevor Ihre Mutter mit ihrem neuen Thema nach draußen ging?
Genau so war es (lacht). Dann hieß es: ”So, Kinder, könnt Ihr mal kurz gucken kommen? Das neue Kapitel ist fertig!” Dann mussten wir wieder ran. Mein Vater hat auch manchmal mitgeholfen bei der Vorbereitung und hat historische Hintergründe recherchiert.

Wie hat Ihre Mutter eigentlich reagiert, als Sie damals Kritik geübt haben an ihrer Busch-Leidenschaft?
Grundsätzlich hatte ich Verständnis für das, was sie machte. Das fand ich sogar toll. Aber einmal habe ich ihr, wie gesagt, relativ deutlich erklärt, was mich an dieser Beschäftigung mit Ernst Busch stört. Und da hat sie gesagt: ”Er ist jetzt noch da, er lebt noch. Deswegen muss man ihn jetzt befragen und ihm jetzt zuhören!” Das habe ich dann auch wieder verstanden. Wenn er eines Tages nicht mehr lebt, ist man froh über diese Dokumente. Meine Mutter durfte ja auch seine Lieder mitschneiden und hat diese Aufnahmen ohne Lizenzgebühren bekommen. Das war sehr wichtig für sie, denn die hätte sie nicht bezahlen können.

Hat sie auch Interviews mit Busch geführt, die sie auf Band aufgenommen hat?
Das hat sie auch gemacht, aber leider weiß ich nicht, wo diese riesigen Spulen hingekommen sind. Das Schlimme ist, dass meine Mutter die Dinge nie archivarisch verwahrt hat. Ihre Materialien lagen am Ende kreuz und quer in Umzugskisten. Die Bänder sind mittlerweile im Akademiearchiv, aber ich vermute, dass derjenige, der sie sich anhört, die Krise kriegt, denn da ist nichts geordnet oder beschriftet. (...)

Waren Sie mal bei einem der Busch-Vorträge Ihrer Mutter dabei? Zum Beispiel bei einer ihrer Jugendstunden zur Vorbereitung auf die Jugendweihe?
Ja, sie hat mich ein paar Mal mitgenommen.

Was war das für eine Atmosphäre? Hatten Sie das Gefühl, dass die Jugendlichen Interesse hatten an Busch?
Nicht wirklich. Die haben das über sich ergehen lassen. Meine Mutter hatte manchmal putzige Erlebnisse, wenn sie mit Busch unterwegs war. Da meldete sich dann jemand und rief: ”Ich weiß, ich weiß! Der hat doch auch ’Max und Moritz’ geschrieben!” Das kam häufiger vor. Als meine Mutter mir das erzählte, dachte ich: Meine Mutter macht einen Spaß. Bis ich es selber 'n paarmal erlebt habe. Sie hat dann sehr freundlich regiert und hat gesagt: ’Nee, das war jemand anderes, das war der Wilhelm Busch ...”

Das hat sie wahrscheinlich in ihrem Bemühen bestätigt, ihn der Vergessenheit entreißen zu müssen ...
Genau das! Es gibt noch eine andere Anekdote, die meine Mutter mit Busch selbst erlebt hat, die ich ganz typisch für ihn finde: Meine Mutter war ein zu spät kommender Mensch. Sie steckte immer in irgendeinem unglaublichen Gewusel und kam einfach ständig zu spät. Einmal war sie mit Busch verabredet und klingelte wieder 'ne Viertelstunde oder 20 Minuten später als vereinbart. Busch riss die Tür auf und sagte: ”Liebe Frau Wasser, wenn ich mit Ihnen im Untergrundkampf gewesen wäre, wäre ich jetzt schon tot!” Das hat er nicht im Scherz gesagt. Er war wütend über diese Unachtsamkeit oder Unaufmerksamkeit: dass man nicht spürte, was das eigentlich bedeutet, dass da einer wartet. Und meine Mutter hat eine Weile gebraucht, um ihn wieder einigermaßen milde zu stimmen, er war zunächst sehr reserviert. Meine Mutter kam an diesem Tag wirklich erschrocken zurück nach Hause. (...) Es gab auch mal eine echte Verstimmung zwischen den beiden, die eine Weile anhielt, aber ich weiß die Hintergründe nicht mehr. Busch hatte meiner Mutter irgendetwas übelgenommen, beruhigte sich aber schließlich wieder. In seinen letzten Lebensjahren kehrte sich dann das Verhältnis ein bisschen um. Dann war er es, der ständig bei meiner Mutter anrief. Da wurde es dünner um ihn, und das spürte er. Auch meine Mutter hatte begonnen, sich vorsichtig zu distanzieren, vielleicht konnte sie über seine schroffe Art doch nicht immer hinwegsehen. Sie hat mir erzählt, dass sie mit Busch einmal einen seltsamen Disput über Mitleid hatte, wobei Busch erklärt habe, sowas gebe es bei ihm nicht. Das fand meine Mutter unmöglich. Aber ich glaube, dass sie ihm trotzdem auf ihre Art bis zuletzt die Treue gehalten hat.



Interview: Jochen Voit
Foto: Jochen Voit
(Textfassung autorisiert von Margrit Manz am 20. 10. 2008)






Letztes Update 26.05.2010 | Copyright© Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
Erinnerungsorte revisited



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