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Karl Siebig

über den Versuch, klassenorientierte Filme zu drehen, die Bedeutung proletarischer Kultur im Westen und seine Beschäftigung mit Ernst Busch



"Manches damals hatte ja fast religiösen Charakter: unsere Vorstellungen von Revolution und diesem ganzen Krams, wozu eben diese Lieder so wie Kirchenlieder gehörten - mein Gott ..."
(Gespräch am 19. April 2004 in Kiel)



Wir sitzen im Arbeitszimmer des Filmemachers unterm Dach. Ich denke, dass es bestimmt komisch für ihn ist, selbst interviewt zu werden, wo er doch der Fachmann fürs Dokumentarische ist: Normalerweise stellt er die Fragen und versucht, die Biografien anderer Leute zu rekonstruieren. Ich zeige ihm eines der Fotos, die man mir im Archiv der Kieler Nachrichten fotokopiert hat. Auf dem Bild sieht man Siebig als jungen Mann gemeinsam mit seinen Kollegen aus der DFFB mit Busch beim Interview - irgendwo in Berlin auf der Straße.

Dreharbeiten zu VERGESST ES NIE, WIE ES BEGANN (West-Berlin 1978)
(Ernst Busch, Karl Siebig, Klaus Volkenborn, Johann Feindt; Foto: Heide Breitel)


JV: Wissen Sie noch, wo und wann das war?
Karl Siebig: Das waren die Dreharbeiten zu dem zweiten Film, den wir für das ZDF gemacht hatten. Und ich weiß, dass ich an dem Tag 40 Grad Fieber hatte und mich kaum auf den Beinen halten konnte. Und das war da, wo Piscator seine Bühne hatte ...

... am Nollendorfplatz?
... in der Nähe des Nollendorfplatzes, da haben wir gedreht. Das kann allerdings auch gewesen sein, da wo der Knast ist in Berlin ...

Moabit?
Ja, es kann auch in Moabit gewesen sein. Und wo waren wir noch? In der Knesebeckstraße, so irgendwie in dieser Ecke.

Also im Westen haben Sie auch gedreht ...
Ja, das haben wir.

War das schwierig, Genehmigungen zu kriegen?
Im Westen zu drehen? (lacht)

Ich meine: Konnte Busch überall hin?
Ja, für den war das überhaupt kein Problem.

Und im Osten zu drehen?
Im Osten zu drehen war schwierig für uns, klar. Aber es war nicht nur schwierig im Osten zu drehen, es war auch schwierig, mit Busch zu drehen. Also bei dem zweiten Film war es richtig kompliziert, weil er da schon ziemlich krank war. Und wenn ich heute in der Situation wäre, in der ich damals war, 1978 war das, dann würde ich wahrscheinlich sagen: Komm, wir brechen ab und machen nicht weiter. Damals dachte ich: Das geht noch. Er war schon so krank... Ich weiß noch, dass wir einen Tag lang das gedreht haben, was wir später Lexikon nannten. Das heißt: Er musste, und das war wirklich makaber, Sätze sagen, aus denen wir eigentlich nur einzelne Worte brauchten. Wir brauchten ein "und" oder ein "aber" oder "ich bin" oder "ich habe" oder so etwas. Weil er nur noch ganz unvollständige Sätze gesprochen hat, die waren kaum mehr verwendbar.

Sie brauchten nur den Klang seiner Stimme als Material?
Wir brauchten vor allen Dingen diese Wörter, die fehlten. Es gab Wörter, die fehlten in seinen Sätzen, die waren einfach nicht da.

Die haben Sie ihm dann aufgeschrieben oder vorgesprochen?
Ich weiß nicht mehr genau, wie wir’s gemacht haben. Jedenfalls, das war ziemlich makaber, und eigentlich darf man so was gar nicht machen ... Ich glaube, er hat’s nicht mal mehr gemerkt. Der war wirklich furchtbar krank und ist ja auch kurz darauf in die Klinik gekommen. Ja, das war nicht sehr nett. Ein Kieler Journalist (Siebig spricht das J wie in Jokus) hat, ich glaube: das war anlässlich unserer Geburtstagsgeschichte, die wir vor vier Jahren gemacht haben, also im Jahre 2000, hatte der geschrieben, dass wir nicht mal bekannt gemacht hätten, dass diese böse Staatsführung der DDR Busch in eine psychatrische Anstalt gesteckt hätte wegen seiner Aufsässigkeit. Das ist natürlich vollkommener Blödsinn.

Weil er einfach krank war?
Ja, er war krank. Aber da kann man auch sehen, wie aus irgendwelchen aufgeschnappten Sachen sogenannte Journalisten etwas machen, das aber vollkommen daneben ist.

Da stand der Satz drin, dass er angeblich singend mit der Gitarre um den Hals durch Berlin gelaufen wäre und auf die Kommunisten geschimpft hätte oder so was. Wie kommt so was zustande? War er in der Zeit aggressiv gegenüber ...
In welcher Zeit? Von welcher Zeit reden wir?

Von den späten 70er Jahren. Dass er damals sozusagen unangenehm aufgefallen wäre in der Öffentlichkeit?
In der Öffentlichkeit weiß ich nicht. Er hat mir jedenfalls, ich glaube: bestimmt 20 mal erzählt eine Situation, wo er aufgetreten ist. Ich meine auch, das Fernsehen der DDR hätte das irgendwie mal übertragen, oder zumindest einen Bericht darüber gemacht, wo er das „Lied vom Klassenfeind“ vorgetragen hat. Das muss also in 76, 77, 78 gewesen sein.

Bei der Einweihung der Akademie der Künste vielleicht ...
Mag sein, mag sein. In der ersten Reihe saß dann also die DDR-Staatsführung, natürlich Honecker ganz vorne. Und Busch (lacht) hat also ewig erzählt, dass immer wenn er die Zeile sang „Mein Klassenfeind bist du“, wie er dann Erich Honecker immer in die Augen gesehen hat oder mit dem Zeigefinger auf ihn gezeigt hat. Also, ich hab keine Ahnung, ob’s stimmt. Ich glaube, dass bei vielen dieser Geschichten, und davon hat er immer 'nen ganzen Sack parat gehabt, sich etwas verdichtet hat - wir sprachen vorhin im Auto über Eva Kemlein und mangelndes Erinnerungsvermögen – zu etwas, was er vielleicht gern gewollt hätte, sozusagen zur Tatsache geworden ist im Gedächtnis. Ich glaube, das ist auch bei ihm so gewesen. Außerdem ist er zeit seines Lebens Schauspieler gewesen, und als Schauspieler spielt man eine Rolle, und die hat er gespielt.

Hat er gern den wilden Mann dargestellt oder den Unruhestifter?
Sicher nicht den wilden Mann, vielleicht den Unruhestifter, aber wirklich im positiven Sinn. Jemand, der nicht einfach „Ja“ sagt. Obwohl in dieser Zeit, von der wir gerade reden, also 76, 77, 78 ... Ich weiß gar nicht mehr, wann war diese Biermann-Geschichte? Das war 76 glaub ich ...

Ja.
Da hat er ja im Neuen Deutschland ganz oben, als einer der ersten eine Stellungnahme, übrigens auch ein Zitat aus dem Brechtschen „Klassenfeind“, reingesetzt oder unterschrieben oder so etwas. Er hat mir damals auch eine - ich krieg das heut auch gar nicht mehr zusammen, darf das also gar nicht erzählen - verworrene Geschichte über seine Bekanntschaft mit Biermann erzählt, der wohl irgendwann mal in früheren Jahren häufiger bei Busch war und Busch ihm wohl immer irgendwie mit Misstrauen begegnet war. Ich will das mal ganz vorsichtig sagen. Ich erinnere das nicht mehr genau.

Sehr geschätzt hat er ihn wohl nicht ...
Kann ich nicht sagen. Also, ich kann’s wirklich nicht sagen. Das, was er mir gesagt hat, das war nach der Geschichte mit der Veröffentlichung nach der Ausweisung Biermanns, das klang natürlich alles andere als freundlich gegenüber Biermann.

Das liest sich im Nachhinein ein bisschen so, als hätte er jemandem, der gerade ausgebürgert wurde, noch einen mitgegeben ...
Kann sein. Ich bin da auch nicht sehr eindeutig. Ich weiß nicht, was politische Überlegung oder individuelles Misstrauen oder Verachtung in dieser Geschichte gewesen ist. Ich glaube aber, dass Busch jemand war, der eine politische Hierarchie hatte. Und dass Dinge und sicherlich auch Bekanntschaften oder Beziehungen, die für ihn weniger wichtig waren als gewisse politische Ziele, dass er die dann auch so leicht öffentlich gemacht hat, wie er es eben in diesem Fall getan hat.

Können Sie noch mal schildern, wie es dazu kam, dass Sie die Filme gemacht haben? Sie sind ja damals von Kiel nach Berlin gegangen, um dort Film zu studieren und haben als erstes Projekt 1976 diesen Busch-Film gemacht ...
Ich wollte eben keinen Film über Busch machen, sondern ich wollte einen Film über den Busch-Chor machen, der Mitte der 70er Jahre in Kiel gegründet worden war. Und meine Frage, die ich filmisch stellen wollte, war: Wie kommen junge Leute dazu, die waren damals 20, 25 Jahre alt, wie kommen solche Leute dazu, Lieder zu singen, die uralt sind? Die 50, 60, 70 Jahre alt sind und mit denen man eigentlich so ohne weiteres nichts zu tun hat, die aus einer Zeit stammen, mit der man eigentlich nichts zu tun hat. Wo viele von ihrem Herkommen her, sozusagen mit ihrer Klassenzugehörigkeit eigentlich nicht so wahnsinnig viel zu tun hatten mit dem, was sie da gesungen haben. Wie ist das eigentlich alles möglich? Das war sozusagen die große Frage, die mich bewog, zu dem Chor zu gehen und zu sagen: Kinners, ich möchte gern einen Film mit Euch machen! Und dann erzählten die mir, wie sie zu dem Namen „Ernst Busch“ gekommen sind. Nämlich indem sie nach Berlin gefahren sind und Ernst Busch höchstpersönlich gefragt haben: Dürfen wir deinen oder ihren Namen haben? Bei Busch gab’s übrigens nicht so ohne weiteres ein Du, auch unter Gleichgesinnten blieb es beim Sie. Auch Busch und Brecht übrigens haben sich soweit ich weiß immer nur gesiezt.

Hat er Sie auch gesiezt, der Busch?
Manchmal ja, manchmal nein. Und dann erzählten mir die Chor-Leute, dass sie eben von Busch die Genehmigung eingeholt hatten. Und da hab ich, das muss ich eben zu meiner Schande gestehen, überhaupt erst erfahren, dass der Busch noch lebt. Für mich lebte er längst nicht mehr. Für mich war das eine proletarische Legende, die ganz weit weg war. Legenden pflegen eben nicht zu leben. Spanischer Bürgerkrieg! Oder die Lieder des Spanischen Bürgerkrieges, die wir an den Lagerfeuern sozusagen grölten (lacht) ... Das war so weit weg ...

Sie haben also diese Lieder früher selber gesungen?
(versonnen) Ja, wir haben hin und wieder, da und dort (lacht) das ein oder andere ... gesungen würd ich nicht sagen, gebölkt, ja.

Weil Sie Kieler sind und wussten, der ist auch von hier oder weil die Lieder ...
Also, diese Beziehung: Busch und Kiel, die war mir so was von gleichgültig.

Wie kamen Sie denn in Kontakt mit diesen Liedern?
Das war eher, weil ich mich in einem politischen Umfeld bewegte, in dem man sowas sang.

In Ihrem Freundeskreis hörte man Busch-Platten?
Ja. Also, ich war jahrelang bei den Jungsozialisten, bei dieser Jugendorganisation der SPD, die zu der Zeit (lacht), als ich dazu stieß, natürlich über bewaffneten Kampf und solche Mätzchen redete. Also, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Also, das war nicht etwa so, dass es – so wie heute – darum ging Plakate zu kleben oder irgend so’n Kram. Da ging’s also wirklich um gewaltige Fragen der Veränderung. Dachten wir!

Wann war das?
Das war schon Ende der 60er. Da bin ich damit in Berührung gekommen, und das war auch alles so in Ordnung. Da wurden natürlich Busch-Lieder gesungen. Weil alles, was über 30 war oder so, war für uns vom Lebensalter her nicht mehr maßgebend. Alles, was die redeten, war Quatsch. Wir standen quasi kurz vor der Revolution. Es mussten nur noch ’n paar kleine Anstöße gegeben werden. Also war die Frage natürlich durchaus nahe liegend, wie man sich bewaffnet und solche Sachen, klar. Und welche Lieder man hatte. Es gab ja keine anderen als die, die von diesem Sänger Busch sozusagen zur Verfügung gestellt worden sind.

Wie wurden die kombiniert, mit welchen anderen Liedern? Mit angloamerikanischen Sachen wahrscheinlich ...
Also, „We Shall Overcome“ wurde, glaube ich, nur im Bündnis mit irgendwelchen Christen gesungen. Aber (lacht) sonst nicht ...

Es war doch sicher nicht nur Busch, oder? War das so eine Mischung, wie man sich das heute vorstellt: Busch und die Stones?
(lacht) Merkwürdig, ja. Also, ich hab da eigentlich nie so richtig drüber nachgedacht. Also, Busch war nicht die Musik, die wir gerne hörten. Es kam auf die Texte an. Aber natürlich waren die Stones tausendmal interessanter. Logisch. Klar. Wenn man in einem Alter ist, in dem man ja nicht nur sich zu orientieren versucht in der Welt, sondern sich auch hinsichtlich des anderen Geschlechts zu orientieren versucht, ist natürlich das, was er aus Spanien singend zu berichten hatte, eigentlich nicht so ganz das (lacht), was man sich erträumt.

Frauen sind mit dieser Musik wohl auch schwer zu gewinnen ...
Keine Ahnung, weiß ich nicht. Kann mich überhaupt nicht entsinnen, dass wir mit Frauen da mal ..., na ja ...

Aber Busch war jedenfalls präsent, zuerst vor allem offenbar durch die Lieder ...
Ja, nur. Ausschließlich durch die Lieder. Der Schauspieler Busch und auch der Kabarettist Busch, der schon gar nicht, waren nicht präsent. Das betrifft jedenfalls das Umfeld, in dem ich war. Bei mir war das dann relativ schnell ein bisschen anders, weil ich mich mit bestimmten Sachen beschäftigte und dann wusste, dass er ein wichtiger Schauspieler war, das war für mich zunächst alles nur Vergangenheit.

Haben Sie dann auch Filme geguckt von ihm?
Ja, ja. Also, „Kuhle Wampe“ war natürlich sozusagen der Film, aus dem man eigentlich alles lernen konnte, was man lernen musste, wenn man sozusagen klassenorientierte Filme machen wollte, natürlich.

War das Ihre Vorstellung: klassenorientierte Filme zu machen?
Es gab ja nichts anderes. Die Idee war: Alles, was man macht, muss politisch irgendwie sinnvoll sein. Und politisch sinnvoll ist nur das, was die Welt verändert und zwar mächtig verändert, möglichst revolutionär verändert, natürlich. Das war das Ding damals, oder mein Ding jedenfalls.

Haben Sie selbst einen proletarischen Hintergrund?
Ja.

Daher war Ihnen Klassenbewusstsein ...
... das war mir nicht fremd. Das musste ich mir nicht anlesen oder so.

Wie war dann die Begegnung mit Busch selbst?
Ich habe das, glaube ich, in diesem Büchlein da auch mal aufgeschrieben („Ich geh mit dem Jahrhundert mit“ bei Rowohlt, JV). Es war irgendwie, jedenfalls im Nachhinein, ziemlich merkwürdig. Ein bisschen lustig, aber auch ein bisschen merkwürdig. Ich glaube: viel merkwürdiger als lustig. Dass er eben da draußen war und ich überhaupt keine Vorstellung hatte, wie dieser Mensch eigentlich aussieht. Weil er für mich ja eigentlich nicht mehr unter den Lebenden war. Und ich glaube, ich hatte telefoniert vorher.

Er lebte damals in Pankow in der Leonard-Frank-Straße ...
Genau, hinter dem Garten war der Friedhof. Auf die Mauer ist er auch gerne gestiegen, da habe ich auch ’n paar Fotos gemacht, wie er da auf irgend so 'ne Leiter gestiegen ist und über die Mauer zum Friedhof rübergeguckt und gesagt hat: Da werd ich irgendwann mal liegen ... Der war vor dem Haus und hat Laub zusammengekehrt oder irgend so’n Quatsch gemacht. Und ich hatte überhaupt keine Vorstellung, wie der aussah. Vermutlich hab ich den zuerst für so ’ne Art Gärtner gehalten und hab dann gefragt, wo ein gewisser Ernst Busch wohnt. Und dann hat er gesagt: Ja, da müssense da rein gehen. Dann hab ich geklingelt, und seine Frau hat aufgemacht. Und er ist dann irgendwie außenrum und von der Hintertür, weiß der Teufel, jedenfalls kam eben der Nämliche mir dann in der Wohnung auch selbst entgegen. War superfreundlich, weil er eben wusste, ich komm aus Kiel. Und das war der eigentliche Schlüssel: Da kommt jemand aus seiner geliebten Heimatstadt. Ich glaube, dass er zeit seines Lebens ... ja schlicht Heimweh hatte. Er liebte diese Stadt. Und wenn er Berlin, Ost-Berlin zu DDR-Zeiten, verlassen hat und dann nach Hiddensee gefahren ist ...

Hat er versucht, auf Hiddensee ein Stück Kiel wieder zu finden?
Ich glaube, ja, Das war ziemlich wichtig für ihn. Ich glaube, dass er wirklich gelitten hat. Dass er nicht jeden Tag und wann immer er wollte sagen kann: Okay, ich geh hier mal eben an die Hörn oder so etwas.

Eine Zeit lang hat er wohl ja versucht Kontakt zu halten zur Stadt. Er hatte zum Beispiel auch Geld hier auf der Sparkasse. Und früher gab es ja auch Verwandtschaft. Sind seine Geschwister Erna und Willi eigentlich schon lange tot?

Der Willi ist, glaub ich, schon ewig tot. Die Erna hab ich Mitte der 70er Jahre einmal kurz gesehen. (...) Ich hab mich aber dann nicht weiter um die Verwandtschaft gekümmert, weil offenbar deren Kinder auch kein wirkliches Interesse an dem hatten, was Busch eigentlich ausmacht.

Ihr eigenes Interesse an Busch scheint jedenfalls groß gewesen zu sein. Nach Ihrem ersten Film über Busch kam rasch der zweite ...
Nee. Nee, nee. Das wollte ich gar nicht. Ich dachte nach dem ersten Film, hab das übrigens immer gedacht bei Sachen, die ich gemacht habe: Jetzt ist Feierabend. Man darf auch nicht zu viel darüber machen, muss sich auch wieder anderen Dingen zuwenden. Aber dann kommen immer Leute und sagen: Sag mal, kannst du nich' für uns ..., damals war es das ZDF, kannst du nicht für uns was machen? Wir würden das auch gerne haben. Und deswegen ging das dann weiter. Ich würd’s heute nicht mehr machen.

Keinen zweiten Film über Busch? Warum?
Erstens wegen dieser schrecklichen gesundheitlichen Situation und zweitens weil ich wirklich glaube, dass man sich so einem „Gegenstand“ nur einmal wirklich nähern sollte und dann wieder weggehen. Man hat, wenn man viel über einen Protagonisten weiß, keine richtigen Fragen mehr. Auch das, was da so aufgeschrieben ist, das hätte ich besser gelassen.

Warum?
Aus dem gleichen Grund. Ich glaube nicht, dass es gut ist.

Ist Ihnen das Buch unangenehm?
Ja. Es gibt manche Sachen, die mir darin unangenehm sind.

Weil Sie zu sehr seinem Charme verfallen sind?
(ungläubig) Charme?

Oder was auch immer ...
Busch und Charme? (lacht) Nee, das passt nicht!

Gut, seiner Ausstrahlung oder ...
(lacht) Nein, nein. Ich will mal andersherum sagen: Irene Busch, seine Frau, hatte ja immer ein sehr wachsames Auge auf ihn - jedenfalls solange ich mit ihm zu tun hatte. Und ich wage fast zu sagen, dass wir ein bisschen befreundet waren, weil sie auch, als er dann längst in der Klinik war und sie krank wurde, immer wenn da irgendwas war, nach mir gerufen hat, also auch die Probleme mit dem Sohn mit mir besprochen hat. Sie hat immer gemeint, dass Busch zu mir ein besonders gutes Verhältnis gehabt hätte. Sie hat sich immer gewundert darüber, wie bereitwillig er Auskunft gegeben hat, das hätte er sonst nie getan. Ich fand, dass seine Auskünfte entweder ziemlich ich-bezogen waren: „Ich habe ...“ - und alle andern haben sozusagen nachgemacht, das heißt: eigentlich sind sie nicht so rasend glaubwürdig, fand ich immer. Und das sind Dinge, die mich immer gestört haben. Auch als ich ganz bescheiden mit diesen Schreibereien angefangen habe ... auch völlig ungeübt und ohne die geringste Ahnung, wie man so was macht. Ist ja auch nicht auf meinem Mist gewachsen. Auch da hat jemand gesagt: Schreib das doch auf, wir verlegen das!

Sie sprechen vom Rowohlt-Verlag?
Ja, ich kannte über die Akademie jemanden, der da irgendwelche Verbindungen hatte, der sagte: Mensch, du hast da 'nen feinen Film gemacht, schreib das mal alles auf, das ist ja alles wunderbar und so. Im Westen gebe es so was nicht, ich solle das mal machen. So, dann habe ich das eben gemacht und das ist ... ich weiß gar nicht, wann war das eigentlich?

Das war 1980.
80, na, guck das ist ja auch fast 25 Jahre her, auch schon ’ne Ewigkeit.

Aber das Buch ist doch ’ne runde Sache geworden.
Ja, na ja. Ich würde so was heute nicht mehr machen. Ganz schlicht. In der Form schon gar nicht.

Nun ist es ja bemerkenswert, dass da jemand aus dem Westen kam, einen Film über Busch machte und damit auch im Osten offenbar wieder ein neues Interesse an diesem Künstler weckte.
Wir waren ja im gleichen Jahr, also noch 76 oder 77, in Leipzig auf der Dok-Filmwoche, Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche hieß das, die ja wirklich ein bedeutendes Dokumentarfilm-Festival war, also weltweit würde ich mal sagen, wo wir auch gerne hingegangen sind mit unserm Film, die wir politisch ja immer ’n bisschen was bewegen wollten. Da merkte ich, der Film wurde dazu eingeladen, aber es wurde mir gleich gesagt: Der läuft so irgendwie nebenher, wir wollen da keine große Geschichte draus machen. Da dachte ich: Komisch, nich, ich war ganz unbefangen zu der Zeit, das ist ja irgendwie sehr merkwürdig. Und hinterher war’s eigentlich noch viel schlimmer: Es gab nicht ein einziges Interview mit dem DDR-Rundfunk; es gab nichts mit dem DDR-Fernsehen, obwohl die sonst hinter jedem Pups hergelaufen sind, der aus’m Westen gelassen wurde – Hauptsache, er lief in Leipzig. Und nun ausgerechnet mit jemandem, der als Ikone in der DDR nun wirklich ’nen Namen hatte und nach dieser Figur, weiß der Deubel, irgendwelche Schulen oder Regimenter oder irgend so’n Krams benannt worden sind ... Aber es war nichts! Es war einfach nichts. So, und dann kam Konrad Wolf irgendwann zu mir und sagte: Also, hör zu, so und so is das. Es kann eigentlich nicht sein, dass irgend so’n Knabe, völlig unbekanntes Wesen aus’m Westen, kommt und unsern Busch da porträtiert.

Aber das hat er nicht so gesagt, oder?
So ähnlich, doch. Also, er meinte es natürlich positiv, er war superfreundlich und hat das nicht anklagend gesagt, sondern als Erklärung, weshalb diese offiziellen Leute so merkwürdig mit dieser Tatsache umgegangen sind.

Wollte er sich da auch schon filmisch mit dem Thema beschäftigen?
Nee, nee, aber das kam dann ja kurz darauf. Und ich bin dann ja auch in dieses Redaktionsteam mitgekommen, obwohl offiziell auch nie. Ich glaube, mein Name taucht auch nirgendwo auf. Aber er hatte da so ’ne Gruppe gegründet, und die saß dann irgendwo, das war auch ziemlich merkwürdig, in einer ganz maroden Wohngegend in Ost-Berlin. Da saßen aber zum Teil wirklich gute Leute. Also, der Peter Voigt zum Beispiel, den ich super finde, den ich sehr schätze, ganz hervorragender Kollege, der, ich glaube, den ersten Film oder zwei dieser Filme von Konrad Wolf gemacht hat.

Er hat auch einen Film zum 100. Geburtstag von Busch gemacht, der 2000 im Fernsehen lief.
Ah ja, kenn ich gar nicht.

Waren Sie regelmäßig bei diesen Redaktionstreffen dabei?
Regelmäßig nicht, vier-, fünfmal vielleicht.

Fanden Sie den Ansatz gut, der da verfolgt wurde? Also Geschichte darzustellen anhand der Busch-Lieder?
Das fand ich phänomenal. Ich fand die Lieder nämlich nicht so bedeutend. Und dass dann jemand wie Konrad Wolf hergeht und sagt: Das ist für uns der Ausgangspunkt und danach wollen wir diese Filme machen – das fand ich schon grandios. Das hätt ich mich nie im Leben getraut!

Und haben Ihnen die Filme dann gefallen?
Nee, nicht alle. Ich erinnere, ich glaube, den ersten, den Peter Voigt gemacht hat. Weil das so eine Form von Montage war, so eine Collagenform war, die mir sehr imponiert hat. Die fand ich sowohl filmisch als auch intellektuell ziemlich gut. Ich fand diese Dinge da aus Spanien, die fand ich einfach langweilig.

Die Szene mit dem Mann, der auf dem Hügel steht und dem eine Platte vorgespielt wird ...
Ich kann mich so rasend genau jetzt nicht erinnern. Ich weiß nur: Ich fand’s damals ziemlich langweilig.

Haben die denn auch Material von Ihnen verwendet, was Sie vorher schon gedreht hatten?
Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nur eins, nämlich dass Konrad Wolf in irgendeinem dieser Filme mit diesem kleinen Rowohlt-Büchlein auftaucht. Ich weiß nicht, ob das überhaupt noch drin ist. Jedenfalls gab’s das in der Fassung, die dann in Leipzig irgendwann lief, also bei der Uraufführung oder so. Oder in der Akademie der Künste, ich weiß gar nicht mehr, wo das war. Und hat mit diesem kleinen Büchlein vor der Kamera gestanden und hat daraus irgendwas zitiert. Sozusagen: "Hieraus haben wir das." Das fand ich ja ziemlich nett und freundlich (lacht). Aber das hat dann wohl auch dazu geführt, dass es wieder so ’n paar Probleme gab.

Wurde die Szene dann rausgenommen?
Ich weiß es nicht. Ich hab das vielleicht zweimal gesehen.

Hat sie diese Behandlung gekränkt?
(lange Pause) Nee, ich glaube nicht gekränkt. Aber es führte ein bisschen dazu, dass ich dachte, dass meine Vorstellungen von einem politischen System, das Sozialismus heißt, weit offener sind als das, was da praktiziert wurde. Wenn Sozialismus sozusagen eine gesellschaftlich höhere Stufe dessen sein soll, was wir haben, dann muss auch mehr möglich sein und nicht weniger. Und das fand ich also niederträchtig. Nicht gekränkt, niederträchtig. So was macht man nicht. Also wenn man etwas nimmt von anderen, dann sagt man, woher das ist. Ganz einfach. So wie das überall auf der Welt üblich ist. Und wenn man die Dinge verschämt verschweigt, und da war die DDR ja irgendwie Meister drin ... also auch ohne verschämt zu sein, nur im Verschweigen, das konnte sie ja ziemlich gut.

Was mir auffällt: Vorhin im Auto haben Sie gesagt, dass Sie 15 Jahre in Berlin gelebt haben. Wenn man sich das nun ausrechnet, 76 haben Sie angefangen, dann standen Ihre 15 Jahre Berlin ja ganz im Zeichen von Ernst Busch ...
Nein!

Na ja, Sie haben zwei Filme über Busch unter eigenem Namen gemacht, ein Buch geschrieben, am sechsteiligen Film-Zyklus von Wolf mitgearbeitet und anschließend gemeinsam mit Hoffmann einen aufwändig gestalteten Bildband zu Busch herausgegeben. Man kann also nicht sagen, dass Sie die Nase voll gehabt hätten nach dem Wolf-Projekt ...
Doch, eigentlich schon. Jedesmal dachte ich mir, schon nach dem ersten Film: Schluss damit! Da kam dieser nette, freundliche Kulturchef des ZDF, Walter Schmieding, der, wenn wir ihm irgendwelche Sachen zeigten, die wir gedreht und geschnitten hatten, regelmäßig einschlief (Lachen). Und wir dachten immer: Oh, prima, prima, prima, das geht alles durch! Kamen überhaupt nicht auf die Idee, dass das einfach langweilig war, was wir da gemacht hatten. Jedenfalls, der kam und sagte: Machen wir. Dann diese Geschichte mit diesem Rowohlt-Bändchen, das ich auch nicht unbedingt wollte, was auch durch jemand anderen zustande kam, der gesagt hat: Mach das mal. Und diese DDR-Buch-Geschichte, das war ...

Erschienen ist es 1987 ...
Ja. Ich bin bestimmt mindestens ’n Jahr da jeden Tag hin und hergefahren.

Deswegen meine ich: Der Busch war in Ihrem Leben doch sehr präsent.
Das war sehr zeitaufwändig. Und ich kann auch nicht sagen, weshalb ich das gemacht habe. Es war jedenfall nicht so, dass diese Zeit durch Busch geprägt war. Das war sie ganz bestimmt nicht. Also dafür waren dann diese Zeitabschnitte auch zu hermetisch, nicht wahr. Danach und dazwischen hab ich ja nun weiß Gott andere Sachen gemacht - Gott sei Dank.

Hermetisch heißt, dass Sie immer für kurze Zeit „Busch total“ gemacht haben und dann wieder etwas anderes?
Na ja, „Busch total“ eben auch nicht.

Na, zum Beispiel dieses eine Jahr, in dem Sie jeden Tag hin- und hergefahren sind ...
Na ja, aber „Busch total“ ... Ist ja auch nicht so, dass mich das nun unentwegt von morgens bis abends beschäftigt hätte. Also, ich will jetzt hier dem jungen Kollegen (lacht) nicht die Leidenschaft oder die Begeisterung nehmen. Aber es gab eben eine Zeit, wo ich vermutet habe, meinen Gegenstand allmählich in- und auswendig zu kennen. Wie es auch eine Zeit gab, in der ich dachte, man müsse über den Gegenstand, über den man Filme macht, besser Bescheid wissen als der Gegenstand über sich selbst Bescheid weiß ...

Und das ist nicht so?
Das ist nicht so. Nein, das ist überhaupt nicht so. (...)


(Exkurs zur Arbeit des Filmemachers und zum Genre des Dokumentarfilms, Siebig erzählt von sich und dem Kollegen Johann Feindt und über die notwendige Neugierde beim Recherchieren, die man sich erhalten müsse durch echte Lücken in der den Film vorbereitenden Recherche, die dazu führten, dass aus echtem Interesse Fragen gestellt würden: „Man darf nicht alles recherchieren!“, sagt er, und: „Man muss die Neugierde sich erhalten!“ Man dürfe eben nicht mit dem Drehen des Films anfangen und schon alles wissen – so ähnlich nachzulesen in Siebigs Leitfaden für Filmstudenten „Film und Fernsehen“)


Sie haben erzählt, dass Sie an Konrad Wolfs Filmprojekt „Busch singt“ mitgearbeitet haben, wenn auch nicht genannt wurden ...
Auch nicht jeden Tag. Und auch nicht mal an einzelnen Filmen, sondern nur in diesen Besprechungen, in denen es um das Gesamtkonzept und solche Dinge ging. Ich weiß nicht mal mehr, wie oft ich dabei war.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis beschreiben zu diesen doch recht prominenten DDR-Kulturschaffenden zu dieser Zeit? Sie hatten bis dahin zwei Filme über Busch gedreht, ein Buch veröffentlicht. Sie waren ja kein Nobody, Sie waren nicht mehr der dahergelaufene Westler.
Doch. Das war ich und das blieb ich.

Es kam doch dann die Anfrage, diesen Bildband zu machen ...
Aber das war doch deutlich später. (...) Es war so, dass der Ludwig Hofmann mich irgendwann anrief und fragte, ob ich Lust hätte, das zu machen.

Kannten Sie den vorher?
Nee. Also nur als Autor zahlreicher wichtiger Bücher über Arbeitertheater und all diese Dinge. Ich kannte ihn aber persönlich überhaupt nicht. Dann haben wir uns in der Akademie getroffen. Und damals war für mich die Frage: Ja, ich will das ja gerne tun, aber wie soll ich mein Überleben sichern? Das eine findet in der DDR statt, ich leb’ aber in West-Berlin und brauche D-Mark. Die Frage wurde dann relativ schnell geklärt: Ja gut, dann zahlen wir D-Mark, das schien überhaupt kein Problem zu sein. Und Co-Autorin sollte eine DDR-Kollegin sein. (...) Es war so, wie teutonische Angestellte eben arbeiten: Morgens um neun geht man in irgendso’n merkwürdiges Büro ... (lacht) in der Akademie der Künste der DDR mit merkwürdigen Blümchentapeten und grauen Türen und diesem ewigen DDR-Lysol-Geruch, oder ich weiß nicht, irgendso’n antiseptisches Zeug (lacht), was die da überall versprüht oder verwischt haben.

Da haben Sie sich dann immer zu dritt getroffen?
Zu zweit. Die Kollegin und ich. Wir beide sollten das machen.

Ohne Hoffmann?
Ja, ja. Der war der Chef der Abteilung, und das war’s. Aber mit der Frau klappte das nicht so recht, das war relativ schnell klar. (...) Die Recherchen selbst waren durch. Ich glaub, ich bin nur noch in Mainz gewesen im Kabarett-Museum. Und bei Eva Busch in München.

War das ergiebig?
Ja. Das fand ich oberspannend. Das war eine total andere Frau, ich kannte ja bis dahin nur Irene Busch.

Die hatte nicht ganz so viel Glamour?
(lacht) Nee, das kann man nicht sagen. Das war so’n graues DDR-Mäuschen, passte in diese Atmosphäre der Akademie der Künste mit Blümchentapeten und grauen Türen und diesem komischen Geruch.

Eva war dagegen eine Diva?
Ja. (...) Sie hat mir auch gerne Auskunft gegeben. Das war klasse, da mochte ich auch gerne sein. Fragen Sie mich jetzt nicht nach Einzelheiten, die weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, dass ich superhappy war, als ich da weggefahren bin und dachte :'ne ganz andere Seite von Busch! Also ‚'ne klasse Seite, 'ne lustvolle Seite. Das war ja 'ne Frau, die das Leben mochte und die nicht hinter jedem Baum den Klassenfeind oder sonst was vermutet hat. (...)

(Ende von Seite 1, Kassette 1)

Wie ging es dann weiter mit dem Buch, nachdem es mit der Kollegin nicht geklappt hatte?
Allein war das nicht zu machen bei dem wahnsinnigen Wust von Material. Ich hatte ja nun unmittelbar und ständig Zugriff auf das Archiv . Das war ja vorher bei meiner Arbeit an den Filmen nicht so gewesen. Da bin ich ja immer zu Busch gelatscht und hab gefragt: Habt ihr nicht mal dieses oder habt ihr nicht mal jenes? Das heißt: Ich musste von anderer Stelle erst mal erfahren, dass es so etwas gibt, bevor ich danach fragen konnte.

Wo war dieses Archiv gewesen?
Na, in seinem Haus: Seine tausend Ordner, seine Wahnsinnskästen mit Fotografien oder Briefdokumenten oder weiß der Deubel was. Und das war natürlich nicht gerade super geordnet, sondern alles relativ durcheinander.

Wer hat Ihnen die Sachen bereitgestellt, Irene Busch?
Ja. Die hat dann so ’n Kasten auf den Tisch gestellt, und wir haben dann drin rumgewühlt, Busch zuallererst, und so chaotisch, wie diese Kästen zusammengestellt waren, so lag das dann alles da. Das heißt: Ich musste wirklich gezielt nach Dingen, wenn ich sie haben wollte, fragen. Das setzt aber voraus, dass man von der Existenz dieser Dinge weiß. Und das spielte nun in der Akademie keine Rolle mehr, weil mir die Dinge von morgens bis abends zugänglich waren. Und wenn sie nicht im Original da waren, dann waren sie als Fotokopien da. Und ich meine Foto-Kopien. Die waren richtig fotografiert, die Dinger. Da gab es einen Fotografen, der das alles, hundert oder tausend Briefe und weiß der Deubel was, fotografiert hat. Ich hab ja heute noch tonnenweise Negative davon, tonnenweise. (...) Unglaubliche Mengen – für mich war das einfach viel zu viel. Und ich hatte auch keine Lust, mich um jeden Winkel seines Lebens zu kümmern.

Gab es Leute, die Ihnen geholfen haben?
Ja, da war so 'ne ältere Frau, von der ich absolut und von Anfang an sicher war, dass sie in erster Linie 'ne Stasi-Frau war (lacht), die wahrscheinlich jeden Abend aufgeschrieben hat, was der Siebig wieder für blöde Fragen gestellt hat oder so. Die hat jedenfalls die Büroarbeit gemacht, der konnte ich Sachen diktieren oder konnte sagen – also wir haben uns natürlich geduzt: Schreib mir bitte mal das und das auf. Aber es war natürlich klar, dass da noch jemand her musste. Und zwar jemand, der vom Theater etwas versteht, wovon ich ja überhaupt nie etwas verstanden habe. Das, was ich davon wusste, habe ich, bezogen auf Busch jedenfalls, von Theaterleuten aus Berlin/Ost oder Berlin/West unmittelbar erfahren. Und da ich auch nie Theaterwissenschaft oder Theatergeschichte studiert hatte, waren das alles nur Winzigkeiten, die ich da wusste. Und Ludwig (Hoffmann, JV) war natürlich ein absoluter Experte auf diesem Gebiet. Deswegen war von vornherein klar, ohne dass wir uns groß absprechen mussten, dass er sich um die Theatersachen kümmert, die in der DDR stattgefunden haben. Aber bis dahin habe ich, glaube ich, den ganzen Krams geschrieben. Na ja... (...)

Wie wurde das Buch aufgenommen?
Da gab es eine richtig offizielle Buchpräsentation. Und das angeblich erste Exemplar wurde dem Honecker überreicht. Weiß aber nicht mehr, wo das war. Ich erinnere mich nur noch: Die erste Lesung, also eigentlich war es keine Lesung, fand bei der Nationalen Volksarmee statt.

Vor Leuten in Uniform?
Ja, natürlich. Das war etwas außerhalb von Berlin, da hatten die, ich weiß nicht, ob es das Hauptquartier war, so 'ne wichtige militärische Stelle, wo so 'n paar goldbeträsste Herrschaften rumsaßen. (...) Und da waren wir, der Hoffmann und ich. Das sollte 'ne Lesung sein, aber es war natürlich keine, weil nur Reden geschwungen wurden über Gott weiß was, alles Mögliche, was die Leute ja jeden Tag hörten und lasen oder eben nicht hörten und lasen oder was jeden Tag verlautbart wurde, also immer derselbe Krams, derselbe langweilige Krams – das ging Stunden, dieses Zeugs. Und dann gab's was zu Essen. So war das. Und zu Saufen. So, und dann klatschten alle in die Hände und sagten: Ham wir prima gemacht! Und die Leute haben die Bücher gekauft wie die Wahnsinnigen, echt. Ich weiß nicht, wie das Buch insgesamt ging, aber bei dieser Veranstaltung ist beinahe jeder mit so 'm Buch nach Hause gegangen. (...)

(Exkurs über den Alltag in der DDR, wie ihn Siebig erlebte)

Gab es Textpassagen in dem Buch, mit denen Sie angeeckt sind?
Ich erinnere noch gut, dass es eine Auseinandersetzung mit einem Lektor gab, dessen Namen ich völlig vergessen habe, der ein Kapitel beanstandete,was ich zum Spanienteil geschrieben hatte, wo es um Gustav Regler und diese Leute ging, mit denen Busch ja durchaus freundschaftlich zu tun hatte. Regler war sozusagen als Renegat Unperson in der DDR, das durfte nicht sein. Ich erinnere noch, dass mich eine DDR-Schriftstellerin anrief, die davon Wind bekommen hatte, dass man diese Sachen nicht im Buch haben wollte, irgendjemand hatte ihr das erzählt, und sagte: Kämpfen Sie dafür, dass das drinbleibt! Da hab ich gesagt: Das will ich gerne tun. Nur wenn die das nicht wollen, kann ich auch nichts machen. Ich habe mir dann vorgestellt: Was ist eigentlich, wenn sich die Situation mal verändert und ich treffe diesen Lektor auf der Straße wieder? Und ich frage ihn: Was hast du damals mit dem Kapitel gemacht? Ein paar Jahre später wäre es ja so weit gewesen, aber ich habe ihn nie wieder getroffen. (...)

Erstaunlich freimütig geschrieben finde ich die Passage (S. 287) zu Buschs Problemen mit der Partei um 1953. Die ist ja von Ihnen ...
Ja. Mich wundert das heute auch. (...) Ich glaube, dass diese Sache nur möglich war, weil es diesen letzten Satz gegeben hat, der besagt, dass ihm auf Honeckers Veranlassung nach dem VIII. Parteitag der SED ein neues Parteibuch ausgehändigt wurde.

Ist das belegt?
Völliger Blödsinn. Ja, doch. Formal stimmt es wohl. Busch hat mir das erzählt. Aber vielleicht stammt es, wie manches bei ihm, aus der Abteilung Ich-hätte-mir-gewünscht-dass-es-so-wäre.

Wie fanden Sie denn den Busch?
Wie ich ihn menschlich fand? Ich mochte ihn, ich mochte ihn. Ich bin ja auch nach dieser ersten Geschichte, die wir 76 begonnen haben, privat ziemlich oft da gewesen, also zu Geburtstagen und so immer eingeladen worden, und habe auch erlebt, dass die Creme der DDR-Kultur, jedenfalls der altenDDR-Kultur, da auftauchte, und natürlich auch Leute aus der Politik, die was zu sagen hatten, da auftauchten. Und ich hatte angesichts dieser wichtigen Leute, die bei solchen Anlässen da waren, nie das Gefühl, dass der Busch damit gespielt hätte oder sich anders verhalten hätte. Sondern er hat den Zeitungsverkäufer genauso freundlich und menschlich begrüßt wie die Parteisekretärin der Weiß-derTeufel-was oder die Verantwortliche im ZK für die Frage „Warum hat der Kommunismus die Welt immer noch nicht erobert?“ oder so was. Jedenfalls: Ich fand den Busch immer ziemlich menschlich, was solche Dinge anging. Ich habe ja damals auch die alten „Kuhle Wampe“-Darsteller zu ihm eingeladen.

Das ist eine schöne Stelle in Ihrem Film, finde ich.
Das ist eine der ganz wenigen schönen Stellen (lacht). Sonst ist es ja eher ein politisches Pamphlet.

Sie lassen die Darsteller einfach über die gute alte Zeit reden, das wirkt lebendig.
Auch da versuchte er nicht zu sagen: Ich bin hier der große Busch - und wer seid ihr eigentlich?

Vorhin haben Sie gesagt, bei ihm hätte es immer „ich, ich, ich“ geheißen.
Ja, ja, natürlich auch. Bei Schauspielern, glaube ich, gibt es beide Phasen. Sobald ich als Schauspieler das Gefühl habe „Mein Gegenüber weiß nicht so recht, wer ich eigentlich bin und wie wichtig ich bin“, muss ich ihm erst mal sagen, dass ich überhaupt das Wichtigste unter Gottes Sonne bin. Und wenn er das kapiert hat, kann ich auch mal über andere reden. Zu der Kategorie gehörte Busch ganz sicher auch. Aber wenn das erst mal klar war, dann war er nett. Ich fand ihn richtig nett. Ich habe nie verstanden, weshalb Leute gesagt haben, er sei ein kratzbürstiger Nörgler, ein Stachelkaktus oder Weiß-der-Teufel was für Merkwürdigkeiten man ihm nachsagte. (...)

War Busch ein Frauentyp?
Ich glaube, dass er als junger Mann durchaus bei der Weiblichkeit begehrt war. (...) Ich glaube wirklich, dass er von den Mädels gern gemocht wurde.

Er sah gut aus, dann die Stimme und die Präsenz ...
Ich meine: Er war Filmschauspieler. Er war ja wirklich bis 33 auf dem Weg, nicht nur in der proletarischen Situation, sondern auch darüber hinaus, zu einem richtigen Star zu werden.

Was war, Ihrer Meinung nach, seine größte Zeit als Künstler?
Ich glaube, die Zeit, in der er die ersten Brecht-Sachen gemacht hat, also von 1929 bis 1933: diese Wahnsinnsauftritte in den Kabaretts, diese Wahnsinnsauftritte vor Tausenden von Proleten. Dann hat er einen Film nach dem andern gemacht, hat richtig Kohle verdient. Die allermeisten, die so im proletarischen Bereich tätig waren, die hatten nichts – und er hatte immer Geld. Das war übrigens auch ein Kennzeichen zeit seines Lebens: Der hat immer Geld verdient. Und er war jemand, der, sobald er gesehen hat: einer hat nichts, dem ohne mit der Wimper zu zucken etwas gegeben hat.

Er war freigiebig.
Das ist, glaube ich, nicht das richtige Wort dafür. Wenn er gesehen hat, dass da jemand Not leidet, hat er ohne nachzufragen, „Wann krieg ich’s wieder?“ oder „Warum bist du überhaupt in diese Situation gekommen?“, ohne nachzufragen gegeben. Da ist jemand, dem muss geholfen werden – also helfe ich, so einer war das.

Wie ist er mit Ihnen umgegangen? Sie haben von Ihrem Kiel-Bonus erzählt, aber darüber hinaus?
In der Nachfolgezeit war das irgendwie selbstverständlich, wenn ich da auftauchte.

Wie hat er denn auf Ihren ersten Film reagiert?
Wir haben uns den mit ein paar Leuten in der West-Berliner Film- und Fernsehakademie angeguckt, wo ich ja Student war. Und da war er ziemlich happy, das gefiel ihm. Ich finde den auch für einen Erstlingsfilm nicht schlecht, weil er auch menschliche Momente hat – von Otto Presslers politischen Einschätzungen mal ein bisschen abgesehen. Obwohl, das geht ja auch noch ...

Wie sind Sie an den Gewerkschaftler Otto Pressler (der im Film als Zeitzeuge auftritt) rangekommen?
Den kannte ich hier aus Kiel.

Es gibt ein Foto, auf dem Otto Pressler zusammen mit Irene Busch bei einer Ausstellung in Kiel zu sehen ist ...
Ach ja, die hab ich ja auch noch gemacht. Das stimmt ja überhaupt (lacht).

Sie haben doch eine ganze Menge zu Busch gemacht ...
Das stimmt. Aber es kommt mir alles so weit weg vor. (blättert in seinem Busch-Bildband) Den hier fand ich auch klasse: Leopold Lindtberg. Ein Regisseur, den ich damals für den zweiten Film, ich glaube, in Dänemark getroffen habe. Er hat Ende der 20er Jahre mit Busch proletarisches Theater gemacht und war später lange Jahre Regisseur in Zürich. Klasse-Typ... Mir ist das alles weit, weit weg. Ich hab in den letzten 20 Jahren dermaßen viel andere Dinge gemacht, die mir zum Teil auch viel, viel näher sind, dass mir das hier alles so weit weg erscheint. Aber die Ausstellung habe ich auch gemacht, das stimmt. Auch da habe ich übrigens nicht gesagt: Ich möchte 'ne Ausstellung machen. Sondern der damalige Kieler Kultur-Amtsleiter oder so, Dieter Opper, der leider auch nicht mehr lebt, der, nachdem er Kiel verlassen hatte, nach Bremen gegangen war und dort auch sehr gute Kulturarbeit gemacht hat, der kam mit einem sehr bekannten Kieler Kunstsammler eines schönen Tages nach Berlin zu mir und fragte, ob ich nicht mithelfen würde, in Kiel eine Busch-Ausstellung zu machen. Die Idee war, Busch in seiner Heimatstadt wieder bekannt zu machen, damit der endlich den Kulturpreis kriegt. Das heißt: diese Ausstellung als Vehikel zu benutzen, um diesen Leuten, die in irgendwelchen Kommissionen über so was abstimmen, überhaupt mal zu zeigen, wen sie da als Sohn der Stadt haben. Das haben wir gemacht. Und da hat Irene Busch auch wirklich klasse Dinge zur Verfügung gestellt.

Wann war das?
In der Zeit nach dem zweiten Film. (...) Irene war da, Busch selbst war nicht da. Die Ausstellung war im Opernhaus. Das heißt, alle Opernbesucher haben über mehrere Wochen jeden Tag auf einen proletarischen Sänger stieren müssen, der ihnen wahrscheinlich, wenn er den Mund hätte aufmachen können, gesagt hätte: „Gebt mal eure Colliers an der Kasse ab!“. Ich glaube, das war schon 'ne kleine Provokation.

Aber den Kulturpreis hat er nicht bekommen.
Stimmt, den Preis hat er nicht bekommen. Weil es nicht angehen konnte, dass jemand, der es ganz offensichtlich mit den Kommunisten hat, den Kulturpreis der Stadt Kiel bekommt.

Es gibt auch bis heute keine Ernst Busch-Straße in Kiel, auch keinen Ernst Busch-Platz. Der Taxifahrer kannte ihn nicht, in der Touristen-Information kannten sie ihn auch nicht ...
Es gibt keine Straße, es gibt nichts. Ich finde das nicht so bedeutend, dass es keine Straße gibt. Aber man wundert sich halt, dass es so viele Straßen, Häuser und Plätze gibt, die nach Leuten benannt sind, die etwas zweifelhaft sind. (...)

Ist in Kiel etwas nach Gründgens benannt?
Nein, aber das ist ja auch nur eine Episode gewesen. Das muss ja auch nicht sein, dass überall, wo Gründgens aufgetaucht ist, irgendein Platz nach ihm benannt wird. (...) Die beiden haben sich aber wirklich geschätzt. Ich weiß, dass ich Busch mehrfach auf diese Geschichte angesprochen hab: Gründgens hatte ihm mal textlich ausgeholfen oder ihn getröstet oder so. Busch schenkte Gründgens darauf, das war 1921, ein Büchlein mit der Widmung „Für gute Worte – Ernst Busch“. Und dieses Büchlein hat Gründgens Busch nach 1945 zurückgeschenkt. Das fand ich ziemlich nett. Eigentlich stand ich dieser ganzen Rettungsaktion Gründgens-Busch ja immer skeptisch gegenüber und dachte: Das kann doch alles irgendwie nicht sein. Wenn man Klaus Mann („Mephisto“, JV) gelesen hat, kann man das kaum glauben. Aber es war ganz offensichtlich so. So eindimensional wie Klein-Fritzchen sich das manchmal vorstellt, sind diese Persönlichkeiten eben doch nicht. (...)

Und umgekehrt hat ja auch Busch dann nach 45 etwas für Gründgens getan und ein gutes Wort für ihn eingelegt.
Allerdings, ja. Das ist auch so 'ne Geschichte, wo ich immer dachte: Mein Gott noch mal! Es gibt Momente, da kehrst du, Busch, dein Links-Sein, dein Sozialist-Sein, dein Kommunist-Sein, obwohl ich das Wort Kommunismus bezogen auf Busch nicht so passend gefunden habe und nach wie vor glaube, dass das nicht so recht passt, aber dein Sozialist-Sein, das kehrst du immer bei verschiedensten Gelegenheiten so sehr raus, mitunter in manchen Punkten Stalinsche Härte geradezu – und ausgerechnet bei dem eben nicht. Da muss wohl viel, viel mehr mitgeschwungen haben an Menschlichkeit, als das so aus den reinen Fakten heraus ersichtlich ist. Viel, viel mehr. Ich glaube, dass das bei Busch eben auch so war, dass er ein sehr menschlicher Typ war, dem auch Sachen nahegegangen sind. Diese Rauheit , die ihm viele Leute unterstellt haben, dieses Abbügeln, was er sicherlich auch konnte, das war, glaube ich, nicht die wahre Seele. (...)

Spielte Gründgens’ Schwul-Sein für ihn eine Rolle?
Busch ist am Theater groß geworden und dass es da von Schwulen nur so wimmelte, ist völlig klar. Das war nichts Besonderes.

Ich frage, weil Busch in einem Lied, dem „Marsch ins Dritte Reich“, Röhm lächerlich macht, indem er sich an einer Stelle betont schwul gibt im Gesang ...
Okay, wenn er damit den verhassten politischen Gegner niedermachen konnte, war das für ihn interessant – aber sonst nicht.

Paradoxerweise verkörperte Busch von seinem Erscheinungsbild her ja durchaus das Nordische, Deutsche, Blonde. Er war als Typ nicht nur für die Kommunisten interessant, sondern auch für die Nationalsozialisten. Für wie realistisch halten Sie die Geschichte, die Eva Busch in ihren Memoiren erzählt, dass um 1932 ein SA-Mann vor der Wohnungstür stand und gesagt hat: „Mensch, Busch, komm doch zu uns, bei uns kannste auch singen!“
Ja, das halte ich für realistisch. (...) Ich weiß nicht, ob man sich das so vorstellen muss, dass da wirklich jemand hingeht (lacht) und an der Tür klingelt und sagt: „Komm zu uns!“. (...) Aber wenn man sich die Situation etwa auf der Straße vorstellt, dass ihn da jemand angesprochen hat: „Hallo Busch!“ oder so - das halte ich durchaus für möglich. Sie wissen ja, dass viele Proleten die SA-Uniform angezogen haben, das heißt: ihn möglicherweise oder ganz sicher auch von Veranstaltungen kannten, auf denen sie selbst mal rumgebölkt haben. Und dass die Nazis gerne das übernommen haben, was sie selbst nicht leisten konnten, wissen wir auch. (...)

Ich würde gerne etwas zu Ihrer Arbeitsweise als Autor fragen. In Ihrem ersten Buch schreiben Sie am Anfang: „Ich verfolge ausschließlich dokumentarische Absichten“. Das klingt so, als würden sie lediglich Dokumente sprechen lassen, ohne sie kommentieren zu wollen ...

Das stimmt, das war so. Ich erinnere, dass ich, als ich ein paar Seiten geschrieben hatte, plötzlich eine Höllenangst bekam.

Vor dem eigenen Schreiben?
Ja. Ich hatte 'n Wahnsinns-Schiss und dachte: Um Gottes willen! Du machst hier etwas, was du gar nicht kannst. Das hast du nie gelernt! Du weißt gar nicht, wie das geht. Die Dinge hier werden dann veröffentlicht und dann wird man sagen: „Um Gottes willen, was hat der denn da gemacht? Das kann doch alles nicht wahr sein!“ Und damals war Erika Runge an der Akademie, und die mochte ich ziemlich gern. Erika hatte ja auch dokumentarische Literatur veröffentlicht. Es gab ja zu dieser Zeit die schreibenden Arbeiter und alle möglichen Sachen, irgendwelche Verlage hatten da extra Reihen für gemacht. Und sie hat dokumentarische Theaterstücke geschrieben, dokumentarisch in Anführungszeichen. Es war wenig lustvolles Theater, würde ich heute sagen. Es war eben damals so. Und ich erinnere noch, dass ich zu Erika Runge gegangen bin und gesagt habe: „Erika, ich trau mir das alles gar nicht zu, ich find das furchtbar, ich quäle mich. Ich kann das auch gar nicht, woher soll ich das auch können?“ Und sie sagt: „Mach mal, schreib mal, scheißegal ...“ Ganz so hat sie’s nicht gesagt, sie war schon 'n bisschen freundlicher und hat mir Mut gemacht. Ja, dann hab ich’s gemacht und habe wohl deswegen diesen Satz da reingeschrieben, weil ich einfach Sorge hatte. Und ich kann mich nur wiederholen: Wenn ich heute vor der gleichen Situation stehen würde ...na, heute würde ich es natürlich anders machen, aber ... Ich hätte es besser gelassen.

Ich finde den Satz völlig in Ordnung. Ich frage mich nur, ob er nicht ein bisschen im Widerspruch steht zu dem, was Sie vorhin gesagt haben: dass es Ihnen in dieser Zeit darum ging, politisch was zu bewegen. Haben Sie nicht mehr verfolgt als nur dokumentarische Absichten? Der Tonfall im Buch ist sehr engagiert, über Busch wird ja nicht nüchtern und leidenschaftslos berichtet ...
(...) Also erstens empfand ich mich als Entdecker. Und zwar weil ich, Wiederholung, weil ich ja selbst nicht wusste, dass dieser Mensch überhaupt noch lebt. Nun entdecke ich ihn. Das war wirklich für mich eine Entdeckung – so als würde man ein fremdes Land betreten. So habe ich mich in dieser Situation empfunden, mit einer Sprache konfrontiert, die man eigentlich nicht beherrscht. Es kam mir auch alles irgendwie antik vor, das muss ich auch dazu sagen. Es kam mir so vor, als würden wir, Busch und ich, über eine Zeit reden, die längst vorbei ist. Obwohl wir ganz oft auch über die Gegenwart gesprochen haben, auch da kam es mir immer vor, als sei es eine Zeit, die längst vorbei ist.

Lag es an dem Vokabular, das er benutzt hat?
Weiß der Deubel! Es lag ganz bestimmt daran, dass er für mich ein Wesen war, was in die Mitte der 70er Jahre eigentlich nicht mehr reingehörte – also eher in die 70er Jahre des vorherigen Jahrhunderts ...

Wie hat er sich angezogen, wie sah er aus?
Ach, das war es nicht. So was hat für mich nie 'ne Rolle gespielt, wie jemand angezogen ist. Nein: wie er war. Aber ich glaube, es lag mehr an meinem eigenen Bewusstsein von Busch als an ihm selbst. Ich glaube, das lag mehr daran. Dass er für mich so eine Reliquie oder so was war, das klingt ziemlich böse. (...) Manches, von dem, was da gemacht wurde, hatte ja fast religiösen Charakter: unsere Vorstellungen von Revolution und diesem ganzen Krams, wozu eben diese Lieder so wie Kirchenlieder auch gehören. Mein Gott ...

(Ende Kassette 1)

War Ihre Arbeit auch ein Stück Denkmalpflege?
Ein Kollege hat damals einen Film gemacht über Brecht im Exil in den USA. In Kalifornien und in New York, glaube ich, war er und hat da auch gedreht. Und ich empfand es damals ein bisschen so, dass wir, also unsere Generation, irgendwie dafür sorgen müssten, dass diese ollen Leute, die ihre Orientierung nach 1945, also in einer Zeit, wo wir eben gerade geboren worden sind, alle in der DDR oder im Osten gesucht haben und vom Westen nicht allzu viel gehalten haben - bis auf das Geld, siehe Brecht - (kichert), dass wir diejenigen sein müssten, die über diese Leute unsere Gesellschaft ein bisschen unterrichten.

Haben Sie sich in einer bestimmten Verantwortung gesehen?
Diesen Gedanken gab es damals tatsächlich.

Es gab ja auch eine Rennaissance alter linker Formen des Theaters und des Songs in dieser Zeit ...
Ja, zum Beispiel diese Chöre. Unentwegt Eisler und Busch und was-weiß-ich. Einen Brecht-Chor gab es, in Essen gab es auch so was, in Bremen auch ...

Heiner Goebbels kam mit seinem Linksradikalen Blasorchester ...
Alles Mögliche tauchte plötzlich wieder auf. Und alle beschäftigten sich auch mit Proletkult und diesen Dingen.

Haben Sie sich als Teil einer Bewegung gefühlt?
Ich glaube: ja. Irgendwann kam dieser Gedanke: Das ist ja wohl so, dass wir uns mit diesen Dingen beschäftigen müssen, damit das auch hier präsent ist und nicht verloren geht. In der DDR, und das hat, glaube ich, alle immer gestört, wurden diese Leute dermaßen ikonisiert, so einzementiert, dass sie ganz unbeweglich waren. Sie waren keine Menschen mehr, sondern es waren irgendwie so Zementstatuen, die man irgendwo hinstellte und „Bravo, bravo!“ rief, aber weder hörten die, noch konnten sie Laut geben, weil sie versteinert waren, das ging nicht mehr. Diese Lebendigkeit fehlte, die bei uns, glaube ich, da war. Ich glaube, wir waren ziemlich lebendige Leute in der Zeit (lacht) ... allmählich sind wir alle alte Knacker ...

Haben Sie mit Busch mal darüber gesprochen, über das, was Sie gerade sagen, das mit dem Einzementiert-Sein?
Nein, das habe ich mich nicht getraut.

Vorhin sagten Sie, Sie haben auch manchmal mit ihm über die Gegenwart gesprochen. Hat er mal durchblicken lassen, dass nicht alles eitel Sonnenschein ist im Sozialismus?
Ja natürlich. Ja, klar. In dem kleinen Büchlein gibt es irgendwo den Hinweis auf so’n winzigkleines Interview, was er mal irgendso’ner Kieler Schülerzeitung gegeben hat. Und das ist so schlicht und so einfach, aber ich glaube: auch so wahr, was seine Haltung angeht. Das halte ich für eine zentrale Aussage. (...) Er reduziert sozusagen den Sozialismus auf ein, zwei mini-kleine Formeln und denkt: Das isses. Also Acht-Stundentag oder solche Dinge. (...) Mir ist das nicht fremd, weil ich ja sozusagen aus dem gleichen Milieu komme, und großartige Möglichkeiten materieller Art gab’s bei uns zu Hause eben nicht.

Was haben Ihre Eltern gemacht?
Mein Vadder war auf’m Bau. Und meine Mutter war Hausfrau, wie das so war (lacht). Und dass dann jemand sagt: „Komm mir nicht mit Selbstverwirklichung oder so’m Scheiß! Hier geht’s um knochenharte Sachen: Acht Stunden, fünf Tage oder so was, Mindestlohn, so ganz konkrete Dinge“ - da hab ich mir gedacht: Ja, wahrscheinlich stimmt das. Aber diese Dinge sind im Kapitalismus ja durchaus erreichbar und sind erreicht worden. Also, was faselt ihr hier von Sozialismus? Es muss ja dann doch etwas ganz anderes sein, es muss ja eine vollkommen andere Qualität sein. Die Antwort ist Busch, finde ich, schuldig geblieben.

Und sein Leben zeigt eigentlich, dass er selbst nicht der Typ war, der sich ideal in eine Gemeinschaft einfügte, er ließ es sich auch nicht schlecht gehen ...
Das fand ich übrigens an ihm positiv, das mochte ich sehr. Also auf den Fotos ... So wie ich ihn kennengelernt hab, hat er nun auf sein Äußeres nicht mehr allzu viel geachtet. Aber auf den Fotos, fand ich auch immer, hatte er für seine Zeit ordentliche Klamotten an. (...) Dass jemand sagt: „Ich bin Sozialist!“, und läuft nicht in Sack und Asche rum, fand ich schon mal ganz gut. Und dass jemand sagt: „Ich bin Sozialist!“, und muss nicht jeden Tag Frikadellen futtern oder so, fand ich auch gut. Sondern dass das Leben überhaupt ganz angenehm sein kann oder das man es sich so machen kann. Dass man nicht zu jedem Scheiß Ja und Amen sagt, das waren alles Dinge, die ich an ihm ziemlich klasse fand. Und was ich künstlerisch an ihm gut fand, ich bin ja auch zu Proben und Schallplatten aufnahmen ab und an mal mit gewesen, er hat ja damals Gott sei Dank noch was gemacht, sodass ich das noch erleben konnte, ich habe es ja leider nie erlebt, wie er so auf der Bühne war, außer was filmisch durch die kleinen übriggebliebenen Schnipsel noch zu sehen ist. Aber ich hab eben erlebt, wie er da diese Aufnahmen machte und habe gesehen, dass jemand, der gut sein will, in jedem Detail versucht, gut sein zu müssen. Und das ist etwas, was ich mir ein bisschen zu Herzen genommen habe. Was ich versuche, bei dem bisschen Zeugs, was ich so mache, auch zu machen. Und nicht zu sagen: „Ach komm, es versendet sich, das lassen wir mal so“. Solange man einen Fehler erkennt, den auch so zu benennen und zu sagen: „Wir machen ihn weg!“, bevor wir’s in die Welt schaffen.

Ein Perfektionist war er bestimmt.
Ich weiß nicht, ob man das Perfektionist nennen kann. Jedenfalls jemand, der seine Sache so gut machen wollte, wie er es eben konnte. Und das finde ich etwas, was man, wenn man so privilegiert arbeiten kann wie wir, sozusagen denjenigen, die das bezahlen, schuldig ist. Und das ist etwas, was ich gerne von dem angenommen hab. (...)

Hat Busch eigentlich in Ihrem Beisein Alkohol getrunken?
Während wir gedreht haben: nie. Kaffee haben wir immer getrunken.

Es gibt einige Leute, die sagen, dass er zeitweise ein Alkoholproblem gehabt hätte ...
Das hatte er auch mal, glaube ich.

Eva Busch wiederum schreibt in ihren Memoiren, er hätte Alkohol nie angerührt, hätte immer nur Milch getrunken, was sie immer unmöglich gefunden hätte ...
Ach Quatsch! Also, ganz am Anfang mag das so gewesen sein: Ich hab Leute kennengelernt, die mit ihm hier in der Arbeiterjugend umgegangen sind, und da war das ja verpönt. Alkohol und Nikotin waren verpönt. Kein Stück! Wer Alkohol gesoffen hat, der konnte zu irgendwelchen Trulala-Truppen gehen, aber nicht in die Arbeiterjugend. Der wurde ausgelacht (lacht). Und dann hat er, glaube ich, aber auch eine Phase gehabt, ich meine, dass das in den ersten DDR-Jahren gewesen sein muss, wo er so’n bisschen gesoffen hat, ich glaube, ja. Aber das kann ich nicht genau sagen. Ich habe ihn saufend jedenfalls nicht erlebt. An seinen Geburtstagen hat er an den Gläsern nur genippt.

Eva Kemlein sagt, dass er ein sehr treuer Mensch war: verflossenen Liebschaften oder alten Freunden gegenüber ...
Bestimmt. Er hat bestimmt nie jemanden verraten oder gesagt: Den kenn ich nicht, oder so.

Und er hat auch immer Kontakt gehalten zu seiner ersten Frau Eva Busch, als sie längst in Paris mit einer Frau zusammen lebte. War das eine Art von Harmoniebedürfnis?
Nein, ich glaube, das gehört in die Abteilung „Treue Seele“. Wen er einmal in sein Herz geschlossen hatte, der blieb da drin.

Galt das auch umgekehrt? Wenn einer bei ihm mal richtig unten durch war, dann blieb das so ...
Das vermute ich, das weiß ich nicht so genau.

Ich dachte jetzt an sein Verhältnis zu Honecker, das ja von Anfang an nicht besonders harmonisch war ...
Ich glaube, dass er den Honecker ziemlich lächerlich fand.

Das hätte er Ihnen gegenüber aber nicht gesagt, oder?
Nein!

Hat er sich überhaupt mal DDR-kritisch geäußert Ihnen gegenüber?
Ich erinnere einen Spaziergang, den wir beide mal in seiner Wohngegend gemacht haben, wo ich den Eindruck hatte, dass er sagen wollte: „Eigentlich finde ich das ziemlich lächerlich, dieses ganze Theater, was hier ständig veranstaltet wird“. Das, was die DDR sich da als äußeren Rahmen ständig geben musste oder glaubte, sich geben zu müssen: dieser ganze Blödsinn, den sie da veranstaltet haben, ich glaube, dass das etwas war, was er einfach lächerlich fand und dementsprechend auch die agierenden Figuren lächerlich fand, also dieses ganze komische Politbüro. Ich hatte nie das Gefühl, dass er die besonders ernst genommen hat.

Er ist ja dennoch bei offiziellen Veranstaltungen immer wieder aufgetreten. Warum hat er das gemacht? Hat er nur noch in solchen Runden seine Kunst zeigen können?
Das ist bestimmt ein Teil der Erklärung: dass er keine anderen Auftrittsmöglichkeiten mehr hatte ... Obwohl, ich kann mich erinnern, dass es diesen Auftritt gab, von dem er Wochen vorher ständig gesprochen hatte mit diesem „Lied vom Klassenfeind“.

Das muss einer der letzten öffentlichen Auftritte gewesen sein. Das war in der Akademie der Künste 1977.
Ich erinnere mich, dass er wahnsinnig nervös war. Unglaublich! Und da dachte ich noch: „Mein Gott, du bist doch 'n abgeklärter Heini, du hast doch wirklich vor größeren Leuten geschauspielert und so.“ (...) (wir nehmen den Bildband zur Hand und blättern zu der Stelle mit dem Bild von besagtem Auftritt und kommen auf Siebigs Fotos zu sprechen)

Die Fotos, die ihn privat in seinem Garten zeigen, sind sehr schön: Busch mit Lederjacke und seinem französischen Käppi. Ich finde ja schon, dass Kleidung eine Menge aussagt darüber, wie jemand gesehen werden will. Auch wenn Sie sagen, Kleidung hätte Sie nie besonders interessiert. Brecht hat ja auch diese Fotos machen lassen, wo er mit Lederjacke und Zigarre posiert. Es gibt so 'ne gewisse linke Ästhetik, so 'n linker Revoluzzer-Chic, der sich durchzieht und der Einfluss hatte auf verschiedene Subkulturen. Und Busch mit seiner Jacke und seinem Käppi passt da schon rein ...
Also mit dem Käppi hat er immer so rumgespielt: also bisschen weiter rein ins Gesicht und wieder zurückgeschoben und so. Das hat er irgendwie als Clowns-Kappe genutzt. Ob diese Lederjacke sozusagen Ausdruck eines irgendwie gearteten proletarischen Chics sein sollte (lacht), weiß ich nicht. Ich vermute eher, dass Irene für solche Dinge zuständig war.

In einem Brief habe ich gelesen, dass Eva Busch ab und an modische Dinge aus Paris rübergeschickt hat ...
Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Aber ich kann mir genauso gut vorstellen, dass er, wenn er solche Geschenke je zu Gesicht bekommen hat, wahrscheinlich gelächelt hat ... Ja, ein netter Mensch, das war er. Großer Künstler.

Können Sie die Lieder noch hören?
Nee. Ich hab, glaub ich, seit Jahren nichts mehr gehört. Also die Lieder find ich ... bis auf manches ... Es gibt da eine Platte mit Liedern, die erst ganz, ganz spät in der DDR erschienen ist ...

Haben Sie sich die CDs gekauft?
Nein. Das interessiert mich auch wirklich überhaupt nicht mehr. Ich hab übrigens auch vieles weggegeben. Als ich hier einzog, war hier alles voller Bücher und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hab dann hier einen befreundeten Antiquar angerufen und hab gesagt: „Du kannst mit dem größten Auto kommen, das du hast und kannst einpacken, was du willst“. Und das hat er natürlich auch gemacht (lacht). Und wenn ich nicht 'n paar Platten hätte, wo Busch mir 'n bisschen was reingeschrieben hat, dann wären die auch weg.

Und Ihre Arbeitsmaterialien? Haben Sie die auch ins Archiv nach Schleswig gegeben?
Von den Filmen hab ich 'ne ganze Menge nach Schleswig gegeben: also sogenannte Schnittreste, aber auch Dinge, die wir aus Verständlichkeitsgründen gar nicht nutzen konnten. Das mit Werner Finck hatte ich Ihnen ja mal erzählt: Der hatte gerade diese Kiefernoperation gehabt und gab so’n kauderwelschiges Zeug von sich (imitiert Finck).

Wäre es interessant gewesen, wenn man es verstanden hätte?
Ich glaube, das sind all die Dinge, die er in diversesten Büchern auch schon mal beschrieben hat.

Meinen Sie, es lohnt sich, die Materialien in Schleswig einzusehen?
Oh Gott, das weiß ich gar nicht. Ich hab zum Beispiel keine Vorstellung mehr, was Mehring noch erzählt hat, mit dem haben wir ja auch gesprochen ...

Das ist auch in Schleswig?
Ja, ja. Das habe ich alles dem Filmarchiv dort geschenkt. (...) Da es ja keine fertigen Sachen sind, sondern eben tonnenweise Filmreste in Kisten oder Filmbüchsen, bedeutet das, dass die mindestens zweistreifig sind, das heißt: Ton und Bild sind getrennt und sind auf so kleinen Röllchen drauf.

Das ist mühselig.
Das ist super-mühselig! Was mich heute noch daran interessieren würde, wäre: Was hat Mehring eigentlich alles erzählt? Ich weiß es wirklich nicht mehr. Was hat Leopold Lindtberg, den ich, wie gesagt, sehr schätze, was hat der eigentlich noch erzählt? Über das hinaus, was im Film drin ist - und das ist ja nicht allzu viel. Das sind all die Sachen, die zum zweiten Film gemacht worden sind. Mit wem haben wir denn da noch geschnackt?

Um das mal klar zu kriegen: In Schleswig findet man Reste des ersten und zweiten Films auf 16mm-Material?
Ja, wahrscheinlich auch vom ersten Film. Die haben einen Schneidetisch da. Das bedeutet in jedem Fall, dass da jemand an den Schneidetisch mit ran muss (...) und das kostet bestimmt, das werden die mit Sicherheit nicht umsonst machen. Und ich hab keinerlei Aufzeichnungen darüber. Ich weiß es wirklich nicht. Ich hab irgendwann, als ich eine Wohnung räumen musste und der ganze Keller voll war mit Filmdosen und ich dachte, ich kann das ganze Zeug nicht dauernd mit mir rumschleppen, gesagt: „Schleswig, wenn ihr wollt, könnt Ihr 's haben“. Dann ham die gesagt: „Okay, wir nehmen 's." (...) Ich hab auch noch so 'n Umzugskarton voll, mindestens einen, wenn nicht zwei, mit Fotos und irgendwelchen Unterlagen, die ich dem Stadtarchiv in Kiel überlassen wollte. Und die haben gesagt: Ach, lassense mal ... Deswegen hab ich das noch.

Darf ich da mal reingucken?
Puh, das steht im Keller. Das ist ein riesengroßer Papierkorb.

Sie wollten doch Platz schaffen, dachte ich ...
Also, nicht im Sinne von: Bedien dich mal ...

Nein, natürlich nicht. Aber wenn Sie bei Gelegenheit vielleicht den Keller sowieso umräumen, dann würde ich ja gerne mal reingucken ...
Es sind sicher keine Dinge, die überraschend neu wären, das sicher nicht. Keine Sensatiönchen: dass da irgendwo ein Brief gefunden wird, in dem Busch sagt: „Honecker, das Schwein muss man ...“, oder so was. (...) Wenn Sie so weit sind (mit der Veröffentlichung, JV) und sagen: „Ich möchte dieses oder jenes Foto haben“, bei dem ich die Rechte oder die Urheberschaft habe, dann sagen sie 's, und dann kriegen Sie 's.

Aber in diesem Karton sind jetzt keine Fotos, die noch nicht in Ihren Büchern vorkommen?
Doch. Ich hab mal so 'n Mittelformat fotografiert, mit 'ner Hasselblad: Busch in Farbe in so 'nem Tonstudio. Da müsste es 'ne ganze Menge geben, bestimmt 30, 40, 50 Stück.

Das klingt ziemlich interessant.
Wenn ich da was finde, dann kriegen Sie 's.

Das freut mich. Es ist ja nicht so, dass ich die absolute Vollständigkeit anstrebe. Ich glaube auch, wie Sie gesagt haben, dass es die gar nicht gibt ...
Interessant finde ich, was Sie mir heute Vormittag, als wir in die Stadt reinfuhren, sagten. Dass Sie die künstlerische und die propagandistische Seite dieser Sachen untersuchen wollen. Das finde ich wirklich ein spannendes Thema, weil das eben auch unabhängig von dieser Figur Busch grundsätzlich spannend ist: wie kreative Menschen mit dem einen und dem andern umgehen. Das finde ich schon 'ne wichtige Frage. (...) Bei Busch kommt hinzu, dass er ja auch selbst zur Feder gegriffen hat, manchmal hätte er es besser bleiben lassen, aber er hat 's ja nun mal getan. Ich glaube, eine seiner Leistungen besteht darin, von Interpretation mal ganz abgesehen und einem solchen Zusammenhang, mit dem, was man Propaganda nennen kann, dass er Texter und Musiker zusammengebracht hat. Dass es ihm gelungen ist zu sagen: „Du schreibst jetzt den Text und du machst dazu die Musik“. Eine Konstellation, die manche vorzügliche Sache hervorgebracht hat. Das ist eine seiner wichtigen Leistungen - unabhängig von dieser Frage der Propaganda.

„Antreiber“ nennen Sie ihn in Ihrem zweiten Buch.
Ja, ja, so hat er sich auch selbst gerne gesehen, vielleicht auch ein bisschen sehr Ich-bezogen. Ich glaube, der Eisler hätte es auch ohne Busch gemacht. Aber Busch war eben derjenige, der sagte: „Hier haste 50 Mark und jetzt mach das!“ Ich glaube, dass das keine Legende ist. Ich glaube, dass das wirklich so gewesen ist. Ich glaube wirklich, dass dieses arme Schwein Eisler so weit war, dass er sagte: „Okay, pro Note oder Takt 'ne Mark“ (Lachen). Das ist das, was bleibt. Und dieses Zeugs, was er da zum Teil dazugedichtet hat, das ist ein Nichts. Also, ich meine, mit welcher Unbefangenheit er auch Brecht-Texte umgemodelt hat, das war schon erstaunlich.

Dieses Anpassen an politische Situationen, das war ja auch eine Brechtsche Eigenart.
Ja, ja. Brecht hat ihm das offensichtlich nicht allzu übel genommen. Ich glaub, Busch hat mir sogar irgendwann so 'n Zettel gezeigt, auf dem Brecht geschrieben hatte: „Du darfst“. Auch Tucholsky fand das in Ordnung. Darauf war Busch immer ziemlich stolz. Wie ein Kind, das Spielzeug vorzeigt. Guck mal, ich hab noch 'nen Karton gefunden. Oder schau mal, der hat geschrieben: Ich darf das alles ... Er fühlte sich geehrt dadurch. (...)

Bereits in der Weimarer Republik hatte er verschiedene mehr oder wenige schmeichelhafte Beinamen. „Barrikaden-Tauber“ ist der bekannteste. War Busch auch ein Selbstvermarktungsgenie?
Stimmt, ja. Und er hat auch mit Sicherheit nie gesagt: „Ach komm, ihr habt kein Geld, dann trete ich halt umsonst auf“. Während viele andere, nur um überhaupt mal irgendwo im Rampenlicht stehen zu dürfen, gesagt haben: „Ich mach das umsonst“. Albert Venohr fällt mir da ein, der schon lange nicht mehr lebt und bestimmt ein vorzüglicher Schauspieler gewesen ist. Der lebte auch in diesem Künstlerviertel am Laubenheimer Platz, da hab ich den mal besucht, da war der schon uralt. Und der gehörte zu denjenigen, die gesagt haben: „Och, wenn ihr mich so fragt, dann komm ich auch gerne mal umsonst“. Das hat er mit Sicherheit gemacht. Busch nie, da bin ich ganz sicher. (...)

Lassen Sie uns noch kurz über die Zeit unmittelbar nach 1945 reden. Eva Kemlein sagt, es sei sonnenklar gewesen für Busch, in die SBZ/DDR zu gehen. War der Westen für ihn nicht interessant?
Das wichtigste war: Schauspieler zu sein. Der Gesang war da nicht so bedeutend. Das wichtigste war, Schauspieler zu sein. Das heißt, wenn es geht, die Zusammenarbeit mit den für ihn wichtigen Leuten fortzusetzen. Die war ja 33 abrupt abgeschnitten worden. Dass Brecht dann die Möglichkeit hatte, in der DDR seine Bühne aufzubauen und irgendwann der Eisler angerollt kam, das war dann alles wunderbar. Das war das Wichtige: Schauspielerei. (...)

In Ihrem Buch erwähnen Sie einen Italien-Aufenthalt Buschs von Kiel aus mit Walter Poller. Der sagt mir gar nichts. Sie schreiben, dass er Autor einer Publikation ist: „Arztschreiber in Buchenwald“ ...
Das ist so ein Büchlein über seine KZ-Haft. Da war noch jemand dabei, Karl Martens. Das ist übrigens eine interessante Figur. Lebt längst nicht mehr. Lotte Martens, die hab ich mal in Geestacht aufgesucht, die war damals auch schon um die 70. Dieser Martens war ein lebenslustiger, sehr intelligenter und wissensdurstiger Mensch. Der hat, glaub ich, mit Mao Tse Tung den langen Marsch mitgemacht. Der war dann in China so 'n bisschen Regierungsberater in manchen Phasen. Hat also wirklich 'ne Menge erlebt.

Was war der von Beruf?
Nichts. Das waren drei Jungs, die sagten: „So, jetzt gehen wir in die Welt!“. Ich glaube, Karl Martens ist als einziger in Italien geblieben und von da aus aufs Schiff und in die Welt.

Und Walter Poller?
Kieler Arbeiterjugend, da kamen sie alle drei her. Und Walter Poller? Puh, irgendjemanden hatte ich mal kennengelernt, der mir über den Lebensweg von dem was erzählt hat ... Aber das weiß ich jetzt nicht mehr.

Dann wollte ich noch gerne wissen, ob Sie sich noch an den holländischen Journalisten Rudie Kargie erinnern, aus dessen Interview mit Busch Sie in Ihrem Buch zitieren ...
Ich weiß nicht mehr, ob das der Journalist war, der mich in Berlin ein paar Mal besucht hat und mir ständig irgendwelchen uralten Amsterdamer Käse mitgebracht hat.

Wie nett.
Kann sein, das der das war. Kann ich nicht mehr genau sagen. Weil mir aus dieser Ecke, aus Belgien, glaube ich, auch ein Mann und eine Frau ewig lange geschrieben haben (Lotti Relecom?). Wir hatten uns mal bei Busch getroffen. (...)

Interessant finde ich, dass Busch auch, und das wurde in der DDR ja eher unter den Teppich gekehrt, in den frühen 30er Jahren Schlager gemacht hat und absolut unpolitische Unterhaltungsprogramme.
Ja. Wenn die Situation sich 33 nicht so dermaßen geändert hätte, dann hätte der so 'n Krams auch weiter gemacht.

Haben Sie ein Lieblingslied von Busch?
„Min Jehann“ mag ich ziemlich gerne.



Interview: Jochen Voit
(Autorisierung Karl Siebig am 8. 10. 2005)



- kompletter Vorspann




Letztes Update 27.05.2010 | CopyrightŠ Jochen Voit 2005 | Seite drucken | Seite einem Freund senden

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