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Renate Bronnen

über ihr Leben als Österreicherin in der DDR und ihre Freundschaft mit Ernst Busch




„Beim Singen hatte er eine ungeheure sexuelle Ausstrahlung!“
(Gespräch am 10. Mai 2005 in Berlin)


Renate Bronnen (Foto: Johanna G. Bechen)
Renate Bronnen (geborene Bertalotti) ist Jahrgang 1922. Sie wächst in Mauthausen und Linz auf und studiert nach dem Abschluss des Lyzeums Gesang und Schauspiel. Mit 19 heiratet sie den Schriftsteller Karl Kleinschmidt. Die Ehe hält nicht lange. Durch ihre Schauspieltätigkeit lernt sie 1947 den Schriftsteller Arnolt Bronnen kennen, der als Redakteur einer kommunistischen Zeitung in Linz arbeitet. 1952 heiraten die beiden in Wien. Renate Bronnen ist die dritte Ehefrau des umstrittenen Autors. Vier Jahre später entschließt sich Arnolt Bronnen, nach Berlin in die DDR überzusiedeln. Renate Bronnen geht mit ihm und bleibt auch nach dem frühen Tod ihres Mannes in der DDR wohnen. Fortan führt sie mit ihren beiden Söhnen ein Leben in zwei Welten: Sie pendelt zwischen Österreich und Ost-Berlin, wobei sie die Vorzüge beider Welten zu schätzen weiß: In Österreich verbringt sie einen Großteil ihrer Freizeit, in der DDR nimmt sie kulturelle Verpflichtungen wahr und pflegt Kontakte zu Künstlern und ehemaligen Kollegen ihres verstorbenen Mannes. Gut befreundet ist sie mit Ernst Busch, der wie sie in Niederschönhausen wohnt. Renate Bronnen lebt bis heute in dem Haus, in das sie 1956 mit ihrem Mann Arnolt Bronnen eingezogen ist.


Es ist fast unmöglich, dem viel zitierten österreichischen Charme nicht zu erliegen, den Renate Bronnen verbreitet. Sie lacht viel und sie kann selbstironisch erzählen: “Sie, wanni Ihnen zu viel red, sang Sie 's!“ – Beim Gespräch gibt es große Mengen Kaffee und Kuchen. Ich werde mehrmals ermahnt, mehr zu essen und zu trinken. Zwischendurch erläutert sie mir die Einrichtung des Wohnzimmers, den österreichischen Bauernschrank und auch die Bilder an den Wänden, „zum Teil Beutestücke aus meiner ersten Ehe“, sagt sie. Unser Gespräch dauert mehr als vier Stunden („Wissen Sie, ich hab 100 Geschichten, nicht eine, Sie müssen mich gezielt fragen!“). Zum Schluss kommt noch eine Freundin Renate Bronnens hinzu, Inge Drinda, die ebenfalls Geschichten über Ernst Busch zu berichten weiß.



Jochen Voit: Erzählen Sie bitte zunächst, wo Sie herkommen und wie Sie aufgewachsen sind ...
Renate Bronnen: Geboren bin ich in St. Pölten in Niederösterreich als Tochter eines ehemaligen k.u.k.-Offiziers. Mein Vater ist nach dem Ersten Weltkrieg sozusagen von der dienenden Truppe entlassen gewesen – er war nach wie vor im militärischen Dienst, aber nicht mehr in Uniform. Er war geschieden, also ich war eigentlich Waisenkind im Sturm der Zeit. Meine Mutter hat mich stehenden Fußes verlassen, wie ich zwei Jahre alt war, wegen eines anderen Mannes. So was hat 's immer schon gegeben, nicht wahr. Und mein Vater hat dann wieder geheiratet: eine sehr nette, sehr schöne, sehr angenehme Frau, das war dann sozusagen meine Stiefmutter. Ich wusste aber gar nicht, dass ich eine Stiefmutter hab, weil ich ja viel zu klein war. Die ersten sieben Jahre meines Lebens bin ich in Mauthausen bei meiner Großmutter aufgewachsen.

Der Ort hat später traurige Berühmtheit erlangt durch das Konzentrationslager ...
Ja, aber wissen Sie, was interessant ist? Mauthausen war ja ein Nest, ein Markt halt an der Donau. Da war der Bettelberg, dieser Steinbruch, der dann das KZ Mauthausen war. Und wenn wir als Kinder dort oben spazieren gegangen sind, hat 's immer geheißen: „Aber geht nicht zu weit! Geht nicht bis zum Bettelberg, das ist viel zu gefährlich!“ – Nicht dass man abstürzt ... So hatte der Bettelberg für mich schon immer etwas Düsteres und etwas Unheimliches – noch bevor die Nazis das Lager bauten. (...)

Wohin kamen Sie nach Ihrem siebten Lebensjahr?
In Mauthausen war ich nur im Kindergarten, in die Volksschule bin ich dann in Linz gegangen. Dort hab ich auch Matura gemacht am Lyzeum. Dann war '38 der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ...


„Tschingderassa-Bummbummbumm!“ - Kindheit in der Kaserne


Waren Sie damals politisch interessiert oder geprägt?
Ja, freilich. (...) Ich bin ja eigentlich in einer Kaserne aufgewachsen, weil mein Vater als Offizier in einer Kaserne gewohnt hat - wir haben eine sehr schöne große Wohnung gehabt. Ich bin also mit Militär, mit Tschingderassa-Bummbummbumm - hör ich heut noch gern, liegt mir irgendwie im Blut – und mit Fahnen und all diesen Sachen aufgewachsen. Und ich kann mich erinnern: Im Jahr '34 war dieser Aufstand von den Sozialdemokraten, von den Sozis in Österreich. Und die Kaserne meines Vaters war am Stadtrand von Linz, wo auch die Brotfabrik war, und dort waren die Roten. Da wurde geschossen, und wir mussten uns verstecken ... So bin ich als Kind aufgewachsen: mit Stahlgewittern, Stechschritt und Traraa. Aber es hat mich weiter nicht gestört, möchte ich sagen. (Lachen) Ja, es gehörte einfach zu meinem Lebensbild.

War Ihr Vater Monarchist?
Wahrscheinlich. Genau weiß ich 's nicht, ich bin ja erst '22 geboren. Er war jedenfalls noch im Ersten Weltkrieg als Offizier. Meine ersten beeindruckenden Kindheitserinnerungen haben mit ihm zu tun: Da sind wir ausgefahren mit Militär und Pferden, Autos gab 's ja so gut wie keine. Er wurde dann aber sehr herzkrank und ist gestorben, als ich zehn Jahre alt war. Es war ein Gehirnschlag, glaub ich, es ging ziemlich rasch in meiner Erinnerung. Ich bin dann bei der Stiefmutter aufgewachsen und gehörte zu denen, die '40 die erste Kriegsmatura machten.

Wie veränderte sich das Leben durch den Anschluss '38?
Das war natürlich toll! Österreich, besonders Linz, war ein langweiliges Bauerndorf gewesen. Und auf einmal kamen die Nazis und es war was los. Wir sind mit Tschingderassa-Bumm und weißen Stutzen in die Schule marschiert. Wir hatten ja keine Ahnung, worum es geht! Nur eines muss ich sagen: Am Stadtrand, wo wir in der Kaserne in der Garnisonstraße gewohnt hatten, da gab es nicht weit ein richtiges Armenviertel, der Hühnersteig. Die Leute dort hießen „die Ausgesteuerten“, das waren Obdachlose, die keine Arbeitslosenhilfe mehr bekommen haben, die es ja damals unter Dollfuß auch schon gab (Engelbert Dollfuß, österreichischer Bundeskanzler, 1934 von Nationalsozialisten im Bundeskanzleramt erschossen; JV). Und die mussten sich jeden Freitag oder Montag irgendwo anstellen, und das war direkt auf meinem Schulweg. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: „Du, geh nicht diesen Weg, du gehst die andere Straße!“ – Als ob die mir was getan hätten, diese armen Teufeln. Das waren die Ärmsten der Armen. Ich seh sie heut noch vor mir: wie KZ-Gestalten, grau, fahl, in Lumpen und nichts zu essen, so standen sie da. Was hätten die mir tun sollen? Ich bin also immer dort vorbeigegangen, weil mich das einfach interessiert hat, was mit denen ist, was da passiert. (...) Vielleicht muss man das gesehen haben, um zu verstehen, wieso der Hitler so mit Tschingderassa-Bumm empfangen worden ist, wieso der so umjubelt war. Denn diese ganzen armen Leute waren dann schlagartig weg – aber nicht eingesperrt im KZ, sondern die hatten Arbeit. Drum haben die auch alle den Hitler gewählt.

Sie erinnern sich also zunächst an positive Veränderungen?
Absolut, absolut. Weil auf einmal alle Arbeit hatten, und dadurch jeder ein ganz ein anderes Lebensgefühl hatte. Das war die große positive Veränderung.

Waren Sie dann beim BDM?
Ja, natürlich. In meiner Klasse waren auch zwei BDM-Führerinnen, die wahrscheinlich schon vorher, also in der Schuschnigg-Zeit, illegal dabei waren (Kurt von Schuschnigg, österreichischer Bundeskanzler nach Dollfuß bis zur Absetzung durch die Nationalsozialisten 1938; JV). Es hat ja illegale Nazis gegeben in Österreich, und als dann der Hitler kam, sind die auf einmal alle aus ihren Löchern gekommen. (...) Ich muss Ihnen sagen: Linz war eine Hochburg Hitlers. Wir sind auf der Straße umeinander gerannt und haben geschwärmt von seinen schönen blauen Augen, so ein Schwachsinn! Das ist mir alles erst nachher zu Bewusstsein gekommen.

Wann war das ungefähr?
Kurz vor 'm Zweiten Weltkrieg, würde ich sagen. Oder jedenfalls kurz nach Kriegsbeginn. Zunächst haben wir uns nichts Böses gedacht, als auf einmal die drei Jüdinnen aus dem Lyzeum verschwunden waren. Das ging schlagartig. Zwei waren Töchter von einem Antiquitätenhändler aus der Linzer Altstadt. Mit denen waren wir genau so befreundet wie mit anderen auch. Und Hitler ist gekommen im März '38, und Anfang April waren die nimmer da. „Ja, wo sind denn die?“ – „Ja, wieso sind denn die weg?“ – „Ach so, die sind weg.“ Da haben meine Freundinnen und ich noch nichts gemerkt. Aber dass sie weg waren, ist uns natürlich aufgefallen. (...) Der Krieg war dann schon ein einschneidendes Erlebnis. Wir kannten ja alle aus meinem Jahrgang die Jungs vom Realgymnasium. Und die haben sich alle freiwillig gemeldet. Da ist kaum einer übrig geblieben. Von denen, die ich kannte, sind vielleicht drei aus dem Krieg zurückgekommen. Alle anderen sind in den Schlachten geblieben. Die meisten sind zu den Sturzkampffliegern gegangen, die wenigsten zur Marine, dann natürlich zu den Panzerfahrern, das fanden die eine tolle Sache, die haben dafür auf 's Studium verzichtet. Sind alle auf der Strecke geblieben! Drum haben ja dann nach dem Krieg auch so viele Mädchen aus meiner Generation alte Männer geheiratet ...


Kleinschmidt und Bronnen: Zwei Männer für jeweils sieben Jahre


Arnolt Bronnen war ja auch wesentlich älter als Sie ...
Ja, aber das war ja meine zweite Ehe. Mit 19 hab ich den Schriftsteller Karl Kleinschmidt geheiratet, mit 20 hab ich 's erste Kind gehabt. Mein Mann war Sohn gut situierter Eltern, die Kleinschmidtischen und die Weißgärberischen sind übrigens Nachfahren von Anton Bruckner gewesen. Und meine Schwiegermutter ist mal Sängerin gewesen an der Dresdner Staatsoper, mein Schwiegervater war Röntgenologe, Haus in Linz und Schlösschen auf dem Land in Ottensheim. Ich bin dann aber krank geworden, hab eine schwere Lungentuberkulose gekriegt, wobei ich die Disposition zur Krankheit wohl geerbt hatte, meine richtige Mutter ist an TBC gestorben. (...)

Sie haben das offenbar gut weggesteckt ...
Gut weggesteckt? Ich bin Überlebensprofi! Ich hab schon zwei tödliche Krankheiten überlebt. Erst die Lungentuberkulose und dann vor zwölf Jahren den Krebs. Ich bin nicht tot zu kriegen. Furchtbar! (lacht) Aber gut, es nützt nichts. Durch dieses Leben muss man durch, sag ich immer.

Wie lange dauerte Ihre erste Ehe?
Ich bin 83 Jahre alt und war zweimal sieben Jahre verheiratet. Sonst war ich frank und frei. (...) Meine erste Ehe wurde geschieden und meine zweite war dann zu Ende, weil der Bronnen gestorben ist. Mein erster Mann hat sich aus dem Staub, mein zweiter in den Staub gemacht ... (...)

Wie haben Sie Arnolt Bronnen kennen gelernt?
Das war '47. Ich hatte ja nach der Schule Gesang studiert und Schauspiel und hatte eigentlich auch in diesem Fach tätig werden wollen. Dann kam aber die offene Lungentuberkulose auf beiden Seiten, und so kam es zunächst nicht dazu. Später dann hatte mein erster Mann eine Andere gefunden, und ich stürzte mich dann endlich in die Schauspielerei. Aber als ich den Bronnen kennen lernte, war ich noch verheiratet, der Bronnen war auch verheiratet. Also, Sie sehen schon, da ging 's drunter und drüber. (lacht) (...) Wie war das? Genau ... Der damalige Intendant von Linz, der Stögmüller, hat gesagt: „Du, weißt' was? Da gibt 's einen Schriftsteller, der heißt Bronnen, der hat ein Stück geschrieben, „Vatermord“, das wollen wir aufführen.“ Nach dem Krieg hatten sich ja lauter so kleine Theatergruppen gebildet, denn es war ja alles in Schutt und Asche, und jeder wollte wieder irgendwas machen. (...) Ich weiß noch, dass ich damals nach Hause kam und meinen Mann fragte: „Kennst du einen Bronnen?“ – „Ja, ja, den kenn ich!“, der war sehr gebildet, der Kleinschmidt. „Naja“, sagt er, „wenn 's dich interessiert, dann mach 's doch.“

War der Kleinschmidt politisch eher links oder rechts?
Weder noch, völlig desinteressiert. Er war aber in der Nazi-Partei, weil damals jeder in der Nazi-Partei war. Mein Schwiegervater auch.

Sie auch?
Nein, ich nicht. Wissen Sie, ich war immer schon vorsichtig. (...) Ich wollte bloß nach dem Abitur nicht in den Arbeitsdienst gehen, da mussten ja Jungs und Mädchen hin, Buam und Dirndln. Ich wollte was anderes machen. Und weil wir Beziehungen hatten, Linz war ja eine Provinzstadt, da kannte jeder jeden, sagte man mir: „Weißt was, geh in die Gauleitung! Da kannst a bissl Maschine schreiben oder so was.“ - „Ah ja, das ist eigentlich ganz a gute Idee.“ - Ich konnte weder Maschine schreiben noch stenographieren oder sonst was. (lacht) Ich hab nur ganz gut ausgesehen. (Lachen) Dann bin ich tatsächlich zur Gauleitung gegangen und hab das auch einigermaßen hingekriegt. Aber es hat mich nie ein Mensch gezwungen, in eine Partei zu gehen. Auch hier nicht! Ich war mein ganzes Leben in keiner Partei. Wie ich das geschafft hab, weiß ich auch nicht.


„Bauer, hol die letzte Rübe raus!“ – Propaganda in der Diktatur


Sind Sie in einer Kirche?
Ich bin römisch-katholisch erzogen. Das hatte ich zwischenzeitlich ganz abgelegt: erst durch die Nazi und später dann durch die Kommunisten hier. Aber heute würde ich sagen, ich bin wieder römisch-katholisch, die Kirche interessiert mich doch. Wissen Sie, ich bin ein Mensch des Theaters, mir gefällt alles, was große Aufmachung hat. Nehmen Sie den neuen Papst Benedict XVI, da gefällt mir das ganze Drumherum. Mir hat auch das ganze Drumherum bei den Nazi sehr imponiert. Nur wie ich hierher gekommen bin mit dem Bronnen, hab ich zum Bronnen gesagt: „Du, das ist ja dasselbe in Rot, was ich kürzlich in Braun erlebt hab!“ – Da ruft er: „Das kannst Du nicht sagen! Das ist ganz was Anderes ...“ – Also hab ich nix mehr gesagt, aber gedacht hab ich mir einiges.

War das Drumherum, wie Sie sagen, tatsächlich so ähnlich?
Aber ganz genauso. Dieselben Fahnen, dieselben Spruchbänder. „Bauer, hol die letzte Rübe raus!“ - und lauter so einen Schwachsinn. Lauter Blödsinn! Ich dachte mir immer: „Des hab ich doch schon amal irgendwo g'lesen.“

Aber Sie sagen selber, Sie sind anfällig für diese Inszenierungen?
Ja, ich war anfällig dafür. Aber jetzt, nach dem zweiten Mal, nicht mehr. Nie mehr wieder! Und in eine Partei bin ich auch nie gegangen. Das engt ein.


„Vorführung des Raubtiers“ - Die erste Begegnung mit Bronnen


Arnolt Bronnen sah das anders. Der war bei den österreichischen Kommunisten aktiv, als sie ihn kennen gelernt haben ...
Ja, er war damals Kultur-Redakteur bei der Neuen Zeit, der kommunistischen Zeitung in Linz. Der Bronnen war überzeugter Kommunist, und er war ja in die österreichische KP eingetreten und war auch eingesperrt im letzten Kriegsjahr. Jedenfalls hat man mich vorgeschlagen für die und die Rolle in dem Stück vom Bronnen. Und der Edwin Sponeck, der war später lange Regisseur in Wien, hat dann den Kontakt zum Bronnen vermittelt. Der hat dem Bronnen in den Kalender geschrieben „Vorführung des Raubtiers“ – das war ich! (lacht) Ich weiß nicht, wieso ... Ach so, doch, ich hab damals so einen Wildkatzenmantel gehabt, der wird 's gewesen sein, nehm ich an ... Ich bin also zum Bronnen hin in die Redaktion, und er hat gefragt: „Was können Sie vorsprechen?“ – Hab ich gesagt: „Vielleicht den Monolog von Fräulein Julia aus ‚Julia’ von Strindberg.“ Denn die Rolle hat mir sehr gut gefallen. – „Jo, bitte, bitte!“ Ich hab vorgesprochen, und er hat sich meine Daten notiert, war sehr liebenswürdig, sehr freundlich. Und später, wie wir uns schon gut gekannt haben, hab ich ihn gefragt: „Du, sag amal, wie war ich denn eigentlich?“ Da hat er gesagt: „Was mir an dir am besten gefallen hat, waren deine Beine.“ (lacht) Also, Sie können sich vorstellen ... (lacht) Es ist dann eh nie zu dieser Aufführung gekommen, aber ich bin dadurch a bissl getingelt und hab dies und jenes gemacht. Und plötzlich hab ich wieder Blut gespuckt, der zweite Lungenflügel ist von der Tuberkulose befallen gewesen. Und da hab ich mir gedacht: „Jetzt schaff ich 's nimmer, jetzt geht 's wirklich nicht mehr!“ Da hab ich mit meinem Leben abgeschlossen, und der Bronnen hat zu mir gesagt: „Also, wenn du stirbst, dann sterb ich mit dir." Da hab ich mir gedacht: "Also bitte! Nein, das wirklich nicht! Sterben möcht ich dann doch alleine!“ Aber ich hab das dann doch durchgestanden, hab einen doppelten Pneumothorax gehabt, das muss ungefähr '52 gewesen sein.

War das sozusagen sein Heiratsantrag an Sie?
Nein, nein, er war ja noch verheiratet. Ich war ja auch verheiratet. Wir waren ja beide noch verheiratet! Wir mussten uns zuerst einmal scheiden lassen. Aber mein erster Mann hat eh auf Scheidung gedrängt, weil er die Nächste heiraten wollte. Und da hab ich mich dann scheiden lassen. Jetzt war aber noch der Bronnen verheiratet. Der hat sich dann auch scheiden lassen. Ich hab dann auch seine geschiedene Frau kennen gelernt und seine beiden Töchter, mit denen ich ein sehr gutes Verhältnis hab. Die Barbara Bronnen hab ich erst vorgestern wieder getroffen bei einem Brunch im Operncafé. (...)

Sie haben dann Arnolt Bronnen 1952 geheiratet ...
Ja, es war allerdings eine Wochenend-Ehe, der Bronnen war in Wien bei der Scala und ich hab in Linz gelebt. Wochenend-Ehen sind wunderbar! (...) Ja, wir waren ganz modern – in jeder Hinsicht. (lacht) (...)

Arnolt Bronnen war um einiges älter als Sie. Hat Sie das nicht gestört?
Er war 27 Jahre älter. Aber das hat mich überhaupt nicht gestört! (...)

Ihre beiden Ehemänner waren Schriftsteller. Hat Sie das Schreiben, das Schöpferische, angezogen?
Ja, immer. Sie, ich glaub, ich hab mit zwölf Jahren den Shakespeare gelesen und wollte immer zum Theater, Goethe und Schiller hab ich gelesen – ich kann heut noch die ganzen Balladen auswendig. Für mich ist überhaupt das Kreative absolut erotisch. Ich war mit Malern befreundet und mit Schriftstellern. Obwohl ich aus einer Offiziersfamilie komm ... Aber durch meinen ersten Mann kam ich ja in eine, man kann sagen, großbürgerlich-künstlerische Welt hinein. Und das war natürlich eine sehr angenehme Atmosphäre.

Hat Sie die kommunistische Anschauung Bronnens nicht abgeschreckt?
Nein, nein, überhaupt nicht. Weil ich eigentlich mein ganzes Leben lang auf der Suche nach was anderem war – nicht so sehr nach was besserem, sondern nach was anderem. Ich war zum Beispiel schon mit 15 für getrennte Schlafzimmer, und meine Schulkolleginnen haben gesagt: „Nein, Du bist abnormal!“ – Ich hab dann gesagt: „Ich finde getrennte Schlafzimmer wunderbar!“

Haben Sie gern selbst die Entscheidungen getroffen?
Ja, absolut.

Würden Sie sich als emanzipiert bezeichnen?
Nein, das geht zu weit. Als sehr neugierig!


„Das ist was Neues!“ - Umzug aus Österreich in die DDR


Wer hatte dann die Idee, in die DDR zu gehen?
Der Bronnen.

Hatten Sie Lust dazu?
Ja, weil ich neugierig war. Und weil ich mir gedacht hab: Das ist was Neues, das ist was Anderes! (...)

Wie kam Bronnen drauf, in die DDR zu gehen?
„Der Becher geht so lange zum Bronnen, bis er Brecht.“ Die kannten sich doch alle aus der Vor-Nazizeit.

War das ein geflügeltes Wort?
Ja, natürlich, aus den 20er Jahren.

Das sollte heißen, dass die drei unter einer Decke steckten?
Genau. Wobei es dem Bronnen mehr um den Brecht ging. Kennen Sie die „Tage mit Bertolt Brecht“? In diesem Buch hat der Bronnen die Freundschaft der beiden beschrieben. Der Bronnen war ja der meistaufgeführte Autor in den 20er Jahren. Der hat den Brecht mitgezogen. (...) Der Brecht hat alle Menschen benutzt, und so hat er auch den Bronnen benutzt. Der Bronnen hat damals auf den Kleist-Preis verzichtet und hat gesagt, man möchte ihn dem Brecht geben, der Brecht wär der bessere. Weil er den Brecht einfach so bewundert hat. Damals war ich ja kaum geboren, damals war der Ihering der große Kritiker, den hab ich später sogar noch kennen gelernt. (...) Und der Becher hat ja dann als Kulturminister den Bronnen hierher geholt. Übrigens mochte ich den Becher sehr gern. Der Becher war mir viel sympathischer als der Brecht. (...)

Erinnern Sie sich noch gut an Brecht?
Ja, an ihn und an sein furchtbar dreckiges Auto mit dem räudigen Hund drinnen! Da sind wir vom Berliner Ensemble aus irgendwo hinfahren ... Insgesamt hab ich ihn dreimal gesehen. Einmal, daran erinnere ich mich noch sehr gut, waren wir bei ihm in seiner Wohnung oben in der Chausseestraße. Da hat er zum Fenster raus auf den Dorotheenstädtischen Friedhof gezeigt und gesagt: „Und dort unten lass ich mich begraben.“ Werd ich nie vergessen. (...) Wissen Sie, ich bin wie ein Schwamm, ich kann alles in mich aufnehmen. Und ich urteile darüber nicht. Sondern ich sag: „Ahaa, der is so, und der is so ...“ – Und warum? ... - „Ach, is ja ganz wurscht, warum er so is, er is halt so!“ Und wie ich hierher gekommen bin aus Linz, aus der Provinz, und plötzlich unter all diesen Menschen gewesen bin, hab ich nur gestaunt, was für eine Welt sich mir da eröffnet.

Hat Ihnen diese Welt gefallen?
Gefallen? Ungeheuer imponiert! Ich war fasziniert von den Trümmern und von den Intellektuellen und von den Leuten, die hier etwas aufbauten. Das war geistig sehr anregend. (...) Wie gesagt, der Brecht wär jetzt als Mann nicht mein Typ gewesen. Aber der Becher war ein sehr gut aussehender, sehr gepflegter Mann. Er war hinreißend zu mir: „Wenn Sie was brauchen, Frau Bronnen, kommen Sie jederzeit zu mir!“ Ich weiß noch, wie ich zum Bronnen gesagt hab: „Du, wir müssen zum Becher, wir brauchen eine Wohnung.“ Da hat der Bronnen gesagt: „Der ist Kulturminister und kein Wohnungsminister.“ Hab ich gesagt: „Aber der wird einen kennen, der eine Wohnung weiß!“ – So kamen wir zu dem Haus. Das war '56 und ging über den Schriftstellerverband. Und kaum waren wir da, ging 's los: Im ersten Jahr ist der Brecht gestorben, im zweiten Jahr ist der Becher gestorben und im dritten Jahr der Bronnen. Und ich stand da in der DDR mit zwei Kindern, mit einem ganz kleinen zweijährigen und mit meinem neunzehnjährigen Sohn Harald aus erster Ehe. Das war in diesem Haus hier, aber es sah natürlich alles ganz anders aus und rundherum die Ruinen und die Trümmer. (...) Nach dem Tod vom Bronnen ging gleich die Leichenfledderei los. Benommen haben sie sich alle: katastrophal! Der war kaum unter der Erde, da hat mich zum Beispiel die Weigel anrufen lassen und mich eingeladen, sie würde mich gern sprechen. Ich bin dann hin zu ihr, weil ich gedacht hab, sie will vielleicht irgendwas für mich tun. Sie war ganz charmant, ganz Wienerin, hat gesagt, wie leid ihr alles tut: „Ja, was machst denn jetzt?“ – „Ich weiß noch nicht.“ Ich hab 's wirklich nicht gewusst. Ich hab gedacht, vielleicht will die Weigel ja ein Stück vom Bronnen rausbringen oder so. Und dann hat sie gesagt: „Du, gell, aber die Briefe vom Bert, die gibst ' mir.“ Darum ist es ihr gegangen. Dann ist noch die Frau vom Wolfgang Heinz, dem Regisseur, vorbeigekommen, da hab ich wieder gedacht, es geht ums Theater. Mit der war ich per Sie, nicht per Du, die hat gesagt: „Frau Bronnen, Sie werden ja jetzt wahrscheinlich nicht hier bleiben, wollen Sie uns nicht das Haus überlassen?“ Da hat 's mir gereicht! Ich hab gedacht: “Ihr Miststücke!“ – Danach hab ich gewusst, welche Stellung ich hier hab, an wen ich mich halten muss und wie ich 's machen muss. Dann hat die Presse im Westen den Bronnen in den Schmutz gezogen, ich bin aus dem Staunen nicht mehr raus gekommen. Aber ich hab ein glückliches Naturell, ich bin ja Österreicherin. Ich hab schaun müssen, wie ich überlebe und dass meine Kinder eine gesicherte Existenz haben. Die Brecht-Briefe hab ich übrigens zehn Jahre später für gutes Geld an die Staatsbibliothek in München verkauft. (lacht) (...)


Bei der „bevorzugten Intelligenz“ – Wohnen in der Künstlersiedlung


Und Sie sind trotz der schwierigen Umstände in Ost-Berlin geblieben?
Sie, ich leb jedes Jahr für mehrere Monate in Österreich. Das hab ich damals auch schon so gemacht. Sowie der Andi Ferien gehabt hat, waren wir in Österreich, im Sommer immer. Und wissen Sie, vor allem meine Freundschaften mit Frauen haben ein Leben lang gehalten, besonders mit zwei Frauen, die beide in Österreich gelebt haben. Leider sind beide inzwischen tot. Aber mit denen hab ich viel Zeit verbracht, meistens im Sommer und in sehr angenehmer Atmosphäre – also, für die Armut hab ich gar nichts über ...

War das für Sie auch eine Flucht auf Zeit aus einer Gesellschaft, die nicht so viel ...
Naja, die Gesellschaft, in der ich hier gelebt hab, war ja auch nicht gerade arm. Aber vor allen Dingen waren die Leute hier hochintellektuell und sehr interessant. Die Leute, mit denen ich in Österreich zu tun hatte, waren zwar auch nicht dumm, waren auch Intellektuelle, waren vor allem aber sehr gut situiert. Das waren eben meine zwei Welten. Dort gab es das gute Essen, das Trinken, die Feste, den Ball, das Feiern, die Partys - und hier war eben die andere, die geistige Welt. Diese Welt hier hat mich fasziniert, aber meine Wurzeln waren halt in Österreich – dort hab ich eigentlich immer meine Kraft für hier bezogen. (...) Aber ich war dann hier auch materiell abgesichert, weil ich über das Kulturministerium, das hat der Abusch in die Wege geleitet, der Klaus Gysi war damals Kulturminister, eine Ehrenpension bekommen hab.

Sie waren privilegiert, weil sie kommen und gehen konnten, wie Sie wollten ...
Nur unter diesen Umständen bin ich in Berlin geblieben. Ich bin einmal in der Woche nach West-Berlin gefahren – sonst hätte ich das nicht ausgehalten.

Eine Luxus-Situation.
Ja, absolut. Aber ich muss Ihnen sagen: Ich hab auch hier in dieser Siedlung ohnehin immer unter Privilegierten gelebt. Und ich hab auch hier so ziemlich alles gekriegt, weil ich alle bestochen hab. Ich hab ungarische Salami oder Schokolade mitgebracht und hab dann den Verkäuferinnen unterm Ladentisch ein Stück Schokolade gegeben und die haben mir dann was Besseres gegeben. (...)

Am Telefon haben Sie zu mir gesagt, Sie leben in einer Siedlung, die „für die bevorzugte Intelligenz“ reserviert war ...
Ja, darüber hätte ich lachen können. Die meisten Intellektuellen haben ja ursprünglich in West-Berlin gewohnt. Und der Becher wollte die aber in den Osten bringen. Damals war ja bereits die Trennung abzusehen, wobei die Mauer niemand vorhersehen konnte. Also, man konnte noch hin und her fahren ohne Schwierigkeiten. Ich konnte es auch später, weil ich einen österreichischen Pass hatte. Auch der Busch hat ja ursprünglich in West-Berlin gewohnt. Jedenfalls hat man dann den Leuten, den Intellektuellen, die aus der Emigration zurückgekommen sind, hier Villen zur Verfügung gestellt. Da waren zum Beispiel der Kritiker Fritz Erpenbeck, der mit Ulbricht in der Emigration war, und seine Frau, die Schriftstellerin Hedda Zinner, Tochter von einem reichen Wiener Möbelfabrikanten. Das waren überzeugte Kommunisten, die '35 nach Moskau gegangen sind. Nach denen sind heute hier die Straßen benannt, und früher haben die hier um die Ecke gelebt. (...) Früher hieß meine Straße übrigens Straße 100. Die wurde ja erst gebaut, als sie die Häuser hier gebaut haben. Vor 90 Jahren war das alles hier Wald und Wiese, nur Sand und Föhren.

Hat die Siedlung einen regelrechten Namen gehabt?
Nein. Ich weiß nicht, wer das Wort aufgebracht hat von der Siedlung für die bevorzugte Intelligenz. Aber das war kein offizieller Name. Hier lebten eben Ärzte, Wissenschaftler und Künstler. Zum Beispiel hat auch der DDR-Bildhauer Kremer hier gewohnt, seine Frau wohnt heute noch in dem Haus. Und weiter drüben war die Weinert-Siedlung, die hieß so, weil da der Weinert gewohnt hat, auf der anderen Seite war das sogenannte Städtchen, wo die Politiker gewohnt haben: der Becher, der Ulbricht und so weiter.

War man auf du und du mit diesen Leuten?
Zu mir hat niemand „du“ gesagt, und ich hab auch zu niemandem „du“ gesagt. Ich hab zum Becher „Herr Minister“ gesagt, und er hat zu mir „Frau Bronnen“ gesagt oder „gnädige Frau“, das weiß ich nicht mehr, das ist ja ganz wurscht ... (...)

Sie haben sich offenbar schnell zurecht gefunden in dieser „geistigen Welt“, wie Sie es nennen. Sie haben in Künstlerkreisen verkehrt, haben viele Prominente getroffen ...
Am Anfang war ich natürlich unsicher, aber bald hab ich gewusst, wie alles funktioniert. Wissen Sie, es läuft eigentlich mit allen Intellektuellen auf der Welt überall gleich: Sie sind alle irgendwo machtbesessen und irgendwo alle a bissl feig. Keine Helden. Sie sind liebenswert, weil sie Künstler sind und weil sie geistreich sind. Aber ich glaub, die Kunst des Lebens ist: Man darf die Mitmenschen nicht zu ernst nehmen.

Wollen die aber nicht ernst genommen werden, diese Intellektuellen?
Ja, ja, das muss man ihnen vortäuschen. Man muss ihnen sagen: „Du bist der Größte! Gar nicht dran zu zweifeln!“ Der Busch hat sich das natürlich auch gern gefallen lassen. Auch wenn er kein Intellektueller war, sondern ein proletarischer Künstler. Aber diese kleine Gruppe von zurückgekehrten Künstlern und Intellektuellen, die in den 50er Jahren hier lebten, die haben sich untereinander auch gebraucht. Es war eigentlich eine Enklave, und Privilegien gehörten auch dazu, weil der Staat die Leute ja bei Laune halten wollte.


Krimsekt und Kaviar: Die erste Begegnung mit Busch


Wie haben Sie nun Ernst Busch kennen gelernt?
Das war nach einer Tucholsky-Matinee. Der Busch hat Lieder gesungen und der Hanns Eisler hat ihn am Klavier begleitet. Und ich war hingerissen! So was hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört. Erstens hat er eine phantastische Stimme gehabt, und zweitens waren diese Tucholsky-Songs, das waren ja keine Lieder in dem Sinn, das waren ja richtig revolutionäre Songs, phänomenal. Also, ich war wie vom Schlag gerührt, es war faszinierend! Und im Anschluss an die Matinee sind wir dann gemeinsam zum Mittagessen gegangen. Ich glaub, damals war noch der Becher dabei, genau kann ich mich nicht erinnern, vielleicht ist auch der Langhoff mit ..., also jedenfalls war der Eisler mit, der Busch war mit und eine Menge von den damaligen prominenten Künstlern. Und damals, 1957, gab 's zum Essen gehen und auch zum Wohnen in Ost-Berlin eigentlich nur das Hotel Newa.

(Ende der ersten Kassettenseite)

Newa war ein Hotel für repräsentative Zwecke besonders auch für Gäste des Kulturministeriums, der Leonard Frank ist dort abgestiegen und all diese Leute. Und dort war unten ein großes Restaurant, da sind wir dann oft zum Essen hin gegangen. Da gab 's relativ gut zu essen. Und da bin ich wahrscheinlich an diesem Tag mit dem Bronnen, dem Busch und dem Eisler zum ersten Mal dort reingegangen nach der Matinee. Es gab Krimsekt, es gab russischen Kaviar. Große Tafel, und neben mir saß der Busch. Und wie wir dann dort Kaviar gegessen und Krimsekt getrunken haben, sag ich zum Busch: (mit schüchterner Stimme) „Also, ich muss ihnen sagen, ich hab mir das alles gar nicht so vorgestellt.“ – (laut und dröhnend, betont norddeutsch) „Ja, Mädchen, was hast du denn gedacht? Wir wollten doch nicht den Reichtum abschaffen, sondern die Armut!“ Das war der Busch. Das ist ganz typisch für ihn gewesen. Ich hör ihn heute noch: „Ja, Mädchen ...“ (...) Busch hat von sich immer gesagt: „Ich bin eine Kieler Sprotte!“ Er war ja aus Kiel gebürtig, und genau so war er. Er war nicht sehr groß, aber er wirkte alles andere als klein. Er hatte so was Stacheliges, so was Aufbegehrendes und so was Gegen-alles-sein. Also, das war der Busch. Und ich muss ihnen sagen, am genialsten war es, ihn live bei ihm zu Hause zu erleben. Ich war ja zeitweise fast jeden Tag mit ihm zusammen. Wir haben uns immer in der Heide getroffen zum Spazierengehen und dann hat er gesagt: “Komm jetzt mal mit, ich muss dir was vorsingen!“

Kannten Sie Busch schon vor dieser Matinee durch Radio oder Schallplatten?
Nein, nie gehört. Ich hab ihn bei der Matinee zum ersten Mal gesehen und gehört. Und war fasziniert. Dann hab ich ihn gesehen im Theater im „Kaukasischen Kreidekreis“. Da singt er ja auch, der Brecht hat ihm ja überall Songs hineingeschrieben, da war er ja unerreicht. Also, ich war sprachlos! So was von Schauspielerei und so was von Songs und so was von modernem Theater!

Können Sie erklären, was für Sie das Besondere war an seiner Art zu spielen?
Es war ohne Pathos. Das war für mich neu. Wissen Sie, ich hab im Burgtheater die größten Schauspieler gesehen, aber das war eine ganz andere Art, Theater zu spielen. Da gab es die großen Gesten und den Werner Krauss und den Emil Jannings und die ganzen Klassiker und das große Pathos ... Und dann sah ich auf einmal den Busch im „Kreidekreis“ ... Das war einzigartig!


„Österreicherin, setz dich nieder und hör zu!“: Busch mit der Klampfe


Hat er Sie mehr als Sänger oder als Schauspieler beeindruckt?
Als Sänger wie als Schauspieler. Er war auch ein großartiger Schauspieler. Aber am allerbesten war er zu Haus, wenn er seine Klampfen genommen hat, wie er immer gesagt hat, er konnte eh nicht spielen, und irgendein Brechtgedicht, das der Eisler gar nicht vertont hatte, gesungen hat, das er selbst irgendwie vertont hatte. „Österreicherin, setz dich nieder und hör jetzt mal zu!“ Er hat natürlich auch rumgebrüllt mit mir wie mit allen, ich hab mich ja auch einschüchtern lassen. (lacht) Er hat dann gesagt: „Hör mal zu! Wie gefällt dir das?“ Und er hat genau gewusst, dass ich hingerissen war von ihm. Ich muss Ihnen aber sagen: Ich hab nie mit dem Busch a Banscherl gehabt, nie mit ihm ein Verhältnis gehabt. Das wäre mir zu weit gegangen. Dazu war er mir zu verrückt.

Aber Sie meinen, das wär durchaus drin gewesen?
Ja, ja, das wär durchaus drin gewesen.

Hat er geflirtet mit Ihnen?
Ja, ja. Ich hab auch mit ihm geflirtet. Den Flirt haben wir gar nicht ausgeschlossen. Aber eine Bindung, das hätte ich nicht riskiert.

Warum?
Weil er ein Verrückter war, ein Besessener.

Gebunden war er ja, wenn auch nicht verheiratet ...
Verheiratet war er nicht. Seine damalige Lebensgefährtin, die Tete, die Margarete Körting, hab ich auch gut gekannt. Sie ist aber dann bald gestorben. Wissen Sie, der Busch war ungeheuer brutal und gemein – deswegen war er wahrscheinlich auch als Künstler so hervorragend. Und ein Egozentriker, alle Künstler sind Egozentriker, aber so einen wie den Busch hab ich nie mehr getroffen.


„So geht man nicht um mit einer Frau“ – Busch und Tete


Sie sagen, er war gemein. Meinen Sie, besonders zur Tete?
Ja, ja, zur Tete.

Weil er sie betrogen hat?
Ach was, Betrügen ist ja nix Gemeines. Beschimpft und schlecht behandelt als Frau hat er sie.

Wie äußerte sich das?
Wie das ist, wenn man einen Menschen schlecht behandelt: (aufbrausend) „Du dusslige Kuh!“, „Was verstehst du schon!“, „Halt den Mund!“, „Das weißt du nicht!“ – so ging das. Wenn sie dann irgendwas gesagt hat, das wär doch so und so, dann hat er sie bloßgestellt und noch mehr rumgebrüllt. Er hat ununterbrochen mit ihr herumgeschrien. Wir waren alle darüber entsetzt. Denn so geht man nicht um mit einer Frau. Wir sind dann alle auf und davon gerannt, denn erstens konnte sich das keiner anhören und zweitens konntest du ja zum Busch nicht sagen: „Sag mal, was fällt dir denn ein!“

Waren Sie auf Tetes Beerdigung?
Nein, ich glaub, da war ich grad in Österreich. (...)

Busch ist auch nicht da gewesen.
Das passt zu ihm. So war er. Wissen Sie, wirklich geliebt hat er nur seine erste Frau, die Eva. Die hat er auch bewundert.

Hat er öfter von der gesprochen?
Ja. Da fällt mir eine Geschichte ein: Ein ehemaliger SS-Offizier aus Österreich, mit dem ich befreundet war, der war damals im Krieg in Paris stationiert. Und der hat mich, wie ich dann in Österreich vom Ernst Busch erzählt hab, gefragt: „Ist der verheiratet?“ Sag ich: „Der war mal verheiratet, glaub ich, mit einer Eva.“ Da hat er gesagt: „Du, das war diese hervorragende Kabarettistin und Sängerin, die ich in den Offiziers-Casinos in Paris gehört hab!“ Naja, die musste auch irgendwie ihr Leben retten... Busch hat sie ja auch später immer wieder getroffen. Aber er hat sie gehasst, weil sie ihn damals verlassen hatte.

Die Initiative bei der Trennung ging von ihr aus?
Ja, sie hat ihn verlassen. Sie ist ja auch vor ihm in die Emigration gegangen, sie haben dann zwar wieder zusammengefunden, aber es hat eben nicht gehalten. So wie er von ihr geredet hat und wie er getan hat, hab ich den Eindruck gehabt: Sie ist gegangen. Und ich hab mir gedacht: Das kann ich mir gut vorstellen, mit so einem Wahnsinnigen kannst ja nicht leben! Ein genialer Künstler, aber als Mensch ein totaler Chaot!


„Dort ist die Tür! Raus!“: Empfehlungen von Gerhart Eisler


Andere, mit denen ich gesprochen habe, sagen, er sei sehr umgänglich gewesen ...
Ja, vielleicht gegenüber Leuten, die er nicht gut gekannt hat. (lacht) Er war brutal bis zum Gehtnichtmehr. Du musstest alles mit ihm aushalten, und du musstest alles für ihn tun! Ich war auch befreundet mit dem Eisler, vor allem mit dem Gerhart Eisler, der ja beim Rundfunk gearbeitet hat. Und Busch hatte gerade Lieder aufgenommen und hat sie mir vorgespielt, ich war ja jeden Nachmittag bei ihm. Er hat mich wahrscheinlich auch gebraucht als Publikum, weil ich natürlich, nicht von allem, aber von fast allem fasziniert war. Ich bin einfach da gesessen und hab ihn bewundert und angestaunt. (...) Wenn wir unter vier Augen waren, hat er auf der Klampfe irgendwelche Texte von Brecht gesungen, und wenn ich gefragt hab: „Is das vom Eisler?“, dann kam: „Ach Quatsch! Is doch von mir!“ – Ich glaube, er mochte mich auch deshalb, weil ich ein völlig unbeschriebenes Blatt war, ich hab ja von nix was gewusst. Mir fehlten die ganzen Zusammenhänge. Jedenfalls hat er damals Songs im Studio aufgenommen, und da war auch das Lied vom jüdischen Friedhof in Weißensee dabei. Und ich hab zu dieser Zeit viel Kontakt zum Gerhart Eisler gehabt, der hat ja auch um die Ecke gewohnt hier in Niederschönhausen. Bei irgendeinem Treffen hat er zu mir gesagt: „Du, was macht 'n der Ernst?“ Sag ich: „Du, der nimmt jetzt die und die Songs auf, unter anderm auch das Lied vom jüdischen Friedhof.“ Und da hat der Gerhart zu mir gesagt: „Sag doch bitte dem Ernst, das soll er raus lassen.“ Es war damals die Ulbricht-Zeit, wo dieses Thema nicht so ideal war, die Russen hatten ja auch mal die Juden verfolgt ... Und ich geh frisch und fröhlich, frank und frei zum Ernst und sag: (flötet) „Du, schönen Gruß vom Gerhart, ich soll dir sagen ...“ - (brüllt) - „Dort ist die Tür! Raus mit dir! Raus!“ Ich hab überhaupt nicht gewusst, was los ist. Sag ich: „Was is denn, was hast 'n?“ – (brüllt) „Wenn du zu dem hältst, dann raus!“ Also, nur damit Sie einen Eindruck bekommen, wie Ernst Busch war. Sie können sich vielleicht vorstellen, warum ich mich nicht näher mit ihm eingelassen hab. Sie, der hat jede vernichtet. Den konnten Sie nur am ausgestreckten Arm ertragen.

Hat er Verhältnisse mit anderen Frauen gepflegt?
Von „gepflegt“ kann überhaupt nicht die Rede sein. Naa, naa. Eines Tages war ich bei ihm und wollte kurz darauf wieder mal nach Österreich fahren. Da sagt er: „Musst du dahin fahren?“ Hab ich gesagt: „Ja, ich muss!“ - „Fährst du hin wegen einem Kerl?“ Hab ich gesagt: „Auch.“ Ich hatte damals einen österreichischen Freund, einen Arzt ...

Hat er Ihnen das übel genommen?
Naja, er hat nicht übel genommen, dass ich mit einem andern ins Bett ging. Das glaub ich nicht, so scharf war er aufs Bett gar nicht. Sondern er hat mir übel genommen, dass ich an jemand anderen eine stärkere Bindung hatte als an ihn. Weil wir uns ja täglich gesehen haben, und er mir alles vorgespielt hat. (...)

Hat das für Busch eine Rolle gespielt, dass Sie mit Arnolt Bronnen verheiratet gewesen waren?
Nein, die haben sich zwar gekannt, der Bronnen und ich waren auch mal beim Busch und bei der Tete. Aber dann ist ja der Bronnen gestorben und bald darauf auch die Tete.

Haben Sie Margarete Körting eigentlich bemitleidet?
Sehr. Die hat mir leid getan. Die Steffi Eisler, mit der ich auch sehr befreundet war, die auch Österreicherin war und die leider vor zwei Jahren gestorben ist, beste Freundin ... wir haben beide gesagt: „Dass die Tete sich das gefallen lässt! Wir würden ihn erwürgen!“

Warum hat sie sich das gefallen lassen?
(leise) Sie hat ihn sehr geliebt und ... war keine so gute Schauspielerin. Sie hat sich wahrscheinlich in seinem Licht irgendwie ... Er hat sie aber nie geheiratet. Das hätte sie gerne gewollt. Er hat sie begraben lassen, als hätte er mit ihr nichts zu tun gehabt, als Margarete Körting ... Da haben wir gesagt: „Ja, und was ist mit dir?“ – Da hat er gesagt: „Ich hab sie zu ihrem Mann gelegt. Sie war doch mit dem Körting verheiratet!“ Er hat sie also neben ihrem ersten Mann begraben lassen, sie war ja verheiratet gewesen mit einem Schauspieler namens Körting. (...)Kinder hatte sie keine, aber Hunde waren immer da, zwei Pekinesen.


„Nicht spröde, sondern knalltrocken!“ – Norddeutscher Charakter


Mochte Busch die Hunde?
Ja, ja. Ich will Ihnen was sagen: Der Busch war eine Kieler Sprotte, wie er immer gesagt hat, und er war ein Proletarier im besten Sinn des Wortes. Und er war stolz drauf, er war ja Werftarbeiter, Schlosser. Er hat meinem Sohn Andreas, ich glaub: zum siebten Geburtstag, eine Werkzeugtasche geschenkt. Er hat ja gewusst, dass ich zwei linke Hände hab. Ich versteh nichts von Werkzeug. Und Busch: „Mensch Junge, damit mal was wird aus dir!“ Die Tasche hat der Andi heut noch. Und dann war er halt ein Norddeutscher, ein Kieler – die sind an sich für uns Österreicher schwieriger ...

Ist „spröde“ das richtige Wort?
„Spröde“ ist gar kein Ausdruck! Knalltrocken würde ich sagen.

Wie würden Sie ihn noch beschreiben?
Er war sehr humorvoll, intelligent, hochintelligent obwohl ungebildet. Überzeugter Kommunist, aber im besten Sinn des Wortes - also nicht das, was die aus dem Kommunismus dann gemacht haben. Ihm ging es um die Idee der Freiheit und darum, dass es den Menschen allen gleich gut gehen soll. Ein hehrer Kommunist.

Warum wirkte diese Mischung auf Frauen?
Warum das auf Frauen gewirkt hat? (...) Auf Frauen hat er deshalb gewirkt, weil er überhaupt nicht hinter den Weibern her war, weil er sich kühl und distanziert gegeben hat. Und das reizt natürlich jede. Genau wie jeden Mann eine kühle Frau interessiert, so reizt das umgekehrt jede Frau: „Warum ist denn der so kühl? Wieso komm ich denn da nicht an? Was ist denn da los? Da stimmt doch was nicht, was hat er denn?“ – Das ist es. Sag ich jetzt als Frau. (...) Andrerseits muss ich sagen: Er hat eigentlich so im privaten Umgang keine sehr starke sexuelle Ausstrahlung gehabt. Darüber bin ich mir auch mit der Steffi Eisler einig gewesen. Wissen Sie, der Busch hat, wenn er gesungen hat, einen ungeheuren Charme gehabt. Aber als Mensch ...


„Er war einmalig als Sänger!“ – Faszination und Erotik der Stimme


War es vor allem die Stimme, die faszinierte?
Ja, die Stimme war es. Er hatte eine ausgesprochen erotische Stimme. Aber auch seine Ausstrahlung auf der Bühne war eine sehr erotische. Aber als Mann, wenn wir uns gegenüber saßen ... Für mich war er ein Insel-Mann: Mit dem hätte ich auf einer einsamen Insel leben können, und es wär nix passiert. Er war ja auch nicht so ein Eroberer- oder Draufgängertyp, der die Weiber reihenweise an sich gerissen hat. Ich sag Ihnen: Die einzige, die er wirklich geliebt hat und die er immer geliebt hat, war die Eva. Die ihn verlassen hatte. Trotzdem muss ich sagen: Wenn er gesungen hat, dann hat er eine ungeheure sexuelle Ausstrahlung gehabt!

Erinnern Sie sich noch, wie Buschs Beziehung mit Irene Ullrich anfing?
Zu mir hat er gesagt: „Die hat mir doch die Weigel ins Haus geschickt.“ Die Irene war doch Sekretärin von der Weigel. Und die Weigel hat natürlich gewusst, dass der Ernst ... also, in ... na, was heißt: schlamperten Verhältnissen gelebt hat, gar nicht, aber halt allein war ... Aber wie gesagt, wir haben uns jeden Tag gesehen. Abends hat er dann gesagt: (lautstark) „Was gehst ' denn nach Haus? Bleib hier! Kannst doch hier schlafen, der Andi auch!“ – „Naa, ich muss unbedingt nach Haus, der Andi muss ja auch in der Früh versorgt werden ...“ Der ging ja noch gar nicht zur Schule ...

Bei Ihnen hat er seine Zurückhaltung offenbar aufgegeben ...
Ja, ja, durchaus.

Sind Sie bei ihm einfach vorbeigekommen oder haben Sie sich verabredet?
Er hat ins Telefon gebrüllt: „Ich geh jetzt weg!“ Dann wusste ich, er ist in der Dings-Siedlung in die Heide gegangen, und ich musste dann hier alles stehen und liegen lassen, damit wir uns auf halber Strecke in der Heide treffen. Und da hat er dann oft gesagt: „Jetzt kommste mit!“ – Und zu Hause hat er mir Musik vorgespielt. Ich hab mir seine Platten angehört, er hat mir mit der Klampfe irgendwelche Texte vorgesungen, hat irgendwas improvisiert, er war einmalig als Sänger, hinreißend als Künstler. Hinreißend! Im Gegensatz zum Brecht, der mir als Mann überhaupt nicht gefallen hat. Aber Busch war hinreißend. Nur hab ich gottseidank mit einigermaßen Erfahrung gewusst: „Meine Liebe, das kommt nicht in Frage!“ (...)


„Er war hundertprozentig für die Sache!“ - Busch und die Politik


Hat Busch Ihnen gegenüber sich auch politisch geäußert?
Ja, das hat er getan. Er hat sich natürlich einen anderen Kommunismus vorgestellt, als die ihn gemacht haben. Schauen Sie sich doch den Ulbricht an, das ist natürlich zum Busch ein Antityp allein schon von der Stimme her, vom Aussehen her. Mit dem hatte er Riesenschwierigkeiten. Der Busch war ja sehr fortschrittlich und wollte alle möglichen Sachen im Sozialismus machen. Er hat mir auch manchmal Geschichten von früher erzählt aus der Emigration, und das war für ihn reizvoll, weil ich darüber nichts wusste. (...) Als dann nach dem Becher der Abusch Kulturminister wurde, wurde es manchmal schwierig. Busch hat den Abusch gehasst, der Abusch war aber mit mir sehr nett und freundlich, der hat auch in Niederschönhausen gewohnt. Aber wenn der Busch und ich beim Spaziergang den Abusch von weitem gesehen haben, hat der Busch gesagt: „Komm, wir gehen auf die andere Straßenseite!“ (...)

Wie ist Busch mit der Situation umgegangen, dass er all diese Leute, Becher und viele andere Politiker, persönlich von früher kannte? Ich meine, das waren ja nun Autoritäten, die den Staat vertraten ...
Naa, naa. Für Busch hat 's keine Autorität gegeben. Er war sich selbst der Oberste. Und er hat zu allen eine gewisse Distanz gehalten.

Er wurde doch auch eingebunden von ...
Nein, er hat sich nicht einbinden lassen. Von nichts und niemand.

Er hat ja nicht nur große Literatur rezitiert und gesungen. Er hat auch die Partei besungen und Stalin. Da hat er sich schon einbinden lassen.
Na gut, er war ja ursprünglich der Barrikaden-Tauber. Das war dann die Konsequenz daraus. Den Stalin haben sie ja alle besungen. Das musste man, wenn man dazu gehörte. Drum war er ja dann so sauer, drum war er ja so stachelig, drum war er ja so schwierig – weil ihm das alles nicht gepasst hat und weil er gesehen hat, dass das alles wieder eine Diktatur wird.

Hat er das gesagt, dass ihm das alles nicht passt?
Ich weiß das aus seinen Äußerungen zu Liedern, zu Theaterstücken oder zu kulturellen Vorgängen. Da hat er sich so geäußert, dass klar war, dass ihm diese Art von Kommunismus oder Sozialismus - nennen Sie 's, wie Sie wollen, nicht passt, dass er sich das anders vorgestellt hatte. (...) Aber in der Zeit, als der Stalin besungen wurde, das können Sie heute nicht mehr verstehen, war auch das echt und ehrlich – genau wie die Spanienlieder. Man wär ja als Verräter an der Sache abgestempelt worden, wenn man da nicht mitgemacht hätte. Busch, als jemand, der hundertprozentig für die Sache war, hat gar keine andere Chance gehabt.

Welchen Einfluss hatte Irene Busch auf ihn?
Die Irene war, so weit ich weiß, eine Vertriebene, ein Flüchtling. Ich glaube, ihr erster Mann war Wehrmachtsoffizier und ist im Krieg gefallen. (...) Sie war dann am Berliner Ensemble, wo sie mit einem bekannten Schauspieler liiert war. (...) Ob sie Busch irgendwie beeinflusst hat, weiß ich nicht.

Sie haben vorhin gesagt, dass er einen faszinierte, wenn er sang. Inwiefern haben die explizit politischen Texte, die er sang, zu der Faszination beigetragen oder sie getrübt?
Das gehörte einfach zusammen: Busch und politische Texte. Der Busch war überzeugter Kommunist. Der Busch war überzeugt davon, dass man den Menschen helfen muss. Beinahe wie eine Art Messias: Er wollte jedem helfen, es sollte jedem gut gehen. Dadurch, dass er selbst aus der Arbeiterschicht kam und dann zu Wohlstand gekommen war, wollte er jeden zu sich heraufziehen. Das war glaubwürdig, das hat man ihm abgenommen. Und der Busch hat seinen Kommunismus durchgehalten bis zuletzt. (...) Wie hieß noch mal sein russischer Freund?


Überartikulierte Aussprache: Buschs Gesichtslähmung


Schneerson. Grigori Schneerson.
Schneerson, genau. Bezaubernder Mann. „Du, der Schneerson ist da, komm vorbei und bring 'n Sekt mit!“ – „Ja, natürlich, bin gleich da!“ – Dann bin ich rüber, das sind immer schöne Abende gewesen. (...) Die beiden kannten sich ja noch aus der Zeit vor dem Krieg und hatten Lieder zusammen gemacht. (...) Ich vermute, dass er damals, vor dem Krieg, auch anders gewesen ist. Ich hab ihn ja erst später kennen gelernt. Durch diese Kopfverletzung, die halbseitige Lähmung, die ihn ja sehr gehandicapt hat und durch die er sich auch als Schauspieler eingeschränkt gefühlt hat, ist er wohl auch schwieriger geworden. Diese Verletzung war, würd ich sagen, das, was ihn am schwersten getroffen hat in seinem Leben.

War diese Lähmung sichtbar? Hat man beim Reden gemerkt, dass er beeinträchtigt war?
Nein, nicht direkt. Man hat ja in einem Sanatorium in Moskau viel versucht, den Zustand zu verbessern. Aber die eine Seite war fast gelähmt. Und trotzdem hat er das, vor allem auch durch Training, einigermaßen in den Griff bekommen. Drum hat er auch diese überartikulierte Aussprache gehabt, musste er ja. Weil er immer das Gefühl gehabt hat, er sei nicht präzise genug, man verstünde ihn nicht durch seine Lähmung. Also, wenn er unter etwas gelitten hat, dann darunter. (...) Er hat aber meistens versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Und er war dann auch humorvoll oder sarkastisch. Einmal am ersten Mai hatte ich eine rote Fahne rausgehängt. Verstehen Sie: Ich - Österreicherin und Nicht-Kommunistin - seh, dass alles rot beflaggt ist, Jessas Maria, häng schnell auch eine Fahne raus. Ist der Busch mit irgendeinem Kommunisten vorbeigekommen, steht vor der Haustür und schreit: „Mensch, das sieht ja aus wie 'n Bahnwärterhäuschen!“ Sag ich: „Soll ich 's wieder reintun?“ – „Nee, lass mal hängen.“ (lacht) Also, er war schon sehr treffend und sarkastisch. Konnte auch böse sein, aber zu mir, muss ich sagen, war er das nicht. (...) Ich bin überhaupt keine ängstliche Person, aber der Busch war vielleicht der einzige Mann, den ich kannte, der ..., nicht direkt unheimlich, aber mir als Mensch unberechenbar erschien.


„Menschlicher Defekt“ – Jähzorn und Rechthaberei


War er jähzornig?
Ja, das war er. Ich hab ja oft erlebt, wie er sich der Tete gegenüber benommen hat. Er hat sie angebrüllt, vor allen zur Sau gemacht. Und sie - ein unglückliches Weib, kann ich nur sagen – hat ihm auch immer widersprochen, aber so sind halt die Deutschen. Ich hätt nie zu ihm gesagt: „Du, das stimmt nicht.“ Um Gottes Willen, nie und nimmer hätt ich das gemacht. Da wär er sofort explodiert. Also, alles konnte man beim Busch, nur nicht widersprechen. (...) Die Tete kannte ihn, glaub ich, vom Deutschen Theater und hat sich halt von Anfang an um ihn gekümmert, als er noch in West-Berlin gewohnt hat. Sie hat ihn wahrscheinlich geliebt, verehrt und vor allem bewundert. Der Busch hat das so dargestellt, als wenn sie sich ihm aufgedrängt hätte: (lautstark) „Die ist doch zu mir gekommen! Ich hab sie nicht mehr losgebracht!“ Und als sie gestorben war, sagt er zu mir: „Mensch, jetzt hat sie sogar noch für mich gespart!“ Sie hatte ein Sparbuch angelegt und ihm Geld hinterlassen. Werd ich nie vergessen, wie er das gesagt hat. (...) Ich glaube übrigens, dass er später ein schlechtes Gewissen gehabt hat, weil er die Tete so schlecht behandelt hat. (...) Wissen Sie, jeden Tag spazieren gehen und sich Lieder anhören – wunderbar. Aber so schön, so reich, so gescheit hätte er gar nicht sein können, dass man sich mit dem Busch liiert hätte. Unmöglich! Als Künstler grandios, aber als Mensch kannst ' ihn nur erwürgen. „Ich bin ein Prolet!“, hat er immer geschrien. Ich darauf: „Ja, ja.“ (Pause) „Jaaaa!“ – Er dann: “Was?“ Wenn du ihm dann zugestimmt hast, hat er dich angefahren ... (...) Wissen Sie, er war nicht direkt gefühlskalt, sonst hätte er die Seeräuberballade nicht so singen können. Aber menschlich hat er einen Defekt gehabt. Vielleicht war er deshalb so ein großer Künstler.

Hugo Fetting hat mir erzählt, dass er dem Busch jede Zeile, die er über ihn schrieb, vorlegen musste. Hat Fetting auch unter Buschs menschlichem Defekt leiden müssen?
Der Fetting! Der lebt noch? Grüßen Sie ihn sehr herzlich von mir! Ja, was glauben Sie, was der Fetting dort zu hören bekommen hat. Aber der hat ein dickes Fell gehabt, so oft wie der Busch den angeschrien hat. Der Fetting und ich haben uns über Jahre lang täglich bei Busch getroffen. Und oft sind wir zusammen weggegangen und haben gesagt: „Jetzt lass' mer den Spinner allein, geh' mer!“

Erinnern Sie sich an Buschs Begegnungen mit Künstlerkollegen, zum Beispiel mit Paul Dessau?
Um Gottes Willen! Ein einziges Mal war ich dabei. Das muss Ende der 50er gewesen sein. Nach dem Spaziergang sagt er: „Du bleibst heut hier, der Dessau kommt.“ Ich hab den gar nicht gekannt. Ich hab nur gesehen, das ist ein gut aussehender, gut erzogener, sehr netter Mann. Und den hat der Busch vor mir zur Sau gemacht! Mir war das so peinlich. Ich bin dreimal aufgestanden, (schreit) „Du bleibst sitzen!“, dreimal bin ich aufgestanden, so peinlich war mir das. Den hat er so zur Sau gemacht, aber so! Und ich wusste gar nicht warum. Ich kannte ja die ganzen Vorgeschichten nicht. Ich bin ja, als ich mit dem Bronnen nach Berlin kam, wie ein Kind ins Wasser geschmissen worden, und dann hieß es:“Jetzt schwimm!“. Ich konnte ja niemanden fragen, wie das alles zusammenhing. Und warum ich dabei sein musste, als der Busch den Dessau wegen alter Geschichten zusammengebrüllt hat, war mir auch nicht ganz klar. Wahrscheinlich wollte der Busch dem zeigen ..., ich weiß es nicht. Der Dessau hat natürlich nichts weiter gewusst von mir, als dass ich die Witwe vom Bronnen bin. Das war eh für alle ein rotes Tuch, eh schlimm genug. Der Bronnen war ja furchtbar in Verschiss, weil man ihm seine politische Vergangenheit übel genommen hat. Man hat auch seine Stücke hier nicht gespielt, gar nix. Vor allem den West-Emigranten hat der Bronnen überhaupt nicht gepasst, weil er mal Antisemit gewesen war, seine erste Frau Olga war ja eine Geliebte vom Goebbels gewesen. (...) Der Becher mochte aber den Bronnen und war ihm dankbar, weil der Bronnen seinerzeit vor '33 ganz groß im Rundfunk war und den Becher, als es dem nicht gut ging, in seiner Funkstunde lesen ließ. Das hat ihm der Becher nie vergessen.


Boutique Gloria in Ost-Berlin: Kulturministerium und Mode


Dass Sie von diesen Vorgeschichten wenig wussten, scheint Sie nicht weiter gestört zu haben. Oder hatten Sie zunächst Anpassungsschwierigkeiten hier in Berlin?
Ich hab es als Österreicherin natürlich leicht gehabt. Ich hab einfach den österreichischen Schmäh eingesetzt, ich war damals jung und ganz gut aussehend. Alle waren sehr liebenswürdig zu mir. (lacht) Und ich wollte doch damals eine Boutique machen, da waren gerade die Boutiquen aufgekommen im Westen. Ich war mit dem Bronnen in Hamburg beim Rowohlt gewesen und hab die erste Boutique gesehen, die es damals gegeben hat, Gloria hat die geheißen. So etwas wollte ich hier in Ost-Berlin machen und hab das dem Becher im Kulturministerium vorgetragen, der Abusch saß daneben. Der Becher war hellauf begeistert: „Das ist eine großartige Idee! Da weiß ich wenigstens, wo ich die Handtaschen kaufen soll ...“ – Für seine Freundin natürlich, nicht für seine Frau! Und dann hab ich mich mit der HO, so hieß das damals: Handelsorganisation, in Verbindung gesetzt. Dann ist aber der Becher gestorben, und alle Pläne wurden platt gemacht, da gab es keine Chance mehr, was zu machen.

Das war zu sehr privatwirtschaftlich gedacht?
Ja, ja. Da haben die gesagt: „Wenn wer das macht, dann macht das die HO!“ Sie können sich ja vorstellen, was das für eine Boutique geworden wäre ... (...)

(Exkurs über einen Wutanfall Buschs, bei dem sich Renate Bronnens Sohn Andi vor Schreck unter dem Fernseher versteckt hat – Auslöser war eine Besucherin aus Rumänien, die noch nie etwas von Ernst Busch gehört hatte)

Hatte Busch ein besonders großes Geltungsbedürfnis? Hat er etwa diese Ehrentitel, die man ihm gegeben hatte, selbst benutzt? „Barrikaden-Tauber“ zum Beispiel ...
Also, „Barrikaden-Tauber“, das hat ihm schon sehr imponiert. Aber nicht wegen der Barrikade, sondern wegen dem Tauber. Der Richard Tauber war ja ein großartiger Sänger und der Star überhaupt! In meiner Kindheit war der immer und überall zu hören – bis diese blöden Nazis kamen. Tauber war ja Jude.

Glauben Sie, dass der Busch den Tauber geschätzt hat?
Ja, absolut. Ob er Schallplatten von ihm hatte, weiß ich nicht. Er hatte ja nix mehr von früher, er hat ja hier nach dem Krieg bei Null angefangen.

Hat er zu Ihrer Zeit privat überhaupt was anderes gehört als sich selber?
Nein, glaub ich nicht. Und immer ungeheuer laut. Ob er vielleicht doch schlecht gehört hat auf dem einen Ohr? (...)

Haben Sie ein Lieblingslied von Busch?
Die „Ballade von den Seeräubern“. Das war mein Lied! Besonders wenn er 's zu Hause zur Klampfe gesungen hat. Das war unübertroffen! Da hat er sich ausgelebt: (fängt an zu singen) „O Himmel, strahlender Azur ...“ – Ich meine, auch die Spanienlieder waren wichtig und notwendig, die muss man halt aus der Zeit verstehen. Aber die Seeräuberballade hat mir am besten gefallen.

Glauben Sie, dass das auch Buschs Lieblingslied war?
Nein, ich glaube, dass er die Spanienlieder am meisten geliebt hat. Die hat er auch am häufigsten bei sich zu Hause aufgelegt.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie und Busch sich jeden Tag gesehen haben. In welcher Zeit war das und wie lange ging das?
Das ging vielleicht '58 los und endete Mitte der 60er Jahre. Wann hat er die Irene geheiratet?

1964.
Ja, und da war es ihm nicht mehr so angenehm, wenn ich gekommen bin ... Wie soll ich das sagen? Obwohl ich nie, ich schwör 's Ihnen, mit ihm im Bett war, hatten wir doch eine sehr enge freundschaftliche Beziehung. Ich hatte aber immer einen Freund in Österreich, ich war ja Witwe. Und mit dem Busch hab ich es nicht so weit kommen lassen. Obwohl er nie so auf mich zugegangen wär, dass ich mich hätte wehren müssen, verstehen Sie. Als dann die Irene ins Haus kam, hat er sich von Freundinnen zurückgezogen, mit der Steffi Eisler war er ja auch befreundet, aber nicht so wie mit mir. Ich glaub, in dieser Zeit ist auch die Geschichte mit dem Gerhart Eisler gewesen, wo er mich rausgeschmissen hat, „Geh, da ist die Tür!“ hat er geschrien, das weiß ich noch. Ich meine, die Irene war damals auch dabei und schon schwanger. Und ich glaub, der Harald war auch mit. Da hat der Ernst mich richtig rausgeschmissen. Ich hab dann gesagt: „Ja du, dann geh ich.“ Bin dann aufgestanden und gegangen. Ich hab mir damals gedacht: „Komm, lass den Verrückten, der Ernst spinnt halt mal wieder und so...“ Aber da hat sich unsere Beziehung eigentlich getrennt.

Haben Sie ihn später dann nicht mehr getroffen?
Kaum noch. Er ist dann einfach nicht mehr zu mir gekommen, das ging von ihm aus. Später war er dann völlig verwirrt, er hatte ja Alzheimer, was damals noch nicht so gut erforscht war und worüber man auch nicht selbstverständlich gesprochen hat. Und er hat auch vorher schon starke Gedächtnislücken gehabt, sodass man das vielleicht auch nicht so schnell erkannt hat. Man hat das dann aufs Alter geschoben und seine Verletzung durch die Bomben, die im Gefängnis, wo er war, eingeschlagen sind. (...) Getroffen hab ich ihn dann mal in der Oper, wo ich mit dem Gerhart Eisler gewesen bin, aber das waren eher Zufälle. (...) Dann, in den 70er Jahren, ist er nur mehr zu Hause gesessen und hat seine eigenen Platten gedröhnt, alle Fenster offen, und ganz Niederschönhausen hat die Lieder vom Busch gehört. Er ist dann auch immer weniger öffentlich aufgetreten, er war einfach alt und krank. Und dann hat mir irendwann jemand erzählt: „Du, stell dir vor, der Busch ist bei dir vor dem Haus an der Straßenecke gestanden und hat nicht mehr nach Hause gefunden.“ Das war der Alzheimer. Und da hab ich mir gedacht, dass er vielleicht im Unterbewusstsein den Weg zu mir gegangen ist, den er früher so oft gegangen war. (...) Die Irene hat ihn dann auch öfter suchen lassen, und die Polizei hat dann schon Bescheid gewusst. (...)

In Ihrer Freundschaft mit Busch hat ja Politik keine große Rolle gespielt. Dass er Kommunist war und viele Ihrer anderen Freunde hier auch, hat auf Sie nicht abgefärbt. Oder würden Sie sich als Kommunistin bezeichnen?
Ich? Um Gottes Willen, nie!

Sind Sie links?
Was ist links? Wenn links bedeutet, dass man sich frei und ungebunden fühlt, dann schon. Es gab sogar eine Zeit, da bin ich mit der Mao-Fibel in der Tasche rumgerannt, aber das waren natürlich Einflüsse aus dem Westen ...

Haben Sie sich für Politik interessiert?
Nein, eigentlich nicht. Wissen Sie, das klingt jetzt vielleicht hart, aber ich hab mich mein ganzes Leben vor allem fürs Theater interessiert. Ich bin einfach eine theatralische Person. (...) Politik ist zwar auch irgendwo Theater, aber meistens leider sehr schlechtes. Meine Bühne ist immer das Leben gewesen, und da hab ich viel Theater gespielt, kann ich Ihnen sagen ...

Das klingt so, als hätten Sie das alles nie besonders ernst genommen, was hier politisch abgelaufen ist in der DDR ...
Ja, aber das gilt auch für das, was früher in Österreich abgelaufen ist. (lacht) Ich hab nur immer geschwiegen, weil ich halt ein Überlebensprofi bin. (...)

Hat Sie das an Busch dann nie gestört, dieses Überzeugte, dieses Wissen, dass diese politische Sache genau das Richtige ist?
Das war eben für ihn das einzig Richtige. Weil er als Proletarier an diese Ideen geglaubt hat. Drum war er ja so gut, weil er mit so viel Überzeugung seine Songs gesungen hat. Er hat an die Sache geglaubt, aber doch nicht an die Leute, die den Sozialismus hier stümperhaft ausgeübt haben. Der Busch war doch ein Edelkommunist. So weit es das gibt. Er hat ja auch überall seine Meinung gesagt – laut und deutlich. Natürlich haben die Funktionäre auch versucht, ihn zu benutzen. Sie haben sich schmücken wollen mit dem großen Ernst Busch. Aber richtig drauf eingelassen hat er sich nicht. (...)




(Am Ende des Gesprächs gemeinsame Unterhaltung mit Renate Bronnen und ihrer Freundin Inge Drinda, die Jahrgang 1928 ist, über den Künstler-Ferienort Ahrenshoop und Urlaube des Ehepaars Drinda ebendort. Auch Busch und Tete seien öfter dabei gewesen, das sei '53, '54 gewesen. Tete habe immer das grüne Auto gefahren. Ahrenshoop sei als ehemalige Malerkolonie ein beliebter Treffpunkt „für die bevorzugte Intelligenz“ gewesen. Hier sei man unter seinesgleichen gewesen, sei zum FKK-Strand und ins Kulturhaus gegangen. Busch habe es aber meist vorgezogen, im Wald spazieren zu gehen. Drinda: „Er war kein Partyheld“. Wenn er in Gesellschaft gewesen sei, habe er auch dominieren wollen, sagt Renate Bronnen. Inge Drinda erinnert sich, dass abends in Ahrenshoop damals der „Kreidekreis“ von Brecht besprochen worden sei, der gerade gespielt wurde. Inge Drinda, deren Mann Horst am Deutschen Theater gespielt hat, sagt, sie habe Busch damals sehr bewundert: „Ich fand den toll!“ – Wenngleich er seine Eigenheiten gehabt hätte: „Einmal wollte er ins Deutsche Theater, weil er an dem Abend zu spielen hatte, und da sagte der Pförtner, der war wahrscheinlich neu, er möchte den Personalausweis sehen. Jeder musste ja immer seinen Ausweis parat haben. Da hat der Ernst gesagt: „Schönen Dank!“, und ist wieder nach Hause gefahren. Das ist typisch Ernst Busch. Der dachte, er wird verkohlt. Denn kein Mensch am Deutschen Theater hätte normalerweise gewagt, zu Ernst Busch zu sagen: „Zeig mir mal deinen Ausweis!“ Das Theater war natürlich in heller Aufregung, da wurde dann ein Auto geschickt, damit der Ernst noch zur Vorstellung kommt. Das war praktisch so, als wenn man den Intendanten angehalten und gefragt hätte, was er hier will. Busch hatte das Theater ja maßgeblich geprägt. Er war ja praktisch das Theater.“)



Interview: Jochen Voit
Foto: Johanna G. Bechen
(Textfassung autorisiert von Renate Bronnen am 16. Februar 2006)





Letztes Update 26.05.2010 | Copyright© Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
Erinnerungsorte revisited



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