Erinnerungsort - Materialien zur Kulturgeschichte deutsch | english | русский
 
StartseiteKontaktImpressumLinksMitgliederbereich

Suche:

Jochen Voit
Aktuelle Projekte
Pressestimmen
Leseproben
Oral History
Ernst Busch als
Erinnerungsort
Fotos
Interviews A-Z
Lieder A-Z
Literaturhinweise
Archiv

diese Seite wurde erstellt mit fastpublish CMS - Content Management System

Werner Sellhorn

über Jazz und Politik in der DDR und die Unfähigkeit, früh aufzustehen




„Ernst Busch verkörperte den richtig verstandenen Sozialismus - nicht diesen kastrierten Sozialismus, den die hier verbrochen haben.“
(Gespräch am 17. Januar 2006 in Berlin-Prenzlauer Berg)


Werner "Josh" Sellhorn
Werner "Josh" Sellhorn ist Jahrgang 1930. Die ersten Kindheitsjahre verbringt er in Hamburg, wo er in einem, wie er sagt, „kleinbürgerlichen Elternhaus“ aufwächst. Nach der Trennung der Eltern 1942 bleibt er zunächst bei seinem Vater, einem Justizangestellten, und dessen neuer Lebensgefährtin. In Hamburg ausgebombt kommt er ein Jahr später nach Berlin zu seiner Mutter, die ihn aber nicht bei sich aufnehmen kann, sodass Werner Sellhorn zunächst auf sich allein gestellt ist. Kurze Zeit findet er Unterschlupf in einem Lager, in dem russische Zwangsarbeiter eingesperrt sind, anschließend kommt er in ein Waisenhaus. Die Mutter bringt den Jungen schließlich in der Schulfarm Insel Scharfenberg unter, einem ursprünglich reformpädagogischen Internat im Tegeler See, das zu einer nationalsozialistischen Erziehungsanstalt umfunktioniert ist. Im Rahmen der Kinderlandverschickung wird die Schule nach Wiek auf Rügen ausgelagert, das Kriegsende erlebt Werner Sellhorn in Mecklenburg. Zurück in der Trümmerstadt Berlin versucht er sich kurze Zeit als Zigarettenschieber; er wohnt zur Untermiete in der Schönhauser Allee und besucht die Karl-Marx-Oberschule in Neukölln. 1946 verlässt er Berlin auf Bitten der Mutter, die inzwischen in einem Dorf in der Westprignitz als Gemeindeschwester arbeitet. In Wittenberge geht er auf die Oberschule und macht 1950 Abitur. Das Fernsein von der Großstadt kompensiert Werner Sellhorn durch Besuche im Schallplattenladen, wo er sich vor allem die Amiga-Neuerscheinungen vorspielen lässt. Er begeistert sich für diverse Genres, kauft sich Schellacks von Ernst Busch, Bully Buhlan und dem Alexandrow-Ensemble. Neben der Musik gilt sein Interesse dem Sport und der Politik. 1950 wird er DDR-Studentenmeister im Boxen (Bantam-Gewicht). Sellhorn ist überzeugter Sozialist und seit 1949 in der SED: „Ich war der einzige Schüler - wenn wir Parteiversammlung hatten, saßen da nur Lehrer und ich!“ Ab 1950 studiert er Philosophie an der Humboldt-Universität in (Ost-) Berlin und vertieft sich ab 1956 in den Blues und den Jazz; Freunde in West-Berlin helfen ihm, die in der DDR nicht erhältlichen Platten zu bekommen. In den Semesterferien besucht er seinen Bruder und die Mutter, die in Wittenberge als Betriebsschwester in einem Zellwolle- und einem Nähmaschinenwerk arbeitet. Nach dem Studium, das wegen Überschreitung der Abgabefrist für die Abschlussarbeit als nicht bestanden gewertet wird, muss sich Sellhorn „in der Produktion bewähren“. Auch mit der Partei bekommt er Schwierigkeiten, was 1957 zum Ausschluss auf eigenen Antrag führt. Als Sozialist fühlt sich Sellhorn nach wie vor; 1958 wird er vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als sogenannter Gesellschaftlicher Informant (GI) angeworben. Unter dem Decknamen „Zirkel“ verfasst er Berichte über Künstler in der DDR und in West-Berlin. Nach dem Tod seiner ersten Frau Regina Sellhorn 1957 heiratet er 1960 die Tochter von Isot Kilian (die ebenfalls Isot heißt). Im Jahr 1963 bricht er den Kontakt zum MfS ab, u.a. weil seine neue Lebensgefährtin strikt dagegen ist. Mittlerweile hat Sellhorn als Verlagslektor und -werbeleiter Fuß gefasst und seine Musikleidenschaft zum Zweitberuf gemacht. Für den Verlag Volk und Welt organisiert er 1963 die Veranstaltungsreihe „Jazz und Lyrik“, die 1964/65 knapp hundertmal in Städten der DDR aufgeführt wird und große Publikumsresonanz findet. Mit dabei sind die Jazz-Optimisten Berlin mit dem Sänger Manfred Krug, der auch Texte rezitiert. 1965 startet das neue ebenfalls erfolgreiche Programm mit dem Titel „Lyrik – Jazz – Prosa“. Als Gastsolisten treten Künstler auf wie die Jazzsängerin Ruth Hohmann, der Liedermacher Wolf Biermann, der Kabarettist Gerd E. Schäfer, die Schauspielerinnen Angelika Domröse und Annekathrin Bürger sowie die Schauspieler Eberhard Esche, Gerry Wolf und Edwin Marian. Nach einer Solidaritätsaktion „seiner“ Künstler für den verhafteten Biermann im Jahr 1965 wird Sellhorn mit einem Berufsverbot in belletristischen Verlagen der DDR belegt. Er arbeitet nun frei schaffend als Lektor, Herausgeber und Nachwortautor, schreibt Liner Notes für Amiga-Platten, meist Lizenzausgaben amerikanischer Jazzproduktionen. In den letzten zwei Jahrzehnten der DDR ist Sellhorn, dessen Spitzname „Josh“ auf seine Begeisterung für den Blues-Sänger Josh White zurückgeht, als Manager und Ansager von Jazzgruppen tätig. Außerdem reist er mit Schallplattenvorträgen über Jazz und Rock durch die DDR. Mittlerweile gilt er, neben Karlheinz Drechsel, als führender Jazz-Spezialist in der DDR. Zwischen 1972 und 1976 nimmt das MfS erneut Kontakt zu Sellhorn auf und gewinnt ihn als sogenannten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM), diesmal liefert er jedoch keine Berichte, es werden lediglich Gespräche mit ihm geführt. Da Sellhorn gegen die Ausbürgerung Biermanns protestiert, endet die Zusammenarbeit mit der Stasi 1976. Sellhorn wird nun endgültig bewusst, „dass hier in der DDR etwas grundsätzlich schief läuft“, wie er sagt. Er setzt sich dafür ein, dass die mit Auftrittsverbot belegte Bettina Wegner auf Tournee gehen kann. In den 80ern stellt er musikalisch-literarische Programme zusammen - mit Künstlern wie Peter Bause und Mike Friedman. Seit der Wiedervereinigung kümmert sich Sellhorn vorrangig um das musikalische Erbe der DDR. Er kompiliert CD-Editionen für Buschfunk, Eulenspiegel und Amiga, veröffentlicht Artikel, Rezensionen und Bücher, geht wieder als Ansager auf Tournee ("Jazz-Lyrik-Prosa") und macht musikalische Programme mit seinem Sohn Karsten Troyke. Für kurze Zeit ist er Chefredakteur der Zeitschrift Horch und Guck, die sich der Aufarbeitung der SED-Diktatur widmet, wird jedoch entlassen, als seine Stasi-Tätigkeit bekannt wird. Der Plattensammler, Musikpublizist und „Jazz-Hamster“ (so nennt ihn Manfred Krug), der fünf Kinder aus fünf Ehen hat, lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.

Der Duden bei ihm im Regal steht eingeklemmt zwischen einem Jazzlexikon und einer Janis-Joplin-Biografie. Werner „Josh“ Sellhorn ist ein Musikfan mit großem Sendungsbewusstsein, ein geübter Erzähler, der im Interview vom hundertsten ins tausendste kommt, ohne jemals (im Gegensatz zum Interviewer) den Faden zu verlieren. Als eine 90er Kassette voll ist, eine zweite habe ich nicht dabei, sagt er: „So, und jetzt erzähle ich Ihnen meine Stasi-Geschichte.“ Seine Autobiografie ist in Vorbereitung.

Am 17. Mai 2009 starb Werner "Josh" Sellhorn im Alter von 79 Jahren in Berlin.

________________________________________________________________________
Bücher und Artikel meines Gesprächspartners (Auswahl):
- Gerhard Branstner / Werner Sellhorn (Hrsg.): Anekdoten. (Ost-) Berlin 1962.
- Erich Weinert: Die juckt es wieder. Ein Vortragsbuch mit 100 Gedichten und 3 Aufsätzen. Hrsg. v. Werner Sellhorn m. Hilfe v. Li Weinert. (Ost-) Berlin 1964.
- Werner Sellhorn / Gerhard Branstner (Hrsg.): Das Tier lacht nicht. Ein Stammbuch des komischen Menschen. (Ost-) Berlin 1965.
- Louis Armstrong: Mein Leben in New Orleans. Aus d. Amerikan. v. Hans Georg Brenner. Hrsg. u. m. e. Nachw. v. Werner Sellhorn. (Ost-) Berlin 1967.
- Werner Sellhorn (Hrsg.) Protestsongs. (Ost-) Berlin 1968.
- B. Traven: Erzählungen (2 Bde.). Hrsg. u. m. e. Nachw. v. Werner Sellhorn. (Ost-) Berlin 1968.
- Josh Sellhorn: Meine Kontakte zur Stasi. In: Horch und Guck 3/1994 (Heft 13), S. 50-52 (+ Dokumententeil zum GI/IM „Zirkel“, S. 53-64).
- Werner Josh Sellhorn: Das Hausbuch des Humors. Berlin 2000.
- Werner Josh Sellhorn: Jazz – DDR – Fakten. Mit einem Geleitwort von Manfred Krug. Interpreten, Diskographien, Fotos, CD. Berlin 2005.
- Werner Josh Sellhorn: Jazz – Lyrik – Prosa. Zur Geschichte von drei Kultserien. Berlin 2008.
___________________________________________________________________________
Von Sellhorns Musikveranstaltungen sind Mitschnitte auf LP bzw. CD veröffentlicht. Legendär sind die LP "Jazz und Lyrik" (1965) von einer Veranstaltung aus dem Jahr 1964 und die LP "Lyrik - Jazz - Prosa" (1968) von einer Veranstaltung aus dem Jahr 1965. In den 90er Jahren erschien eine zusammenfassende CD unter dem Titel "Jazz - Lyrik - Prosa". Weitere neun CDs sind von Sellhorns neuer (seit 1997 laufender) „Jazz – Lyrik - Prosa“-Reihe herausgekommen.
__________________________________________________________________________


JV: Wer waren Ihre frühen musikalischen Helden?
Werner „Josh“ Sellhorn: Meine musische Vorbildung war, um es deutlich zu sagen, beschissen. Mein Vater hatte zwar 'nen Bücherschrank, wo vielleicht zehn Bücher drin standen, aber der war immer zugesperrt, da durften wir Kinder gar nicht ran. Ab und an hat er uns sonntags in Plattdeutsch was von Fritz Reutter vorgelesen oder Bildergeschichten von Wilhelm Busch gezeigt. Aber das war außergewöhnlich, man hat in der Richtung keine wirkliche Bildung gekriegt. Immerhin hat mein Vater so 'n Kurbelgrammophon gehabt, was mich als Kind sehr beeindruckt hat. Ich erinnere mich, dass ich, das muss ungefähr 1942 gewesen sein, und mein Vater war damals schon wieder neu liiert mit einer Frau, die ich Tante Gercia nannte, eines Abends Gäste hatte. Ich bin nachts aufgewacht und über unseren langen Flur zur Toilette gelaufen, und da hörte ich Musik aus dem Wohnzimmer. Mein Vater und eine befreundete Familie, die zu Besuch war, hörten sich Schellackplatten an. Mir gefiel das Lied, das da gespielt wurde, ich ging also rein im Schlafanzug und rief: „Das ist schöne Musik!“ Mein Vater sagte: „Komm, komm, komm, geh mal wieder ins Bett!“ Was da lief, war „La Paloma“ mit Hans Albers. Daher stammt wohl meine Vorliebe für Albers, die mit einem kleinen Lächeln bis heute erhalten geblieben ist. (...) Als ich aber 1950 nach Berlin kam, war für mich das Größte das Tanzorchester Leipzig unter Kurt Henkels und das Ballett vom Friedrichsstadtpalast, was ich heute nicht mehr besonders mag – wobei Kurt Henkels gar nicht so schlecht war ...


„’Flamingo’ von Earl Bostic, das ging so: (singt) Dä-dää-dä-dädädädä...“


Das heißt, Ihre Vorliebe für Jazz begann in der Studentenzeit ...
Ja, wobei ich sogar schon 'ne Affinität zum Jazz hatte, als ich noch in der Schule in Wittenberge war. Da gab 's 'ne Wandzeitung, die ich mitgestaltet habe, und ich habe mich erdreistet, einen Artikel über Jazz zu schreiben und da hinzuhängen. Würde ich heute für Dreck halten, was ich damals von mir gegeben habe, es war von keiner Sachkenntnis getrübt, aber immerhin ... Und als ich nach Berlin kam, bin ich gleich nach West-Berlin in einen Plattenladen gegangen und habe mir, so schlecht war mein Geschmack gar nicht, „Blueberry Hill“ von Louis Armstrong gekauft und „Flamingo“ von Earl Bostic, das ging so: (singt den Anfang von „Flamingo“) Dä-dää-dä-dädädädä ... Das waren recht populäre Nummern zu Beginn der 50er.

Wie kamen Sie drauf, sich als Schüler für Jazz zu interessieren?
Das war der Sound der Zeit, ich kaufte ab '47 die Amiga-Platten, die bei Lied der Zeit rauskamen, „Ciu-ciu-ciu-cu“ und solche Sachen. Diese frühe Nachkriegs-Schlagermusik mag ich teilweise heute noch, weil sie mit Swingbands begleitet und immer noch irgendwie jazzig war. Aber ich hab als Schüler auch andere Sachen gehört: Damals in Wittenberge entdeckte ich zum Beispiel auch Ernst Busch für mich, seine Stimme fand ich großartig, sie erinnerte mich an Hans Albers, da war auch dieses norddeutsche Timbre drin. Also, ich verbrachte viel Zeit im Plattenladen. Die Platten waren ziemlich billig, aber man musste anfangs, wenn man eine neue Platte kaufte, zwei kaputte alte Platten abgeben. Das Schellack wurde gebraucht.

Wo bekam man zwei kaputte alte Platten her, wenn man noch keine Plattensammlung hatte?
Da ist mir eben mal 'ne Platte mit Wiener Walzern von meiner Mutter kaputtgegangen: „Oh, jetzt issse mir runtergefallen! Schade, Mama ...“ ! Und dann konnte ich mir wieder 'ne neue Platte kaufen. Insgesamt kann man sagen: Das, was mich am meisten interessierte, war halb Schlager und halb Jazz, und das hielt an bis zu meiner Studentenzeit in Berlin. Dann schickte mir meine Großmutter aus Hamburg 1956, ich weiß nicht warum, denn sie hat sich dafür gar nicht interessiert, das „Jazzbuch“ von Joachim Ernst Berendt. Das hatte sie ganz unten in eines ihrer Päckchen reingelegt, ich fand dieses Buch unter Keksen, Zucker und sonstwas alles. In diesem Sommer fuhr ich mit dem Buch nach Thüringen zu meiner Mutter, die später dann in den Westen ging, und lag dort nachts auf dem Boden in der Küche und las unentwegt den Berendt. Ich fand alles so interessant und so logisch, was ich da las. Heute besitze ich alle neun Auflagen davon. Damals kannte ich nicht mal die Musik, von der die Rede war. Ich bin sozusagen über die Zweitdarstellung in einem Buch richtig auf den Jazz eingeschworen worden. Und als ich nach den Semesterferien wieder zurück in Berlin war, habe ich Freunde in West-Berlin besucht und mir von denen Jazzplatten ausgeliehen. Das war ein gefährliches Unterfangen, denn die konnten an der Grenze beschlagnahmt werden. Ich musste also den Freunden versprechen, in so einem Fall die Platten zu ersetzen, ist mir zum Glück nie passiert. Ich habe die Scheiben über Nacht auf Tonband überspielt und am nächsten Tag wieder zurückgebracht, und es ist immer gut gegangen. Das ging ungefähr ein Jahr lang, nachher hatte ich 30 große Tonbandspulen, zweiseitig eng bespielt, in Mono natürlich. Auf diese Weise hab ich mich selbst weitergebildet, ich kannte ja nur die Beschreibungen aus dem Buch, dann wollte ich die Musik auch hören. Ich hab mich natürlich bei der Auswahl der zu borgenden Platten erst mal im Buch vergewissert, was man hören muss, um diesen oder jenen Stil zu verstehen: Soso, aha ... dann hin, Platten geholt, überspielt und wieder zurückgebracht.

Der Berendt war die Bibel ...
Ja, das war die Bibel damals für mich. Meine Tonbänder habe ich irgendwann einem Westdeutschen gegeben, der diese Sammlung bewunderte. Dafür hab ich meinen ersten Stereo-Plattenspieler gekriegt. 1956 hörte ich auch, dass es in Berlin so etwas wie einen Jazz-Club gab, man traf sich in einem Jugendklubhaus in der Gartenstraße am Nordbahnhof, organisierte Vorträge und hörte gemeinsam Platten. Außerdem übte man sich in Demokratie, es wurde unentwegt irgendwas gewählt, alle viertel Jahre gab es einen neuen Vorstand: Es gab den ersten Vorsitzenden, den zweiten Vorsitzenden, und dritter Vorsitzender wurde ich. Und da hab ich mir jede Woche 'nen Vortrag angehört über Dizzy Gillespie, Charlie Parker und was da alles angeboten wurde. Irgendwann sagten die zu mir: „Du könntest ja auch mal 'nen Vortrag machen!“ Ich sage: „Vortrag? Ich kenne mich noch nicht so gut aus, ich bin zwar interessiert, aber ...“ – „Na, such dir doch mal 'n Thema, was du einigermaßen überblicken kannst!“ – „Gut“, sage ich, „dann mach ich einen Vortrag über Armstrong.“ Darauf hab ich einen Fachmann in West-Berlin besucht, der mir 'n bissl was erzählt hat, und habe mir dort nach dessen Empfehlungen Platten gekauft, was ja immer teuer war: Man musste fünf- bis sechsmal so viel Ost-Geld hinlegen.

Gab es Armstrong im Osten gar nicht zu kaufen?
Zu der Zeit? Nee, gar nicht dran zu denken! Das kam erst viel später, da hab ich dann selbst Armstrong-Platten für Amiga zusammengestellt ... Jedenfalls hab ich dann den Vortrag gehalten, und der kam gut an, und von da an hab ich öfter 'nen Vortrag gehalten. Irgendwann kam jemand, der sagte: „Bei uns im Betrieb gibt 's auch allerhand Jugendliche, die sich dafür interessieren, können Sie nicht auch mal bei uns 'nen Vortrag machen? Und was kostet das eigentlich?“ Da wurde mir klar, dass ich ein Honorar dafür nehmen könnte. Das fand ich ungewöhnlich, aber nicht schlecht ...


16./17. Juni 1953: „'Ne Maschinenpistole müsste man haben und reinhalten!“


Womit haben Sie denn zu diesem Zeitpunkt sonst Ihr Geld verdient?
Stimmt, wie war das eigentlich? Mein Studium war ja schon beendet und damit auch mein Stipendium ... Jedenfalls hatte ich erst mal großen Ärger mit der Partei ...

Sie waren als Schüler schon in die SED eingetreten. Was war damals der Grund gewesen?
Ich hab gedacht: Der Kapitalismus mit seinen Kriegen ist der falsche Weg. Ich muss irgendwo mitmachen, wo dagegen gearbeitet wird. Und da gab es ja nur die SED, die Blockparteien fand ich lächerlich. Also, mir war das anfangs schon sehr ernst mit dieser Partei. Es würde jetzt zu weit führen, von den Schwierigkeiten zu erzählen, die sich dann ergeben haben: Ich war bereits Mitglied geworden, da hat man mich strafweise wieder in den Kandidatenstand zurückversetzt und solche Scherze. Irgendwann wurde es ganz schlimm, sodass mich mein Studienkollege Fritz beiseite nahm, weil ich dauernd kritisiert wurde, und zu mir sagte: „Sag denen doch endlich, was sie hören wollen!“ Ich sage: „Ich weiß doch nicht, was die hören wollen!“ Er: „Du musst sagen, du bist bürgerlich aufgewachsen und hast keine Verbindung zur Arbeiterklasse, und deswegen ist dein Zugang zum Marxismus nur ein theoretischer und deswegen gibt es bei dir Fehleinschätzungen.“ Ich sage: „Ich sehe das nicht so.“ – „Ja, aber das wollen die hören.“ Na gut, ich bin also hingegangen und hab das denen erzählt, und damit war die Sache erst mal in Ordnung. Aber kurze Zeit später gab es neue Ansatzpunkte und neue Vorwürfe …

Vielleicht können Sie kurz skizzieren, was die Ursache für diese Vorwürfe war ...
Die Ursache war, dass ich die Sache ernst nahm: den Sozialismus und den Marxismus. Na gut, dann muss ich doch eine Geschichte erzählen: Als wir 1953 Semesterferien hatten, sollten wir 'n Praktikum machen, das war so üblich. Manche wurden zum Ernteeinsatz geschickt, wir „Philosophen“, als zukünftige Partei-Elite, kamen zur Reichsbahn-Bau-Union in Mecklenburg. Unsere Aufgabe war: Wir sollten mit den Arbeitern dort diskutieren und sie sozialistisch beeinflussen. Ich hatte ja immer 'ne Neigung zum Theoretischen und hatte für die SED bereits Parteilehrjahr durchgeführt, zum Beispiel beim Schriftstellerverband, wo Christa Wolf, die damals noch unverheiratet war und anders hieß, meine Schülerin war. Jedenfalls erinnere ich mich noch, dass wir bei einem Mann vom ZK 'ne Schulung hatten für diese Agitationsaufgabe. Da saßen wir Unter den Linden in einem Hochhaus ganz oben in der Nähe der Friedrichstraße und kriegten unsere Belehrungen. Und plötzlich hörten wir von der Straße Geräusche, die wie Sprechchöre klangen. Es war der 16. Juni '53. An diesem Tag begannen ja bereits die Demonstrationen. Wir waren beunruhigt und fragten: Was ist denn da draußen los?“ Irgendjemand meinte: „Ach, da dreh'nse wieder 'nen Thälmann-Film!“ Wir haben weitergesprochen, aber die Rufe wurden immer lauter ...

Erinnern Sie sich noch an die Parolen, die gerufen wurden?
„Runter mit den Normenerhöhungen!“ und so was, allerdings auch: „Der Spitzbart muß weg!“, was konkret gegen Ulbricht gerichtet war. Und dann kriegte der, der uns schulte, einen Anruf und kam nach einer Weile etwas bleich aus dem Nebenraum zurück und sagte: „Wir unterbrechen die Schulung für anderthalb Stunden.“ Der wollte sich wahrscheinlich informieren, was nun los war. Wir sind runtergegangen auf die Straße und sahen die Demonstranten kommen mit ihren Plakaten gegen Normenerhöhungen und gegen undemokratische Tendenzen. Ich stand am Straßenrand neben dem Genossen, der mir die Empfehlung gegeben hatte, der Partei mein bürgerliches Verhältnis zum Sozialismus zu erklären. Wir guckten uns die Demonstration an und reagierten völlig unterschiedlich. Er sagte: „'Ne Maschinenpistole müsste man haben und reinhalten!“ Und ich sagte: „Irgendwas haben wir falsch gemacht. Wieso sind die Arbeiter gegen unsere Partei?“ Also, ich war erschüttert, und der war erbost und hätte am liebsten auf die Demonstranten geschossen. Und dann sind wir in ein Restaurant, das im selben Haus unten war, reingegangen, um was zu essen. Wir hatten beide natürlich 'n Parteiabzeichen am Hemd ...

Weil Sie gerade diese Schulung hatten? Oder trugen Sie das immer?
Ein Parteiabzeichen hat man getragen als Student. Nun hatte er aber seins gleich abgemacht. Interessant, oder? Dann setzten wir uns hin und wollten bestellen, der Kellner kam und sagte zu mir: „Den Bonbon müssense abmachen, sonst bedien' ich Sie nich'.“ So war die Stimmung. Da hab ich gesagt: „Dann verzichte ich aufs Essen“, und bin rausgegangen. Das heißt, ich stand noch zur Sache, wenn man so will, aber ich war tief erschüttert, dass Arbeiter gegen eine Arbeiterpartei demonstrierten. So sah ich 's damals. Der Kollege, der sich angepasst hat, also sein Parteiabzeichen abgemacht und sein Essen gekriegt hat, hat später groß Karriere gemacht und es bis zum Stellvertretenden Leiter der Nachrichtenagentur ADN gebracht. Und ich hatte immer nur Schwierigkeiten, politisch gesehen.

Auf Ihre Art haben Sie auch 'ne Karriere gemacht, 'ne ganz andere ...
... ne zufällige ... Um mit Herrn Gaus zu sprechen: Ich fand keine andere Nische. In dieser Nische habe ich mich wohlgefühlt und weiterentwickelt. (...)


„Ich möchte bitte den Hauptbuchhalter sprechen.“


Hatten Sie damals das Gefühl, als Sie auf der Straße standen und dann in die Gaststätte reingingen, dass die Proteste das Werk von, wie es damals in der DDR hieß, „Westberliner Provokateuren“ waren, ja von „Faschisten“?
Nee, so hab ich 's nicht gesehen. Gut, als ich dann hörte, dass am Potsdamer Platz schon Zeitungsbuden in Brand gesteckt worden sind, hab ich gedacht: „Der Westen mischt natürlich mit.“ Und hat er ja auch. Aber ich hab die Proteste schon ernst genommen und dachte: So können wir nicht weiter machen, wir müssen etwas ändern. Wir sind dann am andern Tag, also am 17. Juni, zur Reichsbahn-Bau-Union nach Mecklenburg gefahren. Im Äther hieß es, dass überall große Streiks im Gange seien, und auch die Arbeiter in Mecklenburg fingen an zu streiken. Ich habe dann mit denen diskutiert und aus meiner damaligen Haltung heraus erklärt, dass es doch unsinnig sei, gegen den eigenen Staat zu demonstrieren. Die Arbeiter sagten mir, wie ungerecht sie alles fänden, und der Betriebskollektivvertrag verspreche dies und das, und nichts davon sei verwirklicht. Ich hab mir all die Punkte schön notiert und gleichzeitig versucht, denen klarzumachen, dass Streiken nicht der richtige Weg ist. „Ja, was sollen wir denn sonst unternehmen!“, haben die gesagt. Ich hab versucht, so gut ich konnte, dagegen zu halten, also, ich hab die Parteilinie vertreten. Und auf dem Heimweg in die Baracke, wo ich Quartier bezogen hatte, wurde mir von ein paar Arbeitern aufgelauert, die mich übel zusammenschlugen. Das war nicht lustig, die traten mir ins Gesicht, ich war richtig lädiert. Hier ist noch 'ne Narbe davon als kleines Andenken an die Geschichte (W.S. zeigt mir die Stelle im Gesicht). Ich bin trotzdem am nächsten Tag zur Leitung der Reichsbahn-Bau-Union nach Wahren (Müritz) gefahren und habe gesagt: „Ich möchte bitte den Hauptbuchhalter sprechen.“ Wir hatten ja alle ein Schreiben vom Zentralkomitee der SED mit, aus dem hervorging, dass wir als Instrukteure eingesetzt waren, und dass man unseren Anweisungen Folge zu leisten habe. Das hab ich einfach benutzt und habe die Punkte aufgezählt, die mir die Arbeiter genannt hatten: dass der Betriebskollektivvertrag nicht eingehalten worden ist, und dass Nachzahlungen geleistet werden müssen. Da ist der Buchhalter bleich geworden und hat gesagt: „Das kann ich nicht verantworten!“ - „Macht nichts“, sage ich, „das verantworte ich!“

Sie haben die Beschwerden weitergegeben?
Ja, und ich hab ihm sozusagen den Befehl gegeben, dass da Auszahlungen gemacht werden.

Den Zwischenfall vom Abend vorher haben Sie offenbar nicht erwähnt. Hat man Ihnen nicht angesehen, dass Sie irgendwo gegen gelaufen sind?
Kann sein, aber ich habe da nicht weiter drüber gesprochen. Das hätte ja für mich bedeutet, meinen Parteiauftrag nicht ernst zu nehmen. Denn für die Arbeiter war ich natürlich der klugscheißende Funktionär aus der Hauptstadt, der sie vom Streiken abhalten will. Und das konnte ich bis zu einem gewissen Grad verstehen ... Ich bin dann erst mal nach Wittenberge zu meiner Frau gefahren, die lebte noch dort als Pionierleiterin, und hab mich pflegen lassen, denn ich war wirklich fertig. Und dann war die Praktikumszeit auch vorbei. Als ich wieder zurück in Berlin war, wurde mir in meiner Parteigruppe an der Universität vorgeworfen: „Du hast völlig falsch gehandelt, Genosse Sellhorn! Das hättest Du nicht tun dürfen! Die Anweisung, die Du gegeben hast, hat uns viele Zehntausende gekostet.“ Da habe ich gesagt: „Das war doch gerecht!“ – „Aber das war zu unserem Schaden, deswegen hättest Du das nicht machen dürfen.“ Das sah ich nicht ein. Darauf wurde ich strafweise zurückversetzt in den Kandidatenstand der Partei.

Warum konnten Sie überhaupt so folgenschwere Anweisungen geben als 23jähriger Student?
Solche Vollmachten hatten alle, die als Instrukteure im Praktikum eingesetzt wurden. Die Partei vertraute uns, man sah in uns gestählte Marxisten und Leninisten. Und ich hab mich ja auch so verhalten. Ich hab nicht etwa sympathisiert mit den Streikenden, ich habe dagegen geredet. Und dafür wurde ich zusammengeschlagen. So, und jetzt kommt ein Erlebnis, das für mich viel wichtiger ist, als der ganze Ärger, den ich gekriegt habe: Ich wohnte damals in der Schönhauser Allee 53 im zweiten Stock, hatte 'n ganz kleines Zimmer. Nachts musste ich meine vielen Bücher vom Bett auf die Erde legen, damit ich schlafen konnte, und am Tag legte ich sie wieder aufs Bett, damit ich mich im Zimmer bewegen konnte. Also, es war ganz eng. Und eines Tages, es war Wochenende und ich schlief länger, was ich heute noch gerne tue, da klopfte es, und meine Wirtin kam und sagte: „Herr Sellhorn, da stehen drei Herren draußen vor der Tür. Die wollen Sie sprechen“ Ich habe kurz überlegt, ob die Wohnung nicht vielleicht 'nen zweiten Ausgang hat, hatte sie aber nicht. Ich gehe also zur Tür und sage: „Was gibt 's denn?“ Und in dem Moment erkannte ich genau die Männer, die mich einige Wochen zuvor zusammengeschlagen hatten. Ich konnte ja nicht abhauen und sagte: „Kommt rein!“ Die gaben mir freundlich die Hand, was ich als gutes Zeichen interpretiert habe, und dann gingen wir in mein enges Zimmer und setzten uns alle auf mein Bett. Da packten sie ihre Aktentaschen aus und holten lauter Schnapsflaschen raus. „Du hast die Sache für uns geregelt“, sagten sie. „Wir haben alle viel Geld gekriegt, und dafür wollen wir uns bedanken. Außerdem wollen wir uns entschuldigen, dass wir Dich verdroschen haben, und darauf trinken wir jetzt!“ Ich habe gesagt „Jawoll“, und dann haben wir uns wie verrückt besoffen.

Unglaublich (lacht) ...
Das war für mich 'ne schöne Sache. Aber die Partei, also die Genossen um mich herum, fanden das weniger schön. Ich habe das denen erzählt, und dann hieß es: „Was? Du machst mit denen noch gemeinsame Sache, nachdem die Dich zusammengeschlagen haben?“ Ich war sowieso 'n bissl naiv in solchen Dingen. Ich hab denen auch erzählt, als gesagt wurde, man müsse jetzt mal über seine Vergangenheit sprechen, dass ich mich '45 in Berlin als Zigarettenschieber durchgeschlagen habe. Da habe ich Entsetzen geerntet: „Aber so was sagt man doch nicht!“ (...)


„Ich möchte den Antrag stellen, dass der Genosse Sellhorn aus der Partei ausgeschlossen wird.“


1957 sind Sie aus der SED ausgetreten ...
Austreten konnte man nicht. Laut Statut der Partei konnte die Mitgliedschaft nur beendet werden durch Tod oder Ausschluss. Einen Austritt gab es nicht.

Es gab noch die Streichung, und zumindest theoretisch gab es auch den Austritt.
Theoretisch ja, aber nicht praktisch. Also habe ich mich, nachdem ich mal wieder durch die Mangel gedreht worden bin, 1957 in einer Parteiversammlung zu Wort gemeldet. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich da schon wieder Mitglied war oder immer noch Kandidat ... Wir hatten damals immer unser Parteibuch in so 'nem Lederbrustbeutel um den Hals hängen, ich hab das Buch rausgezogen und gesagt: „Ich möchte einen Antrag stellen.“ - „Ja, Genosse Sellhorn, bitte, was für 'n Antrag möchtest Du stellen?“ Ich sage: „Ich möchte den Antrag stellen, dass der Genosse Sellhorn aus der Partei ausgeschlossen wird. Wer für diesen Antrag ist, den bitte ich um das Heben des Dokuments!“ Und dann hab ich meins hochgehalten. Das hat 'ne suggestive Wirkung gehabt: Die haben alle den Lappen hochgehalten. Dann hab ich das Parteibuch auf 'n Tisch geschmissen, hab gesagt „Tschü-hüss!“ und bin rausgerannt. Anschließend wurde ich zur Kreisleitung Berlin-Mitte bestellt, in das Gebäude in der Friedrichstraße, in dem nach der Wende das Haus der Demokratie war. Da hieß es dann: „Genosse Sellhorn, setz Dich mal hin hier. Du hast Dich ja quasi selbst ausgeschlossen. Also, das geht nicht, das machen wir jetzt mal schön rückgängig.“ Da hab ich gesagt: „Nein, gesagt ist gesagt. Ich bin nicht mehr in der Partei.“ – „Ja, das geht doch nicht!“ – „Das geht“, sag ich, „sieht man doch an mir, dass das geht!“ Da haben die resigniert und gesagt: „Gut, dann nicht.“ Dann war ich weg. (...)

Sie wollten noch erzählen, womit Sie Ihr Geld nach dem Studium verdient haben. Von den Vorträgen über Jazz konnten Sie ja nicht leben ...
Nach dem Studium hätte ich am liebsten im Aufbau-Verlag gearbeitet, weil dort der Cheflektor für philosophische Literatur, was ja mich betroffen hätte, Wolfgang Harich war, einer meiner ehemaligen Dozenten. Harich ist Ihnen ein Begriff, oder? Später war ich übrigens, nachdem meine erste Frau an einer Blinddarmoperation gestorben war, mit seiner Stieftochter verheiratet, und wieder etwas später habe ich mit seiner richtigen Tochter Katharina Harich zusammengelebt. Deswegen hat mich Wolfgang Harich bis an sein Lebensende, wenn wir uns begegneten, immer umarmt, mir 'nen Kuss auf die Wange gegeben und hat mich Leuten als seinen Schwiegersohn vorgestellt, der ich ja im engeren Sinne nicht war.


„Sellhorn? Ist denn der immer noch nicht nach dem Westen abgehauen?“


Durften Sie denn beim Aufbau-Verlag anfangen?
Nein, ich wurde überall abgelehnt. Ich hab dann mein Heil an der Volkshochschule gesucht. Dort war man nicht so streng, und so konnte ich als Dozent arbeiten. Ich hab mich immer wieder hier und da beworben, zum Beispiel beim Johannes-R.-Becher-Archiv, und anfangs war man auch immer sehr interessiert an meiner Mitarbeit. Aber dann wurde an der Uni und bei der Partei nachgefragt, und anschließend erklärte man mir, dass der Job bereits vergeben sei. Eine Kaderleiterin hat mir damals gesteckt, dass sie von der Universität die Auskunft bekommen hatte: „Der Sellhorn? Ist denn der immer noch nicht nach dem Westen abgehauen? Auf keinen Fall einstellen!“ Also, ich galt als „politisch unzuverlässig“, und man wollte, dass ich nach dem Westen gehe. Mir wurde dann von der Kaderleiterin, die mich gut leiden konnte, nahegelegt, weil meine Aufenthaltsgenehmigung für Berlin abgelaufen war, mich entweder als Kulturleiter bei einer MTS (= Maschinen-Traktoren-Station; JV) auf dem Land zu bewerben, „da nimmt man Sie mit Kusshand!“, oder als ungelernter Arbeiter in die Produktion zu gehen. Also bin ich in die Produktion gegangen, weil ich in Berlin bleiben wollte, und hab beim Stern-Radio in Weißensee am Fließband gearbeitet. Immer wenn ein Radioapparat an mir vorbeikam, musste ich das magische Auge anlöten und irgendeine Funktion am Gerät prüfen. Dieses Arbeitsverhältnis scheiterte aber daran, dass ich immer verschlief. Ich habe nie eine richtige Beziehung zum Frühaufstehen gefunden in meinem Leben. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich als Kind in Hamburg, als ich während des Krieges bei meinem Vater lebte, manchmal viermal in der Nacht geweckt wurde und in den Luftschutzkeller musste. Ich hasste es, aufzustehen, wenn ich noch nicht ausgeschlafen war. Das misslang mir später immer wieder. Sonst war ich bei den Kollegen eigentlich ganz beliebt. Aber die haben sich natürlich auch geärgert, dass ich immer erst um zehn kam, statt um sieben. Außerdem bekam ich den Spitznamen „Professor“, weil ich mich in den Pausen, wenn die anderen sich zum Essen zusammengesetzt haben, in irgendeine Ecke verzogen und Bücher gelesen habe. „Ach, der Professor liest wieder“, hieß es. Ich hatte dann mehrere Aussprachen wegen dieser Zuspätkommerei, aber es half alles nichts. Ich hab versucht, mich von 'nem Freund wecken zu lassen, auch das klappte nicht, und schließlich mussten wir 'nen Aufhebungsvertrag machen. (...)

Diese Maßnahme, sich „in der Produktion zu bewähren“, war ja eine Strafmaßnahme. Warum hatten Sie Ihr Studium nicht regulär abgeschlossen?
Das Staatsexamen an der Universität ist mir letztlich nicht anerkannt worden, weil ich die Auflagen nicht erfüllt hatte. Ich hatte die schriftliche Arbeit zu spät abgegeben. In den Prüfungen hatte ich lauter Einsen und Zweien, aber meine Arbeit über die Beziehung zwischen Karl Marx und dem Anarchisten Pierre Joseph Proudhon zog sich etwas hin, weil die Sekundärliteratur auf Französisch war, und ich kein Französisch konnte. Dabei hatte mein alter Klassenlehrer aus Wittenberge, bei dem ich Abitur gemacht hatte, und der inzwischen Professor in Leipzig war, mir extra das wichtigste Buch handschriftlich ins Deutsche übersetzt, er war 'n richtig dufter Kumpel. (...) Jedenfalls habe ich die Arbeit zwei Tage zu spät abgeliefert. Und dann bestellte mich Wolfgang Heise zu sich in sein Zimmer und erklärte mir, dass ich all die Prüfungen im nächsten Jahr noch einmal machen müsste. Zuvor solle ich mich aber ein Jahr lang „in der Produktion bewähren“, wie das damals hieß. Ich kam dann ins KWO (= Kabelwerk Oberspree) in Oberschöneweide, das war schwere körperliche Arbeit. Ich hab da sogar 'ne sozialistische Brigade gegründet und sie „Bertolt Brecht“ genannt. Wir haben Feten zusammen gefeiert und sind gemeinsam ins BE gegangen, was einigen auch Spaß gemacht hat. Aber die meisten haben ihre Eintrittskarten wohl an irgendwelche Spinner im Bekanntenkreis verschenkt. Nach einem Jahr kriegte ich eine sehr gute Beurteilung und das Angebot, im KWO zu bleiben – nicht als Arbeiter, sondern in der Verwaltung. Das wollte ich aber nicht. Ich bin wieder zur Universität gegangen, und dort sagte man mir: „ Wir haben uns die Sache überlegt, zwei Jahre wären besser. Also: noch ein Jahr Produktion!“ Da hab ich gesagt: „Das mach ich nicht!“ Wir haben uns dann auf einen Kompromiss geeinigt: Zwar bekam ich keinen Abschluss und keine Unterstützung von der Universität, aber sie hörten damit auf, allen Chefs davon abzuraten, mich einzustellen. (...) Ich hab mich nie wieder drum gekümmert, die Prüfungen nachzumachen. Ich weiß, dass ich studiert hab – warum soll ich dafür 'nen Stempel haben? Ich bin auch nie wieder in meinem Leben danach gefragt worden.


„Man sagte mir: ‚Wir werden es nicht dulden, dass Sie sich öffentlich für den Jazz einsetzen!’“


Wann haben Sie beschlossen, Ihr Hobby, also die Beschäftigung mit Musik, zum Beruf zu machen?
Das kam erst ganz langsam. Ich würde sagen, das hat sich bei mir Mitte der 60er Jahre herausgestellt, dass ich mit der Musik, dem Veranstalten und Ansagen, meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Erst hab ich beim Eulenspiegel-Verlag als Buchlektor gearbeitet, was mir Spaß machte, wobei ich auch dort Probleme mit dem Frühaufstehen hatte. Und irgendwann hab ich dann öffentliche Jazz-Veranstaltungen organisiert und angesagt, heute würde man sagen: moderiert. Den Leuten gefiel die Mischung, die geboten wurde: Die Karten für ein Konzert im Kabarett in der Friedrichstraße, wo jetzt die „Distel“ drin ist, wurden alle mit Hilfe einer kleinen Zeitungsannonce verkauft, und zwar direkt in meiner Wohnung in der Christburger Straße im dritten Stock, da standen die Anwärter Schlange bis auf den Hof runter. Dann erfuhr ich eines Tages, dass bei einer Konferenz der Berliner FDJ erzählt wurde, dass ein gewisser Werner Sellhorn eine Widerstandsgruppe gegen die DDR leite, die sich mit dem Decknamen „Jazz“ tarne und vom Amerikahaus in West-Berlin finanziert werde. Das stimmte zwar alles nicht, aber solche Gerüchte machten mir das Veranstalten von Konzerten nicht gerade leichter. (...) Ich war damals schon mit Harichs Stieftochter verheiratet und hab mich dann an ihre Großmutter gewandt, die 'ne menschlich dufte Frau war und 'ne stramme Genossin, die in der Weimarer Zeit für Georgi Dimitroff gearbeitet hatte. Und die versprach, sich darum zu kümmern, dass diese Gerüchte verstummten. Sie stellte den Kontakt zu Alexander Abusch her, der damals Minister ohne Geschäftsbereich war, das muss 1962 gewesen sein. Ich wurde daraufhin zu einer Sitzung im Kulturministerium geladen; außer mir nahmen noch der Chef der Abteilung Tanzmusik, wozu auch der Jazz zählte, teil, ein gewisser Dr. Uszkoreit, dessen Adjutant und der persönliche Referent des Ministers Alexander Abusch, ein gewisser Kurt Reppe. Bei dieser Aussprache hat Dr. Uszkoreit das große Wort geführt und mich gefragt: „Wir wissen ja, Herr Sellhorn, dass Sie viele Jazzplatten haben – wo haben Sie die eigentlich alle her?“ Ich konnte ja schlecht sagen, dass ich die in West-Berlin gekauft hatte, also sagte ich: „Die haben mir Freunde aus West-Berlin geschickt!“ Darauf Dr. Uszkoreit: „Na, die werden doch immer beschlagnahmt!“ Ich: „Bei mir sind die nicht beschlagnahmt worden, die sind durchgekommen.“ War natürlich gelogen. Da sagt er: „Wissen Sie, wo diese Platten normalerweise hinkommen?“ – „Nee“, sage ich. „Na, dann kommen Sie mal mit!“ Dann sind wir alle in den Nebenraum gegangen, und er hat mir große Schränke voller beschlagnahmter Platten gezeigt. Ich bin ganz nervös geworden, als ich all die Schätze gesehen habe: „Oh, dieses kanadische Konzert mit Gillespie und Parker, das suche ich ja schon lange.“ Da sagt er: „Dann legen wir das doch mal auf.“ Also haben wir die Platte aufgelegt und angehört, es war wunderbar. Aber irgendwann gingen wir wieder zurück in den anderen Raum, und dann sagte Dr. Uszkoreit: „Wissen Sie, Herr Sellhorn, wir werden es nicht dulden, dass Sie sich öffentlich für den Jazz einsetzen! Wissen Sie, was ein Schlagzeug ist?“ Ich sage: „Klar weiß ich, was 'n Schlagzeug ist!“ – „Nicht das, was Sie meinen! Ich spreche nicht von dem Musikinstrument, sondern von den Arbeiterfäusten. Und dieses natürliche Schlagzeug wird gegen Sie eingesetzt werden!“

Das war ja schon mal gegen Sie eingesetzt worden ...
Ja, aber damals war das nicht organisiert gewesen. Dieser Dr. Uszkoreit drohte mir nun damit, mich zusammenschlagen zu lassen, wenn ich mich weiter für den Jazz einsetzen würde : „Die Arbeiter sind zwar sehr geduldig, aber wir können das ja auch organisieren!“ Das hat er zu mir gesagt. Ich habe geantwortet: „Herr Dr. Uszkoreit, das ist in meinen Ohren Faschismus, was Sie da gesagt haben.“ Er darauf lächelnd: “Wie Sie das nennen, Herr Sellhorn, ist mir völlig egal.“ Der war eiskalt. Und der Dr. Rebbe, der persönliche Sekretär von Abusch, saß immer nur beobachtend dabei. Später hat er aber noch eine Rolle gespielt. Der Dr. Uszkoreit sagte: „Überlegen Sie sich 's! Wollen Sie das Schlagzeug in Funktion treten lassen, oder wollen Sie aufhören mit Ihren Aktivitäten?“ Ich hab gesagt: „Aber ich versuche doch, den Jazz marxistisch zu interpretieren, ich hab Ihnen doch Ausarbeitungen dazu übersandt!“ – „Das ist es ja gerade! Das wollen wir nicht, Sie machen den Jazz unangreifbar, und das ist nicht in unserem Interesse!“ Das war die Situation, in der ich mich befand.

Der Jazz sollte nach wie vor als „Musik vom Klassenfeind“ gelten?
Ja, und in gewisser Weise war er das ja auch. Es gab Veröffentlichungen aus dem Westen dazu. Der Jazz wurde in diesen Schriften zum besten Argument für die Jugend gegen die DDR erklärt.

Es gab allerdings auch im Westen viele Vorbehalte gegenüber dieser Musik, die von der älteren Generation als „Hottentottenmusik“ verunglimpft wurde ...
Ja, aber das kam aus 'ner anderen Ecke.

Das war Borniertheit, Engstirnigkeit und Antiamerikanismus. Das hatte nicht unbedingt immer etwas mit links und rechts zu tun.
So ist es. Aber es gab eben offizielle amerikanische Propagandaschriften, die den Einsatz des Jazz zum besten Mittel erklärten, um das System im Osten aufzuweichen. Jedenfalls endete diese Aussprache, die vielleicht vier Stunden gedauert hatte, damit, dass ich sagte: „Ich beuge mich der Gewalt, nicht der Vernunft.“ – „Okay“, sagte der Dr. Uszkoreit. Also, ich weiß nicht, ob er „okay“ gesagt hat, vermutlich hat er „in Ordnung“ gesagt. So ging man auseinander. Später kam der Dr. Rebbe auf mich zu, gab mir seine Visitenkarte und sagte: „Wenn Sie sich irgendwo bewerben, zeigen Sie meine Karte vor und sagen denen, sie sollen mich anrufen.“ Das hab ich dann auch gemacht. Denn beim Eulenspiegel-Verlag stand ich damals kurz vor dem Rausschmiss, und kurz darauf haben wir 'nen Aufhebungsvertrag gemacht. (...)


Bei Amiga: „Bezahlen können wir Sie nicht, aber Sie machen das doch der Sache wegen!“


Merkwürdigerweise hatte auch Ernst Busch mit Hans-Georg Uszkoreit zu tun, allerdings zehn Jahre früher als Sie - das geht aus den Archivdokumenten über Busch und seine Auseinandersetzungen mit der Kunstkommission hervor. Das war Anfang der 50er Jahre, als es um die Verstaatlichung seines Musikverlags Lied der Zeit ging, damals war Uszkoreit Leiter der Abteilung Musik bei der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten ...
Das wusste ich damals natürlich alles nicht, aber heute fügt sich das für mich ganz logisch zusammen. Im Unterschied zu den Auseinandersetzungen mit Busch gibt es nur leider über meine Aussprache keine schriftlichen Unterlagen. Ich kann das also nicht beweisen, muss deswegen vorsichtig sein, um mir keine Prozesse an den Hals zu laden. Und Herr Reppe, der das Ganze bezeugen könnte, lebt nicht mehr. Übrigens ist mir Uszkoreit später wieder begegnet, und seine Haltung mir gegenüber hatte sich kein bisschen geändert. Ich fing dann bei Volk und Welt an und bekam einen Job als Lektor, nachdem man bei Herrn Reppe angerufen hatte, der ein gutes Wort für mich einlegte. Nach der Zusammenlegung mit dem Verlag Kultur und Fortschritt, das war der Verlag der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, wurde alles 'n bissl umorganisiert, und ich wechselte auf den Posten des Werbeleiters. Und bald wurde der Wunsch laut, irgendwelche Veranstaltungen zu machen, um für die Bücher des Verlags zu werben, und man fragte mich, ob ich 'ne Idee hätte. „Klar“, sage ich, „ich hab 'ne Idee!“ Ich dachte mir: Da kann ich doch Hobby und Beruf zusammenführen. So entstand 1964 die Veranstaltung „Jazz & Lyrik“. Weil das vom Verlag getragen war, konnte man mir die Beschäftigung mit dem Jazz auch nicht ankreiden.

Wie kam es dann zur erneuten Begegnung mit Dr. Uszkoreit?
Ich hab mich ganz gut verstanden mit dem damaligen Chef von Amiga, Wolfgang Kähne. Der besuchte mich zu Beginn der 60er und sagte: „Wir wollen gerne 'ne Jazzplatte rausbringen, aber wir verstehen nicht viel davon. Können Sie die nicht zusammenstellen?“ Ich sage: „Ja, kann ich“, und habe 'ne LP mit Aufnahmen von Ost-Interpreten zusammengestellt, die schon einzeln erschienen waren. Dann hab ich gefragt, wie es mit dem Text für die Rückseite aussieht, worauf mir Wolfgang Kähne sagte: „Das geht leider nicht, Sie wissen ja, dass Dr. Uszkoreit im Kulturministerium damit nicht einverstanden sein wird, wenn Sie das schreiben. Bezahlen können wir Sie übrigens auch nicht, aber Sie machen das doch der Sache wegen!“ – „Ja“, sage ich, „ich mache es der Sache wegen.“ Dann schrieb den Text für die Rückseite dieser ersten offiziellen Jazz-LP der DDR, die auch einfach nur „Jazz“ hieß, ein gewisser Jürgen Elsner. Er ist heute Vorsitzender des Freundeskreises Ernst Busch e.V. - über Kähne, den Amiga-Chef, hat Manfred Krug übrigens mal gesagt: „Kähne ist bloß sein Vorname, mit Nachnahmen heißt er Ahnung.“ (...) Dann kriegte ich 'nen neuen Auftrag: Ich sollte drei Platten mit amerikanischen Aufnahmen zusammenstellen, da hab ich mir viel Gedanken gemacht und habe mich dann entschieden für Louis Armstrong und verschiedene Oldtime-Jazz-Titel, für Duke Ellington und Django Reinhardt und Modern Jazz-Aufnahmen. (...) Ich kriegte in der Zeit riesige Kataloge von Westfirmen auf den Tisch und durfte daraus auswählen, und das wurde dann eingekauft. Das war traumhaft! Diese drei Platten sind dann auch erschienen, und da durfte ich auf einmal auch die Texte dazu schreiben. Als mir das der Kähne steckte, sagte ich: „Was sagt denn mein Intimfeind Uszkoreit dazu?“ – „Ja, wissen Sie das noch nicht? Der ist doch gestürzt, weil irgendwas gegen ihn vorlag.“ – „Ach“, sage ich, „der ist jetzt also richtig runtergekommen?“ – „Nein“, sagt der Kähne, „natürlich nicht, er ist sehr elegant gestürzt, er ist jetzt Rektor der Musikhochschule in Dresden.“ Dort ist er, aber das habe ich nur gerüchteweise gehört, auch wieder gestürzt. (...) Das Schlimme war, dass er anschließend eine leitende Position beim VEB Deutsche Schallplatten bekam ...

...wo Sie ihn wieder getroffen haben ...
So ist es. Als ich mal, das muss in der zweiten Hälfte der 60er Jahre gewesen sein, zu Amiga ging, weil ich Texte abgeben wollte, begegnete ich auf dem Flur Herrn Uszkoreit. Er blieb neben mir stehen, sagte nicht Guten Tag, sondern sagte nur: „Ihre Anwesenheit hier ist jetzt für lange Zeit gewesen!“ Da wusste ich: Es geht nicht mehr. Und ich kriegte auch keine Aufträge mehr. Aber ein, zwei Jahre später, wir sind immer noch in den 60ern, kriegte ich 'nen Anruf vom neuen Amiga-Chef, H.P. Hoffmann, der mich fragte, ob ich für drei Platten die Liner Notes schreiben könnte. Da sage ich: „Und was sagt mein Intimfeind Uszkoreit dazu?“ – „Wissen Sie das denn noch nicht?“, sagt er, „na, kommen Sie mal her.“ Also bin ich hingegangen, habe den Auftrag gekriegt und erfahren, dass Dr. Uszkoreit auf Dienstreise in München gewesen und dort geblieben ist. (...) So konnte ich da wieder als Texter einsteigen, was wichtig für mich war. Denn nach meinem Rausschmiss bei Volk und Welt 1965, diese Geschichte ist ja bekannt (Manfred Krug beschreibt die Solidaritäts-Aktion für Biermann im Vorwort zu Sellhorns DDR-Jazz-Diskografie; JV), habe ich mich recht und schlecht freiberuflich durchgeschlagen. Ich bin mit Bands gereist, habe Ansagen gemacht, habe zum Teil auch Management gemacht und hin und wieder Bücher herausgegeben. In den 70er Jahren habe ich immer mehr Schallplattenvorträge in den Vordergrund gestellt. Die letzten anderthalb Jahrzehnte der DDR-Zeit habe ich hauptsächlich von diesen Vorträgen gelebt, und ich habe gut davon gelebt: Manchmal hatte ich 30 Veranstaltungen in einem Monat, also auch mehrere an einem Tag. Es ging nicht nur um Jazz, auch ausgewählte Rock-Themen waren dabei: Bob Dylan, das Woodstock-Festival und solche Sachen. (...)


„Für mich war Busch die proletarische Ausgabe von Hans Albers.“


Lassen Sie uns über Ernst Busch sprechen: Sie haben vorhin gesagt, dass Sie Busch schon als Schüler in Wittenberge für sich entdeckt haben. Er hat Sie an Hans Albers erinnert ...
Ja, das war mein erster Eindruck, das war noch vor 1950. Ich war Oberschüler in Wittenberge und kaufte mir meine ersten Ernst-Busch-Platten, weil ich diese Lieder interessant fand. „Der singt ja so ähnlich wie Hans Albers!“, hab ich mir gesagt. Aber dann fand ich die Texte auch ganz toll. Die entsprachen ja meiner Weltanschauung: Ich war gerade in die Partei eingetreten, also Kandidat der SED geworden. Und was Busch sang, entsprach genau dieser politischen Motivation. Busch verkörperte den richtig verstandenen Sozialismus! Das war nicht dieser kastrierte Sozialismus, den die hier verbrochen haben.

Wissen Sie noch, wie Sie drauf gekommen sind? Man kauft sich doch nicht einfach 'ne Ernst-Busch-Platte, wenn man nicht weiß, wer das ist. Hatten Sie den bei Freunden gehört, oder hatten Sie den Namen irgendwo gelesen?
Ich bin in den Schallplattenladen in Wittenberge gegangen und hab gefragt: „Was gibt es an neuen Platten?“ Dann hat man mir die gezeigt, und ich hab gesagt: „Busch? Was ist denn das? Kann man das mal auflegen?“ Ich hab mir die Platte angehört und war begeistert: „Das ist gut! Busch kauf ich jetzt immer!“

Wissen Sie noch, was die ersten Lieder waren, die Sie gekauft haben?
Ich glaube, es waren Spanienlieder.

Was hat Ihnen daran gefallen? Das Hans-Albers-hafte?
Ja, dadurch hatte ich als geborener Hamburger 'nen besseren Zugang, das Norddeutsche war mir vertraut. Aber ich mochte auch das Verständliche des Textes, was übrigens auch Hans Albers in gewissem Sinne hat – er ist ja 'n singender Schauspieler und kein Sänger. Bei Busch ist der Text immer genau zu verstehen, anders als bei einem Opernsänger, wo du dasitzt und denkst: „Der singt wunderbar, aber ich versteh' kein Wort.“ Das ist bei Busch völlig anders. Für mich war er die proletarische Ausgabe von Hans Albers.

Ist Hans Albers nicht seine eigene proletarische Ausgabe gewesen?
In gewissem Sinne schon, aber bei Busch gab es ja noch eine zusätzliche proletarisch-revolutionäre Komponente, die Albers natürlich nicht hatte.


„Ernst Busch stand damals auf der Schwarzen Liste.“


Wie ging das weiter? Haben Sie den Busch mühelos unter einen Hut gekriegt mit Ihrer Jazz-Leidenschaft?
Ja. Ich kann mich sogar entsinnen, dass irgendwann mal jemand zu mir sagte, er hätte da 'ne Platte von Ernst Busch, die interessiere ihn gar nicht so sehr, und ob ich die nicht haben wollte. Da hab ich sofort Ja gesagt und hab eine meiner Jazzplatten gegen 'ne Platte von Ernst Busch eingetauscht. Also, der war mindestens gleichwertig und auf einer Ebene für mich! Später hab ich 'ne Reihe von Sendungen für die Jugendredaktion des Berliner Rundfunks gemacht, wo auch eine über Busch dabei war. Frech wie ich war hab ich, der ich ja kein Musikwissenschaftler bin, Sendungen über Mozart, Beethoven und alle möglichen Größen zusammengestellt. Und irgendwann hab ich denen vorgeschlagen, 'ne Ernst-Busch-Sendung zu machen. Da sagte der Redakteur: „Ja, machense mal!“ Dann hab ich 'ne Ernst-Busch-Sendung gemacht, die auch gelaufen ist, worauf der zuständige Redakteur rausgeschmissen wurde. Und ich durfte nie wieder für den Berliner Rundfunk Sendungen machen. Denn Busch stand damals auf der Schwarzen Liste, das muss '58, '59 gewesen sein. (...)

Noch mal zu Ihren musikalischen Vorlieben als Schüler: Was haben Sie im Plattenladen in Wittenberge sonst noch für sich entdeckt? West-Platten gab 's ja nicht ...
Nee, die gab 's nicht. Aber es gab Schlager aller Art. Und natürlich das Alexandrow-Ensemble mit „Kalinka“, das war ungeheuer beliebt in der frühen DDR, hab ich mir natürlich auch gekauft. Schön war auch, wenn der Tenor Nikitin sang: „In einem kühlen Grunde stand meiner Cheimat Chaus“ (lacht). Diese Version von „Im schönsten Wiesengrunde“ war ein Hit damals. Also, man hat sich so ziemlich alles, was neu war, vorspielen lassen. Natürlich war es auch eine Frage des Geldbeutels, aber ich muss sagen: Ich hab mir sehr viele Platten damals gekauft.

Dass da einer über einen Ihnen unbekannten Krieg in Spanien sang, dass da Städtenamen vorkamen, die Sie noch nie gehört hatten, das alles hatte wahrscheinlich einen zusätzlichen Reiz beim Hören von Busch-Platten ...
Das war so! Aber Busch sang ja nicht nur Spanienlieder. Ich hab das immer weiter verfolgt, was er machte, und hab als Student in Berlin auch manchmal für Freunde 'nen Ernst-Busch-Abend bei mir zu Hause gemacht. Da hab ich dann gesagt: „Wenn Ihr denkt, der singt nur Kampflieder, dann hört Euch mal das hier an ...“ Und dann hab ich Beethoven aufgelegt oder ein Lied aus dem Theater. Da waren die alle ganz erstaunt und sagten: „Das is ja 'n Ding! Wir kennen den nur von seinen politischen Liedern.“

War Ihnen eigentlich bewusst, dass Busch der Chef der Schallplattenfirma war, deren Schellacks Sie damals kauften?
Nee, das hab ich erst später geschnallt. Er war ja auch nicht als Chef der Firma ausgewiesen auf den Platten. In meiner Wittenberger Zeit fiel mir höchstens auf, dass der da 'ne große Rolle spielen musste, weil ja viele Titel von ihm zu kaufen waren.

Hat Sie Busch auch als Schauspieler interessiert?
Es gibt keine Aufführung mit ihm im Berliner Ensemble und im Deutschen Theater, die ich nicht gesehen habe. Ich hab ja erzählt, dass ich mit der Stieftochter von Wolfgang Harich verheiratet war. Ihre Mutter war die Isot Kilian, die 'ne führende Stellung im Berliner Ensemble hatte, übrigens auch die letzte Geliebte von Bertolt Brecht war. Und da hab ich für jede Aufführung Freikarten gekriegt und hab alles gesehen, wo Ernst Busch mitspielte. Ins Deutsche Theater bin ich auch gegangen, dort musste ich mir allerdings die Karten selber kaufen. Kennengelernt hab ich Busch aber zuerst durch die Platten, verehrte also erst den Sänger, dann den Schauspieler. Leider hatte ich nie die Gelegenheit, mit ihm persönlich zu sprechen, ich bin ihm nie nahe gekommen. Vielleicht ist das ganz gut, denn er war ja kein bequemer Mensch.


„Das ist 'ne ganz eigene Liga, in der Ernst Busch singt.“



Hatte er 'ne Stimme, von der Sie sagen würden, sie hätte auch getaugt für andere Arten von Musik – vielleicht sogar für was Jazziges?
Nee, das ist 'ne ganz eigene Liga, in der er singt. Es gab noch andere, die auch so was versucht haben, die aber alle nicht so gut waren wie er. In der DDR hat man zum Beispiel einen Sänger gefördert, der so 'n bisschen in Busch-Manier röhrte, aber längst nicht so gut war: Hermann Hähnel. Der hat sich auch nicht durchgesetzt, das war in der Zeit, als Busch keine große Lust mehr hatte, in der DDR als Sänger aufzutreten und sich mehr der Sowjetunion zuwandte. Busch war nicht zu kopieren. Er war in Deutschland genauso einzigartig, wie in den USA ein Pete Seeger.

Wie würden Sie das Besondere beschreiben an seiner Stimme und seiner Art zu singen?
Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht, weil 's mir einfach gefallen hat: sowohl vom Inhalt, als auch von der Art der Gestaltung her ... Besonders gefallen hat mir bei Ernst Busch immer, wenn er ironisch wurde. Mit dieser metallischen Stimme trotzdem noch so 'ne Ironie rauszuholen, dass sich die Nase kräuselt – das ist herrlich!

Haben Sie ein Lieblingslied von Ernst Busch?
Nee, das sind zu viele. „Erinnerung an die Marie A.“ ist auf jeden Fall unter den Top Five.

Sie haben gesagt, dass Sie als Student in Berlin manchmal Ernst-Busch-Abende für Freunde gemacht haben. Wie war das in Wittenberge um 1950? Hörte man in Ihrem Freundeskreis Buschplatten, oder waren Sie mit ihrer Entdeckung allein auf weiter Flur?
Ich weiß es nicht ... So richtig beliebt war er nicht. Ich glaube, meinem Freundeskreis konnte ich so was nicht vorspielen. Das hab ich für mich allein gehört. In Berlin war das 'n bisschen anders, aber auch hier hieß es immer zuerst, wenn ich sagte „Soll ich mal was von Ernst Busch auflegen?“, „Och, nee, lass mal ...“ Weil die alle nur ein- und dieselben Lieder kannten, die überall gespielt wurden, wenn Ernst Busch gespielt wurde, „Vorwärts, und nicht vergessen!“ und so. Aber wenn man dann sagte: „Nee, nee, ich hab hier was ganz anderes“, dann konnte man die Leute auch dafür begeistern. (...)

Was war das für ein Publikum, das Busch gehört hat, zu Beginn der 50er Jahre? War man in der SED als Busch-Hörer? Oder hatte das damit nichts zu tun?
Das hatte zwar miteinander zu tun, war aber keine zwingende Kombination. Linientreue SED-Leute hätten ebensogut hören können: „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!“ Das hat Busch ja nicht gesungen. Aber diese Leute, ich gehörte ja auch zuerst dazu, mochten den Busch. Die waren dann natürlich ganz erstaunt, wenn man ihnen sagte: „Moment! Zwischen Busch und der DDR gibt es ganz schöne Auseinandersetzungen!“ Busch wurde in dieser Zeit auch von kritischen Leuten, von zurückhaltenden Intellektuellen, geschätzt. Das war das Besondere.

Der Kern der Busch-Fans um 1950 bestand aus ...
... progressiven Intellektuellen, würde ich sagen. Da waren auch Leute darunter, die Busch noch kannten von den Demonstrationen der Weimarer Zeit. Da war ja Busch abgespielt und gesungen worden. Damals war Busch ein echter Star gewesen. Das war er dann in der Zeit um 1950 auch für mich, aber für die Allgemeinheit war er das nicht mehr. Leute, die viel ins Theater gingen und so, die waren fasziniert von ihm. Aber die Arbeiter hat Busch im großen Stil nicht mehr begeistern können. Die haben lieber „Tschiu, tschiu, tschiu, tschiu, tscho / Käse gibt es im HO“ gesungen. Das war 'ne Verballhornung eines amerikanischen Schlagers. Solche Sachen waren sehr beliebt. Wir haben damals auch gesungen „Stell dir vor, wir hätten nichts zu rauchen / Stell dir vor, wie schlimm das wär'“, das war eigentlich „Sentimental Journey“. Diese Swing-Stücke setzten sich sozusagen auf dem Umweg der Parodie durch, Sie kennen ja wahrscheinlich den „Kötzschenbroda-Expreß“ von Peter Rebhuhn und Bully Buhlan, das war im Original der „Chattanooga Choo Choo“ von Glenn Miller. (...)


„Dahinten stehen die ganzen Aurora-Platten. Ich war Ernst-Busch-mad!“


Haben Sie sich auch noch in den 60er Jahren für Busch interessiert, als er wieder anfing, Schallplatten zu machen?
Ich hab alles von Busch gekauft. Es gibt keine Platte, die ich nicht habe. Dahinten (zeigt in eine Ecke des Zimmers) stehen die ganzen kleinen Aurora-Platten. Ich war Ernst-Busch-mad!

Auch wenn er so gar nicht swingt ...
Nein, nein, das hat mit Jazz nichts zu tun, das ist schon klar. Das ist nicht vergleichbar, auch wenn zum Beispiel Louis Armstrong und Ernst Busch beide den „Mackie Messer“ gesungen haben, jeder auf seine ganz eigene Weise. Man kann Armstrong und Busch zur gleichen Zeit lieben, das ist bei mir so, und das war in den 50er Jahren bei einer ganzen Reihe von Leuten so. Aber ich mag zum Beispiel auch Georg Kreisler sehr gerne, von dem hab ich an die 30 CDs. Ich bin nicht so auf Jazz festgelegt, wie Sie vielleicht denken.

Bei Ihnen kommt noch das Interesse an Sprache und Musik dazu, was man ja an Ihren „Lyrik–Jazz –Prosa“-Veranstaltungen sieht ... Hatten Sie, was die Texte bei Busch betrifft, irgendwann in den 60er Jahren das Gefühl, dass da etwas fehlt, dass dem Busch die Texter ausgegangen waren?
Da ist schon was dran. Er hat ja selbst immer an den Texten gefummelt, nicht unbedingt immer genial, aber er hat sie singbar für sich gemacht. Später gab es auch schwächere Texte, aber seine großen Autoren waren eben einfach nicht mehr da. (...) Busch hat auch gerne, schon in den 40er Jahren, amerikanische Melodien genommen und neue Texte drauf gemacht oder machen lassen. Dafür hat er allerhand Prügel bezogen. Er ist mal mit Eisler im alten Friedrichsstadtpalast aufgetreten, worauf es harte Kritiken gab. Da hieß es, er würde amerikanische Musik verbreiten und so weiter. (...)

Sie haben 1968 ein Buch mit dem Titel „Protestsongs“ herausgebracht, in dem auch Ernst Busch mit einem Lied gegen den Vietnamkrieg vertreten ist. In der Vorbemerkung widmeten Sie das Buch auch den Mitgliedern des Berliner Oktoberklubs, die damals sozusagen die Speerspitze der FDJ-Singebewegung waren. Hat Busch für die Singebewegung noch eine Rolle gespielt?
Teilweise schon, aber Busch war ja in den späten 60ern schon ein alter Mann, sodass es da wenig direkte Einflüsse gab. Ich erinnere mich auch an Unstimmigkeiten. Als die FDJ im März 1967 eine ziemlich staatskonforme Veranstaltung unter dem Titel „Kommt und singt!“ in der Volksbühne machte, wurde ich von Ordnern daran gehindert, den Saal zu betreten. Ich hatte sozusagen Hausverbot und war überhaupt unerwünscht, weil ich als Veranstalter von „Jazz und Folksongs“ aufgefallen war. Jedenfalls erzählte mir dann einer der FDJ-Leute, dass Ernst Busch eigentlich auch für diesen Abend eingeladen gewesen wäre, dann aber sein Kommen abgesagt hätte. Das fand ich natürlich gut damals. (...) Für die Singebewegung war vor allem Pete Seeger ein großes Vorbild. Der wiederum war Busch-Fan. Ich erinnere mich an ein Konzert von Seeger, das 1967 in der Volksbühne stattfand. Im Publikum war auch Ernst Busch. Ihm zu Ehren sang Pete Seeger „Die Moorsoldaten“ und sagte dann zur Ehrenloge hinauf: „Ernst Busch, das ist der weltweit größte Sänger des 20. Jahrhunderts!“

Das hat er gesagt?
Ja, er hat Busch sehr verehrt. Busch war für Seeger sozusagen das Original, an dem man sich zu orientieren hatte. Aber für die jungen Leute in der DDR der späten 60er Jahre war das Original schon zu weit weg. (...)




Interview: Jochen Voit
Foto: Renée Yvel
(Textfassung autorisiert von Werner „Josh“ Sellhorn am 22. 7. 2008)





Letztes Update 27.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

"Das singende Herz der Arbeiterklasse"
Erinnerungsorte revisited



Statistik:
online:  4
heute:  112
gestern:  178
gesamt:  685173
seit November 2005